Kapitel 19 - Fer Stahl
- empirewebnovel
- 3. Sept. 2024
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Aktualisiert: vor 23 Stunden

Das warme Licht der goldenen Kristalle in den gewaltigen Höhlendecken von Erzofen tauchte die Stadt in einen ewigen Dämmerglanz. Straßen, Treppen und steinerne Brücken zogen sich durch die riesige unterirdische Metropole wie Adern durch einen Berg aus schwarzem Fels, und zwischen den hohen Hallen hallten Stimmen, Hammerschläge und das entfernte Kreischen von Loren wider.
Fer ließ seinen Blick über den gewaltigen Stadtkrater im Zentrum schweifen, während er langsam die breite Treppe hinaufstieg. Von hier oben wirkte Erzofen noch majestätisch – die Paläste der alten Familien ragten aus dem Stein hervor wie Denkmäler einer vergangenen Zeit, Fassaden, Säulen und Balkone mit Gold und Silber verziert, Zeugen von Jahrhunderten des Reichtums.
Doch der Glanz täuschte. Fer wusste das besser als die meisten.
Fast die Hälfte aller Minen war inzwischen versiegt. Gold, Silber und Edelsteine wurden längst nicht mehr in den alten Mengen gefördert, viele Schächte standen leer, verlassen von den Familien, die dort einst Generationen lang gearbeitet hatten.
Auch die Familie Stahl hatte der Niedergang schwer getroffen. Seit über dreitausend Jahren waren die Stahls Goldschmiede gewesen – sie hatten das Kaiserreich beliefert, und lange bevor es überhaupt existiert hatte, hatten selbst das Elfenreich und der Vampiradel Schmuckstücke aus ihren Werkstätten getragen.
Damals war Gold beinahe selbstverständlich gewesen. Heute war jedes Gramm kostbar. Die eigene Familienmine war bereits vor fünfzehn Jahren erschöpft, und auch im Wesirgraben waren die meisten Vorkommen mittlerweile nahezu vollständig abgebaut.
Fer bog in die Handwerksgasse ein. Fast vierzig Häuser und Werkstätten waren direkt in den Fels geschlagen worden, aus offenen Fenstern drangen Licht, Hitze und der Klang arbeitender Hämmer, und der Geruch von geschmolzenem Metall und Kohle lag schwer in der Luft. Doch selbst hier hatte sich etwas verändert. Früher hatten die Straßen voller Kunden gestanden. Heute wirkten viele Werkstätten still.
Während Gold immer teurer wurde, blieben die Preise für den Schmuck seiner Familie nahezu unverändert – die Händler des Kaiserreichs weigerten sich, mehr zu zahlen. Fer erinnerte sich an das Gespräch zwischen seinem Bruder Reval und einem Händler aus den Mittellanden. Der Mann hatte nur mit den Schultern gezuckt.
,,Zwergenproblem.’’
Fer spürte, wie sich die Sorgen erneut schwer auf seine Schultern legten. Nicht nur seine Familie kämpfte ums Überleben – ganz Erzofen tat es. Langsam blieb er vor dem steinernen Eingang des Familienanwesens stehen. Das alte Symbol der Familie Stahl war noch immer über der Tür eingraviert, doch selbst das Gold darin hatte längst seinen Glanz verloren.
Einen Moment verharrte Fer schweigend davor.
Dann öffnete er die Tür und trat ein.
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„Es ist wieder eine Ader versiegt."
Fer hob langsam den Blick zu seinem älteren Bruder. Reval Stahl saß ihm auf der anderen Seite des schweren Holztisches gegenüber, und das flackernde Licht des Kamins ließ die tiefen Schatten unter seinen Augen noch deutlicher hervortreten. Seit dem Tod ihres Vaters lag die gesamte Verantwortung der Familie auf seinen Schultern.
Ihr Urgroßvater hatte einst als Belohnung für seine Verdienste um Erzofen die Schürfrechte im Wesirgraben erhalten. Die Schlucht war damals reich an Goldadern gewesen, und über Generationen hinweg hatte die Familie Stahl dort Minen betrieben und sich einen Namen als Goldschmiede gemacht, deren Arbeiten selbst außerhalb der Zwergenreiche bekannt waren. Doch dieser Wohlstand zerfiel langsam. In den vergangenen Jahrzehnten waren immer mehr Minen versiegt – und nun war eine weitere gefallen.
„Dabei hatten wir schon vorher Probleme, genug Gold für die Schmiede zu fördern", sagte Fer leise.
Sein Blick ruhte auf der Glut des Kamins. Das Feuer brannte nur noch schwach und warf flackernde Schatten über die Steinwände, die Wärme erreichte kaum noch die hinteren Ecken der Halle.
„Wenn das so weitergeht…" Revals Stimme wurde leiser. „…sind wir in spätestens zwei Jahren bankrott."
Die Worte hingen schwer in der Luft. Reval umklammerte den Bierkrug in seinen Händen so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten, seine Schultern eingesunken, als hätte ihn die Last der vergangenen Monate langsam niedergedrückt. Fer kannte diesen Blick – er hatte denselben Ausdruck bereits bei ihrem Vater gesehen. Zu viel Verantwortung. Zu wenig Hoffnung.
„Ich werde einfach mehr arbeiten müssen", sagte Reval schließlich mit erzwungen ruhigem Tonfall. „Zusätzlich können wir Gold von außerhalb kaufen. In Marnstein sind die Preise etwas besser. Ich könnte alle paar Monate selbst dorthin reisen."
Fer schwieg. Natürlich würde Reval das tun – er würde sich bis zur völligen Erschöpfung antreiben.
„Wenn er so weitermacht, endet er genauso wie Vater."
Still aß er ein Stück von dem Braten, den Reval zubereitet hatte. Eigentlich hatte er seinen Entschluss längst gefasst, hatte tagelang darüber nachgedacht. Und er wusste bereits jetzt, dass sein Bruder die Idee hassen würde. Schließlich legte Fer das Besteck langsam beiseite.
Sein Blick fiel noch einmal auf den alten Altar in der Ecke des Raumes. Er zeigte einen gehörnten Mann, den sein Vater stets den „Schutzherr der Zwerge" genannt hatte.
„Ich werde auf Reisen gehen, Bruder."
Reval hob den Kopf und sah Fer an, doch der ließ sich nicht beirren. „In Malyl gibt es Abenteurergilden. Wenn ich mich dort einer anschließe, kann ich gutes Geld verdienen und es nach Hause schicken."
Einen Moment starrte Reval ihn einfach an. Dann wich jede Farbe aus seinem Gesicht.
„Nein." Seine Stimme war schärfer als zuvor. „Das ist viel zu gefährlich." Er stellte den Krug hart auf den Tisch. „Außerdem ist es meine Aufgabe als Familienoberhaupt, für unseren Wohlstand zu sorgen. Nicht deine." Er schüttelte entschieden den Kopf. „Ich erlaube dir nicht, diesen Plan umzusetzen."
Fer lächelte nur müde. „Bruder. Denk wenigstens darüber nach."
Stille breitete sich aus. Das Feuer knackte leise im Kamin, während Reval schweigend in die Glut starrte. Mehrere Minuten vergingen, bevor er sprach.
„Du hast nicht unrecht", gab er widerwillig zu, die Stimme erschöpft. „Die Gilden wären vermutlich der schnellste Weg, viel Geld zu verdienen." Er nahm einen langen Schluck Bier. „Mit genug Kapital könnten wir die Werkstätten umbauen, neue Handelswege aufbauen – vielleicht sogar unabhängiger vom Gold werden."
Fer nickte langsam. „Also erlaubst du es mir?"
„Nein." Diesmal kam die Antwort leiser. Trauriger. „Das Risiko ist zu hoch." Reval sah ihn direkt an. „Einer von vier Abenteurern überlebt das erste Jahr nicht. Und nur einer von fünf erlebt überhaupt das zehnte." Seine Stimme wurde brüchiger. „Dein Tod ist mir diesen Weg nicht wert."
Langsam stand er auf, trat zu seinem Bruder hinüber und legte ihm schwer die Hand auf die Schulter.
„Denk auch an Irne", sagte er leise. „Denk an das Kind in ihrem Bauch."
Fer senkte kurz den Blick. Reval verweilte noch einen Augenblick, dann wandte er sich ab und ging in Richtung der Schlafräume. Kurz vor der Tür blieb er stehen.
„Bitte, Fer." Er drehte sich nicht um. „Vertrau mir. Ich finde irgendeinen Weg."
Dann verschwand er in der Dunkelheit des Ganges und ließ Fer allein am langsam verglühenden Feuer zurück.
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Fer betrachtete schweigend das Gesicht seiner Frau.
Irnes blonde Locken lagen ungeordnet auf dem Kissen verstreut, halb verborgen im warmen Schein der kleinen Öllampe neben dem Bett. Selbst im Schlaf wirkte ihr Gesicht ruhig und sanft – noch immer genauso schön wie an dem Tag, an dem sie zum ersten Mal den Laden seiner Familie betreten hatte. Damals hatte sie eigentlich nur einen Ring reparieren lassen wollen.
Fer lächelte schwach bei der Erinnerung.
Langsam beugte er sich zu ihr hinunter und gab ihr einen vorsichtigen Kuss auf die Stirn. Irne reagierte nicht. Natürlich nicht – sie schlief immer tief wie ein Stein und Fer liebte das an ihr. Er konnte nachts neben ihr arbeiten, Metall schleifen oder Schmuckstücke polieren, ohne dass sie aufwachte. Selbst Hammerschläge aus den unteren Werkstätten hatten ihren Schlaf selten gestört.
Sein Blick glitt unwillkürlich zu ihrem Bauch. Noch war kaum etwas zu sehen, und trotzdem fühlte sich der Gedanke seltsam unwirklich an.
Ein Kind. Sein Kind.
„Hoffentlich bekommt es deinen Schlaf…" flüsterte er.
Vorsichtig zog er den zusammengefalteten Brief aus seiner Tasche und legte ihn neben Irne auf das Kopfkissen. Der Abschiedsbrief wirkte plötzlich viel schwerer, als er erwartet hatte. Einen kurzen Moment blieb Fer regungslos stehen. Dann zwang er sich, den Blick abzuwenden, und verließ leise das Schlafgemach.
Die Gänge des Familienanwesens lagen still und dunkel da, nur das entfernte Glimmen der Schmieden warf schwaches Licht über die Steinwände. Fer ging hinüber zu seiner Werkstatt und blieb einen Moment stehen, den Blick schweigend über die Waffen an der Wand gleiten lassend. Äxte, Hämmer, alte Schilde – Erinnerungen an Generationen von Zwergen, die ihre Familien verteidigt hatten.
Schließlich blieb sein Blick an einer Streitaxt hängen. Seiner Streitaxt. Er hatte sie von seinem ersten eigenen Einkommen gekauft, damals noch voller Stolz und völlig überzeugt, dass er sie vermutlich niemals ernsthaft brauchen würde. Langsam nahm er sie von der Wand und legte sie sich über die Schulter. Dann griff er nach dem Eisenhelm, den Reval ihm erst vor wenigen Wochen geschenkt hatte. Das Metall fühlte sich schwer an – fast wie eine letzte Erinnerung an seinen Bruder.
Er schwieg einen Moment. Dann nahm er noch drei Goldmünzen aus einer kleinen Holzschatulle und stopfte Proviant in seine Tasche: Brot, getrocknetes Fleisch, Wasser. Nicht viel, aber genug für den Anfang.
Schließlich zog Fer den zweiten Brief aus seiner Manteltasche. Im Gegensatz zum ersten war dieser deutlich kürzer. Langsam begann er ihn erneut zu lesen.
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,,Reval, mein Bruder.
Ich weiß, dass du meine Entscheidung nicht gutheißen wirst, sobald du bemerkst, dass ich fort bin. Aber ich kann nicht weiter zusehen, wie du denselben Weg gehst wie Vater.
Du sagst mir, ich soll an Irne denken. Doch du hast ebenfalls Malya. Und Frek und Mita, die ihren Vater brauchen. Deshalb verstehst du sicher besser als jeder andere, warum ich das tun muss.
Glaub mir, ich wünschte, ich könnte bleiben. Ich wünschte, es gäbe einen anderen Weg. Aber ich sehe keinen mehr.
Sobald ich Malyl erreicht habe, werde ich euch schreiben. Und sobald ich Geld verdiene, schicke ich es nach Hause. Bitte pass in meiner Abwesenheit auf Irne auf.
Und falls mir etwas zustoßen sollte, dann erzieh mein Kind bitte so, dass es stolz darauf sein kann, den Namen Stahl zu tragen.
Ich liebe dich, Bruder.
Fer’’
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Fer ließ seinen Blick schweigend über die Pferde im Stall gleiten. Die grauen Tiere wirkten kräftig und widerstandsfähig, gebaut für lange Reisen durch Regen, Schlamm und Gebirge. Das schwarze Pferd daneben war größer als die anderen, seine dunklen Muskeln zeichneten sich deutlich unter dem glänzenden Fell ab, und in seinen Augen lag etwas Stolzes, Kämpferisches.
Doch Fers Aufmerksamkeit blieb schließlich an den beiden weißen Pferden hängen. Ihr dichtes Fell glänzte im warmen Licht der Morgensonne, das durch die offenen Fenster des Stalls fiel und den Raum in goldene Farben tauchte. Ihre Augen wirkten ruhig, vertrauensvoll, sanft. Fer war allerdings nie jemand gewesen, der Tiere nach Schönheit auswählte.
Er befand sich in Remerich, einer kleinen Stadt unweit von Erzofen. Von hier aus würde seine Reise beginnen – ein Gedanke, der sich noch immer seltsam unwirklich anfühlte.
Langsam atmete er ein.
Der Stall roch nach Heu, Leder und Pferdehaar, vertraute, ehrliche Gerüche, und für einen kurzen Moment spürte er eine Ruhe, die er seit Wochen nicht mehr gefühlt hatte. Doch darunter lag Anspannung. Er wusste, dass diese Entscheidung sein gesamtes Leben verändern würde.
[???] „Wenn Ihr ein starkes Kriegspferd sucht, Herr Zwerg, dann solltet Ihr Euch dieses hier genauer ansehen."
Fer drehte sich um. Der Pferdehändler war ein breitschultriger Mann mittleren Alters mit buschigem Bart und einem Gesicht, das ständig kurz davor wirkte zu grinsen. Er strich stolz über den Hals des schwarzen Pferdes, das kräftig schnaubte und mit den Hufen über den Boden scharrte, als wolle es die Worte bestätigen.
„Beeindruckend", gab Fer zu und ignorierte die leicht herablassende Betonung von Herr Zwerg. „Aber ich suche eher nach zuverlässigen Zugpferden." Er deutete auf die beiden weißen Tiere. „Wie sieht es mit denen aus?"
„Gute Wahl." Der Händler nickte. „Die beiden sind keine Rennpferde, aber sie halten durch. Stark, ruhig, zuverlässig – genau das, was man für lange Reisen braucht."
Fer trat näher heran. Die Tiere blieben ruhig. Das gefiel ihm.
„Wie viel?"
Der Händler lächelte breit, als hätte er genau auf diese Frage gewartet. „Zwei Goldstücke. Dann gehören beide Euch."
Fer spürte, wie schwer die Summe in seinem Kopf nachklang. Zwei Gold – für viele Menschen genug, um sich in einer Großstadt eine kleine Wohnung zu kaufen, auf dem Land beinahe einen ganzen Hof. Doch ohne Pferde würde die Reise nach Malyl deutlich schwieriger werden. Er schwieg einen Moment, ließ sich Zeit mit den Worten.
„Zwei Gold sind ein hoher Preis." Er deutete nach draußen auf den alten Planwagen im Hof. „Wenn der Wagen dazugehört, haben wir ein Geschäft."
Der Händler lachte laut auf. „Ihr Zwerge seid wirklich unangenehme Verhandler. Aber ich mag Leute mit Rückgrat." Er streckte die Hand aus. „Abgemacht."
Es dauerte nicht lange, bis die beiden weißen Pferde aus dem Stall geführt wurden. Ruhig ließen sie sich vor den Planwagen spannen, während der Händler noch einmal die Gurte kontrollierte und den Wagen ein Stück vorzog. Die Räder ratterten gleichmäßig über den Hof.
„Sieht alles gut aus."
Fer nickte, übergab die Goldmünzen und gab dem Mann einen festen Händedruck. Kurz darauf stand er allein neben dem Wagen. Der Morgenwind strich durch seinen Bart, während die beiden Pferde ruhig nebeneinander schnaubten.
Er betrachtete sie einen Moment schweigend. Dann lächelte er schwach.
„Na gut", murmelte er. „Dann sind wir jetzt wohl zu dritt."
Vorsichtig strich er einem der Pferde über den Hals. Dann kletterte er auf den Wagen.
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Fer konnte seine Augen kaum noch offen halten. Der lange Reisetag hatte ihn vollkommen ausgelaugt, seine Schultern schmerzten vom Halten der Zügel, und selbst das aufrechte Sitzen fiel ihm schwer. Die Dunkelheit, die sich langsam über die Landschaft legte, machte den Weg zusätzlich gefährlich.
Schwere Wolken bedeckten den Himmel. Nur gelegentlich brach das blasse Licht des Skullaers zwischen ihnen hervor und legte einen kalten silbernen Schimmer über die Straße, einsam inmitten der schwarzen Nacht. Im hinteren Teil des Wagens klapperten die Holzkisten leise bei jeder Unebenheit – Waren für Malyl, ein kleiner Auftrag, nicht besonders lukrativ, aber genug, um die Reisekosten zu decken.
Fer rieb sich müde über die Augen.
Da blieben die Pferde plötzlich stehen. Sein Körper spannte sich an. Die beiden weißen Pferde schnaubten nervös und stampften unruhig mit den Hufen auf den Boden. Fer griff nach der Laterne und ließ den Blick in die Dunkelheit wandern.
Augen. Mehrere leuchtende Punkte zwischen den Bäumen. Ein ganzes Wolfsrudel bewegte sich langsam aus der Finsternis heraus – fast ein Dutzend Tiere, die den Wagen bereits umkreisten.
Fer fluchte leise. Die Tiere hätten ihn allein vermutlich ignoriert. Aber nicht die Pferde. Und ohne die Pferde war seine Reise vorbei.
Er griff nach der Streitaxt und sprang vom Wagen. Das Rudel veränderte seine Bewegung – vorsichtiger, hungriger. Der erste Wolf sprang plötzlich vor. Fer riss die Axt hoch, doch das Tier war zu schnell. Mit einer geschmeidigen Bewegung wich es zurück und verschwand wieder im Kreis der anderen.
Die Wölfe kamen näher. Schritt für Schritt.
Zwei griffen gleichzeitig an. Fer reagierte instinktiv und rammte die Axt mit voller Kraft nach vorne – die Klinge bohrte sich tief in den Schädel des ersten Tieres, ein schmerzerfülltes Jaulen zerriss die Nacht. Doch im selben Moment traf ihn der zweite Wolf. Scharfe Zähne bohrten sich brutal in sein rechtes Bein.
Fer schrie auf. Der Schmerz riss ihm beinahe den Verstand fort. Er verlor das Gleichgewicht, stürzte schwer zu Boden, und die Axt glitt ihm aus den Händen und landete mehrere Schritte entfernt im Dreck. Verzweifelt streckte er die Hand danach aus.
Zu weit.
Die Wölfe bewegten sich bereits wieder auf ihn zu. Warmes Blut lief über seinen Unterschenkel.
„Sterbe ich wirklich hier…?"
Dann verschwand plötzlich jedes Geräusch.
Keine Wölfe. Kein Wind. Keine Pferde. Vollkommene Stille. Fer erstarrte. Langsam bemerkte er Bewegung auf dem Boden – kleine Blumen, die mitten auf der kalten Straße aus der Erde wuchsen und sich innerhalb weniger Augenblicke um ihn ausbreiteten wie ein stilles Meer aus Farben.
Die Wölfe flohen. Nicht hektisch, nicht panisch, sondern… ehrfürchtig.
Fer blickte auf. Eine Gestalt näherte sich langsam, das lange Haar leicht im Wind bewegt. Und auf ihrem Kopf – zwei grüne, geschwungene Hörner.
Die Frau beugte sich ruhig zu ihm herunter. „Dein Name ist Fer Stahl, richtig?" Ihre Stimme war nicht laut, doch inmitten dieser unnatürlichen Stille hallten die Worte durch seinen Kopf.
Verwirrt nickte er. Woher kannte sie seinen Namen?
Die Frau betrachtete ihn einen Moment schweigend. Dann sprach sie erneut, die Augen ruhig, fast traurig. „Geh nach Hemmingen. Dort wird man dich heilen."
Fer blinzelte.
Und sie war verschwunden. Die Blumen ebenfalls. Die Nachtgeräusche kehrten schlagartig zurück – Wind, Pferde, das ferne Heulen der Wölfe irgendwo in der Dunkelheit. Eines der weißen Pferde wieherte nervös.
Fer starrte benommen in die Nacht. Hatte er halluziniert? Geträumt? Dann meldete sich der pochende Schmerz in seinem Bein.
Er verzog das Gesicht, griff nach der Axt und stemmte sich mühsam wieder hoch.
„Na wunderbar", murmelte er erschöpft. „Auf nach Hemmingen… huh?"



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