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Kapitel 2 - Eine andere Welt

Aktualisiert: 12. Mai

Als Leyla wieder zu sich kam, war alles um sie herum dunkel. 


Das schmerzhafte Pochen in ihrer Schläfe hatte nicht nachgelassen – dumpf und hartnäckig, als würde jemand in gleichmäßigen Abständen gegen ihren Kopf hämmern. 


„Wo bin ich?" murmelte sie benommen. 


Vorsichtig begann sie, mit den Händen um sich zu tasten. Unter ihren Fingern fanden sich raue Holzbretter – kühl und hart, an vielen Stellen uneben. 


Langsam kehrten ihre Erinnerungen zurück. Der Park. Der verpasste Bus. Der Hund. Dann erst bemerkte sie etwas anderes: Sie war nackt.  


Sofort spannte sich ihr ganzer Körper an. Instinktiv zog Leyla die Arme eng um sich, während ihr Herz in einen schnelleren Takt fiel. Mit der Zeit gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit, wanderten sich langsam durch die Schatten. Schließlich erkannte sie die Umrisse eines kleinen Fensters. Blaue Gardinen verdeckten das matte Licht von draußen, wodurch kaum mehr als ein fahles Dämmern in den Raum gelang. 


Vorsichtig stand sie auf. Das Holz knarrte leise unter ihren nackten Fußsohlen, während sie zum Fenster trat und die Gardinen einen Spaltbreit zur Seite schob. 


Jetzt konnte sie den Raum besser erkennen. 


Überall hingen Kleidungsstücke, dicht an dicht, als hätte jemand eine ganze Garderobe in diesen kleinen Raum gequetscht. Die Stoffe, die Stangen, der leicht muffige Geruch – es erinnerte sie sofort an das kleine Theater ihrer Schulzeit. An die staubigen Vorhänge, alte Kostümständer und die erwartungsvolle Stille hinter der Bühne, kurz bevor das Licht anging. 


Direkt neben dem Fenster befand sich eine schwere hölzerne Tür. 


Von draußen drangen Stimmen herein. Gedämpft und undeutlich, zu weit entfernt, um wirkliche Worte aufzufangen. 


Leyla schluckte trocken und begann, einige Kleidungsstücke zusammenzusuchen. Eine rote Jacke fiel ihr sofort ins Auge. Der Schnitt, die Farbe – sie erinnerte sie an die Jacke, die ihre Mutter ihr früher geschenkt hatte. Leyla griff danach, ohne länger drüber nachzudenken. Dazu nahm sie ein schlichtes braunes Hemd und eine schwarze Hose. 


Sie zog alles rasch an. 


Gerade wollte sie sich der Tür nähern, als ihr Blick auf etwas Kleines fiel, das auf einer alten Kiste ruhte. 


Eine grüne Fliege. 


Leylas Gesicht hellte sich einen Herzschlag lang auf. 


„So eine trägt Alex doch auch immer", sagte sie leise und befestigte die Fliege an ihrem Kragen. 


Einen Moment lang sah sie an sich herunter – das zusammengewürfelte Outfit, die Fliege, die irgendwie trotzdem passte. Dann atmete sie tief durch. 


Langsam legte Leyla die Hand auf die Türklinke und drückte sie herunter.



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Helles Sonnenlicht traf Leyla direkt ins Gesicht. 


Blendend. Unbarmherzig. 


Reflexartig hob sie eine Hand vor die Augen, während ihre Sicht sich mühsam dem grellen Licht anpasste. Noch bevor sie richtig erkennen konnte, wo sie sich befand, drangen bereits Geräusche an ihre Ohren – und mit ihnen ein unangenehmes Ziehen tief im Magen. 


Das dumpfe Rattern von Holzrädern. Das helle Klimpern von Münzen. Das Bellen eines Hundes in der Ferne. Ein undurchdringliches Stimmengewirr. 


Langsam klärte sich ihr Blick. Und sofort bestätigte sich ihre Befürchtung. 


Sie stand mitten auf einem Marktplatz. 


Dutzende kleine Stände reihten sich entlang staubiger Straßen, beladen mit Waren, die Leyla noch nie in ihrem Leben gesehen hatte. Fremde Stoffe in satten, schweren Farben. Seltsame Werkzeuge. Getrocknete Pflanzen, deren Duft scharf und fremd in der Luft hing. Glänzende Glasfläschchen, die das Licht in winzige Funken brachen. Der Boden unter ihren Füßen bestand nicht aus Asphalt, sondern aus festgetretenem Sand und Erde, durchzogen von den Rillen unzähliger Räder. 


,,Das sieht gar nicht nach Oldenburg aus…’’ murmelte Leyla nervös und sah sich weiter um.


Ein schwerer Wagen wurde knarrend von einem Ochsen durch die enge Straße gezogen, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. 


Die Kleidung der Menschen wirkte altmodisch. Vielleicht ein Mittelaltermarkt?


Am Ende der Straße erkannte Leyla eine Schmiede. Funken stoben in einem leuchtenden Bogen durch die Luft, während ein kräftiger Mann mit gleichmäßigen, geduldigen Schlägen auf einen Amboss einhämmerte. 


„Sind das Schwerter?" murmelte sie fast tonlos. 


Langsam entfernte sie sich von der Tür, durch die sie gekommen war, ohne den Blick von der fremden Welt um sich lösen zu können. 


Ihr Blick blieb an einem Mann hängen, der am Straßenrand saß und eine Hand nach den vorbeiströmenden Passanten ausstreckte. Instinktiv verspürte Leyla den Drang, in ihrer Tasche nach Kleingeld zu suchen. 


Dann bemerkte sie das Fell. Hellbraun. Dicht. 


Verwirrt trat sie einige Schritte näher heran, und erst jetzt erkannte sie es wirklich: der Kopf eines Wolfes, aus einem Körper herauswachsend, der völlig von Fell bedeckt war. 


„Ist das ein Furry? Ein Cosplayer?" Sie musterte ihn einen kurzen Momment länger. „Obwohl… wie ein Kostüm sieht das wirklich nicht aus…" 


—DONG— —DONG—


Das plötzliche Dröhnen von Kirchenglocken fuhr ihr durch den ganzen Körper und ließ sie zusammenzucken. 


Ihr Blick schoss sofort zu einer kleinen Kirche am Rand des Platzes. Über dem Eingang hing eine Glocke, die noch in langsamen Wellen nachschwang. Irgendetwas daran nagte an ihr. 


War es das Kreuz? Es sah eher aus wie ein verzerrtes ,,K’’.


Leylas Herz begann schneller zu schlagen. Eine träge, klebrige Übelkeit breitete sich in ihrem Magen aus. Die Luft war plötzlich zu schwer, zu voll, zu laut. 


„Ich muss hier weg", murmelte sie leise. 


Benommen stolperte sie in eine schmale, schattige Seitengasse – und prallte dort sofort gegen jemanden. 


„Tut mir leid…" begann sie erschrocken. 


Noch bevor sie richtig aufblicken konnte, erklang eine raue Männerstimme. Tief. Leicht belustigt.


[???] „Was führt eine so hübsche Dame hierher? Und das ganz allein?"



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Leyla hob langsam den Blick. 


Direkt vor ihr stand ein Mann mit struppigem schwarzem Bart und ungepflegtem Haar. Sein Gesicht wirkte aufgedunsen, die Augen schmal und wach zugleich. Seine Kleidung war schmutzig und zerknittert, als hätte er sie seit Tagen nicht gewechselt. 


Sofort stieg ihr ein schwerer, unangenehmer Geruch in die Nase. 


Hastig wich sie einen Schritt zurück. 


„Ich bin Helmer, freut mich." Ein schiefes Grinsen zog sich über sein Gesicht. „Du wirkst so, als hättest du dich verlaufen." 


Leylas Magen zog sich zusammen. Sie wollte nicht mit ihm reden. Sie wollte eigentlich nur weg – so weit wie möglich und so schnell wie möglich. Trotzdem antwortete sie, obwohl sie es nicht wollte, mit zitternder Stimme:


„So ähnlich…" 


Helmer trat einen weiteren Schritt näher. 


„Dann lass Helmer dir helfen", sagte er mit einer Ruhe, die nichts Beruhigendes hatte. „Komm einfach mit." 


Leyla öffnete den Mund, um zu protestieren – doch noch bevor ein einziges Wort heraus war, schloss sich seine Hand um ihren Arm. Der Griff war fest. Zu fest. Ein scharfer Schmerz zog sofort durch ihren Unterarm, und sie versuchte instinktiv, sich loszureißen. Doch ihre Beine fühlten sich schwer an, das Pochen in ihrer Schläfe machte jeden Gedanken dumpf. Sie wollte um Hilfe rufen, wollte schreien, irgendetwas sagen – aber ihre Stimme steckte wie eingemauert in ihrer viel zu trockenen Kehle. 


„Ich will das nicht."


Tränen schossen ihr in die Augen. 


[???] ,,Halt sofort an!’’


Die Stimme fuhr scharf und unvermittelt durch die enge Gasse. Helmer erstarrte. Leyla sah hoch. 


Eine Frau mit rotem Haar war gerade aus einer Seitentür getreten und stellte sich ihnen in den Weg, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. An ihrem Gürtel hing ein langes Schwert, dessen Griff abgenutzt war.


„Sie hat sich verlaufen", erklärte Helmer sofort, und trat dabei leicht zur Seite, als wollte er damit die Sicht auf Leyla verdecken. „Ich zeige ihr bloß den Weg." 


Die Rothaarige ließ den Blick kurz und gleichgültig über ihn gleiten. Dann sah sie direkt zu Leyla, die Augen leicht verengt, scharf und wachsam. „Stimmt das?" 


Leyla schüttelte sofort den Kopf. „N-Nein", brachte sie mühsam hervor. „Ich kenne ihn nicht." 


Einen Herzschlag lang herrschte Stille. 


Dann lächelte die Frau – ruhig und aufmunternd – und machte einen Schritt auf Leyla zu. „Komm", sagte sie. „Ich helfe dir." 


Anschließend wandte sie sich Helmer zu. Ihre Hand hatte sich dabei auf den Schwertgriff gelegt. „Und du, verpiss dich!" 


Helmer fluchte leise und wich zurück, die Hände halb erhoben. 


In dem Moment, in dem sein Griff nachgelassen hatte, stolperte Leyla sofort zur Rothaarigen hinüber. 


„Geht es dir gut?" fragte die Frau und schenkte ihr ein warmes Lächeln – das erste echte, das Leyla seit ihrem Aufwachen zu sehen bekam.



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Einige Minuten später saßen Leyla und die Frau gemeinsam an einem runden Holztisch. 


Die Rothaarige hatte sie zu sich nach Hause mitgenommen – ein kleines, schlicht eingerichtetes Haus mit knarrenden Dielen, warmem Licht und einem zarten Kräuterduft, der sich durch alle Räume zog. 


Leyla hielt eine Tasse Tee zwischen den Händen. 


Der süßliche Geschmack breitete sich langsam in ihrem Mund aus und wärmte sie von innen. Er beruhigte ihre aufgewühlten Nerven, zumindest ein kleines Stück weit. Doch vollständig entspannen konnte sie sich nicht. Zu vieles fühlte sich falsch an, zu vieles drängte sich gleichzeitig gegen die Innenseite ihres Schädels. 


Wo war sie hier? Und was wäre passiert, wenn diese Frau nicht eingegriffen hätte? 


Der Gedanke ließ ihren Magen erneut schwer werden. 


,,Wie ist dein Name?’’ Die ruhige Stimme der Frau riss sie aus ihren Gedanken. 


„Leyla", antwortete sie knapp. „Und deiner?" 


Zum ersten Mal nahm sie sich einen Moment, die Frau wirklich zu betrachten. Sie schien etwas älter als Leyla – nicht viel, aber spürbar. Ihre grünen Augen strahlten eine gelassene Ruhe aus, die beinahe im Widerspruch zu den lockigen roten Haaren stand, die sich ihr wenig zahm um die Schultern ringelten. 


„Ich bin Roxanne", antwortete sie mit dem warmen Lächeln. „Aber nenn mich bitte Roxy." 


„Roxy…" wiederholte Leyla leise. 


Langsam, unaufhaltsam breitete sich eine bedrückende Gewissheit in ihr aus. Das hier war kein Mittelaltermarkt. Keine Convention, kein Filmset, keine ausgeklügelte Kulisse. Selbst wenn die Menschen Deutsch sprachen, fühlte sich alles zu fremd an.


Aber Leyla wollte Sicherheit. Wenigstens eine klare Antwort, an der sie sich festhalten konnte, bevor alles um sie herum vollends verschwamm. 


Unsicher hob sie den Blick. „Roxy… wo sind wir hier eigentlich?" 


Roxy legte leicht den Kopf schief – nicht unfreundlich, eher interessiert.  „Wenn du nicht mal das weißt, musst du dich wirklich ziemlich verlaufen haben." 


Leyla nickte nur und wich ihrem Blick aus. 


„Nun", begann Roxy schließlich, die Stimme ruhig und gleichmäßig wie fließendes Wasser, „wir sind in Migar. Dem schönsten Dorf der Mittellande." 


„Der Mittellande?" hakte Leyla sofort nach. Der Name sagte ihr überhaupt nichts. Kein Funken Wiedererkennung, kein Anknüpfungspunkt. Nur ein fremdes Wort in einer fremden Welt.



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Roxy stand auf, reckte sich kurz und griff nach ihrem Schwert, das an der Stuhllehne hing. Die Bewegung wirkte beiläufig, als würde sie ihren Wohnungsschlüssel aufheben.  


„Komm", sagte sie dann. „Ich erkläre es dir auf dem Weg zum Trunk. Dort kannst du schlafen." 


Leyla nickte und erhob sich ebenfalls. 


Während sie Roxy zur Tür folgte, ließ sie den Blick noch einmal durch das kleine Zimmer wandern. Es wirkte nicht wie ein Ort, an dem jemand wirklich lebte – eher wie eine Unterkunft auf Zeit, die man bezog und wieder verließ. Die wenigen Möbel waren schlicht und zweckmäßig, persönliche Gegenstände fehlten beinahe vollständig. Keine Bilder, keine Kleinigkeiten, nichts, das von ihrem Leben erzählt hätte. 


Leyla überlegte einen Moment, ob sie nachfragen sollte – entschied sich dann aber dagegen. 


Draußen empfing sie erneut das geschäftige Treiben des Dorfes. Stimmen hallten durch die staubigen Straßen, irgendwo klapperten Wagenräder rhythmisch über den festen Boden, und aus einem offenen Fenster drang der Geruch von gebratenem Fleisch. Leyla rümpfte die Nase. 


„Wir sind im Herzogtum der Mittellande", begann Roxy, den Blick geradeaus gerichtet. „Eines von vielen im Kaiserreich." 


Das Kaiserreich. 


Leyla wiederholte das Wort innerlich, als könnte sie es so greifbar machen. Ein echtes Kaiserreich? Mit einem echten Kaiser? 


„Die Hauptstadt der Mittellande liegt nördlich – Sie heißt Malyl." Roxy machte eine kurze Pause. „Regiert von der Familie de Coteau." 


Der Tonfall war neutral. Zu neutral. 


„Ist das… gut?" fragte Leyla vorsichtig. 


Roxy warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. „Es ist wie es ist." 


Leyla beschloss, die Antwort vorerst so stehen zu lassen. 


„Im Osten liegen die Larifen", fuhr Roxy fort. „Das höchste Gebirge des Landes. Dahinter beginnt das direkte Einflussgebiet der Kaiserstadt." Sie warf Leyla einen prüfenden Seitenblick zu. „Und im Westen die Hamalien, im Süden der Grünwald." 


Leyla merkte, dass sie versuchte, alles gleichzeitig zu behalten. Namen, Himmelsrichtungen, Grenzen. Als würde das Verstehen der Karte ihr irgendwie helfen, zu begreifen was passiert war. 


Es half nicht. 


Nach einem Moment fragte sie: „Gibt es hier Bibliotheken? Oder so etwas wie eine Universität?" 


Roxy sah sie kurz an. Diesmal etwas länger. „In Malyl gibt es beides. Eine der größten Bibliotheken des Kaiserreichs. Und eine Magierakademie." Eine kurze Pause. „Warum?" 


Leyla zuckte die Schultern, bemüht beiläufig. „Ich muss irgendwo anfangen."



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Müde öffnete Leyla die Tür zu ihrem Zimmer. 


Zu ihrem Zimmer. 


Der Gedanke fühlte sich noch immer seltsam an, wie ein Kleidungsstück, das nicht ganz passte. Es war ein kleines Zimmer im Grünwalder Trunk – gemietet von Roxy, für sie. Nachdem der Tag ihr kaum einen Moment Ruhe gelassen hatte, hatten die Gespräche mit Roxy sich bis weit in den Abend gezogen. 


Inzwischen war es draußen dunkel. 


Leylas Blick fiel auf das schmale Bett in der Ecke des Raumes. Darauf lagen eine dünne braune Decke und ein weißes Kissen, dessen Stoff schon sichtbar viele Nächte erlebt hatte. 


Ohne lange nachzudenken streifte sie ihre Kleidung ab und ließ sich schwer auf die Matratze fallen. 


—QUIETSCH— 


Das Bett gab unter ihrem Gewicht ein langes, klagendes Geräusch von sich. 


„Na super." 


Leyla verzog müde das Gesicht. 


Einen Moment lang starrte sie einfach nur an die dunkle Decke. Sie hatte kein Handy mehr. Kein vertrautes Leuchten vor dem Schlafen.


Dann schloss sie langsam die Augen. 


Alles fühlte sich unwirklich an. Der Marktplatz mit seinen fremden Waren und seinem fremden Lärm. Die Menschen, deren Kleidung zu echt gewesen war, um Kostüme zu sein. Das Fell des Mannes am Straßenrand. Die Mittellande. Herzogtümer in einem Kaiserreich. 


Dies war wirklich eine andere Welt.

 
 
 

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