Kapitel 219 - Yang
- empirewebnovel
- 6. Mai
- 13 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 7. Mai

—KNACK—
Die Frucht am Lebensbaum gab nach, zunächst kaum hörbar, dann mit einem klaren, sich langsam ausbreitenden Geräusch, das durch die gesamte Umgebung zog, als hätte der Baum selbst diesen Moment ankündigen wollen. Die Oberfläche spannte sich, riss entlang feiner, vorgezeichneter Linien auf und begann sich zu öffnen, Schicht für Schicht, ohne Hast, ohne Zögern, als würde etwas im Inneren ganz bewusst den richtigen Augenblick abwarten.
Umat stand davor, reglos, doch vollkommen aufmerksam, jede Veränderung in der Umgebung registrierend.
Vor ihm erhob sich der Lebensbaum in seiner vollen Größe, ein gewaltiges, uraltes Gebilde, dessen Existenz weit über die der einzelnen Leben hinausging, die aus ihm hervorgegangen waren. Jeder Wacal hatte hier seinen Ursprung, war aus einer solchen Frucht hervorgetreten, getragen von einer Ordnung, die sich niemals verändert hatte.
Bis jetzt.
Es war lange her, seit sich zuletzt eine Frucht geöffnet hatte. Zu lange, um es noch als Zyklus zu betrachten. Und unter den Wacal war längst ein stilles Verständnis entstanden, ein Wissen, das niemand aussprach und doch jeder trug.
Dieses Kind würde das letzte sein.
Umat trat einen Schritt näher, nicht hastig, sondern mit Bedacht, als würde er sich einem Moment nähern, der größer war als er selbst und größer als alles, was er je erlebt hatte. Seine Arme hoben sich leicht, vorbereitet auf das, was folgen sollte, bereit, das Neugeborene aufzufangen, so wie es immer geschehen war, so wie die Ordnung es vorsah.
Dann zeigte sich Bewegung im Inneren der Frucht.
Eine kleine Hand schob sich durch die Öffnung, zart und doch vollkommen geformt, als wäre sie nie Teil eines unfertigen Zustands gewesen, als hätte sie niemals zu etwas gehört, das noch nicht bereit war. Für einen Augenblick verharrte alles, als würde selbst die Zeit diesen Anblick würdigen, als wäre sie bereit, innezuhalten.
Dann löste sich das Kind.
Ein Mädchen glitt aus der Frucht, ihr Körper vom sanften Leuchten des Baumes umgeben, ihr Haar ein dichter, schwarzer Afro, ihre Haut makellos, ohne jeden Bruch, ohne jede Spur von Unreinheit. Sie war neu – und zugleich absolut vollkommen, als wäre das eine dem anderen als Konsequenz gefolgt.
Doch sie fiel nicht.
Noch bevor sie Umats ausgestreckte Arme hätte erreichen können, hielt sie inne, als hätte die Schwerkraft schlicht keinen Anspruch auf sie. Ihr Körper blieb in der Luft, ruhig, stabil, getragen von einer Kraft, die nicht sichtbar war, aber mit einer Eindeutigkeit existierte, die jeden Zweifel ausschloss.
Langsam drehte sie sich, ließ den Blick über ihre Umgebung gleiten, als würde sie sie nicht zum ersten Mal sehen, sondern lediglich bestätigen, was sie längst wusste.
Umat ließ seine Arme sinken. Seine Haltung blieb gefasst, doch sein Blick verriet, dass dieser Moment allem widersprach, was er erwartet hatte, was er überhaupt hätte erwarten können. Die Ordnung war gebrochen, nicht durch Gewalt, nicht durch einen Eingriff von außen, sondern durch etwas, das sich ihr einfach entzog.
„Lebe, Kind. Dein Name soll Zecar sein.“
Seine Stimme war ruhig, getragen von der Tradition, die er bewahrte – auch wenn sie in diesem Augenblick bereits begann, in sich zu zerfallen.
Das Mädchen wandte sich ihm zu.
Ihre Augen waren klar, durchdringend, ohne jeden Hauch von Unsicherheit oder jener Orientierungslosigkeit, die bei einem Neugeborenen, selbst einer Wacal, nicht nur zu erwarten, sondern schlicht selbstverständlich gewesen wäre.
Dann schüttelte sie den Kopf.
„Ich mag Yang mehr.“
Die Worte kamen ohne Zögern, ohne Abwägung, als wären sie nicht spontan entstanden, sondern längst entschieden gewesen – als hätte sie diesen Moment nicht erlebt, sondern lediglich bestätigt.
Umat sagte nichts.
Er beobachtete, wie sie sich vom Baum entfernte, wie ihr Körper sich leicht anhob und schließlich in eine ruhige, selbstverständliche Bewegung überging. Sie flog, als wäre es keine Fähigkeit, die gelernt oder errungen werden musste, sondern ein Zustand, der nie hatte infrage stehen können.
Ihr Blick richtete sich nach vorn. Auf den Horizont.
Ohne sich ein einziges Mal umzusehen, entfernte sie sich, wurde kleiner, löste sich aus der klaren Wahrnehmung heraus und verlor sich schließlich in der Weite, bis sie nicht mehr als eine kaum wahrnehmbare Bewegung war, die sich gegen das Licht abzeichnete.
Dann verschwand auch das.
Umat blieb zurück.
Sein Blick war ihr gefolgt, so lange es möglich war, hielt sich an der letzten Spur fest, die von ihr blieb – bis auch diese erlosch. Dann ließ er los.
Die Tränen kamen ohne Widerstand. Sie liefen über sein Gesicht, während er allein vor dem Lebensbaum stand, der so viele hervorgebracht hatte und nun sein letztes Kind in eine Welt entlassen hatte, die nicht auf sie vorbereitet war.
Noch nie hatte ein Wacal solches Potenzial gezeigt.
Noch nie hatte ein Anfang so wenig wie ein Anfang gewirkt – und zugleich so sehr wie etwas, das alles verändern würde.
,,Möge dein Weg vom Raben gesegnet sein.’’
--------------------------------------------------------------------------
Yang flog über die Weiten des Landes, und unter ihr erstreckte sich eine Wüste, deren Dünen sich wie erstarrte Wellen bis zum Horizont zogen. Der Wind trug feinen Sand durch die Luft, ließ ihn in schimmernden, sich ständig verändernden Schleiern tanzen, während die Hitze, selbst in dieser Höhe, noch spürbar war, ein gleichmäßiges, trockenes Drücken, das die meisten anderen Wesen zur Umkehr gezwungen hätte. Für Yang jedoch war all das kein Hindernis, sondern Teil einer Welt, die sich ihr ohne Widerstand offenbarte.
Mit jedem Augenblick, der verstrich, wuchs ihr Verständnis.
Es war kein Lernen im gewöhnlichen Sinne. Sie musste nichts wiederholen, nichts einüben, nichts hinterfragen. Das Wissen kam zu ihr, formte sich in ihrem Bewusstsein, als hätte es schon immer dort existiert und würde sich lediglich erinnern, sich aus einem Zustand des Schweigens heraus in Sprache verwandeln. Zusammenhänge wurden klar, Strukturen verständlich, und selbst komplexe Prinzipien erschienen ihr nicht fremd, sondern selbstverständlich, wie Dinge, die man eigentlich schon immer gewusst hatte.
Yang war zwei Jahre alt.
Zwei Jahre, in denen sie die Magie nicht entdeckt, sondern durchdrungen hatte. Die sechs Elemente reagierten auf sie, nicht zögernd, sondern bereitwillig, als würden sie in ihr eine Autorität erkennen, die nicht infrage gestellt werden konnte und nicht infrage gestellt werden musste. Feuer, Wasser, Erde, Luft, Licht und Schatten – sie alle ließen sich formen, lenken, ineinanderfalten, ohne dass sie je an eine Grenze gestoßen wäre, die ihr Einhalt geboten hätte.
Und zweimal…
Zweimal hatte sie etwas erreicht, das über all das noch hinausging.
Äthermagie.
Selbst diese höchste Form hatte sich ihr nicht vollständig verschlossen. Kurzzeitig, flüchtig, wie ein Schimmer hinter einem Vorhang, hatte sie sie greifen können, hatte gespürt, was es bedeutete, etwas zu berühren, das jenseits der gewöhnlichen Ordnung der Welt lag.
Sie freute sich.
Nicht auf eine kindliche, unreflektierte Weise, sondern mit einer Klarheit, die ihre gesamte Wahrnehmung durchdrang. Das Leben war neu, voller Eindrücke, voller Möglichkeiten, die sich bei jedem Blick nach vorn zu vervielfältigen schienen. Jeder Moment brachte etwas mit sich, das es zu erfassen galt, und sie nahm alles in sich auf, ohne je zu ermüden.
Wie viel es noch zu lernen gab.
Wie weit sich diese Welt erst noch erstreckte.
Erst gestern hatte sich ihr ein Drache in den Weg gestellt.
Ein gewaltiges Wesen, dessen Schuppen im Wüstenlicht geglänzt hatten wie poliertes Erz, dessen bloße Präsenz den Raum selbst zu verdichten schien. Er hatte sich ihr entgegengestellt, hatte gesprochen, hatte ihr erklärt, dass sie seinen Berg nicht überfliegen dürfe, mit der ruhigen Gewissheit eines Wesens, das diese Grenze noch nie hatte verteidigen müssen.
Yang hatte ihn angesehen.
Und dann gekämpft.
Der Kampf war nicht knapp gewesen. Die Kräfteverhältnisse hatten sich schnell geklärt, die Auseinandersetzung hatte kein offenes Ende zugelassen, kein Gleichgewicht, das hätte bewahrt werden können. Doch das war nicht der Punkt gewesen.
Es hatte Spaß gemacht.
Die Bewegung, die Reaktion, das Wechselspiel aus Angriff und Anpassung, das sich entfaltete, als zwei Willen aufeinandertrafen – all das hatte etwas in ihr ausgelöst, das sie genoss, etwas Scharfes und Klares, das keine andere Erfahrung bislang erzeugt hatte.
Doch während sie nun weiter über die Wüste glitt, schlich sich ein Gedanke in ihr Bewusstsein.
„Was, wenn das irgendwann aufhört?"
Der Gedanke dehnte sich, fand Raum, bevor sie ihn aufhalten konnte.
„Was, wenn der Moment kommt, in dem nichts mehr neu ist? In dem alles verstanden, alles erfahren, alles durchdrungen ist?"
Sie ließ ihn noch einen Atemzug lang stehen.
„Was, wenn selbst der Kampf… langweilig wird?"
Der Gedanke blieb nicht lange.
Yang schob ihn beiseite, fast beiläufig, als wäre er eine unnötige Unterbrechung eines ansonsten vollkommen zufriedenstellenden Tages.
„Ach was. Das wird bestimmt noch lange hin sein."
Ihr Blick wanderte zurück auf die endlosen Dünen unter ihr, die sich träge und gleichgültig bis zum Horizont erstreckten, als hätten sie diese Frage schon tausendmal gehört und keine Antwort darauf für nötig befunden.
--------------------------------------------------------------------------
Yang spürte, wie sich die Kälte in ihrem Körper ausbreitete, nicht abrupt, sondern schleichend, als würde sie sich von innen heraus durch jede Faser ihrer Glieder legen, einen Bereich nach dem anderen in Besitz nehmen. Es war ein fremdes Gefühl, eines, das sie in dieser Form noch nie erlebt hatte, und gerade deshalb so schwer einzuordnen. Ihre Wahrnehmung wurde dumpfer, ihre Bewegungen schwerer, und selbst das Atmen verlor seine Selbstverständlichkeit, als wäre es eine Fähigkeit, die sie erst kürzlich erworben hatte und nun wieder zu vergessen drohte.
Sie hatte sich mit Jess gemessen. Der Erzdämonin des Krieges.
Im Nachhinein war es eine Entscheidung gewesen, die sich nicht mehr rechtfertigen ließ. Nicht aus Notwendigkeit, nicht aus einem übergeordneten Ziel heraus, sondern aus etwas weitaus Einfacherem, etwas, das sie selbst kaum hatte benennen wollen.
Langeweile.
Es war zu lange her gewesen, seit sie wirklich gefordert worden war, seit ein Kampf mehr gewesen war als eine Abfolge von Bewegungen, deren Ausgang von Anfang an feststand, noch bevor die erste Faust gehoben wurde. Zu lange, seit ihr Dasein eine Richtung gehabt hatte, die über ihre bloße Existenz hinausging, die nach etwas griff, das außerhalb ihrer selbst lag.
Was bedeutete ein Körper, der niemals krank wurde, der nicht alterte, der sich stets wieder herstellte, wenn man ihn nicht einsetzte?
Wenn man nicht lebte?
Die Antwort hatte sie gesucht. Und gefunden.
Blut rann aus ihrem Bauch, warm und unaufhaltsam, während sich die Wunde, die Jess ihr zugefügt hatte, nicht schloss, nicht einmal im Ansatz. Die Klinge hatte sie sauber durchtrennt, geführt mit einer Präzision, die nichts dem Zufall überließ, und die Verletzung war mehr als nur physisch. Es war nicht allein die rohe Macht der Erzdämonen gewesen, die Jess ihr überlegen gemacht hatte.
Es war ihr Verständnis vom Kampf.
Jede Bewegung, jede Entscheidung war perfekt, als würde sie bereits wissen, was Yang tun würde, noch bevor Yang es selbst wusste, als würde sie einen Text lesen, dessen Ende sie auswendig kannte. Der Kampf hatte nur Minuten gedauert.
Und doch hatte er gereicht.
,,Sterbe ich nun?’’
Der Gedanke war ruhig, nüchtern, als würde sie eine Tatsache erkennen, nicht eine Angst in Worte fassen.
Dann hörte sie Schritte. Langsam hob sie den Blick.
Vor ihr stand ein Mensch.
Goldenes Haar, klar erkennbar selbst in ihrem eingeschränkten Sichtfeld, das sich an den Rändern bereits zu trüben begann. Doch es war nicht sein Äußeres, das ihre Aufmerksamkeit auf sich zog und festhielt.
Es war seine Magie.
Etwas daran war anders. Nicht nur in ihrer Struktur, sondern in ihrer Natur selbst. Sie war nicht chaotisch, nicht roh, nicht von jener ungefilterten Gewalt, die sie bisher an mächtigen Wesen erlebt hatte.
Sie war fremd.
Ein Muster, das Yang nicht kannte, das keiner der Kategorien entsprach, die sie in den vergangenen zwei Jahrtausenden aufgebaut hatte.
Und das sie nun nicht mehr würde erkunden können. Es war ein flüchtiger Gedanke, der sich sofort wieder auflöste.
Dann spürte sie seine Hände.
Berührungen. Direkt auf ihrer Haut.
„Was tut er?"
Die Antwort kam sofort, ohne Umweg.
Die Wunde in ihrem Bauch begann sich zu schließen, nicht langsam, nicht mit jener gleichmäßigen Behutsamkeit, die sie von gewöhnlicher Heilung kannte, sondern mit einer Geschwindigkeit, die jede Erwartung weit übertraf. Gewebe setzte sich zusammen, Blut zog sich zurück, Strukturen fanden in ihren ursprünglichen Zustand zurück, als wäre die Verletzung nie entstanden, als hätte sie nie einen Platz in der Ordnung der Dinge gehabt.
Die Kälte wich.
Wärme kehrte zurück, breitete sich aus, ließ ihre Muskeln wieder reagieren, ihr Bewusstsein sich schärfen, die Ränder ihrer Wahrnehmung wieder an Kontur gewinnen.
Yang blinzelte.
Verwirrung mischte sich in ihre Wahrnehmung, ein Gefühl, das sie ebenfalls selten kannte.
Das sollte nicht möglich sein.
Jess hatte es gesagt. Man konnte sie nicht heilen.
,,W-Was ist das für Magie?’’
Ihre Stimme war schwach, anders als sie es gewohnt war, hörte sich fremd an, als käme sie aus einem Körper, der noch nicht wieder ganz ihr gehörte. Doch die Frage war klar.
Der junge Mann lächelte.
Sein Ausdruck war ruhig, beinahe beiläufig, als würde er etwas Triviales erklären.
,,Zeitmagie. Ich versetze deinen Körper in seinen Ursprungszustand zurück.''
Er zog die Hände zurück, erhob sich und ließ den Blick kurz und prüfend über die Umgebung gleiten, als wolle er sicherstellen, dass keine weiteren Gefahren im Verborgenen warteten.
Dann sah er wieder zu ihr.
,,Was genau bist du? Wie ist dein Name? Ich werde die nächsten Tage hier bleiben, bis es dir besser geht.''
Yang versuchte, sich aufzurichten.
Ihr Körper reagierte, doch die Kraft fehlte noch, lag irgendwo zwischen Rückkehr und Vollständigkeit. Die Regeneration war im Gange, aber sie hatte ihre Arbeit noch nicht abgeschlossen. Sie sank leicht zurück, fing sich jedoch, hielt den Blick fest auf ihn gerichtet.
,,Ich bin eine Wacal… und mein Name ist Yang. Wie ist dein Name?''
Der Mann ließ sich auf einem nahegelegenen Baumstamm nieder, seine Haltung entspannt und ohne jede Eile, als hätte er alle Zeit der Welt und hätte es auch nie anders gekannt.
,,Ich bin Simour'', sagte er ruhig. ,,Simour Algavia.''
--------------------------------------------------------------------------
Yang wurde durch die Luft geschleudert, fortgerissen von der rohen Gewalt des Einschlags, der sie aus dem Kampfzentrum hinauskatapultierte wie ein Stein aus einer Schleuder, der nie wieder zurückfindet. Unter ihr zerriss das brennende Randurin in ein flackerndes Mosaik aus Glut und Schatten, während sie selbst, unkontrolliert rotierend, in Richtung des offenen Meeres getragen wurde. Erst nach mehreren Atemzügen gelang es ihr, den Körper zu stabilisieren, die Orientierung zurückzugewinnen und die Drehbewegung durch einen gezielten Impuls abzufangen.
Doch das kostete Kraft.
Ihre Atmung ging schwer, ungewohnt schwer, schwerer als sie es seit Jahrhunderten gekannt hatte. Jeder Atemzug verlangte mehr Kontrolle, mehr Konzentration als er sollte. Es war kein unmittelbarer, lokalisierbarer Schmerz, der sie dominierte, sondern etwas Diffuseres, ein stetiger, unaufhaltsamer Verlust an Stabilität, der sich durch jede Bewegung zog wie ein Riss durch Glas, der wächst, ohne dass man ihm zusieht.
Leyla war stärker gewesen, als sie erwartet hatte. Deutlich stärker.
Doch das allein hätte sie nicht in diese Lage gebracht.
Der Fluch war es.
Er pulsierte durch ihren Körper wie ein fremdes Herz, das nicht im Einklang mit ihr schlug, das seinen eigenen Rhythmus hatte und sich um den ihrer ignorierte. Er durchzog ihre Adern, griff in ihren Manastrom ein und verzerrte ihn, ließ ihn aufbrechen, neu ansetzen, wieder zerfallen, bevor er sich hatte festigen können. Wo einst klare, fließende Bahnen gewesen waren, herrschte nun ein unstetes Flackern, ein permanenter Verlust an Präzision. Gleichzeitig entzog er ihr etwas, das sie so lange nicht mehr bewusst wahrgenommen hatte, weil es immer da gewesen war, wie Luft, wie Licht.
Lebenskraft.
Die Erkenntnis traf sie nicht plötzlich, sondern setzte sich zusammen, während sie weiter durch die Luft glitt, Stück für Stück, wie ein Bild, das sich aus einzelnen Fragmenten zusammenfügt. Dieser Fluch war nicht neu. Er hatte Zeit gebraucht, sich zu entfalten, hatte im Verborgenen gewirkt, lange bevor sie ihn überhaupt bemerkt hatte.
In ihren Gedanken tauchten Namen auf, klar und strukturiert, abgearbeitet mit jener Nüchternheit, die sie seit Jahrtausenden begleitete.
Zil, der Erzdämon der Dunkelheit, dessen Fähigkeiten weit genug gereicht hätten, um selbst sie zu schwächen. Doch er war seit Jahrhunderten verschwunden, und sein Einfluss hätte eine andere Signatur getragen.
Barathila, seine Tochter, die Fluchhexe, deren Macht für solch eine Wirkung ausgereicht hätte. Doch nach allem, was Yang wusste, war sie längst tot.
Und Juka, der Urdrache von Astaris, eine uralte Existenz, deren Verständnis von Magie jenseits gewöhnlicher Grenzen lag und die keinen Grund hatte, sich um sie zu kümmern.
Keiner dieser Namen passte wirklich zu dem, was sie in sich spürte. Vielleicht war es einer dieser drei Namen. Vielleicht nicht. Letztlich spielte es keine Rolle mehr.
Yang richtete ihren Körper aus, versuchte, die Flugbahn zu kontrollieren, doch noch bevor sie vollständig wieder Stabilität gewinnen konnte, spürte sie es.
Leyla. Ihr Einfluss griff nach dem Meer.
Hinter Yang begann das Wasser sich zu heben, zunächst wie ein fernes Grollen unter dem Horizont, dann mit wachsender Intensität, bis sich gewaltige Wellen auftürmten wie aufgerichtete Gebirge aus lebendiger Gewalt. Die Ätherbarrieren, die das Meer zuvor zurückgehalten hatten, brachen unter diesem Druck auf, und die aufgestaute Masse entlud sich mit einer unaufhaltsamen Kraft, als hätte jemand eine Schleuder freigegeben, die zu lange gespannt gewesen war.
Yang reagierte sofort. Ihr Mana schoss nach vorne, griff nach den Wassermassen, versuchte, ihre Struktur zu durchdringen, ihre Wucht zu dämpfen, ihnen eine beherrschbare Ordnung aufzuzwingen.
Doch sie wusste bereits, dass es nicht ausreichen würde.
Diese Erkenntnis kam nicht von Angst begleitet, sondern von Klarheit, von derselben nüchternen Klarheit, die sie ihr ganzes Leben geleitet hatte.
Sie würde sterben.
Ein einfacher, logischer Schluss, der sich aus allem ergab, was sie spürte und verstand, der keiner Ausschmückung bedurfte und keine zuließ.
Ohne den Fluch hätte sie Atorm ohne nennenswerte Anstrengung besiegt, hätte Barbarossa nicht einmal als ernsthafte Bedrohung eingestuft, und Leyla – Leyla hätte sie mit derselben absoluten Selbstverständlichkeit überwältigt, mit der sie es immer getan hatte, als wäre es keine Frage, sondern ein Gesetz.
Doch der Fluch hatte ihre Grundlage zerstört.
Er hatte ihren Manastrom zerbrochen, ihre Kontrolle von innen heraus untergraben und sie in einen Zustand gebracht, in dem selbst einfache Stabilität zur ständigen Aufgabe wurde. Und jede Begegnung in dieser Nacht hatte diesen Zustand weiter verschärft, hatte ihr etwas genommen, das sie nicht zurückbekommen würde.
Ohne Atorm hätte der Fluch keinen Ansatzpunkt gefunden, hätte sich nicht in dieser Geschwindigkeit entfalten können.
Ohne Barbarossa hätte sie ihre Reserven nicht bis an die äußerste Grenze verbrauchen müssen, hätte genug Kraft behalten, um dagegen anzukämpfen.
Und ohne Leyla…
Ohne Leyla hätte sie überlebt. Hätte sich zurückgezogen, regeneriert, sich neu ausgerichtet und wäre zurückgekehrt.
Doch diese Möglichkeit war verloren, so absolut wie alles, was man erst bemerkt, wenn es bereits hinter einem liegt.
Die Wellen brachen über ihr zusammen.
Das Meer verschlang sie vollständig, zog sie in seine Tiefe, ließ die Welt um sie herum schwer und dicht werden, als würde die gesamte Last des Wassers auf einem einzigen Punkt ruhen. Jede Bewegung verlangte mehr Kraft, jede Reaktion mehr Zeit, als sie noch aufbringen konnte. Noch bevor sie sich vollständig orientieren konnte, war Leyla bei ihr.
Der Griff kam sofort.
Fest. Unnachgiebig.
Yang reagierte instinktiv, ihr Körper bewegte sich, blockte, suchte nach einem Ansatzpunkt, um sich zu lösen. Nicht aus Hoffnung heraus, sondern aus Prinzip. Aufgeben war für sie nie eine Option gewesen, in keinem Augenblick ihres langen Lebens.
Noch ein letztes Mal griff sie nach dem Äther, doch die Verbindung brach, noch bevor sie sich hatte schließen können, zerfiel wie Rauch, der sich auflöste.
Die Angriffe trafen sie in schneller Folge. Bewegungen verschwammen, Übergänge lösten sich auf, während Schläge sie weiter in die Tiefe drängten. Ihr Körper reagierte, doch es war kein kontrollierter Kampf mehr, sondern ein Reflex, ein schwaches Echo dessen, was sie einst gewesen war, was sie ein Leben lang gewesen war.
Leyla war hier überlegen.
Das Wasser antwortete auf sie, verstärkte ihre Bewegungen, hielt Yang fest, ließ keinen Raum für eine Gegenwehr, die mehr als bloße Verzögerung gewesen wäre.
„Vergib mir, Simour. Ich werde unser Reich nicht länger schützen können."
Der Gedanke war leise, klar und vollständig, frei von Bitterkeit, von jeder Form des Vorwurfs.
Dann traf sie auf dem Meeresboden auf.
Der Aufprall ließ den Untergrund nachgeben, während sich gleichzeitig die Erde um sie schloss, sie fixierte, jede Bewegung vergrub. Leylas Hände legten sich um ihren Hals, und das Wasser drang in ihre Lungen ein, langsam und unausweichlich, ersetzte den Atem durch etwas, das keinen Platz dafür ließ.
Der Schmerz war intensiv, durchdringend.
Doch Yang ließ ihn nicht nach außen dringen. Sie würde nicht zulassen, dass Leyla auch nur einen einzigen Moment von Schwäche in der Haltung von Yangs Verstand sah. Das war das eine Absolut, das sie nie brechen würde.
,,Tut mir leid. Aber für meine Ziele musst du sterben.’’
Die Worte erreichten sie gedämpft und verzerrt durch das Wasser und doch klar genug, um ihre Bedeutung vollständig zu tragen. Yang reagierte nicht.
Langsam wich die Spannung aus ihrem Körper, löste sich auf, Schicht für Schicht. Die Kälte, die zuvor nur am Rand präsent gewesen war, breitete sich nun vollständig aus, legte sich über sie wie eine Decke, die man nicht mehr abwerfen kann, nahm ihr jede verbleibende Wärme, jede letzte Bewegung, jede letzte Möglichkeit.
Das Leben verließ sie. Unaufhaltsam.
Ein letzter Gedanke formte sich, ruhig und in sich abgeschlossen, ohne Bruch und ohne Zögern.
„Wenigstens habe ich am Ende meines Lebens noch ein letztes Mal den Spaß meiner Kindheit genießen dürfen."



Kommentare