Kapitel 20 - Von Abenteuern und alten Geschichten
- empirewebnovel
- 6. Sept. 2024
- 12 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 19 Stunden

„In Hemmingen habe ich dann euch beide getroffen", erklärte Fer ruhig und schob ein Stück Holz ins Lagerfeuer. Funken stoben in die Nacht hinaus. „Dafür, dass ich euch mit der Kutsche mitnehme, beschützt Liam mich und die Pferde."
Leyla beobachtete den Zwerg aufmerksam. Fer hatte ihnen bereits erzählt, warum er nach Malyl wollte – von seiner Familie, den versiegenden Minen, dem Wolfsüberfall und der gehörnten Frau. Und trotzdem hatte Leyla das Gefühl, dass etwas an seiner Geschichte fehlte. Nicht unbedingt eine Lüge. Eher etwas Ausgelassenes, etwas, das er bewusst für sich behielt.
Sie lehnte sich zurück. „Wie lange brauchen wir eigentlich noch bis Malyl?"
Fer strich sich nachdenklich durch den Bart. „Drei bis vier Tage vermutlich. Wenn das Wetter hält." Er sah zwischen Liam und Leyla hin und her. „Und was genau habt ihr dort eigentlich vor?"
Leyla öffnete bereits den Mund – doch Liam war schneller.
„Leyla will in die Bibliothek", erklärte er trocken, ein leicht spöttisches Grinsen auf dem Gesicht. „Und ich begleite sie. Jemand muss schließlich verhindern, dass sie sich alle zwei Tage in neue Probleme stürzt."
Leyla verdrehte die Augen. „Ich bringe mich gar nicht so oft in Schwierigkeiten", murmelte sie. Liam sah sie einfach nur schweigend an. Sie biss sich auf die Lippe, um nicht weiter darauf einzugehen.
„Die Bibliothek?" Fer wirkte überrascht. „Seid ihr beide etwa Abenteurer?"
„Klar!" antwortete Leyla.
„Nein", sagte Liam gleichzeitig.
Leyla blinzelte irritiert. Liam seufzte. „Um offiziell als Abenteurer zu gelten, musst du Mitglied einer Abenteurergilde sein oder selbst eine gründen. Einfach nur herumzureisen reicht dafür nicht."
Leylas Wangen färbten sich leicht rot. „Oh…" Eigentlich hatte sie angenommen, jeder Reisende mit Schwert wäre automatisch ein Abenteurer. Aber je länger sie darüber nachdachte, desto mehr Sinn ergab es.
Fer begann leise zu lachen. „Ihr zwei seid wirklich interessant." Dann schien ihm plötzlich ein Gedanke zu kommen, seine Augen begannen zu leuchten. „Warum gründet ihr nicht einfach mit mir zusammen eine Abenteurergruppe? Wenn wir gut zusammenarbeiten, könnten wir gemeinsam Aufträge annehmen."
Liam runzelte leicht die Stirn. „Theoretisch schon. Aber für eine offizielle Gilde brauchen wir mindestens vier Mitglieder."
„Ich finde die Idee großartig!" Leylas Augen strahlten, und fast augenblicklich begann ihr Kopf weiterzudenken. Vielleicht könnten sie als vierte Person eine Frau aufnehmen – nicht weil sie sich mit Liam oder Fer unwohl fühlte, ganz im Gegenteil. Aber eine weitere Frau würde vieles angenehmer machen. Und außerdem…
„Eine Freundin wäre irgendwie schön…"
Fer nickte zustimmend. „Ich vertraue euch da vollkommen. Ihr seid schließlich schon länger gemeinsam unterwegs." Er grinste leicht und deutete mit dem Kopf auf Leyla. „Und ich glaube, dass eine Frau die beste Wahl wäre."
Leyla sah ihn dankbar an. „Ja. Das wäre wirklich toll." Dann wandte sie sich Liam zu.
Er wirkte plötzlich still. Nachdenklich. Sein Blick ruhte auf der Dunkelheit jenseits des Feuers, und Leylas Lächeln verschwand langsam.
„Alles okay, Liam?"
Er reagierte erst nach einigen Sekunden. Dann stand er abrupt auf. „Ja. Ich brauche nur kurz Ruhe."
Ohne eine weitere Erklärung wandte er sich ab und entfernte sich vom Lagerfeuer. Das warme Licht der Flammen erreichte ihn nur noch schwach, bis seine Gestalt schließlich fast vollständig in der Dunkelheit verschwand.
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Irritiert blickte Leyla Liam hinterher. Sein plötzliches Verhalten fühlte sich seltsam an – gerade eben hatte er noch ruhig mit ihnen gesprochen, und nun war er einfach verschwunden.
„Noch etwas Suppe?"
Fers Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Leyla sah kurz auf und schüttelte den Kopf. „Nein danke."
Danach wurde es still. Betrübt starrte sie in die lodernden Flammen, das Holz knackte leise, Funken stiegen in die dunkle Nacht auf. Dann hörte sie ein kratzendes Geräusch. Fer saß etwas seitlich vom Feuer entfernt und begann, die Klinge seiner Axt zu schleifen – ruhig, langsam, gleichmäßig.
—SCHRRK—
Leyla beobachtete fasziniert die präzisen Bewegungen seiner Hände. Es wirkte beinahe beruhigend. Fast wie Zeichnen.
„Das ist irgendwie auch Kunst…"
„Kannst du mir zeigen, wie das geht?"
Fer blickte kurz auf und nickte. „Natürlich." Er reichte ihr den Schleifstein. „Nimm zuerst dein Schwert raus."
Leyla nahm den Stein entgegen und zog die Klinge aus der Scheide. Etwas unbeholfen klemmte sie das Schwert zwischen ihre Beine, damit es nicht verrutschte. Fer deutete auf die Schneide. „Du musst den Stein in einem flachen Winkel führen. Ungefähr zwanzig Grad." Er machte die Bewegung mit der Hand nach. „Und immer von der Parierstange zur Spitze."
Leyla versuchte es. Der Stein kratzte schief über die Klinge. Fer grinste leicht, streckte dann vorsichtig die Hände aus. „Darf ich?" Sie nickte, und er korrigierte behutsam ihre Haltung. „Schau genau hin – du darfst den Stein niemals einfach hin und her schieben."
Langsam führte er ihre Hände über die Klinge. Die Bewegung wirkte plötzlich viel flüssiger, gleichmäßig, kontrolliert. „Immer in eine Richtung. Und nach ungefähr zehn Zügen musst du drehen, sonst wird der Grat ungleichmäßig." Er ließ ihre Hände wieder los. „Jetzt du."
Leyla konzentrierte sich und begann erneut mit vorsichtigen Bewegungen. Währenddessen füllte Fer sich eine weitere Portion Suppe auf.
„Der Skullaer wirkt heute ungewöhnlich hell", murmelte er nachdenklich.
„Skullaer?" fragte Leyla, ohne den Blick von der Klinge zu lösen.
Fer hob leicht eine Augenbraue. „Ach stimmt. Ihr Menschen nennt ihn meistens einfach nur den Mond." Er nahm einen Löffel Suppe. „Früher gab es übrigens fünf Monde."
Leyla hielt mitten in der Bewegung inne. „Fünf?"
„Der weiße dort oben ist Skullaer, den kennst du ja bereits." Er deutete kurz zum Himmel. „Die anderen hießen Manifest, Brahatross, Lunar und Arkibe."
Leyla begann langsam wieder über die Klinge zu streichen, ihre Gedanken dabei unwillkürlich am Himmel. Wie musste die Nacht mit fünf Monden ausgesehen haben? Ob ihr Licht den Himmel erfüllt hatte – oder ob die Welt dadurch noch fremder gewirkt hatte?
—SCHRRK—
Das rhythmische Kratzen des Schleifsteins erfüllte die Stille.
Dann hörte sie Schritte. Ruhig. Vertraut. Fast automatisch legte Leyla den Schleifstein beiseite und betrachtete ihr Werk. Die Schneide wirkte – zumindest etwas besser als vorher.
Fer warf einen kurzen Blick darauf und nickte anerkennend. „Für den Anfang gar nicht schlecht." Dann grinste er leicht. „Den Rest rette ich später."
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„Morgen sehen wir endlich Malyl! Ich kann es kaum erwarten!"
Leyla lehnte sich begeistert aus dem Wagen und blickte in die Ferne. Der Abendhimmel hatte sich bereits in ein tiefes Dunkelblau verwandelt, erste Sterne begannen über den sanften Hügeln zu funkeln, und eine kühle Brise strich durch die weiten Wiesen und bewegte das Gras wie flüsternde Wellen. Leyla zog ihre Jacke etwas enger um sich.
Inzwischen waren drei Tage vergangen seit ihrem ersten gemeinsamen Abend am Lagerfeuer, und in diesen wenigen Tagen hatte sich vieles verändert. Fer war ihr schnell sympathisch geworden – der Zwerg wusste erstaunlich viel über die Welt, und im Gegensatz zu Liam hatte sie bei ihm nie das Gefühl, dass ihre Fragen lästig oder dumm waren. Bei Liam dagegen endeten viele Gespräche früher, als sie gehofft hatte.
Ihr Blick wanderte kurz zu ihm hinüber. Da fiel ihr wieder der Drache auf seiner alten Jacke ein, den sie bei ihrer ersten Begegnung gesehen hatte. Mittlerweile trug er die neue grüne Jacke, die Leyla ihm gekauft hatte. Sie fand immer noch, dass sie besser zu ihm passte.
„Du warst doch schon mal in Malyl, oder?" fragte sie neugierig. „Wie ist die Stadt?"
„Ja", antwortete Liam. „Ist aber ungefähr ein Jahr her."
Seine Stimme wirkte noch immer etwas bedrückt. In den letzten Tagen hatte Leyla mehrfach versucht, ernsthaft mit ihm über seine Stimmung zu sprechen, doch jedes Mal war er ausgewichen oder hatte das Thema beendet.
„Malyl ist riesig – die zweitgrößte Stadt des Kaiserreichs." Er zuckte leicht mit den Schultern. „Aber ehrlich gesagt unterscheidet sie sich nicht so stark von anderen Großstädten."
Kurz dachte er nach, kratzte sich am Hinterkopf. „Die Stadtmauern sind wahrscheinlich das Beeindruckendste. Die Dinger sind uralt, riesig, überall wachsen dicke Ranken darüber." Ein schwaches Schmunzeln erschien auf seinem Gesicht. „Das könnte dir gefallen."
Leyla nickte langsam, und allein die Vorstellung ließ Bilder in ihrem Kopf entstehen. Fast automatisch glitt ihre Hand zu dem Skizzenbuch auf ihrem Schoß. In den vergangenen Tagen hatte sie Seite um Seite gefüllt – Felder, Hügel, Pferde, Lagerfeuer, den Sternenhimmel.
Selbst Fers Bart hatte sie einmal heimlich skizziert, obwohl der Zwerg dabei aussah wie ein schlecht gelaunter Busch. Das Kratzen des Stiftes auf Papier fühlte sich inzwischen genauso vertraut an wie das Rattern des Wagens.
„In Malyl kaufe ich mir definitiv Farben", murmelte sie gedankenverloren und strich über eine ihrer Zeichnungen. „Vielleicht Pinsel… oder farbige Stifte." Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Schwarz-weiß gefällt mir zwar… aber mit Farbe würden die Bilder viel lebendiger wirken."
Einige Sekunden lang hörte man nur die Räder des Wagens und die gleichmäßigen Hufschläge der Pferde. Dann ließ Leyla sich zurückfallen und verschränkte die Hände hinter dem Kopf.
„Maaaan", jammerte sie. „Mir ist langweilig." Die Reise zog sich plötzlich endlos in die Länge. Dunkelheit, Straße, Pferde, noch mehr Straße.
Von vorne erklang Fers Stimme. „Wie wäre es stattdessen mit einer Geschichte?"
Leyla richtete sich auf, die Augen leuchtend. „Wirklich?" Noch bevor Fer antworten konnte, kletterte sie bereits nach vorne durch den Vorhang des Wagens. Liam hob nur leicht eine Augenbraue, während sie beinahe über seine Beine stolperte.
Fer schmunzelte amüsiert, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. „Gibt es etwas Bestimmtes, über das du etwas hören willst?"
Leyla dachte kurz nach. Dann wurde ihr Blick neugierig. „Vielleicht über den Großen Krieg?"
Fer ließ ein leises Geräusch hören, irgendwo zwischen Schmunzeln und Seufzen. „Kann ich machen." Er hob leicht die Schultern. „Aber ich sollte dich vorwarnen – ich weiß darüber auch nicht besonders viel."
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„Der Große Krieg begann vor ungefähr eintausenddreihundert Jahren", begann Fer ruhig, während die Räder des Wagens gleichmäßig über die Straße rumpelten. „Und er dauerte fast ein ganzes Jahrhundert." Er warf Leyla einen kurzen Blick zu. „Weißt du, wer damals gegeneinander gekämpft hat?"
Leyla dachte kurz nach. „Die Menschen und die Elfen?"
„Fast." Fer zog leicht an seinem Bart. „Die Menschen wollten damals den gesamten Kontinent erobern, einige andere Völker unterstützten sie dabei. Die Elfen hatten allerdings ebenfalls mächtige Verbündete." Seine Stimme wurde etwas ernster. „Die Vampire des Reiches Silva."
Leyla hob überrascht den Kopf.
„Wusstest du eigentlich", fuhr Fer fort, „dass die heutigen Mittellande früher den Vampiren gehörten?"
„Wirklich?" Leyla dachte kurz nach. „Ich frage mich, ob ich irgendwann mal einem Vampir begegnen werde…"
Schon immer hatte sie Vampire faszinierend gefunden – diese Mischung aus Eleganz, Gefahr und Unsterblichkeit hatte etwas Magisches für sie. Fer bemerkte ihren interessierten Blick und schmunzelte leicht.
„Die Menschen wurden damals bereits von den Algavia regiert", erklärte er weiter. Leyla wiederholte den Namen gedanklich. Algavia. Irgendetwas daran klang edel, alt, majestätisch. „Doch angeführt wurden die Menschen vor allem von Yang."
Leyla hob den Kopf. „Yang? Die Kaiserliche Kopfgeldjägerin?"
„Genau die", meldete sich Liam aus dem hinteren Teil des Wagens.
„Dann ist sie ja uralt…"
„Wacal altern nicht", sagte Fer ruhig.
„Wacal?"
„Das Volk von Yang." Er räusperte sich. „Wie dem auch sei – Yang soll damals ganze Städte alleine zerstört haben."
„Crazy…" entfuhr es Leyla reflexartig.
Fer sah sie irritiert an. „Kraesi?"
Leyla wurde augenblicklich rot. Sie hatte sich inzwischen zwar halbwegs daran gewöhnt, aber manchmal vergaß sie immer noch, dass niemand hier moderne Begriffe verstand. „Äh… ich meinte beeindruckend", murmelte sie hastig. Fer schien die Erklärung zu akzeptieren.
„Wer genau ist Yang eigentlich?"
Fer dachte einen Moment nach. „Yang gilt als ewige Beschützerin des Kaisers. Man sagt, ihre Macht sei grenzenlos." Er blickte kurz zum Nachthimmel hinauf. „In ihrer Nähe kann sich niemand ohne ihre Erlaubnis bewegen. Nicht einmal sprechen."
Leylas Augen weiteten sich leicht.
„Außerdem gilt sie als die mächtigste Magierin der Welt."
„Sie ist praktisch das absolute Symbol der Macht des Kaiserreichs", ergänzte Liam von hinten.
Leyla zog nachdenklich eine Augenbraue hoch. „Das klingt ehrlich gesagt ziemlich einschüchternd." Dann lächelte sie leicht. „Aber irgendwie würde ich sie trotzdem gerne kennenlernen."
Fer grinste schief. „Pass nur auf, was du dir wünschst."
Dann fuhr er mit tieferer Stimme fort. „Wie auch immer – anfangs waren die Menschen den Elfen und Vampiren militärisch unterlegen. Doch im neunten Jahr vor der Reichsgründung wurde Kaiser Augustius VII. gekrönt."
Selbst Liam schwieg nun aufmerksam.
„Der Legende nach überzeugte er die Erzdämonen, auf der Seite der Menschen in den Krieg einzugreifen." Fer griff in seine Tasche und reichte Leyla eine Kupfermünze. „Früher war sein Gesicht auf sämtlichen Münzen des Reiches zu sehen. Seit der Krönung Kaiser Verions ist er nur noch auf den Kupfermünzen abgebildet."
Leyla nahm die Münze entgegen und betrachtete das eingeprägte Gesicht. Erzdämonen. Erzengel. Alte Legenden. Je mehr sie über diese Welt lernte, desto schwieriger wurde es zu unterscheiden, was Mythos war und was tatsächlich existiert hatte.
„Gab es die Erzdämonen wirklich?"
Fer strich sich nachdenklich über den Bart. „Ich glaube nicht nur, dass es sie gab." Sein Blick wurde ernster. „Ich glaube, dass sie noch immer existieren." Leyla schwieg. Der Wind zog leise über die Straße. „Aber was nach dem Krieg mit ihnen passiert ist… das weiß vermutlich niemand genau."
Nach einigen Sekunden sprach er weiter. „Der Krieg endete schließlich mit der vollständigen Zerstörung Elfhams, der Hauptstadt der Elfen. Die Elfen wurden danach in das Reich der Menschen eingegliedert." Er machte eine kurze Pause. „Die Vampire hingegen wurden vollständig ausgelöscht."
Leylas Blick senkte sich auf die Münze in ihrer Hand. Irgendetwas an diesem Gedanken machte sie traurig. Eine ganze Spezies. Einfach verschwunden. „Vielleicht lebt irgendwo trotzdem noch einer…"
Fer hörte den Satz, kommentierte ihn jedoch nicht. „An der Stelle der alten Vampirhauptstadt entstand später Malyl", erklärte er weiter. Leyla blickte hinaus in die Nacht, die Räder ratterten gleichmäßig. „Und auf den Ruinen dieses Krieges wurde schließlich das Kaiserreich gegründet. Seitdem herrscht auf dem Kontinent größtenteils Frieden – abgesehen von kleineren Konflikten, Spannungen und gelegentlichen Aufständen."
„Das würde ich kaum Frieden nennen."
Liams Stimme klang ruhig, aber kühl. Leyla schwieg einen Moment, dann wanderte ihr Blick über die dunklen Hügel am Horizont. Sie dachte an die Menschen, die sie bisher getroffen hatte. An die Armut, an Angst, an Sklavenhändler.
„Kann man wirklich von Frieden sprechen… wenn so viele trotzdem leiden?"
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„Wir sollten für heute hier rasten", sagte Fer schließlich und zog langsam die Zügel an. „Die Pferde brauchen eine Pause. Und wir ehrlich gesagt auch."
Die Kutsche kam neben einem kleinen Fluss zum Stehen. Die beiden weißen Pferde schnaubten erschöpft, während Fer begann, sie langsam auszuspannen. Das leise Knirschen der Räder verklang, und an seine Stelle trat das ruhige Geräusch des fließenden Wassers.
Leyla sprang aus dem Wagen. Fast automatisch zog es sie zum Flussufer. Das Wasser glitzerte silbern im Licht des Skullaers und zog sich wie ein dunkles Band durch die nächtliche Landschaft, kleine Wellen brachen sich an den Steinen am Ufer, während die Strömung gleichmäßig weiter in die Dunkelheit floss. Leyla blieb einen Moment einfach nur stehen. Der Wind war kühl, aber angenehm, und irgendwie fühlte sich die Welt gerade friedlich an.
Ihr Blick ruhte auf dem Wasser, doch ihre Gedanken wanderten längst woanders hin – zu Fers Geschichten, zum Großen Krieg, zu den Vampiren, zu Yang. Langsam zog sie ihr Notizbuch hervor und begann, hastige Gedanken aufzuschreiben. Namen, Orte, Fragen, kleine Skizzen.
„Irgendwann will ich die Kaiserstadt sehen…"
Allein der Gedanke ließ ihr Herz schneller schlagen. Ob sie dort tatsächlich Yang begegnen könnte – der Frau, die angeblich ganze Städte alleine zerstört hatte? Ein leichter Schauer lief ihr über den Rücken. Doch es war keine Angst. Es war Vorfreude auf all die Orte, die sie noch sehen würde, auf die Geheimnisse dieser Welt, auf die Abenteuer, die irgendwo vor ihr lagen.
Nach einer Weile rollte sie ihren Schlafsack direkt am Flussufer aus. Das leise Plätschern des Wassers wirkte beruhigend, beinahe einschläfernd, und über ihr funkelten die Sterne zwischen langsam ziehenden Wolken. Leyla legte sich hin und blickte noch einige Sekunden schweigend in den Himmel.
Dann wurden ihre Augen schwer, und schon kurz darauf schlief sie ein.
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—PLATSCH—
Leyla schreckte panisch hoch. Eisiges Wasser umschloss ihren Körper, und für einen kurzen Moment verlor sie vollkommen die Orientierung. Hustend und strampelnd kämpfte sie sich durch die dunkle Strömung, während ihr Herz wild gegen ihre Brust schlug. Mit hektischen Bewegungen erreichte sie das Ufer und zog sich keuchend auf das Gras. Tropfend blieb sie einen Moment auf allen vieren stehen und versuchte zu begreifen, was gerade passiert war.
„Wurden wir angegriffen?"
Ihr Blick schoss über die Umgebung. Der Fluss, das Lager, die Pferde. Dann entdeckte sie Liam. Er lag wenige Meter entfernt auf dem Boden – und lachte. Nicht nur ein kleines Grinsen. Er lachte vollkommen hemmungslos, der ganze Körper zuckte, während er sich den Bauch hielt und kaum noch Luft bekam.
Leyla brodelte vor Wut. Klitschnass stapfte sie auf ihn zu, packte ihn am Kragen und riss ihn hoch.
„WAS SOLL DIE SCHEISSE?!" Wasser tropfte aus ihren Haaren direkt auf sein Gesicht. „DU WILLST WOHL STERBEN?!"
Liam versuchte sich sichtbar zusammenzureißen. Vergeblich. „Ich hab dich gewarnt", brachte er zwischen zwei Lachanfällen hervor. „Wenn du meine Haare anfasst, werfe ich dich in einen Fluss." Er hob leicht die Schultern. „Versprochen ist versprochen."
Leylas Auge zuckte gefährlich. Ohne weiter nachzudenken warf sie sich mit voller Wucht auf ihn. „DU VOLLIDIOT!" Ihre Fäuste hämmerten gegen seinen Bauch und seine Schultern, doch Liam schien das eher amüsant als schmerzhaft zu finden – was Leyla nur noch wütender machte.
—GÄÄHN—
Ein lautes Gähnen unterbrach die Szene. Fer trat verschlafen aus dem Wagen, streckte sich ausgiebig und blinzelte einige Male in die Morgensonne. Dann blieb sein Blick an den beiden hängen. Leyla halb auf Liam. Liam lachend am Boden. Fer hob langsam eine Augenbraue.
„Wow", murmelte er trocken. „So früh am Morgen schon beim Kuscheln?" Er verschränkte die Arme und grinste breit. „Süß. Aber seid ihr sicher, dass ihr bis Malyl warten wollt, bevor ihr euch ein gemeinsames Zimmer nehmt?"
Einen Moment herrschte absolute Stille. Dann stand Leyla abrupt auf. Ihr Blick hätte vermutlich Stein zerschneiden können. Ohne ein einziges Wort marschierte sie an Fer vorbei zurück zum Wagen, und die Plane wurde mit unnötig viel Gewalt zurückgerissen.
Im Inneren zog sie die völlig durchnässten Sachen aus und begann, sich abzutrocknen. Zum Glück hatte Liam ihr während ihrer Erholung mehrere Wechselklamotten gekauft. Dieser Gedanke machte alles nur schlimmer. „Hat dieser Idiot das etwa geplant?!"
Draußen hörte sie seine Stimme. „Spätestens wenn sie Malyl sieht, beruhigt sie sich wieder."
Fer lachte leise. „Du spielst wirklich mit dem Feuer, Liam. Wenn sie irgendwann ernsthaft sauer auf dich wird, könnte das für dich gefährlich enden."
Liam klang vollkommen entspannt. „Ach. Das halte ich schon aus."
Leyla biss so fest die Zähne zusammen, dass ihr Kiefer schmerzte.
Als sie weiterfuhren, sprach sie kein einziges Wort. Die Stimmung um sie herum war frostig. Liam warf ihr mehrmals einen vorsichtigen Blick zu, bekam dafür allerdings jedes Mal nur tödliche Stille zurück.
Doch irgendwann erschien Malyl.
Zuerst nur als dunkle Silhouette am Horizont. Dann wurden langsam die gewaltigen Mauern sichtbar – alt, massiv, überzogen von dichten Ranken, die selbst aus der Entfernung wie grüne Narben über dem Stein wirkten. Leylas schlechte Laune begann augenblicklich zu bröckeln. Ihre Augen wurden größer, Neugier verdrängte langsam den Zorn.
Dann erklang Liams Stimme neben ihr. „Na gut." Ein kleines Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Dann suchen wir uns mal das letzte Mitglied für unsere Gruppe."
Leyla konnte nicht verhindern, dass sie ebenfalls lächelte. Malyl. Eine riesige unbekannte Stadt, neue Menschen, neue Abenteuer. Und irgendwie freute sie sich auf all das – gemeinsam mit Liam und Fer.



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