Kapitel 218 - In den Flammen Randurins
- empirewebnovel
- 5. Mai
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Aktualisiert: 6. Mai

Leyla ließ ihren Willen ohne Zögern in die Umgebung greifen, präzise und mit der Klarheit eines Befehls, der keinen Widerstand duldete. Der Schnee reagierte augenblicklich. Was eben noch lose und nachgiebig gewesen war, verlor seine Struktur, verdichtete sich unter ihrem Einfluss und erstarrte zu hartem, scharfkantigem Eis. Aus der weißen Fläche erhoben sich unzählige Klingen, langgezogen, spitz zulaufend, jede einzelne ausgerichtet auf ihr Ziel wie eine Anklage. Innerhalb eines Herzschlags setzten sie sich in Bewegung, ein dichter, tödlicher Schwarm, der mit zunehmender Geschwindigkeit auf Yang zuraste.
Gleichzeitig wandte Leyla ihre Aufmerksamkeit der Erde zu. Ihr Einfluss griff tiefer, schwerer, und als sie sprach, trug der Befehl eine Wucht in sich, die sich unmittelbar in der Umgebung widerspiegelte.
,,Erhebe dich!’’
Der Boden antwortete mit einem dumpfen Grollen, das aus einer Tiefe aufstieg, als hätte der Fels selbst auf ihre Worte gewartet. Zunächst bebte er nur, ein kaum wahrnehmbares Zittern, das sich jedoch rasch steigerte, bis die Oberfläche aufbrach. Massive Erdplatten lösten sich aus ihrer Verankerung, hoben sich schwerfällig und stiegen mit einer trägen, unaufhaltsamen Gewalt in die Höhe, als das Land seine Fäuste ballte. Für einen kurzen Moment verharrten sie schwebend über dem Schlachtfeld, dunkel und bedrohlich gegen den Himmel, bevor die Schwerkraft sie wieder beanspruchte und sie mit voller Wucht auf Yang herabdonnerten.
Unter normalen Umständen hätte Yang das abgewehrt, da war sich Leyla sicher.
Doch sie tat es nicht.
Leyla sah, wie die Eisklingen ihr Ziel erreichten. Die Spitzen gruben sich durch Haut und Gewebe, bohrten sich tief in Yangs Körper, ohne dass sie sich zu wehren schien. Im selben Herzschlag traf die herabfallende Erde. Die kolossale Masse schlug mit brutaler Endgültigkeit ein, presste sich zusammen, schloss sich über ihr wie ein zuschnappender Kiefer. Ein trockenes, widerwärtiges Knacken breitete sich aus, als Knochen unter der Gewalt zersplitterten.
Der Angriff war vollständig.
Für einen Moment wirkte es, als hätte er seine Aufgabe erfüllt.
Dann traf eine unsichtbare Kraft Leyla, hart und präzise. Der Einschlag kam ohne Vorwarnung, ohne sichtbare Quelle, ohne Ankündigung, und riss sie von ihren Füßen. Ihr Körper wurde nach hinten geschleudert, verlor jeden Halt, jede Orientierung, und die Welt um sie herum kippte abrupt aus ihrer Perspektive.
,,Du bist stärker geworden, Leyla. Wie genau du das angestellt hast, weiß ich nicht. Ich weiß jedoch, dass du, wenn du stirbst, deinen Tod weitergibst.''
Yangs Stimme war klar, ruhig und vollkommen frei von Anstrengung. Ihre Aura flammte erneut auf, kraftvoll und absolut, als hätte der Angriff nicht einmal ihr Interesse erregt.
„Woher weiß sie davon?"
Der Gedanke blitzte in Leylas Bewusstsein auf, doch sie schob ihn sofort beiseite. Es gab keine Antwort, die ihr jetzt helfen würde, und Yang würde sie ihr ohnehin nicht geben.
Das Eis unter ihr reagierte noch während ihres Sturzes. Es verlor seine harte Struktur, wurde weicher, nachgiebiger, fing ihren Aufprall ab und verwandelte die Gewalt des Einschlags in eine gedämpfte Bewegung. Gleichzeitig hob sich die Erde unter ihr, stabilisierte ihren Stand und brachte sie zurück auf die Beine, noch bevor sie vollständig zum Stillstand gekommen war.
Als Leyla den Blick hob, stand Yang bereits wieder vor ihr.
Unversehrt.
Dieselbe aufrechte, unangreifbare Präsenz, die keinen Zweifel an ihrer absoluten Überlegenheit zuließ, dieselbe Stille, die keine Niederlage kannte. Und doch war da eine Veränderung, die sich nicht übersehen ließ.
Feine, violette Linien zogen sich über ihren Körper, verzweigten sich unter der Haut wie lebendige Adern aus fremdem Licht. Sie wirkten nicht statisch, sondern aktiv, pulsierend, als würde etwas durch sie fließen, das nicht zu Yang gehörte und dennoch Teil von ihr geworden war, eingeflochten in ihre Struktur wie Tinte in Papier.
Leyla ließ ihren Willen erneut in den Boden sinken, suchte nach der Verbindung, die sie eben noch mühelos genutzt hatte. In ihrem Inneren formte sich der Befehl, die Erde zu Speeren zu formen, die Yang von unten aufreißen sollten.
Yang war bereits in Bewegung. Die Distanz zwischen ihnen löste sich auf, verschwand in einem Augenblick, der zu kurz war, um bewusst wahrgenommen zu werden. Zu kurz für Leylas Magie. Ein Wimpernschlag, und sie stand direkt vor Leyla, nah genug, um jeden Atemzug zu spüren.
Dann traf der Schlag.
Die Faust grub sich in Leylas Bauch wie ein Keil aus Stahl, presste ihr die Luft aus den Lungen und ließ jeden Muskel instinktiv nachgeben. Für einen Moment existierte nichts außer diesem Aufprall und der Leere, die er hinterließ, eine Leere, die tiefer war als Schmerz.
„Warum ist sie so schnell?"
Trotz der sichtbaren Erschöpfung, trotz der fremdartigen Linien, die sich über Yangs Körper zogen, bewegte sie sich mit einer Geschwindigkeit, die jede Erwartung widerlegte.
Yangs Faust begann zu leuchten.
Das Licht war nicht klar definiert, sondern vereinte alle Farben in einem einzigen Punkt konzentrierter Energie, der in seiner Dichte beinahe greifbar wirkte.
Äthermagie.
Leyla reagierte ohne Verzögerung. Sie ließ die Reserven aktiv werden, die sie vorbereitet hatte. Schwarzeisen formte sich über ihrer Lederrüstung, wuchs in dichten Schichten und schloss sich über jeder Schwachstelle, eine zusätzliche Barriere aus jenem Material, das Eroica ihr einst beschrieben hatte – Stahl, der Magie abweist wie Glas Wasser.
Der Einschlag folgte unmittelbar. Die Rüstung hielt nicht stand.
Die Energie durchdrang sie, ließ das Schwarzeisen unter der Belastung zerbersten wie gebrannten Ton. Splitter wurden in alle Richtungen geschleudert, während die freigesetzte Kraft ungebremst in Leylas Körper einströmte. Ihr Brustkorb wurde aufgerissen, Knochen zerbrachen unter dem Druck, Gewebe wurde auseinandergetrieben. Blut schoss hervor, zerstäubte in der kalten Luft zu einem feinen, dunklen Schleier.
Die Wucht des Angriffs riss sie vom Boden los und schleuderte sie in einem hohen Bogen durch den Nachthimmel.
Während ihr Verstand noch der Bewegung folgte, setzte bereits die Gegenreaktion ein.
Der Runenstein der Heilung griff ein, still, sanft und unerbittlich. Zerstörtes Gewebe schloss sich, Muskeln formten sich in ihren ursprünglichen Bahnen neu, Knochen richteten sich aus und wuchsen zusammen, als hätte die Verletzung nie existiert.
,,Was Yang kann, kann er auch.’’
Der Gedanke formte sich klar, während sie versuchte, in der Luft die Orientierung zurückzugewinnen.
Doch die Gelegenheit wurde ihr verwehrt.
Ein Projektil aus reiner Ätherenergie bohrte sich in ihren Oberschenkel, drang tief in das Gewebe ein und entlud seine gesamte Kraft im Inneren ihres Körpers.
—BUMM—
Die Explosion fraß sich durch Muskeln und Haut, verbrannte frisch regeneriertes Gewebe zu Asche und riss neue Wunden auf, bevor die alten vollständig verheilt waren. Die Druckwelle erfasste ihren Körper wie eine unsichtbare Faust und schleuderte sie weiter, unkontrolliert, ohne jeden Halt.
—KRACH—
Sie schlug in ein Dach aus Holz ein. Die Konstruktion zerbrach unter der Wucht, Balken splitterten wie trockene Äste, Dachziegel explodierten in alle Richtungen. Der Runenstein der Erde reagierte im selben Moment, nahm einen Teil des Aufpralls auf und verteilte die Kraft in den Boden darunter, doch nicht genug, um die Auswirkungen vollständig zu absorbieren.
Die Luft entwich ihr ein weiteres Mal aus den Lungen.
Einen Herzschlag lang blieb sie reglos liegen, gefangen zwischen dem Nachhall der Bewegung und der Schwere der Erschöpfung, die sich wie Blei in ihre Glieder senkte.
Dann drang eine Stimme an ihr Ohr. Leise, unsicher, vollkommen fehl am Platz inmitten dieser Verwüstung.
[???] ,,Wer ist diese Frau, Mama?’’
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Leyla blickte in das ängstliche Gesicht eines kleinen Mädchens, das sich mit beiden Händen an das Bein seiner Mutter klammerte, als könne es sich dadurch vor dem Geschehen schützen. Die Augen des Kindes waren weit aufgerissen, suchten nach einer Erklärung, die es nie erhalten würde, während die Mutter reglos dastand, unfähig, mehr zu tun, als ihr Kind festzuhalten.
Für einen Moment ließ Leyla den Blick schweifen, löste sich von der unmittelbaren Szene und griff nach Erinnerungen. Sie dachte an die Dörfer entlang der Küste, an jene kleinen Ansammlungen von Häusern, die sich zwischen Meer und Land drängten. Fischerdörfer. Außenbezirke, weit genug entfernt von Randurin, um unbedeutend zu wirken, und doch nah genug, um von den Konflikten der Großstadt erfasst zu werden.
Der Runenstein der Heilung hatte seine Arbeit bereits vollendet. Ihr Körper war wiederhergestellt, jede Verletzung getilgt, als hätte sie nie existiert. Die Erinnerung daran blieb, doch sie hatte keine physische Entsprechung mehr.
Ohne ein weiteres Wort stieß Leyla sich ab und sprang aus der Hütte. Noch während sie sich durch die Öffnung bewegte, reagierte das Holz auf ihren Willen. Die zersplitterten Balken begaben sich zurück an ihren Platz, als wäre nichts geschehen.
Draußen ließ sie den Blick über die Landschaft gleiten, schnell, suchend, ohne innezuhalten.
Dann sah sie es. Flammen.
Am Horizont erhob sich die Silhouette einer Stadt, groß genug, um selbst aus dieser Entfernung unverkennbar zu sein. Die Gebäude standen in Brand, das Feuer fraß sich gierig durch Holz und Stein, ließ ganze Fassaden auflodern und in sich zusammenstürzen. Rauch stieg in dichten, trägen Schwaden auf und verschmolz mit der Schwärze des Nachthimmels zu einer einzigen, formlosen Dunkelheit.
Randurin.
Die Stadt lag mehrere Kilometer entfernt, und dennoch war das Ausmaß der Zerstörung unübersehbar. Kurz stellte sich ihr die Frage, wer dafür verantwortlich war.
Barbarossa? Oder Yang?
Leyla ließ den Gedanken fallen. Es spielte keine Rolle. Sie richtete den Blick nach oben.
Der Nachthimmel lag schwer über ihr, dunkel und nahezu leer, kaum ein Stern durchbrach die Schwärze, als hätte sich selbst das Licht in Erwartung von etwas zurückgezogen.
Dann zerbrach das Bild abrupt.
Helligkeit erleuchtete durch die Dunkelheit – Hunderte von Lichtkugeln erschienen, schwebten für den Bruchteil eines Atemzugs reglos am Himmel. Sie bestanden aus reinem Äther, pulsierend, geladen, jede einzelne ein komprimiertes Versprechen aus Zerstörung.
Im nächsten Moment strömten sie herab. Direkt auf Leyla zu.
Sie ließ ihren Willen in die Erde greifen, und diese antwortete ohne Zögern. Der Boden vor ihr wölbte sich, wuchs rasch in die Höhe und verdichtete sich zu einer massiven Barriere. Schicht um Schicht schob sich übereinander, formte einen Schild aus gefrorenem Erdreich, der sich schützend über sie und das gesamte Fischerdorf spannte. Der Schnee ließ sich ebenfalls in die Verteidigung einweben, nahm ihr Mana auf, verstärkte die Struktur von außen und erhöhte ihre Widerstandsfähigkeit.
—BUMM—BUMM—BUMM—
Die Einschläge folgten in rascher Folge, ohrenbetäubend und ohne Gnade. Die Lichtkugeln explodierten beim Auftreffen, entluden ihre Energie in die Barriere, ließen sie erzittern, knacken und vibrieren. Druckwellen breiteten sich über das gesamte Gefüge aus, suchten nach Schwachstellen, fanden keine.
Der Schild hielt stand. Und verwandelte sich.
Die Oberfläche begann aufzubrechen, doch nicht unkontrolliert, sondern gelenkt. Teile der Struktur lösten sich, verdichteten sich neu, wurden zu kompakten Geschossen aus gefrorener Erde, die sich sammelten und im nächsten Augenblick mit enormer Geschwindigkeit hinauf in den Nachthimmel jagten.
Leylas Blick folgte ihnen.
Die Projektile erreichten ihr Ziel nicht. Sie trafen nichts.
Und dann war Yang da.
Ohne Vorwarnung, ohne Ankündigung, ohne den geringsten Hinweis auf eine Annäherung stand sie direkt vor ihr, nah genug, dass Leyla den Luftzug ihrer Bewegung spürte.
Der Schlag traf ihren Kopf.
Präzise, vernichtend, ohne die kleinste überflüssige Bewegung. Der Kiefer zerbarst unter dem Aufprall, Knochen brachen an mehreren Stellen gleichzeitig, und noch bevor das Bewusstsein den Schmerz vollständig erfassen konnte, riss die Wucht ihren Körper abermals vom Boden. Sie durchschlug die Wand des nächsten Hauses, brach durch Holz und Träger wie durch nasses Papier und wurde auf der anderen Seite in den Schnee geworfen, wo sie wieder zum Stillstand kam.
[???] ,,Liebling?!’’
Ein entsetzter Schrei drang an ihr Ohr. Der Runenstein der Heilung setzte bereits ein. Zerstörtes Gewebe schloss sich, Knochen richteten sich neu aus und wuchsen zusammen, Verletzungen lösten sich auf in derselben Geschwindigkeit, in der sie entstanden waren.
Leyla rappelte sich auf. Ihr Blick fand Yang sofort.
Die Kaiserliche stand auf der anderen Seite der Hütte und sah durch das Loch, das Leylas Körper in die Wand gerissen hatte. Fokussiert. Ruhig. Und doch hatte sich etwas verändert.
Yangs Atem ging schwerer als zuvor. Die Bewegungen ihrer Brust waren sichtbar, weniger kontrolliert, als hätte sich ihre absolute Maske zu verschieben begonnen.
War sie erschöpft?
Es war schwer einzuschätzen. In einem Moment wirkte sie unantastbar, und im nächsten zeigten sich Anzeichen einer Belastung, die sich nicht mehr vollständig verbergen ließ.
Leylas Blick glitt zur Seite.
Neben ihr lag ein Mann. Sein Körper war verdreht, der Hals in einem Winkel, der keinen Zweifel zuließ. Knochen gebrochen, die natürliche Form des Körpers zerstört.
,,Heile ihn.''
Sie legte die Hand auf seine Schulter, und der Runenstein antwortete. Gewebe begann sich zu schließen, Knochen fanden zurück in ihre ursprüngliche Ausrichtung, bis der Körper wieder eine Form annahm, die Leben zuließ.
,,Du hast also Mitleid mit ihnen?''
Yangs Stimme war ruhig, beinahe nüchtern, als äußerte sie eine Beobachtung über das Wetter.
Im selben Atemzug setzte sie sich in Bewegung. Sie übersprang die Hütte in einem einzigen, mühelosen Satz, überbrückte die gesamte Distanz zwischen ihnen und landete direkt neben Leyla.
Yang trat zu.
Der Fuß traf mit voller Kraft in Leylas Seite, und der Boden verschwand unter ihr. Ihr Körper wurde von der Wucht erfasst und in einem steilen Bogen in den Nachthimmel gerissen, die Kontrolle über ihre Lage erneut vollständig verloren.
Yang folgte.
Sie holte Leyla in der Luft ein, griff nach ihrem Bein und begann sich zu drehen. Die Rotation beschleunigte sich in einem Herzschlag von null auf etwas Unkontrollierbares, Leylas Körper wurde um sie herum gewirbelt wie ein Stein in einer Schleuder, immer schneller, bis Himmel und Erde zu einem einzigen, verschwommenen Strich verschmolzen.
Leyla suchte nach einem Ansatzpunkt, nach irgendeiner Möglichkeit, die Bewegung zu unterbrechen.
Yang ließ los.
Die aufgestaute Fliehkraft explodierte in eine einzige, für Leyla unkontrollierte Richtung. Sie wurde davongeschleudert, durchpflügte die Luft und schlug schließlich in eine massive Steinmauer ein. Das Material gab nach, Risse zogen sich wie Blitze durch den Stein, Brocken sprangen heraus, während ihr Körper die Struktur teilweise durchdrang und darin zum Stillstand kam.
—KNISTER—
Ein neues Geräusch.
Sie registrierte es sofort.
Die Wärme, die sich in der Luft staute. Der beißende, vertraute Geruch. Das leise, stetige Knistern von Holz, das beginnt nachzugeben.
Feuer.
Sie richtete den Blick neu aus und erkannte, was geschehen war.
Yang hatte den Kampf nach Randurin verlagert.
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,,Du bist zu weich.’’
Die Stimme des Runensteins der Erde hallte durch Leylas Inneres, tief und schwer, als würde sie nicht gesprochen, sondern in ihrem Sein verankert werden. Sie hallte in ihrem Bewusstsein nach, ließ keinen Raum für Zweifel und trug eine Kälte in sich, die nichts mit Emotionen zu tun hatte, sondern mit dem Gewicht eines Urteils.
Leyla reagierte unmittelbar. Ihr Wille griff nach der Umgebung, tastete nach den Trümmern, die sie umgaben, wollte sie auseinanderreißen, zur Seite drängen, sich wieder Raum verschaffen. Doch es geschah nichts. Die Verbindung, die eben noch so selbstverständlich gewesen war wie ihr eigener Atem, blieb aus. Ihre Kontrolle verpuffte ins Leere.
Der Runenstein verweigerte ihr den Gehorsam.
,,Anscheinend müssen noch mehr sterben, bis du es begreifst.’’
Die Worte trafen sie mit einer Schärfe, die tiefer ging als jeder körperliche Schmerz. Sie waren ruhig gesprochen – und gerade deshalb unerbittlich.
,,Gib mir die Kraft wieder. Sie gehört mir!’’ Leylas Stimme brach aus ihr hervor, roh und ungefiltert, getragen von Zorn und einem aufkeimenden Gefühl von Kontrollverlust, das sie nicht akzeptieren wollte und nicht akzeptieren konnte. Doch ihre Forderung verhallte ohne Antwort.
Stattdessen bewegte sich Yang.
Sie schoss nach vorn, ihre Gestalt von einer dichten, fließenden Ätheraura umhüllt, die jede ihrer Bewegungen beschleunigte und bündelte. Ihre Annäherung war nicht bloß schnell, sondern zwingend, als würde sich der Raum selbst um sie herum verschieben, um ihr Platz zu machen.
Leyla suchte fieberhaft nach Alternativen. Ihr Bewusstsein streckte sich aus, griff nach dem Meer, nach der gewaltigen Wassermasse, die sie zuvor gespürt hatte. Sie wollte sie heranziehen, als Schutz oder als Waffe.
Doch da war nichts. Ihr Blick fuhr zum Horizont, und was sie sah, ließ sie für einen Moment erstarren.
Das Meer war da – aber unerreichbar. Gewaltige Ätherbarrieren hielten die Wassermassen zurück, pressten sie in starre, unverrückbare Formen, die sich jeder Einflussnahme entzogen. Der Schnee, der zuvor überall gelegen hatte, war verschwunden, restlos geschmolzen, von der Hitze einfach ausgelöscht.
Sie fühlte sich völlig allein.
Der Einschlag folgte unmittelbar.
Yangs Faust traf sie mit einer Wucht, die jede Verteidigung durchbrach. Ihr Körper wurde erfasst und durch die Häuserreihen geschleudert. Wände barsten, Balken splitterten, Dächer wurden durchbrochen, während sie ungebremst durch die Gebäude der Stadt riss und jede davon hinter sich in Trümmer verwandelte.
Überall hörte sie Schreie. Verzweifelte Stimmen mischten sich unter das stetige, drohende Knistern der Flammen, die sich weiter ausbreiteten und von Dach zu Dach fraßen.
Leyla spürte es deutlich. Die Hitze wurde intensiver, drang nicht nur an die Oberfläche, sondern schien sich durch jede Schicht ihres Körpers zu fressen.
Die kühlende Präsenz des Runensteins des Meeres ließ nach, zog sich zurück wie eine Flut, die zur Ebbe wurde.
Ohne diesen Schutz begann ihre Haut zu reagieren. Erst spannte sie sich, dann verbrannte sie unter der anhaltenden Hitzeeinwirkung, bis sich dunkle, glühende Muster über sie zogen wie eine fremde Schrift. Das Gewebe verlor seine Integrität, begann sich aufzulösen.
,,Ich bleibe bei dir.’’
Die Stimme war leise, beinahe tröstend.
Im selben Moment griff die Magie des Runensteins der Heilung ein. Zerstörte Haut wurde ersetzt, verbrannte Stellen schlossen sich, Muskeln und Gewebe regenerierten sich mit einer Präzision, die jede Verletzung auslöschte, noch während sie entstand.
,,Danke'', murmelte Leyla leise, während ihre Hand bereits nach ihrem Schwert griff.
Zcepes Klinge glitt in ihre Faust, vertraut und doch in ihrer Bedeutung nicht vollständig greifbar. Sie erinnerte sich an den Kampf gegen Leandro di Lorenzo, daran, wie diese Waffe nicht nur ihren Feind zerstört, sondern auch sie selbst wiederhergestellt hatte.
Doch ein Zweifel blieb.
„Werde ich sie überhaupt treffen können?"
Die Frage verhallte in ihrem Kopf, noch bevor sie eine Antwort gefunden hatte.
Yang traf sie erneut. Die Kraft des Angriffs riss sie zu Boden, zwang sie mit brutaler Direktheit in die Oberfläche, ließ den Untergrund unter dem Aufprall nachgeben, während ihr Körper tief in den Boden gedrückt wurde.
Noch bevor sie sich sammeln konnte, war Yang über ihr.
Ihre Hand schloss sich um Leylas Hals, fest und unnachgiebig wie Eisen. Der Druck setzte sofort ein, schnürte die Luftzufuhr ab und ließ jeden Atemzug scheitern. Leylas Körper reagierte instinktiv, suchte nach Luft, fand keine.
Dann erklang Yangs Stimme.
,,Absoluter Äther – löse dich!’’
Die Worte durchdrangen alles. Sie klangen nicht wie ein gewöhnlicher Zauber, sondern wie ein Gesetz, das ausgesprochen und damit Wirklichkeit wurde. Die Umgebung selbst schien darauf zu reagieren, als würde sie sich auflösen und in einer anderen Ordnung neu zusammensetzen.
Und dann eskalierte alles gleichzeitig.
Der Runenstein der Erde griff ein.
Ohne Leylas Einfluss, ohne ihren Befehl riss der Boden unter ihnen auf. Stein zerbarst mit einem Donnern, das die Luft selbst erschütterte, Straßen brachen auseinander, und ein tiefer Abgrund öffnete sich wie ein Maul, das beide verschlang. Gebäude verloren ihren Halt, kippten träge zur Seite, während die Struktur der Stadt gewaltsam auseinandergerissen wurde.
Gleichzeitig spürte Leyla etwas anderes.
Die Runensteine reagierten.
Alle.
Und sie reagierten mit Panik.
Es war kein diffuses Gefühl, kein Rauschen im Hintergrund, sondern eine klare, erschütternde Gewissheit, die sich durch jede Verbindung in ihr fortpflanzte. Der Angriff, den Yang entfesselte, war anders als alles zuvor. Er war nicht nur zerstörerisch.
Er war endgültig.
„Das kann mich töten. Vollständig."
Diese Erkenntnis ließ Leyla handeln.
Ihr Mana brach aus ihr hervor, nicht mehr kontrolliert in feinen, gezielten Strömen, sondern in einem massiven, alles durchdringenden Ausstoß, der die Grenzen ihrer bisherigen Kontrolle weit hinter sich ließ. Es breitete sich aus, griff nach der Umgebung, suchte in jede Richtung nach etwas, das sie noch erreichen konnte.
Und es fand das Feuer.
Die Flammen, die zuvor unkontrolliert durch die Stadt gewütet hatten, reagierten auf ihren Einfluss. Ihr chaotisches Flackern wurde gebündelt, ihre wilde Bewegung in Bahnen gezwungen. Sie verdichteten sich zu massiven, aufragenden Säulen aus reinem Feuer, sammelten sich in einem einzigen Augenblick – und schossen dann mit geballter, konzentrierter Wucht auf Yang zu.
Der Angriff traf.
Noch bevor Yangs Zauber vollständig entfaltet werden konnte, wurde sie von der Wucht der Flammen erfasst und zur Seite gerissen. Ihre Position brach auf, der Griff um Leylas Hals löste sich, und der gewaltige Druck verschwand.
Leyla fiel.
Der Abgrund verschlang sie, zog sie in die Tiefe, während die Dunkelheit sich von allen Seiten schloss.
Doch sie handelte weiter. Die Erde reagierte auf ihren letzten Impuls.
Der Spalt schloss sich über ihr, Stein legte sich auf Stein, Schicht um Schicht, bis kein Licht mehr hindurchdrang und kein Laut von oben zu ihr gelangte. Sie war eingeschlossen, vollständig umhüllt von kalter, dichter Materie, die sich wie eine Umarmung anfühlte, die nichts durchließ.
Die Geräusche des Kampfes verstummten.
Zurück blieb Stille.
Und Dunkelheit.
Für einen Moment geschah nichts. Kein Angriff, kein Druck, kein unmittelbares Bedrohungsgefühl.
Leyla sammelte sich, zwang ihre Gedanken in eine klare Form und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Präsenz, die sich ihr zuvor entzogen hatte.
,,Was fällt dir ein, mir im Kampf die Kraft zu nehmen?’’
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Vor Leylas innerem Auge breitete sich der Garten der Freiheit aus, ihre Domäne, ein Raum, der nicht nur existierte, sondern auf ihre bloße Anwesenheit reagierte. Die Luft war erfüllt von einer stillen Spannung, durchzogen von einem kaum greifbaren Puls, als würde jeder Halm, jede Wurzel, jedes Blatt ein Teil eines größeren Ganzen sein, das sich ihrem Willen beugte und gleichzeitig einen eigenen Willen in sich trug. Pflanzen wuchsen in verschlungenen Formen, rankten sich umeinander, bildeten natürliche Bögen und dichte Geflechte, die mehr Ordnung als Wildnis in sich trugen.
Ihr Blick glitt durch diese Szenerie, bis er auf Vinessa fiel.
Die Fee stand unweit von ihr, die Haltung angespannt, die Augen groß und voller Sorge. Ihr Blick suchte Leyla, hielt sich an ihr fest, als wäre sie der einzige feste Punkt inmitten all dessen, was gerade geschah. Ihre Lippen bewegten sich, zaghaft zunächst, dann entschlossener, als wolle sie etwas Dringendes aussprechen, etwas, das nicht unausgesprochen bleiben durfte.
Doch sie kam nicht dazu.
Noch bevor ein Laut ihren Mund verlassen konnte, reagierte der Garten selbst. Ranken lösten sich aus dem Geflecht, schnell und zielgerichtet, wanden sich um ihren Körper und legten sich schließlich sanft, aber unmissverständlich über ihre Lippen. Die Bewegung ließ keinen Raum für Widerstand. Ihre Stimme wurde erstickt, noch ehe sie Form annehmen konnte.
Leylas Blick verhärtete sich.
Der alte Mann trat nach vorne.
Seine Erscheinung war unverändert, geprägt von einer Schwere, die sich nicht nur physisch äußerte, sondern sich in jeder seiner Bewegungen und Gesten widerspiegelte. Als trüge er das Gewicht der Erde selbst in sich, als wäre er nicht aus ihr hervorgegangen. Seine Augen ruhten auf Leyla, ruhig, prüfend, ohne jede Hast.
,,Ich werde diese Gespräche leid.’’
Seine Stimme war tief, getragen von einer nüchternen Klarheit, die keinen Widerspruch erwartete und keinen zuließ. Sie war nicht laut, nicht scharf, und doch lag in ihr eine Endgültigkeit, die jede Diskussion im Keim ersticken konnte, bevor sie auch nur begonnen hatte.
Leyla wusste, worauf er anspielte.
Die Bilder des Fischerdorfs drängten sich in ihr Bewusstsein, die Menschen, die sie geschützt hatte, die Entscheidung, die sie in jenem Moment getroffen hatte, obwohl sie den Ausgang des Kampfes hätte beeinflussen können. Es war kein Zufall gewesen, kein flüchtiger Moment der Schwäche, sondern eine bewusste Handlung.
„War es für Alexandra gewesen?"
Der Gedanke formte sich klar und ruhig. Vielleicht war es der Versuch gewesen, sich selbst zu beweisen, dass noch etwas in ihr existierte, das sich nicht vollständig der Logik von Stärke und Notwendigkeit unterwarf. Dass sie noch nicht vollständig zu dem geworden war, was andere längst in ihr sahen.
Ein Wesen ohne Rücksicht. Ein Monster.
,,Du musst mich befreien, ich will mitkämpfen!’’
Die Stimme durchbrach die gespannte Stille. Sie war energisch, beinahe trotzig, getragen von einer Entschlossenheit, die sich nicht unterdrücken ließ.
Die muschelbesetzte Frau trat näher.
Der Runenstein des Meeres bewegte sich mit einer fließenden Eleganz, die in scharfem Kontrast zu ihrem Ausdruck stand. Ihr Gesicht wirkte nahezu gelangweilt, als hätte sie das Geschehen bereits zu oft beobachtet, um sich noch davon beeindrucken zu lassen. Ihr Blick glitt über Leyla, ohne Eile, ohne erkennbare Dringlichkeit, wie der Blick einer Frau, die bereits weiß, wie die Geschichte ausgeht.
Leyla wandte sich ihr zu, direkt, ohne Umschweife.
,,Was war das für ein Angriff?’’ fragte Leyla.
Die Frage hing kurz in der Luft, bevor die Antwort folgte.
,,Das war die höchste Form der Äthermagie. Etwas, das selbst den Raben verletzen könnte.''
Die Worte waren sachlich gesprochen, doch ihre Bedeutung war schwer. Sie legten sich über die gesamte Szene wie ein Schatten, der sich nicht so leicht wieder verflüchtigte.
Auf einem Ast saß das weißhaarige Kind, scheinbar unbeteiligt, die Beine locker baumelnd, während es das Geschehen mit einem leichten Lächeln verfolgte, das mehr wusste, als es zeigte. Seine Präsenz wirkte fehl am Platz und gleichzeitig unheimlich passend, als würde es etwas sehen, das den anderen noch verborgen blieb.
,,Aber sie hat den Zauber nicht vollständig wirken können. Ihr Mana scheint unzuverlässig zu arbeiten.''
Seine Stimme war leicht, beinahe beiläufig, doch gerade diese Leichtigkeit verlieh den Worten eine beunruhigende Schärfe, die unter ihrer Oberfläche lag wie Eis unter Schnee.
Leyla atmete ruhig ein und aus, ließ die Eindrücke auf sich wirken, ließ die Informationen sich in ihr ordnen. Dann setzte sie sich in Bewegung, ging auf den alten Mann zu, jeder Schritt kontrolliert und von einer wachsenden Entschlossenheit getragen.
,,Ich werde in diesem Kampf keine Rücksicht mehr nehmen.’’
Die Worte waren ruhig, aber endgültig. Es war keine Drohung, kein Versuch der Überzeugung. Es war eine Entscheidung, die sie getroffen hatte, die sie nicht mehr diskutieren musste.
Der alte Mann betrachtete sie einen langen Moment, als würde er die Konsequenzen dieser Aussage in aller Stille abwägen, dann nickte er knapp.
,,Gut.’’
Mehr war nicht nötig.
Leyla spürte bereits, wie sich ihre Form aufzulösen begann. Die Verbindung zu ihrem physischen Körper wurde stärker, zog sie zurück in die Wirklichkeit, während der Garten langsam an Schärfe verlor und die Konturen um sie herum weicher wurden.
Doch bevor sie ging, hielt sie inne.
Ein Impuls durchzog sie, etwas, das sich über die vergangenen Monate hinweg aufgebaut hatte, immer drängender, immer ungeduldiger.
Ohne Vorwarnung trat sie näher an den alten Mann heran und schlug zu.
Ihre Faust traf sein Gesicht mit voller Wucht. Die Bewegung war direkt, ungefiltert, getragen von mehr als nur physischer Kraft. Es war keine impulsive Handlung, sondern eine klare Grenzziehung, ein unmissverständlicher Ausdruck dessen, was sie akzeptierte – und was nicht. Und dem, was sie nicht länger stillschweigend hinnehmen würde.
Der Aufprall hallte kurz und deutlich durch den Garten, bevor wieder Stille einkehrte. Leylas Blick blieb fest auf ihm.
,,Wenn du noch einmal Vinessa den Mund verbietest, werde ich dich in diesem Garten begraben.''
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Leyla reagierte ohne Zögern. Kaum war sie in ihren Körper zurückgekehrt, ließ sie ihr Mana in den Untergrund strömen, tief und kraftvoll. Die Verbindung griff diesmal wieder, wenn auch nicht so stabil wie zuvor, zögerlicher, als müsste sie jeden Schritt neu verhandeln. Metall formte sich um ihren Körper, legte sich eng an jeden Muskel, verdichtete sich zu einer schützenden Hülle, die nichts durchließ. Im nächsten Moment schoss sie nach oben.
Der Aufstieg war brutal und ohne Rücksicht. Gestein, Erde und Pflaster gaben nach, wurden durchbrochen und auseinandergerissen, als Leyla sich ihren Weg an die Oberfläche erzwang. Mit einem lauten Krachen durchstieß sie die Straßen von Randurin und katapultierte sich weiter in den Himmel, bis sie endlich wieder freie Luft um sich spürte.
Der Metallmantel löste sich von ihr, zerfiel in Fragmente und verschwand im Fall.
Für einen kurzen Moment verharrte sie in der Höhe und ließ den Blick über die Stadt gleiten.
Das Ausmaß der Zerstörung war gigantisch. Fast die Hälfte Randurins lag bereits in Trümmern, ganze Straßenzüge waren ausgelöscht, als hätte jemand sie schlicht aus der Welt gestrichen. Das gewaltige Loch, das sich in die Erde gefressen hatte, zeichnete sich klar ab – eine Narbe in der Struktur der Stadt, deren Ränder noch immer unruhig wirkten, als hätten sie sich nicht vollständig gesetzt, als würde die Wunde noch atmen.
Der Rest der Stadt brannte weiterhin.
Flammen fraßen sich durch Dächer und Fassaden, krochen über Straßen und verschlangen alles, was ihnen begegnete. Rauch lag schwer in der Luft und drückte den Himmel noch tiefer hinab, als er ohnehin schon war.
Leyla griff nach diesem Feuer.
Ihr Mana breitete sich aus, verband sich mit den lodernden Zungen, zwang sie in eine neue Form. Das Flackern wurde länger, strukturierter, geordneter, bis sich das Feuer hinter ihr zu Flügeln ausbreitete, ähnlich denen, die sie an dem Mädchen gesehen hatte.
Für einen Augenblick spürte sie die Hitze direkt an ihrem Rücken, das Pulsieren der Energie, die sich ihrem Willen unterwarf.
Die Flügel trugen sie nicht.
Enttäuschung flackerte kurz in ihr auf – flüchtig, kaum greifbar – bevor sie die Konstruktion auflöste und sich dem freien Fall überließ. Der Wind rauschte an ihr vorbei, während die zerstörte Stadt schnell näher drängte.
Ihr Blick glitt zum Meer. Sie musste es befreien.
Doch noch bevor sie handeln konnte, sah sie Yang.
Die Wacal lehnte gegen eine steinerne Säule, scheinbar reglos, als hätte sie sich in dieser Trümmerstadt einen Moment der Stille genommen. Ihre Haltung wirkte ungewohnt passiv, beinahe beiläufig, vollkommen im Widerspruch zu allem, was um sie herum brannte.
Leyla steuerte auf sie, soweit es ihr möglich war, zu und landete auf dem Dach eines nahegelegenen Hauses.
—KRCKS—
Das Holz gab sofort nach. Die Balken brachen unter ihr wie alte Knochen, das Dach stürzte in sich zusammen, und Leyla wurde mit den Trümmern ins Innere gerissen, durch Schicht um Schicht aus splitterndem Holz, bis sie auf einem Bett landete, das unter ihrem Aufprall zerbarst.
Für einen Moment blieb sie liegen. Dann hob sie den Blick.
Auf dem Bett lagen drei Menschen. Oder das, was von ihnen übrig geblieben war.
Die Flammen hatten sie bereits geholt, krochen über ihre Körper, fraßen sich durch Kleidung und Haut. Ein Elternpaar und ihr Kind, eng beieinander, als hätten sie im letzten Moment noch Schutz in der Nähe des anderen gesucht.
Leyla sah sie nur einen einzigen Augenblick an. Dann stieß sie sich ab.
Mit einem einzigen Satz durchbrach sie das Fenster und trat wieder hinaus, ließ die Szene hinter sich, ohne ein weiteres Zögern, ohne den Blick zu wenden.
Sie landete vor Yang und begann, sich ihr zu nähern.
,,Du siehst gar nicht gut aus, Yang. Wie wäre es, wenn du dich zur Ruhe setzt? Platz für die jüngere Generation machst?''
Ihre Worte waren leicht, spöttisch, doch ihre Aufmerksamkeit blieb vollständig und ohne Abweichung auf die Frau vor ihr gerichtet.
Yang richtete sich langsam auf.
Jetzt konnte Leyla die Details erkennen, die zuvor verborgen gewesen waren. Das Kleid war verdreckt, an mehreren Stellen aufgerissen, und zwischen den violetten Linien, die sich über ihren Körper zogen, waren kleine Wunden sichtbar. Sie wirkten unscheinbar im Vergleich zu dem, was die letzten Stunden bei jedem anderen angerichtet hätten – und doch waren sie da.
Yang sagte nichts.
Ihr Blick blieb fest, unerschütterlich, wie immer. Doch etwas hatte sich verändert, eine Verschiebung, kaum greifbar.
Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.
Leyla erstarrte innerlich für einen Moment. Sie hatte Yang noch nie lächeln sehen. Nicht in all der Zeit, in der sie ihr begegnet war, nicht in einem einzigen Augenblick.
Dann verstand sie.
Yang genoss das.
Den Kampf.
Ohne weitere Vorwarnung ließ Leyla ihr Schwert fallen.
Die Bewegung war bewusst, kalkuliert, eine gesetzte Absicht und keine Kapitulation.
Im nächsten Moment schoss sie nach vorne, direkt auf Yang zu, ihre Hände bereits in Bewegung. Feuerbälle formten sich darin, kompakt und dicht, während sie kontinuierlich Mana hineinleitete, sie verdichtete, aufpumpte, bis sie an der Grenze der Selbstentladung glühten.
Yang reagierte sofort, senkte den Schwerpunkt, ging in eine Abwehrhaltung, bereit, den direkten Angriff abzufangen.
Doch der Angriff kam nicht.
Stattdessen brach hinter ihr der Boden auf.
Eine massive Steinsäule schoss aus der Erde empor, traf Yang von unten mit einer Wucht, als würde die Stadt selbst ihre Faust ballen, und katapultierte sie in den Himmel. Die Bewegung war abrupt und gewaltsam, ließ ihr keine Möglichkeit, den Einschlag abzumildern oder zu neutralisieren.
Leyla hatte sich selbst als Köder benutzt.
Sie stieß sich vom Boden ab und folgte Yang ohne Verzögerung, trieb sich immer höher in den Nachthimmel hinein.
Stein sammelte sich um ihre Hände, verdichtete sich, wuchs und schichtete sich, bis sich ein gewaltiger Hammer ergeben hatte, massiv und schwer, größer als alles, was ein gewöhnlicher Kämpfer jemals hätte führen können. Das Gewicht war real, drückte nach unten, zog an ihren Armen.
Sie holte aus.
—BAMM—
Die gesamte aufgestaute Wucht entlud sich frontal in Yang und schleuderte sie mit brachialer Gewalt hinaus aus der Stadt, über die brennenden Dächer hinweg, hinaus in Richtung des offenen Meeres, wo die Barrieren das Wasser noch immer eingekesselt hielten.
Leyla ließ sich fallen. Nicht unkontrolliert, sondern mit Absicht. Sie nutzte die gewonnene Höhe, sprang von Struktur zu Struktur, von Dach zu Mauer zu Trümmer, hielt die Verfolgung aufrecht, während sie Yangs Flugbahn keine Sekunde aus dem Blick ließ.
Dabei spürte sie es. Ihr Mana ließ nach.
Nicht abrupt, sondern schleichend, wie Sand, der durch geöffnete Finger rieselt. Die Regeneration wurde langsamer, weniger präzise. Manche Verletzungen schlossen sich nicht mehr im selben Atemzug, blieben offen, wurden ignoriert, weil die Energie nicht mehr ausreichte, alles gleichzeitig zu versorgen.
Auch ihre Kontrolle litt.
Die Formen, die sie der Erde aufzwang, hielten nicht mehr so lange wie zu Beginn des Kampfes. Strukturen zerfielen früher, verloren schneller an Kohärenz, als würde ihr Einfluss von innen her ausdünnen.
Und doch war da noch etwas anderes. Etwas, das sich über diese Erschöpfung legte und sie beinahe in den Hintergrund drängte.
Freude.
Ein klares, unverfälschtes Gefühl, scharf und echt.
Zum ersten Mal seit langer Zeit war dieser Kampf nicht nur notwendig.
Er war erfüllend.
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Leyla ließ sich von der Erde nach oben tragen, ohne eine eigene Bewegung ausführen zu müssen. Der Stein unter ihr reagierte auf ihren Willen, hob sich aus der Struktur der Burg und wuchs zu einer tragenden Säule, die sie bis an die Spitze eines Turms emporhob. Von hier aus lag Randurin unter ihr wie ein aufgerissenes Gefüge aus Flammen, Rauch und zerbrochenem Gestein, eine Stadt, die sich selbst zu fressen begann. Ob es sich um die Herzogsburg handelte, spielte für sie keine Rolle – der Ort war hoch genug, um Überblick zu geben, und stabil genug, um als Ausgangspunkt zu dienen.
Der Wind riss an ihr, trug den Geruch von verbranntem Holz und geschmolzenem Metall mit sich, während die Hitze der brennenden Stadt selbst hier oben noch wie ein zweites Klima spürbar war. Leyla ließ den Blick nur einen einzigen Augenblick über die Zerstörung schweifen, bevor sie sich wieder auf ihr Ziel konzentrierte.
Dann stieß sie sich ab.
Ihr Körper spannte sich, und der Sprung trug sie weit über die Dächer hinaus in die offene, rauchgeschwängerte Luft, direkt auf Yang zu. Die Wacal war noch in Bewegung, fing sich gerade aus der vorangegangenen Attacke, stabilisierte ihre Flugbahn und brachte Ordnung in ihre Haltung zurück, mit der ruhigen Präzision eines Wesens, das Rückschläge nur als temporäre Abweichungen kennt.
Leyla griff nach vorne.
Ihr Mana streckte sich aus, tastete die Umgebung ab, überquerte die Distanz zwischen ihr und dem Horizont und fand schließlich das, was sie gesucht hatte.
Das Meer.
Die Verbindung entstand nicht zögernd, sondern mit einer Wucht, die sofort durch sie hindurchfuhr wie ein Strom durch eine geöffnete Leitung. Tief unter ihr bewegte sich eine gewaltige, eingesperrte Masse, und als sie ihren Willen darauf legte, antwortete sie.
Mit einem tosenden, alles überlagernden Geräusch brach das Wasser durch die Ätherbarrieren, die es zuvor zurückgehalten hatten. Die Struktur gab nach, riss auf, und die aufgestauten Wassermassen entluden sich in einer einzigen, gewaltigen Geste der Befreiung. Wellen erhoben sich, nicht wie natürliche Brandung, sondern wie aufgerichtete Gebirge aus fließender, lebendiger Gewalt, die sich über Leyla und Yang gleichermaßen auftürmten und den Himmel verdunkelten.
Am Rand ihres Blickfelds erkannte Leyla Bewegungen.
Eine Flotte.
Kaiserliche Schiffe, dicht beieinander, klein wirkend im Vergleich zu den Wassermassen, die sich nun über ihnen aufbäumten.
Sie ignorierte sie.
Ihre Aufmerksamkeit lag vollständig auf Yang.
Die Wacal reagierte sofort. Leyla sah, wie sie ihr Mana auf das Wasser richtete, wie sie versuchte, die heranrollenden Fluten zu glätten, ihre Wucht zu brechen, ihnen eine beherrschbare Struktur aufzuzwingen.
Leylas Lippen verzogen sich zu einem Grinsen.
Das Meer entzog sich dieser Kontrolle. Es antwortete nur Leyla.
Mit einem scharfen, gezielten Impuls ließ Leyla die Wellen brechen. Die Wassermassen stürzten herab, erfassten Yang und rissen sie mit sich fort. Im selben Moment ließ Leyla sich selbst fallen, ließ sich von der Bewegung der Welle erfassen und verwandelte ihren Sturz in eine gezielte, kraftvolle Fortbewegung durch das tobende Element.
Hier veränderte sich alles.
Die Dichte des Wassers trug sie, leitete ihre Bewegungen, verstärkte jeden Impuls ihres Körpers auf eine Weise, die sie im Kampf noch nicht erlebt hatte. Ihr Körper schnitt durch die Strömung wie ein Kiel durch ruhiges Wasser, ihr Mana verband sich mit der Umgebung, ließ sie voranschießen, als würde das Meer selbst sie werfen.
Sie erreichte Yang inmitten der tobenden Flut.
Die Wacal versuchte, sich zu lösen, kämpftesich gegen die Strömung. Es verdichtete sich um Yang herum, legte sich um ihre Gliedmaßen wie eine unsichtbare Hand, verlangsamte jede ihrer Bewegungen und machte Ausweichen zur Unmöglichkeit.
Um Yang herum blitzten Fragmente von Äthermagie auf. Sie flackerten, formten sich kurz und zerfielen wieder, instabil und unzuverlässig, als würde ihr Mana nicht mehr vollständig auf ihre Befehle hören – als hätte etwas in ihr begonnen, sich selbst zu widersprechen.
Leyla setzte nach.
Ihr Bein schnellte vor und traf Yang im Gesicht. Der Aufprall wurde vom Wasser verstärkt, die Bewegung durch die Strömung fortgetragen und in Wucht übersetzt. Sie zog zurück und schlug erneut zu, ließ keine Lücke entstehen, keinen einzigen Augenblick, in dem Yang sich hätte sammeln können. Schlag folgte auf Schlag, jeder präzise gesetzt, jeder darauf ausgelegt, die Kontrolle weiter zu brechen und die bereits brüchige Stabilität ihrer Gegenspielerin zu zerstören.
Mit jedem Treffer trieb sie Yang tiefer.
Das Licht von der Oberfläche wurde schwächer, die Umgebung dunkler und schwerer, während der Druck des Wassers zunahm und die Bewegungen der Wacal in eine langsamere, härtere Dynamik zwang, in der Schnelligkeit nicht mehr galt und Beharrlichkeit alles war.
Yang kämpfte.
Sie versuchte, sich zu befreien, spannte ihren Körper gegen den Strom, suchte nach einem Ausweg, nach einem Moment, den sie nutzen konnte. Doch das Meer selbst stellte sich gegen sie. Die Strömung verdrehte sich, schloss sich enger, hielt sie fest und zog sie mit einer Geduld weiter hinab, die keine Gegenwehr kannte.
Leyla spürte es deutlich.
Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, einen Runenstein vollständig zu nutzen. Das Element selbst unterstützte sie, verstärkte ihre Kontrolle, machte ihre Angriffe schwerer, zwingender, endgültiger, als sie es allein je hätten sein können.
Gemeinsam mit dem Wasser drängte sie Yang bis auf den Meeresboden.
Dort traf sie sie mit voller Wucht auf den Grund, ließ die Bewegung in den Schlick laufen und den letzten Rest an Ausweichmöglichkeit zerstören, bevor sie nachsetzte. Sie ging dicht heran, legte ihre Hände um Yangs Hals und fixierte sie, ließ keinen Raum für Bewegung, keinen Spalt, durch den sich irgendetwas hätte zwingen lassen.
Ihre Finger schlossen sich.
Unnachgiebig.
Leyla beugte sich vor und sah Yang direkt in die Augen. Die violetten Linien hatten sich weiter ausgebreitet, zogen sich nun auch durch die Iriden, durchzogen den Blick mit einer fremden, unruhigen Struktur, die nicht zu ihr zu gehören schien, als wäre dort etwas eingewachsen, das nicht eingeladen worden war.
Ein Fluch? Vielleicht.
Der Gedanke blieb flüchtig, ohne Raum, sich zu entfalten.
Leyla ließ das Wasser reagieren. Es drang in Yangs Körper ein, füllte langsam ihre Lungen, während sich gleichzeitig die Erde unter ihnen auftat und sich eng um Yang schloss – fixierte sie, nahm ihr jeden letzten Rest von Beweglichkeit, versiegelte jeden Ausweg.
,,Tut mir leid. Aber für meine Ziele musst du sterben.''
Ihre Stimme war ruhig, beinahe leise, von dem Druck des Wassers gedämpft, und doch trug sie eine Klarheit, die keinen Zweifel zuließ und keinen Raum für eine Antwort öffnete.
Das Mitgefühl war echt. Die Entscheidung ebenfalls.
Leyla hielt den Druck aufrecht, ließ keine Öffnung entstehen, keinen Ausweg. Sie spürte, wie Yangs Körper nachgab, wie die Kraft der Wacal wich, wie die Gegenwehr schwächer wurde, von Schlag zu Schlag weniger, bis sie schließlich ganz verstummte.
Langsam, kaum merklich, erlosch das Leben in ihren Augen.
Und mit ihm verschwand die Präsenz der stärksten Kämpferin des Kaiserreichs.



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