Kapitel 220 - Das Ende der Nacht
- empirewebnovel
- 7. Mai
- 9 Min. Lesezeit

Die Wellen des Meeres brachen unaufhörlich gegen die zerklüfteten Felsen, auf denen Leyla stand. Gischt stieg in feinen Schleiern auf, wurde vom Wind erfasst und trieb als kalter, beißender Nebel über die Küste hinweg, ließ sich auf ihrer Haut nieder wie eine zweite, unsichtbare Schicht. Von hier oben hatte sie einen klaren Blick auf Randurin.
Oder das, was davon übrig war.
Die Stadt war nicht einfach beschädigt worden, sie war vollständig zerstört. Straßen existierten nicht mehr als zusammenhängende Linien, sondern nur noch als Fragmente zwischen Trümmerfeldern, die ineinanderflossen, ohne Grenze und ohne Ordnung. Mauern waren eingestürzt, Türme zerborsten, und kaum ein Gebäude hatte seine ursprüngliche Form behalten. Die wenigen Häuser, die den Flammen entgangen waren, hatte das Wasser schließlich niedergerissen, als es mit zerstörerischer Wucht über die Küste hinweggerollt war.
Wellen, die nicht natürlich gewesen waren.
Wellen, die auf Leylas Magie zurückgingen.
Sie ließ den Blick über das Ausmaß der Zerstörung gleiten, ohne ihn abzuwenden, ohne zu versuchen, sich davon zu distanzieren, sich hinter einem bequemen Gedanken zu verstecken. Es war ein Anblick, den man nicht ignorieren konnte, und sie tat es auch nicht.
,,Die zweite Stadt, die ich mit dem Runenstein des Meeres zerstört habe'', stellte sie schließlich fest, ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen, das nicht ganz zu der Szene passte, die sich vor ihr ausbreitete – oder vielleicht doch, auf eine Art, die sie selbst nicht erklären konnte.
Eine kleine Bewegung riss sie aus dem Moment.
Vinessa knuffte sie empört gegen das Handgelenk, nicht stark, aber deutlich genug, um eine Reaktion zu erzwingen, und mit einer Entschlossenheit, die ihre winzige Gestalt weit übertraf.
,,Du kannst dir nicht die Schuld dafür geben. Randurin war schon vorher verloren.''
Ihre Stimme war ernst, beinahe tadelnd, als wolle sie verhindern, dass Leyla einen Gedanken zu Ende führte, der in eine Richtung ging, die sie nicht akzeptieren wollte und der keine Antwort geboten hätte, die ihr geholfen hätte.
Leyla schwieg einen Moment.
Es stimmte.
Das Feuer war bereits da gewesen, bevor sie eingegriffen hatte. Yang, oder jemand anderes, hatte die Stadt entzündet, hatte den Prozess begonnen, der schließlich in vollständiger Zerstörung geendet hatte, als wäre das Ende immer schon von Anfang an geplant gewesen.
Und doch…
Leylas Blick senkte sich.
Unterhalb der Felsen lag der Körper.
Yangs Leichnam war vom Wasser an die Küste getragen worden und ruhte nun zwischen nassen Steinen, halb vom Meer umspült, halb vom Land gehalten, irgendwo zwischen zwei Welten, die sich nicht einigen konnten, wohin sie gehörte. Die Wellen berührten sie immer wieder, als würden sie den Körper zurückholen wollen, als gehöre er noch immer dorthin.
Leyla betrachtete ihn lange.
Sie empfand nichts für Yang. Keine Dankbarkeit, keine Sympathie, keine Form von persönlicher Bindung, die sich über das Gespräch mit einer Toten hätte erstrecken können. Zwischen ihnen hatte nie etwas existiert, das über Kampf und Hierarchie hinausgegangen wäre.
Und doch fühlte es sich falsch an, sie einfach dort unten zu lassen, zwischen den Steinen, vom Wasser berührt und von niemandem gesehen.
,,Wie gedenkst du die Situation mit Zensa und Alexandra zu lösen?’’
Vinessas Frage durchbrach die Stille, lenkte Leylas Aufmerksamkeit für einen Moment weg von dem reglosen Körper zu ihren Füßen und zurück in die Gegenwart, in der noch andere, wichtigere, Entscheidungen zu treffen waren.
Leyla schüttelte leicht den Kopf, während sie den Leichnam Yangs mit ihrer Magie zu sich auf den Felsen hob.
,,Für den Anfang gar nicht. Ich gehe nach Eratula, daran hat sich nichts geändert. Wenn wir uns wiedersehen, werde ich schon wissen, was zu tun ist.''
Die Antwort kam ruhig, ohne sichtbares Zögern. Es war keine endgültige Lösung, sondern ein bewusster Aufschub, eine Entscheidung, sich jetzt nicht damit zu befassen, weil jetzt nicht der Moment dafür war.
Vinessa musterte sie einen Augenblick lang, sorgfältig und ohne Eile, dann scheinbar zufrieden mit dem was sie sah, löste sich sich vom Boden und begann, in kleinen, leichten Kreisen um Leylas Kopf zu schwirren, ihre Bewegung fast verspielt, als würde sie die Schwere des Moments bewusst nicht weiter anwachsen lassen wollen.
Leylas Blick kehrte zu Yang zurück.
Noch einen Moment blieb sie stehen, betrachtete die reglose Gestalt. Dann handelte sie.
Sie ließ ihr Mana fließen.
Der Runenstein der Heilung reagierte sofort. Die Spuren des Kampfes verschwanden, Verletzungen schlossen sich, Gewebe wurde erneuert, bis der Körper wieder makellos dalag, als hätte die Gewalt, die ihn zerstört hatte, nie Geltung besessen.
Dann griff der Runenstein der Erde ein.
Die zerrissene Kleidung fügte sich wieder zusammen, Stoffe glätteten sich und nahmen ihre ursprüngliche Form zurück. Nur die Farbe änderte sich, nicht aus Notwendigkeit, sondern aus einer bewussten Entscheidung heraus. Das Weiß wich einem klaren Himmelblau, ein stiller, beinahe unscheinbarer Akzent, den Leyla setzte – und der ihr allein gehörte.
Ein Moment der Ruhe folgte, getragen vom gleichmäßigen Rauschen des Meeres.
Dann sprach sie.
,,Du, Vinessa?’’
Die kleine Fee ließ sich auf ihrer Schulter nieder, ihre Bewegung sanft und vertraut, ihre Präsenz warm und unveränderlich.
,,Ja, Leyla?''
Leyla blickte noch einmal auf das Meer hinaus, auf die Wellen, die weiterhin gegen die Felsen schlugen, gleichmäßig und unbeeinflusst von allem, was geschehen war, als hätte die Welt keine Notiz davon genommen.
Dann antwortete sie.
,,Ich bin froh, dass du bei mir bist.’’
--------------------------------------------------------------------------
[???] ,,Admiral, was sind Ihre Befehle?’’
Frederico di Lorenzo wandte sich langsam zu Bendito um. Der Lupid stand aufrecht vor ihm, die Haltung diszipliniert, der Blick fest auf seinen Vorgesetzten gerichtet. In seinen Augen lag keine Unsicherheit, nur Erwartung – und eine Loyalität, die keine Erklärung brauchte, um sich mitzuteilen. Er wartete nicht auf eine Rechtfertigung, sondern auf eine Richtung.
Frederico erwiderte den Blick einen Moment lang, sagte jedoch nichts. Stattdessen wandte er sich wieder ab und trat näher an die Fensterscheibe der Kajüte heran. Vor ihm lag das Meer, unruhig, aufgewühlt, als hätte die See noch nicht zur Ruhe gefunden, als würde sie das Nachbeben dessen verarbeiten, was über ihr geschehen war.
Und dahinter…
Randurin.
Oder das, was davon übrig geblieben war.
Er hatte die Stadt zwei Wochen lang blockiert. Kein Schiff hatte sie erreicht, keine Hilfe war durchgekommen. Jeder Versuch, den Schwarzen Stern zu versorgen, war gescheitert, noch bevor er überhaupt eine Chance gehabt hatte, sich zu entfalten. Es war ein sauber geführter Einsatz gewesen, präzise, kontrolliert, nach jeder Regel eines Mannes geführt, der weiß, was er tut.
Und nun war nichts mehr übrig.
Und noch dazu…
,,Admiral, die Crew fordert eine Entscheidung. Wir stehen loyal hinter Euch, das wisst Ihr hoffentlich.''
Benditos Stimme riss ihn aus seinen Gedanken, blieb jedoch ruhig, respektvoll und ohne jede Spur von Druck. Es war keine Forderung, sondern eine Erinnerung daran, dass sie bereit waren, in jede Richtung zu folgen, die er wies.
Frederico atmete langsam aus.
,,Ich werde gleich zur Crew sprechen. Bitte halte sie hin, Bendito.''
Der Lupid nickte knapp, ohne weitere Nachfrage, und verließ die Kajüte mit festen, gleichmäßigen Schritten. Die Tür schloss sich hinter ihm, und für einen kurzen Moment war Frederico allein mit dem Rauschen des Meeres und dem, was er nicht vergessen konnte.
Er trat noch näher an das Fenster heran.
Sein Blick verharrte auf der Küstenlinie, auf den rauchenden Resten der Stadt, die sich dunkel und gebrochen gegen den Horizont abzeichneten. Doch was er wirklich sah, lag nicht dort draußen.
Er hatte den Kampf beobachtet.
Jede Bewegung, jede Eskalation, jeden Moment, in dem das Gleichgewicht der Kräfte sich verschoben hatte.
Leyla.
Dieselbe Frau, die ihm einst den Ruhm genommen hatte, den er sich im Krieg gegen die Tabakinseln hatte sichern wollen. Derselbe Name, der sich mit dem Tod seines Bruders verbunden hatte wie eine Narbe, die nicht verblassen wollte.
Leandro.
Fredericos Blick verhärtete sich unmerklich.
,,Bruder…’’
Die Erinnerung kam klar und unverfälscht, als hätte sie nur darauf gewartet, wieder aufgerufen zu werden. Das letzte Gespräch, das sie geführt hatten, bevor sich ihre Wege getrennt hatten, bevor aus Abschied Endgültigkeit geworden war.
,,Geh in den Keller unseres Anwesens. Frag die Sonne nach dem Ende der Nacht.’’
Bis heute hatte Frederico nicht verstanden, was Leandro damit gemeint hatte. Die Worte hatten sich nie vollständig erschlossen, waren ein Rätsel geblieben, das sich keiner Deutung öffnete, egal wie oft er es von allen Seiten betrachtete.
Und nun war Leandro tot. Gestorben als Reichsverräter, hingerichtet von derselben Person, die er eben noch hatte kämpfen sehen, hoch über dem brennenden Randurin.
Frederico ließ den Blick erneut über das Meer gleiten, über die träge Unruhe des Wassers, über die Küste, die aussah wie das Ende von etwas.
,,Yang ist tot. Wer weiß, was aus dem Kaiserreich wird.’’
Die Worte waren leise gesprochen, beinahe mehr Gedanke als Aussage, in die stille Kajüte hinein, die keine Antwort gab. Yang war nicht nur eine Kämpferin gewesen, sondern ein Pfeiler, auf den das gesamte Gefüge sich stützte, ohne dass die meisten es je ausgesprochen hätten. Ihr Tod war kein isoliertes Ereignis.
Er war eine Zäsur.
Ein Machtvakuum.
Und eine Gelegenheit.
Frederico hatte seine Entscheidung bereits getroffen, noch bevor er sich von der Fensterscheibe löste, noch bevor er den ersten Schritt in Richtung Tür gemacht hatte.
Er wandte sich ab, verließ die Kajüte und trat hinaus an Deck. Die Crew hatte sich bereits versammelt, Männer und Frauen standen in geordneten Reihen, die Aufmerksamkeit vollständig auf ihn gerichtet, still und bereit.
Frederico trat vor sie, ließ den Blick einen langen Moment über die Gesichter gleiten, von Reihe zu Reihe, als wolle er jeden Einzelnen in seinem Entschluss bestätigen wissen.
Dann sprach er.
,,Männer und Frauen. Wir segeln in die Kaiserstadt!''
--------------------------------------------------------------------------
Der Sarg bestand aus Schwarzholz, einem Material, das selbst unter seltenen Hölzern hervorstach. Sein dunkler Ton wirkte nicht nur tief, sondern beinahe lichtverschluckend, als würde er jede Reflexion in sich aufnehmen und nichts davon zurückgeben, als wäre er nicht aus Holz gefertigt, sondern aus Stille. Dieses Holz stammte aus dem Denja-Dschungel, von einem Ort nahe Jidars, an dem selbst die Natur eine andere Schwere zu besitzen schien, als würden die Bäume dort nicht einfach wachsen, sondern etwas tragen.
Das Innere war sorgfältig ausgekleidet. Unter Yangs Kopf lag ein weiches Kissen aus Daunen, dessen helle Oberfläche einen stillen Kontrast zu dem dunklen Rahmen bildete, während ihre Hände auf der Brust ruhten, ihre Finger umschlossen Edelblüten. Weiße Blüten, makellos, deren Bedeutung Leyla noch genau erinnerte – ein ehrenhaftes Leben, ein würdiger Abschied. Eroica hatte ihr das einst erklärt, in einer Zeit, in der solche Rituale noch wie entfernte Praktiken gewirkt hatten, wie Dinge, die andere betrafen und nicht sie.
Nun stand sie vor ihr.
Yang lag friedlich im Sarg, die Augen geschlossen, der Ausdruck entspannt, losgelöst von allem, was geschehen war, als hätte der Tod ihr etwas zurückgegeben, das der Kampf ihr genommen hatte. Ihre Haut schimmerte sanft, unversehrt, kein Zeichen der Gewalt, kein Hinweis auf das Ende, das sie gefunden hatte. Es war ein Bild von absoluter Vollkommenheit, das nicht zu dem passte, was Leyla wusste.
Unter anderen Umständen hätte das Ergebnis anders ausgesehen.
Ohne Fluch. Ohne Einschränkungen.
Yang wäre ihr überlegen gewesen.
Dieser Gedanke kam nicht als Zweifel, sondern als einfache Feststellung, die sich nicht verdrängen ließ und auch nicht verdrängt werden durfte.
,,Ich muss stärker werden.’’
Leyla stand still, während sich dieser Entschluss in ihr festsetzte, ruhig und ohne Aufhebens, wie etwas, das schon immer da gewesen war und sich nun lediglich in Worte gefasst hatte. Neben ihr schwebte Vinessa, ungewohnt still, ihre sonst so lebhafte Art gedämpft, als würde sie die Bedeutung dieses Moments verstehen und ihr keinen Widerstand entgegensetzen wollen.
Sie hatten den Sarg mit sich genommen, fort von den Ruinen Randurins, hinaus auf das Meer, bis zu einer kleinen Eisinsel, die wie ein einsamer, unbeanspruchter Punkt auf der Wasseroberfläche trieb. Hier war es stiller. Der Wind war schwächer, das Wasser ruhiger, beinahe gedämpft, als hätte die Umgebung diesen Ort für etwas anderes vorgesehen als Zerstörung, als hätte er seit jeher gewartet.
Leyla trat einen Schritt näher. Ihre Worte kamen ruhig, klar, ohne jeden Anflug von Pathos. ,,Ich habe deine Macht stets respektiert. Deine absolute Beherrschung. Ich habe viel von dir gelernt. Ruhe in Frieden.''
Es war keine lange Rede. Nur das, was sie als notwendig empfand, und nicht ein Wort mehr.
Mit einem leichten, gezielten Impuls ließ sie ihr Mana in das Wasser fließen. Die Oberfläche reagierte sofort, schob sich sanft unter den Sarg und begann, ihn zu tragen, mit einer Sorgfalt, die das Meer sonst nicht kannte. Langsam glitt er von der Eisfläche hinab auf das offene Gewässer, wurde von den Wellen aufgenommen, die sich ungewöhnlich ruhig verhielten, als würden sie sich diesem Moment anpassen, als hätten sie verstanden, dass hier etwas anderes gefragt war als ihre gewöhnliche Gleichgültigkeit.
Das Schwarzholz reagierte ebenfalls. Ohne äußeres Eingreifen begannen sich die Platten zu verschieben, schlossen sich sauber, nahtlos, bis der Deckel vollständig versiegelt war, als hätte das Material gewusst, was von ihm erwartet wurde.
Dann ließ Leyla ihn sinken. Nicht abrupt, sondern kontrolliert, mit derselben Sorgfalt, mit der sie ihn getragen hatte.
Das Wasser gab den Weg frei, ließ den Sarg tiefer gleiten, langsam und ohne Hast, bis er in der Dunkelheit unter der Oberfläche verschwand. Dort unten reagierte die Erde. Der Meeresboden öffnete sich, formte einen Raum, der den Sarg aufnahm, bevor sich das Gestein wieder schloss und ihn endgültig umhüllte, fest und absolut.
Ein Grab, verborgen und unangetastet.
Für immer.
Leyla verharrte einen Moment, blickte auf die Stelle, an der er verschwunden war, als könnte sie ihn noch sehen, als könnte die Aufmerksamkeit allein den Abstand überbrücken, der sich in Wirklichkeit längst zwischen ihnen geöffnet hatte.
Dann wandte sie sich ab.
Ihr Blick fiel auf Vinessa, die nun wieder etwas näher an sie herangekommen war, still und abwartend. Auch sie hatte gewusst, dass dieser Moment eine Grenze war, nach der etwas Neues beginnen würde.
,,Lass uns aufbrechen. Auf nach Eratula.’’
Ende von Ark VI



Kommentare