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Kapitel 21 - Malyl

Aktualisiert: 21. Jan. 2025

Mauern, mehrere Dutzend Meter hoch, überzogen mit langen, dichten Lianen, die ihnen ein uraltes, ehrfurchtgebietendes Aussehen verliehen. An jeder Himmelsrichtung prangten massive Eisengitter, die im Falle eines Angriffs heruntergelassen werden konnten und den Zugang zur Stadt versperrten.


Vor den beeindruckenden Mauern erstreckten sich lebendige Wohngebiete, geschäftige Marktplätze und Straßen, die von einer wimmelnden Menge erfüllt waren. Händler priesen ihre Waren an, Kinder liefen lachend zwischen den Ständen umher, und Reisende aus aller Herren Länder schoben sich durch die Menge.


Hinter den Mauern lag die Altstadt – das Herz von Malyl. Hier befanden sich die wichtigsten Regierungsgebäude: der lokale Sitz des kaiserlichen Militärs, eine beeindruckende Kathedrale zu Ehren Kameras und ein altes Schloss, das gleichzeitig die Magieakademie, die berühmte große Bibliothek und die Abenteurergilde beherbergte.


Das neue Schloss der Herzogsfamilie de Coteau erhob sich stolz im Zentrum von Malyl. Es war umgeben von einem weitläufigen, perfekt gepflegten Park, der inmitten der städtischen Hektik wie eine Oase der Ruhe wirkte. Die roten Ziegel des Schlosses glühten im warmen Sonnenlicht, während die hohen, spitzen Türme wie Finger in den Himmel ragten. Die Gärten waren ein Kunstwerk aus Farben und Düften, unterbrochen von elegant gestalteten Springbrunnen, deren klares Wasser im Licht tanzte und kleine Regenbögen schuf.


Vögel zwitscherten fröhlich in den hohen Bäumen, und der Wind streifte sanft durch das Laub, wobei er ein leises Rascheln erzeugte. Die Szenerie strahlte Frieden und Anmut aus, doch es war eine Ruhe, die von einer unmissverständlichen Aura der Macht durchdrungen wurde.


Wachen in glänzenden Rüstungen mit den Symbolen des grauen Drachen auf ihren Schilden standen stramm an den Toren des Schlosses. Ihre Präsenz unterstrich, dass dieser Ort nicht nur ein Symbol des Wohlstands war, sondern auch der Autorität und Stärke.



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Leyla war überwältigt von Malyl. Es war die erste große Stadt, die sie in dieser Welt betreten hatte, und sie erinnerte sich nicht daran, jemals in ihrem früheren Leben einen Ort mit solch lebendigem Charme und erhabener Geschichte besucht zu haben.


Die Straßen waren ein wogendes Meer aus Menschen, alle beschäftigt mit den kleinen und großen Aufgaben ihres Alltags. Die hohen Mauern, mit Moos und Ranken bewachsen, wirkten wie stumme Zeugen längst vergangener Zeitalter, und die gepflasterten Gassen erzählten von Geschichten unzähliger Reisender, die hier vor ihr gewesen waren.


Die Luft war erfüllt von den aufgeregten Rufen der Marktverkäufer, dem rhythmischen Klappern von Pferdehufen und dem unwiderstehlichen Duft nach frisch gebackenem Brot. Ein lauer Wind strich durch die Straßen, und die Sonnenstrahlen, die sich durch die Wolken kämpften, tauchten die Stadt in ein sanftes, goldenes Licht.


„Na, träumst du noch von den alten Steinen, oder bist du bereit, diese Stadt zu erkunden? Sobald du fertig bist, hier die Straße zu blockieren, können wir uns eine Taverne suchen“, riss Liams Stimme sie unsanft aus ihren Gedanken.


„Ähm ja, können wir machen. Haben wir denn noch genug Geld dafür?“ Leyla griff in ihre Tasche und zählte die Münzen, die noch übrig waren: Eine einzelne Silbermünze und zwei Kupfermünzen – der schmale Rest ihres letzten Einkaufs in Ramir.


„Das reicht auf jeden Fall. Wir bleiben ja nur ein paar Tage, und wir müssen uns um ein neues Gruppenmitglied kümmern, um unsere Abenteurergilde zu vervollständigen“, erklärte Fer fröhlich, während er neben Leyla durch die belebte Straße marschierte.


„Wo hast du eigentlich die Pferde gelassen? Und die Kutsche? Nicht, dass die noch geklaut werden!“ Leyla warf Fer einen besorgten Blick zu.


„Ach, die sind in besten Händen. Und den Wagen brauchen wir eh nicht mehr. Wir sind doch Abenteurer, keine Kaufleute! Falls wir wieder einen brauchen, finden wir schon einen neuen“, antwortete Fer unbekümmert, mit einem für ihn ungewöhnlich aufgeregten Ausdruck im Gesicht.


Nach etwa einer Stunde des Umherirrens durch die lebhaften Straßen fanden sie eine Taverne, die ihnen zusagte: „Drachentreff“, stand in kunstvoll geschnitzten Buchstaben über der breiten Flügeltür. Ein großes Holzschild zeigte das Bild eines roten Drachen, der sich mit einer Gruppe Abenteurer in einem epischen Kampf befand.


Zu dritt traten sie durch die Tür. Leyla hielt inne, als sie den Raum betrat, und ließ ihren Blick neugierig durch den Schankraum wandern. Die Taverne war geräumig und voll von Gästen – Menschen, ein Elf, und… Ein Mann mit dem Kopf eines Drachen!



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,,Ist das ein Drache in Menschengestalt? Gibt es sowas überhaupt?’’ 


Leylas Gedanken überschlugen sich, ihr Herz schlug wild in ihrer Brust. Sie stieß ihren Ellenbogen in Liams Seite und flüsterte: ,,Ist der Mann dort ein Drache?’’


Liam folgte ihrem Blick, bevor er mit einem spöttischen Lächeln antwortete: ,,Ein Drache? Nein, das ist ein Vishap. Man sagt, sie seien die humanoiden Nachfahren der Drachen. Einige von ihnen können sich allerdings in kleine Drachen verwandeln und Feuer speien.’’


Leyla war sich nicht sicher, ob Liam sie wieder auf den Arm nahm oder ob er die Wahrheit sprach. Seit sie in dieser Welt war, hatte sie sich oft nicht getraut, Fremde direkt anzusprechen. Doch diesmal war ihre Neugier stärker als ihre Zurückhaltung. Sie straffte die Schultern und ging entschlossen zu dem Tisch des Vishaps.


Er saß ruhig, die schwarzen Schuppen auf seiner Haut glänzten im flackernden Schein der Kerzen. Seine leuchtend blauen Augen beobachteten aufmerksam den Raum, und die spitzen Zähne in seinem Maul funkelten wie poliertes Elfenbein. Er trug eine rote Robe, die an der Schulter leicht geöffnet war, sodass Leyla die kräftigen Muskeln darunter erkennen konnte. Auf seinem Rücken war ein kunstvoll gearbeiteter Bogen geschnallt, neben einem gut gefüllten Köcher.


,,Ähm, Entschuldigung, würde es Sie stören, wenn ich mich zu Ihnen setze?’’ fragte Leyla zögernd, unsicher, ob sie seine Aufmerksamkeit stören sollte.


Der Vishap hob eine Schuppe über seinen Augen, die wie eine Augenbraue wirkte, bevor er in einem freundlichen Ton antwortete: ,,Natürlich, tu dir keinen Zwang an.’’


Leyla ließ sich ihm gegenüber nieder und begann, motiviert durch seine unerwartete Freundlichkeit, vorsichtig zu sprechen: ,,Tut mir leid, wenn die Frage respektlos ist, aber bist du ein Vishap? Ich hab einen wie dich noch nie gesehen.’’


Der Vishap blinzelte einmal langsam, bevor er mit einem tiefen, dröhnenden Lachen antwortete: ,,So einen wie mich?’’


—HAHAHAHA—


Das Lachen schallte durch den Raum und ließ einige Gäste innehalten, überrascht von dem unerwarteten, herzlichen Klang. Theol wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel, bevor er schließlich sagte: ,,Ich bin in der Tat ein Vishap. Mein Name ist Theol. Was möchtest du denn über mich wissen, junge Frau? Und wie ist dein Name?’’


,,Ich bin Leyla’’, sagte sie mit einem scheuen Lächeln. ,,Was genau macht einen Vishap aus? Stammst du wirklich von Drachen ab? Und kannst du dich in einen verwandeln und Feuer spucken?’’


,,Freut mich, dich kennenzulernen, Leyla.’’ Theol lehnte sich zurück und verschränkte die kräftigen Arme vor der Brust. ,,Wir Vishaps stammen nicht direkt von Drachen ab, aber unser Volk geht auf sie zurück. Vor Ewigkeiten haben einige Drachen entschieden, eine humanoide Form anzunehmen. Über die Jahrtausende haben wir uns dann zu einer eigenen Spezies entwickelt. Einige von uns können sich tatsächlich in kleine Drachen verwandeln, das ist jedoch nur wenigen vergönnt. Ich gehöre leider nicht dazu.’’


Leyla hörte fasziniert zu, wie Theol ihr von seiner Kultur und den Geschichten seines Volkes erzählte. Er sprach von alten Legenden, von Vishaps, die einst die Berater großer Könige waren, und von einer Zeit, in der ihr Volk fast ausgestorben wäre.


Die beiden unterhielten sich bis spät in die Nacht, bis Theol schließlich aufstand, um sich zu verabschieden. ,,Es war mir eine Freude, Leyla. Vielleicht begegnen wir uns wieder.’’


Leyla bedankte sich bei ihm und stieg müde die knarrenden Stufen zu dem kleinen Zimmer hinauf, das Liam für sie besorgt hatte. Als sie sich auf das weiche Bett fallen ließ, spürte sie die Erschöpfung des langen Tages. Gedanken an Vishaps, Drachen und die Geschichten von Theol schwirrten ihr durch den Kopf, während sie langsam in einen tiefen Schlaf glitt.



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Leyla erwachte am nächsten Morgen mit einem leichten Dröhnen im Kopf. Sie hatte am Vorabend nur wenig getrunken, aber es war lange her, dass sie Alkohol zu sich genommen hatte, und ihr Körper war es einfach nicht mehr gewohnt. Stöhnend setzte sie sich auf, rieb sich die Schläfen und begann sich anzuziehen.


„Heute finden wir ein neues Teammitglied“, dachte sie und versuchte, optimistisch zu sein, während sie das sanfte Licht des Morgens durch das kleine Fenster hereinfallen sah.


Als sie die Treppe hinunterging und in den Aufenthaltsraum der Taverne trat, sah sie Fer und Liam bereits an einem der hölzernen Tische sitzen. Vor ihnen standen Teller mit allerlei Leckereien – frische Früchte, knuspriges Brot und saftiges Fleisch. Die Gerüche ließen Leylas Magen vor Hunger knurren.


„Guten Morgen, Schlafmütze! Gut geschlafen?“ Liam grinste sie breit an, während er sich ein Stück Brot in den Mund schob.


„Ja, aber mein Kopf tut weh“, murmelte Leyla, während sie sich setzte. „Habt ihr schon eine Idee, wo wir ein neues Mitglied finden könnten?“


Fer kaute genüsslich auf einem Stück Fleisch herum und sprach mit vollem Mund: „Habt ihr beiden denn schon entschieden, was für eine Person wir suchen?“ Er richtete seinen schmatzenden Blick auf Leyla.


„Also, ich finde, Leyla sollte das entscheiden“, schlug Liam vor. „Ich bin gespannt, was sie sich so vorstellt. Mit ihrer Fantasie könnte wirklich alles Mögliche dabei herauskommen.“


Leyla rollte mit den Augen, aber innerlich schätzte sie, dass Liam ihr die Entscheidung überließ. „Ich hätte gerne eine weitere Frau dabei. Ist das okay für euch?“ Sie sah beide Männer an, ihre Augen suchten nach Zustimmung.


Fer nickte sofort. „Kein Problem, Mädchen. Hauptsache, sie ist fähig.“


„Von mir aus“, sagte Liam, während er sich lässig zurücklehnte. „Vielleicht bringt sie dir ja bei, wie man sich nicht ständig in Schwierigkeiten bringt.“ Sein freches Grinsen ließ Leyla erneut die Augen verdrehen, diesmal allerdings mit einem leichten Lächeln.


Nach dem Frühstück verließen sie die Taverne und traten hinaus in die belebten Straßen von Malyl. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, und die Stadt summte vor Leben. Händler riefen ihre Waren aus, Kinder rannten lachend durch die Gassen, und das Klappern von Hufen und Karren erfüllte die Luft.


„Was für eine Frau würde ich mir wünschen?“, fragte sich Leyla, während sie in Gedanken versunken hinter den anderen herging. „Sie sollte stark sein und sich von Liam nichts gefallen lassen. Jemand mit einer echten Ausstrahlung, der man vertrauen kann.“


—BUMM—


Doch bevor sie ihre Gedanken weiterführen konnte, prallte sie gegen jemanden. Sie taumelte zurück, rieb sich die Nase und sah auf. Vor ihr stand eine Frau mit breiten Schultern.


„Tut mir leid, ich habe nicht aufgepasst“, murmelte Leyla verlegen.


Die Frau drehte sich um, ihre strahlenden grünen Augen blitzten, als sie Leyla musterte. Plötzlich weiteten sie sich vor Überraschung.


„Leyla, bist du das? Was für ein Zufall, dass wir uns hier treffen!“ Die Frau grinste breit, ihre Stimme klang warm und vertraut.


Leyla blinzelte verwirrt, bevor sie die Stimme erkannte. „Roxy?! Was machst du denn hier?“


Roxy – ihre erste Begleiterin in dieser Welt, die Frau, die ihr das Leben gerettet hatte, als sie gerade erst angekommen war. Leyla fühlte, wie Freude und Erleichterung durch ihren Körper strömten.


Leyla konnte nicht anders, als zu lächeln.

 
 
 

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