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Kapitel 17 - Das Siegel des Löwen

Aktualisiert: vor 1 Tag

,,LIAM, HILFE! ICH BIN–’’  


Liam schreckte aus dem Schlaf hoch. Leylas panischer Schrei riss ihn mit brutaler Gewalt aus der Dunkelheit seines Traums – roh, schrill, vor Angst überkippt. 


„Leyla?!" rief er heiser und fuhr herum, während sein Blick fieberhaft die nächtliche Lichtung abtastete. 


Noch bevor das Echo ihres Rufs verklungen war, griff er nach seinem Dolch und sprang auf die Beine. Kaltes Adrenalin schoss durch seinen Körper wie ein Blitz, der keinen Ausweg findet. Dann fiel sein Blick auf den leeren Schlafsack. Die Decke lag aufgewühlt da, als hätte jemand sie mit einem einzigen Ruck beiseitegeschleudert. 


„Scheiße!" 


Er schleuderte eine Kugel aus magischem Licht in die Höhe. Das grelle Leuchten breitete sich knisternd über die Lichtung aus und tauchte den Waldboden in bleiches Silber – und enthüllte, was er befürchtet hatte: Zerdrückte Büsche. Abgebrochene Äste. Frische Fußspuren, tief in die feuchte Erde gedrückt, die in schnurgerader Linie aus dem Wald hinausführten. 


„Verdammt!" 


Liam setzte sich in Bewegung. Äste peitschten gegen seine Arme und sein Gesicht, während er sich mit aller Kraft durch das Dickicht kämpfte, den Atem stoßweise, zu schnell, zu hektisch. Nur ein einziger Gedanke hallte durch seinen Kopf. 


„Nicht nochmal." 


Für einen Herzschlag drängte sich Emilys Bild in seine Erinnerung – ihr regloser Körper, das Blut, die leeren Augen. Das Gefühl von Ohnmacht, das sich damals wie Gift in seine Brust gefressen und sich dort festgesetzt hatte. Er verdrängte das Bild mit Gewalt und zwang sich vorwärts. Jetzt nicht. 


Kurz darauf brach er aus dem Wald hervor und kam auf einem offenen Hügel abrupt zum Stehen. Kaltes Mondlicht ergoss sich über die weite Landschaft und ließ die sanften Hügel wie erstarrte Wellen eines schlafenden Meeres wirken – still, klar, gleichgültig. 


Dann sah er sie: Zwei Reiter jagten über das offene Grasland in Richtung der Berge, ihre Pferde donnerten durch die Nacht und zogen lange Schatten hinter sich her. Auf einem der Tiere lag eine reglose Gestalt. 


Leyla. 


Liams Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Er biss die Zähne aufeinander, bis sein Kiefer schmerzte. Zu Fuß würde er sie niemals einholen – keine Pferde, nicht auf offenem Gelände. Er stand da und sah ihnen nach, während Wut und Angst in seinem Inneren tobten wie ein Sturm, dem kein Ausweg bleibt. Der Impuls, einfach loszurennen – blind, sinnlos – war da. Aber selbst durch die Panik hindurch wusste er, dass es nichts ändern würde. Also zwang er sich zur Ruhe. 


Mit schweren Schritten kehrte er zur Lagerstelle zurück, sammelte Leylas Sachen ein, stopfte sie hastig zusammen und warf sich das Gepäck über die Schulter. 


Außerhalb des Waldes blieb er noch einmal stehen. Sein Blick folgte den Spuren, die sich durch die mondbeschienenen Hügel zogen und schließlich in der Dunkelheit verschwanden. 


Der Skullaer hing groß und bleich über der Welt, und die eisige Nachtluft schnitt durch seine Kleidung, als Liam seinen Weg begann.



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Liam saß mit verschränkten Beinen am Ufer des kleinen Sees, während neben ihm das sanfte Leuchten eines Naturgeistes durch die Dunkelheit flackerte. Die winzige Kreatur wirkte beinahe durchsichtig – ihr schimmernder Körper bewegte sich träge in der Luft, als trüge ihn ein lautloser Wind, und bei jeder Bewegung zogen feine Spuren aus grünlichem Licht durch die Nacht wie das Nachglühen erloschener Sterne. 


„Kannst du mir sagen, wohin die beiden Reiter mit der bewusstlosen Blauhaarigen geritten sind?" fragte Liam leise. 


Seine Stimme war ruhig, doch darunter lag eine Anspannung, die kaum noch zu verbergen war. 


Der Naturgeist antwortete nicht mit Worten. Stattdessen breitete sich Mana um Liam aus wie warmes Wasser, strömte sanft über seinen Geist und hinterließ klare Bilder in seinem Bewusstsein. Liam schloss die Augen. Er sah einen alten Turm – verfallen, einsam, aus schwarzem Stein, halb von Moos überwuchert und halb von der Natur zurückgefordert, Stück um Stück. Er lag verborgen am Rand eines dichten Waldgebietes, eingeschlossen von Hügeln und einem Wirrwarr aus uralten Bäumen, die ihre Äste wie stumme Wächter über ihn streckten. 


Liam öffnete langsam die Augen. 


„Danke, Kleiner", murmelte er mit einem erschöpften Lächeln. 


Der Naturgeist schimmerte ein letztes Mal auf. Sein Licht wurde schwächer, verblasste, bis es schließlich lautlos verschwand – wie ein einzelner Tropfen Regen, der im Meer untergeht. 


Zwei Tage waren vergangen, seit Leyla entführt worden war. Zwei endlose Tage voller Kälte, Müdigkeit und rastloser Suche. Liam hatte kaum geschlafen, war Stunde um Stunde weitergelaufen, getrieben von der Erinnerung an ihren panischen Schrei in jener Nacht. Immer wieder sah er ihre Augen vor sich – die Angst darin hatte sich tief in sein Gedächtnis gebrannt und ließ sich nicht auslöschen. 


Die Erschöpfung lastete schwer auf seinen Gliedern, seine Gedanken waren stumpfer als sonst, und selbst das Atmen fiel ihm schwerer als es sollte. Trotzdem hielt sein Wille ihn aufrecht. Den See hatte er eher zufällig entdeckt und sich widerwillig dazu gezwungen, kurz innezuhalten – tief in seinem Inneren ahnte er bereits, dass die Befreiung Leylas ihn fordern würde. Er brauchte jeden Rest Kraft, der ihm noch geblieben war. 


Langsam ließ er sich näher ans Wasser sinken und blickte in den Nachthimmel. Der Skullaer hing wie immer in der Mitte des Firmaments, hoch über der Welt, sein kaltes Licht spiegelte sich auf der stillen Oberfläche des Sees, und dahinter funkelten unzählige Sterne vor dem Endlosen Schwarz. 


Für einen Moment wurde es still in seinem Kopf. Dann dachte er an Leyla – an ihr ahnungsloses, beinahe kindliches Lächeln. Sie verstand so vieles nicht, betrachtete manche Dinge der Welt mit einer Naivität, die fast unwirklich wirkte. Und doch hatte Liam nie das Gefühl gehabt, mit jemandem zu sprechen, dem wirklich sämtliche Erinnerungen fehlten. 


Etwas stimmte nicht. 


Vielleicht war ihr Gedächtnis manipuliert worden. Vielleicht hatte jemand gezielt Teile ihrer Vergangenheit ausgelöscht. Liam starrte schweigend auf die Wasseroberfläche. Schon bevor die Entführung geschehen war, hatte er gespürt, wie sehr sich sein Leben verändert hatte, seit Leyla aufgetaucht war – die gemeinsamen Reisen hatten ihm mehr bedeutet, als er sich anfangs eingestehen wollte. 


Er schloss die Augen. Die Stille dieses Ortes konnte die Unruhe in seinem Inneren nicht besänftigen. Sobald er einschlief, hörte er wieder ihre Schreie, rissen ihn dieselben Bilder aus dem Schlaf, und mit jeder Stunde wurde das Gefühl stärker, dass ihm die Zeit davonlief. 


Er durfte keinen weiteren Tag verlieren.



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Als Liam den Turm erreichte, waren bereits fünf Tage vergangen, seit Leyla entführt worden war. Schon beim Aufstieg hatte ihn ein ungutes Gefühl begleitet – irgendetwas sagte ihm, dass Leyla nicht hier war. 


Der Wind fegte unbarmherzig über die Bergkämme und zerrte an seinem Mantel, während Liam auf die kleine Hütte neben dem verfallenen Turm zuging. Die dünne Höhenluft brannte in seiner Lunge, und jeder Atemzug fühlte sich unvollständig an, als würde seinem Körper selbst die Luft verweigert. Die Gegend wirkte verlassen. Still. Zu still. 


Liam blieb vor der schweren Holztür stehen und hob langsam die Hand. 


—KLOPF—


Einige Sekunden lang geschah nichts. Dann drang von der anderen Seite eine zitternde Stimme hervor, so leise, dass er sie beinahe mit dem Heulen des Windes verwechselt hätte. 


[???] „Wer… wer ist da?" 


Das waren nicht die Männer, nach denen er suchte. 


„Mein Name ist Liam", antwortete er ruhig. „Ich suche nach meiner Freundin. Sie wurde vor fünf Tagen von zwei Reitern entführt. Ich hatte gehofft, dass hier vielleicht jemand weiß, wohin diese Männer verschwunden sind." 


Er bemühte sich um einen freundlichen Tonfall, doch die Erschöpfung und die Wut in seinem Inneren ließen seine Worte härter klingen, als er es wollte. Hinter der Tür wurde es still. 


[???] „Ich… ich habe nichts mit diesen Männern zu tun. Bitte geh einfach weiter…" 


Die Angst in dieser Stimme war unmöglich zu überhören. Liam schloss kurz die Augen. Der kalte Wind strich über sein Gesicht, während er den brodelnden Zorn in sich zurückdrängte. 


„Ich will dir nichts tun", sagte er ruhiger. „Aber ich muss diese Männer finden. Wenn du irgendetwas weißt, sag es mir bitte. Meine Freundin ist in ihrer Gewalt." 


Eine lange Pause folgte. Der Sturm rüttelte an den morschen Holzbrettern der Hütte, und irgendwo in der Ferne hallte das dumpfe Grollen eines Steins durch die Berge, bevor die Stille ihn wieder verschluckte. 


[???] „Du… du gehörst wirklich nicht zu ihnen?" 


„Nein." Liams Stimme wurde hart. „Diese Leute sind meine Feinde." 


Für einen Moment entglitt ihm die Kontrolle – die Wut vibrierte förmlich in seinen Worten, bevor er sich wieder fing. Hinter der Tür war ein leises Zittern zu hören. Dann, vorsichtig: 


[???] „Die Männer leben weiter oben in den Bergen. In einem kleinen Dorf namens Hierhall. Sie arbeiten mit einem Sklavenring aus dem Osten zusammen…" Die Stimme stockte.


[???] „Sie haben auch meine große Schwester mitgenommen." 


Ein ersticktes Schluchzen drang durch die Tür, und Liam spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Langsam ballten sich seine Hände zu Fäusten. Der Gedanke, dass Leyla womöglich bereits an solche Menschen verkauft worden war, ließ etwas Dunkles in ihm aufsteigen – etwas, das er nur mit Mühe in Schach hielt. 


„Danke", sagte er schließlich leise. Trotz der ruhigen Worte lag eine gefährliche Schärfe in seiner Stimme. „Du hast mir mehr geholfen, als du denkst." 


Sein Blick verweilte einen Moment auf der alten Tür. 


„Ich werde diese Männer finden. Das verspreche ich dir." 


Ohne auf eine Antwort zu warten, wandte Liam sich ab und begann den steilen Gebirgspfad hinaufzusteigen. Der eisige Wind pfiff ihm um die Ohren, lose Steine rollten unter seinen Schritten den Abhang hinab, und die Kälte kroch durch seine Kleidung und fraß sich tief in seinen Körper. Doch der Frost, der sich in seinem Herzen ausbreitete, war weitaus kälter als alles, was diese Berge hervorbringen konnten.



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Der Kopf des Mannes flog durch die Luft. Für einen einzelnen, surrealen Augenblick blickten die weit aufgerissenen Augen noch auf den eigenen Körper hinab, bevor er dumpf über den gefrorenen Boden rollte und zwischen den Steinen liegen blieb. 


Liam stand reglos vor der Leiche. Das Schwert, das er wenige Minuten zuvor auf einem verlassenen Karren am Dorfrand gefunden hatte, noch immer in seiner Hand, und Blut rann langsam an der Klinge herab und tropfte lautlos auf den Boden. Der große Wachposten hatte nicht einmal Zeit gehabt, nach seiner Waffe zu greifen. 


Das Dorf wirkte wie ein Relikt aus einer anderen Zeit – kalt, verwahrlost, halb verrottet. Die Häuser bestanden aus dunklem Stein und morschem Holz, als hätte selbst die Welt diesen Ort längst aufgegeben. Zwischen den engen Gassen pfiff der Wind hindurch und trug ein heiseres Heulen mit sich, das beinahe wie Stimmen klang. Als würden die Toten dieses Ortes noch immer flüstern. 


Liam hob den Blick. Das Lagerhaus war das größte Gebäude des kleinen Dorfes – neben zwei Wohnhäusern und einer kleinen Kirche das einzige, das bewacht wurde. 


Dort war sie. 


„Wofür gibt es eigentlich die Kaiserlichen Kopfgeldjäger…?" murmelte er düster. In seiner Stimme lag blanke Verachtung. 


Noch während die Worte verklangen, öffnete sich die Tür des Lagerhauses knarrend. Ein kleiner Mann trat hinaus, einen Bierkrug in der Hand. 


[???] „Hey Fred, was machst du da draußen für einen Lärm?" rief er genervt. 


Dann bemerkte er die Leiche. Seine Augen weiteten sich. Liam reagierte instinktiv – der Dolch schoss aus seiner Hand wie ein dunkler Blitz und bohrte sich tief in den Hals des Mannes. Ein ersticktes Gurgeln entwich ihm, der Bierkrug fiel scheppernd zu Boden und zerbarst. Liam trat den noch zuckenden Körper wortlos zur Seite und öffnete die Tür einen schmalen Spalt. 


Vier. 


Drei Männer. Eine Frau. Mehr brauchte er nicht zu wissen. 


Ohne zu zögern stürmte er los. Der erste Mann war beinahe so groß wie der Wachposten draußen – breit gebaut, schwer bewaffnet. Er starb, bevor er seine Axt vollständig anheben konnte. Liams Schwert durchbohrte seine Brust mit brutaler Präzision, und der massige Körper brach krachend zusammen wie ein gefällter Baum. 


Ein weiterer Mann sprang brüllend auf, riss seine Axt hoch und stürzte sich mit verzerrtem Gesicht auf Liam. Der Hieb durchschnitt die Luft. Liam duckte sich darunter hinweg, trat dicht an ihn heran und presste die Hand gegen seine Brust. Sein Mana explodierte. Flammen brachen hervor und verschlangen den Mann innerhalb eines Augenblicks, seine Schreie verwandelten sich in ein entsetzliches Röcheln, und der Geruch von verbranntem Fleisch füllte den Raum.  


Die Frau reagierte als Nächste. Mit einem langen Messer in der Hand schrie sie auf und stürzte sich blind vor Wut auf ihn zu. 


Liam wich mit einer einzigen fließenden Bewegung aus. Die Frau bemerkte ihren Fehler zu spät. Seine Klinge glitt mühelos durch ihren Körper. Keuchend blieb sie stehen, Blut sickerte langsam aus ihrer Brust, die Augen ungläubig auf ihn gerichtet – dann brach sie zusammen. 


Nur noch der letzte Mann blieb übrig. Er zitterte am ganzen Körper, die Waffe fiel klappernd aus seiner Hand, bevor er auf die Knie sank und flehend beide Arme hob. 


„B-Bitte… bitte verschon mich…" stammelte er. 


Liam ging langsam auf ihn zu, die Augen kalt und leer. „Wo ist die Frau mit den blauen Haaren?" 


„H-hinten…" keuchte der Mann. „Im Käfig… die Treppe runter… hinter der Tür…" 


Liam schwieg einen Moment. „Danke", sagte er schließlich. 


Dann zog er langsam sein Jagdmesser. Der Mann begann zu weinen. Für einen kurzen Augenblick hielt Liam inne und blickte in die flehenden Augen vor sich – doch dann dachte er an Leyla. An ihre Schreie bei der Entführung. An die Vorstellung, was diese Menschen ihr angetan hatten. Mit einer einzigen Bewegung schnitt er dem Mann die Kehle durch. 


Stille kehrte ein. 


Liam atmete schwer. Sein Herz schlug hart gegen seine Rippen, während er den schmalen Gang hinunterging, das Blut an seiner Kleidung war bereits kalt. Am Ende stand eine schwere Holztür. Ohne langsamer zu werden, trat er sie auf. Das Holz splitterte krachend. 


Sein Blick durchsuchte den Raum. Dann sah er sie. 


Leyla. Sie lag in einer kleinen Zelle. Wasser tropfte aus einem Loch in der Decke auf den Steinboden, und ihre Kleidung war durchnässt. Blaue Flecken bedeckten ihre Haut, ihre Arme wirkten erschreckend dünn, und selbst das schwache Licht des Raumes konnte nicht verbergen, wie ausgebrannt sie war. 


Liams Atem stockte. 


„Leyla…" Seine Stimme wurde brüchig. „Ich bin so froh, dich zu sehen." 


Er trat auf die Zelle zu. „Geht es dir gut? Ich bringe dich hier raus. Du musst keine Angst mehr haben." 


„L-Liam…?"


Ihre Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern – rau und gebrochen, wie die einer Person, die schon lange nicht mehr gesprochen hatte. 


„Ja", sagte Liam ruhig. „Ich bin hier." 


Als er sie vorsichtig hochhob, spürte er sofort, wie leicht ihr Körper geworden war. 


Viel zu leicht. 


Jeder Atemzug klang flach und schmerzhaft, als würde selbst das Atmen sie Kraft kosten. „Halte durch… bitte halte einfach durch…" Verzweifelt begann er, seine Heilmagie einzusetzen. Warmes Mana floss durch seine Hände und breitete sich langsam über ihren verletzten Körper aus. 


„D-Du musst vorsichtig sein…" murmelte Leyla schwach. „Hier sind mindestens drei Leute…" 


Liam konnte nicht anders als leise zu schmunzeln und erschöpft den Kopf zu schütteln. „Nein. Hier ist niemand mehr." Selbst jetzt dachte sie noch daran, ihn zu warnen – wie viel Kraft sie trotz allem noch aufbrachte, erschütterte ihn mehr, als er erwartet hatte. 


„Liam… du blutest…" flüsterte Leyla. Ein schwaches Lächeln erschien auf ihren blassen Lippen. 


„Das ist nicht mein Blut." Er hielt sie etwas fester. „Mach dir keine Sorgen." 


Langsam begannen sich ihre Verletzungen zu schließen. Als ihre Atmung ruhiger wurde, wurde auch seine Stimme sanfter. „Du kannst dich jetzt ausruhen." 


Warme Tropfen liefen über seine Haut. Erst nach einigen Sekunden begriff Liam, dass es Leylas Tränen waren. „Du hast durchgehalten", sagte er leise. „Ich bin jetzt bei dir." 


Und während er die bewusstlose Leyla durch den blutgetränkten Raum trug, mischte sich mit einem Schlag unter die Erleichterung plötzlich etwas anderes. 


Wut. 


Sein Blick fiel auf den verbrannten Körper den Mann, der um sein Leben gebettelt hatte. Auf dem Unterarm zeichnete sich ein Tattoo ab – klar, unverkennbar, selbst durch das Blut hindurch. 


Der Goldene Löwe. 


Das Zeichen der Privatarmee des Kaisers.



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Vorsichtig zog Liam Leyla die neuen Stoffkleider an, die er kurz zuvor auf dem Markt von Hemmingen gekauft hatte. Seine Bewegungen waren langsam und erschöpft – trotzdem achtete er darauf, den dünnen Stoff behutsam über ihre geheilte Haut zu ziehen. 


Mehrere Tage waren vergangen, seit er sie aus dem Dorf befreit hatte. Tage ohne echten Schlaf, in denen er sie beinahe ununterbrochen getragen und nicht aufgehört hatte, Heilmagie einzusetzen. Die Folgen spürte er inzwischen an jedem Glied: sein Körper fühlte sich schwer an, jeder Muskel schmerzte, seine Gedanken wirkten dumpf, und sein Mana war fast vollständig erschöpft. Selbst das einfache Aufstehen kostete ihn Kraft. 


Liam strich Leyla vorsichtig eine Strähne ihres blauen Haares aus dem Gesicht. Sie war noch immer bewusstlos – ihr Zustand hatte sich stabilisiert, doch sie wachte nicht auf. Sein Blick schweifte durch die kleine Herberge. Vielleicht sollte er hierbleiben. Ein paar Tage Ruhe, Schlaf, Zeit, damit Leyla sich erholen konnte. Doch kaum war der Gedanke entstanden, verwarf er ihn. 


Nein.


Er wollte sie so schnell wie möglich fortbringen.


Malyl. Dort mussten sie hin. 


Nachdem er Leyla wieder zugedeckt hatte, verließ er die Herberge und trat hinaus auf den Marktplatz. Die Nachmittagssonne hing tief über der kleinen Stadt und tauchte die Straßen in warmes, goldenes Licht. Händler riefen ihre Waren aus, Pferde schnaubten zwischen den Wagen, und irgendwo in der Luft hing der Geruch von gebratenem Fleisch und frischem Brot – ein seltsam friedlicher Kontrast zu allem, was hinter ihm lag. 


Dann entdeckte er einen Zwerg. Der kleine, breit gebaute Mann saß entspannt auf dem Bock eines großen Reisewagens, vor den zwei kräftige Pferde gespannt waren, und biss gemächlich in eine rote Frucht, während er das geschäftige Treiben auf dem Platz beobachtete. 


Liam trat näher heran. „Entschuldigung. Wohin reist du?" 


Der Zwerg musterte ihn kurz. Sein Blick blieb einen Moment länger an Liams erschöpftem Gesicht und den Blutflecken auf seiner Kleidung hängen, bevor er erneut von seiner Frucht abbiss. 


„Malyl", antwortete er knapp. 


Etwas von der Anspannung in Liams Brust löste sich. „Das passt gut", sagte er. „Meine Freundin und ich müssen ebenfalls nach Malyl." Er machte eine kurze Pause. „Vielleicht können wir uns einigen."

 
 
 

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