Kapitel 1 - Morgensonne
- empirewebnovel
- 24. Aug. 2024
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 9. Mai

Prolog
Dreizehn.
Das war die Anzahl der Steine, die auf dem Tisch lagen.
Dreizehn dunkle Steine, überzogen mit frischen Runen, deren Linien im fahlen Licht fast den Anschein erweckten, als würden sie atmen. Jeder von ihnen trug etwas in sich, das sich nicht benennen ließ. Und doch war da etwas. Unausgesprochen.
[???] ,,Bist du dir sicher, Bruder?’’
Die Stimme neben ihm war ruhig, beinahe sanft – und doch lag darunter dieser unverkennbare Stolz. Jener scharfe, durchdringende Stolz, der niemals verborgen und niemals gezügelt wurde.
Er hob langsam den Blick.
Einen Moment lang sah er in die Augen. Dann griff er wortlos nach den Steinen und ließ sie einen nach dem anderen in den ledernen Beutel gleiten. Das dumpfe Klacken, mit dem sie aufeinandertrafen, verlor sich im Raum, ohne nachzuhallen.
„Ja", sagte er. „Ich bin mir sicher, Schwester."
Er hielt kurz inne. Seine Stimme wurde tiefer.
„Ich bin mir schon sehr lange sicher."
Viel zu lange.
Ein Seufzen entwich ihm, doch es war weder schwer, noch erschöpft. Nur abschließend. Er wandte sich vom Tisch ab und trat langsam auf das Fenster zu.
„Du verlässt deinen Platz", warnte die Stimme. Nun lag in ihr keine Ruhe mehr. Nur eine gewisse Kälte. „Du weißt, welche Konsequenzen das nach sich ziehen wird."
Er antwortete nicht.
Mit einer langsamen Bewegung öffnete er das Fenster. Kalte Morgenluft drängte sofort in den Raum.
Draußen lag das Reich, das als seins galt.
Der See erstreckte sich weit unter ihm, still und vollkommen glatt. Das Licht der Morgensonne spiegelte sich auf der Wasseroberfläche – blasses, farbloses Gold, das keine Wärme in sich trug. Feine Nebelschleier trieben träge über dem Ufer. In der Ferne ragten Türme empor, aus der Nähe gewaltig, aus dieser Höhe nur Striche gegen einen leeren Himmel.
Er betrachtete alles schweigend. Dann trat er auf die Fensterkante.
Hinter ihm erklang noch einmal die Stimme – leiser diesmal, doch nicht weniger scharf.
„Das ist keine Freiheit."
Er schloss für einen Moment die Augen. Dann sprang er.
Der Wind griff sofort nach ihm, doch noch bevor die Schwerkraft ihn erfassen konnte, breiteten sich gewaltige schwarze Flügel hinter ihm aus. Ein einziger Schlag – und er stieg hinauf.
Immer höher.
Fort von dem See. Fort von der Stimme. Fort von allem.
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,,Please allow me to introduce myself…’’
—KLICK—
Leyla schaltete ihren Wecker aus. „Sympathy for the Devil" von den Rolling Stones.
Es war das Lieblingslied ihrer Mutter gewesen. Damals, als sie noch gemeinsam in der engen Küche getanzt hatten, die Hände ineinandergeschlungen und das Radio viel zu laut aufgedreht. Nächtelang hatten sie Filme geschaut, sich ins Sofa gekuschelt, über Dinge geredet, die eigentlich keine Bedeutung hatten – und doch alles bedeuteten. Eine Zeit, die sich inzwischen fremd anfühlte.
Leyla wollte das Gesicht ihrer Mutter noch einen Herzschlag lang festhalten – doch das Bild zerfiel, ehe es sich schärfen konnte, wie Rauch, der sich im Wind auflöst.
Missmutig öffnete sie die Augen und richtete sich langsam auf. Ihr Blick glitt zu der freien Seite ihres großen Betts. Sie hatte es sich zu Beginn ihres Kunststudiums gekauft, getragen von stillen Hoffnungen und romantischen Vorstellungen, es irgendwann mit jemandem zu teilen. Doch bisher hatten nur ihre Kuscheltiere die andere Hälfte der Matratze für sich beansprucht.
Mit verschlafenen Schritten schlurfte sie zum Fenster und zog den Vorhang beiseite. Draußen lag der kleine Park, der ihre Wohnung von der Busstation trennte, still und friedlich im goldenen Licht des frühen Morgens. Frisches Grün wiegte sich sanft im Wind, irgendwo zwitscherten Vögel ihr morgendliches Konzert. Es war einer dieser klaren Maitage, an denen man das Gefühl bekam, dass der Sommer endlich zurückgekehrt war.
Leyla lehnte sich einen Moment gegen den kühlen Fensterrahmen, atmete tief ein und ließ den Atem langsam wieder entweichen. Dann wandte sie sich ab. Mit einem leisen Seufzen streckte sie sich, bis ihre Schultern laut knackten, und begann sich anzuziehen. Heute wollte sie endlich ihren neuen Hoodie tragen. Der gestrige Ausflug mit Katja hatte sich mehr gelohnt, als sie erwartet hatte.
Katja war bei ihrem Einzug nur ihre Mitbewohnerin gewesen – doch irgendwann, ganz unbemerkt und selbstverständlich, hatte sich das verändert. Leyla konnte nicht einmal mehr sagen, wann genau es passiert war. Sie hatte es einfach eines Tages begriffen: Katja war längst ihre beste Freundin.
Ein kurzer Blick auf die Uhr genügte, um jede Spur morgendlicher Ruhe in einem Atemzug zu zerstreuen.
„Scheiße."
Hastig griff Leyla nach ihrem Rucksack. Sorgfältig schob sie ihr neues Kunstwerk hinein – das Gemälde von ihr und Katja in einem Vogelkäfig. Bei dem Anblick musste sie leicht grinsen.
Noch halb im Stress eilte sie zur Tür. Im Vorbeigehen fiel ihr Blick auf den Spiegel an der Wand, der seit Wochen schief hing und so wirkte, als würde er jeden Moment in die Tiefe stürzen.
„Heute Abend hänge ich ihn endlich richtig auf."
Mit diesem Gedanken öffnete sie die Tür zum Wohnzimmer.
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[???] ,,Guten Morgen, Leyla. Gut geschlafen?’’
Katjas fröhliche Stimme empfing sie, noch bevor Leyla die Zimmertür ganz geöffnet. Das warme Morgenlicht fiel schräg durch die Fenster und legte sich weich über Katjas blonde Haare, die ihr locker über ihre Schultern fielen.
Leyla nickte leicht. „Ganz okay. Und du?"
„Erstaunlich gut", antwortete Katja mit ihrem typischen Grinsen.
Auch Katja hatte ihr Outfit vom gestrigen Shoppingtag ausgewählt. Sie trug ein gelbes T-Shirt mit der Aufschrift „Summer Girl" und dazu eine neue hellblaue Jeans, die überraschend gut zu ihr passte.
Mit sichtlicher Zufriedenheit hielt sie Leyla eine dampfende Tasse entgegen. „Kaffee? Frisch gemacht."
Leyla schüttelte den Kopf. „Nein. Ich will mit dem Koffein aufhören."
„Schon wieder?" Katja zog skeptisch eine Augenbraue hoch.
Leyla ignorierte den Blick ihrer Freundin. In den letzten Monaten hatte sie sich angewöhnt, morgens zwei – manchmal sogar drei – Tassen Kaffee zu trinken. Das war der Preis für die langen Nächte gewesen, in denen sie an ihren Bildern gearbeitet hatte. Und doch hatte sich die Mühe gelohnt: Das Geld, das sie dabei verdient hatte, würde ihr nächsten Monat endlich ein neues Fahrrad bescheren. Kein Warten mehr an überfüllten Haltestellen, kein Hetzen mehr, um den Bus zu kriegen. Bezahlt hatte sie bereits.
Leyla griff nach ihrem Schlüsselbund und öffnete die Wohnungstür. Im Türrahmen drehte sie sich noch einmal um.
„Schauen wir heute Abend die neue Folge?"
„Klar", antwortete Katja sofort, während sie die Brötchen aus dem Ofen holte. Der Duft von warmem Brot breitete sich augenblicklich durch die ganze Wohnung aus.
Es war längst zu einem festen Ritual geworden, jeden Montag gemeinsam die neue Folge von „Graue Federn" zu schauen. Für Leyla war die Serie inzwischen mehr als bloße Unterhaltung. Besonders Alex faszinierte sie – der Vampir mit seiner ruhigen, undurchdringlichen Art und den dunklen Augen, die immer so wirkten, als würden sie etwas sehen, das alle anderen übersahen.
„Dann bis später", rief Leyla schließlich und trat hinaus auf den Hausflur.
Die Wohnungstür fiel hinter ihr ins Schloss.
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Während Leyla durch den Park lief, öffnete sie den Brief, den sie eben aus dem Briefkasten gefischt hatte. Das Papier knisterte leise zwischen ihren Fingern, während ihr Blick die Zeilen überflog.
„Wieder eine Mahnung", murmelte sie genervt und stopfte den Brief zurück.
Sie würde wohl erneut ihren Vater bitten müssen, die Rechnung für sie zu begleichen. Der Gedanke hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Zwar verstand sie sich noch immer gut mit ihm – aber sie hasste das Gefühl, immer wieder abhängig von ihm zu sein.
—WRUMM—
Der Motor des Busses heulte auf.
Gerade noch rechtzeitig erreichte Leyla den Parkzaun – nur um dabei zuzusehen, wie sich der Bus bereits lautlos von der Haltestelle entfernte. Schwer atmend blieb sie stehen und blickte ihm hinterher.
Sie würde wieder zu Fuß zur Universität laufen müssen.
Mit der Zeit wurde ihr Schritt jedoch ruhiger. Die Anspannung fiel langsam von ihr ab, während die warme Morgensonne auf ihre Haut schien und ein leiser Wind durch die Bäume strich. Das entfernte Rauschen der Stadt klang gedämpft, fast friedlich, als hätte jemand den Lautstärkeregler der Welt ein wenig heruntergedreht.
Es dauerte nicht lange, bis sie die Brücke erreichte, die sie jeden Tag mindestens zweimal überquerte. Für einen kurzen Moment blieb Leyla stehen und ließ den Blick über den Fluss wandern. Das Wasser glitzerte träge im Sonnenlicht. Bald würde man hier wieder schwimmen können.
Da bemerkte sie etwas am Ufer.
Einen Hund.
Leyla kniff leicht die Augen zusammen. Das kleine Tier bewegte sich unruhig und schien irgendwo festzuhängen – vielleicht in einem Netz?
Ohne groß nachzudenken lief sie über die Brücke, kletterte über die Absperrung und begann vorsichtig die Böschung hinabzusteigen.
—RATSCH—
Das Geräusch ließ sie sofort zusammenzucken. Leyla blickte kurz an sich herunter. Ihr neuer Hoodie war am Ärmel aufgerissen worden.
„Scheiße, warum passiert sowas immer mir?" fluchte sie leise. Trotzdem verlangsamte sie ihren Schritt nicht. Sie konnte das Tier unmöglich einfach dort unten zurücklassen.
Vorsichtig arbeitete sie sich weiter durch dichtes Gestrüpp und hängende Äste. Während sie sich durch die letzten Zweige zwängte, begann ihre rechte Schläfe unangenehm zu pochen. Ein stechender Schmerz breitete sich langsam aus, als würde etwas tief hinter den Knochen drücken.
Leyla ignorierte es und kniete sich vor den Hund.
Es war eine Terriermischung – erstaunlich ähnlich zu dem Hund, den ihre Eltern ihr früher als Kind geschenkt hatten. Das Tier wich ängstlich zurück und beobachtete sie mit angespannten, misstrauischen Augen.
„Keine Angst. Ich helfe dir."
Ihre ruhige Stimme schien etwas in ihm zu lösen. Nach kurzem Schnüffeln ließ er Leyla schließlich näher heran.
Jetzt erkannte sie das Problem. Der Hund hatte sich wirklich in einem kleinen Netz verfangen und humpelte leicht mit einem Hinterbein. Leyla versuchte zunächst, die Maschen mit den Händen auseinanderzuziehen, doch das Material gab keinen Millimeter nach.
Sie hielt inne, ließ den Blick über das Ufer gleiten und entdeckte schließlich einen spitzen Stein zwischen Schlamm und Kieseln. Zügig hob sie ihn auf und begann damit, den Strang Stück für Stück zu durchtrennen. Das Material spannte sich unter dem Druck, bis es nach kurzer Zeit mit einem leisen Reißen nachgab.
Das Netz fiel auseinander.
„Alles gut. Du bist frei. Jetzt bringen wir dich noch zum…"
Mitten im Satz gaben plötzlich ihre Knie nach.
,,Huch?!’’
Hart landete Leyla im feuchten Schlamm. Sofort begann sich alles um sie herum zu drehen. Das Pochen an ihrer Schläfe schwoll zu einem brennenden Schmerz an, der ihr den Atem raubte und die Gedanken auflöste.
Benommen versuchte sie noch, ihr Handy aus der Tasche zu ziehen, doch ihre Finger gehorchten ihr kaum noch.
Sie spürte die nasse Zunge des Hundes auf ihrer Hand.
Ein letzter Gedanke an Katja schoss ihr durch den Kopf. Dann wurde alles schwarz.



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