Kapitel 21 - Malyl
- empirewebnovel
- 7. Sept. 2024
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Aktualisiert: 23. Mai

Malyl.
Die Stadt im Herzen der Mittellande.
Die Stadt des alten und des neuen Reiches.
Gegründet in den Jahren nach dem Großen Krieg, auf der Asche des untergegangenen Vampirreiches – dort, wo einst die Hauptstadt Silvas gestanden hatte, erhoben sich nun die ersten Gebäude der Menschen. Schon in der ersten Dekade nach der Gründung ließ das junge Reich gewaltige Mauern aus magisch verstärktem Stein errichten, hoch über die Ebene hinausragend, kalt und unbeugsam wie ein Versprechen ewiger Herrschaft.
Das Alte Reich, das zum ersten Mal den gesamten Kontinent unter einem Banner vereint hatte, betrachtete Malyl nicht bloß als Stadt. Malyl war ein Symbol. Ein Neuanfang. Ein Beweis dafür, dass die Herrschaft der Menschen nicht nur errungen, sondern endgültig geworden war.
Deshalb entstand dort die größte militärische Anlage des Reiches – die Großkaserne von Malyl, in deren Mauern jährlich Tausende Soldaten ausgebildet wurden und von der aus über Generationen hinweg Armeen in alle Teile des Kontinents marschierten. Kurz darauf folgte eine der drei großen Kathedralen der Kameristischen Kirche, deren Türme majestätisch in den Himmel ragten – und doch vom Schloss Malyl überschattet wurden. Hoch über der Stadt erhob sich die gewaltige Residenz der Herzöge der Mittellande, von der aus sie über die fruchtbaren Ebenen zwischen Larifen und Hamalien regierten.
Und Malyl wuchs. Schneller, als irgendjemand erwartet hatte. Mit den Jahrhunderten verwandelten sich die einstigen Stadtmauern in bloße Grenzen einer Altstadt, die längst zu eng geworden war. Vor ihnen entstanden neue Bezirke, neue Märkte und weitläufige Wohnviertel, und Händler, Handwerker, Gelehrte und Abenteurer strömten aus allen Teilen des Reiches hierher, als würde die Stadt sie mit einer unsichtbaren Kraft anziehen. Mit ihnen veränderte sich auch die Seele der Stadt – das alte militärische Zentrum begann sich langsam, aber unaufhaltsam in das kulturelle und wirtschaftliche Herz der Mittellande zu verwandeln.
Als schließlich die Familie de Coteau zur Herzogsfamilie aufstieg, begann erneut ein neues Kapitel. Ein prächtiger Herzogspalast wurde errichtet, umgeben von weitläufigen Parkanlagen, kunstvollen Gärten und gepflegten Alleen, die an klaren Tagen im Sonnenlicht golden schimmerten. Das alte Schloss verlor damit seine Rolle als Residenz – doch an Bedeutung verlor es niemals. Fortan beherbergte es die berühmte Malyler Magieakademie, die Große Bibliothek von Malyl und die Abenteurergilde des Herzogtums. Wissen, Macht, Abenteuer – alles sammelte sich hinter den alten, rankenüberwachsenen Mauern.
Zur Krönung Kaiser Verion III. war Malyl die zweitgrößte Stadt des Kaiserreichs.
Die Stadt des alten und des neuen Reiches.
Die Stadt im Herzen der Mittellande.
Malyl.
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Die gewaltigen Mauern Malyls ließen Leyla sich winzig fühlen. Fast bedeutungslos.
„Das ist also Malyl…" murmelte sie leise, während die Kutsche langsam durch die Straßen der Vorstadt rollte. Noch immer hielt sie den Pilzspieß in der Hand, den Fer ihnen kurz zuvor gekauft hatte, und biss genüsslich davon ab. Der Geschmack war würzig, leicht rauchig und überraschend gut. Fer hatte darauf bestanden, dass ein Besuch in Malyl ohne einen „echten Malyler Spieß" unvollständig wäre. Laut ihm gehörte das einfach dazu.
Leyla ließ den Blick fasziniert über die Straßen gleiten. Überall bewegten sich Menschenmengen zwischen den Häusern, Händler riefen ihre Waren aus, Kinder liefen lachend durch die Gassen, und aus offenen Fenstern drangen Stimmen, Musik und Essensgerüche. Am liebsten hätte sie den Wagen verlassen und alles erkundet – jede Straße, jeden Laden, jeden Winkel dieser Stadt. Doch die Sonne stand bereits tief, und sie hatten beschlossen, den ersten Abend in einer Taverne zu verbringen.
Was Leyla noch viel faszinierender fand als die Stadt selbst, waren ihre Bewohner. In den kleinen Dörfern auf ihrer Reise hatte sie fast nur Menschen gesehen – der Lupid in Migar oder Vamir waren dort eher Ausnahmen gewesen. Malyl hingegen wirkte vollkommen anders. Zwischen den Menschen liefen Elfen, Lupiden und zahlreiche andere Völker umher, die Leyla nicht einmal benennen konnte. Ihr Blick blieb plötzlich an einer winzigen Gestalt hängen – ein kleiner Mann mit schimmernden Flügeln, der aufgeregt um den Kopf einer Frau herumschwirrte und wild mit den Armen gestikulierte.
,,Eine Fee…?’’
Noch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, hielt die Kutsche abrupt an. Fer brummte eine Erklärung: Pferde waren innerhalb der Altstadt nicht erlaubt.
Leyla sah zu Blazer und Charmeur hinüber. Die beiden weißen Pferde schnaubten ruhig, vollkommen ahnungslos. Sanft strich sie ihnen über die Köpfe.
„Wir sehen uns wieder. Keine Sorge." Blazer stupste kurz gegen ihre Schulter.
Fer nahm die Zügel. „Ich bringe die beiden in den Stall. Das kann etwas dauern." Er blickte zwischen Liam und Leyla hin und her. „Geht schon mal vor. Wie hieß die Taverne nochmal?"
„Drachentreff", antwortete Liam knapp. Irgendetwas an seiner Stimme wirkte seltsam angespannt – Leyla hatte bereits den ganzen Tag bemerkt, dass er ungewöhnlich still war.
Gemeinsam machten sie sich zu Fuß auf den Weg, Liam voraus, Leyla schweigend hinterher. Je näher sie der Altstadt kamen, desto überwältigender wirkte Malyl. Schließlich erreichten sie die gewaltige innere Stadtmauer, und Leyla blieb unwillkürlich stehen. Die uralten Mauern ragten hoch über ihnen auf, überwachsen von dichtem Moos und langen grünen Ranken. Der Stein wirkte alt – älter als alles erbaute, was sie bisher gesehen hatte, wie ein Relikt aus einer Zeit, die kein Anwohner mehr aus eigener Erinnerung kannte. Die gepflasterten Straßen unter ihren Füßen schienen Geschichten von unzähligen Reisenden zu tragen, die lange vor ihnen durch diese Tore gegangen waren.
Überall herrschte Leben. Marktschreier priesen ihre Waren an, Pferdehufe klapperten über das Pflaster, und aus kleinen Bäckereien zog der Duft von frischem Brot durch die Gassen. Ein warmer Wind strich durch die Altstadt und bewegte die Ranken an den Mauern leicht im Abendlicht.
Leyla hob den Blick zum gewaltigen Torbogen. Der Stein war beinahe vollständig von Pflanzen überwachsen, die Ranken formten natürliche Muster, als hätte jemand sie absichtlich dort wachsen lassen. Sie griff nach ihrem Notizbuch. Das musste sie zeichnen.
„Na?" Liams Stimme riss sie aus den Gedanken. „Träumst du schon wieder von alten Steinen?"
Leyla warf ihm einen genervten Blick zu. Liam grinste leicht. „Sobald du fertig damit bist, mitten auf der Straße zu stehen, könnten wir unsere Taverne suchen." Leyla ignorierte den Kommentar demonstrativ und sah stattdessen die breite Straße entlang.
Die Altstadt wirkte vollkommen anders als die äußeren Bezirke – geordneter, erhabener, die Straßen in klaren Mustern angelegt, als wäre jeder einzelne Stein bewusst geplant worden. Ihr Blick fiel auf eine gewaltige Kirche, deren Architektur sie sofort an die kleinen Kirchen in den Dörfern erinnerte.
„Kamerismus…?"
Doch noch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, fiel ihr Blick auf etwas anderes.
Ein Schloss. Es lag erhöht auf einem kleinen Hügel und überragte die umliegenden Gebäude deutlich. Drei Banner wehten über dem Eingang – selbst aus der Entfernung konnte Leyla ihre Symbole erkennen. Eine grüne Kristallkugel auf blauem Grund. Ein weißes Buch auf rotem Grund. Und ein schwarzer Rabe auf silbernem Grund.
Leylas Herz begann schneller zu schlagen. Fast unbewusst ballten sich ihre Hände zu Fäusten.
„Dort…"
Ihr Blick blieb wie festgefroren auf dem Schloss liegen.
,,Dort muss ich hin…’’
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Die schwere Tür zum „Drachentreff" schwang quietschend auf, und Leyla trat gemeinsam mit Liam in die Taverne. Sofort schlug ihr der warme Duft von gebratenem Fleisch, Bier und Rauch entgegen, die Luft erfüllt vom Klirren der Krüge, dem Stimmengewirr zahlreicher Gäste und dem behaglichen Lärm eines langen Abends.
Leylas Blick huschte neugierig durch den Raum – bis er an einer Gestalt hängen blieb.
Ein Drache? Nein, zumindest nicht ganz. Vor ihr saß eine hochgewachsene Kreatur mit geschupptem Körper und drachenartigem Kopf, ein Schwert auf dem Rücken geschnallt, in der Hand einen Bierkrug. Die schwarzen Schuppen glänzten im flackernden Kerzenschein, die leuchtend blauen Augen beobachteten aufmerksam den Raum, und spitze Zähne funkelten wie poliertes Elfenbein. Über der Schulter war eine rote Robe leicht geöffnet und gab den Blick auf kräftige Muskeln darunter frei.
Leyla stupste Liam vorsichtig an. „Ist das… ein Drache?" flüsterte sie.
Liam folgte ihrem Blick und zog ein spöttisches Lächeln. „Ein Drache? Nein, das ist ein Vishap. Man sagt, sie seien die humanoiden Nachfahren der Drachen – einige von ihnen können sich sogar in kleine Drachen verwandeln und Feuer speien."
Neugierig trat Leyla einen Schritt vor. „Ähm… darf ich mich setzen?"
Der Vishap hob eine Schuppe über den Augen, die wie eine Augenbraue wirkte. „Natürlich. Tu dir keinen Zwang an."
Leyla ließ sich ihm gegenüber nieder, ein leises Kribbeln in der Brust. „Tut mir leid, wenn die Frage respektlos klingt, aber bist du wirklich ein Vishap? Ich habe so etwas noch nie gesehen."
Der Vishap blinzelte langsam. ,,So etwas wie mich?’’ Dann erfüllte ein tiefes, dröhnendes Lachen den Raum.
—HAHAHAHA—
Es war herzlich und kräftig und ließ einige Gäste innehalten, überrascht von dem unerwarteten Klang.
„In der Tat", sagte er schließlich. „Ich bin ein Vishap. Mein Name ist Theol. Und wie ist deiner?"
Leyla lächelte schüchtern. „Ich bin Leyla. Und… was genau sind Vishaps?"
Theol lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Wir stammen von Drachen ab. Vor langer Zeit erschufen zwei Drachen nach ihrem Vorbild ein sterbliches Volk, dem sie den Namen Vishap gaben."
Leyla legte neugierig den Kopf schief. „Und ihr könnt euch wirklich in kleine Drachen verwandeln?"
„Nur wenige von uns beherrschen die sogenannte Drachenform." Er schob ihr einen Kelch mit tiefrotem Wein über den Tisch, das Licht des Raumes spiegelte sich darin und ließ die Flüssigkeit wie flüssiges Rubin glänzen. „Ich selbst… leider nicht."
Leyla nahm vorsichtig einen Schluck, die Augen weiter auf Theol gerichtet. „Erzähl mir mehr über dein Volk."
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„Die ersten Vishap entstanden in Juspa, einem der fünf Reiche des Kontinents Verltria."
Leyla hörte ihm gebannt zu, den schweren Kelch locker in der Hand, und nahm hin und wieder einen Schluck. Der Wein war warm und würzig – und längst stärker, als sie beim ersten Nippen geahnt hatte.
Theol erzählte von den ersten Vishap, die den „Kaiserkontinent" betreten hatten. Von kleinen Siedlungen an den Küsten, aus denen im Laufe der Jahrhunderte zahlreiche Dörfer erwachsen waren. Von Mator, dem Vishap mit der Kraft eines Drachen, der König Zcepes von Silva einst als Berater gedient hatte. Von Tarush, der gewaltigen Hafenstadt an der Südostküste des Kontinents, deren Name selbst Jahrhunderte später noch Ehrfurcht in den Herzen der Dracharen weckte.
„Tarush war ein Juwel unserer Kultur. Eine Stadt voller Leben, in der Händler, Künstler und Handwerker aus allen Teilen der Welt zusammenkamen." Seine Stimme wurde leiser, fast andächtig. „Dort entstanden einige der schönsten Werke, die unser Volk je hervorgebracht hat."
Sein Blick verdunkelte sich, als würde ihn die bloße Erinnerung mit Gewicht belasten.
„Leyla, wie viel weißt du über die Vergangenheit zwischen Dracharen und Vishap?"
Leyla zuckte mit den Schultern. „Gar nichts." Ihre Stimme klang bereits leicht lallend.
Theol schwieg einen Moment, die Finger um seinen Becher geschlossen, bevor er weitersprach.
„In derselben Region lag auch die Heimat der Dracharen. Anfangs lebten unsere Völker friedlich nebeneinander – es gab Handel, Bündnisse, sogar gemeinsame Städte. Doch alles änderte sich mit der Krönung eines bestimmten Dracharenkönigs."
Seine Finger strichen langsam über den Rand seines Bechers.
„Er behauptete, die Dracharen seien den anderen Völkern überlegen, weil in ihren Adern das Blut der Drachen fließe. Viele glaubten ihm. Und als einige Vishap offen widersprachen – erklärten, dass nicht die Dracharen, sondern wir das wahre Erbe der Drachen trugen, kam es zu…"
Seine Worte brachen ab.
Leyla bemerkte den Funken Zorn in seinen Augen. Nicht die heiße, flüchtige Wut eines einzelnen Augenblicks, sondern etwas Altes. Etwas, das über Generationen weitergetragen worden war, still und schwer wie Asche.
„Die Dracharen begannen gemeinsam mit den Menschen, unser Volk zu jagen." Seine Stimme klang rau, als würde jedes Wort an ihm reiben. „Dörfer verschwanden. Familien wurden ausgelöscht. Man verbrannte unsere Tempel, unsere Schriften, unsere Geschichte." Seine Klaue schloss sich langsam zur Faust. „Am Ende waren wir beinahe vernichtet."
Leyla schluckte. Die Geschichte erinnerte sie unweigerlich an das Schicksal der Vampire, von dem Fer ihr erzählt hatte.
„Und selbst nach dem Großen Krieg änderte sich kaum etwas", fuhr Theol fort, die Bitterkeit in seiner Stimme unverhohlener als zuvor. „Heute existieren im Kaiserreich nur noch wenige von uns."
Seine Faust blieb angespannt, der Blick auf die Tischplatte gerichtet, als läge die Vergangenheit direkt darunter begraben.
In diesem Moment ließ sich Liam neben ihnen auf die Bank fallen.
„Na, worüber redet ihr beide hier so ernst?"
Theol hob den Blick und schüttelte kaum merklich den Kopf. „Über nichts Wichtiges." Dann musterte er die beiden kurz. „Was führt euch überhaupt nach Malyl?"
Leyla begann von ihrer Reise zu erzählen – von den Straßen, von den Dörfern, die sie durchquert hatten, und von den Schwierigkeiten unterwegs. Immer wieder fiel Liam ihr ins Wort, korrigierte ein Detail hier, ergänzte eine vergessene Einzelheit dort. Leyla ließ es geschehen.
Während die Stimmen um sie herum anschwollen und sich das warme Licht der Taverne verschwommen im Wein ihres Kelchs spiegelte, verlor sie mehr und mehr das Gefühl für den Abend.
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Leyla erwachte am nächsten Morgen mit einem dumpfen Dröhnen hinter den Schläfen. Der Wein vom Vorabend hing ihr noch nach, schwer und unangenehm, und ihr Körper schien jede einzelne Entscheidung dieser Nacht zu verurteilen.
Stöhnend richtete sie sich auf und rieb sich die Schläfen.
Dann hielt sie inne.
Erinnerungen tauchten auf. Fragmente eines anderen Abends – verschwommene Bilder, hektische Stimmen, grelles Licht. Ein Abend, an dem sie um ein Haar im Krankenhaus gelandet wäre. Der Abend, nach dem sie aufgehört hatte zu trinken.
„War da nicht noch jemand bei mir…?" murmelte sie leise.
Doch je stärker sie versuchte, den Gedanken festzuhalten, desto schneller glitt er ihr aus den Fingern – wie Nebel, den man nicht greifen konnte.
Die Erinnerungen an ihre alte Welt wurden schwächer. Lückenhafter. Fremder.
Leyla spürte, wie sich ihre Brust zusammenzog. Die Bilder Hamburgs verschwammen vor ihrem inneren Auge, Gesichter verloren ihre Konturen, und selbst die Stimme ihres Vaters wurde undeutlich, als würde sie durch mehrere Wände hindurch hören.
„Was, wenn ich alles vergesse?"
Der Gedanke traf sie härter als erwartet.
„Was, wenn meine Welt irgendwann einfach verschwindet?"
Sie ballte die Faust, bis ihre Fingernägel sich in die Haut drückten, und zwang sich aufzustehen.
Während sie sich anzog, hallten draußen die Glocken der Kirche durch die Straßen von Malyl. Tief, langsam und schwer erfüllte ihr Klang die Luft, als würde er sich in den Mauern der Stadt verfangen und dort widerhallen, lange nachdem er verklungen war. Theol hatte das Gebäude am Vorabend als eine der drei großen Kathedralen des Kamerismus bezeichnet.
Leyla lauschte einen Moment.
,,Fast wie der Michel…’’
Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende geführt, schüttelte sie ihn wieder ab. Sie durfte sich nicht darin verlieren. Nicht jetzt. Sie musste in die Bibliothek – musste beschäftigt bleiben, bevor ihre Gedanken sie erneut nach unten zogen.
Rasch schnappte sie sich ihre Sachen und verließ das Zimmer.
Als sie die Treppe hinunterging und den Aufenthaltsraum der Taverne betrat, saßen Fer und Liam bereits an einem der langen Holztische. Vor ihnen standen Teller voller frischer Früchte, knusprigem Brot und gebratenem Fleisch, und der würzige Duft ließ Leylas Magen augenblicklich knurren.
„Guten Morgen, Schlafmütze!" rief Liam grinsend und stopfte sich ein Stück Brot in den Mund. „Gut geschlafen?"
„Wenn man den Kopfschmerz ignoriert, ja", murmelte Leyla und ließ sich auf die Bank sinken. „Habt ihr schon eine Idee, wo wir ein neues Mitglied finden könnten?"
Fer kratzte sich nachdenklich am Kopf. „In der Abenteurergilde findet man bestimmt einige Leute, die selbst nach einer Gruppe suchen." Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht läuft uns dort jemand Passendes über den Weg."
Leyla nickte langsam, während ein nervöses Kribbeln in ihrem Magen aufstieg. Die bloße Vorstellung, das vierte Mitglied zu finden, machte sie gleichzeitig gespannt und unsicher.
Nach dem Frühstück verließen sie die Taverne und traten hinaus in das lebendige Treiben von Malyl. Die Sonne stand bereits hoch über den Dächern, tauchte die Stadt in warmes Morgenlicht und ließ die Fensterscheiben der Häuser gleißend aufblitzen. Überall verwebten sich Stimmen, Hufschläge und das schwere Rattern beladener Karren zu einem einzigen, lebendigen Klangteppich.
Leyla lief hinter den anderen her und verlor sich dabei in Gedanken.
„Was für eine Frau würde ich überhaupt suchen?"
Sie ließ den Blick über die Menschenmengen schweifen.
„Eine Frau, die stark ist. Die Liam Kontra geben kann, ohne einzuknicken."
Unwillkürlich musste sie schmunzeln.
„Und jemanden, dem man vertrauen kann."
—BUMM—
Noch bevor sie den Gedanken zu Ende führen konnte, prallte sie frontal gegen jemanden. Sie taumelte einen Schritt zurück und rieb sich schmerzend die Nase.
„Tut mir leid, ich habe nicht aufgepasst", murmelte sie verlegen.
Vor ihr stand eine Frau mit breiten Schultern und kräftiger Statur. Als sie sich umdrehte, blitzten strahlend grüne Augen auf. Für einen Herzschlag wirkte sie überrascht – dann breitete sich ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht aus.
„Leyla? Bist du das wirklich?" Ihre Stimme klang warm und vertraut. „Es ist schön, dich hier zu treffen!"
Leyla blinzelte.
„Roxy?!" Ungläubig sah sie die Frau an. „Was machst du denn hier?"
Roxy. Ihre erste Freundin in dieser Welt. Die Frau, die ihr das Leben gerettet hatte, kurz nachdem sie in dieser fremden Welt angekommen war.
Eine Welle aus Freude und Erleichterung durchströmte sie, warm und unvermittelt. Und zum ersten Mal an diesem Morgen fühlte sich die Enge in ihrer Brust ein wenig leichter an.
Leyla lächelte breit.



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