top of page

Kapitel 5 - Der Weg des Waldes

Aktualisiert: vor 21 Stunden

Die Sonne sank langsam dem Horizont entgegen und tauchte den Himmel in warmes, goldenes Licht. Lange Schatten zogen sich über den Boden, während die letzten Strahlen schräg durch die Baumwipfel fielen und das Unterholz in ein flackerndes Gold tauchten. 


Bald würde es dunkel werden. Leyla wusste, dass sie sich langsam einen Platz zum Schlafen suchen musste. 


Den gesamten Nachmittag und einen guten Teil des Abends hatte sie gebraucht, um den Wald zu erreichen. Anfangs war der Weg noch von weiten Feldern und vereinzelten Höfen begleitet worden, doch inzwischen hatten dichte Bäume die offene Landschaft vollständig verschluckt – still und endgültig, wie ein Vorhang, der mit jedem Schritt zugezogen wurde. 


Der Pfad durch den Wald war stellenweise überwuchert, aber noch war deutlich zu erkennen, dass Reisende ihn regelmäßig nutzten. 


Die letzten Stunden hatte Leyla das Zwitschern der Vögel und das stetige Rascheln der Blätter begleitet. Doch mit der Dämmerung hatte sich die Stimmung verändert, zu leise und heimlich, um es wirklich zu bemerken. 


Es war beinahe unheimlich still. 


Nur gelegentlich rieb der Wind die Äste gegeneinander, oder irgendwo tief im Dunkel ließ eine Eule ihren Ruf erklingen – lang, hohl, unbeantwortet. 


Das verbliebene Licht reichte kaum noch aus, um sicher dem Weg zu folgen. Also hatte Leyla den Pfad verlassen und war einige Dutzend Meter tiefer zwischen die Bäume gegangen. 


„Man weiß ja nie." 


Kurz darauf traf sie auf eine kleine Lichtung. 


Sie ließ den Blick aufmerksam umherschweifen. Das hohe Gras bewegte sich leicht im Abendwind, zwischen den Baumwurzeln lagen alte Äste und trockenes Laub verstreut. Schließlich entdeckte sie unter einem breiten, alten Baum einen kleinen Bau, der sich zwischen den Wurzeln in die Erde grub. 


„Vielleicht von einem Dachs oder irgendetwas Ähnlichem…" murmelte sie leise. 


Vorsichtig trat sie näher und kniete sich vor den Eingang. Dann hielt sie inne. 


„Was hatte Papa früher noch mal gesagt?" 


Nach einigen Sekunden fiel es ihr wieder ein. Langsam streckte sie eine Hand in Richtung der Öffnung aus, bevor sie den Kopf ein Stück näher nach unten beugte und vorsichtig schnupperte. 


Kurz darauf atmete sie erleichtert aus. 


Kein Tiergeruch. Der Bau schien schon länger verlassen zu sein – vielleicht ein alter Unterschlupf aus dem Winter, längst aufgegeben und vergessen. 


—KNACK—


Sofort fuhr Leyla zusammen. Instinktiv ging sie in die Hocke und ließ den Blick hektisch zwischen den dunkler werdenden Stämmen umherspringen, ihr Herz hämmerte laut und schnell in ihrer Brust. 


Doch nichts geschah. 


Keine Schritte. Keine Bewegung. Nur der Wind, der träge durch die Blätter strich, als wäre nichts gewesen. 


Langsam entspannte Leyla sich wieder. 


Sie stellte ihren Rucksack ab und kroch vorsichtig in den Bau hinein. Innen war gerade genug Platz, um sich zusammenzurollen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sorgfältig breitete sie ihren Schlafsack aus, legte die Decke darüber und zog den Rucksack möglichst dicht vor den Eingang, um ihn abzuschirmen. 


Das Schwert legte sie direkt neben sich. 


Für einen Moment musste Leyla grinsen. 


„Wann hatte ich eigentlich das letzte Mal so viel Spaß?" 


Der Gedanke überraschte sie selbst ein wenig. Trotz der Angst, trotz der Unsicherheit und all der erdrückenden Fremdheit dieser Welt – irgendetwas daran fühlte sich seltsam lebendig an.


Sie legte sich hin und gähnte tief. 


„Zum Glück ist Sommer", nuschelte sie leise. 


Kurz darauf fiel sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf.



--------------------------------------------------------------------------



Das erste Licht des Morgens weckte Leyla sanft aus dem Schlaf. Warme Sonnenstrahlen drangen durch die schmalen Öffnungen zwischen den Baumwurzeln und legten sich weich auf ihr Gesicht. Überall um sie herum erfüllte lebendiges Vogelgezwitscher den Wald, begleitet vom leisen Rascheln der Blätter im aufkeimenden Morgenwind. 


Verschlafen blinzelte Leyla und streckte sich vorsichtig aus. Sofort zog ein unangenehmes Ziehen durch ihren Rücken. 


„Autsch…" 


Sie verzog das Gesicht – musste aber gleichzeitig schmunzeln. Der harte Boden und die unbequeme Haltung hätten sie früher vermutlich wahnsinnig gemacht. Jetzt störte es sie überraschend wenig. 


Vorsichtig kroch sie aus ihrem kleinen Unterschlupf hervor und begann ihre Sachen zusammenzupacken. Die Lichtung wirkte im Morgenlicht deutlich freundlicher als noch am Vorabend. Tau glitzerte auf den Grashalmen, und zwischen den hohen Stämmen fielen goldene Sonnenstrahlen wie schmale Schleier auf den Waldboden – still und feierlich, als würde der Wald gerade erst erwachen. 


Nachdem sie alles verstaut hatte, zog Leyla ein Stück Brot und etwas Käse aus ihrem Proviantbeutel und frühstückte in aller Ruhe. Dabei lehnte sie sich gegen den Stamm des großen Baumes und ließ den Blick durch das Grün schweifen. 


Trotz der Unsicherheit, der Fremde und der Tatsache, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie jemals nach Hause zurückkommen sollte, fühlte sie sich freier als in den letzten Jahren. Leichter. Als hätte jemand still und leise etwas von ihr abgenommen, das sie schon so lange trug, dass sie vergessen hatte, wie es sich ohne anfühlte. 


„Daran könnte ich mich fast gewöhnen." 


Ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht. 


„Kein Bus, den man verpasst. Kein Stress wegen Klausuren." 


Vielleicht war diese Welt gar nicht nur schlecht. 


Leyla griff nach ihrem Trinkschlauch und trank einen Schluck – bemerkte dabei jedoch sofort, dass kaum noch etwas darin war. Sie dachte kurz nach. Am Abend zuvor war sie an einem kleinen Bach vorbeigekommen. Der Umweg würde Zeit kosten, doch sie wusste nicht, wann sie das nächste Mal sauberes Wasser finden würde. 


Also drehte sie um. 


Gerade als sie ihren Rucksack aufsetzen wollte, fiel ihr Blick auf einen kleinen ovalen Stein, der zwischen den Wurzeln lag. Leyla hob ihn auf. Die Oberfläche war glatt und kühl, angenehm schwer in der Handfläche. Einen Moment lang drehte sie ihn zwischen den Fingern hin und her. 


Dann steckte sie ihn ein. 


Als kleinen Glücksbringer. Und vielleicht auch als Erinnerung an ihre erste Nacht allein unter freiem Himmel. 


Während sie weiter durch den Wald lief, begann sie gedankenverloren Melodien vor sich hin zu summen – mal brach sie mitten im Lied ab, mal wechselte sie einfach zu einem anderen, ohne bewusste Entscheidung. Das monotone Geräusch ihrer Schritte und die stille Freundlichkeit des Waldes machten es leicht, sich einfach treiben zu lassen. 


Erst einige Stunden später erreichte sie den Bach wieder. 


Sofort kniete Leyla sich ans Ufer. Das Wasser war so klar, dass sie die kleinen Kiesel auf dem Grund erkennen konnte, jedes einzelne. Sonnenlicht spiegelte sich auf der Oberfläche und ließ das fließende Wasser silbern schimmern. 


Ruhig begann sie ihren Trinkschlauch zu füllen. 


Während sie dem stetigen Fließen lauschte, regte sich plötzlich etwas in ihr. Eine Erinnerung. Oder eher ein Gefühl – diffus und schwer zu greifen, wie etwas, das man gerade noch träumte und schon beim Erwachen vergisst. 


Leyla runzelte leicht die Stirn und betrachtete das Wasser. 


Woran erinnerte sie das nur? 


Dann fiel es ihr ein. Der Hund. 


Unwillkürlich fragte sie sich, wie es ihm wohl ging. Ob ihn inzwischen jemand gefunden hatte – vielleicht sogar sein Besitzer? Doch kaum war der Gedanke da, breitete sich Verwirrung in ihr aus. Warum erinnerte sie sich eigentlich so schlecht daran? Es waren gerade einmal zwei Tage vergangen, seit sie ihm geholfen hatte. Und trotzdem wirkten manche Erinnerungen daran seltsam verschwommen, wie durch Milchglas gesehen. 


Das irritierte sie mehr, als sie zugeben wollte. 


„Liegt bestimmt einfach an der ganzen Aufregung", murmelte sie leise. 


Sie nahm einen Schluck Wasser. Kühl, frisch, und erschreckend vertraut – es hätte exakt so auch aus dem Hahn ihrer Wohnküche kommen können. 


—PLATSCH—


Das plötzliche Geräusch ließ sie zusammenzucken. Fast wäre ihr der Trinkschlauch aus der Hand gefallen. 


Erst nach einem kurzen Herzschlag entspannte sie sich wieder. Ein kleiner grauer Fisch war aus dem Wasser gesprungen und direkt wieder untergetaucht, als hätte er es nur getan, um sie zu erschrecken. 


Leyla musste leise lachen. 


Dann richtete sie sich auf und schulterte ihren Rucksack. 


„Zeit weiterzugehen", sagte sie leise. 


Ihre Füße schmerzten noch vom Vortag, aber das überraschte sie kaum. Sie war mehr gelaufen als in Monaten. Das nächste Dorf lag vermutlich noch mehrere Tage entfernt – zumindest wenn ihre grobe Einschätzung stimmte, und sie hoffte, dass sie stimmte. 


Zurück auf dem Pfad beschleunigte sie ihre Schritte ein wenig, um die verlorene Zeit aufzuholen. Über ihr spannte sich ein klarer, strahlend blauer Himmel auf, während eine angenehme Brise durch ihre Haare strich und den Duft von Harz und feuchter Erde mit sich trug. 


In diesem Moment fühlte sich alles leicht an. 


„Heute wird ein guter Tag.“


Mit diesem Gedanken setzte Leyla ihren Weg fort.



--------------------------------------------------------------------------



Es war bereits Mittag, als Leyla ihre erste größere Pause des Tages einlegte. 


Mit einem erschöpften Seufzen ließ sie sich auf einen umgestürzten Baumstamm sinken. Das viele Laufen machte sich inzwischen deutlich bemerkbar – ihre Beine fühlten sich schwer an, und unter der warmen Mittagssonne klebte ihr das Hemd unangenehm an der Haut. 


Langsam zog sie ihren Trinkschlauch hervor, trank einen kleinen Schluck und wischte sich den Schweiß von der Stirn. 


Trotzdem kam sie besser voran, als sie ursprünglich erwartet hatte. Der Wald war dicht, aber der Pfad blieb größtenteils gut erkennbar. Immer wieder hatte sie kleinere Lichtungen, schmale Bäche oder alte Wegmarkierungen entdeckt, die ihr bestätigten, dass sie noch richtig lag. 


Mit einem leisen Stöhnen streckte sie die schmerzenden Beine aus und schloss für einen Moment die Augen. 


Langsam wanderten ihre Gedanken zum Proviant. 


„Hoffentlich erreiche ich das nächste Dorf, bevor mir das Essen ausgeht", murmelte sie leise. 


Unterwegs hatte sie zwar einige Beeren gefunden, doch wirklich satt machten sie nicht. 


Merinbeeren sie war eine der Möglichkeiten, die Roxy ihr für ihre vegetarische Ernährung am Vortag empfohlen hatte. 


Die kleinen roten Früchte waren nahezu würfelförmig und schmeckten gleichzeitig süß und leicht säuerlich, auf eine Art, die sie nicht ganz einordnen konnte. Leyla mochte sie überraschend gern. Ehrlich gesagt schmeckten sie sogar besser als vieles, was sie bisher in dieser Welt gegessen hatte. 


Ein sanfter Wind zog durch den Wald und strich kühl durch ihre Haare. Für einen kurzen Moment wurde die drückende Mittagshitze dadurch merklich angenehmer. 


Leyla öffnete langsam die Augen und ließ den Blick durch ihre Umgebung wandern. 


Die Bäume ragten hoch über ihr auf, ihre mächtigen Äste bildeten ein dichtes Blätterdach, durch das nur einzelne Sonnenstrahlen bis auf den Boden vordrangen – flimmernd und golden, in trägen Bahnen über Wurzeln, Moos und Farnpflanzen gleitend. Zwischen den Sträuchern entdeckte Leyla Blumen in wunderbaren Farben, Blumen die sie noch nie gesehen hatte. Tiefviolett, leuchtend blau, schimmerndes silber – als hätte jemand mit einem vollen Pinsel zwischen die Grüntöne getupft. 


Der Anblick beruhigte sie. Der Wald wirkte lebendig, aber nicht bedrohlich. Eher wie ein Ort, der einfach schon immer da gewesen war und keine Besucher brauchte – sie aber trotzdem duldete. 


Dann blieb Leylas Blick plötzlich hängen. Zwischen den Bäumen stand ein Hirsch. 


Das Tier hatte sie offenbar noch nicht bemerkt. Ruhig knabberte es an den Blättern eines Strauches, während sich seine Ohren gelegentlich leicht bewegten – aufmerksam, aber unbesorgt. Das Fell schimmerte im gefilterten Licht warm und braun, die Geweihstangen ragten wie stille Äste in die Luft. 


Leyla beobachtete ihn reglos. 


Unwillkürlich musste sie dabei an einen Abschnitt aus dem Buch denken, das sie in der Taverne gelesen hatte.



--------------------------------------------------------------------------



„Und unter den Tieren gibt es jene, die einen besonderen Platz in Kameras Natur einnehmen." 


Leylas Blick blieb weiterhin auf dem Hirsch zwischen den Bäumen gerichtet, während die Worte aus dem Buch langsam in ihr aufstiegen – als hätte der Anblick des Tieres sie von selbst hervorgezogen. 


Der Hirsch hob langsam den Kopf. Sonnenlicht fiel schräg durch die Äste auf sein braunes Fell und ließ das große Geweih leuchten, wie aus Licht gemeißelt. 


„Der Tiger ist mächtig. Er regiert die Dschungel des Nordostens. Kamera gab ihm die Krallen, damit er seine Beute erlegen kann. Genauso wie der Mensch macht der Tiger sich die Natur zu eigen, jagt und frisst in seinem Reich." 


Der Wind bewegte leise die Blätter über ihr, während die Erinnerung an den Text weiter durch sie hindurchfloss. 


„Der Frostwolf ist gerissen. Er lebt in den gefrorenen Eiswüsten des Nordens. Kamera gab ihm das Heulen, damit er das Rudel anführen kann. Genauso wie der Mensch ist der Frostwolf in der Gemeinschaft stark, niemals jedoch als Alleingänger." 


Unwillkürlich musste Leyla an den Wolfsbettler in Migar denken. Der Gedanke jagte ihr noch immer ein leicht unangenehmes Kribbeln über den Rücken – etwas, das sich weder ganz einordnen noch ganz ignorieren ließ. Gerne würde sie herausfinden, welchem Volk der Mann angehörte.


Dann wanderte ihre Aufmerksamkeit zurück zu dem Hirsch. 


Ruhig stand das Tier zwischen den Sträuchern, vollkommen friedlich und beinahe unwirklich still – als wäre es kein echtes Tier, sondern ein Gemälde, das jemand sorgfältig zwischen die Bäume gesetzt hatte. 


„Der Hirsch ist majestätisch. Er lebt in den Wäldern des Kontinents. Kamera gab ihm das Geweih, damit man ihn bewundern kann. Genauso wie der Mensch und der Wesen ist der Hirsch besonders unter den Tieren, und es gilt, ihn zu schützen und zu ehren." 


Leyla betrachtete das Tier schweigend. 


Dann atmete sie leise durch die Nase aus. 


„Der Hirsch ist schon sehr schön", murmelte sie vor sich hin. 


Ihr war durchaus bewusst, dass die Tiere nur als Sinnbilder dienten – als Bausteine eines Weltbildes, das jemand vor langer Zeit in Worte gefasst hatte. Trotzdem wusste sie, dass sie wohl oder übel auch solche Texte lesen musste, wenn sie diese Welt wirklich verstehen wollte. Man konnte eine Welt nicht kennenlernen, indem man nur die Dinge las, die einem bereits gefielen.



--------------------------------------------------------------------------



—RÖHR—


Leyla zuckte leicht zusammen, als der Hirsch plötzlich ein tiefes, langgezogenes Dröhnen ausstieß, das zwischen den Stämmen widerhallte und den stillen Wald für einen Moment vollständig erfüllte. 


Das Geräusch hallte noch nach, während Leyla ihn weiter beobachtete. Die Szene wirkte beinahe unwirklich friedlich. 


Und genau in diesem Moment wurde Leyla bewusst, wie sehr sie ihn festhalten wollte. 


Nicht nur als Erinnerung. Sie hätte ihn zeichnen wollen. 


„Nicht mal ein Schnitzmesser habe ich dabei", murmelte sie leise, den Blick noch immer auf dem Tier. 


Der Gedanke ließ sie nicht los. 


„Ich muss mir in der nächsten Stadt unbedingt ein Notizbuch kaufen. Falls es hier überhaupt sowas gibt." Gedankenverloren begann sie mit einem Stock Linien in den weichen Waldboden zu zeichnen. Krude Formen. Geweihe. Baumstämme, die ins Nichts ragten. „Dann könnte ich mir wenigstens solche Momente skizzieren." 


Sie vermisste die Kunst mehr, als sie erwartet hätte.


,,Und zusätzlich könnte ich mir dann Notizen machen’’, überlegte Leyla leise.


Der Hirsch hob plötzlich den Kopf. Seine Ohren stellten sich auf, das ganze Tier schien für einen Herzschlag lang zu erstarren – angespannt, hellwach. 


Dann sprang er mit einer einzigen fließenden Bewegung davon und verschwand lautlos zwischen den Bäumen, als wäre er nie dagewesen. 


Leyla sah ihm nach. „Das ist wohl mein Zeichen, weiterzugehen." 


Sie schulterte ihren Rucksack und setzte den Weg fort. 


Mit jedem Schritt veränderte sich die Atmosphäre. Der Wald wurde dichter, die Stämme breiter, das Licht zwischen den Kronen spärlicher. Wurzeln durchzogen den Boden wie alte, vergessene Adern, und zwischen Farnen und Moos lagen umgestürzte Bäume, deren Holz bereits langsam in den Waldboden zurückkehrte. 


Dann blieb Leyla abrupt stehen. 


Vor ihr klaffte ein gewaltiges Loch im Boden. 


In Leyla stieg ein mulmiges Gefühl auf. Der Krater war mehrere Meter breit und mindestens genauso tief. Erde und Wurzeln ragten aus den aufgerissenen Rändern hervor, als wäre der Boden plötzlich auseinandergebrochen. Kleine Steine lagen verstreut am Grund, die Böschung wirkte instabil und unberechenbar. 


Verwirrt trat Leyla einen Schritt näher. 


„Wie entsteht denn sowas…?" 


Der Anblick erinnerte sie an Bilder von eingesackten Straßen oder Einschlagkratern. Ein Erdrutsch vielleicht. Oder ein Erdbeben. Doch mitten im Wald wirkte das Ganze unheimlich fehl am Platz – zu abrupt, zu gewaltsam für die stille Ruhe um sie herum. 


Nachdenklich ließ sie den Blick über beide Seiten des Weges gleiten. 


Links war der Pfad beinahe vollständig von dichtem Gestrüpp überwuchert. Dunkle Zweige und Dornen hatten sich ineinander verflochten und bildeten eine fast undurchdringliche Wand aus Geäst. 


„Soll ich mich mit dem Schwert hindurcharbeiten?" 


Schon beim Gedanken daran verzog sie das Gesicht. Das würde ewig dauern – und sie würde sich dabei wahrscheinlich selbst mehr verletzen als das Gestrüpp. 


Also die andere Seite. 


Dort ragten hohe, scharfkantige Felsen aus dem Boden und bildeten zumindest einen schmalen Übergang. Leyla ging auf sie zu. Sie setzte einen Fuß vor den anderen, jeden Schritt bedächtig, jede Gewichtsverlagerung bewusst. Die Oberflächen der Steine waren uneben und stellenweise locker, immer wieder lösten sich kleine Kiesel unter ihren Schuhen und fielen in die Tiefe. 


Konzentriert hielt sie das Gleichgewicht. 


Fast hatte sie die andere Seite erreicht. 


—KRAAAAH—


Das plötzliche Krähen fuhr ihr durch den ganzen Körper. Reflexartig blickte sie nach oben. 


Auf einem Ast saß ein Rabe und beobachtete sie mit dunklen, neugierigen Augen – vollkommen reglos, als hätte er die ganze Zeit auf diesen Moment gewartet. 


Sofort musste Leyla an Katja denken. Katja liebte Raben. Sie hatte sogar dieses Krähentattoo auf dem Oberarm. Nicht ganz ein Rabe, aber nah genug. Wie gerne hätte sie ihr diesen Moment gezeigt. 


Gedankenverloren setzte sie noch einen Schritt. 


Dann rutschte ihr Fuß weg. 


„Fuck – fuck, fuck, fuck!" 


Panik schoss durch ihren Körper. Instinktiv griff sie nach irgendetwas, das ihr Halt bot. Doch ihre Hände fanden nur Luft und griffen ins Leere. Geröll löste sich unter ihr. 


Dann fiel sie. 


Für einen kurzen Moment verschwamm alles vor ihren Augen. Himmel. Felsen. Äste. Der Rabe, der ruhig von einem Ast auf den nächsten flog, während sie stürzte. 


Leyla spannte reflexartig den ganzen Körper an. 


—KRCK—


Mit einem widerlichen Knacken schlug sie auf dem Kraterboden auf. 


Schmerz raste durch ihren Körper – scharf, brennend, heftig genug, dass ihr für einen Herzschlag schwarz vor Augen wurde. Keuchend versuchte sie sich aufzurichten, doch im selben Moment schoss ein Stechen durch ihren rechten Fuß. 


Zitternd blickte sie nach unten. 


Und sofort breitete sich Panik in ihr aus. 


„Nein… nein, nein, nein…" 


Ihr rechter Fuß stand in einem völlig unnatürlichen Winkel ab. 


Tränen schossen ihr in die Augen, ihr Atem wurde hektisch und flach. Wie aus dem Nichts tauchte die Stimme ihres Vaters in ihr auf. 


„Wenn du alleine in der Natur unterwegs bist, achte immer darauf, dass dein Standort eingeschaltet ist. Wenn du dich verletzt und niemand weiß, wo du bist, kann das lebensgefährlich werden." 


Leyla schluckte schwer. 


Mit zitternden Fingern tastete sie vorsichtig ihren Fuß ab, obwohl sie die Wahrheit längst kannte. Die Schwellung war bereits sichtbar, jede kleinste Bewegung schickte neue Schmerzwellen durch ihr Bein, und die verdrehte Stellung ließ keinen Zweifel zu. 


Der Fuß war gebrochen.

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page