Kapitel 16 - Verloren in der Dunkelheit
- empirewebnovel
- 30. Aug. 2024
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen

Tag 1:
Leylas ganzer Körper schmerzte, als sie langsam zu Bewusstsein kam. Ein dumpfes, pochendes Gefühl zog sich durch ihre Glieder, und das kalte Eisen der Handschellen schnitt schmerzhaft in ihre Haut.
—TROPF—
Sie konnte nichts sehen – irgendetwas verdeckte ihre Augen. Der widerliche Geschmack eines Knebels in ihrem Mund verursachte einen Würgereflex, den sie aktiv unterdrücken musste.
—TROPF—
Das leise Tropfen von Wasser hallte durch den Raum. Ein stetiger, fast hypnotischer Klang, der von der bedrückenden Stille verschluckt wurde. Es war kalt. Eiskalt. Die Kälte kroch über ihre Haut, bis in ihre Knochen, und ließ sie unkontrolliert zittern.
—TROPF—
„Wo bin ich?" Die schneidenden Erinnerungen an den letzten Abend stiegen langsam in ihr auf. „Ach ja… ich wurde entführt."
—TROPF—
Eine Welle aus Angst und Verzweiflung überrollte sie. Sie wollte schreien, doch der Knebel erstickte jedes Geräusch. Sie zerrte an den Ketten – doch sie wusste, dass ihre Kräfte niemals ausreichen würden, um sich zu befreien. Erschöpft ließ sie die Arme wieder sinken, die Ketten klirrten leise nach.
—TROPF—
Ob Liam wohl nach ihr suchte? Hatte er ihre Schreie überhaupt gehört? Und wo zur Hölle war sie?
—TROPF—
Die Beklommenheit, die sie spürte, war überwältigend. Sie fühlte sich allein – aber nicht auf die freie Art, wie sie sich vor dem Treffen mit Liam gefühlt hatte. Nein. Es war die Art von Einsamkeit, die das Herz schwerer machte, mit jedem Atemzug ein kleines Stück mehr.
—TROPF—
„Was haben sie vor?" Die Vorstellung ließ sich kaum verdrängen. „Werden sie mich versklaven? Foltern? Töten?"
—TROPF—
Leyla konnte nicht verhindern, dass Tränen unter ihrer Augenbinde hervorliefen und ihre Wangen hinabrollten. Sie zitterte nicht mehr nur vor Kälte, sondern auch vor Angst. Der Gedanke daran, wie leicht sie in eine Lage wie diese geraten war, ließ ihr Blut in den Adern gefrieren.
—TROPF—
„Ich will das nicht…“
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Tag 2:
Leylas ganzer Körper schmerzte und verhinderte, dass sie wirklich schlafen konnte. Dann hörte sie Schritte, die sich ihr näherten.
—TROPF—
„Wer ist das?" Ihre Gedanken begannen erneut zu rasen, während die Schritte immer lauter wurden. „Sind es die Männer von gestern? Oder jemand anderes?"
—TROPF—
Die Schritte hielten direkt vor ihr inne. Eine kalte Frauenstimme zerschnitt die bedrückende Stille wie ein Messer: „Wenn du ruhig bleibst, geb' ich dir was zu essen."
—TROPF—
Leyla spürte, wie ihr Herzschlag schneller wurde. Diese Stimme war ruhig, fast emotionslos – doch sie ließ eine unmissverständliche Gefahr erahnen. Es war keine Stimme, die Mitleid versprach, sondern eine, die Befehle erteilte, ohne auf eine Antwort zu warten. Leyla hielt den Atem an und nickte vorsichtig. Sie wusste, dass sie in ihrer Lage keine andere Wahl hatte, als mitzuspielen.
—TROPF—
Der Knebel wurde grob aus ihrem Mund entfernt, und für einen kurzen Moment konnte Leyla ihren Kiefer bewegen, der vor Schmerz protestierte. Doch ehe sie etwas sagen konnte, schob sich bereits ein Löffel in ihren Mund. Die Pampe war fad und klebrig, und jeder Bissen fühlte sich an, als würde er in ihrer trockenen Kehle stecken bleiben. Trotzdem aß Leyla alles, was ihr gereicht wurde. Sie wusste, dass sie jede Kraft brauchen würde, wenn sich die Gelegenheit zur Flucht ergab.
—TROPF—
Plötzlich spürte sie, wie sich die Ketten lösten, die ihre Handgelenke so lange malträtiert hatten. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihre Arme, als das Blut wieder in die tauben Gliedmaßen floss – Leyla musste sich zusammenreißen, um nicht laut aufzustöhnen.
—TROPF—
Gerade als sie den Mut aufbringen wollte, ein Wort zu stammeln oder eine Frage zu stellen, wurde der Knebel erneut in ihren Mund gedrückt. Die Finger, die ihn anbrachten, waren fest und unerbittlich und ließen keinen Raum für Widerstand. Dann entfernten sich die Schritte langsam, und Leyla sank gegen die kalte, harte Wand hinter ihrem Rücken.
—TROPF—
Die Dunkelheit kehrte zurück, bedrückender und kälter als zuvor. Leyla fühlte die kurze Freiheit, die sie für einen Moment gespürt hatte, wie Sand durch ihre Finger rinnen – ihre Hände, auch wenn sie nun frei waren, fühlten sich nutzlos an, und die Dunkelheit lastete auf ihr wie eine unsichtbare Kette, die keine Schellen brauchte.
—TROPF—
,,Eins.’’
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Tag 5:
Leylas ganzer Körper schmerzte, vor allem ihre Fingerkuppen waren völlig wund. Sie hatte begonnen, jeden Winkel des Raumes zu erkunden, in dem sie gefangen gehalten wurde – ihre Fingerspitzen glitten immer wieder über die kalten, rauen Steine der Wände, in der Hoffnung, irgendeinen versteckten Mechanismus oder eine Schwachstelle zu finden. Der Boden war ebenso hart und unnachgiebig wie die Wände, und ihre Füße schmerzten von den vielen Stunden, die sie darauf verbracht hatte.
—TROPF—
,,Siebenhundertdreizehn.’’
Wo eine Tür hätte sein können, fühlte sie nur das kalte Metall eines Gitters. Sie stellte sich vor, dass dahinter ein kleiner Vorraum lag, vielleicht mit einer weiteren Tür, die in den Rest des Gebäudes führte. Immer wieder lauschte sie in die Dunkelheit – irgendwo außerhalb ihrer Zelle erklang regelmäßig das Läuten einer Kirchenglocke, das ihr half, die Zeit zu messen. Dieses monotone Geräusch war ihre einzige Orientierung in einem sonst endlosen Strom aus Dunkelheit und Kälte.
—TROPF—
,,Siebenhundertvierzehn.’’
Die einzige Person, die sie in den letzten Tagen gesehen hatte, war die Frau, die ihr Essen brachte. Leyla hatte ihr insgeheim den Namen „Marie" gegeben, auch wenn sie weder ihren richtigen Namen noch ihre Absichten kannte.
—TROPF—
,,Siebenhundertfünfzehn.’’
Sie hatte angefangen, die Tropfen zu zählen. Am Vortag war sie bei dreitausendsechshundertdreizehn eingeschlafen.
—TROPF—
,,Siebenhundertsechszehn.’’
„Heute werde ich mit ihr sprechen", dachte Leyla entschlossen, während sie nervös an ihrem Knebel kaute. „Vielleicht hilft sie mir… Vielleicht gibt es noch eine Chance."
—TROPF—
,,Siebenhundertsiebzehn.’’
Die vertrauten Schritte hallten durch den Gang, und kurz darauf öffnete sich die schwere Tür. Leyla zuckte unwillkürlich zusammen, als die Frau vor ihr erschien. Ohne ein Wort zog sie Leyla den Knebel aus dem Mund und begann, sie mit der üblichen monotonen Routine zu füttern. Doch diesmal wollte Leyla die Stille nicht ungenutzt verstreichen lassen.
—TROPF—
,,Siebenhundertachtzehn.’’
„Wer bist du? Kannst du mir helfen?" Die Worte kamen schneller über ihre Lippen, als sie nachdenken konnte – heiser, brüchig, an jeden Funken Hoffnung geklammert, den sie noch in sich fand.
—TROPF—
,,Siebenhundert…’’
Ein brennender Schmerz explodierte in Leylas Bauch. Sie keuchte auf, spürte, wie sich ihre Muskeln unkontrolliert zusammenzogen, und sackte nach vorne. Das wenige Essen, das sie gerade zu sich genommen hatte, kam wieder hoch und landete auf dem kalten Steinboden.
—TROPF—
„Was…?" Ihre Gedanken wirbelten durcheinander, als sie die grausame Wahrheit begriffen — die Frau hatte sie getreten. Eine harte Hand packte sie an den Haaren und riss ihren Kopf grob nach oben.
—TROPF—
„Glaub ja nicht, dass ich dir irgendwie helfe", zischte die Frau mit einer Stimme, die vor Kälte triefte. „Ich füttere dich, damit du nicht verreckst. Aber sprich mich noch einmal an, und ich brech dir deine Arme."
—TROPF—
Leyla schluckte schwer, während die Worte wie Scherben in ihr Bewusstsein schnitten. Die Finger in ihrem Haar ließen nach – und im nächsten Moment krachte ihr Kopf mit einem dumpfen Schlag auf den harten Boden. Schmerz breitete sich aus, und die Dunkelheit wurde wieder allumfassend.
—TROPF—
,,Eins.’’
Das vertraute, erstickende Gefühl kehrte zurück, als die Frau ihr den Knebel wieder anlegte. Tränen liefen lautlos über Leylas Wangen, während die Schritte sich entfernten und schließlich verstummten. Der Raum schien noch kälter zu werden, und sie war wieder allein.
—TROPF—
,,Zwei.’’
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Tag 8:
Leylas ganzer Körper schmerzte, ganz besonders ihr Magen vor Hunger. In den letzten Tagen war die Frau nicht mehr zu ihr gekommen.
—TROPF—
,,Zweitausechs.’’
Ihr Kopf fühlte sich an, als wäre er mit Blei gefüllt. Jede Bewegung war eine Qual — ihre Beine taub, ein stetiges Nadeln tief in den Muskeln, ihr Magen in unerbittlichen, dumpfen Wellen. Ihre Gedanken verloren sich in einem nebligen Wirrwarr aus Erschöpfung und Verzweiflung. Selbst das Denken kostete Kraft, die sie nicht mehr hatte.
—TROPF—
,,Zweitausendsieb.’’
Ein Wassertropfen fiel von der Decke und landete auf ihrer Haut. Das kalte, winzige Prickeln durchbrach die dumpfe Taubheit für einen Moment. Ein Luftzug, der durch die Gitterstäbe wehte, streifte wie ein feuchter Schleier über sie und verstärkte das schneidende Gefühl der Kälte, die tief in ihren ausgemergelten Körper kroch.
—TROPF—
,,Zweitaudacht.’’
„Werde... ich hier... sterben...?" Der Gedanke drängte sich ihr auf, begleitet von einer schmerzhaften Welle der Reue. „Warum habe... nur angesprochen…?"
—TROPF—
,,Zweineun.’’
Aus der Ferne vernahm sie das Knarzen einer Tür. Schritte hallten durch den Gang und kamen näher – ein unheilvolles Echo in der bedrückenden Stille. Leyla hielt den Atem an.
—TROPF—
„Freu dich", sagte eine kalte, emotionslose Stimme, die Leyla zusammenzucken ließ. „Du wurdest verkauft. Regis van Marsten hat dich als seine persönliche Sklavin erworben. Er genießt es, seine Mädchen zu brechen, bevor er sie seinem Willen völlig unterwirft. Morgen wirst du abgeholt."
—TROPF—
Die Worte trafen sie wie ein Schlag ins Gesicht. Verkauft. Sklavin.
—TROPF—
Der Knebel wurde grob aus ihrem Mund entfernt, und sie spürte die kühle Berührung von Wasser auf ihren rissigen, vertrockneten Lippen. Sie trank gierig – das erfrischende Nass schien sie für einen flüchtigen Moment wieder zum Leben zu erwecken. Doch bevor sie sich daran stärken konnte, erklang die eiskalte Stimme der Frau erneut. „Zu essen kriegst du nichts." Kein Hauch von Mitgefühl. Nur Feststellung.
—TROPF—
Mit einem erschöpften Seufzen ließ Leyla sich zurück gegen die kalte Steinwand sinken.
—TROPF—
Dann bemerkte sie es. Der Knebel lag noch immer auf dem Boden. Die Frau hatte vergessen, ihn ihr wieder anzulegen.
—TROPF—
„Ich werde mich niemals als Sklavin an einen widerlichen Adligen verkaufen lassen", schwor Leyla sich selbst mit zusammengebissenen Zähnen. „Lieber beiße ich mir die Zunge ab und sterbe hier, als mich ihm auszuliefern."
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Tag 9:
Leylas ganzer Körper schmerzte, doch es war erträglicher als am Tag zuvor. Sie war von lauten Schreien geweckt worden.
—TROPF—
Die Stimmen klangen wirr und unverständlich. Instinktiv kroch sie in eine der Ecken ihrer Zelle und drückte sich gegen die kalten Steinwände, als könnten sie sie verschlucken.
—TROPF—
„Kommt da etwa der Adlige?" Ihr Herz schlug wild in ihrer Brust. Hoffnungslosigkeit hatte sich tief in ihre Gedanken gefressen, und sie war bereit, ihrem Schicksal zu entkommen, bevor es sie einholen konnte. Ihre Zähne bereiteten sich vor.
—TROPF—
Plötzlich wurde die Tür zu ihrer Zelle mit einem lauten Knall aufgestoßen. Schnelle Schritte näherten sich, und sie presste sich tiefer in die Ecke, den Mund leicht geöffnet, die Zähne bereit für den letzten Ausweg.
—TROPF—
„Leyla… ich bin so froh, dich zu sehen."
Die Stimme durchschnitt die Dunkelheit wie ein Lichtstrahl.
„Geht es dir gut? Ich bringe dich hier raus. Du musst keine Angst mehr haben."
Leylas Kiefer stoppte mitten in ihrer Bewegung. War das wirklich Liam? Ihre Gedanken rasten, während ihr Körper unkontrolliert zitterte. Die Tränen, die sie so lange zurückgehalten hatte, brachen nun hervor, als ob sie endlich einen Ausweg gefunden hätten.
Einen kurzen Moment lang konnte sie überhaupt nicht begreifen, was sie da gerade hörte. Ihr Körper begann unkontrolliert zu zittern. War das… wirklich Liam? Ihre Gedanken überschlugen sich. Die letzten Tage hatten ihr beigebracht, niemandem mehr zu vertrauen. Doch allein diese Stimme ließ etwas in ihr zerbrechen – und die Tränen, die sie so lange unterdrückt hatte, brachen plötzlich hervor. Unaufhaltsam.
„L-Liam…?"
Ihre Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern. Rau. Gebrochen.
„Ja", sagte Liam ruhig. „Ich bin es."
Seine Stimme klang sanft. Fast vorsichtig, als würde er Angst haben, irgendetwas zu zerbrechen. Leyla spürte, wie er vor ihr auf die Knie ging – dann löste sich plötzlich die Finsternis. Behutsam zog Liam ihr die Augenbinde ab.
Helles Licht brach sofort über sie herein. Leyla kniff schmerzhaft die Augen zusammen – nach den endlosen Tagen in vollkommener Dunkelheit fühlte selbst das schwache Licht unerträglich an. Alles verschwamm.
Doch noch bevor sie überhaupt richtig sehen konnte, spürte sie Liams Arme um sich. Behutsam hob er sie hoch, fast so, als würde sie nichts wiegen.
Sofort klammerte Leyla sich instinktiv leicht an ihn fest. „D-Du musst vorsichtig sein…" brachte sie schwach hervor. „Hier sind mindestens drei Leute…" Jedes einzelne Wort brannte in ihrem trockenen Hals.
Doch Liam schüttelte ruhig den Kopf. „Nein. Hier ist niemand mehr."
Während er sie durch den langen, düsteren Gang trug, begannen Leylas Augen sich langsam an das Licht zu gewöhnen. Und endlich konnte sie sein Gesicht erkennen. Blut klebte an seiner Kleidung, an seinem Hals, an seinen Händen. Seine Haare waren zerzaust, sein Gesicht angespannt. Die letzten Tage schienen auch an ihm nicht spurlos vorbeigegangen zu sein.
„Liam… du blutest…" murmelte Leyla erschöpft.
„Das ist nicht mein Blut." Seine Arme hielten sie etwas fester. „Mach dir keine Sorgen." Dann wurde seine Stimme plötzlich ungewohnt weich. „Du kannst dich jetzt ausruhen."
Leyla spürte, wie ihr erneut Tränen über die Wangen liefen.
„Du hast durchgehalten", sagte Liam leise.
Einen kurzen Moment lang schloss Leyla einfach die Augen.
„Ich bin jetzt bei dir."
Seine Stimme fühlte sich an wie Wärme. Wie Sicherheit. Die Erschöpfung, gegen die Leyla sich die ganze Zeit verzweifelt gewehrt hatte, begann ihren Körper endgültig zu überwältigen. Ihr Kopf sank langsam gegen seine Schulter, und der gleichmäßige Rhythmus seiner Schritte wirkte beinahe wiegend. Beruhigend. Sicher.
„Er hat mich gerettet…"
Das war der letzte Gedanke, der Leyla durch den Kopf ging, bevor die angenehme Dunkelheit des Schlafes sie schließlich davontrug.



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