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- Kapitel 22 - Roxanne
Roxannes Eltern waren einfache Bauern aus dem kühlen Norden des Herzogtums Inhantes. Ihr Leben war von harter Arbeit geprägt gewesen – Sommer bedeuteten endlose Tage auf den Feldern, Winter Hunger, Kälte und die ständige Angst, dass die Vorräte nicht reichen würden. Dennoch hatten sie nie aufgehört zu kämpfen, nie aufgehört zu hoffen, ihrer Tochter irgendwann ein besseres Leben bieten zu können. Dann kam jener Winter. Ein Winter, der härter war als alle zuvor. Eine rätselhafte Krankheit breitete sich in den kleinen Dörfern der Region aus. Erst war es nur Husten gewesen, dann Fieber, schließlich Blut in den Lungen. Die Menschen starben schnell. Zu schnell. Auch Roxannes Eltern blieben nicht verschont. In ihren letzten Tagen hatten sie all ihre verbleibende Kraft zusammengenommen, um ihre Tochter in ein Waisenhaus zu schicken – nicht, weil sie sie loswerden wollten, sondern weil sie hofften, dass sie dort wenigstens eine Zukunft haben könnte. Doch das Schicksal zeigte keine Gnade. Schon früh begriff Roxanne, dass die Welt niemandem etwas schenkte. Wer überleben wollte, musste kämpfen. Niemand würde kommen, um sie zu retten. Mit einem rostigen Schwert, das sie auf einem verlassenen Schlachtfeld gefunden hatte, begann sie zu trainieren. Anfangs war die Klinge viel zu schwer für sie gewesen – ihre Arme zitterten nach wenigen Minuten, ihre Hände füllten sich mit Blasen und aufgerissener Haut. Doch sie gab nicht auf. Tag für Tag übte sie allein. Sie beobachtete Soldaten auf den Straßen, ahmte ihre Bewegungen nach und trieb sich bis zur völligen Erschöpfung. Während andere Kinder schliefen oder spielten, stemmte sie Steine, lief durch den Schnee oder schlug stundenlang gegen alte Holzpfähle, bis ihre Arme taub wurden und ihre Hände bluteten. Mit der Zeit veränderte sich ihr Körper. Jede Narbe auf ihren Händen erzählte von den Jahren des Trainings. Jeder Muskel war ein stummer Beweis ihres unbeugsamen Willens, den grausamen Bedingungen des Herzogtums zu trotzen. Eines Tages kehrte Roxy – wie sie sich mittlerweile selbst nannte – aus den Bergen zurück, wo sie mehrere Tage trainiert hatte. Doch noch bevor sie das Dorf erreichte, bemerkte sie den Geruch. Verbranntes Holz. Rauch. Und Tod. Ihr Herz zog sich zusammen. Als sie die Überreste des Waisenhauses sah, blieb sie wie erstarrt stehen. Die Ruinen rauchten noch immer leicht. Asche trieb lautlos durch die kalte Luft und legte sich wie ein grauer Schleier über die verkohlten Balken des Gebäudes, das einst ihr Zuhause gewesen war. Überall lagen Leichen verstreut. Jungen, die sie wie Brüder betrachtet hatte. Kinder, mit denen sie gegessen, gestritten und gelacht hatte. Ihre Gesichter waren entstellt, verzerrt von Schmerz und Angst. Die Mädchen hingegen waren verschwunden. Roxy wusste es sofort. Sie hatte die Geschichten zu oft gehört. Von Mädchen, die verkauft wurden. Von Kindern, die in Minen verschwanden oder in den Häusern reicher Adliger endeten. Geschichten über Sklavenhändler, die durch die abgelegenen Regionen des Kaiserreichs zogen und sich an den Schwächsten vergriffen, weil niemand sie beschützte. Ein schneidender Schmerz durchfuhr ihre Brust – doch er hielt nicht lange an. Er wurde von etwas anderem verdrängt. Von Wut. Das Kaiserreich sprach ständig von Recht und Ordnung. Von Gesetzen gegen Sklaverei. Von Ehre und Gerechtigkeit. Doch Roxy hatte gelernt, wie wenig diese Worte wert waren. Während die Menschen in großen Städten wie Welldyl oder der Kaiserstadt feierten und sich an ihrem Wohlstand berauschten, starben anderswo Kinder namenlos in der Kälte. Oger und Lupiden wurden in Minen ausgebeutet, Waisen ihrem Schicksal überlassen. Waisenhäuser wurden überfallen, niedergebrannt und geplündert, und kaum jemand stellte Fragen. Die Jungen starben. Die Mädchen verschwanden. Ein grausames Geschäft, das jeder kannte und dennoch ignorierte. Roxy sank auf die Knie. Die kalte, aschebedeckte Erde färbte ihre Kleidung grau, doch sie bemerkte es kaum. Tränen brannten in ihren Augen, während ihr Blick über die zerstörten Überreste ihres Zuhauses wanderte. Dann spürte sie, wie sich etwas in ihr verschob. Keinen Schmerz. Keine Trauer. Etwas anderes – einen brennenden, glasklaren Wunsch, der sich wie Glut in ihrer Brust ausbreitete. Nie wieder würde sie zulassen, dass Menschen, die ihr wichtig waren, so litten. Nie wieder würde sie hilflos danebenstehen. Sie ballte die Fäuste so fest, dass ihre Nägel sich tief in die Handflächen gruben. Warmes Blut lief zwischen ihren Fingern hindurch, doch sie spürte es kaum. In diesem Moment starb die verängstigte Waise namens Roxanne. Und jemand anderes trat an ihre Stelle. Eine Kämpferin. Die Welt war grausam, voller Heuchelei und Leid. Aber sie würde nicht länger tatenlos zusehen. Sie würde diese Welt verändern – koste es, was es wolle. -------------------------------------------------------------------------- Kurz darauf, Roxy war gerade einmal sechzehn Jahre alt geworden, fasste sie einen Entschluss. Sie würde Inhantes verlassen. Nichts hielt sie noch dort. Das Waisenhaus war zerstört, die Menschen, die sie gekannt hatte, tot oder verschwunden. Jeder Weg, jede Straße und jede Nacht erinnerte sie nur daran, was sie verloren hatte. Also schloss sie sich einer Gruppe reisender Händler an, die zwischen den südlichen Regionen des Kaiserreichs und den eisigen Gebieten Randurins pendelten. Die Karawane bestand aus den unterschiedlichsten Menschen – alten Kaufleuten mit wettergegerbten Gesichtern, schweigsamen Wächtern, neugierigen Lehrlingen und geschickten Handwerkern, die unterwegs beschädigte Wagen reparierten oder Waren instand hielten. Sie handelten mit allem, womit sich Geld verdienen ließ: exotischen Gewürzen aus den Sommerinseln, feinen Stoffen aus Verltria, Werkzeugen aus den Schmieden der Mittellande und kleinen Artefakten aus Regionen, deren Namen Roxy zuvor nie gehört hatte. Zum ersten Mal in ihrem Leben begann die Welt größer zu wirken als die kalten Dörfer ihrer Heimat. Abends saß die Gruppe oft gemeinsam am Lagerfeuer. Das Knistern der Flammen mischte sich mit Gelächter, rauen Stimmen und dem Duft von Holz, während die Händler von ihren Reisen erzählten – von den goldenen Dünen der östlichen Wüste, von den gewaltigen Häfen des Südkaisermeers und von Bergen, deren Gipfel selbst im Sommer von Schnee bedeckt waren. Roxy lauschte jedes Mal aufmerksam, die Augen leuchtend, und stellte sich diese Orte vor: fremde Städte voller Menschen, gewaltige Wälder, Meere, die bis zum Horizont reichten. Zum ersten Mal spürte sie etwas, das sie lange nicht mehr empfunden hatte. Neugier. Doch das Leben auf den Straßen war alles andere als romantisch. Räuberbanden lauerten entlang alter Handelswege, korrupte Soldaten verlangten Bestechungsgelder, und manche Städte schlossen nachts einfach ihre Tore, ungeachtet dessen, wer draußen blieb. Roxy lernte schnell: Wachsamkeit bedeutete Überleben. Die Reise führte sie schließlich durch das Große Südmoor, einen trostlosen Landstrich voller Nebel und schwarzer Sümpfe. Die feuchte Luft lag schwer auf ihrer Haut, während der schlammige Boden bei jedem Schritt an ihren Stiefeln zog, als wolle er die Reisenden verschlingen. Knorrige Bäume ragten wie verdrehte Klauen aus dem Nebel empor, und zwischen den dunklen Wasserflächen glaubte man immer wieder Bewegungen zu erkennen, die vielleicht gar nicht existierten. Der Nebel verschluckte Geräusche – selbst Stimmen wirkten dumpf und weit entfernt, als kämen sie aus einer anderen Welt. Diese unnatürliche Stille legte sich wie ein Gewicht auf Roxys Brust, und mit jedem Schritt hatte sie das Gefühl, die Landschaft selbst beobachte sie. Doch sie hielt durch. Sie hatte Schlimmeres erlebt als Kälte, Hunger oder Angst. Monate später erreichte die Karawane schließlich die Kaiserstadt. Schon beim ersten Anblick verschlug es Roxy den Atem. Endlose Häuserreihen erstreckten sich bis zum Horizont, riesige Mauern umschlossen ganze Bezirke, und überall drängten sich Menschen durch die Straßen. Während die Händler voller Begeisterung Geschäfte abschlossen und über Preise diskutierten, beobachtete Roxy die Stadt mit anderen Augen. Der weiße Kaiserpalast ragte über allem empor. Egal, wo man stand – man konnte ihn sehen. Ein Symbol von Macht, Reichtum und Größe. Doch ebenso sichtbar war die Armut. Kinder bettelten in den Gassen um Essensreste, verwahrloste Menschen lagen in schmutzigen Seitengassen zwischen Abfall und Schlamm, manche kaum älter als sie selbst. Die Kaiserstadt war prachtvoll, gewaltig, beeindruckend – und gleichzeitig erschreckend geschickt darin, ihr hässliches Gesicht hinter Glanz und Prunk zu verbergen. Damals herrschte noch Kaiser Tavil Algavia IV. über das Reich, ein Mann, der für seine gewaltigen Feste und pompösen Inszenierungen bekannt war. Während der Adel in goldenen Sälen feierte und sich an Luxus berauschte, kämpften andere Menschen wenige Straßen weiter ums Überleben. Roxy sah all das – und mit jedem Tag wuchs ihre Überzeugung, dass mit dieser Welt etwas grundlegend falsch war. Nach einigen Wochen verließ die Karawane die Kaiserstadt und zog weiter nach Osten, hinein in das Herzogtum Vallyka. Die Landschaft veränderte sich langsam: Straßen wurden seltener, die Natur dichter und wilder, bis sie schließlich den Tiefenwald erreichten. Die gewaltigen Bäume dort wirkten uralt, ihre Kronen verdeckten beinahe vollständig den Himmel, und das Rauschen des Windes durch die Äste klang wie leises, bedeutungsvolles Flüstern. Viele Reisende mieden diesen Ort – man erzählte sich Geschichten über verschwundene Karawanen, Kreaturen zwischen den Bäumen und uralte Dinge, die tief im Wald schlummern sollten. Doch Roxy empfand keine Angst. Zwischen den dunklen Baumriesen fühlte sie sich gleichzeitig verloren und lebendiger als je zuvor. Im Verlauf ihrer Reisen veränderte sich ihr Blick auf die Welt. Sie erkannte ihre Schönheit, ihre Vielfalt und die unzähligen Kulturen, die überall existierten. Doch ebenso deutlich sah sie das Leid, die Ungerechtigkeit und die Grausamkeit, die sich durch sämtliche Regionen des Reiches zogen wie ein Riss durch altes Mauerwerk. Und langsam nahm in ihrem Inneren ein Traum Gestalt an. Ein Ziel. Sie wollte etwas erschaffen, das Bestand hatte. Ein Waisenhaus – einen Ort, an dem Kinder Schutz finden konnten, an dem niemand verkauft, vergessen oder misshandelt wurde. Sie wollte ihnen geben, was ihr selbst nie vergönnt gewesen war: Sicherheit. Bildung. Und das Gefühl, nicht allein zu sein. -------------------------------------------------------------------------- Schließlich erreichten sie Randurin, die Hauptstadt des gleichnamigen Herzogtums. Die Stadt erhob sich wie eine gewaltige Festung mitten in einer endlosen Schneewüste. Hohe Mauern aus dunklem Stein schützten sie vor den erbarmungslosen Winden des Nordens, und selbst aus der Ferne wirkte Randurin kalt und unnahbar. Schnee knirschte unter den Stiefeln der Bewohner, die hastig durch enge Straßen eilten, dick in Pelze und schwere Mäntel gehüllt. Über den Dächern heulte der Wind wie ein hungriges Tier, während feiner Schnee durch die Gassen trieb und sich auf Fensterbänken, Schildern und den Schultern der Menschen sammelte. Der Winter hier war anders – härter, grausamer. Er kroch nicht nur unter die Kleidung, sondern schien direkt bis in die Knochen vorzudringen. Hier trennten sich schließlich ihre Wege mit den Händlern. Roxy hatte ihren Entschluss längst gefasst. Sie wollte in ihre Heimat zurückkehren und dort das Waisenhaus errichten, von dem sie seit Jahren träumte. Die Reisen hatten ihr gezeigt, wie groß und vielfältig die Welt war – aber auch, dass Veränderung nicht von selbst geschah. Wenn sie etwas ändern wollte, musste sie selbst handeln. Doch das Schicksal stellte sich ihr erneut entgegen. Noch bevor sie Randurin verlassen konnte, erkrankte sie schwer. Fieber zwang sie monatelang ans Bett. Manche Nächte waren so schlimm, dass sie glaubte, den nächsten Morgen nicht mehr zu erleben. Ihr Körper wurde schwach, ihre Muskeln bauten sich ab, und selbst das Atmen fühlte sich zeitweise wie ein Kampf an. Erst langsam kehrten ihre Kräfte zurück – und selbst danach blieb sie nahezu ein weiteres Jahr in Randurin. Während dieser Zeit begriff sie, wie sehr sich die Stadt von ihrer Heimat unterschied. Die Kälte dort war nicht dieselbe wie die feuchte, bedrückende Kälte der Sümpfe Inhantes. Randurin besaß eine trockene, schneidende Härte, die selbst dicke Kleidung kaum aufhalten konnte. Die Menschen wirkten ebenfalls anders – verschlossener, zäher, als hätte der Norden sie gelehrt, Gefühle ebenso tief zu vergraben wie die Städte unter Schnee. Als Roxy schließlich im Alter von achtzehn Jahren aufbrach, war sie längst nicht mehr das Mädchen, das einst Inhantes verlassen hatte. Doch ihre Rückreise verlief alles andere als ruhig. Immer wieder wurde sie durch Überfälle von Banditen oder Angriffe von Monstern aufgehalten. Manche Straßen waren kaum noch sicher bereisbar, und mehr als einmal musste sie verletzte Reisende verteidigen oder Dörfern helfen, die von Kreaturen aus den Wäldern bedroht wurden. Sie hätte schneller vorankommen können, wenn sie manche Hilferufe ignoriert hätte. Doch das war nicht ihre Art. So vergingen die Jahre. Und erst während eines besonders harten Winters erreichte sie schließlich wieder das Dorf ihrer Kindheit. Mittlerweile war sie bereits Mitte zwanzig. Das Dorf wirkte kleiner, als sie es in Erinnerung gehabt hatte. Und trostloser. Unter dem grauen Himmel lagen die baufälligen Häuser wie vergessene Ruinen – viele Dächer beschädigt, Fenster notdürftig vernagelt, die Straßen leer und vom Wind durchpfiffen. Das Knarren alter Türen und Fensterläden vermischte sich mit den dumpfen Schritten ihrer Stiefel auf dem gefrorenen Boden. Die Gesichter der wenigen Dorfbewohner, denen sie begegnete, wirkten leer und erschöpft, gezeichnet von einem Leben voller Entbehrungen. Niemand sprach laut. Niemand lachte. Es war ein Ort, der jede Hoffnung längst verloren hatte. Während Roxy durch die verfallenen Gassen ging, blieb ihr Blick plötzlich an einer jungen Frau hängen. Die Frau stand am Straßenrand und bot sich schweigend vorbeiziehenden Männern an. Roxy erstarrte. Trotz der vergangenen Jahre erkannte sie das Gesicht. „Miri…?" Die junge Frau blickte auf. „Miri, bist du das wirklich?" Für einen Moment wirkte die andere wie gelähmt. Dann weiteten sich ihre Augen. „Roxy?" Ihre Stimme zitterte. „Du lebst wirklich…?" Ein schwaches, beinahe zerbrechliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Das ist… ein Wunder." Roxy trat näher. Jetzt sah sie erst, wie schlecht Miri aussah. Die Kleidung dünn und abgetragen, die Wangen eingefallen, unter den Augen dunkle Schatten. Doch am schlimmsten war die Müdigkeit in ihrem Blick – keine körperliche Erschöpfung, sondern etwas Tieferes. Etwas, das Menschen innerlich zerbrechen ließ. „Was ist mit dir passiert, Miri?" Die junge Frau schwieg zunächst. Dann begann sie leise zu erzählen. Davon, wie sie und die anderen Mädchen nach Anjen verkauft worden waren. Wie man sie „erzogen" hatte – zu gehorchen, zu lächeln, Schmerzen still zu ertragen. Sie erzählte von Männern, die sie behandelten wie Ware. Von Angst. Von Nächten, in denen niemand ihnen half. Und schließlich sprach sie von ihrer Schwester. Davon, wie ein Mann sie vor ihren Augen zu Tode geprügelt hatte. Danach schwieg Miri. Vieles ließ sie unausgesprochen. Sie musste es nicht erklären. Roxy verstand auch so genug. Mit jedem Wort brodelte der Zorn in ihr stärker auf – heiß, schwer und kaum noch zu bändigen. Sie spürte diesen unaufhaltsamen Drang, etwas zu tun. Irgendetwas. „Wer hat das zugelassen?" fragte sie. Ihre Stimme zitterte kaum merklich, ihre Hände hatten sich längst zu Fäusten geballt. Doch Miri antwortete nicht. Sie senkte lediglich den Blick – eine stumme Kapitulation vor einer Welt, die sie längst gebrochen hatte. In diesem Augenblick verwandelte sich Roxys Wut in etwas Gefährlicheres. In Hass. Auf die Männer, die Mädchen wie Miri ihrer Kindheit beraubten. Auf die Menschen, die davon wussten und schwiegen. Auf ein System, das solche Orte überhaupt entstehen ließ. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging zum Bordell. Das Gebäude lag am Rand des Dorfes. Dunkel. Schäbig. Verfallen. Schon beim Betreten schlug ihr der Gestank entgegen – Alkohol, Schweiß, Rauch und etwas anderes, das sich kaum in Worte fassen ließ. Verzweiflung vielleicht. Die stickige Luft schien an ihrer Haut zu kleben, während aus entfernten Räumen dumpfes Gelächter und Stimmen drangen. Roxy spürte nur noch Ekel. Mit schweren Schritten betrat sie das Zimmer des Zuhälters. Der alte Mann blickte überrascht auf, kaum dass sie die Tür geöffnet hatte – doch bevor er auch nur ein Wort sagen konnte, zog Roxy ihr Schwert. Die Bewegung war schnell. Präzise. Die Klinge bohrte sich tief in seine Brust. Der Mann riss die Augen auf, ein ersticktes Geräusch entwich seiner Kehle, und das Leben erlosch langsam in seinem Blick. Roxy blieb regungslos stehen. Blut breitete sich über den Boden aus und sammelte sich in einer dunklen Lache um ihre Stiefel. Erst als ihre Finger sich von der Waffe lösten, bemerkte sie, dass ihre Hände zitterten. -------------------------------------------------------------------------- Nur eine Stunde später wurde Roxy verhaftet. Die Nachricht über den Tod des Zuhälters hatte sich schnell im Dorf verbreitet, und noch bevor die Nacht vorüber war, standen bewaffnete Männer vor dem Bordell. Widerstand leistete sie keinen. Schon kurz darauf stand sie vor Gericht. Das Urteil fiel überraschend milde aus. Zwei Jahre Gefängnis – nicht aus Mitgefühl oder Verständnis für ihre Tat, sondern weil der Mann, den sie getötet hatte, nachweislich in Menschenhandel verwickelt gewesen war. Selbst die örtlichen Behörden hatten von seinen Geschäften gewusst. Viele hatten weggesehen, solange das Geld floss. Dennoch blieb Mord Mord. Roxy hatte Glück, dass die Strafe nicht härter ausfiel – unter anderen Umständen hätte sie hingerichtet werden können. So wurde sie in ein Gefängnis in Inhantes gebracht und verbrachte die nächsten Jahre hinter kalten Steinmauern. Die Haft veränderte sie. Die Zelle war eng, feucht und trostlos. Im Winter kroch die Kälte durch jede Ritze der Mauern, während im Sommer stickige Luft und der Geruch von Schweiß und Moder die Gänge erfüllten. Tage verschwammen zu einem endlosen Kreislauf aus Schweigen, gleichmäßigen Schritten und metallischem Türenschlagen. Doch das eigentliche Gefängnis lag nicht in den Mauern. Es lag in ihren Gedanken. Viele Nächte konnte Roxy nicht schlafen. Dann saß sie schweigend auf ihrer Pritsche und starrte auf die dunklen Steine der Wand, während die Erinnerungen immer wieder zurückkehrten. Miris Gesicht. Die Leichen im Waisenhaus. Das Blut des Zuhälters auf ihren Händen. Immer wieder stellte sie sich dieselbe Frage: ob ihre Tat wirklich etwas verändert hatte – oder ob sie lediglich einen weiteren Menschen getötet hatte, ohne die Welt dadurch besser zu machen. Mit der Zeit entstanden aus diesen Gedanken drei unumstößliche Gewissheiten. Die erste war einfach. Sie würde auch in Zukunft zum Schwert greifen, wenn es notwendig war. Selbst wenn die nächste Verurteilung ihre letzte sein könnte, würde sie niemals lernen, Leid einfach zu akzeptieren. Sie konnte nicht tatenlos zusehen, während Menschen zerbrachen. Nicht mehr. Die zweite Erkenntnis fiel ihr schwerer. Sie wollte ihre Menschlichkeit bewahren. Die Roxy, die einst durch das Kaiserreich gereist war, hatte Menschen geholfen – Verletzte beschützt, Hungernden Essen gegeben, Fremden geholfen, ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Diese Person wollte sie nicht verlieren. Gewalt war manchmal notwendig, das wusste sie. Doch ebenso wusste sie, dass man nicht jedes Problem mit Blut lösen konnte. Wer bei jeder Gelegenheit zur Klinge griff, wurde irgendwann selbst zu einem Teil jener Grausamkeit, die er verabscheute. Und die dritte Gewissheit war stärker als alles andere. Der Traum von einem Heim für Waisen hatte die Jahre überdauert. Mehr noch – er war gewachsen. Aus einem Wunsch war ein Ziel geworden. Ein Ort des Schutzes. Vielleicht sogar ein ganzes Dorf, in dem Kinder sicher leben konnten, fern von Menschenhändlern, Gewalt und Hunger. Ein Ort, an dem niemand Angst haben musste, verkauft oder vergessen zu werden. Als Roxy schließlich freigelassen wurde, war sie ruhiger geworden. Gefestigter. Doch ihr Wille brannte stärker als je zuvor. Mit neuer Entschlossenheit verließ sie das Gefängnis und machte sich auf den Weg in das Herzogtum der Mittellande. Dort wollte sie von vorne beginnen – und die Mittel finden, um ihren Traum endlich Wirklichkeit werden zu lassen. -------------------------------------------------------------------------- Es war ein glühend heißer Sommertag. Die Sonne brannte erbarmungslos vom Himmel herab und verwandelte die Straßen Migars in flimmernde Steinflächen, über denen die Luft förmlich vibrierte. Roxy hatte sich in den Schatten eines schmalen Hauseingangs zurückgezogen. Selbst dort hing die Wärme schwer zwischen den Mauern, doch wenigstens brannte ihr die Sonne nicht direkt ins Gesicht. Aus dem Nachbarhaus drang der Duft von Gewürzen und einem Eintopf herüber, vermischte sich mit dem Staub der engen Seitenstraße und dem Geruch aufgeheizter Steine. In der Ferne hörte man dumpfes Stimmengewirr und das entfernte Rollen von Wagenrädern, doch hier wirkte die Kleinstadt fast still. Es war einer jener seltenen Momente, in denen Roxy tatsächlich zur Ruhe kam. Eigentlich hatte sie direkt nach Malyl weiterreisen wollen. Doch unterwegs war ihr Geld knapp geworden, weshalb sie vorübergehend in Migar geblieben war, um sich etwas für die Weiterreise zu verdienen. Migar gefiel ihr nicht besonders. Doch Arbeit fand man hier schnell, solange man bereit war, schwere Aufgaben zu übernehmen. Roxy ließ den Blick gedankenverloren durch die Gasse schweifen. Dann bemerkte sie den Mann. Er hielt eine junge Frau mit blauen Haaren grob am Handgelenk gepackt und zerrte sie hinter sich her. Die Frau wirkte kaum älter als zwanzig, und selbst aus der Entfernung erkannte Roxy die Unsicherheit in ihrem Gesicht. Angst. Ihr Körper spannte sich an. Eine Entführung? Allein der Gedanke ließ ihr Blut kochen. Noch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, stieß sie sich von der Wand ab. „Halt sofort an!“ Ihre Stimme hallte durch die enge Straße – klar, selbstbewusst, geschärft durch Jahre voller Kämpfe. Der Mann erstarrte. Die blauhaarige Frau sah zu ihr auf. ,,Sie hat sich verlaufen’’, erklärte der Mann hastig. Er trat leicht zur Seite, als wolle er die Sicht auf die Frau verdecken. ,,Ich zeige ihr bloß den Weg.’’ Roxy verzog keine Miene. Ihr Blick glitt ruhig über ihn hinweg. Er war groß und kräftig gebaut, doch seine Haltung verriet ihr genug – diese Muskeln stammten nicht aus Training, sondern aus schwerer Arbeit und einem Leben, in dem ihm kaum jemand widersprochen hatte. Sie wandte sich der Frau zu. Irgendetwas an ihr wirkte seltsam fehl am Platz. Nicht nur wegen der ungewöhnlichen blauen Haare, sondern auch wegen der Wahl ihrer Kleidung und der Art, wie sie sich umsah. Verloren. Überfordert. „Stimmt das?" fragte Roxy ruhig. Die junge Frau schüttelte den Kopf. „N-Nein", stammelte sie. „Ich kenne ihn nicht." Ein schmales Lächeln erschien auf Roxys Gesicht. Nicht nur freundlich – auch gefährlich ruhig. Sie machte einen Schritt auf die Frau zu. ,,Komm, ich helfe dir.’’ Dann sah sie wieder zu dem Mann, ließ die Finger langsam über den Knauf ihres Schwertes gleiten. ,,Und du, verpiss dich!’’ Der Mann fluchte leise, hob beschwichtigend die Hände und wich mehrere Schritte zurück. Er schien zu erkennen, dass Roxy nicht zu den Menschen gehörte, die man leicht einschüchtern konnte. Kurz darauf verschwand er aus der Gasse. Die junge Frau stolperte zu ihr hinüber. Erst jetzt sah Roxy, wie angespannt sie wirkte – die Schultern leicht zitternd, als hätte sie den Atem die ganze Zeit angehalten. „Geht es dir gut?" fragte Roxy. Dabei musterte sie die auffälligen blauen Haare der Fremden mit ehrlicher Neugier. -------------------------------------------------------------------------- Roxy streckte sich langsam. Es war ein ungewöhnlich warmer Morgen in Malyl. Über den Dächern der Stadt hing bereits früh goldenes Sonnenlicht, das die weißen Fassaden vieler Gebäude leuchten ließ. Ihr Blick wanderte hinauf zur gewaltigen Kameristischen Kathedrale der Stadt – genauer gesagt zur Simours-Kathedrale. Der helle Stein des Bauwerks wirkte makellos. Türme ragten hoch in den Himmel, während kunstvolle Verzierungen und eingravierte Szenen aus Jahrhunderten Kameristischer Geschichte die Mauern schmückten. Roxy betrachtete die Kathedrale schweigend. Gläubig war sie nie wirklich gewesen. Viele der anderen Waisenkinder hatten Trost im Kamerismus gefunden, hatten gebetet und auf Erlösung gehofft. Roxy hingegen hatte sich damit immer schwergetan. Der Gedanke, dass irgendwann jemand kommen würde, um Leid einfach verschwinden zu lassen, hatte sich für sie nie natürlich angefühlt. Zu oft hatte sie erlebt, wie Menschen litten, während niemand half. Sie zog tief die frische Morgenluft ein und ließ den Blick über die Straßen Malyls gleiten. Die Stadt unterschied sich deutlich von der Kaiserstadt oder Randurin. Überall herrschte geschäftiges Treiben, doch anders als in der Kaiserstadt wirkte dieses Leben weniger künstlich – ehrlicher. Die Menschen lachten lauter, Händler diskutierten offen miteinander, und selbst die Straßen wirkten wärmer als die kalten Gassen Randurins. Malyl pulsierte vor Leben. Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte Roxy das Gefühl, an einem Ort angekommen zu sein, an dem vielleicht etwas Neues beginnen konnte. Unwillkürlich dachte sie an Migar – und damit an Leyla. Sie fragte sich, ob die junge Frau die Reise gut überstanden hatte. Gefährlich genug war sie gewesen, besonders für jemanden mit so wenig Erfahrung. Roxy hoffte ehrlich, dass sie sicher angekommen war. Während sie weiterging, ging sie ihre Pläne erneut im Kopf durch. Das Grundstück für das Heim würde sie ungefähr fünfzehn Goldmünzen kosten. Dafür lag es günstig – weit genug entfernt von gefährlichen Straßen, aber nahe genug an kleineren Handelswegen. Es gab sauberes, fließendes Wasser, fruchtbaren Boden und genug Platz, damit Kinder frei leben konnten. Allein bei dem Gedanken daran spürte sie einen Anflug von Hoffnung. Doch die Kosten hörten dort nicht auf. Der Bau des eigentlichen Gebäudes würde mindestens acht weitere Goldmünzen verschlingen – vielleicht deutlich mehr, je nachdem, wie groß das Heim werden sollte und wie vielen Kindern sie helfen wollte. ,,Am liebsten allen…’’ Allen helfen zu können war ein unmöglicher Traum. Und trotzdem konnte sie nicht aufhören, daran zu denken. Dazu kamen Ausgaben für Nahrung, Kleidung, Möbel und Personal. Genehmigungen des Herzogtums. Gespräche mit lokalen Fürsten und Beamten. Vielleicht sogar Bestechungsgelder, falls sich jemand querstellte. Mit jedem Schritt schien die Liste länger zu werden. Roxy seufzte. Während sie sich ihren Weg durch die belebten Straßen bahnte, blieb sie wachsam. Jahre voller Reisen hatten ihr diese Gewohnheit anerzogen – ihr Blick glitt ständig über die Umgebung, nahm Gesichter, Bewegungen und Geräusche automatisch wahr. Das Rufen der Händler. Das Klappern von Wagenrädern auf Stein. Gespräche zwischen Passanten. All das verschmolz zu einem lebendigen Klangteppich, der sie unweigerlich an ihre Jugend erinnerte. Doch sie durfte sich davon nicht ablenken lassen. Sie hatte ein Ziel. —BUMM— Ein Stoß gegen ihren Rücken. Nicht besonders stark, doch Roxy drehte sich augenblicklich um, die Hand instinktiv am Griff ihres Schwertes. Dann hielt sie inne. Vor ihr stand eine junge Frau mit auffällig blauen Haaren und einem entschuldigenden Gesichtsausdruck, die Wangen leicht gerötet vor Verlegenheit. Doch nicht die Haare erregten Roxys Aufmerksamkeit. Es war das Gesicht. Ein vertrautes Gesicht. Leyla. Ein breites Lächeln breitete sich auf Roxys Gesicht aus, die Erleichterung stärker, als sie erwartet hatte. In den vergangenen Wochen hatte sie mehr als einmal daran gedacht, ob Leyla die Reise überhaupt überstanden hatte. Nun stand sie direkt vor ihr – und sie wirkte stärker als zuvor. Selbstbewusster. Sie war muskulöser geworden und ihre Haltung war gefestigt. Das Garnische Kurzschwert an Leylas Gürtel fing das Sonnenlicht ein und schimmerte kurz auf, und Roxy verspürte einen seltsamen Stolz, als sie daran dachte, wie sie Leyla die Waffe damals übergeben hatte. „Tut mir leid, ich habe nicht aufgepasst", stammelte Leyla hastig. Dann erkannte auch sie, wer vor ihr stand. Ihre Augen weiteten sich – ehe sich langsam ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht ausbreitete. „Leyla?" Roxy lachte leise. „Bist du das wirklich?" Eine warme Freude breitete sich in ihrer Brust aus. „Es ist schön, dich hier zu treffen."
- Kapitel 21 - Malyl
Malyl. Die Stadt im Herzen der Mittellande. Die Stadt des alten und des neuen Reiches. Gegründet in den Jahren nach dem Großen Krieg, auf der Asche des untergegangenen Vampirreiches – dort, wo einst die Hauptstadt Silvas gestanden hatte, erhoben sich nun die ersten Gebäude der Menschen. Schon in der ersten Dekade nach der Gründung ließ das junge Reich gewaltige Mauern aus magisch verstärktem Stein errichten, hoch über die Ebene hinausragend, kalt und unbeugsam wie ein Versprechen ewiger Herrschaft. Das Alte Reich, das zum ersten Mal den gesamten Kontinent unter einem Banner vereint hatte, betrachtete Malyl nicht bloß als Stadt. Malyl war ein Symbol. Ein Neuanfang. Ein Beweis dafür, dass die Herrschaft der Menschen nicht nur errungen, sondern endgültig geworden war. Deshalb entstand dort die größte militärische Anlage des Reiches – die Großkaserne von Malyl, in deren Mauern jährlich Tausende Soldaten ausgebildet wurden und von der aus über Generationen hinweg Armeen in alle Teile des Kontinents marschierten. Kurz darauf folgte eine der drei großen Kathedralen der Kameristischen Kirche, deren Türme majestätisch in den Himmel ragten – und doch vom Schloss Malyl überschattet wurden. Hoch über der Stadt erhob sich die gewaltige Residenz der Herzöge der Mittellande, von der aus sie über die fruchtbaren Ebenen zwischen Larifen und Hamalien regierten. Und Malyl wuchs. Schneller, als irgendjemand erwartet hatte. Mit den Jahrhunderten verwandelten sich die einstigen Stadtmauern in bloße Grenzen einer Altstadt, die längst zu eng geworden war. Vor ihnen entstanden neue Bezirke, neue Märkte und weitläufige Wohnviertel, und Händler, Handwerker, Gelehrte und Abenteurer strömten aus allen Teilen des Reiches hierher, als würde die Stadt sie mit einer unsichtbaren Kraft anziehen. Mit ihnen veränderte sich auch die Seele der Stadt – das alte militärische Zentrum begann sich langsam, aber unaufhaltsam in das kulturelle und wirtschaftliche Herz der Mittellande zu verwandeln. Als schließlich die Familie de Coteau zur Herzogsfamilie aufstieg, begann erneut ein neues Kapitel. Ein prächtiger Herzogspalast wurde errichtet, umgeben von weitläufigen Parkanlagen, kunstvollen Gärten und gepflegten Alleen, die an klaren Tagen im Sonnenlicht golden schimmerten. Das alte Schloss verlor damit seine Rolle als Residenz – doch an Bedeutung verlor es niemals. Fortan beherbergte es die berühmte Malyler Magieakademie, die Große Bibliothek von Malyl und die Abenteurergilde des Herzogtums. Wissen, Macht, Abenteuer – alles sammelte sich hinter den alten, rankenüberwachsenen Mauern. Zur Krönung Kaiser Verion III. war Malyl die zweitgrößte Stadt des Kaiserreichs. Die Stadt des alten und des neuen Reiches. Die Stadt im Herzen der Mittellande. Malyl. -------------------------------------------------------------------------- Die gewaltigen Mauern Malyls ließen Leyla sich winzig fühlen. Fast bedeutungslos. „Das ist also Malyl…" murmelte sie leise, während die Kutsche langsam durch die Straßen der Vorstadt rollte. Noch immer hielt sie den Pilzspieß in der Hand, den Fer ihnen kurz zuvor gekauft hatte, und biss genüsslich davon ab. Der Geschmack war würzig, leicht rauchig und überraschend gut. Fer hatte darauf bestanden, dass ein Besuch in Malyl ohne einen „echten Malyler Spieß" unvollständig wäre. Laut ihm gehörte das einfach dazu. Leyla ließ den Blick fasziniert über die Straßen gleiten. Überall bewegten sich Menschenmengen zwischen den Häusern, Händler riefen ihre Waren aus, Kinder liefen lachend durch die Gassen, und aus offenen Fenstern drangen Stimmen, Musik und Essensgerüche. Am liebsten hätte sie den Wagen verlassen und alles erkundet – jede Straße, jeden Laden, jeden Winkel dieser Stadt. Doch die Sonne stand bereits tief, und sie hatten beschlossen, den ersten Abend in einer Taverne zu verbringen. Was Leyla noch viel faszinierender fand als die Stadt selbst, waren ihre Bewohner. In den kleinen Dörfern auf ihrer Reise hatte sie fast nur Menschen gesehen – der Lupid in Migar oder Vamir waren dort eher Ausnahmen gewesen. Malyl hingegen wirkte vollkommen anders. Zwischen den Menschen liefen Elfen, Lupiden und zahlreiche andere Völker umher, die Leyla nicht einmal benennen konnte. Ihr Blick blieb plötzlich an einer winzigen Gestalt hängen – ein kleiner Mann mit schimmernden Flügeln, der aufgeregt um den Kopf einer Frau herumschwirrte und wild mit den Armen gestikulierte. ,,Eine Fee…?’’ Noch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, hielt die Kutsche abrupt an. Fer brummte eine Erklärung: Pferde waren innerhalb der Altstadt nicht erlaubt. Leyla sah zu Blazer und Charmeur hinüber. Die beiden weißen Pferde schnaubten ruhig, vollkommen ahnungslos. Sanft strich sie ihnen über die Köpfe. „Wir sehen uns wieder. Keine Sorge." Blazer stupste kurz gegen ihre Schulter. Fer nahm die Zügel. „Ich bringe die beiden in den Stall. Das kann etwas dauern." Er blickte zwischen Liam und Leyla hin und her. „Geht schon mal vor. Wie hieß die Taverne nochmal?" „Drachentreff", antwortete Liam knapp. Irgendetwas an seiner Stimme wirkte seltsam angespannt – Leyla hatte bereits den ganzen Tag bemerkt, dass er ungewöhnlich still war. Gemeinsam machten sie sich zu Fuß auf den Weg, Liam voraus, Leyla schweigend hinterher. Je näher sie der Altstadt kamen, desto überwältigender wirkte Malyl. Schließlich erreichten sie die gewaltige innere Stadtmauer, und Leyla blieb unwillkürlich stehen. Die uralten Mauern ragten hoch über ihnen auf, überwachsen von dichtem Moos und langen grünen Ranken. Der Stein wirkte alt – älter als alles erbaute, was sie bisher gesehen hatte, wie ein Relikt aus einer Zeit, die kein Anwohner mehr aus eigener Erinnerung kannte. Die gepflasterten Straßen unter ihren Füßen schienen Geschichten von unzähligen Reisenden zu tragen, die lange vor ihnen durch diese Tore gegangen waren. Überall herrschte Leben. Marktschreier priesen ihre Waren an, Pferdehufe klapperten über das Pflaster, und aus kleinen Bäckereien zog der Duft von frischem Brot durch die Gassen. Ein warmer Wind strich durch die Altstadt und bewegte die Ranken an den Mauern leicht im Abendlicht. Leyla hob den Blick zum gewaltigen Torbogen. Der Stein war beinahe vollständig von Pflanzen überwachsen, die Ranken formten natürliche Muster, als hätte jemand sie absichtlich dort wachsen lassen. Sie griff nach ihrem Notizbuch. Das musste sie zeichnen. „Na?" Liams Stimme riss sie aus den Gedanken. „Träumst du schon wieder von alten Steinen?" Leyla warf ihm einen genervten Blick zu. Liam grinste leicht. „Sobald du fertig damit bist, mitten auf der Straße zu stehen, könnten wir unsere Taverne suchen." Leyla ignorierte den Kommentar demonstrativ und sah stattdessen die breite Straße entlang. Die Altstadt wirkte vollkommen anders als die äußeren Bezirke – geordneter, erhabener, die Straßen in klaren Mustern angelegt, als wäre jeder einzelne Stein bewusst geplant worden. Ihr Blick fiel auf eine gewaltige Kirche, deren Architektur sie sofort an die kleinen Kirchen in den Dörfern erinnerte. „Kamerismus…?" Doch noch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, fiel ihr Blick auf etwas anderes. Ein Schloss. Es lag erhöht auf einem kleinen Hügel und überragte die umliegenden Gebäude deutlich. Drei Banner wehten über dem Eingang – selbst aus der Entfernung konnte Leyla ihre Symbole erkennen. Eine grüne Kristallkugel auf blauem Grund. Ein weißes Buch auf rotem Grund. Und ein schwarzer Rabe auf silbernem Grund. Leylas Herz begann schneller zu schlagen. Fast unbewusst ballten sich ihre Hände zu Fäusten. „Dort…" Ihr Blick blieb wie festgefroren auf dem Schloss liegen. ,,Dort muss ich hin…’’ -------------------------------------------------------------------------- Die schwere Tür zum „Drachentreff" schwang quietschend auf, und Leyla trat gemeinsam mit Liam in die Taverne. Sofort schlug ihr der warme Duft von gebratenem Fleisch, Bier und Rauch entgegen, die Luft erfüllt vom Klirren der Krüge, dem Stimmengewirr zahlreicher Gäste und dem behaglichen Lärm eines langen Abends. Leylas Blick huschte neugierig durch den Raum – bis er an einer Gestalt hängen blieb. Ein Drache? Nein, zumindest nicht ganz. Vor ihr saß eine hochgewachsene Kreatur mit geschupptem Körper und drachenartigem Kopf, ein Schwert auf dem Rücken geschnallt, in der Hand einen Bierkrug. Die schwarzen Schuppen glänzten im flackernden Kerzenschein, die leuchtend blauen Augen beobachteten aufmerksam den Raum, und spitze Zähne funkelten wie poliertes Elfenbein. Über der Schulter war eine rote Robe leicht geöffnet und gab den Blick auf kräftige Muskeln darunter frei. Leyla stupste Liam vorsichtig an. „Ist das… ein Drache?" flüsterte sie. Liam folgte ihrem Blick und zog ein spöttisches Lächeln. „Ein Drache? Nein, das ist ein Vishap. Man sagt, sie seien die humanoiden Nachfahren der Drachen – einige von ihnen können sich sogar in kleine Drachen verwandeln und Feuer speien." Neugierig trat Leyla einen Schritt vor. „Ähm… darf ich mich setzen?" Der Vishap hob eine Schuppe über den Augen, die wie eine Augenbraue wirkte. „Natürlich. Tu dir keinen Zwang an." Leyla ließ sich ihm gegenüber nieder, ein leises Kribbeln in der Brust. „Tut mir leid, wenn die Frage respektlos klingt, aber bist du wirklich ein Vishap? Ich habe so etwas noch nie gesehen." Der Vishap blinzelte langsam. ,,So etwas wie mich?’’ Dann erfüllte ein tiefes, dröhnendes Lachen den Raum. —HAHAHAHA— Es war herzlich und kräftig und ließ einige Gäste innehalten, überrascht von dem unerwarteten Klang. „In der Tat", sagte er schließlich. „Ich bin ein Vishap. Mein Name ist Theol. Und wie ist deiner?" Leyla lächelte schüchtern. „Ich bin Leyla. Und… was genau sind Vishaps?" Theol lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Wir stammen von Drachen ab. Vor langer Zeit erschufen zwei Drachen nach ihrem Vorbild ein sterbliches Volk, dem sie den Namen Vishap gaben." Leyla legte neugierig den Kopf schief. „Und ihr könnt euch wirklich in kleine Drachen verwandeln?" „Nur wenige von uns beherrschen die sogenannte Drachenform." Er schob ihr einen Kelch mit tiefrotem Wein über den Tisch, das Licht des Raumes spiegelte sich darin und ließ die Flüssigkeit wie flüssiges Rubin glänzen. „Ich selbst… leider nicht." Leyla nahm vorsichtig einen Schluck, die Augen weiter auf Theol gerichtet. „Erzähl mir mehr über dein Volk." -------------------------------------------------------------------------- „Die ersten Vishap entstanden in Juspa, einem der fünf Reiche des Kontinents Verltria." Leyla hörte ihm gebannt zu, den schweren Kelch locker in der Hand, und nahm hin und wieder einen Schluck. Der Wein war warm und würzig – und längst stärker, als sie beim ersten Nippen geahnt hatte. Theol erzählte von den ersten Vishap, die den „Kaiserkontinent" betreten hatten. Von kleinen Siedlungen an den Küsten, aus denen im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Dörfer erwachsen waren. Von Mator, dem Vishap mit der Kraft eines Drachen, der König Zcepes von Silva einst als Berater gedient hatte. Von Tarush, der gewaltigen Hafenstadt an der Südostküste des Kontinents, deren Name selbst Jahrhunderte später noch Ehrfurcht in den Herzen der Dracharen weckte. „Tarush war ein Juwel unserer Kultur. Eine Stadt voller Leben, in der Händler, Künstler und Handwerker aus allen Teilen der Welt zusammenkamen." Seine Stimme wurde leiser, fast andächtig. „Dort entstanden einige der schönsten Werke, die unser Volk je hervorgebracht hat." Sein Blick verdunkelte sich, als würde ihn die bloße Erinnerung mit Gewicht belasten. „Leyla, wie viel weißt du über die Vergangenheit zwischen Dracharen und Vishap?" Leyla zuckte mit den Schultern. „Gar nichts." Ihre Stimme klang bereits leicht lallend. Theol schwieg einen Moment, die Finger um seinen Becher geschlossen, bevor er weitersprach. „In derselben Region lag auch die Heimat der Dracharen. Anfangs lebten unsere Völker friedlich nebeneinander – es gab Handel, Bündnisse, sogar gemeinsame Städte. Doch alles änderte sich mit der Krönung eines bestimmten Dracharenkönigs." Seine Finger strichen langsam über den Rand seines Bechers. „Er behauptete, die Dracharen seien den anderen Völkern überlegen, weil in ihren Adern das Blut der Drachen fließe. Viele glaubten ihm. Und als einige Vishap offen widersprachen – erklärten, dass nicht die Dracharen, sondern wir das wahre Erbe der Drachen trugen, kam es zu…" Seine Worte brachen ab. Leyla bemerkte den Funken Zorn in seinen Augen. Nicht die heiße, flüchtige Wut eines einzelnen Augenblicks, sondern etwas Altes. Etwas, das über Generationen weitergetragen worden war, still und schwer wie Asche. „Die Dracharen begannen gemeinsam mit den Menschen, unser Volk zu jagen." Seine Stimme klang rau, als würde jedes Wort an ihm reiben. „Dörfer verschwanden. Familien wurden ausgelöscht. Man verbrannte unsere Tempel, unsere Schriften, unsere Geschichte." Seine Klaue schloss sich langsam zur Faust. „Am Ende waren wir beinahe vernichtet." Leyla schluckte. Die Geschichte erinnerte sie unweigerlich an das Schicksal der Vampire, von dem Fer ihr erzählt hatte. „Und selbst nach dem Großen Krieg änderte sich kaum etwas", fuhr Theol fort, die Bitterkeit in seiner Stimme unverhohlener als zuvor. „Heute existieren im Kaiserreich nur noch wenige von uns." Seine Faust blieb angespannt, der Blick auf die Tischplatte gerichtet, als läge die Vergangenheit direkt darunter begraben. In diesem Moment ließ sich Liam neben ihnen auf die Bank fallen. „Na, worüber redet ihr beide hier so ernst?" Theol hob den Blick und schüttelte kaum merklich den Kopf. „Über nichts Wichtiges." Dann musterte er die beiden kurz. „Was führt euch überhaupt nach Malyl?" Leyla begann von ihrer Reise zu erzählen – von den Straßen, von den Dörfern, die sie durchquert hatten, und von den Schwierigkeiten unterwegs. Immer wieder fiel Liam ihr ins Wort, korrigierte ein Detail hier, ergänzte eine vergessene Einzelheit dort. Leyla ließ es geschehen. Während die Stimmen um sie herum anschwollen und sich das warme Licht der Taverne verschwommen im Wein ihres Kelchs spiegelte, verlor sie mehr und mehr das Gefühl für den Abend. -------------------------------------------------------------------------- Leyla erwachte am nächsten Morgen mit einem dumpfen Dröhnen hinter den Schläfen. Der Wein vom Vorabend hing ihr noch nach, schwer und unangenehm, und ihr Körper schien jede einzelne Entscheidung dieser Nacht zu verurteilen. Stöhnend richtete sie sich auf und rieb sich die Schläfen. Dann hielt sie inne. Erinnerungen tauchten auf. Fragmente eines anderen Abends – verschwommene Bilder, hektische Stimmen, grelles Licht. Ein Abend, an dem sie um ein Haar im Krankenhaus gelandet wäre. Der Abend, nach dem sie aufgehört hatte zu trinken. „War da nicht noch jemand bei mir…?" murmelte sie leise. Doch je stärker sie versuchte, den Gedanken festzuhalten, desto schneller glitt er ihr aus den Fingern – wie Nebel, den man nicht greifen konnte. Die Erinnerungen an ihre alte Welt wurden schwächer. Lückenhafter. Fremder. Leyla spürte, wie sich ihre Brust zusammenzog. Die Bilder Hamburgs verschwammen vor ihrem inneren Auge, Gesichter verloren ihre Konturen, und selbst die Stimme ihres Vaters wurde undeutlich, als würde sie durch mehrere Wände hindurch hören. „Was, wenn ich alles vergesse?" Der Gedanke traf sie härter als erwartet. „Was, wenn meine Welt irgendwann einfach verschwindet?" Sie ballte die Faust, bis ihre Fingernägel sich in die Haut drückten, und zwang sich aufzustehen. Während sie sich anzog, hallten draußen die Glocken der Kirche durch die Straßen von Malyl. Tief, langsam und schwer erfüllte ihr Klang die Luft, als würde er sich in den Mauern der Stadt verfangen und dort widerhallen, lange nachdem er verklungen war. Theol hatte das Gebäude am Vorabend als eine der drei großen Kathedralen des Kamerismus bezeichnet. Leyla lauschte einen Moment. ,,Fast wie der Michel…’’ Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende geführt, schüttelte sie ihn wieder ab. Sie durfte sich nicht darin verlieren. Nicht jetzt. Sie musste in die Bibliothek – musste beschäftigt bleiben, bevor ihre Gedanken sie erneut nach unten zogen. Rasch schnappte sie sich ihre Sachen und verließ das Zimmer. Als sie die Treppe hinunterging und den Aufenthaltsraum der Taverne betrat, saßen Fer und Liam bereits an einem der langen Holztische. Vor ihnen standen Teller voller frischer Früchte, knusprigem Brot und gebratenem Fleisch, und der würzige Duft ließ Leylas Magen augenblicklich knurren. „Guten Morgen, Schlafmütze!" rief Liam grinsend und stopfte sich ein Stück Brot in den Mund. „Gut geschlafen?" „Wenn man den Kopfschmerz ignoriert, ja", murmelte Leyla und ließ sich auf die Bank sinken. „Habt ihr schon eine Idee, wo wir ein neues Mitglied finden könnten?" Fer kratzte sich nachdenklich am Kopf. „In der Abenteurergilde findet man bestimmt einige Leute, die selbst nach einer Gruppe suchen." Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht läuft uns dort jemand Passendes über den Weg." Leyla nickte langsam, während ein nervöses Kribbeln in ihrem Magen aufstieg. Die bloße Vorstellung, das vierte Mitglied zu finden, machte sie gleichzeitig gespannt und unsicher. Nach dem Frühstück verließen sie die Taverne und traten hinaus in das lebendige Treiben von Malyl. Die Sonne stand bereits hoch über den Dächern, tauchte die Stadt in warmes Morgenlicht und ließ die Fensterscheiben der Häuser gleißend aufblitzen. Überall verwebten sich Stimmen, Hufschläge und das schwere Rattern beladener Karren zu einem einzigen, lebendigen Klangteppich. Leyla lief hinter den anderen her und verlor sich dabei in Gedanken. „Was für eine Frau würde ich überhaupt suchen?" Sie ließ den Blick über die Menschenmengen schweifen. „Eine Frau, die stark ist. Die Liam Kontra geben kann, ohne einzuknicken." Unwillkürlich musste sie schmunzeln. „Und jemanden, dem man vertrauen kann." —BUMM— Noch bevor sie den Gedanken zu Ende führen konnte, prallte sie frontal gegen jemanden. Sie taumelte einen Schritt zurück und rieb sich schmerzend die Nase. „Tut mir leid, ich habe nicht aufgepasst", murmelte sie verlegen. Vor ihr stand eine Frau mit breiten Schultern und kräftiger Statur. Als sie sich umdrehte, blitzten strahlend grüne Augen auf. Für einen Herzschlag wirkte sie überrascht – dann breitete sich ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht aus. „Leyla? Bist du das wirklich?" Ihre Stimme klang warm und vertraut. „Es ist schön, dich hier zu treffen!" Leyla blinzelte. „Roxy?!" Ungläubig sah sie die Frau an. „Was machst du denn hier?" Roxy. Ihre erste Freundin in dieser Welt. Die Frau, die ihr das Leben gerettet hatte, kurz nachdem sie in dieser fremden Welt angekommen war. Eine Welle aus Freude und Erleichterung durchströmte sie, warm und unvermittelt. Und zum ersten Mal an diesem Morgen fühlte sich die Enge in ihrer Brust ein wenig leichter an. Leyla lächelte breit.
- Kapitel 2 - Eine andere Welt
Als Leyla wieder zu sich kam, war alles um sie herum dunkel. Das schmerzhafte Pochen in ihrer Schläfe hatte nicht nachgelassen – dumpf und hartnäckig, als würde jemand in gleichmäßigen Abständen gegen ihren Kopf hämmern. „Wo bin ich?" murmelte sie benommen. Vorsichtig begann sie, mit den Händen um sich zu tasten. Unter ihren Fingern fanden sich raue Holzbretter – kühl und hart, an vielen Stellen uneben. Langsam kehrten ihre Erinnerungen zurück. Der Park. Der verpasste Bus. Der Hund. Dann erst bemerkte sie etwas anderes: Sie war nackt. Sofort spannte sich ihr ganzer Körper an. Instinktiv zog Leyla die Arme eng um sich, während ihr Herz in einen schnelleren Takt fiel. Mit der Zeit gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit, wanderten langsam durch die Schatten. Schließlich erkannte sie die Umrisse eines kleinen Fensters. Blaue Gardinen verdeckten das matte Licht von draußen, wodurch kaum mehr als ein fahles Dämmern in den Raum gelang. Vorsichtig stand sie auf. Das Holz knarrte leise unter ihren nackten Fußsohlen, während sie zum Fenster trat und die Gardinen einen Spaltbreit zur Seite schob. Jetzt konnte sie den Raum besser erkennen. Überall hingen Kleidungsstücke, dicht an dicht, als hätte jemand eine ganze Garderobe in diesen kleinen Raum gequetscht. Die Stoffe, die Stangen, der leicht muffige Geruch – es erinnerte sie sofort an das kleine Theater ihrer Schulzeit. An die staubigen Vorhänge, alte Kostümständer und die erwartungsvolle Stille hinter der Bühne, kurz bevor das Licht anging. Direkt neben dem Fenster befand sich eine schwere hölzerne Tür. Von draußen drangen Stimmen herein. Gedämpft und undeutlich, zu weit entfernt, um wirkliche Worte aufzufangen. Leyla schluckte trocken und begann, einige Kleidungsstücke zusammenzusuchen. Eine rote Jacke fiel ihr sofort ins Auge. Der Schnitt, die Farbe – sie erinnerte sie an die Jacke, die ihre Mutter ihr früher geschenkt hatte. Leyla griff danach, ohne länger drüber nachzudenken. Dazu nahm sie ein schlichtes braunes Hemd und eine schwarze Hose. Sie zog alles rasch an. Gerade wollte sie sich der Tür nähern, als ihr Blick auf etwas Kleines fiel, das auf einer alten Kiste ruhte. Eine grüne Fliege. Leylas Gesicht hellte sich einen Herzschlag lang auf. „So eine trägt Alex doch auch immer", sagte sie leise und befestigte die Fliege an ihrem Kragen. Einen Moment lang sah sie an sich herunter – das zusammengewürfelte Outfit, die Fliege, die irgendwie trotzdem passte. Dann atmete sie tief durch. Langsam legte Leyla die Hand auf die Türklinke und drückte sie herunter. -------------------------------------------------------------------------- Helles Sonnenlicht traf Leyla direkt ins Gesicht. Blendend. Unbarmherzig. Reflexartig hob sie eine Hand vor die Augen, während ihre Sicht sich mühsam dem grellen Licht anpasste. Noch bevor sie richtig erkennen konnte, wo sie sich befand, drangen bereits Geräusche an ihre Ohren – und mit ihnen ein unangenehmes Ziehen tief im Magen. Das dumpfe Rattern von Holzrädern. Das helle Klimpern von Münzen. Das Bellen eines Hundes in der Ferne. Ein undurchdringliches Stimmengewirr. Langsam klärte sich ihr Blick. Und sofort bestätigte sich ihre Befürchtung. Sie stand mitten auf einem Marktplatz. Dutzende kleine Stände reihten sich entlang staubiger Straßen, beladen mit Waren, die Leyla noch nie in ihrem Leben gesehen hatte. Fremde Stoffe in satten, schweren Farben. Seltsame Werkzeuge. Getrocknete Pflanzen, deren Duft scharf und fremd in der Luft hing. Glänzende Glasfläschchen, die das Licht in winzige Funken brachen. Der Boden unter ihren Füßen bestand nicht aus Asphalt, sondern aus festgetretenem Sand und Erde, durchzogen von den Rillen unzähliger Räder. ,,Das sieht gar nicht nach Oldenburg aus…’’ murmelte Leyla nervös und sah sich weiter um. Ein schwerer Wagen wurde knarrend von einem Ochsen durch die enge Straße gezogen, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. Die Kleidung der Menschen wirkte altmodisch. Vielleicht ein Mittelaltermarkt? Am Ende der Straße erkannte Leyla eine Schmiede. Funken stoben in einem leuchtenden Bogen durch die Luft, während ein kräftiger Mann mit gleichmäßigen, geduldigen Schlägen auf einen Amboss einhämmerte. „Sind das Schwerter?" murmelte sie fast tonlos. Langsam entfernte sie sich von der Tür, durch die sie gekommen war, ohne den Blick von der fremden Welt um sich lösen zu können. Ihr Blick blieb an einem Mann hängen, der am Straßenrand saß und eine Hand nach den vorbeiströmenden Passanten ausstreckte. Instinktiv verspürte Leyla den Drang, in ihrer Tasche nach Kleingeld zu suchen. Dann bemerkte sie das Fell. Hellbraun. Dicht. Verwirrt trat sie einige Schritte näher heran, und erst jetzt erkannte sie es wirklich: der Kopf eines Wolfes, aus einem Körper herauswachsend, der völlig von Fell bedeckt war. „Ist das ein Furry? Ein Cosplayer?" Sie musterte ihn einen kurzen Moment länger. „Obwohl… wie ein Kostüm sieht das wirklich nicht aus…" —DONG— —DONG— Das plötzliche Dröhnen von Kirchenglocken fuhr ihr durch den ganzen Körper und ließ sie zusammenzucken. Ihr Blick schoss sofort zu einer kleinen Kirche am Rand des Platzes. Über dem Eingang hing eine Glocke, die noch in langsamen Wellen nachschwang. Irgendetwas daran nagte an ihr. War es das Kreuz? Es sah eher aus wie ein verzerrtes ,,K’’. Leylas Herz begann schneller zu schlagen. Eine träge, klebrige Übelkeit breitete sich in ihrem Magen aus. Die Luft war plötzlich zu schwer, zu voll, zu laut. „Ich muss hier weg", murmelte sie leise. Benommen stolperte sie in eine schmale, schattige Seitengasse – und prallte dort sofort gegen jemanden. „Tut mir leid…" begann sie erschrocken. Noch bevor sie richtig aufblicken konnte, erklang eine raue Männerstimme. Tief. Leicht belustigt. [???] „Was führt eine so hübsche Dame hierher? Und das ganz allein?" -------------------------------------------------------------------------- Leyla hob langsam den Blick. Direkt vor ihr stand ein Mann mit struppigem schwarzem Bart und ungepflegtem Haar. Sein Gesicht wirkte aufgedunsen, die Augen schmal und wach zugleich. Seine Kleidung war schmutzig und zerknittert, als hätte er sie seit Tagen nicht gewechselt. Sofort stieg ihr ein schwerer, unangenehmer Geruch in die Nase. Hastig wich sie einen Schritt zurück. „Ich bin Helmer, freut mich." Ein schiefes Grinsen zog sich über sein Gesicht. „Du wirkst so, als hättest du dich verlaufen." Leylas Magen zog sich zusammen. Sie wollte nicht mit ihm reden. Sie wollte eigentlich nur weg – so weit wie möglich und so schnell wie möglich. Trotzdem antwortete sie, obwohl sie es nicht wollte, mit zitternder Stimme: „So ähnlich…" Helmer trat einen weiteren Schritt näher. „Dann lass Helmer dir helfen", sagte er mit einer Ruhe, die nichts Beruhigendes hatte. „Komm einfach mit." Leyla öffnete den Mund, um zu protestieren – doch noch bevor ein einziges Wort heraus war, schloss sich seine Hand um ihren Arm. Der Griff war fest. Zu fest. Ein scharfer Schmerz zog sofort durch ihren Unterarm, und sie versuchte instinktiv, sich loszureißen. Doch ihre Beine fühlten sich schwer an, das Pochen in ihrer Schläfe machte jeden Gedanken dumpf. Sie wollte um Hilfe rufen, wollte schreien, irgendetwas sagen – aber ihre Stimme steckte wie eingemauert in ihrer viel zu trockenen Kehle. „Ich will das nicht." Tränen schossen ihr in die Augen. [???] ,,Halt sofort an!’’ Die Stimme fuhr scharf und unvermittelt durch die enge Gasse. Helmer erstarrte. Leyla sah hoch. Eine Frau mit rotem Haar war gerade aus einer Seitentür getreten und stellte sich ihnen in den Weg, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. An ihrem Gürtel hing ein langes Schwert, dessen Griff abgenutzt war. „Sie hat sich verlaufen", erklärte Helmer sofort, und trat dabei leicht zur Seite, als wollte er damit die Sicht auf Leyla verdecken. „Ich zeige ihr bloß den Weg." Die Rothaarige ließ den Blick kurz und gleichgültig über ihn gleiten. Dann sah sie direkt zu Leyla, die Augen leicht verengt, scharf und wachsam. „Stimmt das?" Leyla schüttelte sofort den Kopf. „N-Nein", brachte sie mühsam hervor. „Ich kenne ihn nicht." Einen Herzschlag lang herrschte Stille. Dann lächelte die Frau – ruhig und aufmunternd – und machte einen Schritt auf Leyla zu. „Komm", sagte sie. „Ich helfe dir." Anschließend wandte sie sich Helmer zu. Ihre Hand hatte sich dabei auf den Schwertgriff gelegt. „Und du, verpiss dich!" Helmer fluchte leise und wich zurück, die Hände halb erhoben. In dem Moment, in dem sein Griff nachgelassen hatte, stolperte Leyla sofort zur Rothaarigen hinüber. „Geht es dir gut?" fragte die Frau und schenkte ihr ein warmes Lächeln – das erste echte, das Leyla seit ihrem Aufwachen zu sehen bekam. -------------------------------------------------------------------------- Einige Minuten später saßen Leyla und die Frau gemeinsam an einem runden Holztisch. Die Rothaarige hatte sie zu sich nach Hause mitgenommen – ein kleines, schlicht eingerichtetes Haus mit knarrenden Dielen, warmem Licht und einem zarten Kräuterduft, der sich durch alle Räume zog. Leyla hielt eine Tasse Tee zwischen den Händen. Der süßliche Geschmack breitete sich langsam in ihrem Mund aus und wärmte sie von innen. Er beruhigte ihre aufgewühlten Nerven, zumindest ein kleines Stück weit. Doch vollständig entspannen konnte sie sich nicht. Zu vieles fühlte sich falsch an, zu vieles drängte sich gleichzeitig gegen die Innenseite ihres Schädels. Wo war sie hier? Und was wäre passiert, wenn diese Frau nicht eingegriffen hätte? Der Gedanke ließ ihren Magen erneut schwer werden. ,,Wie ist dein Name?’’ Die ruhige Stimme der Frau riss sie aus ihren Gedanken. „Leyla", antwortete sie knapp. „Und deiner?" Zum ersten Mal nahm sie sich einen Moment, die Frau wirklich zu betrachten. Sie schien etwas älter als Leyla – nicht viel, aber spürbar. Ihre grünen Augen strahlten eine gelassene Ruhe aus, die beinahe im Widerspruch zu den lockigen roten Haaren stand, die sich ihr wenig zahm um die Schultern ringelten. „Ich bin Roxanne", antwortete sie mit dem warmen Lächeln. „Aber nenn mich bitte Roxy." „Roxy…" wiederholte Leyla leise. Langsam, unaufhaltsam breitete sich eine bedrückende Gewissheit in ihr aus. Das hier war kein Mittelaltermarkt. Keine Convention, kein Filmset, keine ausgeklügelte Kulisse. Selbst wenn die Menschen Deutsch sprachen, fühlte sich alles zu fremd an. Aber Leyla wollte Sicherheit. Wenigstens eine klare Antwort, an der sie sich festhalten konnte, bevor alles um sie herum vollends verschwamm. Unsicher hob sie den Blick. „Roxy… wo sind wir hier eigentlich?" Roxy legte leicht den Kopf schief – nicht unfreundlich, eher interessiert. „Wenn du nicht mal das weißt, musst du dich wirklich ziemlich verlaufen haben." Leyla nickte nur und wich ihrem Blick aus. „Nun", begann Roxy schließlich, die Stimme ruhig und gleichmäßig wie fließendes Wasser, „wir sind in Migar. Dem schönsten Dorf der Mittellande." „Der Mittellande?" hakte Leyla sofort nach. Der Name sagte ihr überhaupt nichts. Kein Funken Wiedererkennung, kein Anknüpfungspunkt. Nur ein fremdes Wort in einer fremden Welt. -------------------------------------------------------------------------- Roxy stand auf, reckte sich kurz und griff nach ihrem Schwert, das an der Stuhllehne hing. Die Bewegung wirkte beiläufig, als würde sie ihren Wohnungsschlüssel aufheben. „Komm", sagte sie dann. „Ich erkläre es dir auf dem Weg zum Trunk. Dort kannst du schlafen." Leyla nickte und erhob sich ebenfalls. Während sie Roxy zur Tür folgte, ließ sie den Blick noch einmal durch das kleine Zimmer wandern. Es wirkte nicht wie ein Ort, an dem jemand wirklich lebte – eher wie eine Unterkunft auf Zeit, die man bezog und wieder verließ. Die wenigen Möbel waren schlicht und zweckmäßig, persönliche Gegenstände fehlten beinahe vollständig. Keine Bilder, keine Kleinigkeiten, nichts, das von ihrem Leben erzählt hätte. Leyla überlegte einen Moment, ob sie nachfragen sollte – entschied sich dann aber dagegen. Draußen empfing sie erneut das geschäftige Treiben des Dorfes. Stimmen hallten durch die staubigen Straßen, irgendwo klapperten Wagenräder rhythmisch über den festen Boden, und aus einem offenen Fenster drang der Geruch von gebratenem Fleisch. Leyla rümpfte die Nase. „Wir sind im Herzogtum der Mittellande", begann Roxy, den Blick geradeaus gerichtet. „Eines von vielen im Kaiserreich." Das Kaiserreich. Leyla wiederholte das Wort innerlich, als könnte sie es so greifbar machen. Ein echtes Kaiserreich? Mit einem echten Kaiser? „Die Hauptstadt der Mittellande liegt nördlich – Sie heißt Malyl." Roxy machte eine kurze Pause. „Regiert von der Familie de Coteau." Der Tonfall war neutral. Zu neutral. „Ist das… gut?" fragte Leyla vorsichtig. Roxy warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. „Es ist wie es ist." Leyla beschloss, die Antwort vorerst so stehen zu lassen. „Im Osten liegen die Larifen", fuhr Roxy fort. „Das höchste Gebirge des Landes. Dahinter beginnt das direkte Einflussgebiet der Kaiserstadt." Sie warf Leyla einen prüfenden Seitenblick zu. „Und im Westen die Hamalien, im Süden der Grünwald." Leyla merkte, dass sie versuchte, alles gleichzeitig zu behalten. Namen, Himmelsrichtungen, Grenzen. Als würde das Verstehen der Karte ihr irgendwie helfen, zu begreifen was passiert war. Es half nicht. Nach einem Moment fragte sie: „Gibt es hier Bibliotheken? Oder so etwas wie eine Universität?" Roxy sah sie kurz an. Diesmal etwas länger. „In Malyl gibt es beides. Eine der größten Bibliotheken des Kaiserreichs. Und eine Magierakademie." Eine kurze Pause. „Warum?" Leyla zuckte die Schultern, bemüht beiläufig. „Ich muss irgendwo anfangen." -------------------------------------------------------------------------- Müde öffnete Leyla die Tür zu ihrem Zimmer. Zu ihrem Zimmer. Der Gedanke fühlte sich noch immer seltsam an, wie ein Kleidungsstück, das nicht ganz passte. Es war ein kleines Zimmer im Grünwalder Trunk – gemietet von Roxy, für sie. Nachdem der Tag ihr kaum einen Moment Ruhe gelassen hatte, hatten die Gespräche mit Roxy sich bis weit in den Abend gezogen. Inzwischen war es draußen dunkel. Leylas Blick fiel auf das schmale Bett in der Ecke des Raumes. Darauf lagen eine dünne braune Decke und ein weißes Kissen, dessen Stoff schon sichtbar viele Nächte erlebt hatte. Ohne lange nachzudenken streifte sie ihre Kleidung ab und ließ sich schwer auf die Matratze fallen. —QUIETSCH— Das Bett gab unter ihrem Gewicht ein langes, klagendes Geräusch von sich. „Na super." Leyla verzog müde das Gesicht. Einen Moment lang starrte sie einfach nur an die dunkle Decke. Sie hatte kein Handy mehr. Kein vertrautes Leuchten vor dem Schlafen. Dann schloss sie langsam die Augen. Alles fühlte sich unwirklich an. Der Marktplatz mit seinen fremden Waren und seinem fremden Lärm. Die Menschen, deren Kleidung zu echt gewesen war, um Kostüme zu sein. Das Fell des Mannes am Straßenrand. Die Mittellande. Herzogtümer in einem Kaiserreich. Dies war wirklich eine andere Welt.
- Kapitel 6 - Liam Valleri
Nachdem die Elfen im Großen Krieg von den Menschen unterworfen worden waren, zerfielen nahezu alle bestehenden Strukturen ihres Volkes. Alte Bündnisse verschwanden wie Rauch. Städte wurden von Menschen überbaut oder zerstört, Traditionen gingen innerhalb weniger Generationen verloren – erst die kleinen, dann die großen, dann jene, die man für unzerstörbar gehalten hatte. Zahlreiche Elfen passten sich notgedrungen den neuen Machtverhältnissen an, lernten zu schweigen, zu dienen, ihre Sprache zu verbergen. Andere versuchten, ihre Herkunft vollständig auszulöschen, und wurden dabei zu Fremden in ihrer eigenen Haut. Nur an wenigen Orten gelang es den Elfen noch, ihre alte Kultur zu bewahren. Im den Wäldern existierten weiterhin kleinere Stämme tief zwischen den uralten Bäumen, dort, wo menschliche Händler und Soldaten nur selten erschienen. Selbst in einem abgelegenen Tal der Hamalien hielten vereinzelte Elfenfamilien noch an ihren alten Bräuchen fest – zäh, geduldig, wie Wurzeln, die sich unter Fels hindurchwinden. Einer dieser Stämme war der Stamm Valleri im Tiefenwald. Die Valleri lebten zurückgezogen und mieden den Kontakt zur Außenwelt so weit wie möglich. Der Stamm zählte kaum vierzig Mitglieder und hatte sich tief im Wald niedergelassen, verborgen zwischen mächtigen Bäumen, deren Stämme breiter waren als Festungsmauern, dichtem Nebel und schmalen Flüssen, die das Licht zerteilten wie Glas. Dort wurde eines Tages der zweite Sohn des Stammesoberhauptes geboren. Er erhielt den Namen Liam. Als zweiter Sohn hatte er nur wenige Erwartungen zu erfüllen. Während sein älterer Bruder Renea früh und beständig auf seine spätere Rolle vorbereitet wurde – geformt, unterwiesen, in eine Form gepresst, die der Stamm für ihn vorgesehen hatte – durfte Liam sich frei entfalten. Kein fester Platz, kein festgelegter Weg. Nur Zeit und die Welt des Waldes um sich herum. Und genau dadurch bemerkte sein Vater schon früh das außergewöhnliche Talent des Jungen. Also begann er, Liam gezielt zu fördern. Bereits in jungen Jahren zeigte sich, dass Liam nahezu jedes Werkzeug und jede Waffe mit erschreckender Leichtigkeit beherrschte. Ob Messer, Speer oder Bogen – er lernte schneller als die meisten anderen Kinder seines Stammes, mit einer Selbstverständlichkeit, die älteren Mitgliedern bisweilen unheimlich war. Doch noch deutlicher zeigte sich sein Talent in einem anderen Bereich. Magie. Besonders seine Affinität zur Licht- und Feuermagie war ungewöhnlich stark ausgeprägt – weit über das hinaus, was man bei einem Kind seines Alters erwartete. Selbst die zunächst skeptischen Mitglieder des Stammes begannen darüber zu sprechen, leise, dann immer offener. So kam es schließlich, dass Liam im Alter von nur zehn Jahren zur Magieakademie von Rubendy geschickt wurde. -------------------------------------------------------------------------- Liam erinnerte sich noch gut an den Tag, an dem er zum ersten Mal vor den gewaltigen weißen Toren der Akademie von Rubendy gestanden hatte. Allein ihr Anblick hatte ihn damals mit Ehrfurcht erfüllt. Die hohen Mauern aus hellem Stein ragten über ihm auf wie Monumente einer anderen Welt – zu groß, zu still, zu selbstsicher in ihrer eigenen Bedeutung. Überall bewegten sich Magier, Händler, Schüler und Gelehrte durch die Straßen rund um die Akademie, Banner flatterten im Wind, und magische Lichter schimmerten selbst nachts zwischen den Türmen wie eingefrorene Sterne. In diesem Moment hatte Liam sich zugleich besonders und vollkommen unbedeutend gefühlt. Ein kleiner Junge aus einem abgeschotteten Elfenstamm, plötzlich umgeben von Wissen, Macht und einer Welt, die weit größer war als alles, was er je gekannt hatte. Anfangs bewunderte er das Kaiserreich. Die Ordnung. Die Größe der Städte. Das Wissen, das in den Gängen der Akademie hing wie Spinnenweben in alten Bibliotheken – allgegenwärtig, unsichtbar, überall. Und Liam lernte schnell. Schneller als die meisten anderen Schüler. Doch mit den Jahren veränderte sich sein Blick auf Rubendy – so wie es bei vielen geschah, die lange genug dort lebten und irgendwann aufhörten, nur die Fassaden zu sehen. Die Stadt lag am Goldenen Fluss und war durch ihn geteilt. Nur zwei Brücken verbanden die westliche und die östliche Hälfte miteinander – zwei schmale Verbindungen zwischen zwei völlig verschiedenen Welten. Im Westen lagen der Handelshafen, die großen Märkte, Tempel und die Villen der Reichen. Händlerfamilien, Beamte und Magier bewegten sich dort durch breite Straßen aus hellem Stein, als wäre die Stadt nur für sie gebaut worden. Der Osten war etwas vollkommen anderes. Dort lebte der Großteil der Armen. Enge Straßen, überfüllte Häuser, ganze Viertel, die von der Stadtwache oft bewusst ignoriert wurden – als existierten sie offiziell gar nicht. Besonders die Dracharen prägten diesen Teil Rubendys. Einer von vier Bewohnern der Stadt war ein Drachar, und dennoch blieben sie Außenseiter in einer Stadt, die sie seit Jahrhunderten mit aufgebaut hatten. Das war die Art von Widerspruch, die einem erst dann ins Auge fiel, wenn man lange genug hinschaute. Während seiner Jahre an der Akademie lernte Liam nicht nur Magie. Er lernte auch, wie das Kaiserreich wirklich funktionierte. Mit siebzehn Jahren schloss er seine Ausbildung ab und kehrte voller Erwartungen zu seinem Stamm zurück. Doch dort erwartete ihn keine Freude. Seine Familie wies ihn ab. Für die Valleri hatte Liam sich zu weit von ihrer Kultur entfernt. Zu viel Mensch. Zu sehr geprägt von Städten und Stein und den Wegen des Kaiserreichs. Die Jahre in Rubendy hatten ihn verändert, und sein eigener Stamm erkannte ihn kaum noch als einen der ihren an. Enttäuscht begann Liam daraufhin, verschiedenste Aufträge anzunehmen. Mal arbeitete er als Eskorte, mal als Jäger, mal als Magier für Händler oder kleinere Adlige – immer weiter, immer weiter weg von dem, was er sich einmal für sich selbst erhofft hatte. So lief es, bis er mit zwanzig Jahren einer Frau begegnete, die ihm eine einfache Frage stellte. Wenige Wochen später trat er der Söldnergilde von Malyl bei. Die Jahre in der Gilde vergingen. Bis mit dreiundzwanzig Jahren plötzlich jemand fehlte, der ihm wichtig geworden war. Danach verließ Liam die Gilde und begann fortan außerhalb des Gesetzes zu arbeiten. Deshalb zögerte er auch nicht, als der Baron von Faumheing ihm ein neues Angebot unterbreitete. Für Liam war es nur ein weiterer Auftrag. Nicht anders als die vielen zuvor. Zumindest glaubte er das damals noch. -------------------------------------------------------------------------- Die fünf schweren Wagen rollten knarrend über die staubige Straße und hinterließen dichte Wolken aus Sand und trockener Erde, die sich langsam hinter der Karawane ausbreiteten. Das gleichmäßige Rattern der Holzräder mischte sich mit dem dumpfen Stampfen der Zugtiere zu einem Geräusch, das sich nach einer Weile anfühlte wie das Ticken einer Uhr – monoton, unvermeidlich. Die Straße führte durch die offenen Ebenen der Mittellande. Zu beiden Seiten erstreckten sich weite Felder und vereinzelte Hügel, über denen die Mittagshitze flimmerte wie ein unsichtbares Zittern in der Luft. Der Himmel war wolkenlos, die Sonne brannte erbarmungslos herab und tauchte die Landschaft in ein grelles, bleiches Licht, das die Schatten kurz und hart machte. Die Wagen selbst waren ungewöhnlich. Gezogen wurden sie von Halbdrachen – massigen Kreaturen mit breiten Körpern, kräftigen Klauen und schuppiger Haut, die im Sonnenlicht matt glänzte. Diese hatten keine Flügel mehr, doch ihre rohe Kraft war beeindruckend. Selbst die schweren Wagen bewegten sie mühelos vorwärts, während tiefe Atemzüge aus ihren Nüstern drangen und ihre schweren Schritte dumpf auf dem festgetretenen Boden donnerten. Ein Trupp bewaffneter Söldner begleitete die Karawane zu Pferd. Liam beobachtete das Geschehen aufmerksam. Es war zu viel. Zu viele bewaffnete Männer. Zu viele Sicherheitsmaßnahmen. Und all das angeblich nur wegen einer Lieferung Nahrung. Liam glaubte kein Wort. Der Baron von Faumheing hatte nicht nur eine komplette Söldnergilde aus Malyl engagiert, sondern zusätzlich auch ihn persönlich angefordert. Das allein war bereits verdächtig genug – als würde jemand ein ganzes Haus mit Schlössern sichern, nur um eine leere Schatulle darin aufzubewahren. Ein knappes, skeptisches Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Er mochte weder das Kaiserreich noch die Gilden oder den Adel besonders. Für ihn unterschieden sie sich kaum voneinander. Alle predigten Ordnung, Ehre oder Pflicht – solange sie selbst davon profitierten. Und trotzdem arbeitete Liam weiterhin für sie. Weil er Gold brauchte. Langsam legte er eine Hand an Ruvens Hals. Der Hengst schnaubte leise, während Liam mit den Fingern durch die schwarze Mähne strich. Das Fell fühlte sich warm von der Sonne an. Ruven war eines der wenigen Dinge in seinem Leben, denen Liam wirklich vertraute. Der schwarze Hengst war die Bezahlung eines Adligen gewesen – für einen Auftrag, bei dem Liam nur knapp überlebt hatte. Seitdem waren sie gemeinsam gereist, durch Hitze und Regen, durch volle Städte und über leere Straßen. Ruven hatte nie geklagt. „Du hältst besser durch als die meisten Halbdrachen hier", murmelte Liam leise. Ruven bewegte leicht die Ohren und schnaubte zufrieden. Die Reise selbst war bisher ruhig verlaufen. Eigentlich zu ruhig. Doch genau das war oft das Ergebnis von ausreichend Gold. Adlige wie der Baron wussten sehr genau, welche Leute man bezahlen musste, damit Überfälle plötzlich ausblieben und gewisse Gruppen zufällig woanders unterwegs waren. Ein unsichtbares System, das reibungslos funktionierte – solange niemand zu gierig wurde. Zumindest meistens. Liam spürte die Erschöpfung langsam in seinen Gliedern. Seit fast zwei Tagen ritten sie beinahe ohne Unterbrechung. Der Staub klebte an Kleidung und Haut, und selbst die Pferde wirkten zunehmend gereizt von der Hitze – die Ohren flach, die Bewegungen schwerer als noch am Morgen. „Nicht mehr lange", sagte Liam ruhig und strich Ruven beruhigend über die Seite. „Dann machen wir Rast." Der Hengst antwortete mit einem leisen Schnauben und drückte den Kopf kurz gegen Liams Hand. Die Mittagssonne stand hoch. Noch immer flimmerte die Hitze der Straße, und weiterhin spiegelte das Licht sich auf den dunklen Schuppen der Halbdrachen, als wären sie aus poliertem Metall gefertigt. Alles wirkte träge. Ruhig. Fast friedlich. Und genau in diesem Moment starb der erste Söldner. -------------------------------------------------------------------------- „Scheiße!" Fluchend ließ Liam sich hinter einen der Wagen fallen, gerade als etwas Schweres gegen das Holz krachte und die Planken erzittern ließ. Schreie hallten über die Brücke, begleitet vom panischen Brüllen der Halbdrachen und dem dumpfen Aufschlagen von Körpern auf Stein. Staub, Blut und Chaos erfassten innerhalb weniger Sekunden die gesamte Karawane. Liams Blick fiel auf Ruven. Der schwarze Hengst lag einige Meter entfernt am Boden, umgerissen von einem der fliehenden Halbdrachen. Das Vorderbein stand in einem unnatürlichen Winkel ab. Liam erkannte den Bruch sofort. Zusätzlich schmerzte seine eigene Brust. Er hatte den Ellbogen eines Söldners abbekommen. Ruven erwiderte seinen Blick. „Ich heile das." Liam zwang sich, ruhig zu atmen. „Sobald wir hier lebend rauskommen." Dann hob er wieder den Kopf über den Wagenrand – und sofort zog sich sein Magen zusammen. „Was bei Geeri macht sie hier…?" Die Worte entkamen ihm beinahe reflexartig. Hastig griff Liam nach einem Pfeil, spannte die Sehne seines Bogens und richtete sich blitzschnell auf. Sein Ziel stand mitten auf der Brücke. Bournadette Lacroix. Die Frau hatte die gesamte Karawane abgefangen – soweit er erkennen konnte, war sie alleine. Nicht dass es einen Unterschied gemacht hätte, wenn sie Verstärkung gehabt hätte. Liam kannte ihren Namen. Jeder, der lange genug im Kaiserreich gearbeitet hatte, kannte ihn. Auch wenn er ihr bisher nie persönlich begegnet war. Bournadette war die Nummer Zwei der Kaiserlichen Kopfgeldjäger – der Eliteeinheit direkt unter dem Kaiser. Liam ließ die Sehne los. Der Pfeil durchschnitt zischend die Luft. Bournadette stand zwischen einem großgewachsenen Krieger und einer Frau mit Streitkolben. Die Kämpferin schlug mit voller Wucht nach ihr – Bournadette wich mit einer fließenden Bewegung aus. Dann hätte Liams Pfeil sie treffen müssen. Direkt in den Bauch. Ihr Körper bewegte sich. Nicht wie der eines Menschen. Es wirkte, als würde ihr gesamter Leib nachgeben und sich verformen, noch bevor der Pfeil sie erreichte – als hätte sie keine Knochen, keine festen Strukturen, nur etwas Elastisches unter der Haut, das sich jeder Bedrohung einfach entzog. Der Pfeil glitt an ihr vorbei. Liam duckte sich sofort wieder hinter den Wagen, während irgendwo in seiner Nähe zwei Körper hart auf den Boden schlugen. Metall kratzte über Stein. Jemand schrie. „Ich schaffe das nicht." Sein Herz raste so stark, dass er es bis in den Hals spürte. „Sie wird mich töten." Für einen kurzen Moment dachte Liam an Emily. Und genau da fiel seine Entscheidung. Er wollte leben. Egal wie. Also sprang er hinter dem Wagen hervor und verschaffte sich einen Überblick. Die Brücke war ein einziges Schlachtfeld. Tote Söldner lagen zwischen den Wagen verstreut, Halbdrachen zerrten panisch an ihren Ketten, und Blut lief in dunklen Rinnsalen zwischen den Pflastersteinen hindurch in den Fluss unter ihnen. Liam stand nahezu mittig auf der Brücke. Zu weit entfernt von beiden Seiten. Und selbst wenn nicht – Flucht war sinnlos. Jemandem wie Bournadette entkam man nicht. Gerade schnitt sie einem Söldner die Kehle durch. Die Bewegung war erschreckend mühelos. Schnell. Präzise. Als würde sie etwas erledigen, nicht Soldaten bekämpfen. Dann hob sie den Blick. Direkt zu Liam. Sein Herzschlag setzte für einen Moment aus. Bournadette stürmte auf ihn zu – nicht wie ein gewöhnlicher Mensch. Schneller. Viel schneller. Liam riss reflexartig einen weiteren Pfeil aus dem Köcher, spannte und schoss. Die Kopfgeldjägerin wich aus. Doch diesmal blieb es nicht dabei. Mit einer einzigen fließenden Bewegung fing sie den Pfeil aus der Luft – einfach so, mit der bloßen Hand, als wäre das die natürlichste Sache der Welt. Dann drehte sie sich leicht und schleuderte ihn zurück. Mit einer Kraft, die kein Bogen jemals hätte erzeugen können. Der Pfeil traf Liams Arm. Brutaler Schmerz explodierte in seinem Körper, die Wucht riss ihn nach hinten. Er verlor den Halt, sah für einen Moment nur den Himmel… Dann stürzte er rückwärts über die steinerne Brüstung der Brücke. Zehn Meter tief ins tosende Wasser des Ter'Chu. -------------------------------------------------------------------------- In unregelmäßigen Abständen tropfte Wasser von Liams Kleidung auf den moosbedeckten Boden der Höhle. Jeder Tropfen hallte leise zwischen den feuchten Steinwänden wider, während Liam schwer atmend gegen den kalten Felsen hinter sich lehnte. Er hatte es geschafft. Er lebte. Noch immer raste sein Herz von der Flucht, und jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er wieder Bournadette Lacroix auf der Brücke stehen – ruhig, gelangweilt, als hätte sie nicht gerade eine ganze Karawane ausgelöscht. „Was hat der Baron überhaupt transportiert…?" murmelte Liam erschöpft vor sich hin. Mit einer zittrigen Hand fuhr er sich durch das nasse Haar und zwang sich, langsamer zu atmen. Seine Gedanken überschlugen sich. Zu viele Tote. Zu viel Aufwand. Und vor allem – warum hatte eine der Kaiserlichen Kopfgeldjäger diesen Transport persönlich angegriffen? Das ergab keinen Sinn, egal wie er es drehte. Frustriert ließ er den Blick über seine verbliebene Ausrüstung wandern. Oder eher das, was davon noch übrig war. Sein Bogen war beim Sturz in den Fluss zerbrochen. Und selbst sein Schwert war kaum noch brauchbar. Liam hob die Klinge kurz an und betrachtete die abgebrochene Spitze schweigend. Dann stieß er genervt die Luft aus und warf es beiseite. „Unbrauchbar." Das Geräusch des Aufpralls hallte dumpf durch die Höhle. Eine Schwere legte sich über Liams Herz. „Tut mir leid, Ruven, alter Freund..." Es ärgerte ihn mehr, als er sich eingestehen wollte – nicht wegen der Waffe selbst, sondern weil es bedeutete, dass er sich nun fast vollständig auf seine Magie verlassen musste – und auf seinen Dolch. Erst jetzt bemerkte Liam das pochende Brennen in seinem Arm. Langsam zog er den durchnässten Mantel zurück und betrachtete die Wunde. Der Pfeil hatte ihn sauber durchbohrt. Zumindest etwas. Erleichtert atmete er aus. Vorsichtig legte er zwei Finger auf die verletzte Stelle und ließ Mana durch seinen Körper fließen. Sofort breitete sich ein warmes Kribbeln unter der Haut aus – vertraut, beständig. Die Wunde begann sich langsam zu schließen. Fleisch verband sich, beschädigte Sehnen wuchsen zusammen, und schließlich zog sich die Haut über der Verletzung wieder zu. Sobald die schlimmsten Schäden verheilt waren, stoppte Liam den Zauber. Mehr Mana durfte er nicht verschwenden. Erschöpft lehnte er den Kopf gegen die feuchte Steinwand und ließ den Blick nach draußen wandern. Dichtes Blätterdach spannte sich über den Wald und ließ nur vereinzelte Lichtstrahlen durch. Die Luft war kühl und feucht, der Boden von Moos und alten Wurzeln überzogen. Nach der glühenden Hitze auf der Brücke wirkte der Wald beinahe unwirklich still. Doch genau diese Stille ließ Liam frösteln. „Egal", murmelte er schließlich und richtete sich langsam auf. „Erst mal brauche ich Ruhe. Und Schlaf." Doch noch bevor der Gedanke sich richtig festsetzen konnte, durchschnitt ein Schrei die Stille des Waldes. „Fuck – fuck, fuck, fuck!" Eine Frauenstimme. Verzweifelt. Wütend. Überrascht. Liam erstarrte. Für einen einzigen Moment schoss ihm ein Bild durch den Kopf. Noch bevor er den Gedanken greifen konnte, hatte er sich bereits in Bewegung gesetzt – natürlich wusste er, dass sie es nicht war. Und trotzdem zog ihn dieses Schreien, ohne dass er es hätte verhindern können, augenblicklich in seine Richtung. Lautlos arbeitete Liam sich durch das dichte Unterholz. Äste strichen über seinen Mantel, während er sich zwischen Farnen, Wurzeln und moosbedeckten Steinen hindurchbewegte. Schließlich erreichte er eine Stelle, an der scharfkantige Felsen aus dem Boden ragten wie aus dem Boden gerissene Zähne. Direkt daneben klaffte ein tiefes Loch in der Erde. Liam trat an den Rand und blickte hinunter. Am Boden des Kraters saß eine junge Frau. Ihr Gesicht war vor Schmerz verzerrt, die Hände um ihren Fuß geklammert. Tränen standen ihr in den Augen, und ihr Haar hing wirr in ihr Gesicht. Auffallend blaues Haar. Liam blinzelte. Blaue Haare?
- Kapitel 20 - Von Abenteuern und alten Geschichten
„In Hemmingen habe ich dann euch beide getroffen", erklärte Fer ruhig und schob ein Stück Holz ins Lagerfeuer. Funken stoben in die Nacht hinaus. „Dafür, dass ich euch mit der Kutsche mitnehme, beschützt Liam mich und die Pferde." Leyla beobachtete den Zwerg aufmerksam. Fer hatte ihnen bereits erzählt, warum er nach Malyl wollte – von seiner Familie, den versiegenden Minen, dem Wolfsüberfall und der gehörnten Frau. Und trotzdem hatte Leyla das Gefühl, dass etwas an seiner Geschichte fehlte. Nicht unbedingt eine Lüge. Eher etwas Ausgelassenes, etwas, das er bewusst für sich behielt. Sie lehnte sich zurück. „Wie lange brauchen wir eigentlich noch bis Malyl?" Fer strich sich nachdenklich durch den Bart. „Drei bis vier Tage vermutlich. Wenn das Wetter hält." Er sah zwischen Liam und Leyla hin und her. „Und was genau habt ihr dort eigentlich vor?" Leyla öffnete bereits den Mund – doch Liam war schneller. „Leyla will in die Bibliothek", erklärte er trocken, ein leicht spöttisches Grinsen auf dem Gesicht. „Und ich begleite sie. Jemand muss schließlich verhindern, dass sie sich alle zwei Tage in neue Probleme stürzt." Leyla verdrehte die Augen. „Ich bringe mich gar nicht so oft in Schwierigkeiten", murmelte sie. Liam sah sie einfach nur schweigend an. Sie biss sich auf die Lippe, um nicht weiter darauf einzugehen. „Die Bibliothek?" Fer wirkte überrascht. „Seid ihr beide etwa Abenteurer?" „Klar!" antwortete Leyla. „Nein", sagte Liam gleichzeitig. Leyla blinzelte irritiert. Liam seufzte. „Um offiziell als Abenteurer zu gelten, musst du Mitglied einer Abenteurergilde sein oder selbst eine gründen. Einfach nur herumzureisen reicht dafür nicht." Leylas Wangen färbten sich leicht rot. „Oh…" Eigentlich hatte sie angenommen, jeder Reisende mit Schwert wäre automatisch ein Abenteurer. Aber je länger sie darüber nachdachte, desto mehr Sinn ergab es. Fer begann leise zu lachen. „Ihr zwei seid wirklich interessant." Dann schien ihm plötzlich ein Gedanke zu kommen, seine Augen begannen zu leuchten. „Warum gründet ihr nicht einfach mit mir zusammen eine Abenteurergruppe? Wenn wir gut zusammenarbeiten, könnten wir gemeinsam Aufträge annehmen." Liam runzelte leicht die Stirn. „Theoretisch schon. Aber für eine offizielle Gilde brauchen wir mindestens vier Mitglieder." „Ich finde die Idee großartig!" Leylas Augen strahlten, und fast augenblicklich begann ihr Kopf weiterzudenken. Vielleicht könnten sie als vierte Person eine Frau aufnehmen – nicht weil sie sich mit Liam oder Fer unwohl fühlte, ganz im Gegenteil. Aber eine weitere Frau würde vieles angenehmer machen. Und außerdem… „Eine Freundin wäre irgendwie schön…" Fer nickte zustimmend. „Ich vertraue euch da vollkommen. Ihr seid schließlich schon länger gemeinsam unterwegs." Er grinste leicht und deutete mit dem Kopf auf Leyla. „Und ich glaube, dass eine Frau die beste Wahl wäre." Leyla sah ihn dankbar an. „Ja. Das wäre wirklich toll." Dann wandte sie sich Liam zu. Er wirkte plötzlich still. Nachdenklich. Sein Blick ruhte auf der Dunkelheit jenseits des Feuers, und Leylas Lächeln verschwand langsam. „Alles okay, Liam?" Er reagierte erst nach einigen Sekunden. Dann stand er abrupt auf. „Ja. Ich brauche nur kurz Ruhe." Ohne eine weitere Erklärung wandte er sich ab und entfernte sich vom Lagerfeuer. Das warme Licht der Flammen erreichte ihn nur noch schwach, bis seine Gestalt schließlich fast vollständig in der Dunkelheit verschwand. -------------------------------------------------------------------------- Irritiert blickte Leyla Liam hinterher. Sein plötzliches Verhalten fühlte sich seltsam an – gerade eben hatte er noch ruhig mit ihnen gesprochen, und nun war er einfach verschwunden. „Noch etwas Suppe?" Fers Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Leyla sah kurz auf und schüttelte den Kopf. „Nein danke." Danach wurde es still. Betrübt starrte sie in die lodernden Flammen, das Holz knackte leise, Funken stiegen in die dunkle Nacht auf. Dann hörte sie ein kratzendes Geräusch. Fer saß etwas seitlich vom Feuer entfernt und begann, die Klinge seiner Axt zu schleifen – ruhig, langsam, gleichmäßig. —SCHRRK— Leyla beobachtete fasziniert die präzisen Bewegungen seiner Hände. Es wirkte beinahe beruhigend. Fast wie Zeichnen. „Das ist irgendwie auch Kunst…" „Kannst du mir zeigen, wie das geht?" Fer blickte kurz auf und nickte. „Natürlich." Er reichte ihr den Schleifstein. „Nimm zuerst dein Schwert raus." Leyla nahm den Stein entgegen und zog die Klinge aus der Scheide. Etwas unbeholfen klemmte sie das Schwert zwischen ihre Beine, damit es nicht verrutschte. Fer deutete auf die Schneide. „Du musst den Stein in einem flachen Winkel führen. Ungefähr zwanzig Grad." Er machte die Bewegung mit der Hand nach. „Und immer von der Parierstange zur Spitze." Leyla versuchte es. Der Stein kratzte schief über die Klinge. Fer grinste leicht, streckte dann vorsichtig die Hände aus. „Darf ich?" Sie nickte, und er korrigierte behutsam ihre Haltung. „Schau genau hin – du darfst den Stein niemals einfach hin und her schieben." Langsam führte er ihre Hände über die Klinge. Die Bewegung wirkte plötzlich viel flüssiger, gleichmäßig, kontrolliert. „Immer in eine Richtung. Und nach ungefähr zehn Zügen musst du drehen, sonst wird der Grat ungleichmäßig." Er ließ ihre Hände wieder los. „Jetzt du." Leyla konzentrierte sich und begann erneut mit vorsichtigen Bewegungen. Währenddessen füllte Fer sich eine weitere Portion Suppe auf. „Der Skullaer wirkt heute ungewöhnlich hell", murmelte er nachdenklich. „Skullaer?" fragte Leyla, ohne den Blick von der Klinge zu lösen. Fer hob leicht eine Augenbraue. „Ach stimmt. Ihr Menschen nennt ihn meistens einfach nur den Mond." Er nahm einen Löffel Suppe. „Früher gab es übrigens fünf Monde." Leyla hielt mitten in der Bewegung inne. „Fünf?" „Der weiße dort oben ist Skullaer, den kennst du ja bereits." Er deutete kurz zum Himmel. „Die anderen hießen Manifest, Brahatross, Lunar und Arkibe." Leyla begann langsam wieder über die Klinge zu streichen, ihre Gedanken dabei unwillkürlich am Himmel. Wie musste die Nacht mit fünf Monden ausgesehen haben? Ob ihr Licht den Himmel erfüllt hatte – oder ob die Welt dadurch noch fremder gewirkt hatte? —SCHRRK— Das rhythmische Kratzen des Schleifsteins erfüllte die Stille. Dann hörte sie Schritte. Ruhig. Vertraut. Fast automatisch legte Leyla den Schleifstein beiseite und betrachtete ihr Werk. Die Schneide wirkte – zumindest etwas besser als vorher. Fer warf einen kurzen Blick darauf und nickte anerkennend. „Für den Anfang gar nicht schlecht." Dann grinste er leicht. „Den Rest rette ich später." -------------------------------------------------------------------------- „Morgen sehen wir endlich Malyl! Ich kann es kaum erwarten!" Leyla lehnte sich begeistert aus dem Wagen und blickte in die Ferne. Der Abendhimmel hatte sich bereits in ein tiefes Dunkelblau verwandelt, erste Sterne begannen über den sanften Hügeln zu funkeln, und eine kühle Brise strich durch die weiten Wiesen und bewegte das Gras wie flüsternde Wellen. Leyla zog ihre Jacke etwas enger um sich. Inzwischen waren drei Tage vergangen seit ihrem ersten gemeinsamen Abend am Lagerfeuer, und in diesen wenigen Tagen hatte sich vieles verändert. Fer war ihr schnell sympathisch geworden – der Zwerg wusste erstaunlich viel über die Welt, und im Gegensatz zu Liam hatte sie bei ihm nie das Gefühl, dass ihre Fragen lästig oder dumm waren. Bei Liam dagegen endeten viele Gespräche früher, als sie gehofft hatte. Ihr Blick wanderte kurz zu ihm hinüber. Da fiel ihr wieder der Drache auf seiner alten Jacke ein, den sie bei ihrer ersten Begegnung gesehen hatte. Mittlerweile trug er die neue grüne Jacke, die Leyla ihm gekauft hatte. Sie fand immer noch, dass sie besser zu ihm passte. „Du warst doch schon mal in Malyl, oder?" fragte sie neugierig. „Wie ist die Stadt?" „Ja", antwortete Liam. „Ist aber ungefähr ein Jahr her." Seine Stimme wirkte noch immer etwas bedrückt. In den letzten Tagen hatte Leyla mehrfach versucht, ernsthaft mit ihm über seine Stimmung zu sprechen, doch jedes Mal war er ausgewichen oder hatte das Thema beendet. „Malyl ist riesig – die zweitgrößte Stadt des Kaiserreichs." Er zuckte leicht mit den Schultern. „Aber ehrlich gesagt unterscheidet sie sich nicht so stark von anderen Großstädten." Kurz dachte er nach, kratzte sich am Hinterkopf. „Die Stadtmauern sind wahrscheinlich das Beeindruckendste. Die Dinger sind uralt, riesig, überall wachsen dicke Ranken darüber." Ein schwaches Schmunzeln erschien auf seinem Gesicht. „Das könnte dir gefallen." Leyla nickte langsam, und allein die Vorstellung ließ Bilder in ihrem Kopf entstehen. Fast automatisch glitt ihre Hand zu dem Skizzenbuch auf ihrem Schoß. In den vergangenen Tagen hatte sie Seite um Seite gefüllt – Felder, Hügel, Pferde, Lagerfeuer, den Sternenhimmel. Selbst Fers Bart hatte sie einmal heimlich skizziert, obwohl der Zwerg dabei aussah wie ein schlecht gelaunter Busch. Das Kratzen des Stiftes auf Papier fühlte sich inzwischen genauso vertraut an wie das Rattern des Wagens. „In Malyl kaufe ich mir definitiv Farben", murmelte sie gedankenverloren und strich über eine ihrer Zeichnungen. „Vielleicht Pinsel… oder farbige Stifte." Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Schwarz-weiß gefällt mir zwar… aber mit Farbe würden die Bilder viel lebendiger wirken." Einige Sekunden lang hörte man nur die Räder des Wagens und die gleichmäßigen Hufschläge der Pferde. Dann ließ Leyla sich zurückfallen und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Maaaan", jammerte sie. „Mir ist langweilig." Die Reise zog sich plötzlich endlos in die Länge. Dunkelheit, Straße, Pferde, noch mehr Straße. Von vorne erklang Fers Stimme. „Wie wäre es stattdessen mit einer Geschichte?" Leyla richtete sich auf, die Augen leuchtend. „Wirklich?" Noch bevor Fer antworten konnte, kletterte sie bereits nach vorne durch den Vorhang des Wagens. Liam hob nur leicht eine Augenbraue, während sie beinahe über seine Beine stolperte. Fer schmunzelte amüsiert, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. „Gibt es etwas Bestimmtes, über das du etwas hören willst?" Leyla dachte kurz nach. Dann wurde ihr Blick neugierig. „Vielleicht über den Großen Krieg?" Fer ließ ein leises Geräusch hören, irgendwo zwischen Schmunzeln und Seufzen. „Kann ich machen." Er hob leicht die Schultern. „Aber ich sollte dich vorwarnen – ich weiß darüber auch nicht besonders viel." -------------------------------------------------------------------------- „Der Große Krieg begann vor ungefähr eintausenddreihundert Jahren", begann Fer ruhig, während die Räder des Wagens gleichmäßig über die Straße rumpelten. „Und er dauerte fast ein ganzes Jahrhundert." Er warf Leyla einen kurzen Blick zu. „Weißt du, wer damals gegeneinander gekämpft hat?" Leyla dachte kurz nach. „Die Menschen und die Elfen?" „Fast." Fer zog leicht an seinem Bart. „Die Menschen wollten damals den gesamten Kontinent erobern, einige andere Völker unterstützten sie dabei. Die Elfen hatten allerdings ebenfalls mächtige Verbündete." Seine Stimme wurde etwas ernster. „Die Vampire des Reiches Silva." Leyla hob überrascht den Kopf. „Wusstest du eigentlich", fuhr Fer fort, „dass die heutigen Mittellande früher den Vampiren gehörten?" „Wirklich?" Leyla dachte kurz nach. „Ich frage mich, ob ich irgendwann mal einem Vampir begegnen werde…" Schon immer hatte sie Vampire faszinierend gefunden – diese Mischung aus Eleganz, Gefahr und Unsterblichkeit hatte etwas Magisches für sie. Fer bemerkte ihren interessierten Blick und schmunzelte leicht. „Die Menschen wurden damals bereits von den Algavia regiert", erklärte er weiter. Leyla wiederholte den Namen gedanklich. Algavia. Irgendetwas daran klang edel, alt, majestätisch. „Doch angeführt wurden die Menschen vor allem von Yang." Leyla hob den Kopf. „Yang? Die Kaiserliche Kopfgeldjägerin?" „Genau die", meldete sich Liam aus dem hinteren Teil des Wagens. „Dann ist sie ja uralt…" „Wacal altern nicht", sagte Fer ruhig. „Wacal?" „Das Volk von Yang." Er räusperte sich. „Wie dem auch sei – Yang soll damals ganze Städte alleine zerstört haben." „Crazy…" entfuhr es Leyla reflexartig. Fer sah sie irritiert an. „Kraesi?" Leyla wurde augenblicklich rot. Sie hatte sich inzwischen zwar halbwegs daran gewöhnt, aber manchmal vergaß sie immer noch, dass niemand hier moderne Begriffe verstand. „Äh… ich meinte beeindruckend", murmelte sie hastig. Fer schien die Erklärung zu akzeptieren. „Wer genau ist Yang eigentlich?" Fer dachte einen Moment nach. „Yang gilt als ewige Beschützerin des Kaisers. Man sagt, ihre Macht sei grenzenlos." Er blickte kurz zum Nachthimmel hinauf. „In ihrer Nähe kann sich niemand ohne ihre Erlaubnis bewegen. Nicht einmal sprechen." Leylas Augen weiteten sich leicht. „Außerdem gilt sie als die mächtigste Magierin der Welt." „Sie ist praktisch das absolute Symbol der Macht des Kaiserreichs", ergänzte Liam von hinten. Leyla zog nachdenklich eine Augenbraue hoch. „Das klingt ehrlich gesagt ziemlich einschüchternd." Dann lächelte sie leicht. „Aber irgendwie würde ich sie trotzdem gerne kennenlernen." Fer grinste schief. „Pass nur auf, was du dir wünschst." Dann fuhr er mit tieferer Stimme fort. „Wie auch immer – anfangs waren die Menschen den Elfen und Vampiren militärisch unterlegen. Doch im neunten Jahr vor der Reichsgründung wurde Kaiser Augustius VII. gekrönt." Selbst Liam schwieg nun aufmerksam. „Der Legende nach überzeugte er die Erzdämonen, auf der Seite der Menschen in den Krieg einzugreifen." Fer griff in seine Tasche und reichte Leyla eine Kupfermünze. „Früher war sein Gesicht auf sämtlichen Münzen des Reiches zu sehen. Seit der Krönung Kaiser Verions ist er nur noch auf den Kupfermünzen abgebildet." Leyla nahm die Münze entgegen und betrachtete das eingeprägte Gesicht. Erzdämonen. Erzengel. Alte Legenden. Je mehr sie über diese Welt lernte, desto schwieriger wurde es zu unterscheiden, was Mythos war und was tatsächlich existiert hatte. „Gab es die Erzdämonen wirklich?" Fer strich sich nachdenklich über den Bart. „Ich glaube nicht nur, dass es sie gab." Sein Blick wurde ernster. „Ich glaube, dass sie noch immer existieren." Leyla schwieg. Der Wind zog leise über die Straße. „Aber was nach dem Krieg mit ihnen passiert ist… das weiß vermutlich niemand genau." Nach einigen Sekunden sprach er weiter. „Der Krieg endete schließlich mit der vollständigen Zerstörung Elfhams, der Hauptstadt der Elfen. Die Elfen wurden danach in das Reich der Menschen eingegliedert." Er machte eine kurze Pause. „Die Vampire hingegen wurden vollständig ausgelöscht." Leylas Blick senkte sich auf die Münze in ihrer Hand. Irgendetwas an diesem Gedanken machte sie traurig. Eine ganze Spezies. Einfach verschwunden. „Vielleicht lebt irgendwo trotzdem noch einer…" Fer hörte den Satz, kommentierte ihn jedoch nicht. „An der Stelle der alten Vampirhauptstadt entstand später Malyl", erklärte er weiter. Leyla blickte hinaus in die Nacht, die Räder ratterten gleichmäßig. „Und auf den Ruinen dieses Krieges wurde schließlich das Kaiserreich gegründet. Seitdem herrscht auf dem Kontinent größtenteils Frieden – abgesehen von kleineren Konflikten, Spannungen und gelegentlichen Aufständen." „Das würde ich kaum Frieden nennen." Liams Stimme klang ruhig, aber kühl. Leyla schwieg einen Moment, dann wanderte ihr Blick über die dunklen Hügel am Horizont. Sie dachte an die Menschen, die sie bisher getroffen hatte. An die Armut, an Angst, an Sklavenhändler. „Kann man wirklich von Frieden sprechen… wenn so viele trotzdem leiden?" -------------------------------------------------------------------------- „Wir sollten für heute hier rasten", sagte Fer schließlich und zog langsam die Zügel an. „Die Pferde brauchen eine Pause. Und wir ehrlich gesagt auch." Die Kutsche kam neben einem kleinen Fluss zum Stehen. Die beiden weißen Pferde schnaubten erschöpft, während Fer begann, sie langsam auszuspannen. Das leise Knirschen der Räder verklang, und an seine Stelle trat das ruhige Geräusch des fließenden Wassers. Leyla sprang aus dem Wagen. Fast automatisch zog es sie zum Flussufer. Das Wasser glitzerte silbern im Licht des Skullaers und zog sich wie ein dunkles Band durch die nächtliche Landschaft, kleine Wellen brachen sich an den Steinen am Ufer, während die Strömung gleichmäßig weiter in die Dunkelheit floss. Leyla blieb einen Moment einfach nur stehen. Der Wind war kühl, aber angenehm, und irgendwie fühlte sich die Welt gerade friedlich an. Ihr Blick ruhte auf dem Wasser, doch ihre Gedanken wanderten längst woanders hin – zu Fers Geschichten, zum Großen Krieg, zu den Vampiren, zu Yang. Langsam zog sie ihr Notizbuch hervor und begann, hastige Gedanken aufzuschreiben. Namen, Orte, Fragen, kleine Skizzen. „Irgendwann will ich die Kaiserstadt sehen…" Allein der Gedanke ließ ihr Herz schneller schlagen. Ob sie dort tatsächlich Yang begegnen könnte – der Frau, die angeblich ganze Städte alleine zerstört hatte? Ein leichter Schauer lief ihr über den Rücken. Doch es war keine Angst. Es war Vorfreude auf all die Orte, die sie noch sehen würde, auf die Geheimnisse dieser Welt, auf die Abenteuer, die irgendwo vor ihr lagen. Nach einer Weile rollte sie ihren Schlafsack direkt am Flussufer aus. Das leise Plätschern des Wassers wirkte beruhigend, beinahe einschläfernd, und über ihr funkelten die Sterne zwischen langsam ziehenden Wolken. Leyla legte sich hin und blickte noch einige Sekunden schweigend in den Himmel. Dann wurden ihre Augen schwer, und schon kurz darauf schlief sie ein. -------------------------------------------------------------------------- —PLATSCH— Leyla schreckte panisch hoch. Eisiges Wasser umschloss ihren Körper, und für einen kurzen Moment verlor sie vollkommen die Orientierung. Hustend und strampelnd kämpfte sie sich durch die dunkle Strömung, während ihr Herz wild gegen ihre Brust schlug. Mit hektischen Bewegungen erreichte sie das Ufer und zog sich keuchend auf das Gras. Tropfend blieb sie einen Moment auf allen vieren stehen und versuchte zu begreifen, was gerade passiert war. „Wurden wir angegriffen?" Ihr Blick schoss über die Umgebung. Der Fluss, das Lager, die Pferde. Dann entdeckte sie Liam. Er lag wenige Meter entfernt auf dem Boden – und lachte. Nicht nur ein kleines Grinsen. Er lachte vollkommen hemmungslos, der ganze Körper zuckte, während er sich den Bauch hielt und kaum noch Luft bekam. Leyla brodelte vor Wut. Klitschnass stapfte sie auf ihn zu, packte ihn am Kragen und riss ihn hoch. „WAS SOLL DIE SCHEISSE?!" Wasser tropfte aus ihren Haaren direkt auf sein Gesicht. „DU WILLST WOHL STERBEN?!" Liam versuchte sich sichtbar zusammenzureißen. Vergeblich. „Ich hab dich gewarnt", brachte er zwischen zwei Lachanfällen hervor. „Wenn du meine Haare anfasst, werfe ich dich in einen Fluss." Er hob leicht die Schultern. „Versprochen ist versprochen." Leylas Auge zuckte gefährlich. Ohne weiter nachzudenken warf sie sich mit voller Wucht auf ihn. „DU VOLLIDIOT!" Ihre Fäuste hämmerten gegen seinen Bauch und seine Schultern, doch Liam schien das eher amüsant als schmerzhaft zu finden – was Leyla nur noch wütender machte. —GÄÄHN— Ein lautes Gähnen unterbrach die Szene. Fer trat verschlafen aus dem Wagen, streckte sich ausgiebig und blinzelte einige Male in die Morgensonne. Dann blieb sein Blick an den beiden hängen. Leyla halb auf Liam. Liam lachend am Boden. Fer hob langsam eine Augenbraue. „Wow", murmelte er trocken. „So früh am Morgen schon beim Kuscheln?" Er verschränkte die Arme und grinste breit. „Süß. Aber seid ihr sicher, dass ihr bis Malyl warten wollt, bevor ihr euch ein gemeinsames Zimmer nehmt?" Einen Moment herrschte absolute Stille. Dann stand Leyla abrupt auf. Ihr Blick hätte vermutlich Stein zerschneiden können. Ohne ein einziges Wort marschierte sie an Fer vorbei zurück zum Wagen, und die Plane wurde mit unnötig viel Gewalt zurückgerissen. Im Inneren zog sie die völlig durchnässten Sachen aus und begann, sich abzutrocknen. Zum Glück hatte Liam ihr während ihrer Erholung mehrere Wechselklamotten gekauft. Dieser Gedanke machte alles nur schlimmer. „Hat dieser Idiot das etwa geplant?!" Draußen hörte sie seine Stimme. „Spätestens wenn sie Malyl sieht, beruhigt sie sich wieder." Fer lachte leise. „Du spielst wirklich mit dem Feuer, Liam. Wenn sie irgendwann ernsthaft sauer auf dich wird, könnte das für dich gefährlich enden." Liam klang vollkommen entspannt. „Ach. Das halte ich schon aus." Leyla biss so fest die Zähne zusammen, dass ihr Kiefer schmerzte. Als sie weiterfuhren, sprach sie kein einziges Wort. Die Stimmung um sie herum war frostig. Liam warf ihr mehrmals einen vorsichtigen Blick zu, bekam dafür allerdings jedes Mal nur tödliche Stille zurück. Doch irgendwann erschien Malyl. Zuerst nur als dunkle Silhouette am Horizont. Dann wurden langsam die gewaltigen Mauern sichtbar – alt, massiv, überzogen von dichten Ranken, die selbst aus der Entfernung wie grüne Narben über dem Stein wirkten. Leylas schlechte Laune begann augenblicklich zu bröckeln. Ihre Augen wurden größer, Neugier verdrängte langsam den Zorn. Dann erklang Liams Stimme neben ihr. „Na gut." Ein kleines Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Dann suchen wir uns mal das letzte Mitglied für unsere Gruppe." Leyla konnte nicht verhindern, dass sie ebenfalls lächelte. Malyl. Eine riesige unbekannte Stadt, neue Menschen, neue Abenteuer. Und irgendwie freute sie sich auf all das – gemeinsam mit Liam und Fer.
- Kapitel 5 - Der Weg des Waldes
Die Sonne sank langsam dem Horizont entgegen und tauchte den Himmel in warmes, goldenes Licht. Lange Schatten zogen sich über den Boden, während die letzten Strahlen schräg durch die Baumwipfel fielen und das Unterholz in ein flackerndes Gold tauchten. Bald würde es dunkel werden. Leyla wusste, dass sie sich langsam einen Platz zum Schlafen suchen musste. Den gesamten Nachmittag und einen guten Teil des Abends hatte sie gebraucht, um den Wald zu erreichen. Anfangs war der Weg noch von weiten Feldern und vereinzelten Höfen begleitet worden, doch inzwischen hatten dichte Bäume die offene Landschaft vollständig verschluckt – still und endgültig, wie ein Vorhang, der mit jedem Schritt zugezogen wurde. Der Pfad durch den Wald war stellenweise überwuchert, aber noch war deutlich zu erkennen, dass Reisende ihn regelmäßig nutzten. Die letzten Stunden hatte Leyla das Zwitschern der Vögel und das stetige Rascheln der Blätter begleitet. Doch mit der Dämmerung hatte sich die Stimmung verändert, zu leise und heimlich, um es wirklich zu bemerken. Es war beinahe unheimlich still. Nur gelegentlich rieb der Wind die Äste gegeneinander, oder irgendwo tief im Dunkel ließ eine Eule ihren Ruf erklingen – lang, hohl, unbeantwortet. Das verbliebene Licht reichte kaum noch aus, um sicher dem Weg zu folgen. Also hatte Leyla den Pfad verlassen und war einige Dutzend Meter tiefer zwischen die Bäume gegangen. „Man weiß ja nie." Kurz darauf traf sie auf eine kleine Lichtung. Sie ließ den Blick aufmerksam umherschweifen. Das hohe Gras bewegte sich leicht im Abendwind, zwischen den Baumwurzeln lagen alte Äste und trockenes Laub verstreut. Schließlich entdeckte sie unter einem breiten, alten Baum einen kleinen Bau, der sich zwischen den Wurzeln in die Erde grub. „Vielleicht von einem Dachs oder irgendetwas Ähnlichem…" murmelte sie leise. Vorsichtig trat sie näher und kniete sich vor den Eingang. Dann hielt sie inne. „Was hatte Papa früher noch mal gesagt?" Nach einigen Sekunden fiel es ihr wieder ein. Langsam streckte sie eine Hand in Richtung der Öffnung aus, bevor sie den Kopf ein Stück näher nach unten beugte und vorsichtig schnupperte. Kurz darauf atmete sie erleichtert aus. Kein Tiergeruch. Der Bau schien schon länger verlassen zu sein – vielleicht ein alter Unterschlupf aus dem Winter, längst aufgegeben und vergessen. —KNACK— Sofort fuhr Leyla zusammen. Instinktiv ging sie in die Hocke und ließ den Blick hektisch zwischen den dunkler werdenden Stämmen umherspringen, ihr Herz hämmerte laut und schnell in ihrer Brust. Doch nichts geschah. Keine Schritte. Keine Bewegung. Nur der Wind, der träge durch die Blätter strich, als wäre nichts gewesen. Langsam entspannte Leyla sich wieder. Sie stellte ihren Rucksack ab und kroch vorsichtig in den Bau hinein. Innen war gerade genug Platz, um sich zusammenzurollen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sorgfältig breitete sie ihren Schlafsack aus, legte die Decke darüber und zog den Rucksack möglichst dicht vor den Eingang, um ihn abzuschirmen. Das Schwert legte sie direkt neben sich. Für einen Moment musste Leyla grinsen. „Wann hatte ich eigentlich das letzte Mal so viel Spaß?" Der Gedanke überraschte sie selbst ein wenig. Trotz der Angst, trotz der Unsicherheit und all der erdrückenden Fremdheit dieser Welt – irgendetwas daran fühlte sich seltsam lebendig an. Sie legte sich hin und gähnte tief. „Zum Glück ist Sommer", nuschelte sie leise. Kurz darauf fiel sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf. -------------------------------------------------------------------------- Das erste Licht des Morgens weckte Leyla sanft aus dem Schlaf. Warme Sonnenstrahlen drangen durch die schmalen Öffnungen zwischen den Baumwurzeln und legten sich weich auf ihr Gesicht. Überall um sie herum erfüllte lebendiges Vogelgezwitscher den Wald, begleitet vom leisen Rascheln der Blätter im aufkeimenden Morgenwind. Verschlafen blinzelte Leyla und streckte sich vorsichtig aus. Sofort zog ein unangenehmes Ziehen durch ihren Rücken. „Autsch…" Sie verzog das Gesicht – musste aber gleichzeitig schmunzeln. Der harte Boden und die unbequeme Haltung hätten sie früher vermutlich wahnsinnig gemacht. Jetzt störte es sie überraschend wenig. Vorsichtig kroch sie aus ihrem kleinen Unterschlupf hervor und begann ihre Sachen zusammenzupacken. Die Lichtung wirkte im Morgenlicht deutlich freundlicher als noch am Vorabend. Tau glitzerte auf den Grashalmen, und zwischen den hohen Stämmen fielen goldene Sonnenstrahlen wie schmale Schleier auf den Waldboden – still und feierlich, als würde der Wald gerade erst erwachen. Nachdem sie alles verstaut hatte, zog Leyla ein Stück Brot und etwas Käse aus ihrem Proviantbeutel und frühstückte in aller Ruhe. Dabei lehnte sie sich gegen den Stamm des großen Baumes und ließ den Blick durch das Grün schweifen. Trotz der Unsicherheit, der Fremde und der Tatsache, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie jemals nach Hause zurückkommen sollte, fühlte sie sich freier als in den letzten Jahren. Leichter. Als hätte jemand still und leise etwas von ihr abgenommen, das sie schon so lange trug, dass sie vergessen hatte, wie es sich ohne anfühlte. „Daran könnte ich mich fast gewöhnen." Ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Kein Bus, den man verpasst. Kein Stress wegen Klausuren." Vielleicht war diese Welt gar nicht nur schlecht. Leyla griff nach ihrem Trinkschlauch und trank einen Schluck – bemerkte dabei jedoch sofort, dass kaum noch etwas darin war. Sie dachte kurz nach. Am Abend zuvor war sie an einem kleinen Bach vorbeigekommen. Der Umweg würde Zeit kosten, doch sie wusste nicht, wann sie das nächste Mal sauberes Wasser finden würde. Also drehte sie um. Gerade als sie ihren Rucksack aufsetzen wollte, fiel ihr Blick auf einen kleinen ovalen Stein, der zwischen den Wurzeln lag. Leyla hob ihn auf. Die Oberfläche war glatt und kühl, angenehm schwer in der Handfläche. Einen Moment lang drehte sie ihn zwischen den Fingern hin und her. Dann steckte sie ihn ein. Als kleinen Glücksbringer. Und vielleicht auch als Erinnerung an ihre erste Nacht allein unter freiem Himmel. Während sie weiter durch den Wald lief, begann sie gedankenverloren Melodien vor sich hin zu summen – mal brach sie mitten im Lied ab, mal wechselte sie einfach zu einem anderen, ohne bewusste Entscheidung. Das monotone Geräusch ihrer Schritte und die stille Freundlichkeit des Waldes machten es leicht, sich einfach treiben zu lassen. Erst einige Stunden später erreichte sie den Bach wieder. Sofort kniete Leyla sich ans Ufer. Das Wasser war so klar, dass sie die kleinen Kiesel auf dem Grund erkennen konnte, jedes einzelne. Sonnenlicht spiegelte sich auf der Oberfläche und ließ das fließende Wasser silbern schimmern. Ruhig begann sie ihren Trinkschlauch zu füllen. Während sie dem stetigen Fließen lauschte, regte sich plötzlich etwas in ihr. Eine Erinnerung. Oder eher ein Gefühl – diffus und schwer zu greifen, wie etwas, das man gerade noch träumte und schon beim Erwachen vergisst. Leyla runzelte leicht die Stirn und betrachtete das Wasser. Woran erinnerte sie das nur? Dann fiel es ihr ein. Der Hund. Unwillkürlich fragte sie sich, wie es ihm wohl ging. Ob ihn inzwischen jemand gefunden hatte – vielleicht sogar sein Besitzer? Doch kaum war der Gedanke da, breitete sich Verwirrung in ihr aus. Warum erinnerte sie sich eigentlich so schlecht daran? Es waren gerade einmal zwei Tage vergangen, seit sie ihm geholfen hatte. Und trotzdem wirkten manche Erinnerungen daran seltsam verschwommen, wie durch Milchglas gesehen. Das irritierte sie mehr, als sie zugeben wollte. „Liegt bestimmt einfach an der ganzen Aufregung", murmelte sie leise. Sie nahm einen Schluck Wasser. Kühl, frisch, und erschreckend vertraut – es hätte exakt so auch aus dem Hahn ihrer Wohnküche kommen können. —PLATSCH— Das plötzliche Geräusch ließ sie zusammenzucken. Fast wäre ihr der Trinkschlauch aus der Hand gefallen. Erst nach einem kurzen Herzschlag entspannte sie sich wieder. Ein kleiner grauer Fisch war aus dem Wasser gesprungen und direkt wieder untergetaucht, als hätte er es nur getan, um sie zu erschrecken. Leyla musste leise lachen. Dann richtete sie sich auf und schulterte ihren Rucksack. „Zeit weiterzugehen", sagte sie leise. Ihre Füße schmerzten noch vom Vortag, aber das überraschte sie kaum. Sie war mehr gelaufen als in Monaten. Das nächste Dorf lag vermutlich noch mehrere Tage entfernt – zumindest wenn ihre grobe Einschätzung stimmte, und sie hoffte, dass sie stimmte. Zurück auf dem Pfad beschleunigte sie ihre Schritte ein wenig, um die verlorene Zeit aufzuholen. Über ihr spannte sich ein klarer, strahlend blauer Himmel auf, während eine angenehme Brise durch ihre Haare strich und den Duft von Harz und feuchter Erde mit sich trug. In diesem Moment fühlte sich alles leicht an. „Heute wird ein guter Tag.“ Mit diesem Gedanken setzte Leyla ihren Weg fort. -------------------------------------------------------------------------- Es war bereits Mittag, als Leyla ihre erste größere Pause des Tages einlegte. Mit einem erschöpften Seufzen ließ sie sich auf einen umgestürzten Baumstamm sinken. Das viele Laufen machte sich inzwischen deutlich bemerkbar – ihre Beine fühlten sich schwer an, und unter der warmen Mittagssonne klebte ihr das Hemd unangenehm an der Haut. Langsam zog sie ihren Trinkschlauch hervor, trank einen kleinen Schluck und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Trotzdem kam sie besser voran, als sie ursprünglich erwartet hatte. Der Wald war dicht, aber der Pfad blieb größtenteils gut erkennbar. Immer wieder hatte sie kleinere Lichtungen, schmale Bäche oder alte Wegmarkierungen entdeckt, die ihr bestätigten, dass sie noch richtig lag. Mit einem leisen Stöhnen streckte sie die schmerzenden Beine aus und schloss für einen Moment die Augen. Langsam wanderten ihre Gedanken zum Proviant. „Hoffentlich erreiche ich das nächste Dorf, bevor mir das Essen ausgeht", murmelte sie leise. Unterwegs hatte sie zwar einige Beeren gefunden, doch wirklich satt machten sie nicht. Merinbeeren – sie war eine der Möglichkeiten, die Roxy ihr für ihre vegetarische Ernährung am Vortag empfohlen hatte. Die kleinen roten Früchte waren nahezu würfelförmig und schmeckten gleichzeitig süß und leicht säuerlich, auf eine Art, die sie nicht ganz einordnen konnte. Leyla mochte sie überraschend gern. Ehrlich gesagt schmeckten sie sogar besser als vieles, was sie bisher in dieser Welt gegessen hatte. Ein sanfter Wind zog durch den Wald und strich kühl durch ihre Haare. Für einen kurzen Moment wurde die drückende Mittagshitze dadurch merklich angenehmer. Leyla öffnete langsam die Augen und ließ den Blick durch ihre Umgebung wandern. Die Bäume ragten hoch über ihr auf, ihre mächtigen Äste bildeten ein dichtes Blätterdach, durch das nur einzelne Sonnenstrahlen bis auf den Boden vordrangen – flimmernd und golden, in trägen Bahnen über Wurzeln, Moos und Farnpflanzen gleitend. Zwischen den Sträuchern entdeckte Leyla Blumen in wunderbaren Farben, Blumen die sie noch nie gesehen hatte. Tiefviolett, leuchtend blau, schimmerndes silber – als hätte jemand mit einem vollen Pinsel zwischen die Grüntöne getupft. Der Anblick beruhigte sie. Der Wald wirkte lebendig, aber nicht bedrohlich. Eher wie ein Ort, der einfach schon immer da gewesen war und keine Besucher brauchte – sie aber trotzdem duldete. Dann blieb Leylas Blick plötzlich hängen. Zwischen den Bäumen stand ein Hirsch. Das Tier hatte sie offenbar noch nicht bemerkt. Ruhig knabberte es an den Blättern eines Strauches, während sich seine Ohren gelegentlich leicht bewegten – aufmerksam, aber unbesorgt. Das Fell schimmerte im gefilterten Licht warm und braun, die Geweihstangen ragten wie stille Äste in die Luft. Leyla beobachtete ihn reglos. Unwillkürlich musste sie dabei an einen Abschnitt aus dem Buch denken, das sie in der Taverne gelesen hatte. -------------------------------------------------------------------------- „Und unter den Tieren gibt es jene, die einen besonderen Platz in Kameras Natur einnehmen." Leylas Blick blieb weiterhin auf dem Hirsch zwischen den Bäumen gerichtet, während die Worte aus dem Buch langsam in ihr aufstiegen – als hätte der Anblick des Tieres sie von selbst hervorgezogen. Der Hirsch hob langsam den Kopf. Sonnenlicht fiel schräg durch die Äste auf sein braunes Fell und ließ das große Geweih leuchten, wie aus Licht gemeißelt. „Der Tiger ist mächtig. Er regiert die Dschungel des Nordostens. Kamera gab ihm die Krallen, damit er seine Beute erlegen kann. Genauso wie der Mensch macht der Tiger sich die Natur zu eigen, jagt und frisst in seinem Reich." Der Wind bewegte leise die Blätter über ihr, während die Erinnerung an den Text weiter durch sie hindurchfloss. „Der Frostwolf ist gerissen. Er lebt in den gefrorenen Eiswüsten des Nordens. Kamera gab ihm das Heulen, damit er das Rudel anführen kann. Genauso wie der Mensch ist der Frostwolf in der Gemeinschaft stark, niemals jedoch als Alleingänger." Unwillkürlich musste Leyla an den Wolfsbettler in Migar denken. Der Gedanke jagte ihr noch immer ein leicht unangenehmes Kribbeln über den Rücken – etwas, das sich weder ganz einordnen noch ganz ignorieren ließ. Gerne würde sie herausfinden, welchem Volk der Mann angehörte. Dann wanderte ihre Aufmerksamkeit zurück zu dem Hirsch. Ruhig stand das Tier zwischen den Sträuchern, vollkommen friedlich und beinahe unwirklich still – als wäre es kein echtes Tier, sondern ein Gemälde, das jemand sorgfältig zwischen die Bäume gesetzt hatte. „Der Hirsch ist majestätisch. Er lebt in den Wäldern des Kontinents. Kamera gab ihm das Geweih, damit man ihn bewundern kann. Genauso wie der Mensch und der Wesen ist der Hirsch besonders unter den Tieren, und es gilt, ihn zu schützen und zu ehren." Leyla betrachtete das Tier schweigend. Dann atmete sie leise durch die Nase aus. „Der Hirsch ist schon sehr schön", murmelte sie vor sich hin. Ihr war durchaus bewusst, dass die Tiere nur als Sinnbilder dienten – als Bausteine eines Weltbildes, das jemand vor langer Zeit in Worte gefasst hatte. Trotzdem wusste sie, dass sie wohl oder übel auch solche Texte lesen musste, wenn sie diese Welt wirklich verstehen wollte. Man konnte eine Welt nicht kennenlernen, indem man nur die Dinge las, die einem bereits gefielen. -------------------------------------------------------------------------- —RÖHR— Leyla zuckte leicht zusammen, als der Hirsch plötzlich ein tiefes, langgezogenes Dröhnen ausstieß, das zwischen den Stämmen widerhallte und den stillen Wald für einen Moment vollständig erfüllte. Das Geräusch hallte noch nach, während Leyla ihn weiter beobachtete. Die Szene wirkte beinahe unwirklich friedlich. Und genau in diesem Moment wurde Leyla bewusst, wie sehr sie ihn festhalten wollte. Nicht nur als Erinnerung. Sie hätte ihn zeichnen wollen. „Nicht mal ein Schnitzmesser habe ich dabei", murmelte sie leise, den Blick noch immer auf dem Tier. Der Gedanke ließ sie nicht los. „Ich muss mir in der nächsten Stadt unbedingt ein Notizbuch kaufen. Falls es hier überhaupt sowas gibt." Gedankenverloren begann sie mit einem Stock Linien in den weichen Waldboden zu zeichnen. Krude Formen. Geweihe. Baumstämme, die ins Nichts ragten. „Dann könnte ich mir wenigstens solche Momente skizzieren." Sie vermisste die Kunst mehr, als sie erwartet hätte. ,,Und zusätzlich könnte ich mir dann Notizen machen’’, überlegte Leyla leise. Der Hirsch hob plötzlich den Kopf. Seine Ohren stellten sich auf, das ganze Tier schien für einen Herzschlag lang zu erstarren – angespannt, hellwach. Dann sprang er mit einer einzigen fließenden Bewegung davon und verschwand lautlos zwischen den Bäumen, als wäre er nie dagewesen. Leyla sah ihm nach. „Das ist wohl mein Zeichen, weiterzugehen." Sie schulterte ihren Rucksack und setzte den Weg fort. Mit jedem Schritt veränderte sich die Atmosphäre. Der Wald wurde dichter, die Stämme breiter, das Licht zwischen den Kronen spärlicher. Wurzeln durchzogen den Boden wie alte, vergessene Adern, und zwischen Farnen und Moos lagen umgestürzte Bäume, deren Holz bereits langsam in den Waldboden zurückkehrte. Dann blieb Leyla abrupt stehen. Vor ihr klaffte ein gewaltiges Loch im Boden. In Leyla stieg ein mulmiges Gefühl auf. Der Krater war mehrere Meter breit und mindestens genauso tief. Erde und Wurzeln ragten aus den aufgerissenen Rändern hervor, als wäre der Boden plötzlich auseinandergebrochen. Kleine Steine lagen verstreut am Grund, die Böschung wirkte instabil und unberechenbar. Verwirrt trat Leyla einen Schritt näher. „Wie entsteht denn sowas…?" Der Anblick erinnerte sie an Bilder von eingesackten Straßen oder Einschlagkratern. Ein Erdrutsch vielleicht. Oder ein Erdbeben. Doch mitten im Wald wirkte das Ganze unheimlich fehl am Platz – zu abrupt, zu gewaltsam für die stille Ruhe um sie herum. Nachdenklich ließ sie den Blick über beide Seiten des Weges gleiten. Links war der Pfad beinahe vollständig von dichtem Gestrüpp überwuchert. Dunkle Zweige und Dornen hatten sich ineinander verflochten und bildeten eine fast undurchdringliche Wand aus Geäst. „Soll ich mich mit dem Schwert hindurcharbeiten?" Schon beim Gedanken daran verzog sie das Gesicht. Das würde ewig dauern – und sie würde sich dabei wahrscheinlich selbst mehr verletzen als das Gestrüpp. Also die andere Seite. Dort ragten hohe, scharfkantige Felsen aus dem Boden und bildeten zumindest einen schmalen Übergang. Leyla ging auf sie zu. Sie setzte einen Fuß vor den anderen, jeden Schritt bedächtig, jede Gewichtsverlagerung bewusst. Die Oberflächen der Steine waren uneben und stellenweise locker, immer wieder lösten sich kleine Kiesel unter ihren Schuhen und fielen in die Tiefe. Konzentriert hielt sie das Gleichgewicht. Fast hatte sie die andere Seite erreicht. —KRAAAAH— Das plötzliche Krähen fuhr ihr durch den ganzen Körper. Reflexartig blickte sie nach oben. Auf einem Ast saß ein Rabe und beobachtete sie mit dunklen, neugierigen Augen – vollkommen reglos, als hätte er die ganze Zeit auf diesen Moment gewartet. Sofort musste Leyla an Katja denken. Katja liebte Raben. Sie hatte sogar dieses Krähentattoo auf dem Oberarm. Nicht ganz ein Rabe, aber nah genug. Wie gerne hätte sie ihr diesen Moment gezeigt. Gedankenverloren setzte sie noch einen Schritt. Dann rutschte ihr Fuß weg. „Fuck – fuck, fuck, fuck!" Panik schoss durch ihren Körper. Instinktiv griff sie nach irgendetwas, das ihr Halt bot. Doch ihre Hände fanden nur Luft und griffen ins Leere. Geröll löste sich unter ihr. Dann fiel sie. Für einen kurzen Moment verschwamm alles vor ihren Augen. Himmel. Felsen. Äste. Der Rabe, der ruhig von einem Ast auf den nächsten flog, während sie stürzte. Leyla spannte reflexartig den ganzen Körper an. —KRCK— Mit einem widerlichen Knacken schlug sie auf dem Kraterboden auf. Schmerz raste durch ihren Körper – scharf, brennend, heftig genug, dass ihr für einen Herzschlag schwarz vor Augen wurde. Keuchend versuchte sie sich aufzurichten, doch im selben Moment schoss ein Stechen durch ihren rechten Fuß. Zitternd blickte sie nach unten. Und sofort breitete sich Panik in ihr aus. „Nein… nein, nein, nein…" Ihr rechter Fuß stand in einem völlig unnatürlichen Winkel ab. Tränen schossen ihr in die Augen, ihr Atem wurde hektisch und flach. Wie aus dem Nichts tauchte die Stimme ihres Vaters in ihr auf. „Wenn du alleine in der Natur unterwegs bist, achte immer darauf, dass dein Standort eingeschaltet ist. Wenn du dich verletzt und niemand weiß, wo du bist, kann das lebensgefährlich werden." Leyla schluckte schwer. Mit zitternden Fingern tastete sie vorsichtig ihren Fuß ab, obwohl sie die Wahrheit längst kannte. Die Schwellung war bereits sichtbar, jede kleinste Bewegung schickte neue Schmerzwellen durch ihr Bein, und die verdrehte Stellung ließ keinen Zweifel zu. Der Fuß war gebrochen.
- Kapitel 19 - Fer Stahl
Das warme Licht der goldenen Kristalle in den gewaltigen Höhlendecken von Erzofen tauchte die Stadt in einen ewigen Dämmerglanz. Straßen, Treppen und steinerne Brücken zogen sich durch die riesige unterirdische Metropole wie Adern durch einen Berg aus schwarzem Fels, und zwischen den hohen Hallen hallten Stimmen, Hammerschläge und das entfernte Kreischen von Loren wider. Fer ließ seinen Blick über den gewaltigen Stadtkrater im Zentrum schweifen, während er langsam die breite Treppe hinaufstieg. Von hier oben wirkte Erzofen noch majestätisch – die Paläste der alten Familien ragten aus dem Stein hervor wie Denkmäler einer vergangenen Zeit, Fassaden, Säulen und Balkone mit Gold und Silber verziert, Zeugen von Jahrhunderten des Reichtums. Doch der Glanz täuschte. Fer wusste das besser als die meisten. Fast die Hälfte aller Minen war inzwischen versiegt. Gold, Silber und Edelsteine wurden längst nicht mehr in den alten Mengen gefördert, viele Schächte standen leer, verlassen von den Familien, die dort einst Generationen lang gearbeitet hatten. Auch die Familie Stahl hatte der Niedergang schwer getroffen. Seit über dreitausend Jahren waren die Stahls Goldschmiede gewesen – sie hatten das Kaiserreich beliefert, und lange bevor es überhaupt existiert hatte, hatten selbst das Elfenreich und der Vampiradel Schmuckstücke aus ihren Werkstätten getragen. Damals war Gold beinahe selbstverständlich gewesen. Heute war jedes Gramm kostbar. Die eigene Familienmine war bereits vor fünfzehn Jahren erschöpft, und auch im Wesirgraben waren die meisten Vorkommen mittlerweile nahezu vollständig abgebaut. Fer bog in die Handwerksgasse ein. Fast vierzig Häuser und Werkstätten waren direkt in den Fels geschlagen worden, aus offenen Fenstern drangen Licht, Hitze und der Klang arbeitender Hämmer, und der Geruch von geschmolzenem Metall und Kohle lag schwer in der Luft. Doch selbst hier hatte sich etwas verändert. Früher hatten die Straßen voller Kunden gestanden. Heute wirkten viele Werkstätten still. Während Gold immer teurer wurde, blieben die Preise für den Schmuck seiner Familie nahezu unverändert – die Händler des Kaiserreichs weigerten sich, mehr zu zahlen. Fer erinnerte sich an das Gespräch zwischen seinem Bruder Reval und einem Händler aus den Mittellanden. Der Mann hatte nur mit den Schultern gezuckt. ,,Zwergenproblem.’’ Fer spürte, wie sich die Sorgen erneut schwer auf seine Schultern legten. Nicht nur seine Familie kämpfte ums Überleben – ganz Erzofen tat es. Langsam blieb er vor dem steinernen Eingang des Familienanwesens stehen. Das alte Symbol der Familie Stahl war noch immer über der Tür eingraviert, doch selbst das Gold darin hatte längst seinen Glanz verloren. Einen Moment verharrte Fer schweigend davor. Dann öffnete er die Tür und trat ein. -------------------------------------------------------------------------- „Es ist wieder eine Ader versiegt." Fer hob langsam den Blick zu seinem älteren Bruder. Reval Stahl saß ihm auf der anderen Seite des schweren Holztisches gegenüber, und das flackernde Licht des Kamins ließ die tiefen Schatten unter seinen Augen noch deutlicher hervortreten. Seit dem Tod ihres Vaters lag die gesamte Verantwortung der Familie auf seinen Schultern. Ihr Urgroßvater hatte einst als Belohnung für seine Verdienste um Erzofen die Schürfrechte im Wesirgraben erhalten. Die Schlucht war damals reich an Goldadern gewesen, und über Generationen hinweg hatte die Familie Stahl dort Minen betrieben und sich einen Namen als Goldschmiede gemacht, deren Arbeiten selbst außerhalb der Zwergenreiche bekannt waren. Doch dieser Wohlstand zerfiel langsam. In den vergangenen Jahrzehnten waren immer mehr Minen versiegt – und nun war eine weitere gefallen. „Dabei hatten wir schon vorher Probleme, genug Gold für die Schmiede zu fördern", sagte Fer leise. Sein Blick ruhte auf der Glut des Kamins. Das Feuer brannte nur noch schwach und warf flackernde Schatten über die Steinwände, die Wärme erreichte kaum noch die hinteren Ecken der Halle. „Wenn das so weitergeht…" Revals Stimme wurde leiser. „…sind wir in spätestens zwei Jahren bankrott." Die Worte hingen schwer in der Luft. Reval umklammerte den Bierkrug in seinen Händen so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten, seine Schultern eingesunken, als hätte ihn die Last der vergangenen Monate langsam niedergedrückt. Fer kannte diesen Blick – er hatte denselben Ausdruck bereits bei ihrem Vater gesehen. Zu viel Verantwortung. Zu wenig Hoffnung. „Ich werde einfach mehr arbeiten müssen", sagte Reval schließlich mit erzwungen ruhigem Tonfall. „Zusätzlich können wir Gold von außerhalb kaufen. In Marnstein sind die Preise etwas besser. Ich könnte alle paar Monate selbst dorthin reisen." Fer schwieg. Natürlich würde Reval das tun – er würde sich bis zur völligen Erschöpfung antreiben. „Wenn er so weitermacht, endet er genauso wie Vater." Still aß er ein Stück von dem Braten, den Reval zubereitet hatte. Eigentlich hatte er seinen Entschluss längst gefasst, hatte tagelang darüber nachgedacht. Und er wusste bereits jetzt, dass sein Bruder die Idee hassen würde. Schließlich legte Fer das Besteck langsam beiseite. Sein Blick fiel noch einmal auf den alten Altar in der Ecke des Raumes. Er zeigte einen gehörnten Mann, den sein Vater stets den „Schutzherr der Zwerge" genannt hatte. „Ich werde auf Reisen gehen, Bruder." Reval hob den Kopf und sah Fer an, doch der ließ sich nicht beirren. „In Malyl gibt es Abenteurergilden. Wenn ich mich dort einer anschließe, kann ich gutes Geld verdienen und es nach Hause schicken." Einen Moment starrte Reval ihn einfach an. Dann wich jede Farbe aus seinem Gesicht. „Nein." Seine Stimme war schärfer als zuvor. „Das ist viel zu gefährlich." Er stellte den Krug hart auf den Tisch. „Außerdem ist es meine Aufgabe als Familienoberhaupt, für unseren Wohlstand zu sorgen. Nicht deine." Er schüttelte entschieden den Kopf. „Ich erlaube dir nicht, diesen Plan umzusetzen." Fer lächelte nur müde. „Bruder. Denk wenigstens darüber nach." Stille breitete sich aus. Das Feuer knackte leise im Kamin, während Reval schweigend in die Glut starrte. Mehrere Minuten vergingen, bevor er sprach. „Du hast nicht unrecht", gab er widerwillig zu, die Stimme erschöpft. „Die Gilden wären vermutlich der schnellste Weg, viel Geld zu verdienen." Er nahm einen langen Schluck Bier. „Mit genug Kapital könnten wir die Werkstätten umbauen, neue Handelswege aufbauen – vielleicht sogar unabhängiger vom Gold werden." Fer nickte langsam. „Also erlaubst du es mir?" „Nein." Diesmal kam die Antwort leiser. Trauriger. „Das Risiko ist zu hoch." Reval sah ihn direkt an. „Einer von vier Abenteurern überlebt das erste Jahr nicht. Und nur einer von fünf erlebt überhaupt das zehnte." Seine Stimme wurde brüchiger. „Dein Tod ist mir diesen Weg nicht wert." Langsam stand er auf, trat zu seinem Bruder hinüber und legte ihm schwer die Hand auf die Schulter. „Denk auch an Irne", sagte er leise. „Denk an das Kind in ihrem Bauch." Fer senkte kurz den Blick. Reval verweilte noch einen Augenblick, dann wandte er sich ab und ging in Richtung der Schlafräume. Kurz vor der Tür blieb er stehen. „Bitte, Fer." Er drehte sich nicht um. „Vertrau mir. Ich finde irgendeinen Weg." Dann verschwand er in der Dunkelheit des Ganges und ließ Fer allein am langsam verglühenden Feuer zurück. -------------------------------------------------------------------------- Fer betrachtete schweigend das Gesicht seiner Frau. Irnes blonde Locken lagen ungeordnet auf dem Kissen verstreut, halb verborgen im warmen Schein der kleinen Öllampe neben dem Bett. Selbst im Schlaf wirkte ihr Gesicht ruhig und sanft – noch immer genauso schön wie an dem Tag, an dem sie zum ersten Mal den Laden seiner Familie betreten hatte. Damals hatte sie eigentlich nur einen Ring reparieren lassen wollen. Fer lächelte schwach bei der Erinnerung. Langsam beugte er sich zu ihr hinunter und gab ihr einen vorsichtigen Kuss auf die Stirn. Irne reagierte nicht. Natürlich nicht – sie schlief immer tief wie ein Stein und Fer liebte das an ihr. Er konnte nachts neben ihr arbeiten, Metall schleifen oder Schmuckstücke polieren, ohne dass sie aufwachte. Selbst Hammerschläge aus den unteren Werkstätten hatten ihren Schlaf selten gestört. Sein Blick glitt unwillkürlich zu ihrem Bauch. Noch war kaum etwas zu sehen, und trotzdem fühlte sich der Gedanke seltsam unwirklich an. Ein Kind. Sein Kind. „Hoffentlich bekommt es deinen Schlaf…" flüsterte er. Vorsichtig zog er den zusammengefalteten Brief aus seiner Tasche und legte ihn neben Irne auf das Kopfkissen. Der Abschiedsbrief wirkte plötzlich viel schwerer, als er erwartet hatte. Einen kurzen Moment blieb Fer regungslos stehen. Dann zwang er sich, den Blick abzuwenden, und verließ leise das Schlafgemach. Die Gänge des Familienanwesens lagen still und dunkel da, nur das entfernte Glimmen der Schmieden warf schwaches Licht über die Steinwände. Fer ging hinüber zu seiner Werkstatt und blieb einen Moment stehen, den Blick schweigend über die Waffen an der Wand gleiten lassend. Äxte, Hämmer, alte Schilde – Erinnerungen an Generationen von Zwergen, die ihre Familien verteidigt hatten. Schließlich blieb sein Blick an einer Streitaxt hängen. Seiner Streitaxt. Er hatte sie von seinem ersten eigenen Einkommen gekauft, damals noch voller Stolz und völlig überzeugt, dass er sie vermutlich niemals ernsthaft brauchen würde. Langsam nahm er sie von der Wand und legte sie sich über die Schulter. Dann griff er nach dem Eisenhelm, den Reval ihm erst vor wenigen Wochen geschenkt hatte. Das Metall fühlte sich schwer an – fast wie eine letzte Erinnerung an seinen Bruder. Er schwieg einen Moment. Dann nahm er noch drei Goldmünzen aus einer kleinen Holzschatulle und stopfte Proviant in seine Tasche: Brot, getrocknetes Fleisch, Wasser. Nicht viel, aber genug für den Anfang. Schließlich zog Fer den zweiten Brief aus seiner Manteltasche. Im Gegensatz zum ersten war dieser deutlich kürzer. Langsam begann er ihn erneut zu lesen. -------------------------------------------------------------------------- ,,Reval, mein Bruder. Ich weiß, dass du meine Entscheidung nicht gutheißen wirst, sobald du bemerkst, dass ich fort bin. Aber ich kann nicht weiter zusehen, wie du denselben Weg gehst wie Vater. Du sagst mir, ich soll an Irne denken. Doch du hast ebenfalls Malya. Und Frek und Mita, die ihren Vater brauchen. Deshalb verstehst du sicher besser als jeder andere, warum ich das tun muss. Glaub mir, ich wünschte, ich könnte bleiben. Ich wünschte, es gäbe einen anderen Weg. Aber ich sehe keinen mehr. Sobald ich Malyl erreicht habe, werde ich euch schreiben. Und sobald ich Geld verdiene, schicke ich es nach Hause. Bitte pass in meiner Abwesenheit auf Irne auf. Und falls mir etwas zustoßen sollte, dann erzieh mein Kind bitte so, dass es stolz darauf sein kann, den Namen Stahl zu tragen. Ich liebe dich, Bruder. Fer’’ -------------------------------------------------------------------------- Fer ließ seinen Blick schweigend über die Pferde im Stall gleiten. Die grauen Tiere wirkten kräftig und widerstandsfähig, gebaut für lange Reisen durch Regen, Schlamm und Gebirge. Das schwarze Pferd daneben war größer als die anderen, seine dunklen Muskeln zeichneten sich deutlich unter dem glänzenden Fell ab, und in seinen Augen lag etwas Stolzes, Kämpferisches. Doch Fers Aufmerksamkeit blieb schließlich an den beiden weißen Pferden hängen. Ihr dichtes Fell glänzte im warmen Licht der Morgensonne, das durch die offenen Fenster des Stalls fiel und den Raum in goldene Farben tauchte. Ihre Augen wirkten ruhig, vertrauensvoll, sanft. Fer war allerdings nie jemand gewesen, der Tiere nach Schönheit auswählte. Er befand sich in Remerich, einer kleinen Stadt unweit von Erzofen. Von hier aus würde seine Reise beginnen – ein Gedanke, der sich noch immer seltsam unwirklich anfühlte. Langsam atmete er ein. Der Stall roch nach Heu, Leder und Pferdehaar, vertraute, ehrliche Gerüche, und für einen kurzen Moment spürte er eine Ruhe, die er seit Wochen nicht mehr gefühlt hatte. Doch darunter lag Anspannung. Er wusste, dass diese Entscheidung sein gesamtes Leben verändern würde. [???] „Wenn Ihr ein starkes Kriegspferd sucht, Herr Zwerg, dann solltet Ihr Euch dieses hier genauer ansehen." Fer drehte sich um. Der Pferdehändler war ein breitschultriger Mann mittleren Alters mit buschigem Bart und einem Gesicht, das ständig kurz davor wirkte zu grinsen. Er strich stolz über den Hals des schwarzen Pferdes, das kräftig schnaubte und mit den Hufen über den Boden scharrte, als wolle es die Worte bestätigen. „Beeindruckend", gab Fer zu und ignorierte die leicht herablassende Betonung von Herr Zwerg. „Aber ich suche eher nach zuverlässigen Zugpferden." Er deutete auf die beiden weißen Tiere. „Wie sieht es mit denen aus?" „Gute Wahl." Der Händler nickte. „Die beiden sind keine Rennpferde, aber sie halten durch. Stark, ruhig, zuverlässig – genau das, was man für lange Reisen braucht." Fer trat näher heran. Die Tiere blieben ruhig. Das gefiel ihm. „Wie viel?" Der Händler lächelte breit, als hätte er genau auf diese Frage gewartet. „Zwei Goldstücke. Dann gehören beide Euch." Fer spürte, wie schwer die Summe in seinem Kopf nachklang. Zwei Gold – für viele Menschen genug, um sich in einer Großstadt eine kleine Wohnung zu kaufen, auf dem Land beinahe einen ganzen Hof. Doch ohne Pferde würde die Reise nach Malyl deutlich schwieriger werden. Er schwieg einen Moment, ließ sich Zeit mit den Worten. „Zwei Gold sind ein hoher Preis." Er deutete nach draußen auf den alten Planwagen im Hof. „Wenn der Wagen dazugehört, haben wir ein Geschäft." Der Händler lachte laut auf. „Ihr Zwerge seid wirklich unangenehme Verhandler. Aber ich mag Leute mit Rückgrat." Er streckte die Hand aus. „Abgemacht." Es dauerte nicht lange, bis die beiden weißen Pferde aus dem Stall geführt wurden. Ruhig ließen sie sich vor den Planwagen spannen, während der Händler noch einmal die Gurte kontrollierte und den Wagen ein Stück vorzog. Die Räder ratterten gleichmäßig über den Hof. „Sieht alles gut aus." Fer nickte, übergab die Goldmünzen und gab dem Mann einen festen Händedruck. Kurz darauf stand er allein neben dem Wagen. Der Morgenwind strich durch seinen Bart, während die beiden Pferde ruhig nebeneinander schnaubten. Er betrachtete sie einen Moment schweigend. Dann lächelte er schwach. „Na gut", murmelte er. „Dann sind wir jetzt wohl zu dritt." Vorsichtig strich er einem der Pferde über den Hals. Dann kletterte er auf den Wagen. -------------------------------------------------------------------------- Fer konnte seine Augen kaum noch offen halten. Der lange Reisetag hatte ihn vollkommen ausgelaugt, seine Schultern schmerzten vom Halten der Zügel, und selbst das aufrechte Sitzen fiel ihm schwer. Die Dunkelheit, die sich langsam über die Landschaft legte, machte den Weg zusätzlich gefährlich. Schwere Wolken bedeckten den Himmel. Nur gelegentlich brach das blasse Licht des Skullaers zwischen ihnen hervor und legte einen kalten silbernen Schimmer über die Straße, einsam inmitten der schwarzen Nacht. Im hinteren Teil des Wagens klapperten die Holzkisten leise bei jeder Unebenheit – Waren für Malyl, ein kleiner Auftrag, nicht besonders lukrativ, aber genug, um die Reisekosten zu decken. Fer rieb sich müde über die Augen. Da blieben die Pferde plötzlich stehen. Sein Körper spannte sich an. Die beiden weißen Pferde schnaubten nervös und stampften unruhig mit den Hufen auf den Boden. Fer griff nach der Laterne und ließ den Blick in die Dunkelheit wandern. Augen. Mehrere leuchtende Punkte zwischen den Bäumen. Ein ganzes Wolfsrudel bewegte sich langsam aus der Finsternis heraus – fast ein Dutzend Tiere, die den Wagen bereits umkreisten. Fer fluchte leise. Die Tiere hätten ihn allein vermutlich ignoriert. Aber nicht die Pferde. Und ohne die Pferde war seine Reise vorbei. Er griff nach der Streitaxt und sprang vom Wagen. Das Rudel veränderte seine Bewegung – vorsichtiger, hungriger. Der erste Wolf sprang plötzlich vor. Fer riss die Axt hoch, doch das Tier war zu schnell. Mit einer geschmeidigen Bewegung wich es zurück und verschwand wieder im Kreis der anderen. Die Wölfe kamen näher. Schritt für Schritt. Zwei griffen gleichzeitig an. Fer reagierte instinktiv und rammte die Axt mit voller Kraft nach vorne – die Klinge bohrte sich tief in den Schädel des ersten Tieres, ein schmerzerfülltes Jaulen zerriss die Nacht. Doch im selben Moment traf ihn der zweite Wolf. Scharfe Zähne bohrten sich brutal in sein rechtes Bein. Fer schrie auf. Der Schmerz riss ihm beinahe den Verstand fort. Er verlor das Gleichgewicht, stürzte schwer zu Boden, und die Axt glitt ihm aus den Händen und landete mehrere Schritte entfernt im Dreck. Verzweifelt streckte er die Hand danach aus. Zu weit. Die Wölfe bewegten sich bereits wieder auf ihn zu. Warmes Blut lief über seinen Unterschenkel. „Sterbe ich wirklich hier…?" Dann verschwand plötzlich jedes Geräusch. Keine Wölfe. Kein Wind. Keine Pferde. Vollkommene Stille. Fer erstarrte. Langsam bemerkte er Bewegung auf dem Boden – kleine Blumen, die mitten auf der kalten Straße aus der Erde wuchsen und sich innerhalb weniger Augenblicke um ihn ausbreiteten wie ein stilles Meer aus Farben. Die Wölfe flohen. Nicht hektisch, nicht panisch, sondern… ehrfürchtig. Fer blickte auf. Eine Gestalt näherte sich langsam, das lange Haar leicht im Wind bewegt. Und auf ihrem Kopf – zwei grüne, geschwungene Hörner. Die Frau beugte sich ruhig zu ihm herunter. „Dein Name ist Fer Stahl, richtig?" Ihre Stimme war nicht laut, doch inmitten dieser unnatürlichen Stille hallten die Worte durch seinen Kopf. Verwirrt nickte er. Woher kannte sie seinen Namen? Die Frau betrachtete ihn einen Moment schweigend. Dann sprach sie erneut, die Augen ruhig, fast traurig. „Geh nach Hemmingen. Dort wird man dich heilen." Fer blinzelte. Und sie war verschwunden. Die Blumen ebenfalls. Die Nachtgeräusche kehrten schlagartig zurück – Wind, Pferde, das ferne Heulen der Wölfe irgendwo in der Dunkelheit. Eines der weißen Pferde wieherte nervös. Fer starrte benommen in die Nacht. Hatte er halluziniert? Geträumt? Dann meldete sich der pochende Schmerz in seinem Bein. Er verzog das Gesicht, griff nach der Axt und stemmte sich mühsam wieder hoch. „Na wunderbar", murmelte er erschöpft. „Auf nach Hemmingen… huh?"
- Kapitel 18 - Das Rattern der Räder
„Sehr geehrte Damen und Damen, in wenigen Stunden erreichen wir den nächsten Halt Oldenburg. Der Ausstieg befindet sich in Fahrtrichtung links." Leyla seufzte leise und lehnte den Kopf gegen die Fensterscheibe. Draußen glitten die Berge Norddeutschlands vorbei, grau und gewaltig unter dem wolkenverhangenen Himmel. Zwischen den Felsen lagen kleine Wälder und vereinzelte Dörfer, die im Nebel verloren wirkten. —RATTER— Ihr Blick wanderte zurück zu ihrem Kunstprojekt. Auf dem Blatt war ein schwarzer Vogel zu sehen, der genüsslich in einen roten Apfel pickte – die Schattierungen der Federn perfekt gelungen, das Licht auf der Frucht ebenso. Ein Meisterwerk. Zumindest fand Leyla das. —RATTER— Genervt verzog sie das Gesicht. Dieses Geräusch machte sie langsam wahnsinnig. Mit einem missmutigen Blick sah sie zu dem Zugführer hinüber, der einige Reihen weiter durch den Waggon lief. Der Lupid trug seine dunkelblaue Uniform geschniegelt wie ein Soldat und hatte ein freundliches, beinahe irritierend ruhiges Lächeln im Gesicht. „Entschuldigen Sie", begann Leyla. „Könnten Sie bitte dieses nervige Geräusch abstellen?" Der Lupid blieb stehen. Sein Lächeln wurde nur noch breiter. „Welches Geräusch meinen Sie?" Leyla zeigte mit ausgestrecktem Finger auf den Boden. —RATTER— „Na das da!" Der Zugführer nickte langsam, als hätte er endlich verstanden. Dann griff er in seine Manteltasche und zog eine kleine Spindelrolle hervor. Schwarze Fäden lösten sich davon und hingen bewegungslos in der Luft. Leyla blinzelte. „Ähm…" Der Lupid betrachtete die Fäden mit ernster Miene, als würde er ein hochkomplexes Problem analysieren. —RATTER— Leylas Auge zuckte leicht. „Und warum", fragte sie langsam, „machen die Räder eines ICEs überhaupt solche Geräusche?" -------------------------------------------------------------------------- Als Leyla die Augen öffnete, wusste sie augenblicklich, dass der ICE nur ein Traum gewesen war. Die ihr kaum noch vertrauten Geräusche der modernen Welt waren verschwunden. Keine Lautsprecherstimmen, keine Handys. Nur Dunkelheit und ein dumpfes, rhythmisches Schwanken unter ihr. „Wo bin ich…?" murmelte sie benommen. „Und warum ist mir so warm…?" Ihr Körper fühlte sich seltsam schwer an – taub, jede Bewegung kostete Kraft. Unter ihr lagen weiche Decken, doch als ihre Finger tastend weiterglitten, stießen sie gegen raues Holz. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit. Um sie herum standen mehrere Kisten und Säcke, ein großer Krug war mit dicken Seilen befestigt, und der Geruch von Stoff, Leder und trockenem Holz hing in der Luft. —RATTER— Leyla zuckte leicht zusammen. Langsam richtete sie sich auf – und bereute es sofort. Ihre Muskeln protestierten, ein dumpfer Schmerz zog durch ihre Glieder. Erst dann bemerkte sie das schwankende Gefühl unter sich. Der Boden bewegte sich. Ein Planwagen. Neben ihr lagen ihre Sachen ordentlich gestapelt – ihr Schwert, ihr Notizblock. Ihr Atem stockte. Hastig tastete sie ihren eigenen Körper ab. Sie trug andere Kleidung, groben braunen Stoff, schlicht und unscheinbar, aber sauber. Nicht ihre Kleidung. —RATTER— Diesmal hörte sie neben dem Holpern der Räder noch etwas anderes. Ein rhythmisches Klackern. Hufe. Langsam kehrten ihre Erinnerungen zurück – die Entführung, die Ketten, die feuchte Dunkelheit der Zelle. Leylas Hände verkrampften sich leicht. „Wenn meine Sachen hier sind… hat Liam mich gerettet? Ist er hier?" Vorsichtig kroch sie nach vorne und hob die Plane einen schmalen Spalt an. Im nächsten Moment erstarrte sie. Auf dem Kutschbock saß ein kleiner, muskulöser Mann mit einem Eisenhelm, seine schlichte Lederrüstung glänzte matt im Licht der Morgensonne. Vor ihm zogen zwei kräftige weiße Pferde den Wagen über eine breite gepflasterte Straße. Der Kutscher richtete seinen Helm und blickte kurz über die Schulter. Leylas Herz setzte einen Schlag aus. Sie ließ die Plane fallen und zog sich hastig zurück. „Hat er mich gesehen?" Ihr gefiel überhaupt nicht, dass sie transportiert wurde, ohne sich daran erinnern zu können, zugestimmt zu haben. Sie griff nach ihrem Schwert – die raue Kälte des Griffes beruhigte sie ein wenig. Langsam schlich sie zur Rückseite des Wagens, öffnete die Plane einen Spalt und blickte hinaus. Kalter Morgenwind strich durch ihre Haare. Sie spannte bereits die Beine an. [???] „Na endlich." Die Stimme klang müde, aber belustigt. „Ich dachte schon, du machst es dir da drin gemütlich und lässt mich die ganze Arbeit erledigen." Eine kurze Pause. „Also? Schon fit für den nächsten Kampf, oder brauchst du noch ein Nickerchen?" Leyla erstarrte. Langsam drehte sie den Kopf. Und blickte direkt in Liams Gesicht. -------------------------------------------------------------------------- „Ich verstehe… so ist das also." Leyla nickte langsam, während sie die vergangenen Ereignisse Stück für Stück verarbeitete. Nachdem Liam sie befreit hatte, waren sie gemeinsam nach Hemmingen gereist, wo sie einen Zwerg namens Fer Stahl getroffen hatten, der ohnehin auf dem Weg nach Malyl gewesen war. Schließlich hatten sie beschlossen, gemeinsam weiterzureisen. Oder eher: Liam hatte beschlossen, während Leyla bewusstlos gewesen war. Ihr Körper brauchte trotz seiner Heilmagie Zeit, um sich zu erholen – die Wunden waren verheilt, doch die Erschöpfung saß noch immer tief in ihren Knochen. Leyla wandte leicht den Kopf und sah zu Liam hinüber. Er saß neben ihr auf der Rückbank des Planwagens und wirkte beinahe entspannt, doch sein Blick wanderte immer wieder über die Umgebung. „Wie lange habe ich geschlafen?" „Ungefähr eine Woche. Wir sollten bald Langfeld erreichen." Leyla blinzelte. „Eine Woche…" Langsam sah sie hinaus auf die vorbeiziehende Landschaft. „Dann bin ich bald schon zwei Monate in dieser Welt." Der Gedanke fühlte sich seltsam unwirklich an. Vor ihnen erstreckte sich ein endloses grünes Meer aus Gras, beinahe friedlich, als hätte die Welt selbst vergessen, wie grausam sie sein konnte. In der Ferne erhoben sich die gewaltigen Berge der Larifen, ihre Gipfel halb in Wolken getaucht. Der Himmel darüber war klar und tiefblau, nur wenige weiße Wolken zogen langsam hindurch, wie mit Farbe auf eine Leinwand gesetzt. Für einen Moment ließ Leyla ihren Blick einfach auf der Landschaft ruhen. Dann sah sie wieder zu Liam. „Danke", sagte sie leise, und ihre Stimme stockte leicht. „Danke, dass du mich gerettet hast." Allein die Erinnerung an die Gefangenschaft ließ ihre Kehle eng werden. Liam winkte locker ab. „Gern geschehen." Ein schiefes Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Aber jetzt schuldest du mir was. Sagen wir… zehn Goldmünzen?" Leyla starrte ihn einige Sekunden lang an. Dann huschte ein kleines Schmunzeln über ihre Lippen. „Was für ein Idiot…" Trotzdem fühlte sich seine lockere Art seltsam beruhigend an. Sie zog ihre Tasche näher, holte die Karte hervor und breitete das Papier auf ihren Knien aus. Langfeld lag ungefähr auf halber Strecke nach Malyl. „Hoffentlich finde ich dort endlich Informationen…" Doch noch während sie darüber nachdachte, drängte sich ein anderer Gedanke in ihr Bewusstsein. Was passierte, wenn sie Malyl erreichten? Würde Liam danach einfach weiterziehen? Der Gedanke traf sie unerwartet hart – ein dumpfer Schmerz breitete sich in ihrer Brust aus, und sie hasste sofort, wie sehr die Vorstellung sie belastete. Sie wollte es sich nicht eingestehen, aber die Idee, ohne ihn weiterzureisen, fühlte sich falsch an. Still steckte sie die Karte wieder weg und lehnte sich zurück. Das gleichmäßige Rattern des Wagens, das Klappern der Hufe und das entfernte Zwitschern der Vögel vermischten sich zu einer beinahe beruhigenden Geräuschkulisse, warmes Sonnenlicht fiel durch die Plane und legte sich angenehm auf ihre Haut. Zum ersten Mal seit langer Zeit begann sich die Anspannung in ihrem Körper langsam zu lösen. „Hey." Leylas Augen öffneten sich. Liam lächelte sie an – kein spöttisches Grinsen diesmal, nur ein ruhiger, warmer Ausdruck, der ihr mehr Trost spendete, als sie jemals laut zugeben würde. „Schlaf bloß nicht schon wieder ein." Leyla wandte den Blick ab und zog gedankenverloren ihr Notizbuch hervor. Mit jedem Strich auf dem Papier fühlte sich diese fremde Welt ein kleines Stück vertrauter an. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie aufmerksam Liam die Umgebung beobachtete. Seine Haltung wirkte locker, beinahe sorglos – doch seine Augen bewegten sich ständig. Über die Hügel, die Straße, den Horizont, immer auf der Suche nach möglichen Gefahren. „Selbst wenn er nichts sagt… passt er die ganze Zeit auf." Ein kaum sichtbares Lächeln erschien auf ihren Lippen, bevor sie sich wieder ihrer Zeichnung widmete. -------------------------------------------------------------------------- „Was meinst du, Blazer? Sollen wir Liam im Schlaf die Haare abschneiden?" Leyla strich grinsend über den Kopf des weißen Pferdes. Blazer schnaubte leise und bewegte die Ohren, während sein schneeweißes Fell im Licht des Lagerfeuers schimmerte. Seine tiefschwarzen Augen wirkten beinahe unheimlich aufmerksam, als würde er tatsächlich jedes ihrer Worte verstehen. Das andere Pferd hatte Leyla Charmeur genannt – vor allem, weil es sie immer so verführerisch ansah. Blazer wieherte leise. Leyla lachte. „Wusste ich's doch", sagte sie zufrieden. „Du bist eindeutig der Intelligenteste von euch." „Du weißt schon, dass ich euch hören kann?" Liam warf ihr vom anderen Ende der Feuerstelle einen trockenen Blick zu. Er lag entspannt im Gras, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, während die Abendsonne sein blondes Haar leicht golden wirken ließ. „Wenn du meine Haare auch nur anfasst, werf ich dich eigenhändig in den nächsten Fluss." Leyla zog demonstrativ eine beleidigte Miene. „Wow. So wenig vertraust du mir also?" Mit einem unschuldigen Lächeln rückte sie näher zu ihm, beugte sich vor und strich ihm absichtlich mit den Fingern durch die kurzen blonden Strähnen. Sie mochte dieses Gefühl viel zu sehr. „Hm", murmelte sie nachdenklich. „Eigentlich wären Glatze oder kahle Stellen ein echter Fortschritt für dich." Neben dem Feuer beobachtete Fer Stahl die beiden schweigend. Dann grinste der Zwerg breit. „Ihr zwei versteht euch ja verdächtig gut. Seid ihr ein Paar?" Leyla erstarrte. „W-Was?" Hitze schoss ihr ins Gesicht. Hastig zog sie die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt, und setzte sich viel zu schnell wieder ans Feuer. „Nein! Sind wir nicht!" Fer hob nur belustigt eine Augenbraue. Liam hingegen reagierte überhaupt nicht – er blieb still liegen und tat demonstrativ so, als hätte er die Frage nicht einmal gehört. Was Leyla irgendwie noch schlimmer fand. Verlegen starrte sie in die Flammen. Warum schlug ihr Herz plötzlich so schnell? Und warum fühlte sich dieses seltsame Kribbeln in ihrem Bauch so unangenehm an – und gleichzeitig irgendwie schön? —KNURR— Leyla blinzelte. Fer hielt ihr grinsend eine hölzerne Schüssel entgegen. „Suppe?" Erst jetzt bemerkte sie den Geruch. Warm, herzhaft, würzig. Ihr Magen entschied, dass sämtliche peinlichen Gedanken warten konnten. „Was für eine Suppe ist das?" fragte sie und blickte zu Fer auf. Der Zwerg lächelte zufrieden. „Kartoffelsuppe mit Graukopfpilzen." Leylas Augen begannen beinahe zu leuchten. Sie griff nach der Schüssel und aß ohne weitere Zurückhaltung. Die Wärme breitete sich in ihrem Körper aus und vertrieb die abendliche Kälte – die Kartoffeln waren weich, die Brühe kräftig gewürzt, und die Pilze hatten ein angenehm erdiges Aroma. Leyla schloss kurz die Augen. „Das ist unglaublich gut", sagte sie zwischen zwei Löffeln. Sie konnte sich ehrlich gesagt nicht erinnern, wann sie zuletzt etwas gegessen hatte, das sich so beruhigend angefühlt hatte. Nach einer Weile blickte sie zu Fer hinüber, den Mund noch halb voll mit Suppe. „Warum willst du eigentlich nach Malyl?"
- Kapitel 17 - Das Siegel des Löwen
,,LIAM, HILFE! ICH BIN–’’ Liam schreckte aus dem Schlaf hoch. Leylas panischer Schrei riss ihn mit brutaler Gewalt aus der Dunkelheit seines Traums – roh, schrill, vor Angst überkippt. „Leyla?!" rief er heiser und fuhr herum, während sein Blick fieberhaft die nächtliche Lichtung abtastete. Noch bevor das Echo ihres Rufs verklungen war, griff er nach seinem Dolch und sprang auf die Beine. Kaltes Adrenalin schoss durch seinen Körper wie ein Blitz, der keinen Ausweg findet. Dann fiel sein Blick auf den leeren Schlafsack. Die Decke lag aufgewühlt da, als hätte jemand sie mit einem einzigen Ruck beiseitegeschleudert. „Scheiße!" Er schleuderte eine Kugel aus magischem Licht in die Höhe. Das grelle Leuchten breitete sich knisternd über die Lichtung aus und tauchte den Waldboden in bleiches Silber – und enthüllte, was er befürchtet hatte: Zerdrückte Büsche. Abgebrochene Äste. Frische Fußspuren, tief in die feuchte Erde gedrückt, die in schnurgerader Linie aus dem Wald hinausführten. „Verdammt!" Liam setzte sich in Bewegung. Äste peitschten gegen seine Arme und sein Gesicht, während er sich mit aller Kraft durch das Dickicht kämpfte, den Atem stoßweise, zu schnell, zu hektisch. Nur ein einziger Gedanke hallte durch seinen Kopf. „Nicht nochmal." Für einen Herzschlag drängte sich Emilys Bild in seine Erinnerung – ihr regloser Körper, das Blut, die leeren Augen. Das Gefühl von Ohnmacht, das sich damals wie Gift in seine Brust gefressen und sich dort festgesetzt hatte. Er verdrängte das Bild mit Gewalt und zwang sich vorwärts. Jetzt nicht. Kurz darauf brach er aus dem Wald hervor und kam auf einem offenen Hügel abrupt zum Stehen. Kaltes Mondlicht ergoss sich über die weite Landschaft und ließ die sanften Hügel wie erstarrte Wellen eines schlafenden Meeres wirken – still, klar, gleichgültig. Dann sah er sie: Zwei Reiter jagten über das offene Grasland in Richtung der Berge, ihre Pferde donnerten durch die Nacht und zogen lange Schatten hinter sich her. Auf einem der Tiere lag eine reglose Gestalt. Leyla. Liams Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Er biss die Zähne aufeinander, bis sein Kiefer schmerzte. Zu Fuß würde er sie niemals einholen – keine Pferde, nicht auf offenem Gelände. Er stand da und sah ihnen nach, während Wut und Angst in seinem Inneren tobten wie ein Sturm, dem kein Ausweg bleibt. Der Impuls, einfach loszurennen – blind, sinnlos – war da. Aber selbst durch die Panik hindurch wusste er, dass es nichts ändern würde. Also zwang er sich zur Ruhe. Mit schweren Schritten kehrte er zur Lagerstelle zurück, sammelte Leylas Sachen ein, stopfte sie hastig zusammen und warf sich das Gepäck über die Schulter. Außerhalb des Waldes blieb er noch einmal stehen. Sein Blick folgte den Spuren, die sich durch die mondbeschienenen Hügel zogen und schließlich in der Dunkelheit verschwanden. Der Skullaer hing groß und bleich über der Welt, und die eisige Nachtluft schnitt durch seine Kleidung, als Liam seinen Weg begann. -------------------------------------------------------------------------- Liam saß mit verschränkten Beinen am Ufer des kleinen Sees, während neben ihm das sanfte Leuchten eines Naturgeistes durch die Dunkelheit flackerte. Die winzige Kreatur wirkte beinahe durchsichtig – ihr schimmernder Körper bewegte sich träge in der Luft, als trüge ihn ein lautloser Wind, und bei jeder Bewegung zogen feine Spuren aus grünlichem Licht durch die Nacht wie das Nachglühen erloschener Sterne. „Kannst du mir sagen, wohin die beiden Reiter mit der bewusstlosen Blauhaarigen geritten sind?" fragte Liam leise. Seine Stimme war ruhig, doch darunter lag eine Anspannung, die kaum noch zu verbergen war. Der Naturgeist antwortete nicht mit Worten. Stattdessen breitete sich Mana um Liam aus wie warmes Wasser, strömte sanft über seinen Geist und hinterließ klare Bilder in seinem Bewusstsein. Liam schloss die Augen. Er sah einen alten Turm – verfallen, einsam, aus schwarzem Stein, halb von Moos überwuchert und halb von der Natur zurückgefordert, Stück um Stück. Er lag verborgen am Rand eines dichten Waldgebietes, eingeschlossen von Hügeln und einem Wirrwarr aus uralten Bäumen, die ihre Äste wie stumme Wächter über ihn streckten. Liam öffnete langsam die Augen. „Danke, Kleiner", murmelte er mit einem erschöpften Lächeln. Der Naturgeist schimmerte ein letztes Mal auf. Sein Licht wurde schwächer, verblasste, bis es schließlich lautlos verschwand – wie ein einzelner Tropfen Regen, der im Meer untergeht. Zwei Tage waren vergangen, seit Leyla entführt worden war. Zwei endlose Tage voller Kälte, Müdigkeit und rastloser Suche. Liam hatte kaum geschlafen, war Stunde um Stunde weitergelaufen, getrieben von der Erinnerung an ihren panischen Schrei in jener Nacht. Immer wieder sah er ihre Augen vor sich – die Angst darin hatte sich tief in sein Gedächtnis gebrannt und ließ sich nicht auslöschen. Die Erschöpfung lastete schwer auf seinen Gliedern, seine Gedanken waren stumpfer als sonst, und selbst das Atmen fiel ihm schwerer als es sollte. Trotzdem hielt sein Wille ihn aufrecht. Den See hatte er eher zufällig entdeckt und sich widerwillig dazu gezwungen, kurz innezuhalten – tief in seinem Inneren ahnte er bereits, dass die Befreiung Leylas ihn fordern würde. Er brauchte jeden Rest Kraft, der ihm noch geblieben war. Langsam ließ er sich näher ans Wasser sinken und blickte in den Nachthimmel. Der Skullaer hing wie immer in der Mitte des Firmaments, hoch über der Welt, sein kaltes Licht spiegelte sich auf der stillen Oberfläche des Sees, und dahinter funkelten unzählige Sterne vor dem Endlosen Schwarz. Für einen Moment wurde es still in seinem Kopf. Dann dachte er an Leyla – an ihr ahnungsloses, beinahe kindliches Lächeln. Sie verstand so vieles nicht, betrachtete manche Dinge der Welt mit einer Naivität, die fast unwirklich wirkte. Und doch hatte Liam nie das Gefühl gehabt, mit jemandem zu sprechen, dem wirklich sämtliche Erinnerungen fehlten. Etwas stimmte nicht. Vielleicht war ihr Gedächtnis manipuliert worden. Vielleicht hatte jemand gezielt Teile ihrer Vergangenheit ausgelöscht. Liam starrte schweigend auf die Wasseroberfläche. Schon bevor die Entführung geschehen war, hatte er gespürt, wie sehr sich sein Leben verändert hatte, seit Leyla aufgetaucht war – die gemeinsamen Reisen hatten ihm mehr bedeutet, als er sich anfangs eingestehen wollte. Er schloss die Augen. Die Stille dieses Ortes konnte die Unruhe in seinem Inneren nicht besänftigen. Sobald er einschlief, hörte er wieder ihre Schreie, rissen ihn dieselben Bilder aus dem Schlaf, und mit jeder Stunde wurde das Gefühl stärker, dass ihm die Zeit davonlief. Er durfte keinen weiteren Tag verlieren. -------------------------------------------------------------------------- Als Liam den Turm erreichte, waren bereits fünf Tage vergangen, seit Leyla entführt worden war. Schon beim Aufstieg hatte ihn ein ungutes Gefühl begleitet – irgendetwas sagte ihm, dass Leyla nicht hier war. Der Wind fegte unbarmherzig über die Bergkämme und zerrte an seinem Mantel, während Liam auf die kleine Hütte neben dem verfallenen Turm zuging. Die dünne Höhenluft brannte in seiner Lunge, und jeder Atemzug fühlte sich unvollständig an, als würde seinem Körper selbst die Luft verweigert. Die Gegend wirkte verlassen. Still. Zu still. Liam blieb vor der schweren Holztür stehen und hob langsam die Hand. —KLOPF— Einige Sekunden lang geschah nichts. Dann drang von der anderen Seite eine zitternde Stimme hervor, so leise, dass er sie beinahe mit dem Heulen des Windes verwechselt hätte. [???] „Wer… wer ist da?" Das waren nicht die Männer, nach denen er suchte. „Mein Name ist Liam", antwortete er ruhig. „Ich suche nach meiner Freundin. Sie wurde vor fünf Tagen von zwei Reitern entführt. Ich hatte gehofft, dass hier vielleicht jemand weiß, wohin diese Männer verschwunden sind." Er bemühte sich um einen freundlichen Tonfall, doch die Erschöpfung und die Wut in seinem Inneren ließen seine Worte härter klingen, als er es wollte. Hinter der Tür wurde es still. [???] „Ich… ich habe nichts mit diesen Männern zu tun. Bitte geh einfach weiter…" Die Angst in dieser Stimme war unmöglich zu überhören. Liam schloss kurz die Augen. Der kalte Wind strich über sein Gesicht, während er den brodelnden Zorn in sich zurückdrängte. „Ich will dir nichts tun", sagte er ruhiger. „Aber ich muss diese Männer finden. Wenn du irgendetwas weißt, sag es mir bitte. Meine Freundin ist in ihrer Gewalt." Eine lange Pause folgte. Der Sturm rüttelte an den morschen Holzbrettern der Hütte, und irgendwo in der Ferne hallte das dumpfe Grollen eines Steins durch die Berge, bevor die Stille ihn wieder verschluckte. [???] „Du… du gehörst wirklich nicht zu ihnen?" „Nein." Liams Stimme wurde hart. „Diese Leute sind meine Feinde." Für einen Moment entglitt ihm die Kontrolle – die Wut vibrierte förmlich in seinen Worten, bevor er sich wieder fing. Hinter der Tür war ein leises Zittern zu hören. Dann, vorsichtig: [???] „Die Männer leben weiter oben in den Bergen. In einem kleinen Dorf namens Hierhall. Sie arbeiten mit einem Sklavenring aus dem Osten zusammen…" Die Stimme stockte. [???] „Sie haben auch meine große Schwester mitgenommen." Ein ersticktes Schluchzen drang durch die Tür, und Liam spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Langsam ballten sich seine Hände zu Fäusten. Der Gedanke, dass Leyla womöglich bereits an solche Menschen verkauft worden war, ließ etwas Dunkles in ihm aufsteigen – etwas, das er nur mit Mühe in Schach hielt. „Danke", sagte er schließlich leise. Trotz der ruhigen Worte lag eine gefährliche Schärfe in seiner Stimme. „Du hast mir mehr geholfen, als du denkst." Sein Blick verweilte einen Moment auf der alten Tür. „Ich werde diese Männer finden. Das verspreche ich dir." Ohne auf eine Antwort zu warten, wandte Liam sich ab und begann den steilen Gebirgspfad hinaufzusteigen. Der eisige Wind pfiff ihm um die Ohren, lose Steine rollten unter seinen Schritten den Abhang hinab, und die Kälte kroch durch seine Kleidung und fraß sich tief in seinen Körper. Doch der Frost, der sich in seinem Herzen ausbreitete, war weitaus kälter als alles, was diese Berge hervorbringen konnten. -------------------------------------------------------------------------- Der Kopf des Mannes flog durch die Luft. Für einen einzelnen, surrealen Augenblick blickten die weit aufgerissenen Augen noch auf den eigenen Körper hinab, bevor er dumpf über den gefrorenen Boden rollte und zwischen den Steinen liegen blieb. Liam stand reglos vor der Leiche. Das Schwert, das er wenige Minuten zuvor auf einem verlassenen Karren am Dorfrand gefunden hatte, noch immer in seiner Hand, und Blut rann langsam an der Klinge herab und tropfte lautlos auf den Boden. Der große Wachposten hatte nicht einmal Zeit gehabt, nach seiner Waffe zu greifen. Das Dorf wirkte wie ein Relikt aus einer anderen Zeit – kalt, verwahrlost, halb verrottet. Die Häuser bestanden aus dunklem Stein und morschem Holz, als hätte selbst die Welt diesen Ort längst aufgegeben. Zwischen den engen Gassen pfiff der Wind hindurch und trug ein heiseres Heulen mit sich, das beinahe wie Stimmen klang. Als würden die Toten dieses Ortes noch immer flüstern. Liam hob den Blick. Das Lagerhaus war das größte Gebäude des kleinen Dorfes – neben zwei Wohnhäusern und einer kleinen Kirche das einzige, das bewacht wurde. Dort war sie. „Wofür gibt es eigentlich die Kaiserlichen Kopfgeldjäger…?" murmelte er düster. In seiner Stimme lag blanke Verachtung. Noch während die Worte verklangen, öffnete sich die Tür des Lagerhauses knarrend. Ein kleiner Mann trat hinaus, einen Bierkrug in der Hand. [???] „Hey Fred, was machst du da draußen für einen Lärm?" rief er genervt. Dann bemerkte er die Leiche. Seine Augen weiteten sich. Liam reagierte instinktiv – der Dolch schoss aus seiner Hand wie ein dunkler Blitz und bohrte sich tief in den Hals des Mannes. Ein ersticktes Gurgeln entwich ihm, der Bierkrug fiel scheppernd zu Boden und zerbarst. Liam trat den noch zuckenden Körper wortlos zur Seite und öffnete die Tür einen schmalen Spalt. Vier. Drei Männer. Eine Frau. Mehr brauchte er nicht zu wissen. Ohne zu zögern stürmte er los. Der erste Mann war beinahe so groß wie der Wachposten draußen – breit gebaut, schwer bewaffnet. Er starb, bevor er seine Axt vollständig anheben konnte. Liams Schwert durchbohrte seine Brust mit brutaler Präzision, und der massige Körper brach krachend zusammen wie ein gefällter Baum. Ein weiterer Mann sprang brüllend auf, riss seine Axt hoch und stürzte sich mit verzerrtem Gesicht auf Liam. Der Hieb durchschnitt die Luft. Liam duckte sich darunter hinweg, trat dicht an ihn heran und presste die Hand gegen seine Brust. Sein Mana explodierte. Flammen brachen hervor und verschlangen den Mann innerhalb eines Augenblicks, seine Schreie verwandelten sich in ein entsetzliches Röcheln, und der Geruch von verbranntem Fleisch füllte den Raum. Die Frau reagierte als Nächste. Mit einem langen Messer in der Hand schrie sie auf und stürzte sich blind vor Wut auf ihn zu. Liam wich mit einer einzigen fließenden Bewegung aus. Die Frau bemerkte ihren Fehler zu spät. Seine Klinge glitt mühelos durch ihren Körper. Keuchend blieb sie stehen, Blut sickerte langsam aus ihrer Brust, die Augen ungläubig auf ihn gerichtet – dann brach sie zusammen. Nur noch der letzte Mann blieb übrig. Er zitterte am ganzen Körper, die Waffe fiel klappernd aus seiner Hand, bevor er auf die Knie sank und flehend beide Arme hob. „B-Bitte… bitte verschon mich…" stammelte er. Liam ging langsam auf ihn zu, die Augen kalt und leer. „Wo ist die Frau mit den blauen Haaren?" „H-hinten…" keuchte der Mann. „Im Käfig… die Treppe runter… hinter der Tür…" Liam schwieg einen Moment. „Danke", sagte er schließlich. Dann zog er langsam sein Jagdmesser. Der Mann begann zu weinen. Für einen kurzen Augenblick hielt Liam inne und blickte in die flehenden Augen vor sich – doch dann dachte er an Leyla. An ihre Schreie bei der Entführung. An die Vorstellung, was diese Menschen ihr angetan hatten. Mit einer einzigen Bewegung schnitt er dem Mann die Kehle durch. Stille kehrte ein. Liam atmete schwer. Sein Herz schlug hart gegen seine Rippen, während er den schmalen Gang hinunterging, das Blut an seiner Kleidung war bereits kalt. Am Ende stand eine schwere Holztür. Ohne langsamer zu werden, trat er sie auf. Das Holz splitterte krachend. Sein Blick durchsuchte den Raum. Dann sah er sie. Leyla. Sie lag in einer kleinen Zelle. Wasser tropfte aus einem Loch in der Decke auf den Steinboden, und ihre Kleidung war durchnässt. Blaue Flecken bedeckten ihre Haut, ihre Arme wirkten erschreckend dünn, und selbst das schwache Licht des Raumes konnte nicht verbergen, wie ausgebrannt sie war. Liams Atem stockte. „Leyla…" Seine Stimme wurde brüchig. „Ich bin so froh, dich zu sehen." Er trat auf die Zelle zu. „Geht es dir gut? Ich bringe dich hier raus. Du musst keine Angst mehr haben." „L-Liam…?" Ihre Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern – rau und gebrochen, wie die einer Person, die schon lange nicht mehr gesprochen hatte. „Ja", sagte Liam ruhig. „Ich bin hier." Als er sie vorsichtig hochhob, spürte er sofort, wie leicht ihr Körper geworden war. Viel zu leicht. Jeder Atemzug klang flach und schmerzhaft, als würde selbst das Atmen sie Kraft kosten. „Halte durch… bitte halte einfach durch…" Verzweifelt begann er, seine Heilmagie einzusetzen. Warmes Mana floss durch seine Hände und breitete sich langsam über ihren verletzten Körper aus. „D-Du musst vorsichtig sein…" murmelte Leyla schwach. „Hier sind mindestens drei Leute…" Liam konnte nicht anders als leise zu schmunzeln und erschöpft den Kopf zu schütteln. „Nein. Hier ist niemand mehr." Selbst jetzt dachte sie noch daran, ihn zu warnen – wie viel Kraft sie trotz allem noch aufbrachte, erschütterte ihn mehr, als er erwartet hatte. „Liam… du blutest…" flüsterte Leyla. Ein schwaches Lächeln erschien auf ihren blassen Lippen. „Das ist nicht mein Blut." Er hielt sie etwas fester. „Mach dir keine Sorgen." Langsam begannen sich ihre Verletzungen zu schließen. Als ihre Atmung ruhiger wurde, wurde auch seine Stimme sanfter. „Du kannst dich jetzt ausruhen." Warme Tropfen liefen über seine Haut. Erst nach einigen Sekunden begriff Liam, dass es Leylas Tränen waren. „Du hast durchgehalten", sagte er leise. „Ich bin jetzt bei dir." Und während er die bewusstlose Leyla durch den blutgetränkten Raum trug, mischte sich mit einem Schlag unter die Erleichterung plötzlich etwas anderes. Wut. Sein Blick fiel auf den verbrannten Körper den Mann, der um sein Leben gebettelt hatte. Auf dem Unterarm zeichnete sich ein Tattoo ab – klar, unverkennbar, selbst durch das Blut hindurch. Der Goldene Löwe. Das Zeichen der Privatarmee des Kaisers. -------------------------------------------------------------------------- Vorsichtig zog Liam Leyla die neuen Stoffkleider an, die er kurz zuvor auf dem Markt von Hemmingen gekauft hatte. Seine Bewegungen waren langsam und erschöpft – trotzdem achtete er darauf, den dünnen Stoff behutsam über ihre geheilte Haut zu ziehen. Mehrere Tage waren vergangen, seit er sie aus dem Dorf befreit hatte. Tage ohne echten Schlaf, in denen er sie beinahe ununterbrochen getragen und nicht aufgehört hatte, Heilmagie einzusetzen. Die Folgen spürte er inzwischen an jedem Glied: sein Körper fühlte sich schwer an, jeder Muskel schmerzte, seine Gedanken wirkten dumpf, und sein Mana war fast vollständig erschöpft. Selbst das einfache Aufstehen kostete ihn Kraft. Liam strich Leyla vorsichtig eine Strähne ihres blauen Haares aus dem Gesicht. Sie war noch immer bewusstlos – ihr Zustand hatte sich stabilisiert, doch sie wachte nicht auf. Sein Blick schweifte durch die kleine Herberge. Vielleicht sollte er hierbleiben. Ein paar Tage Ruhe, Schlaf, Zeit, damit Leyla sich erholen konnte. Doch kaum war der Gedanke entstanden, verwarf er ihn. Nein. Er wollte sie so schnell wie möglich fortbringen. Malyl. Dort mussten sie hin. Nachdem er Leyla wieder zugedeckt hatte, verließ er die Herberge und trat hinaus auf den Marktplatz. Die Nachmittagssonne hing tief über der kleinen Stadt und tauchte die Straßen in warmes, goldenes Licht. Händler riefen ihre Waren aus, Pferde schnaubten zwischen den Wagen, und irgendwo in der Luft hing der Geruch von gebratenem Fleisch und frischem Brot – ein seltsam friedlicher Kontrast zu allem, was hinter ihm lag. Dann entdeckte er einen Zwerg. Der kleine, breit gebaute Mann saß entspannt auf dem Bock eines großen Reisewagens, vor den zwei kräftige Pferde gespannt waren, und biss gemächlich in eine rote Frucht, während er das geschäftige Treiben auf dem Platz beobachtete. Liam trat näher heran. „Entschuldigung. Wohin reist du?" Der Zwerg musterte ihn kurz. Sein Blick blieb einen Moment länger an Liams erschöpftem Gesicht und den Blutflecken auf seiner Kleidung hängen, bevor er erneut von seiner Frucht abbiss. „Malyl", antwortete er knapp. Etwas von der Anspannung in Liams Brust löste sich. „Das passt gut", sagte er. „Meine Freundin und ich müssen ebenfalls nach Malyl." Er machte eine kurze Pause. „Vielleicht können wir uns einigen."
- Kapitel 16 - Verloren in der Dunkelheit
Tag 1: Leylas ganzer Körper schmerzte, als sie langsam zu Bewusstsein kam. Ein dumpfes, pochendes Gefühl zog sich durch ihre Glieder, und das kalte Eisen der Handschellen schnitt schmerzhaft in ihre Haut. —TROPF— Sie konnte nichts sehen – irgendetwas verdeckte ihre Augen. Der widerliche Geschmack eines Knebels in ihrem Mund verursachte einen Würgereflex, den sie aktiv unterdrücken musste. —TROPF— Das leise Tropfen von Wasser hallte durch den Raum. Ein stetiger, fast hypnotischer Klang, der von der bedrückenden Stille verschluckt wurde. Es war kalt. Eiskalt. Die Kälte kroch über ihre Haut, bis in ihre Knochen, und ließ sie unkontrolliert zittern. —TROPF— „Wo bin ich?" Die schneidenden Erinnerungen an den letzten Abend stiegen langsam in ihr auf. „Ach ja… ich wurde entführt." —TROPF— Eine Welle aus Angst und Verzweiflung überrollte sie. Sie wollte schreien, doch der Knebel erstickte jedes Geräusch. Sie zerrte an den Ketten – doch sie wusste, dass ihre Kräfte niemals ausreichen würden, um sich zu befreien. Erschöpft ließ sie die Arme wieder sinken, die Ketten klirrten leise nach. —TROPF— Ob Liam wohl nach ihr suchte? Hatte er ihre Schreie überhaupt gehört? Und wo zur Hölle war sie? —TROPF— Die Beklommenheit, die sie spürte, war überwältigend. Sie fühlte sich allein – aber nicht auf die freie Art, wie sie sich vor dem Treffen mit Liam gefühlt hatte. Nein. Es war die Art von Einsamkeit, die das Herz schwerer machte, mit jedem Atemzug ein kleines Stück mehr. —TROPF— „Was haben sie vor?" Die Vorstellung ließ sich kaum verdrängen. „Werden sie mich versklaven? Foltern? Töten?" —TROPF— Leyla konnte nicht verhindern, dass Tränen unter ihrer Augenbinde hervorliefen und ihre Wangen hinabrollten. Sie zitterte nicht mehr nur vor Kälte, sondern auch vor Angst. Der Gedanke daran, wie leicht sie in eine Lage wie diese geraten war, ließ ihr Blut in den Adern gefrieren. —TROPF— „Ich will das nicht…“ -------------------------------------------------------------------------- Tag 2: Leylas ganzer Körper schmerzte und verhinderte, dass sie wirklich schlafen konnte. Dann hörte sie Schritte, die sich ihr näherten. —TROPF— „Wer ist das?" Ihre Gedanken begannen erneut zu rasen, während die Schritte immer lauter wurden. „Sind es die Männer von gestern? Oder jemand anderes?" —TROPF— Die Schritte hielten direkt vor ihr inne. Eine kalte Frauenstimme zerschnitt die bedrückende Stille wie ein Messer: „Wenn du ruhig bleibst, geb' ich dir was zu essen." —TROPF— Leyla spürte, wie ihr Herzschlag schneller wurde. Diese Stimme war ruhig, fast emotionslos – doch sie ließ eine unmissverständliche Gefahr erahnen. Es war keine Stimme, die Mitleid versprach, sondern eine, die Befehle erteilte, ohne auf eine Antwort zu warten. Leyla hielt den Atem an und nickte vorsichtig. Sie wusste, dass sie in ihrer Lage keine andere Wahl hatte, als mitzuspielen. —TROPF— Der Knebel wurde grob aus ihrem Mund entfernt, und für einen kurzen Moment konnte Leyla ihren Kiefer bewegen, der vor Schmerz protestierte. Doch ehe sie etwas sagen konnte, schob sich bereits ein Löffel in ihren Mund. Die Pampe war fad und klebrig, und jeder Bissen fühlte sich an, als würde er in ihrer trockenen Kehle stecken bleiben. Trotzdem aß Leyla alles, was ihr gereicht wurde. Sie wusste, dass sie jede Kraft brauchen würde, wenn sich die Gelegenheit zur Flucht ergab. —TROPF— Plötzlich spürte sie, wie sich die Ketten lösten, die ihre Handgelenke so lange malträtiert hatten. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihre Arme, als das Blut wieder in die tauben Gliedmaßen floss – Leyla musste sich zusammenreißen, um nicht laut aufzustöhnen. —TROPF— Gerade als sie den Mut aufbringen wollte, ein Wort zu stammeln oder eine Frage zu stellen, wurde der Knebel erneut in ihren Mund gedrückt. Die Finger, die ihn anbrachten, waren fest und unerbittlich und ließen keinen Raum für Widerstand. Dann entfernten sich die Schritte langsam, und Leyla sank gegen die kalte, harte Wand hinter ihrem Rücken. —TROPF— Die Dunkelheit kehrte zurück, bedrückender und kälter als zuvor. Leyla fühlte die kurze Freiheit, die sie für einen Moment gespürt hatte, wie Sand durch ihre Finger rinnen – ihre Hände, auch wenn sie nun frei waren, fühlten sich nutzlos an, und die Dunkelheit lastete auf ihr wie eine unsichtbare Kette, die keine Schellen brauchte. —TROPF— ,,Eins.’’ -------------------------------------------------------------------------- Tag 5: Leylas ganzer Körper schmerzte, vor allem ihre Fingerkuppen waren völlig wund. Sie hatte begonnen, jeden Winkel des Raumes zu erkunden, in dem sie gefangen gehalten wurde – ihre Fingerspitzen glitten immer wieder über die kalten, rauen Steine der Wände, in der Hoffnung, irgendeinen versteckten Mechanismus oder eine Schwachstelle zu finden. Der Boden war ebenso hart und unnachgiebig wie die Wände, und ihre Füße schmerzten von den vielen Stunden, die sie darauf verbracht hatte. —TROPF— ,,Siebenhundertdreizehn.’’ Wo eine Tür hätte sein können, fühlte sie nur das kalte Metall eines Gitters. Sie stellte sich vor, dass dahinter ein kleiner Vorraum lag, vielleicht mit einer weiteren Tür, die in den Rest des Gebäudes führte. Immer wieder lauschte sie in die Dunkelheit – irgendwo außerhalb ihrer Zelle erklang regelmäßig das Läuten einer Kirchenglocke, das ihr half, die Zeit zu messen. Dieses monotone Geräusch war ihre einzige Orientierung in einem sonst endlosen Strom aus Dunkelheit und Kälte. —TROPF— ,,Siebenhundertvierzehn.’’ Die einzige Person, die sie in den letzten Tagen gesehen hatte, war die Frau, die ihr Essen brachte. Leyla hatte ihr insgeheim den Namen „Marie" gegeben, auch wenn sie weder ihren richtigen Namen noch ihre Absichten kannte. —TROPF— ,,Siebenhundertfünfzehn.’’ Sie hatte angefangen, die Tropfen zu zählen. Am Vortag war sie bei dreitausendsechshundertdreizehn eingeschlafen. —TROPF— ,,Siebenhundertsechszehn.’’ „Heute werde ich mit ihr sprechen", dachte Leyla entschlossen, während sie nervös an ihrem Knebel kaute. „Vielleicht hilft sie mir… Vielleicht gibt es noch eine Chance." —TROPF— ,,Siebenhundertsiebzehn.’’ Die vertrauten Schritte hallten durch den Gang, und kurz darauf öffnete sich die schwere Tür. Leyla zuckte unwillkürlich zusammen, als die Frau vor ihr erschien. Ohne ein Wort zog sie Leyla den Knebel aus dem Mund und begann, sie mit der üblichen monotonen Routine zu füttern. Doch diesmal wollte Leyla die Stille nicht ungenutzt verstreichen lassen. —TROPF— ,,Siebenhundertachtzehn.’’ „Wer bist du? Kannst du mir helfen?" Die Worte kamen schneller über ihre Lippen, als sie nachdenken konnte – heiser, brüchig, an jeden Funken Hoffnung geklammert, den sie noch in sich fand. —TROPF— ,,Siebenhundert…’’ Ein brennender Schmerz explodierte in Leylas Bauch. Sie keuchte auf, spürte, wie sich ihre Muskeln unkontrolliert zusammenzogen, und sackte nach vorne. Das wenige Essen, das sie gerade zu sich genommen hatte, kam wieder hoch und landete auf dem kalten Steinboden. —TROPF— „Was…?" Ihre Gedanken wirbelten durcheinander, als sie die grausame Wahrheit begriffen — die Frau hatte sie getreten. Eine harte Hand packte sie an den Haaren und riss ihren Kopf grob nach oben. —TROPF— „Glaub ja nicht, dass ich dir irgendwie helfe", zischte die Frau mit einer Stimme, die vor Kälte triefte. „Ich füttere dich, damit du nicht verreckst. Aber sprich mich noch einmal an, und ich brech dir deine Arme." —TROPF— Leyla schluckte schwer, während die Worte wie Scherben in ihr Bewusstsein schnitten. Die Finger in ihrem Haar ließen nach – und im nächsten Moment krachte ihr Kopf mit einem dumpfen Schlag auf den harten Boden. Schmerz breitete sich aus, und die Dunkelheit wurde wieder allumfassend. —TROPF— ,,Eins.’’ Das vertraute, erstickende Gefühl kehrte zurück, als die Frau ihr den Knebel wieder anlegte. Tränen liefen lautlos über Leylas Wangen, während die Schritte sich entfernten und schließlich verstummten. Der Raum schien noch kälter zu werden, und sie war wieder allein. —TROPF— ,,Zwei.’’ -------------------------------------------------------------------------- Tag 8: Leylas ganzer Körper schmerzte, ganz besonders ihr Magen vor Hunger. In den letzten Tagen war die Frau nicht mehr zu ihr gekommen. —TROPF— ,,Zweitausechs.’’ Ihr Kopf fühlte sich an, als wäre er mit Blei gefüllt. Jede Bewegung war eine Qual — ihre Beine taub, ein stetiges Nadeln tief in den Muskeln, ihr Magen in unerbittlichen, dumpfen Wellen. Ihre Gedanken verloren sich in einem nebligen Wirrwarr aus Erschöpfung und Verzweiflung. Selbst das Denken kostete Kraft, die sie nicht mehr hatte. —TROPF— ,,Zweitausendsieb.’’ Ein Wassertropfen fiel von der Decke und landete auf ihrer Haut. Das kalte, winzige Prickeln durchbrach die dumpfe Taubheit für einen Moment. Ein Luftzug, der durch die Gitterstäbe wehte, streifte wie ein feuchter Schleier über sie und verstärkte das schneidende Gefühl der Kälte, die tief in ihren ausgemergelten Körper kroch. —TROPF— ,,Zweitaudacht.’’ „Werde... ich hier... sterben...?" Der Gedanke drängte sich ihr auf, begleitet von einer schmerzhaften Welle der Reue. „Warum habe... nur angesprochen…?" —TROPF— ,,Zweineun.’’ Aus der Ferne vernahm sie das Knarzen einer Tür. Schritte hallten durch den Gang und kamen näher – ein unheilvolles Echo in der bedrückenden Stille. Leyla hielt den Atem an. —TROPF— „Freu dich", sagte eine kalte, emotionslose Stimme, die Leyla zusammenzucken ließ. „Du wurdest verkauft. Regis van Marsten hat dich als seine persönliche Sklavin erworben. Er genießt es, seine Mädchen zu brechen, bevor er sie seinem Willen völlig unterwirft. Morgen wirst du abgeholt." —TROPF— Die Worte trafen sie wie ein Schlag ins Gesicht. Verkauft. Sklavin. —TROPF— Der Knebel wurde grob aus ihrem Mund entfernt, und sie spürte die kühle Berührung von Wasser auf ihren rissigen, vertrockneten Lippen. Sie trank gierig – das erfrischende Nass schien sie für einen flüchtigen Moment wieder zum Leben zu erwecken. Doch bevor sie sich daran stärken konnte, erklang die eiskalte Stimme der Frau erneut. „Zu essen kriegst du nichts." Kein Hauch von Mitgefühl. Nur Feststellung. —TROPF— Mit einem erschöpften Seufzen ließ Leyla sich zurück gegen die kalte Steinwand sinken. —TROPF— Dann bemerkte sie es. Der Knebel lag noch immer auf dem Boden. Die Frau hatte vergessen, ihn ihr wieder anzulegen. —TROPF— „Ich werde mich niemals als Sklavin an einen widerlichen Adligen verkaufen lassen", schwor Leyla sich selbst mit zusammengebissenen Zähnen. „Lieber beiße ich mir die Zunge ab und sterbe hier, als mich ihm auszuliefern." -------------------------------------------------------------------------- Tag 9: Leylas ganzer Körper schmerzte, doch es war erträglicher als am Tag zuvor. Sie war von lauten Schreien geweckt worden. —TROPF— Die Stimmen klangen wirr und unverständlich. Instinktiv kroch sie in eine der Ecken ihrer Zelle und drückte sich gegen die kalten Steinwände, als könnten sie sie verschlucken. —TROPF— „Kommt da etwa der Adlige?" Ihr Herz schlug wild in ihrer Brust. Hoffnungslosigkeit hatte sich tief in ihre Gedanken gefressen, und sie war bereit, ihrem Schicksal zu entkommen, bevor es sie einholen konnte. Ihre Zähne bereiteten sich vor. —TROPF— Plötzlich wurde die Tür zu ihrer Zelle mit einem lauten Knall aufgestoßen. Schnelle Schritte näherten sich, und sie presste sich tiefer in die Ecke, den Mund leicht geöffnet, die Zähne bereit für den letzten Ausweg. —TROPF— „Leyla… ich bin so froh, dich zu sehen." Die Stimme durchschnitt die Dunkelheit wie ein Lichtstrahl. „Geht es dir gut? Ich bringe dich hier raus. Du musst keine Angst mehr haben." Leylas Kiefer stoppte mitten in ihrer Bewegung. War das wirklich Liam? Ihre Gedanken rasten, während ihr Körper unkontrolliert zitterte. Die Tränen, die sie so lange zurückgehalten hatte, brachen nun hervor, als ob sie endlich einen Ausweg gefunden hätten. Einen kurzen Moment lang konnte sie überhaupt nicht begreifen, was sie da gerade hörte. Ihr Körper begann unkontrolliert zu zittern. War das… wirklich Liam? Ihre Gedanken überschlugen sich. Die letzten Tage hatten ihr beigebracht, niemandem mehr zu vertrauen. Doch allein diese Stimme ließ etwas in ihr zerbrechen – und die Tränen, die sie so lange unterdrückt hatte, brachen plötzlich hervor. Unaufhaltsam. „L-Liam…?" Ihre Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern. Rau. Gebrochen. „Ja", sagte Liam ruhig. „Ich bin es." Seine Stimme klang sanft. Fast vorsichtig, als würde er Angst haben, irgendetwas zu zerbrechen. Leyla spürte, wie er vor ihr auf die Knie ging – dann löste sich plötzlich die Finsternis. Behutsam zog Liam ihr die Augenbinde ab. Helles Licht brach sofort über sie herein. Leyla kniff schmerzhaft die Augen zusammen – nach den endlosen Tagen in vollkommener Dunkelheit fühlte selbst das schwache Licht unerträglich an. Alles verschwamm. Doch noch bevor sie überhaupt richtig sehen konnte, spürte sie Liams Arme um sich. Behutsam hob er sie hoch, fast so, als würde sie nichts wiegen. Sofort klammerte Leyla sich instinktiv leicht an ihn fest. „D-Du musst vorsichtig sein…" brachte sie schwach hervor. „Hier sind mindestens drei Leute…" Jedes einzelne Wort brannte in ihrem trockenen Hals. Doch Liam schüttelte ruhig den Kopf. „Nein. Hier ist niemand mehr." Während er sie durch den langen, düsteren Gang trug, begannen Leylas Augen sich langsam an das Licht zu gewöhnen. Und endlich konnte sie sein Gesicht erkennen. Blut klebte an seiner Kleidung, an seinem Hals, an seinen Händen. Seine Haare waren zerzaust, sein Gesicht angespannt. Die letzten Tage schienen auch an ihm nicht spurlos vorbeigegangen zu sein. „Liam… du blutest…" murmelte Leyla erschöpft. „Das ist nicht mein Blut." Seine Arme hielten sie etwas fester. „Mach dir keine Sorgen." Dann wurde seine Stimme plötzlich ungewohnt weich. „Du kannst dich jetzt ausruhen." Leyla spürte, wie ihr erneut Tränen über die Wangen liefen. „Du hast durchgehalten", sagte Liam leise. Einen kurzen Moment lang schloss Leyla einfach die Augen. „Ich bin jetzt bei dir." Seine Stimme fühlte sich an wie Wärme. Wie Sicherheit. Die Erschöpfung, gegen die Leyla sich die ganze Zeit verzweifelt gewehrt hatte, begann ihren Körper endgültig zu überwältigen. Ihr Kopf sank langsam gegen seine Schulter, und der gleichmäßige Rhythmus seiner Schritte wirkte beinahe wiegend. Beruhigend. Sicher. „Er hat mich gerettet…" Das war der letzte Gedanke, der Leyla durch den Kopf ging, bevor die angenehme Dunkelheit des Schlafes sie schließlich davontrug.
- Kapitel 15 - Der Wald der Wölfe
Ranul. Leyla blieb kurz stehen und betrachtete das alte Straßenschild am Wegesrand, während sie sich mit zwei Fingern über die schmerzende Schläfe rieb. Seit beinahe einer Stunde wurde das Pochen in ihrem Kopf immer stärker – anfangs hatte sie versucht, es zu ignorieren, doch inzwischen fiel selbst das Denken schwerer. Die Sonne stand hoch am Himmel und brannte unangenehm auf den staubigen Weg herab. „Der nächste größere Zwischenstopp müsste Hemmingen sein…" murmelte sie mehr zu sich selbst als zu Liam. Neben ihr blieb Liam ebenfalls kurz stehen und betrachtete das Schild. Dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck leicht. „Wir müssen einen Umweg machen." Leyla sah ihn sofort überrascht an. Nach allem, was passiert war, wollte sie eigentlich keinen Umweg machen – Malyl wartete in Leylas Vorstellung auf sie. Ein Ziel, das sie unbedingt erreichen musste. „Warum?" „Vor einigen Monaten ist in Ranul eine Krankheit ausgebrochen", erklärte Liam ruhig. „Jeder, der sich dem Dorf nähert, wird offenbar ebenfalls krank. Seitdem meidet man den Ort vollständig." Leyla blickte nach vorne. Ranul selbst war von hier aus nicht zu sehen – das Dorf lag irgendwo unten im Tal verborgen, umgeben von sanften Hügeln und den ersten Ausläufern des Gebirges. Allein der Gedanke an ein verlassenes Dorf voller Kranker ließ ein unangenehmes Gefühl in ihr entstehen. „Können wir ihnen nicht helfen?" fragte sie vorsichtig. „Du kannst doch Magie benutzen." Liam schüttelte sofort den Kopf. „Nicht bei Krankheiten. Heilungsmagie funktioniert bei frischen Verletzungen – Schnitte, Knochenbrüche, solche Dinge. Aber Krankheiten… nein." Kurz runzelte er nachdenklich die Stirn. „Wobei… Kameristen können so etwas eigentlich heilen." Leyla sah ihn fragend an. „Genauer gesagt die Priester", erklärte Liam weiter. Er legte leicht den Kopf schief. „Eigentlich ist das ziemlich seltsam…" murmelte er mehr zu sich selbst. Doch bevor Leyla weiter nachfragen konnte, bog Liam bereits auf einen schmaleren Pfad ab, der vom Hauptweg weg und näher an das Gebirge führte. Leyla seufzte leise. „Ich wünschte trotzdem, wir könnten irgendetwas tun…" Während sie ihm folgte, erinnerte sie sich plötzlich an eine Passage aus „Reichsmythologie", die sie erst vor einigen Tagen gelesen hatte. „…und so sprach die Fluchhexe ihre Worte und Krankheit befiel das Land des Ursprungs…" Unwillkürlich runzelte Leyla die Stirn. Was, wenn diese Krankheit ebenfalls ein Fluch war? Nach allem, was sie inzwischen über diese Welt gelernt hatte, erschien ihr selbst so etwas nicht mehr unmöglich. Langsam folgte sie Liam den schmalen Gebirgspfad entlang, während das unangenehme Pochen in ihrer Schläfe sie weiter begleitete. Der Wind kam kalt aus den Bergen herab, und ein bedrückendes Gefühl blieb in ihrer Brust zurück – die Art von Gefühl, die man nicht loswird, egal wie schnell man weitergeht. -------------------------------------------------------------------------- Es war bereits Nachmittag, als der schmale Trampelpfad, dem Leyla und Liam seit Stunden folgten, langsam in einen dichten Wald führte. Das unangenehme Pochen in Leylas Schläfe war inzwischen vollständig verschwunden, worüber sie erleichtert war. Schon bevor sie den Wald überhaupt betraten, wirkte dieser Ort vollkommen anders als der, in dem sie Liam begegnet war. Wilder. Älter. Fast unberührt. Der Pfad war stellenweise von dichtem Gestrüpp überwuchert, und die gewaltigen Bäume bildeten ein dunkles Blätterdach über ihnen, das kaum Sonnenlicht hindurchließ. Selbst tagsüber lag der Wald in dämmrigem Schatten, die Luft kühl und nach feuchter Erde und Moos riechend. „Das hier ist der Wald der Wölfe", erklärte Liam ruhig, während er weiterging. Sofort spannte Leyla sich leicht an. Wölfe. Nach ihren bisherigen Erfahrungen in dieser Welt fragte sie sich augenblicklich, ob diese Tiere ähnlich gefährlich waren wie die Arachnen. Offenbar bemerkte Liam ihren Blick sofort. „Entspann dich, Leyla", sagte er trocken. „Die Wölfe hier greifen Menschen normalerweise nicht an." Er zuckte leicht mit den Schultern. „Solange man sie ebenfalls in Ruhe lässt." Leyla nickte langsam. Da erinnerte sie sich an den Mann in Migar – den mit dem wolfsähnlichen Gesicht. „Gibt es hier eigentlich Werwölfe?" fragte sie neugierig. Liam sah sie kurz verwirrt an. „Werwölfe? Was genau soll das sein?" Leyla blinzelte überrascht. Es gab also offenbar keine. Oder zumindest kannte Liam den Begriff nicht. „In Migar habe ich jemanden gesehen, der wie ein Wolf aussah. Also dachte ich…" „Das war wahrscheinlich ein Lupid", unterbrach Liam sie. Sein Blick wurde dabei leicht nachdenklich. „Die Lupiden waren früher einmal ein stolzes Kriegervolk – oder zumindest sagt man das." Während sie tiefer in den Wald gingen, sprach er ungewöhnlich ernst weiter. „Noch vor dem Großen Krieg wurden sie von den Menschen unterworfen. Seitdem leben die meisten von ihnen am Rand der Gesellschaft." Kurz schwieg Liam. Dann atmete er langsam aus. „Du solltest dich von vielen Lupiden lieber fernhalten." Leyla sah ihn überrascht an. „Sind Lupiden denn böse Menschen? Der Mann in Migar wirkte eigentlich ganz nett." „Nein", antwortete Liam ruhig. „Böse sind sie nicht." Seine Stimme wurde etwas schwerer. „Aber viele leben unter miserablen Bedingungen." Er blickte kurz zwischen die dunklen Bäume. „Und Wesen allgemein werden unberechenbar, wenn sie verzweifelt sind." Dann sah er wieder zu Leyla. „Außerdem solltest du vorsichtig sein, wie du über andere Völker sprichst. Lupiden sind keine Menschen – sie sind Lupiden." Leyla nickte langsam. Doch innerlich blieb ein unangenehmes Gefühl zurück. Bisher hatte sie die Welt fast nur aus menschlicher Perspektive kennengelernt, und langsam begann sie zu verstehen, dass darunter deutlich mehr verborgen lag – Schichten von Geschichte und Ungerechtigkeit, die sie noch nicht einmal ansatzweise durchdrungen hatte. „Ist das Kaiserreich wirklich so schrecklich, wenn man kein Mensch ist?" „Komm", sagte Liam schließlich und setzte seinen Weg wieder fort. „Lass uns noch ein Stück weitergehen, bevor wir eine Pause machen." Leyla folgte ihm schweigend. Während die Schatten des Waldes sie immer tiefer verschlangen, blieben ihre Gedanken bei dem hängen, was Liam gerade erzählt hatte – und bei allem, was sie noch nicht wusste. -------------------------------------------------------------------------- Der Wald der Wölfe wirkte mit jedem Schritt unheimlicher. Die gewaltigen Bäume standen so dicht beieinander, dass es so wirkte, als wollten sie jeden Eindringling verschlingen. Der schmale Trampelpfad war inzwischen kaum noch zu erkennen, und Leyla musste genau darauf achten, wohin sie trat, um nicht über die dicken Wurzeln zu stolpern, die sich wie Knochen durch den Boden zogen. Je tiefer sie in den Wald gelangten, desto stärker wurde das Gefühl, beobachtet zu werden. Nicht direkt – eher unterschwellig, als würde der gesamte Wald eine eigene Präsenz besitzen, still und geduldig, die jeden registrierte, der es wagte, hier zu gehen. „Was lebt hier wohl außer Wölfen?" Monster? Weitere Wesen wie Maegnar? Oder vielleicht Dinge, die noch schlimmer waren? Mit jedem Schritt wurde das Blätterdach dichter. Nur vereinzelte Sonnenstrahlen schafften es noch durch die schweren Äste und zeichneten blasse Lichtflecken auf den dunklen Waldboden. Die Luft war kühl und feucht. Leyla zog ihre Jacke etwas enger um sich und blickte nach oben zu Liam, der sich mühelos zwischen den Ästen bewegte, als wäre der Wald selbst für ihn gemacht. „Jetzt verstehe ich langsam, warum kaum jemand diesen Wald betreten will", rief sie zu ihm hinauf. Liam sprang leichtfüßig auf einen höheren Ast. „Die Dunkelheit ist nur ein Teil davon. Viele meiden den Wald wegen den Geschichten." Leyla runzelte leicht die Stirn. „Geschichten?" „Gruselgeschichten", ergänzte Liam trocken. Sofort spürte Leyla ein unangenehmes Ziehen in ihrem Magen – allein das Wort genügte inzwischen, um Erinnerungen an Maegnar in ihr wachzurufen. Unwillkürlich spannten sich ihre Muskeln leicht an. „Was genau für Geschichten?" Liam grinste leicht, während er sich an einem Ast hinunterhängen ließ. „Man erzählt sich, dass tief in diesem Wald ein Monster lebt. Es soll einsame Wanderer überfallen und spurlos verschwinden lassen." Er sprang elegant vom Ast herunter und landete neben ihr. Dann wanderte sein Blick provokant über Leyla. „Aber keine Sorge. So unappetitlich, wie du aussiehst, wird es dich vermutlich in Ruhe lassen." Leyla stöhnte genervt auf. „Wirklich, Liam?" murmelte sie und schüttelte den Kopf. „Du bist echt unmöglich." Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass ihre Anspannung leicht zunahm. Sie begann plötzlich deutlich genauer auf jedes Geräusch im Wald zu achten – das Knacken eines Astes, das Rascheln der Blätter, den leisen Atem des Windes zwischen den Stämmen. Dann raschelte es plötzlich neben ihnen im Gebüsch. Sofort zuckte Leylas Blick zur Seite. Doch statt eines Monsters entdeckte sie lediglich einen kleinen Vogel mit dunkelgrün schimmernden Federn, der ruhig auf einem Ast saß und seelenruhig sein Gefieder putzte. Das Licht, das durch die Blätter fiel, ließ die Federn beinahe metallisch glänzen. Leyla blieb sofort stehen. „Was für ein schöner Vogel…" Für einen kurzen Moment verdrängte dieser kleine Anblick tatsächlich die bedrückende Atmosphäre des Waldes. Langsam breitete sich ein leichtes Lächeln auf ihrem Gesicht aus. „Lass uns kurz eine Pause machen!" rief sie Liam zu. Noch bevor er überhaupt antworten konnte, ließ Leyla sich bereits auf dem weichen Waldboden nieder. Der Vogel blieb weiterhin ruhig sitzen und blickte sich nur gelegentlich aufmerksam um, als hätte er die beiden längst als Teil seiner Umgebung akzeptiert. Vorsichtig zog Leyla ihr Notizbuch hervor, und ein kleines Grinsen huschte über ihr Gesicht. „Das ist doch ein perfektes erstes Motiv…" Dann begann sie konzentriert damit, den Vogel zu zeichnen. -------------------------------------------------------------------------- Liam blieb einen Moment stehen und beobachtete Leyla beim Zeichnen. Ihre Finger bewegten sich erstaunlich schnell über das Papier, hektisch, und trotzdem wirkte sie vollkommen ruhig dabei. Das Merkwürdigste war jedoch, dass sie ihre Zeichnung kaum ansah – ihr Blick blieb fast die ganze Zeit auf dem Vogel, als würde ihre Hand von selbst wissen, was sie tat. Unwillkürlich musste Liam leicht lächeln. Seitdem sie den Weg nach Ranul verlassen hatten, hatte Leyla deutlich angespannter gewirkt. Wahrscheinlich ließ die Geschichte mit der Krankheit sie nicht los – oder vielleicht auch die Begegnung mit Leonhart. Doch jetzt wirkte sie für einen kurzen Moment wieder ruhig. Friedlich. Liam beschloss, sie nicht zu stören. Während Leyla weiterzeichnete, begann er damit, das Lager aufzubauen. Die paar Stunden Pause würden keinen großen Unterschied machen, und sie hatten noch genug Zeit, bevor es dunkel wurde. Gedankenverloren sammelte er trockene Äste vom Waldboden auf, und dabei wanderten seine Gedanken zurück zu ihrem Gespräch über Bournadette. Er hatte Leyla nicht widersprochen, denn tief in seinem Inneren wusste er, dass sie recht gehabt hatte – wenn Bournadette Lacroix tatsächlich aktiv nach ihm suchen würde, hätte sie ihn längst gefunden. Sie gehörte zu den Wesen dieser Welt, denen man sich nicht dauerhaft entziehen konnte. Allein der Gedanke daran ließ Liam unbewusst die Schultern anspannen. Erst nach einigen Sekunden bemerkte er es selbst und atmete langsam aus. Schließlich hatte er genug Holz gesammelt und begann, das Lagerfeuer vorzubereiten. „Baust du jetzt schon das Nachtlager auf?" fragte Leyla plötzlich, ohne den Blick von ihrem Vogel zu lösen. „Soll ich dir helfen?" Liam musste leicht grinsen. „Nein. Zeichne lieber weiter deinen Vogel." Er meinte es ernst. Er wollte diesen ruhigen Moment nicht zerstören. Mit einem einfachen Schnipsen entzündete er das Feuer. Sofort fraßen sich kleine Flammen knisternd durch das trockene Holz und tauchten die Umgebung in warmes, flackerndes Licht, das die Schatten zwischen den Stämmen ein kleines Stück zurückdrängte. Liam ließ sich neben dem Feuer nieder und griff gedankenverloren nach Leylas Proviantbeutel. Sie hatte ihr Essen inzwischen völlig selbstverständlich mit ihm geteilt, als wäre es nie überhaupt eine Frage für sie gewesen. Als er jedoch hineinsah, runzelte er leicht die Stirn. Nur noch eine einzelne Brotration war übrig. Langsam schloss er den Beutel wieder. „Dann jage ich morgen eben etwas." Während Leyla weiterzeichnete, glitten seine Gedanken langsam an einen anderen Ort. Nach Malyl. Mehr als ein Jahr war inzwischen vergangen, seit er das letzte Mal dort gewesen war – und trotzdem fühlte sich allein der Gedanke daran seltsam schwer an. ,,In Malyl werde ich Abschied nehmen…’’ -------------------------------------------------------------------------- „Wie findest du das Bild?", fragte Leyla und reichte Liam ihr Notizbuch. In ihrer Stimme lag unverkennbar ein Hauch von Stolz. Liam nahm die Zeichnung entgegen und betrachtete sie einige Sekunden schweigend. Dann weiteten sich seine Augen leicht, und ein anerkennendes Pfeifen entwich ihm. „Du kannst wirklich verdammt gut zeichnen. Wo hast du das gelernt?" Sein Blick glitt erneut über die feinen Linien des Vogels. „Damit könntest du locker für irgendeinen Adligen arbeiten. Dann müsstest du dir nie wieder Sorgen um Geld machen." Leyla verzog augenblicklich das Gesicht und würgte theatralisch leicht. „Als ob ich meine Freiheit für irgendeinen reichen Adligen opfern würde." Allein der Gedanke gefiel ihr überhaupt nicht. In ihrer Vorstellung waren Adlige ausschließlich arrogante Menschen, die keine Ahnung davon hatten, wie normale Leute lebten. Doch kaum dachte sie das, musste sie innerlich leicht zusammenzucken – immerhin hatte sie selbst schon mehr als einmal darüber nachgedacht, wie die Prinzen oder Prinzessinnen des Kaiserreichs wohl aussahen. Liam bemerkte ihren Gesichtsausdruck und grinste nur amüsiert. „So eine Antwort habe ich ehrlich gesagt erwartet." Dann gab er ihr die Zeichnung zurück. „Trotzdem solltest du darüber nachdenken, deine Bilder zu verkaufen. Damit könntest du dir wenigstens mal etwas Besseres leisten als trockenes Brot." Während er sprach, reichte er ihr beinahe beiläufig den Proviantbeutel. Leyla öffnete ihn und blickte auf die letzte Brotration. Sofort runzelte sie leicht die Stirn. „Wir müssen uns den Rest wohl teilen. Morgen suche ich dann…" „Ich habe schon gegessen. Nimm einfach den Rest." Leyla zögerte kurz. Dann nickte sie langsam und begann zu essen. Währenddessen dachte sie weiter über seine Worte nach. Eigentlich gefiel ihr die Idee. Sie hatte es schon immer geliebt, Dinge zu erschaffen – zu zeichnen, zu schnitzen, etwas mit den eigenen Händen entstehen zu lassen. Genau deshalb hatte sie sich in ihrer eigenen Welt schließlich auch für ein Kunststudium entschieden, und in den letzten Monaten hatte sie damit sogar eine ganz passable Summe Geld verdient. Kurz versuchte Leyla sich zu erinnern, wofür sie eigentlich hatte sparen wollen. Doch der Gedanke verschwamm. Das Feuer knisterte leise vor ihnen und warf flackernde Schatten über die knorrigen Bäume des Waldes. Je dunkler die Nacht wurde, desto mehr schien das Licht von der Finsternis verschluckt zu werden – der Wald wirkte jetzt noch fremder, noch tiefer, fast lebendig auf eine Weise, die Leyla nicht ganz benennen konnte. Sie spürte die kalte Nachtluft auf ihrer Haut, doch das Feuer und Liams Anwesenheit hielten die aufkommende Kälte fern. Schließlich gähnte sie müde und rieb sich die Augen. „Gute Nacht, Liam…" murmelte sie schläfrig. Dann kuschelte sie sich tiefer in ihren Schlafsack. Während ihre Augen langsam schwer wurden, dachte sie erneut an die Geschichten über das Monster dieses Waldes. Sie musste sich eingestehen, dass Liams Anwesenheit sie beruhigte. Und trotzdem erwischte sie sich immer wieder bei derselben Frage – ob sie ihm wirklich vollständig vertrauen konnte. -------------------------------------------------------------------------- Leyla wurde unsanft aus dem Schlaf gerissen. Ein unangenehmer Druck in ihrer Blase zwang sie dazu, sich müde aufzusetzen – für einige Sekunden blieb sie regungslos sitzen und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, während die kalte Nachtluft ihr entgegenwehte. Das Lagerfeuer war inzwischen fast heruntergebrannt. Nur noch schwaches Glimmen und vereinzelte kleine Flammen spendeten Licht und tauchten die Lichtung in flackernde Schatten. Leyla rieb sich verschlafen die Augen und ließ den Blick zu Liam wandern. Er lag auf der anderen Seite des Feuers und wirkte ungewöhnlich friedlich – der rote Feuerschein glitt über sein Gesicht und ließ ihn für einen kurzen Moment sorglos wirken. Vorsichtig schob Leyla ihren Schlafsack beiseite, stand auf und kletterte leise über einige herumliegende Äste hinweg. Sie wollte ihn nicht wecken. Kurz darauf trat sie hinaus in die dunkle Kälte des Waldes. Ein gutes Stück von der Lichtung entfernt blieb sie schließlich stehen und hockte sich ins hohe Gras. Währenddessen lauschte sie unwillkürlich den Geräuschen der Nacht – dem Rascheln der Blätter, dem entfernten Ruf einer Eule, dem leisen Wispern des Windes zwischen den Bäumen. Fast wirkte der Wald in diesem Moment friedlich. Beruhigend. Als sie fertig war und sich wieder erhob, wanderte ihr Blick bereits zurück zum schwachen Glimmen des Lagerfeuers zwischen den Stämmen. Dann geschah es. Plötzlich legte sich eine raue Hand brutal über ihren Mund. Noch bevor Leyla reagieren konnte, schlang sich ein kräftiger Arm um ihren Körper und riss sie nach hinten. Im ersten Augenblick war sie vollkommen erstarrt – sie verstand nicht einmal, was überhaupt geschah. Erst als sie bereits mehrere Meter durch den Wald gezerrt wurde, begann sie panisch um sich zu schlagen. Vor ihren Augen wurde das Licht des Feuers immer kleiner, schwächer, bis es schließlich vollkommen hinter den dunklen Bäumen verschwand. Leyla versuchte zu schreien. Doch die Hand auf ihrem Mund erstickte jedes Geräusch. Panik schoss durch ihren gesamten Körper. Verzweifelt griff sie nach einem Ast. —KNACK— Das Holz zerbrach sofort unter ihren Fingern. Sie versuchte ihren Fuß zwischen zwei Baumwurzeln zu verkeilen. —KRCKS— Ein stechender Schmerz schoss durch ihren Knöchel. Tränen brannten in ihren Augen, und sie konnte kaum noch klar denken. Dann fiel ihr Blick plötzlich nach oben. Zwischen den Baumkronen leuchtete der Mond – still, regungslos, genau in der Mitte des Himmels. [???] „Was hast du denn da angeschleppt?" erklang plötzlich die raue Stimme eines Mannes außerhalb ihres Sichtfeldes. „Du wolltest doch nur kurz pissen gehen." [???] „Hab sie im Wald gefunden", antwortete der Entführer schwer atmend. „Die Kleine bringt ordentlich Geld. Schau dir mal ihre Haare an." Während er sprach, zerrte er Leyla unsanft weiter. Dann hörte sie das nervöse Wiehern eines Pferdes. Ihr Herz setzte beinahe aus. Sie wurde weggebracht. Mit letzter Kraft bäumte Leyla sich auf und riss sich überraschend aus dem Griff des Mannes los. Sofort stolperte sie einige Schritte nach vorne. ,,LIAM, HILFE! ICH BIN–’’ Weiter kam sie nicht. Ihr verletzter Fuß gab unter ihr nach – doch noch bevor sie den Boden erreichte, traf sie ein harter Tritt im Rücken. Die Luft wurde ihr aus den Lungen gepresst, und mit voller Wucht schlug sie auf dem Waldboden auf, der Kopf hart gegen die Erde. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Schädel. Dann begann die Welt um sie herum langsam zu verschwimmen. Die Stimmen wurden dumpf. Der Mond verschwamm. Und schließlich wurde alles schwarz.
- Kapitel 14 - Brüchiges Vertrauen
… Und doch war sie müde geworden. Sie, die durch die Zeit wanderte wie andere durch ein Flussbett – Hekta, die Große, war bereit, ist bereit und wird bereit sein, ihren Weg zu beenden. Aus Überdruss. Aus Trägheit. Und so ließ Hekt sich nieder. Sie saß auf einem Felsen, einem gewöhnlichen Stein – glatt und uneben zugleich, klein und groß zugleich, rund und flach zugleich. Sie ließ sich nieder und atmete aus, so wie nur die ausatmen kann, die alles gesehen hat, alles sieht und alles sehen wird. Ein Atemzug der Zeit. Und da kam ein Sterblicher. Von sterblichem Blut, sterblicher Seele und sterblichem Verstand. Dieser Sterbliche trat neben sie – und Hek gab ihr ihre Kraft. Nur so viel, dass das sterbliche Blut sterblich blieb. Nur so viel, dass die sterbliche Seele sterblich blieb. Nur so viel, dass der sterbliche Verstand sterblich blieb. Und als sie dies getan hatte, streckte sie sich. Streckte die Arme, streckte den Hals, streckte ihr Leben in die Länge wie jemand, der nach langem Schlaf endlich erwacht – oder nach langem Leben endlich einschläft. Dann stand He auf und verließ ihr Dasein. Was genau aus H geworden ist, bleibt unklar. Doch wie klar kann Zeit auch sein? … -------------------------------------------------------------------------- Leyla klappte das Buch langsam zu und ließ den Blick ins Lagerfeuer wandern. Die Flammen knisterten leise vor ihr und warfen tanzende Schatten zwischen die Bäume. In den letzten Abenden hatte sie fast jede freie Minute mit Lesen verbracht – nicht nur aus Interesse, sondern auch, um sich abzulenken. Von Liam. Oder vielmehr von dieser unangenehmen Spannung, die seit ihrem Streit zwischen ihnen hing. Unwillkürlich strich Leyla mit den Fingern über den Einband von „Reichsmythologie", während ihre Gedanken wieder zu den Geschichten darin zurückwanderten. Ob es diese Hekta wirklich gegeben hatte? Allein die Vorstellung fühlte sich absurd an. Leyla verstand inzwischen zwar, dass Magie in dieser Welt beinahe alles möglich machte, doch das Konzept von Zeit selbst als Magie überstieg weiterhin ihr Verständnis. Trotzdem faszinierte es sie. Ein kleines Schmunzeln huschte über ihr Gesicht. Als sie das Buch das erste Mal aufgeschlagen hatte, hatte sie gedacht, irgendeine religiöse Schrift zu lesen. Doch stattdessen bestand der Großteil aus uralten Mythen und Legenden – Geschichten über Drachen, über Titanen, über Erzwesen. Manche davon wirkten wie Märchen. Andere dagegen erschreckend real. „Drachen kann ich mir inzwischen sogar vorstellen…" Nach allem, was sie erlebt hatte, erschien ihr selbst das nicht mehr unmöglich. „Aber diese Geschichten über Erzengel und Erzdämonen… sollten Engel nicht eigentlich gut und Dämonen böse sein?" Doch genau das schien in dieser Welt nicht zu funktionieren. Die Geschichten stellten weder Erzengel noch Erzdämonen als eindeutig gut oder böse dar – vielmehr wirkten sie wie uralte Wesen, die nach vollkommen eigenen Regeln lebten, und die Menschen schienen ihnen lediglich Bedeutungen zugeschrieben zu haben, die bequem zu ihren eigenen Weltbildern passten. Langsam hob Leyla den Blick. Liam hatte es sich wie so oft auf einem Ast über ihnen bequem gemacht, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Auf den ersten Blick wirkte er entspannt. Doch Leyla bemerkte inzwischen selbst die kleinen Unterschiede – die Distanz, die Kälte, die leise Abwesenheit von etwas, das noch vor wenigen Tagen da gewesen war. ,,Du, Liam?’’ Liam blickte zu ihr hinunter. „Ja?" Seine Stimme klang ruhig. Aber deutlich abweisender als noch vor einigen Tagen. Leyla zögerte kurz, dann hob sie leicht das Buch an. „Gibt es die Erzengel wirklich? Sind all diese alten Geschichten..?" Kaum hatte sie den Satz angefangen, unterbrach Liam sie bereits. „Alte Geschichten", sagte er trocken. „Du solltest dich lieber auf das Jetzt konzentrieren." Er wandte den Blick wieder zum Himmel. „Du verschwendest deine Zeit, wenn du ständig in der Vergangenheit schwelgst." Leyla schnaubte leise und wandte den Blick wieder ab ins Feuer. Sie war genervt. Nein – eigentlich war sie traurig. Nach dem Kampf gegen Maegnar hatte sie für einen kurzen Moment geglaubt, dass zwischen ihnen etwas entstanden war. Sie hatten sich näher gefühlt als jemals zuvor. Und jetzt wirkte Liam plötzlich wieder wie jemand, der absichtlich Abstand hielt – als würde er etwas schützen wollen, das er nicht benennen konnte. Das machte sie wütend. Und gleichzeitig vermisste sie genau diese Nähe bereits wieder. „Nach dem Kampf wirkten wir uns so nah…" Traurig schloss Leyla langsam die Augen. Ihre Gedanken kreisten weiter – um die alten Legenden, um Liam, um Malyl. Und irgendwann, während das Feuer langsam herunterbrannte und die Nacht immer stiller wurde, glitt sie schließlich in den Schlaf. -------------------------------------------------------------------------- Weiße Flügel breiteten sich aus. Die Federn begannen wie Sterne vom Himmel zu regnen, lautlos, unaufhaltsam, als würde der Himmel selbst sich auflösen. ,,Was…?’’ Vor Leyla erschien eine Dämonin mit schwarzen Hörnern – und stach ihr ein Schwert in den Bauch. ,,Urgh…’’ Sie wurde durch die Luft geschleudert. Die Welt verschwamm, drehte sich, und dann sah sie es —-- graue Haut, ein weißer Bart. ,,Maegnar?’’ Es donnerte. Über ihr baute sich ein Sturm auf, schwarz und gewaltig, der Zorn des Himmels. ,,H-hil…’’ Ein Blitz schlug ein. -------------------------------------------------------------------------- Schweißgebadet fuhr Leyla hoch. Für einen kurzen Moment war alles grell. Das Licht der aufgehenden Sonne brannte in ihren Augen, und ihr Herz schlug so heftig, dass sie kaum klar denken konnte. Instinktiv tasteten ihre Hände hektisch umher, bis ihre Finger schließlich den vertrauten Knauf ihres Schwertes fanden. Erst dann atmete sie langsam aus. „Ein Albtraum…" murmelte sie leise. Ihr Atem beruhigte sich nur langsam, doch das unangenehme Gefühl blieb – schwer und beklemmend, wie ein Gewicht auf der Brust. Als Leyla aufsah, bemerkte sie, dass Liam bereits wach war. Wortlos baute er das Lager ab und wirkte dabei weiterhin ungewöhnlich still. Kurz hob er den Blick zu ihr, doch sofort richteten sich seine Augen wieder auf seine eigenen Hände. Leyla sagte ebenfalls nichts. Sie stand langsam auf und begann schweigend ihre Sachen zusammenzupacken. Und so machten sie sich erneut gemeinsam auf den Weg. Je weiter sie kamen, desto anstrengender wurde der Pfad. Die Landschaft begann sich langsam zu verändern – immer mehr Hügel erhoben sich vor ihnen, der Weg wurde steiniger und unebener, und schon nach einigen Stunden spürte Leyla ein unangenehmes Ziehen in ihren Beinen. Ihr Blick wanderte nach Osten. In der Ferne erhoben sich gewaltige Berge bis weit in die Wolken hinein, ihre Gipfel beinahe endlos, ihre Schatten riesig über die Landschaft geworfen. Im Angesicht dieser kolossalen Masse fühlte Leyla sich plötzlich winzig klein. Für einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, Liam zu fragen, ob sie einen Abstecher ins Gebirge machen könnten – irgendetwas daran faszinierte sie. Doch gleichzeitig wollte sie so schnell wie möglich nach Malyl. Und die angespannte Stimmung zwischen ihnen machte es nicht gerade leichter, einfach ein normales Gespräch zu beginnen. Deshalb schwieg sie. Leyla war noch immer in Gedanken versunken, als sie plötzlich gegen Liams Rücken lief. „Hey, was soll das?" zischte sie gereizt und rieb sich die Stirn. „Du kannst doch nicht einfach stehen bleiben!" Liam drehte sich sofort zu ihr um und legte einen Finger an die Lippen. Sein Gesichtsausdruck ließ Leyla augenblicklich verstummen – ernst, konzentriert, ohne jeden Anflug seiner üblichen Leichtigkeit. Ohne ein weiteres Wort packte er sie am Arm und zog sie hinter ein dichtes Gebüsch am Wegesrand. „Lass das", flüsterte Leyla genervt. Doch Liam warf ihr nur einen warnenden Blick zu. „Da kommt jemand", murmelte er leise. „Und ich habe ein schlechtes Gefühl dabei." Seine Hand glitt bereits langsam in Richtung seines Dolches. „Wir bleiben besser versteckt." Leyla runzelte die Stirn, sagte diesmal jedoch nichts mehr. Sie kniete sich neben Liam ins Gebüsch und spähte vorsichtig auf den Weg hinaus. Die Zeit zog sich quälend langsam. Dann hörte sie Schritte. Schwer. Ruhig. Kontrolliert. Kurz darauf tauchte eine Gestalt auf dem Pfad auf, und Leylas Atem stockte sofort. Der Mann war riesig – gut zwei Meter groß, mit breiten Schultern und einem muskulösen Körperbau, der selbst unter seiner vollständig schwarzen Kleidung deutlich sichtbar blieb. Lange blonde Haare fielen ihm über die Schultern, und auf seinem Rücken ruhte eine massive Kriegsaxt. Doch noch auffälliger als seine Größe war die Art, wie er sich bewegte – ruhig, selbstsicher, fast so, als hätte er vor absolut nichts Angst. „Wie jemand, dem die Welt gehört…" Gerade als Leyla glaubte, der Fremde würde einfach vorbeigehen, blieb er plötzlich stehen. Sofort spannte Liam sich neben ihr an, fluchte leise und legte die Hand fest um den Griff seines Dolches. „Das würde ich lieber stecken lassen, wenn ich du wäre." Die tiefe Stimme des Mannes rollte wie Donner über den Pfad. „Warum kommt ihr nicht einfach raus? Ich hatte eigentlich gedacht, ihr wolltet mir auflauern." Stille. Dann atmete Liam langsam aus und trat vorsichtig aus dem Gebüsch hervor, die Hand weiterhin fest am Dolch. Leyla spürte, wie ihr Herz bis zum Hals schlug, während sie ihm zögernd folgte. -------------------------------------------------------------------------- „Wollt ihr mir nicht sagen, wer ihr seid?" Die tiefe Stimme des Fremden grollte über den Pfad und ließ Leylas Herz sofort schneller schlagen. Trotzdem hob sie trotzig das Kinn. „Warum sagst du uns nicht zuerst, wer du bist?" Ihre Stimme klang fester, als sie sich tatsächlich fühlte. Ein Teil von ihr wollte einfach nicht zulassen, sich von diesem Mann einschüchtern zu lassen. Der Fremde hob langsam eine Augenbraue. Sein Blick ruhte schwer auf ihr, fast so, als würde er sie Stück für Stück auseinandernehmen. „Hoh?" Ein leicht belustigtes Grinsen zog über sein Gesicht. „Du nimmst dir ja ziemlich viel raus." Seine Stimme blieb ruhig, doch allein seine Präsenz setzte Leyla unter Druck. „Ist das Mut… oder einfach nur Dummheit?" Für einen kurzen Moment herrschte Stille, bevor der Mann schließlich weitersprach. „Aber gut." Langsam richtete er sich ein Stück auf. „Mein Name ist Leonhart. Zweiter Anführer des Ordens der goldenen Sonne." Seine Lippen verzogen sich zu einem beinahe spöttischen Lächeln, doch seine Augen blieben kalt. Unnachgiebig. „Orden der goldenen Sonne…" Leyla musste sich ernsthaft zusammenreißen, um nicht abfällig zu schnauben. „Was ist das denn bitte für ein Name? Mit zehn wäre mir etwas Besseres eingefallen." Trotzdem ließ sie sich äußerlich nichts anmerken. „Mein Name ist Leyla." Ihre Stimme blieb bewusst neutral. Noch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, ob das der richtige Ansatz war, trat Liam leicht vor. „Ich bin Mile", sagte er ruhig. „Ein einfacher Waldläufer." Verwirrt blickte Leyla sofort zu ihm. Warum log er? Doch Liam sah sie nicht einmal an. Leonhart dagegen schien plötzlich deutlich interessierter. „Leyla, hm?", wiederholte er langsam – es klang beinahe so, als würde er ihren Namen auf der Zunge schmecken. Sein Blick glitt langsam an ihr herab, und Leyla spürte augenblicklich, wie sich ihr Magen unangenehm zusammenzog. „Den Namen merke ich mir." Liam dagegen würdigte Leonhart kaum eines Blickes. Die Spannung zwischen ihnen war inzwischen beinahe greifbar geworden, und Leyla spürte deutlich, dass jederzeit ein Kampf ausbrechen konnte. Allein dieser Gedanke ließ ihre Hände leicht zittern. Seit dem Kampf gegen Maegnar hatte sie zwar versucht, ihre Erdmagie zu kontrollieren, doch außer kleinen Bewegungen im Boden, oder der leichten Verformung von Stein, war ihr kaum etwas gelungen. Von einem echten Kampf war sie noch weit entfernt. Und gegen jemanden wie Leonhart – nein. Sie war definitiv nicht bereit dafür. Dann veränderte sich Leonharts Haltung plötzlich. Die bedrohliche Spannung fiel beinahe schlagartig von ihm ab, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. „Nun", sagte er ruhig, fast schon beiläufig, „ihr habt heute Glück." Langsam begann er sich umzudrehen – dann hielt er noch einmal kurz inne und blickte über die Schulter zurück zu Leyla. „Ich hoffe wirklich, wir sehen uns wieder." Während er sprach, glitt seine Zunge langsam über seine Lippen. Leyla spürte, wie ihr ein eisiger Schauer über den Rücken lief. Angst. Aber auch Ekel. Ohne ein weiteres Wort setzte Leonhart seinen Weg fort und verschwand langsam den steinigen Pfad entlang, aus der Richtung, aus der Liam und Leyla selbst gekommen waren. Seine schweren Schritte hallten noch eine ganze Weile zwischen den Hügeln nach, bevor auch das Geräusch endgültig verstummte. Erst als er außer Sichtweite war, wagte Liam langsam wieder auszuatmen. Leyla bemerkte es sofort – er hatte ebenfalls angespannt gewirkt. Vielleicht sogar nervös. Für einige Sekunden standen sie einfach schweigend da. Dann setzte Liam sich wortlos wieder in Bewegung. Leyla sah ihm kurz hinterher, doch noch bevor sie etwas sagen konnte, lief er bereits weiter. -------------------------------------------------------------------------- Leyla und Liam saßen schweigend am Lagerfeuer. Das Holz knackte leise in den Flammen, und vereinzelte Funken stiegen in die dunkle Nacht hinauf. Seit ihrer Begegnung mit Leonhart hatten sie kaum ein Wort miteinander gewechselt – die Stille zwischen ihnen fühlte sich diesmal aber anders an. Schwerer. Unruhiger. Leyla spürte, wie sehr es sie verunsicherte, dass Liam einen falschen Namen benutzt hatte. Oder vielleicht war Mile sogar sein echter. Sie wusste es nicht. Und genau das störte sie inzwischen immer mehr. Je länger sie darüber nachdachte, desto deutlicher wurde ihr, wie wenig sie eigentlich über Liam wusste. Er war wie ein verschlossenes Buch, dessen Seiten sie zwar berühren, das sie aber niemals wirklich aufschlagen konnte. Immer wieder hatte sie das Gefühl, nur kleine Fragmente seiner Geschichte zu sehen. Bruchstücke. Andeutungen. Aber niemals die ganze Wahrheit. Schließlich hob Leyla langsam den Blick. Fast augenblicklich trafen sich ihre Augen. „Du willst mich doch etwas fragen", sagte Liam plötzlich ruhig. „Das sieht man dir an." Leyla zögerte kurz. Dann entschied sie sich, direkt zu sein. „Warum Mile?" Liam schwieg für einen Moment und sah nachdenklich ins Feuer. „Das war einfach der erste Name, der mir eingefallen ist." Dann wurde seine Stimme leiser. „Emilys Bruder heißt so." Leyla spürte sofort, dass er diesmal die Wahrheit sagte. Langsam wandte sie den Blick wieder zum Himmel, wo der Mond wie immer regungslos über ihnen hing. Schließlich stellte sie die Frage, die ihr eigentlich schon viel länger auf der Seele lag. „Wer bist du wirklich, Liam?" Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, biss sie sich leicht auf die Lippe – eigentlich hatte sie vermeiden wollen, so direkt zu sein. Doch überraschenderweise antwortete Liam diesmal tatsächlich. „Ich bin ein ehemaliger Söldner", begann er ruhig. „Ich habe drei Jahre lang in Malyl für die Söldnergilde gearbeitet." Er stocherte gedankenverloren mit einem Stock im Feuer herum. „Nach Emilys Tod bin ich ausgetreten. Danach habe ich nur noch freie Aufträge angenommen." Er schwieg kurz. Dann spannte sich seine Stimme leicht an. „Bei meinem letzten Auftrag sollte ich eine bestimmte Ware beschützen…" Seine Worte brachen ab. Leyla bemerkte sofort, wie schwer ihm das fiel. „Und dann?" fragte sie vorsichtig. Liam starrte einige Sekunden schweigend in die Flammen. „Und dann ist Bournadette Lacroix aufgetaucht." Der Name sagte Leyla überhaupt nichts. „Wer ist das?" Liam runzelte leicht die Stirn. „Solche Dinge solltest du eigentlich wissen, Leyla." Er streckte sich kurz, bevor er weitersprach. „Bournadette Lacroix ist die zweite Kaiserliche Kopfgeldjägerin – eine Eliteeinheit, die direkt dem Kaiser unterstellt ist. Insgesamt gibt es nur zehn von ihnen." Seine Stimme wurde ernster. „Und Bournadette… könnte vermutlich alleine eine ganze Armee vernichten." Leyla schluckte leicht. Dann erinnerte sie sich plötzlich an ihre frühere Frage. „Deswegen wolltest du also nicht ins Dorf?" Liam nickte langsam. „Ich habe immer noch die Sorge, dass sie nach mir sucht." Leyla runzelte nachdenklich die Stirn. „Aber wenn sie wirklich so stark ist…", begann sie vorsichtig. „Hätte sie dich dann nicht längst gefunden?" Liam antwortete nicht. Die Stille danach war kurz, aber unangenehm genug, dass Leyla beschloss, das Thema fürs Erste ruhen zu lassen. „Wer ist denn die Nummer eins?" „Yang." Sofort veränderte sich etwas in Liams Stimme – nicht gegenüber Leyla, sondern gegenüber dem Thema selbst. Eine gewisse Distanz. War es Ehrfurcht? „Yang ist eine Wacal", sagte er ruhig. „und das Absolut des Kaiserreichs." Leyla wiederholte den Namen gedankenverloren. „Yang…" Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Das ist wirklich ein schöner Name." Unwillkürlich fragte sie sich, wie diese Frau wohl war. Liam schüttelte plötzlich belustigt den Kopf. „Du weißt echt erstaunlich wenig, ist dir das eigentlich bewusst?" fragte er trocken. Dann schlug er sich dramatisch die Hände an den Kopf. „Oh nein. Wenn du dir nicht mal wichtige Dinge merken kannst, vergisst du irgendwann bestimmt auch noch mich." Leyla musste sofort lachen – und zum ersten Mal seit ihrem Streit spürte sie, wie die Spannung zwischen ihnen wirklich nachließ, langsam und beinahe unmerklich, wie Eis, das in der Sonne taut. Während sie weiter ins Feuer blickte, wanderten ihre Gedanken erneut ab. Zu Yang. Zu den Geschichten im Buch. Zu den Erzdämonen. „Wer wäre wohl stärker… Yang oder ein Erzdämon?"











