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Kapitel 217 - Die letzte Nacht der Kopfgeldjägerin

Aktualisiert: 5. Mai

Yang ließ ihr Mana erneut erwachen. Die Aura der Kopfgeldjägerin flammte auf, doch sie hielt sie gedämpft, absolut kontrolliert, als würde sie ein gefährliches Tier an einer unsichtbaren Leine führen. 


Atorm war mächtig gewesen. Das musste sie ihm zugestehen. Er hatte nicht blind gehandelt – er hatte einen Plan gehabt. Einen Plan, der nach allem, was er wusste, hätte funktionieren müssen. 


Yang strich mit den Fingern über den Stoff ihres Kleides. Die Farbe veränderte sich, verdunkelte sich, bis ein tiefes Schwarz zurückblieb. Ein stilles Zeichen des Respekts gegenüber einem Gegner, der sie tatsächlich gefordert hatte. Es war der erste Kampf seit dem Großen Krieg, der ihr so etwas wie echte Freude bereitet hatte. 


Ein leichtes Lächeln trat auf ihre Lippen. Flüchtig, beinahe fremd in ihrem Gesicht. Es war kein Lächeln der Gegenwart, sondern eines aus einer anderen Zeit – aus einer Kindheit, die über dreitausend Jahre zurücklag. 


Sie hatte bereits im Alter von fünfzig Jahren entschieden, dass sie im Kampf in erster Linie auf Magie setzen würde. Es war zu ihrem Markenzeichen geworden. Yang, die mächtigste Magierin. Die Meisterin des Äthers. 


Und doch war genau das Atorms Makel gewesen. 


Er hatte nur diese Yang gekannt. 


Er hatte nichts gewusst von der anderen. Von jener, deren Muskeln die rohe Kraft von Drachen trugen. Von jener, die auch ohne Magie fliegen konnte, deren Körper selbst eine Waffe war. 


Es war nicht sein Fehler gewesen. Und dennoch war es ein verdienter Tod. 


Wer sich gegen ihr Absolut im Kaiserreich auflehnte, würde beseitigt werden. 


Ihr Blick glitt über die Eiswüste, bis er an den Burgzinnen Randurins hängen blieb, die sich schemenhaft durch den tobenden Schneesturm abzeichneten. 


Weder Leyla noch Zuphoor oder Cornelius waren dort. 


Langsam ließ sie ihre Aura weiter anwachsen. Jetzt ohne jede Zurückhaltung. Sie breitete sich aus, tastete die Umgebung ab, durchdrang Schnee, Stein und Luft gleichermaßen. 


Sofort nahm sie den Menschen wahr. 


Er hatte sich mit den beiden Untoten getroffen. Drei Signaturen, die sich hastig bewegten fort von diesem Ort, in Richtung Süden. 


„Sollte ich mich jetzt ihnen widmen?" 


Der Gedanke war kaum entstanden, da verschob sich ihr Fokus bereits. Da war noch etwas. Oder vielmehr: jemand. 


Ein Mädchen. Kaum mehr als ein schwaches Flackern im Gefüge der Kräfte. Lächerlich gering. 


Und doch unverkennbar. 


Barbarossas Hülle. 


Yang hob langsam eine Hand gen Himmel. Die Bewegung war ruhig, präzise, beinahe rituell. Sie wollte gerade die Verbindung zum Äther erneut vollständig öffnen, die Ströme bündeln, als etwas sie innehalten ließ. 


Ein kaum merkliches Heben und Senken ihrer Brust. 


Erschöpfung. 


Ein Zustand, den sie nur ein einziges Mal zuvor gespürt hatte. 


Für einen kurzen Moment verharrte sie. 


Sie schob den Gedanken beiseite, kühl und konsequent. 


Dann entfesselte sie abermals ihre Äthermagie.



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Der Nachthimmel über Randurin wurde abermals von einem grellen Licht zerrissen, das schien, als bündele es sämtliche Farben in sich, nur um sie im nächsten Moment in einer unnatürlichen, schmerzhaften Helligkeit freizusetzen. 


Helmut stand im ersten Stock seines Eigenheims. Neben ihm standen seine Frau Isabell und sein zehnjähriger Sohn Uwe. Keiner von ihnen sprach zunächst ein Wort. Sie blickten nur hinaus, gefangen von einem Anblick, der zu groß war, um ihn wirklich zu begreifen. 


,,Warum kämpfen die wieder, Papa?'’ fragte Uwe schließlich und klammerte sich fester an Helmuts Arm. Seine Stimme war leise, brüchig, als hätte er nicht nur vor den Antwort, sondern auch vor der Frage Angst. 


Helmut zögerte einen Moment zu lange. 


,,Weil der Böse immer noch lebt. Die ehrenwerte Yang wird uns befreien, mein Sohn.'' 


Seine Worte klangen fest, doch in ihnen lag eine Anspannung, die sich nicht vollständig verbergen ließ. Sie hatten aus der Ferne gesehen, wie Yang sich diesem unheimlichen Mann entgegengestellt hatte. Dem Mann ohne richtige Augen, dessen bloße Erscheinung bereits Unruhe auslöste. 


,,Aber Papa, du meintest doch, dass Yang gewonnen hat.'' 


Uwes Griff wurde noch fester. 


,,Ja…'' begann Helmut, bevor er sich fing. ,,Ja, du hast recht. Das dachte ich auch. Dass sie jetzt weiterkämpft, bedeutet nur, dass er noch lebt. Niemand außer diesem Mann könnte sich ihr entgegenstellen.'' 


Er zwang sich, den eigenen Worten Glauben zu schenken. Es musste so sein. Alles andere würde bedeuten, dass etwas geschah, das jenseits jeder Ordnung lag, die er kannte. Denn wenn nicht dieser Mann – wer war dann die Gestalt, die Yang mit Flammen angriff? Wer war es, der den Himmel selbst in Brand setzte? 


Helmut verengte die Augen und bemühte sich, durch das flirrende Licht hindurch mehr zu erkennen. 


,,Ist das ein Mädchen?’’ Der Gedanke kam ihm absurd vor, beinahe lächerlich – und doch ließ er sich nicht sofort verdrängen. 


Mit einer abrupten Bewegung zog er die Vorhänge zu. Das Licht verschwand. ,,Lass uns schlafen gehen, Liebling.’’


Isabell sah ihn an. In ihrem Blick lag Angst, unverhüllt, roh. Doch sie nickte, weil es nichts anderes gab, woran sie sich hätten halten können. 


Zu dritt legten sie sich ins Bett. Die Nähe war eng, beinahe erdrückend, doch keiner von ihnen wich zurück. Helmut schloss die Augen. Die Erschöpfung übermannte ihn schneller, als ihm lieb war. 


Er schlief ein. 


Wäre er wach geblieben, hätte er vielleicht bemerkt, dass Randurin in eine unnatürliche Stille gefallen war – eine Stille, die nicht beruhigte, sondern warnte. 


Wäre er wach gewesen, hätte er vielleicht gesehen, wie sich vor dem Fenster erste Flammen regten, züngelnd, tastend, als würden sie nach Halt suchen. 


Wäre er aufgewacht, hätte er vielleicht noch rechtzeitig reagieren können. 


Vielleicht. 


Doch als der brennende Balken schließlich nachgab und in die Dunkelheit stürzte, war es längst zu spät.



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Der Ätherangriff Yangs hatte sein Ziel verfehlt.


Nicht, weil er unpräzise gewesen wäre. Die Bahn, die Dichte, die Ausrichtung – alles hatte gestimmt. Doch Barbarossa war ihm entkommen, indem er sich im entscheidenden Moment erhoben hatte. Seine brennenden Flügel trugen ihn in steilem Winkel nach oben, schnitten durch die kalte Luft und hinterließen verzerrte Strömungen aus Hitze, die den Himmel selbst unruhig wirken ließen. 


Kaum hatte er Höhe gewonnen, ging er zum Gegenangriff über. 


Seine Flammen waren kein bloßes Element, sondern ein Zustand. Sie fraßen sich durch den Raum, überlagerten die Kälte der Umgebung und griffen mit einer Intensität an, die selbst Yangs Schutz durchbrach. Ihr Kleid fing Feuer. Die Flammen hafteten, brannten sich in den Stoff, bevor sie sie mit einer einzigen kontrollierten Bewegung ersetzte und die Hitze auslöschte. 


Doch der Umstand blieb bestehen. Es hatte gebrannt. 


Und das allein genügte, um die Dimension ihres Gegners endgültig einzuordnen. 


Yang hielt ihre Position nicht. Sie bewegte sich weiter durch den Himmel, beschleunigte in variierenden Bahnen, wechselte abrupt die Richtung, während ihr Blick unablässig über Barbarossas Angriffe glitt. Sie suchte keine Öffnung im klassischen Sinne, sondern eine strukturelle Schwäche im Muster seines Flammenregens. 


Es gab keine. 


Die Angriffe überlappten sich, ergänzten einander, schlossen Lücken, noch bevor sie überhaupt entstehen konnten. Ein durchgehendes Geflecht aus Hitze und Druck, das keine offensichtliche Angriffsfläche bot. 


Ein direkter Vorstoß wäre möglich gewesen. 


Doch Yang verzichtete darauf. Sie wusste, was Barbarossa in sich trug. 


Die Erzzauber von Gabriel und Ismael. 


Ismaels Zauber war eindeutig. Potenzialentfaltung. Ein Eingriff, der das maximale Leistungsvermögen eines Wesens sofort und vollständig freisetzte, ohne jede Rücksicht auf Stabilität oder Dauer. Die Konsequenz war ein beschleunigter Verbrauch der eigenen Existenz. 


Für diesen Kampf bedeutungslos. 


Eine gewaltige Feuerkugel durchbrach die Luft und raste knapp an ihr vorbei. Die Druckwelle ließ ihre Flugbahn kurz erzittern. Die Signatur war fremd, aber nicht gänzlich unbekannt. 


General van Trey. Zumindest vermutlich. Yang schenkte dem keine weitere Beachtung. Seine Magie hatte sie nie interessiert. 


Stattdessen verlagerte sie ihren Fokus vollständig zurück auf Barbarossa. Ihre Aura breitete sich aus, verdichtete sich gezielt entlang seiner Flugbahn und legte sich wie ein unsichtbarer Druck auf seine Flügel, um deren Bewegung zu behindern. 


Doch Barbarossa reagierte korrekt. Er stabilisierte sich gegen ihre Einwirkung, verankerte sich nicht physisch, sondern energetisch im Raum und hielt seine Flugstruktur aufrecht, ohne dabei an Kontrolle zu verlieren. 


Yang erhöhte die Geschwindigkeit. Noch weiter. 


Die Luft begann unter der plötzlichen Beschleunigung zu reißen, ihre Bewegung wurde zu einer Abfolge kaum noch nachvollziehbarer Positionswechsel. Für einen kurzen Moment überschritt sie das Reaktionsvermögen ihres Gegners. 


Gleichzeitig sammelte sie Mana in ihrer Hand. 


Absolute Verdichtung. Absolute Kompression. Absolute Kontrolle. 


Parallel dazu entstand eine Sphäre aus elektrischer Spannung, deren Oberfläche instabil flackerte, aufgeladen bis an die äußerste Grenze der Selbstentladung. Ohne Zögern schleuderte sie das Konstrukt auf Barbarossa zu. 


Ungefährlich. Ablenkend. 


Genau so war es beabsichtigt. 


Yang beobachtete nicht die Kugel, sondern die Reaktion. 


Barbarossa registrierte den Angriff, korrigierte seine Position und holte aus. Seine Bewegung war klar, ohne jede unnötige Verzögerung. Ein gewaltiger Eissplitter formte sich, massiv und dicht, und wurde mit enormer Kraft auf die Sphäre geworfen. 


Die Kollision war unvermeidlich. Und genau darauf hatte Yang gewartet. 


Im Moment der Abwehr schoss sie vor. Ihre Beschleunigung erreichte einen Punkt, an dem der Raum selbst hinter ihr zurückzubleiben schien. Die Distanz zwischen ihnen brach in sich zusammen. 


Ihre Hand streckte sich aus, zielgerichtet, präzise. 


Nicht, um zu zerstören. 


Um zu stören. 


Schattenmagie sammelte sich an ihren Fingern, bereit, sich in Barbarossas Struktur zu legen, seinen Manafluss zu destabilisieren, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Kein Angriff im klassischen Sinne, sondern eine gezielte Unterbrechung. 


Denn das eigentliche Ziel lag woanders. 


,,Welt in Perfektion.’’



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Drei Sekunden bevor Yang von ,,Welt in Perfektion’’ getroffen wurde:


Yang beschleunigte ihren Herzschlag. Der Rhythmus ihres Körpers stieg abrupt an, präzise kontrolliert, weit über das hinaus, was für Sterbliche auch nur annähernd denkbar war. Es war eine Fähigkeit der Wacal – kein Zauber, sondern ein bewusster Eingriff in die eigene Funktionsweise. Für einen kurzen Moment vervielfachte sich ihre gesamte Leistungsfähigkeit, jede Reaktion wurde schärfer, jede Bewegung unmittelbarer, jeder Impuls direkter. 


Der Preis war hoch. Sie würde ihr Mana nicht mehr speichern können. Sie würde einige Tage, nachdem es vollständig verbraucht war, ohne ihre Magie auskommen müssen. 


Doch er war akzeptabel. 


Zwei Sekunden bevor Yang von ,,Welt in Perfektion’’ getroffen wurde:


Ihre Aura zog sich zusammen, verdichtete sich entlang ihres Körpers, schloss sich enger, kompakter, bis sie nicht mehr als Ausstrahlung, sondern als strukturierte Hülle existierte. Daraus formte sie einen Schild aus reinem Äther, lückenlos über ihre Haut gelegt, stabilisiert durch konstante Rückkopplung. 


Nur eine einzige Stelle blieb offen. Ihre Hand. 


Dort hielt sie weiterhin konzentriertes Mana, dicht genug gebunden, um es jederzeit und ohne Verzögerung freisetzen zu können. 


Gleichzeitig öffnete sie den Fluss an anderer Stelle. 


Ein erheblicher Teil ihres Manas entwich durch ihren Mund, transformiert in rohe Windmagie. Kein gerichteter Angriff, sondern ein kontrollierter Ausstoß, der sich hinter ihr entfaltete und den gesamten Raum in Bewegung versetzte. 


Eine Sekunde bevor Yang von ,,Welt in Perfektion’’ getroffen wurde:


Ihre Hand erreichte ihr Ziel. Sie berührte die Schulter des Mädchens. 


Im selben Moment entlud sich die Schattenmagie. Kein sichtbarer Effekt, keine Explosion – sondern ein gezielter Eingriff. Direkt, präzise, auf den Manastrom ausgerichtet, der Barbarossa durch diese Hülle verband. Die Struktur wurde gestört, nicht zerstört, aber spürbar aus dem Gleichgewicht gebracht. 


Ohne auch nur einen Moment zu verharren, verlagerte Yang ihr Gewicht und stieß sich ab. Die Bewegung war explosiv, ihre Beine lieferten den entscheidenden Impuls, während die zuvor freigesetzte Windmagie hinter ihr griff und sie zusätzlich beschleunigte. Ihr Körper wurde rückwärts katapultiert, weit fort von der unmittelbaren Gefahrenzone, noch bevor die Konsequenz ihres Eingriffs vollständig einzusetzen begann. 


,,Welt in Perfektion.’’



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Der gestohlene Erzzauber Gabriels traf Yang. 


Die Ätherschutzschicht absorbierte einen erheblichen Teil der einströmenden Kraft. Die Struktur hielt stand, leitete Energien um, dämpfte die unmittelbare Wirkung – doch sie war nicht vollständig ausreichend. Was durchdrang, war kein Rest, sondern ein konzentrierter Kern. 


Der Abstand, den sie sich verschafft hatte, reduzierte die Intensität zusätzlich. Die Wirkung streckte sich, verlor an Dichte. 


Aber sie entkam dem Radius nicht. 


Die Störung in Barbarossas Manafluss zeigte Wirkung. Der Zauber war nicht stabil. Seine Struktur flackerte, verlor Kohärenz, wurde geschwächt. 


Yang hatte genau das einkalkuliert. 


Sie hatte den Angriff erwartet. Mehr noch – sie hatte ihn provoziert. 


Jede ihrer Bewegungen, jede einzelne Entscheidung war darauf ausgelegt gewesen, ,,Welt in Perfektion'' unter Bedingungen auszulösen, die sie überleben konnte. 


Und dennoch –


zerriss der Zauber sie. 


Die verbleibende Kraft durchbrach ihre Verteidigung und traf ihren Körper mit unmittelbarer Brutalität. Ein klaffendes Loch öffnete sich in ihrem Rumpf. Kein langsames Versagen, kein gradueller Schaden – ein abruptes Fehlen von Substanz. Ihr rechter Arm wurde vollständig pulverisiert, ohne Übergang, ohne den geringsten Widerstand. 


Ihr Blut verteilte sich in der Luft, wurde vom Aufprall auseinandergerissen und fiel in dunklen Bahnen zur Erde hinab. Für einen Moment verlor ihr Körper jede geschlossene Form. 


Dann reagierte sie. 


Ohne Zögern ließ Yang Lichtmagie tief in sich fließen. Nicht oberflächlich, sondern hinein in die beschädigten Strukturen selbst. Muskelfasern rekonstruierten sich, setzten sich neu zusammen, Knochen wuchsen in präziser Ausrichtung nach, und darüber spannte sich frische, makellose Haut, als hätte der Schaden niemals existiert. 


Die Regeneration war vollständig. Kontrolliert. Effizient. Absolut. 


Auch ihr Kleid stellte sie wieder her. Diesmal kehrte es zu seinem ursprünglichen Zustand zurück – ein klares, ungebrochenes Weiß. 


Yang atmete schwer. Ihre Brust hob und senkte sich deutlich, ein sichtbares Zeichen für eine Belastung, die sich nicht mehr vollständig verbergen ließ. Ihr Manaverbrauch hatte eine Schwelle erreicht, die selbst für sie nicht mehr trivial war. An diesem einen einzigen Abend setzte sie konstant Mengen an Mana ein, die sonst über Jahre verteilt gewesen wären. 


,,Wie hast du diesen Angriff überlebt?’’


Die Stimme des Mädchens hallte durch die Nacht. Doch sie war nicht rein menschlich. Sie war überlagert, verstärkt, getragen von der fremden, dominanten Präsenz Barbarossas. Jeder Laut vibrierte in der Luft, als würde er mehr sein als bloßer Schall. 


Yang antwortete nicht. Stattdessen breitete sie die Arme aus.


Hinter ihr begann sich der Raum zu verändern. Punkte aus Licht erschienen, zunächst vereinzelt, dann in rasch wachsender Zahl. Sie ordneten sich, formten sich zu klar definierten Strukturen – Ätherpfeile, jeder einzelne durchzogen von dicht gebundenem Mana, stabilisiert und präzise ausgerichtet. 


Hunderte. 


Diesmal beließ sie es nicht bei reiner Konstruktion. 


Zusätzlich legte sie Schattenmagie über die gesamte Formation. Kein sichtbarer Effekt, sondern eine Anweisung, ein eingebetteter Befehl, der jedem einzelnen Projektil eine Zielpriorität gab. 


Ihre Stimme war ruhig, eindeutig. 


,,Jagt Barbarossa.’’



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Taliba saß in einem dunklen Raum. 


Es war kein Ort mit klaren Grenzen. Keine Wände, die man hätte ertasten können, kein Boden, der irgendeinen Halt versprach. Nur Enge – eine bedrückende, formlose Enge, die sich um sie gelegt hatte. Vor ihr öffnete sich ein schmaler Spalt, kaum mehr als ein Riss in dieser Finsternis, durch den sie nach draußen sehen konnte. 


Dort draußen entfaltete sich der Kampf. 


Verzerrt, fragmentiert, als würde sie ihn durch eine fremde Wahrnehmung hindurch betrachten, und doch klar genug, um die Bedeutung zu begreifen. 


Sie wusste, wer die Frau war. 


Yang. 


Die Perfekte. Die Absolute. 


Ein Name, der nicht nur eine einzelne Person beschrieb, sondern einen Zustand, ein Prinzip, dem sich alles andere unterordnete. 


In Taliba regte sich etwas. 


Freude. 


Kein reines, unbeschwertes Gefühl, sondern ein scharfes, beinahe schmerzhaftes Aufleuchten inmitten der Dunkelheit. Sie spürte es deutlich – das ,,Monster'', das sie gefangen hielt, reagierte. Seine Präsenz verschob sich, wurde unruhiger. 


Angst. 


Es erkannte den Unterschied. 


Nicht als abstrakte Einschätzung, sondern als unmittelbare Gewissheit. Eine Differenz in Stärke, so eindeutig, dass sie sich nicht ignorieren ließ. 


Taliba presste sich näher an den schmalen Spalt, als könnte sie dadurch mehr von dem sehen, was dort draußen geschah. Ihre Finger krümmten sich, suchten Halt in etwas, das sich nicht greifen ließ. 


Sie wollte schreien. 


Wollte sich bemerkbar machen, wollte eingreifen, wollte gehört werden. 


Doch ihre Stimme gehorchte ihr nicht. 


Was sie hervorbrachte, war kaum mehr als ein schwacher Impuls, ein gedämpfter Gedanke, der sich nur mühsam durch die fremde Präsenz hindurchzwängte. Keine Worte im eigentlichen Sinne, sondern ein fragmentierter Wille, der nur mit größter Anstrengung überhaupt Form annahm. 


„Bitte…" 


Der Rest zerfiel beinahe, noch bevor er entstehen konnte. 


Und doch erreichte ein Teil davon sein Ziel. 


,,Lass uns bitte gemeinsam sterben…’’



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Leyla spürte den Kampf von Yang lange, bevor sie ihn überhaupt sehen konnte. Die Aura war nicht nur ein fernes Signal, sondern durchzog den Wind selbst, legte sich in jede Bewegung der kalten Luft und machte die Präsenz der Kämpfenden auf eine Weise greifbar, die keine Augen brauchte. Es war eine klare, dominante Signatur, die keinen Zweifel daran ließ, wer dort kämpfte. 


Sie hatte den Denja-Dschungel längst hinter sich gelassen und bewegte sich nun durch die Kälte des Herzogtums Randurin. Die Umgebung hatte sich vollständig verändert. Wo zuvor feuchte, schwere Luft und dichtes Grün geherrscht hatten, lag nun eine offene, von Schnee bedeckte Landschaft, in der jede Form von Leben zurückgedrängt wirkte. Der Boden war hart gefroren, der Wind schnitt scharf über die weiten Flächen und ließ selbst stabile Strukturen spröde erscheinen. 


Leyla nutzte diese Bedingungen zu ihrem Vorteil. Anstatt sich wie zuvor über die Äste der Bäume fortzubewegen, glitt sie nun über den Schnee. Unter ihren Schuhen hatten sich Kufen ausgebildet, glatt und präzise geformt, während sie gleichzeitig mit ihrem Mana die Oberfläche des Bodens ebnete und jede Unebenheit beseitigte. Ihre Bewegung wurde dadurch beinahe reibungslos, ein gleichmäßiges Gleiten, das sie mit hoher Geschwindigkeit vorantrieb. Die Landschaft zog in langen, unscharfen Linien an ihr vorbei, ohne dass sie auch nur im Geringsten an Kontrolle verlor. 


Sie hätte nicht sagen können, wann genau sie diese Technik entwickelt hatte. Es gab keinen Moment des Lernens, keine bewusste Entscheidung. Die Idee war einfach da gewesen, vollständig und funktional, als hätte sie schon immer darauf zurückgreifen können. 


Vinessa befand sich noch immer in ihrer Innentasche. Leyla achtete ununterbrochen darauf, dass sie keinen Schaden nahm. Jede Bewegung, so schnell sie auch war, blieb kontrolliert genug, um die kleine Fee zu schützen. Doch ihr wurde klar, dass sie sich im weiteren Verlauf diese Einschränkung nicht länger leisten konnte. 


Ein Gedanke formte sich. 


Sie richtete ihre Aufmerksamkeit nach innen und suchte die Verbindung zu jenem Ort, der sich in ihr entwickelte. Zu ihrer werdenden Domäne. Zu jenem Raum, den ihr der Runenstein der Heilung eröffnet hatte und der noch nicht vollständig greifbar war, aber bereits existierte. 


,,Bitte, nimm Vinessa zu dir.’’


Der Gedanke war klar formuliert, frei von jedem Zweifel. Unmittelbar darauf verschwand die Bewegung an ihrer Brust. Kein Übergang, kein spürbarer Prozess – das Gewicht war einfach nicht mehr da. Vinessa war fort, aufgenommen von etwas, das außerhalb der normalen Welt lag. 


Leyla nahm es zur Kenntnis, ohne innezuhalten. 


,,Sehr gut'', murmelte sie leise. 


Nun konnte sie sich vollständig auf das konzentrieren, was vor ihr lag. 


Die Frage blieb bestehen: Gegen wen kämpfte Yang? 


Zu Beginn hatte sie eine dunkle Aura wahrgenommen, schwer und eindeutig feindlich. Dann war eine Phase gefolgt, in der die Intensität plötzlich abgefallen war, als hätte der Kampf kurzzeitig ausgesetzt. Dieses Muster war ungewöhnlich gewesen, aber nicht lange relevant geblieben. 


Denn nun hatte sich die Situation erneut verändert. 


Die Aura, die jetzt von Yangs Gegner ausging, war von Flammen durchzogen. Sie war nicht nur heiß, sondern trug eine Qualität in sich, die sich nicht allein durch rohe Kraft erklären ließ. Sie wirkte alt. Nicht im Sinne von Zeit, sondern in ihrer Struktur – als würde sie auf etwas zurückgreifen, das weit vor der Gegenwart lag. 


Zunächst hatte Leyla angenommen, dass es sich um das Mädchen handelte, von dem Aragi im Ministerium gesprochen hatte. Doch diese Einschätzung hielt nicht stand. Die Ausstrahlung passte nicht zu einem einzelnen Leben, nicht zu einem jungen Körper. 


Dann bekam sie Sichtkontakt. 


Yang bewegte sich durch den Himmel, ihr schwarzes Kleid klar erkennbar, selbst durch den tobenden Schneesturm hindurch. Neben ihr befand sich ein Kind, dessen Präsenz in direktem Widerspruch zu der Macht stand, die es ausstrahlte. 


Leyla verengte die Augen, während sich die Erkenntnis in ihr formte. 


Es war das Mädchen, das Yaga ihr gezeigt hatte. 


In diesem Moment durchbrach eine Stimme die Distanz. Sie war laut genug, um selbst über die weite, offene Fläche hinweg klar verständlich zu bleiben, getragen von einer Kraft, die nicht ausschließlich dem Kind gehörte. 


,,Welt in Perfektion.’’


Eine weiße Kugel entstand um die beiden. Sie war makellos geschlossen, ohne erkennbare Schwachstelle, und wirkte weniger wie ein Zauber als ein vollständig abgeschlossener Zustand. Leyla konnte aus ihrer Entfernung keine Details erkennen, nur die klare Begrenzung und die perfekte Abgeschlossenheit dessen, was sich darin befand. 


Nach wenigen Sekunden fiel die Kugel in sich zusammen. Yang war noch dort. 


Doch ihr Körper war schwer beschädigt. Große Teile fehlten, ihre Form war unvollständig, als hätte etwas sie aus der Realität selbst herausgeschnitten. Für einen kurzen Moment wirkte sie instabil, als könnte sie jeden Augenblick endgültig zerfallen. 


Leylas Herz begann schneller zu schlagen. 


Nicht vor Furcht. Vor Freude.


Yangs Tod würde vieles vereinfachen. 


Doch dieser Moment verstrich. Vor ihren Augen begann sich Yangs Körper zu regenerieren. Muskeln bildeten sich neu, Knochen wuchsen nach, und die Struktur ihrer Gestalt schloss sich wieder, als wäre der vorherige Zustand lediglich eine vorübergehende Abweichung gewesen. 


Leyla hielt inne, analysierte die Situation neu und begann abzuwägen, wie sie weiter vorzugehen hatte. 


Noch während dieser Überlegung fiel ihr eine weitere Präsenz auf. Ein Mann stand zwischen den Bäumen, teilweise verdeckt, aber eindeutig auf den Kampf fixiert. Er bewegte sich nicht, beobachtete lediglich. 


Leyla reagierte ohne Zögern. Sie änderte ihre Richtung abrupt, nutzte ihre Geschwindigkeit, um die Distanz in kürzester Zeit zu überbrücken, und löste sich schließlich vom Boden. Der Sprung war präzise kalkuliert, kraftvoll genug, um ihn direkt zu erreichen. 


Ihre Hand griff nach seinen Hörnern. Mit einem einzigen, entschlossenen Zug riss sie ihn zu Boden. Der Aufprall ließ den Schnee unter ihnen aufbrechen, während Leyla jede Möglichkeit einer Gegenwehr im Ansatz unterband. 


Leyla beugte sich über ihn und blickte in sein Gesicht. 


,,Hallo, Yaga'', sagte Leyla ruhig, während ihr Blick prüfend über das Gesicht ihres ehemaligen Lehrers glitt.



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Yaga brauchte einen Moment, um zu begreifen, wer über ihm kniete. Der Aufprall hatte ihm die Orientierung genommen, und für einen kurzen Moment wirkte sein Blick leer, als müsse er die Realität erst mühsam wieder zusammensetzen. Dann schärften sich seine Züge, und Erkenntnis trat an die Stelle des bloßen, instinktiven Reagierens. 


,,Ahh, Leyla. Es freut mich wirklich, dass wir uns wiedersehen'', sagte er und versuchte, sich aufzurichten. Seine Stimme klang gefasst, beinahe so, als hätte er diese Begegnung längst erwartet, doch die feine Anspannung in seinem Körper verriet, dass er jede einzelne Bewegung sorgfältig kalkulierte. 


Leyla entging nicht, wie sich seine rechte Hand bewegte. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie seine Finger nach ihrem Knöchel griffen. Die Absicht dahinter war eindeutig. Es war derselbe Ansatz wie damals in Sonnensand, derselbe Versuch, ihren Verstand direkt anzugreifen, ohne den Umweg über einen offenen Kampf zu nehmen. 


Sie ließ es nicht dazu kommen. Auf ihren Befehl hin verdichtete sich der Schnee unter ihnen, erstarrte augenblicklich zu Eis und formte schmale, scharfkantige Klingen. Diese schossen mit präziser Ausrichtung nach oben und bohrten sich durch Yagas Handgelenk, durchtrennten jede Möglichkeit, die Bewegung auch nur fortzusetzen, bevor sie überhaupt Wirkung hätte entfalten können. 


,,AHH, LEYLA!'' schrie Yaga auf, und für einen Moment brach jede Fassade in sich zusammen, die er bis dahin aufrechterhalten wollte. 


Er setzte an, weiterzusprechen, doch noch bevor auch nur ein weiterer Laut seine Lippen verlassen konnte, reagierte die Umgebung erneut auf Leylas Willen. Wurzeln eines nahen Baumes durchbrachen den gefrorenen Boden, schoben sich über sein Gesicht und verschlossen seinen Mund vollständig. Die Bewegung war kontrolliert, fest genug, um jedes Wort zu ersticken, ohne ihn sofort zu töten. 


Leyla hielt ihn nieder und betrachtete ihn. 


Sie hatte sich oft vorgestellt, wie dieses Wiedersehen verlaufen würde. In den ersten Wochen nach Sonnensand war sie von Fragen geplagt gewesen, unruhig, fast getrieben. Sie hatte ihn zur Rede stellen wollen, ihn zwingen wollen, sich zu erklären, ihm die Gründe für sein Handeln abzuringen. Warum er ihr die Qualen des Mädchens gezeigt hatte. Warum er sie gezielt Dingen ausgesetzt hatte, die sie niemals hätte sehen dürfen. 


Doch mit der Zeit war dieses Bedürfnis verblasst. 


Mehr als ein Jahr war vergangen, und mit ihm war jede Erwartung verschwunden, noch etwas von ihm zu erhalten, das den Wert eines echten Gesprächs gehabt hätte. 


Es gab keine Rechtfertigung für das, was er getan hatte. 


Der Gedanke stand fest, ohne Raum für Zweifel oder Ergänzung, ohne die Möglichkeit eines Kompromisses. 


Dennoch hielt sie inne. Eine Erinnerung regte sich, vage, aber präsent genug, um sie aufzugreifen. Ein Gespräch nach ihrem Kampf in der Arena, beiläufig, unvollständig, doch mit einem Bezug, der nun plötzlich relevant wurde. 


,,Ob er was zu den Runensteinen weiß?’’


Leyla ließ die Wurzeln zurückweichen, gerade weit genug, um ihm das Sprechen zu ermöglichen. 


,,Was weißt du über die Runensteine?'' fragte sie, ohne jede Einleitung, ohne jede Umschreibung. 


Yaga schwieg einen Moment. Es war kein Ausdruck von Unwissenheit, sondern ein sichtbares, bewusstes Abwägen. Sein Blick verriet, dass er überlegte, wie viel er preisgeben konnte und welche Konsequenzen jede mögliche Antwort nach sich ziehen würde. 


Leyla verkürzte diesen Prozess. 


Ihre Hand schloss sich um seinen Hals, der Druck war kontrolliert, aber völlig unmissverständlich. Fest genug, um seine Atmung zu erschweren und ihm klarzumachen, dass Zeit ein Luxus war, den er in diesem Moment schlicht nicht besaß. 


,,Du willst doch leben, oder Yaga?'' 


Er hob leicht die Hände, soweit es ihm mit der Verletzung noch möglich war, und gab nach. 


,,Schon gut… ich sag es dir'', begann er, seine Stimme rauer als zuvor, angestrengt und knapp. ,,Raya, eine Wacal vom Orden der Goldenen Sonne, wusste viel darüber. Sie hat mir erzählt, dass es auf einem Kontinent im Westen einen Mann gibt, der vor ungefähr zwanzig Jahren einen Runenstein gefunden hat. Mit dem soll er sich eine Stadt auf einem Berg errichtet haben.'' 


Leyla registrierte jedes Wort, ohne ihre Miene auch nur im Geringsten zu verändern. Ein Kontinent im Westen widersprach allem, was sie bisher wusste. Nach ihrem Kenntnisstand war das Kaiserreich der äußerste Westen der bekannten Welt. Dennoch verwarf sie den Gedanken nicht, sondern legte ihn beiseite. 


Das war keine Information, die sie jetzt auswerten musste. 


,,Wo finde ich Raya?’’


Yaga hustete, rang kurz nach Luft, bevor er antwortete. 


,,Das letzte Mal habe ich sie in Welldyl gesehen.'' 


Leyla hielt seinen Blick noch einen langen Moment fest, prüfte, ob er zögerte, ob er irgendetwas zurückzuhalten versuchte. 


,,Sonst noch was?’’


Yaga schüttelte den Kopf.


Leyla lächelte.


Dann griff sie zu. 


Mit einer schnellen, vollkommen präzisen Bewegung brach sie ihm das Genick. 


—KNACK—


Sein Körper erschlaffte sofort, jede Spannung wich aus ihm heraus, als hätte man eine Verbindung mit einem einzigen Schnitt gekappt. 


Leyla ließ ihn los und richtete sich auf. Ohne auch nur einen weiteren Blick auf den leblosen Körper zu werfen, wandte sie sich wieder dem eigentlichen Geschehen zu. 


Yang und das Mädchen. 


Die Situation hatte sich verändert. Yang wirkte erschöpft, nicht in ihrer Präzision, sondern in der Art und Weise, wie sie ihre Kraft aufrechtzuerhalten versuchte. Ihre Bewegungen waren noch immer kontrolliert, doch der Aufwand dahinter war sichtbar geworden, spürbar selbst über die Distanz hinweg. Auch das Mädchen zeigte Anzeichen von Belastung, wenn auch in anderer Form, weniger klar greifbar, schwerer einzuordnen. 


Leyla nutzte die Gelegenheit. Mit einem kraftvollen Sprung überbrückte sie die Distanz, landete neben den beiden und fing die Bewegung sauber ab, während der Schnee unter ihren Füßen kurz nachgab und sich unmittelbar darauf wieder verhärtete. 


Yang wandte sich ihr zu. 


Für einen kurzen Moment lag Überraschung in ihrem Blick, klar und unverstellt, bevor sie wieder verschwand, als hätte sie nie existiert. 


Leyla registrierte es sofort. 


Sie war davon ausgegangen, dass Yang sie längst bemerkt hatte. Ihre Aura hätte sie verraten müssen, lange bevor sie sich auch nur genähert hatte. 


Doch offenbar war das nicht der Fall gewesen. 


,,Du bist da. Gut. Nimm Barbarossa gefangen.'' 


Die Worte kamen ohne jedes Zögern. Der Ton war derselbe wie immer, getragen von absoluter Autorität, die keinerlei Widerspruch zuließ. Es war kein Vorschlag, kein Angebot, kein Versuch der Überzeugung – sondern ein Befehl, wie er selbstverständlich aus ihr hervorging, als wäre jede andere Antwort undenkbar. 


Und doch war etwas anders. 


Die Ausstrahlung, die diesen Worten sonst innewohnte, war nicht mehr vollständig vorhanden. Die Präsenz war noch immer gewaltig, aber nicht mehr unangreifbar. Etwas darin fehlte, kaum merklich, und doch unverkennbar, wenn man wusste, worauf man achten musste. 


In diesem Moment breitete das Mädchen seine Flügel aus. Weiß, klar strukturiert, in ihrer Form ähnlich jenen von Nea, jedoch ausgeprägter, dominanter, von einer Reinheit, die in scharfem Kontrast zu der Gewalt des gesamten Kampfes stand. Ohne zu zögern stieß es sich ab, gewann rasch an Höhe und entfernte sich in Richtung der Wolken, bis es im Schneesturm verschwand. 


Yang ließ es geschehen und richtete ihren Blick wieder auf Leyla. 


,,Willst du mir erklären, warum du ihn hast gehen lassen? Dir ist sicher klar, welche Konsequenzen eine Befehlsverweigerung hat.'' 


Leyla wusste es. Die Konsequenz war eindeutig und unumkehrbar. 


Doch gleichzeitig hatte sich ihre Einschätzung in diesem Moment endgültig gefestigt. Yang war nicht mehr in ihrem idealen Zustand. Sie war erschöpft, ihre Ressourcen spürbar belastet, ihre Wahrnehmung nicht mehr lückenlos. Sie hatte Leyla nicht kommen sehen, obwohl sie es hätte spüren müssen. 


Sie war… angreifbar. 


,,Dann ist das hier mein Rücktritt'', sagte Leyla ruhig, ohne jede Betonung, ohne jeden Anflug von Zögern, ihre Gedanken nur auf Yang fokussiert, die Erwähnung des Namens Barbarossa völlig ignorierend. 


Im selben Moment setzte sie sich in Bewegung und griff an, ohne Vorwarnung, ohne Vorbereitung, mit der vollen und unumkehrbaren Konsequenz ihrer Entscheidung.

 
 
 

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