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Kapitel 14 - Brüchiges Vertrauen

Aktualisiert: vor 3 Tagen


Und doch war sie müde geworden. Sie, die durch die Zeit wanderte wie andere durch ein Flussbett – Hekta, die Große, war bereit, ist bereit und wird bereit sein, ihren Weg zu beenden. Aus Überdruss. Aus Trägheit. 


Und so ließ Hekt sich nieder. Sie saß auf einem Felsen, einem gewöhnlichen Stein – glatt und uneben zugleich, klein und groß zugleich, rund und flach zugleich. Sie ließ sich nieder und atmete aus, so wie nur die ausatmen kann, die alles gesehen hat, alles sieht und alles sehen wird. Ein Atemzug der Zeit. 


Und da kam ein Sterblicher. Von sterblichem Blut, sterblicher Seele und sterblichem Verstand. Dieser Sterbliche trat neben sie – und Hek gab ihr ihre Kraft. Nur so viel, dass das sterbliche Blut sterblich blieb. Nur so viel, dass die sterbliche Seele sterblich blieb. Nur so viel, dass der sterbliche Verstand sterblich blieb. 


Und als sie dies getan hatte, streckte sie sich. Streckte die Arme, streckte den Hals, streckte ihr Leben in die Länge wie jemand, der nach langem Schlaf endlich erwacht – oder nach langem Leben endlich einschläft. Dann stand He auf und verließ ihr Dasein. 


Was genau aus H geworden ist, bleibt unklar. 


Doch wie klar kann Zeit auch sein? 




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Leyla klappte das Buch langsam zu und ließ den Blick ins Lagerfeuer wandern. Die Flammen knisterten leise vor ihr und warfen tanzende Schatten zwischen die Bäume. In den letzten Abenden hatte sie fast jede freie Minute mit Lesen verbracht – nicht nur aus Interesse, sondern auch, um sich abzulenken. Von Liam. Oder vielmehr von dieser unangenehmen Spannung, die seit ihrem Streit zwischen ihnen hing. 


Unwillkürlich strich Leyla mit den Fingern über den Einband von „Reichsmythologie", während ihre Gedanken wieder zu den Geschichten darin zurückwanderten. Ob es diese Hekta wirklich gegeben hatte? Allein die Vorstellung fühlte sich absurd an. Leyla verstand inzwischen zwar, dass Magie in dieser Welt beinahe alles möglich machte, doch das Konzept von Zeit selbst als Magie überstieg weiterhin ihr Verständnis. Trotzdem faszinierte es sie. 


Ein kleines Schmunzeln huschte über ihr Gesicht. Als sie das Buch das erste Mal aufgeschlagen hatte, hatte sie gedacht, irgendeine religiöse Schrift zu lesen. Doch stattdessen bestand der Großteil aus uralten Mythen und Legenden – Geschichten über Drachen, über Titanen, über Erzwesen. Manche davon wirkten wie Märchen. Andere dagegen erschreckend real. 


„Drachen kann ich mir inzwischen sogar vorstellen…" Nach allem, was sie erlebt hatte, erschien ihr selbst das nicht mehr unmöglich. „Aber diese Geschichten über Erzengel und Erzdämonen… sollten Engel nicht eigentlich gut und Dämonen böse sein?" 


Doch genau das schien in dieser Welt nicht zu funktionieren. Die Geschichten stellten weder Erzengel noch Erzdämonen als eindeutig gut oder böse dar – vielmehr wirkten sie wie uralte Wesen, die nach vollkommen eigenen Regeln lebten, und die Menschen schienen ihnen lediglich Bedeutungen zugeschrieben zu haben, die bequem zu ihren eigenen Weltbildern passten. 


Langsam hob Leyla den Blick. Liam hatte es sich wie so oft auf einem Ast über ihnen bequem gemacht, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Auf den ersten Blick wirkte er entspannt. Doch Leyla bemerkte inzwischen selbst die kleinen Unterschiede – die Distanz, die Kälte, die leise Abwesenheit von etwas, das noch vor wenigen Tagen da gewesen war. 


,,Du, Liam?’’


Liam blickte zu ihr hinunter. „Ja?" 


Seine Stimme klang ruhig. Aber deutlich abweisender als noch vor einigen Tagen. 


Leyla zögerte kurz, dann hob sie leicht das Buch an. „Gibt es die Erzengel wirklich? Sind all diese alten Geschichten..?" 


Kaum hatte sie den Satz angefangen, unterbrach Liam sie bereits. „Alte Geschichten", sagte er trocken. „Du solltest dich lieber auf das Jetzt konzentrieren." Er wandte den Blick wieder zum Himmel. „Du verschwendest deine Zeit, wenn du ständig in der Vergangenheit schwelgst." 


Leyla schnaubte leise und wandte den Blick wieder ab ins Feuer. 


Sie war genervt. 


Nein – eigentlich war sie traurig. 


Nach dem Kampf gegen Maegnar hatte sie für einen kurzen Moment geglaubt, dass zwischen ihnen etwas entstanden war. Sie hatten sich näher gefühlt als jemals zuvor. Und jetzt wirkte Liam plötzlich wieder wie jemand, der absichtlich Abstand hielt – als würde er etwas schützen wollen, das er nicht benennen konnte. Das machte sie wütend. Und gleichzeitig vermisste sie genau diese Nähe bereits wieder. 


„Nach dem Kampf wirkten wir uns so nah…" 


Traurig schloss Leyla langsam die Augen. Ihre Gedanken kreisten weiter – um die alten Legenden, um Liam, um Malyl. Und irgendwann, während das Feuer langsam herunterbrannte und die Nacht immer stiller wurde, glitt sie schließlich in den Schlaf. 



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Weiße Flügel breiteten sich aus. Die Federn begannen wie Sterne vom Himmel zu regnen, lautlos, unaufhaltsam, als würde der Himmel selbst sich auflösen. 


,,Was…?’’


Vor Leyla erschien eine Dämonin mit schwarzen Hörnern – und stach ihr ein Schwert in den Bauch. 


,,Urgh…’’


Sie wurde durch die Luft geschleudert. Die Welt verschwamm, drehte sich, und dann sah sie es —-- graue Haut, ein weißer Bart. 


,,Maegnar?’’


Es donnerte. Über ihr baute sich ein Sturm auf, schwarz und gewaltig, der Zorn des Himmels. 


,,H-hil…’’


Ein Blitz schlug ein.




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Schweißgebadet fuhr Leyla hoch. 


Für einen kurzen Moment war alles grell. Das Licht der aufgehenden Sonne brannte in ihren Augen, und ihr Herz schlug so heftig, dass sie kaum klar denken konnte. Instinktiv tasteten ihre Hände hektisch umher, bis ihre Finger schließlich den vertrauten Knauf ihres Schwertes fanden. 


Erst dann atmete sie langsam aus. 


„Ein Albtraum…" murmelte sie leise. Ihr Atem beruhigte sich nur langsam, doch das unangenehme Gefühl blieb – schwer und beklemmend, wie ein Gewicht auf der Brust. 


Als Leyla aufsah, bemerkte sie, dass Liam bereits wach war. Wortlos baute er das Lager ab und wirkte dabei weiterhin ungewöhnlich still. Kurz hob er den Blick zu ihr, doch sofort richteten sich seine Augen wieder auf seine eigenen Hände. Leyla sagte ebenfalls nichts. Sie stand langsam auf und begann schweigend ihre Sachen zusammenzupacken. 


Und so machten sie sich erneut gemeinsam auf den Weg. 


Je weiter sie kamen, desto anstrengender wurde der Pfad. Die Landschaft begann sich langsam zu verändern – immer mehr Hügel erhoben sich vor ihnen, der Weg wurde steiniger und unebener, und schon nach einigen Stunden spürte Leyla ein unangenehmes Ziehen in ihren Beinen. Ihr Blick wanderte nach Osten. In der Ferne erhoben sich gewaltige Berge bis weit in die Wolken hinein, ihre Gipfel beinahe endlos, ihre Schatten riesig über die Landschaft geworfen. Im Angesicht dieser kolossalen Masse fühlte Leyla sich plötzlich winzig klein. 


Für einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, Liam zu fragen, ob sie einen Abstecher ins Gebirge machen könnten – irgendetwas daran faszinierte sie. Doch gleichzeitig wollte sie so schnell wie möglich nach Malyl. Und die angespannte Stimmung zwischen ihnen machte es nicht gerade leichter, einfach ein normales Gespräch zu beginnen. Deshalb schwieg sie. 


Leyla war noch immer in Gedanken versunken, als sie plötzlich gegen Liams Rücken lief. 


„Hey, was soll das?" zischte sie gereizt und rieb sich die Stirn. „Du kannst doch nicht einfach stehen bleiben!" 


Liam drehte sich sofort zu ihr um und legte einen Finger an die Lippen. Sein Gesichtsausdruck ließ Leyla augenblicklich verstummen – ernst, konzentriert, ohne jeden Anflug seiner üblichen Leichtigkeit. Ohne ein weiteres Wort packte er sie am Arm und zog sie hinter ein dichtes Gebüsch am Wegesrand. 


„Lass das", flüsterte Leyla genervt. 


Doch Liam warf ihr nur einen warnenden Blick zu. „Da kommt jemand", murmelte er leise. „Und ich habe ein schlechtes Gefühl dabei." Seine Hand glitt bereits langsam in Richtung seines Dolches. „Wir bleiben besser versteckt." 


Leyla runzelte die Stirn, sagte diesmal jedoch nichts mehr. Sie kniete sich neben Liam ins Gebüsch und spähte vorsichtig auf den Weg hinaus. Die Zeit zog sich quälend langsam. 


Dann hörte sie Schritte. Schwer. Ruhig. Kontrolliert. 


Kurz darauf tauchte eine Gestalt auf dem Pfad auf, und Leylas Atem stockte sofort. Der Mann war riesig – gut zwei Meter groß, mit breiten Schultern und einem muskulösen Körperbau, der selbst unter seiner vollständig schwarzen Kleidung deutlich sichtbar blieb. Lange blonde Haare fielen ihm über die Schultern, und auf seinem Rücken ruhte eine massive Kriegsaxt. Doch noch auffälliger als seine Größe war die Art, wie er sich bewegte – ruhig, selbstsicher, fast so, als hätte er vor absolut nichts Angst. 


„Wie jemand, dem die Welt gehört…" 


Gerade als Leyla glaubte, der Fremde würde einfach vorbeigehen, blieb er plötzlich stehen. Sofort spannte Liam sich neben ihr an, fluchte leise und legte die Hand fest um den Griff seines Dolches. 


„Das würde ich lieber stecken lassen, wenn ich du wäre." 


Die tiefe Stimme des Mannes rollte wie Donner über den Pfad. „Warum kommt ihr nicht einfach raus? Ich hatte eigentlich gedacht, ihr wolltet mir auflauern." 


Stille. 


Dann atmete Liam langsam aus und trat vorsichtig aus dem Gebüsch hervor, die Hand weiterhin fest am Dolch. Leyla spürte, wie ihr Herz bis zum Hals schlug, während sie ihm zögernd folgte.



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„Wollt ihr mir nicht sagen, wer ihr seid?" 


Die tiefe Stimme des Fremden grollte über den Pfad und ließ Leylas Herz sofort schneller schlagen. Trotzdem hob sie trotzig das Kinn. 


„Warum sagst du uns nicht zuerst, wer du bist?" 


Ihre Stimme klang fester, als sie sich tatsächlich fühlte. Ein Teil von ihr wollte einfach nicht zulassen, sich von diesem Mann einschüchtern zu lassen. 


Der Fremde hob langsam eine Augenbraue. Sein Blick ruhte schwer auf ihr, fast so, als würde er sie Stück für Stück auseinandernehmen. 


„Hoh?" Ein leicht belustigtes Grinsen zog über sein Gesicht. „Du nimmst dir ja ziemlich viel raus." Seine Stimme blieb ruhig, doch allein seine Präsenz setzte Leyla unter Druck. „Ist das Mut… oder einfach nur Dummheit?" 


Für einen kurzen Moment herrschte Stille, bevor der Mann schließlich weitersprach. 


„Aber gut." Langsam richtete er sich ein Stück auf. „Mein Name ist Leonhart. Zweiter Anführer des Ordens der goldenen Sonne." 


Seine Lippen verzogen sich zu einem beinahe spöttischen Lächeln, doch seine Augen blieben kalt. Unnachgiebig. 


„Orden der goldenen Sonne…" Leyla musste sich ernsthaft zusammenreißen, um nicht abfällig zu schnauben. „Was ist das denn bitte für ein Name? Mit zehn wäre mir etwas Besseres eingefallen." Trotzdem ließ sie sich äußerlich nichts anmerken. 


„Mein Name ist Leyla." 


Ihre Stimme blieb bewusst neutral. Noch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, ob das der richtige Ansatz war, trat Liam leicht vor. 


„Ich bin Mile", sagte er ruhig. „Ein einfacher Waldläufer." 


Verwirrt blickte Leyla sofort zu ihm. Warum log er? Doch Liam sah sie nicht einmal an. 


Leonhart dagegen schien plötzlich deutlich interessierter. „Leyla, hm?", wiederholte er langsam – es klang beinahe so, als würde er ihren Namen auf der Zunge schmecken. Sein Blick glitt langsam an ihr herab, und Leyla spürte augenblicklich, wie sich ihr Magen unangenehm zusammenzog. „Den Namen merke ich mir." 


Liam dagegen würdigte Leonhart kaum eines Blickes. Die Spannung zwischen ihnen war inzwischen beinahe greifbar geworden, und Leyla spürte deutlich, dass jederzeit ein Kampf ausbrechen konnte. Allein dieser Gedanke ließ ihre Hände leicht zittern. Seit dem Kampf gegen Maegnar hatte sie zwar versucht, ihre Erdmagie zu kontrollieren, doch außer kleinen Bewegungen im Boden, oder der leichten Verformung von Stein, war ihr kaum etwas gelungen. Von einem echten Kampf war sie noch weit entfernt. Und gegen jemanden wie Leonhart – nein. Sie war definitiv nicht bereit dafür. 


Dann veränderte sich Leonharts Haltung plötzlich. Die bedrohliche Spannung fiel beinahe schlagartig von ihm ab, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. 


„Nun", sagte er ruhig, fast schon beiläufig, „ihr habt heute Glück." 


Langsam begann er sich umzudrehen – dann hielt er noch einmal kurz inne und blickte über die Schulter zurück zu Leyla. „Ich hoffe wirklich, wir sehen uns wieder." Während er sprach, glitt seine Zunge langsam über seine Lippen. 


Leyla spürte, wie ihr ein eisiger Schauer über den Rücken lief. Angst. Aber auch Ekel. 


Ohne ein weiteres Wort setzte Leonhart seinen Weg fort und verschwand langsam den steinigen Pfad entlang, aus der Richtung, aus der Liam und Leyla selbst gekommen waren. Seine schweren Schritte hallten noch eine ganze Weile zwischen den Hügeln nach, bevor auch das Geräusch endgültig verstummte. 


Erst als er außer Sichtweite war, wagte Liam langsam wieder auszuatmen. Leyla bemerkte es sofort – er hatte ebenfalls angespannt gewirkt. Vielleicht sogar nervös. 


Für einige Sekunden standen sie einfach schweigend da. 


Dann setzte Liam sich wortlos wieder in Bewegung. Leyla sah ihm kurz hinterher, doch noch bevor sie etwas sagen konnte, lief er bereits weiter.



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Leyla und Liam saßen schweigend am Lagerfeuer. Das Holz knackte leise in den Flammen, und vereinzelte Funken stiegen in die dunkle Nacht hinauf. Seit ihrer Begegnung mit Leonhart hatten sie kaum ein Wort miteinander gewechselt – die Stille zwischen ihnen fühlte sich diesmal aber anders an. Schwerer. Unruhiger. 


Leyla spürte, wie sehr es sie verunsicherte, dass Liam einen falschen Namen benutzt hatte. Oder vielleicht war Mile sogar sein echter. Sie wusste es nicht. Und genau das störte sie inzwischen immer mehr. Je länger sie darüber nachdachte, desto deutlicher wurde ihr, wie wenig sie eigentlich über Liam wusste.


Er war wie ein verschlossenes Buch, dessen Seiten sie zwar berühren, das sie aber niemals wirklich aufschlagen konnte. Immer wieder hatte sie das Gefühl, nur kleine Fragmente seiner Geschichte zu sehen. Bruchstücke. Andeutungen. Aber niemals die ganze Wahrheit. 


Schließlich hob Leyla langsam den Blick. Fast augenblicklich trafen sich ihre Augen. 


„Du willst mich doch etwas fragen", sagte Liam plötzlich ruhig. „Das sieht man dir an." 


Leyla zögerte kurz. Dann entschied sie sich, direkt zu sein. „Warum Mile?" 


Liam schwieg für einen Moment und sah nachdenklich ins Feuer. „Das war einfach der erste Name, der mir eingefallen ist." Dann wurde seine Stimme leiser. „Emilys Bruder heißt so." 


Leyla spürte sofort, dass er diesmal die Wahrheit sagte. Langsam wandte sie den Blick wieder zum Himmel, wo der Mond wie immer regungslos über ihnen hing. 


Schließlich stellte sie die Frage, die ihr eigentlich schon viel länger auf der Seele lag. „Wer bist du wirklich, Liam?" 


Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, biss sie sich leicht auf die Lippe – eigentlich hatte sie vermeiden wollen, so direkt zu sein. Doch überraschenderweise antwortete Liam diesmal tatsächlich. 


„Ich bin ein ehemaliger Söldner", begann er ruhig. „Ich habe drei Jahre lang in Malyl für die Söldnergilde gearbeitet." Er stocherte gedankenverloren mit einem Stock im Feuer herum. „Nach Emilys Tod bin ich ausgetreten. Danach habe ich nur noch freie Aufträge angenommen." 


Er schwieg kurz. Dann spannte sich seine Stimme leicht an. „Bei meinem letzten Auftrag sollte ich eine bestimmte Ware beschützen…" 


Seine Worte brachen ab. Leyla bemerkte sofort, wie schwer ihm das fiel. „Und dann?" fragte sie vorsichtig. 


Liam starrte einige Sekunden schweigend in die Flammen. „Und dann ist Bournadette Lacroix aufgetaucht." 


Der Name sagte Leyla überhaupt nichts. „Wer ist das?" 


Liam runzelte leicht die Stirn. „Solche Dinge solltest du eigentlich wissen, Leyla." Er streckte sich kurz, bevor er weitersprach. „Bournadette Lacroix ist die zweite Kaiserliche Kopfgeldjägerin – eine Eliteeinheit, die direkt dem Kaiser unterstellt ist. Insgesamt gibt es nur zehn von ihnen." Seine Stimme wurde ernster. „Und Bournadette… könnte vermutlich alleine eine ganze Armee vernichten." 


Leyla schluckte leicht. Dann erinnerte sie sich plötzlich an ihre frühere Frage. „Deswegen wolltest du also nicht ins Dorf?" 


Liam nickte langsam. „Ich habe immer noch die Sorge, dass sie nach mir sucht." 


Leyla runzelte nachdenklich die Stirn. „Aber wenn sie wirklich so stark ist…", begann sie vorsichtig. „Hätte sie dich dann nicht längst gefunden?" 


Liam antwortete nicht. Die Stille danach war kurz, aber unangenehm genug, dass Leyla beschloss, das Thema fürs Erste ruhen zu lassen. 


„Wer ist denn die Nummer eins?"


„Yang."


Sofort veränderte sich etwas in Liams Stimme – nicht gegenüber Leyla, sondern gegenüber dem Thema selbst. Eine gewisse Distanz. War es Ehrfurcht? „Yang ist eine Wacal", sagte er ruhig. „und das Absolut des Kaiserreichs." 


Leyla wiederholte den Namen gedankenverloren. „Yang…" Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Das ist wirklich ein schöner Name." Unwillkürlich fragte sie sich, wie diese Frau wohl war. 


Liam schüttelte plötzlich belustigt den Kopf. „Du weißt echt erstaunlich wenig, ist dir das eigentlich bewusst?" fragte er trocken. Dann schlug er sich dramatisch die Hände an den Kopf. „Oh nein. Wenn du dir nicht mal wichtige Dinge merken kannst, vergisst du irgendwann bestimmt auch noch mich." 


Leyla musste sofort lachen – und zum ersten Mal seit ihrem Streit spürte sie, wie die Spannung zwischen ihnen wirklich nachließ, langsam und beinahe unmerklich, wie Eis, das in der Sonne taut. 


Während sie weiter ins Feuer blickte, wanderten ihre Gedanken erneut ab. Zu Yang. Zu den Geschichten im Buch. Zu den Erzdämonen. 


„Wer wäre wohl stärker… Yang oder ein Erzdämon?"

 
 
 

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