Kapitel 147 - Es ist vorbei.

Alexandra starrte auf den leeren Fleck, an dem Mera eben noch gestanden hatte. Die Realität schien sich vor ihren Augen zu verzerren, als könnte ihr Verstand nicht fassen, was geschehen war. Eben noch war ihre Freundin hier gewesen – warm, lebendig, so echt wie die Erde unter ihren Füßen – und dann war sie einfach… verschwunden.
Nicht verletzt. Nicht getötet. Nicht besiegt.
Verschluckt.
Aus dieser Welt gerissen von einem Oni, dessen kalter Blick selbst jetzt noch durch ihre Gedanken brannte. Er hatte es einfach getan, ohne große Mühe, ohne Zögern. Alexandra konnte es nicht verstehen. Warum Mera? Warum auf diese Weise?
Die Fragen rasten durch ihren Kopf, doch eine andere Emotion überflutete sie viel schneller.
Wut.
Ein heißer, brennender Zorn, der all ihre Verwirrung, ihre Hilflosigkeit hinwegfegte. Heute sollte ihr Abschied von Mera sein – aber auf ihre Weise, nicht so. Nicht durch Gewalt. Nicht durch Entführung.
Alexandra spürte, wie sich ihre Muskeln anspannten, ihr Herz raste. Ihr Atem kam flach, ihre Hände zitterten nicht vor Angst, sondern vor dem unbändigen Drang, zurückzuholen, was ihr genommen worden war.
„Jevry! Betty! Karst!“ rief sie in Richtung des Lagers, ihre Stimme durchschnitt die Stille mit einer Schärfe, die selbst den Morgenwind in den Schatten stellte.
Keine Sekunde später eilten die drei herbei. Karst hatte bereits den Bogen in der Hand, den Köcher über die Schultern geschnallt, seine Augen wachsam und berechnend. Bettys sonst so verspielte, strahlende Miene war verschwunden – stattdessen hielt sie ihren Stab umklammert, als wäre er der einzige Anker in einem aufgewühlten Meer. Und Jevry, breitschultrig wie eine wandelnde Festung, hatte sein massives Turmschild um den Arm gebunden, bereit, jeden Angriff auf die Gruppe abzuwehren.
„Was ist los, Alexandra?“ fragte Karst, seine Stimme war ruhig, aber die Spannung in seiner Haltung war nicht zu übersehen.
Alexandra schluckte schwer. „Der Oni dort unten… er hat Mera… aufgesogen, oder so etwas.“ Die Worte kamen brüchig, unzusammenhängend, sie konnte noch immer nicht fassen, was sie gesehen hatte.
Bettys Lippen bebten, ihre Augen funkelten vor Wut. „Dann holen wir sie zurück!“ Ihre Stimme war ein scharfes Zischen, die Hände um ihren Stab so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.
Jevry nickte, die Ernsthaftigkeit in seinem Blick machte klar, dass er keinen Moment zögern würde. „Sie ist unsere Freundin. Wir lassen sie nicht zurück.“
Alexandra atmete tief durch. Die Wut hatte sich in Entschlossenheit verwandelt. Ein Plan formte sich in ihrem Kopf, die Taktik war klar. „Jevry, du bleibst bei Betty. Beschütze sie, egal was passiert. Betty, dein Ziel ist es, ihn zu blenden und mit deinen Lichtspeeren zu schwächen. Karst…“ Sie sah zu ihm, und er nickte. Keine weiteren Worte waren nötig. Er wusste, was zu tun war.
Dann richtete sie ihren Blick auf den Oni, der noch immer reglos am See stand, als würde er auf etwas warten.
„Ich werde mir die Kette holen“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme war ruhig, fester als zuvor. Die Kette – sie musste der Schlüssel sein. Sie hatte etwas mit Meras Verschwinden zu tun.
Niemand stellte ihren Plan in Frage. Die Blätterlosen wussten, dass Alexandra niemals unüberlegt handelte. Sie waren bereit.
Mit einem letzten Nicken gab sie das Zeichen.
Blitzschnell stürmten sie los. Alexandra war die Erste, ihre Schritte waren schnell und entschlossen, als sie auf den Oni zuschoss. Karst hielt sich etwas zurück, suchte eine erhöhte Position, um aus dem perfekten Winkel schießen zu können. Bettys Lippen bewegten sich lautlos, bereit, ihre von Kamera gegebene Magie zu entfesseln. Jevry war dicht hinter ihr, seine Muskeln gespannt wie eine lebende Schutzmauer.
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Alexandra stürmte auf den Oni zu, ihre Bewegungen waren flüssig, jeder Schritt voller unerschütterlicher Entschlossenheit. Ihr Herz raste, doch ihr Griff um das Schwert blieb fest, unnachgiebig wie der Stahl der Klinge selbst. Sie war schnell, aber nicht unüberlegt – jede Bewegung war präzise, berechnet.
Der Oni wandte sich ihr mit einer Mischung aus Überraschung und Belustigung zu. Seine leuchtenden weißen Augen weiteten sich für einen kurzen Moment, doch dann kräuselten sich seine Lippen zu einem spöttischen Grinsen.
„Gib uns Mera zurück!“ Alexandras Stimme gellte über die Lichtung, scharf wie die Klinge in ihrer Hand. Die Wut in ihr brannte heiß, ließ ihre Muskeln vibrieren, trieb sie vorwärts.
Der Oni machte einen mühelosen Sprung zurück, seine geschmeidigen Bewegungen verrieten eine Körperbeherrschung. Als er landete, blitzte in seiner Hand ein Krummsäbel auf, dessen Klinge im matten Morgenlicht silbern schimmerte.
„Mera?“ Seine Stimme war ruhig, fast amüsiert. „Wer soll das sein?“
Alexandra knirschte mit den Zähnen, wollte sich auf ihn stürzen, doch seine nächsten Worte ließen sie kurz innehalten.
„Ach… sie hat euch gar nicht ihren echten Namen verraten?“
Alexandras Gedanken rasten. War das eine Lüge? Oder wusste er etwas, das sie nicht wusste? Sie hatte immer geahnt, dass Mera nicht völlig ehrlich zu ihnen gewesen war, doch ihr Name… das war eine der wenigen Dinge gewesen, die sie für wahr gehalten hatte.
Dieser Moment des Zögerns reichte dem Oni, um seinen Vorteil zu nutzen. Doch bevor er sich bewegen konnte, surrte ein Pfeil durch die Luft und schoss mit tödlicher Präzision auf ihn zu.
Karst.
Der Oni wirbelte herum, und mit einer Geschwindigkeit, die beinahe unmöglich erschien, parierte er den Pfeil mit seiner Klinge. Der metallische Klang hallte über die Lichtung.
Fast zeitgleich tauchten leuchtende Speere aus dem Nichts auf – Bettys Magie. Die strahlenden Geschosse prasselten auf den Oni nieder, schnitten durch die Luft wie kleine Kometen. Er duckte sich, wich aus, bewegte sich mit der Anmut eines Tänzers zwischen den Angriffen hindurch.
Doch Alexandra ließ ihm keine Zeit für eine Atempause. Die Ablenkung war alles, was sie brauchte.
Mit einem gewaltigen Satz stürzte sie sich auf ihn, ihr Schwert schnellte vor. Er erkannte die Gefahr zu spät. Die Klinge durchschnitt seine Schulter, riss durch Fleisch und Sehnen, während Blut in dunklen Tropfen auf den Boden spritzte.
Der Oni knurrte auf, sein Gesicht verzog sich vor Schmerz, doch in seinen Augen loderte keine Panik – nur eine dunkle Entschlossenheit.
„Hört mal…“ Seine Stimme war rau, aber nicht zitternd. Er klang nicht wie jemand, der Angst hatte. „Ich will euch nicht töten müssen.“
Er verzog das Gesicht, ein Ausdruck zwischen Genervtheit und Bedauern.
„Geht einfach und vergesst sie.“
Bettys Augen weiteten sich. Ihre Finger umklammerten den Stab fester, ihr ganzer Körper bebte. „Sie vergessen?!“ Ihre Stimme überschlug sich fast vor Wut. „Gib sie uns gefälligst zurück!“
Ein weiterer Pfeil bohrte sich in den Boden, keine Handbreit vor den Füßen des Onis.
„Letzte Warnung.“ Karsts Stimme klang von der erhöhten Position über ihnen. Er hatte den nächsten Pfeil bereits auf der Sehne, sein Blick war ruhig, berechnend.
Alexandra sog tief die kalte Morgenluft ein. Sie fühlte, wie ihre Entschlossenheit in ihrem Körper pulsierte. Sie würden nicht verlieren. Nicht hier. Nicht heute.
Sie hatten keine Angst. Und sie würden nicht aufgeben.
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Alexandra und der Oni kämpften mit gnadenloser Präzision, ihre Klingen kreuzten sich immer wieder in einem Tanz aus Stahl und Entschlossenheit. Der Oni war flink, seine Bewegungen geschmeidig wie die eines Raubtiers, doch Alexandra war nicht minder geübt. Sie ließ sich nicht von seinem Tempo einschüchtern, ihre Hiebe waren berechnend, jeder Schlag zwang ihn ein Stück weiter zurück. Ihr Atem ging schnell, ihre Muskeln brannten, doch sie ließ nicht nach.
Der Oni wich einem horizontalen Schlag aus, sein Körper duckte sich in einer fast unmenschlichen Bewegung, bevor er blitzschnell zum Gegenschlag ansetzte. Die scharfe Klinge seiner Waffe schnitt durch Alexandras Arm. Doch bevor er nachsetzen konnte, flammte ein sanftes Licht auf. Alexandras Wunde, die sich gerade noch geöffnet hatte, schloss sich sofort wieder.
Betty.
Abseits des Kampfes stand die Priesterin mit konzentriertem Gesicht, ihre Hände leuchteten, während sie Alexandras Verletzungen unermüdlich heilte. Jede Wunde, die der Oni schlug, wurde in Sekunden wieder beseitigt.
Der Oni bemerkte es. Sein Blick verfinsterte sich, und Frustration zeichnete sich auf seinem Gesicht ab.
„Ihr seid hartnäckig“, knurrte er, sein Griff um die Waffe wurde fester. „Aber ich habe keine Lust mehr auf dieses Spiel.“
Ohne zu zögern griff er in seine Tasche und zog eine kleine grüne Kugel hervor.
Alexandra erkannte die Gefahr, doch bevor sie reagieren konnte, krachte die Kugel auf den Boden.
—PUFF—
Mit einem lauten Zischen breitete sich eine dichte Rauchwolke aus, beißender Nebel brannte in Alexandras Augen, und sie stolperte hustend zurück. Die Welt um sie herum war ein einziges Grau, Formen verschwammen, Geräusche hallten verzerrt durch den Dunst.
Alexandra riss ihre tränenden Augen auf und sah gerade noch, wie der Oni unter Jevrys Schild hindurchtauchte und seine Klinge tief in Bettys Bein rammte.
Bettys Aufschrei schnitt durch die Luft, eine Mischung aus Schmerz und Schock.
Jevry reagierte augenblicklich. Er rammte dem Oni seinen Schild entgegen, ein gewaltiger Hieb, der den Gegner mit brutaler Kraft zurückstieß. Der Oni taumelte, seine Haltung war nun angespannter, als würde er erkennen, dass er in dieser Konfrontation nicht so leicht gewinnen konnte.
Karst hatte mittlerweile seine hohe Position aufgegeben und war auf den Boden gesprungen. Sein Bogen war gespannt, sein Blick konzentriert, jede Bewegung vorsichtig.
„Das reicht!“ Alexandras Stimme war ein scharfes Messer durch die Stille. Ihr Schwert war auf den Oni gerichtet, ihr Blick war eisern. „Gib sie uns zurück!“
Der Oni betrachtete sie kurz. „Mera…“ Er ließ das Wort in der Luft hängen, als koste er es aus. „Wie ihr sie nennt, ist in Wahrheit die Kaiserliche Kopfgeldjägerin Leyla.“
Alexandra spürte, wie ihr Herz für einen Moment aussetzte. Sie suchte nach einer Lüge in seinen Augen, nach irgendeiner Regung, die seine Worte entkräftigen konnte. Doch es gab nichts.
„Vor ein paar Wochen hat sie ein ganzes Volk ausgelöscht und ihre Stadt vernichtet“, fuhr der Oni fort, seine Stimme war ruhig, aber messerscharf. „Sie ist es nicht wert, gerettet zu werden.“
Stille.
Die Worte hingen schwer zwischen ihnen, wie ein unsichtbares Gewicht, das sich auf Alexandras Brust legte. Ihr Blick zuckte zu Betty, zu Jevry, zu Karst – alle sahen genauso erschüttert aus wie sie.
Doch dann schob sie das Gefühl zur Seite.
„Es sind immer noch wir, die entscheiden, ob wir sie retten oder nicht“, sagte sie, und ihre Stimme war fest.
Jevry richtete sich auf, seine Finger umschlossen den Griff seines Schildes fester. „Wir haben nur deine Version gehört. Bevor wir ihre nicht kennen, werden wir sie nicht aufgeben.“
Betty presste eine Hand auf ihre blutende Wunde, ihre Lippen bebten, doch ihre Stimme war klar und entschlossen. „Mera ist keine böse Frau. Was immer passiert ist, sie hatte ihre Gründe… und ihre Freundlichkeit war immer echt.“
Der Oni seufzte leise, und in seinen glühenden Augen flackerte erneut dieses seltsame Bedauern.
„Ihr seid echt sonderbar.“ Er schüttelte leicht den Kopf. „Dann muss ich es euch eben sagen…“
„Ihr könnt Leyla nicht retten“, sagte er mit einer unerschütterlichen Ruhe. „Sie wurde bereits aus der Existenz entfernt.“
Alexandra fühlte, wie ihr Körper erstarrte. Die Worte des Onis hallten in ihr nach, setzten sich fest, ließen sie den Griff um ihr Schwert lockern.
Aus der Existenz… entfernt?
Was meinte er damit?
Der Oni sah sie mitfühlend an. „Es ist vorbei.“



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