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Kapitel 15 - Der Wald der Wölfe

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Ranul.


Leyla blieb kurz stehen und betrachtete das alte Straßenschild am Wegesrand, während sie sich mit zwei Fingern über die schmerzende Schläfe rieb. Seit beinahe einer Stunde wurde das Pochen in ihrem Kopf immer stärker – anfangs hatte sie versucht, es zu ignorieren, doch inzwischen fiel selbst das Denken schwerer. Die Sonne stand hoch am Himmel und brannte unangenehm auf den staubigen Weg herab. 


„Der nächste größere Zwischenstopp müsste Hemmingen sein…" murmelte sie mehr zu sich selbst als zu Liam. 


Neben ihr blieb Liam ebenfalls kurz stehen und betrachtete das Schild. Dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck leicht. „Wir müssen einen Umweg machen."

Leyla sah ihn sofort überrascht an. Nach allem, was passiert war, wollte sie eigentlich keinen Umweg machen – Malyl wartete in Leylas Vorstellung auf sie. Ein Ziel, das sie unbedingt erreichen musste. „Warum?" 


„Vor einigen Monaten ist in Ranul eine Krankheit ausgebrochen", erklärte Liam ruhig. „Jeder, der sich dem Dorf nähert, wird offenbar ebenfalls krank. Seitdem meidet man den Ort vollständig." 


Leyla blickte nach vorne. Ranul selbst war von hier aus nicht zu sehen – das Dorf lag irgendwo unten im Tal verborgen, umgeben von sanften Hügeln und den ersten Ausläufern des Gebirges. Allein der Gedanke an ein verlassenes Dorf voller Kranker ließ ein unangenehmes Gefühl in ihr entstehen. 


„Können wir ihnen nicht helfen?" fragte sie vorsichtig. „Du kannst doch Magie benutzen." 


Liam schüttelte sofort den Kopf. „Nicht bei Krankheiten. Heilungsmagie funktioniert bei frischen Verletzungen – Schnitte, Knochenbrüche, solche Dinge. Aber Krankheiten… nein." Kurz runzelte er nachdenklich die Stirn. „Wobei… Kameristen können so etwas eigentlich heilen." 


Leyla sah ihn fragend an. 


„Genauer gesagt die Priester", erklärte Liam weiter. Er legte leicht den Kopf schief. „Eigentlich ist das ziemlich seltsam…" murmelte er mehr zu sich selbst. 


Doch bevor Leyla weiter nachfragen konnte, bog Liam bereits auf einen schmaleren Pfad ab, der vom Hauptweg weg und näher an das Gebirge führte. 


Leyla seufzte leise. „Ich wünschte trotzdem, wir könnten irgendetwas tun…" 


Während sie ihm folgte, erinnerte sie sich plötzlich an eine Passage aus „Reichsmythologie", die sie erst vor einigen Tagen gelesen hatte. 


„…und so sprach die Fluchhexe ihre Worte und Krankheit befiel das Land des Ursprungs…"


Unwillkürlich runzelte Leyla die Stirn. Was, wenn diese Krankheit ebenfalls ein Fluch war? Nach allem, was sie inzwischen über diese Welt gelernt hatte, erschien ihr selbst so etwas nicht mehr unmöglich. 


Langsam folgte sie Liam den schmalen Gebirgspfad entlang, während das unangenehme Pochen in ihrer Schläfe sie weiter begleitete. Der Wind kam kalt aus den Bergen herab, und ein bedrückendes Gefühl blieb in ihrer Brust zurück – die Art von Gefühl, die man nicht loswird, egal wie schnell man weitergeht.



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Es war bereits Nachmittag, als der schmale Trampelpfad, dem Leyla und Liam seit Stunden folgten, langsam in einen dichten Wald führte. Das unangenehme Pochen in Leylas Schläfe war inzwischen vollständig verschwunden, worüber sie erleichtert war. 


Schon bevor sie den Wald überhaupt betraten, wirkte dieser Ort vollkommen anders als der, in dem sie Liam begegnet war. Wilder. Älter. Fast unberührt. 


Der Pfad war stellenweise von dichtem Gestrüpp überwuchert, und die gewaltigen Bäume bildeten ein dunkles Blätterdach über ihnen, das kaum Sonnenlicht hindurchließ. Selbst tagsüber lag der Wald in dämmrigem Schatten, die Luft kühl und nach feuchter Erde und Moos riechend. 


„Das hier ist der Wald der Wölfe", erklärte Liam ruhig, während er weiterging. 


Sofort spannte Leyla sich leicht an. Wölfe. Nach ihren bisherigen Erfahrungen in dieser Welt fragte sie sich augenblicklich, ob diese Tiere ähnlich gefährlich waren wie die Arachnen. 


Offenbar bemerkte Liam ihren Blick sofort. „Entspann dich, Leyla", sagte er trocken. „Die Wölfe hier greifen Menschen normalerweise nicht an." Er zuckte leicht mit den Schultern. „Solange man sie ebenfalls in Ruhe lässt." 


Leyla nickte langsam. Da erinnerte sie sich an den Mann in Migar – den mit dem wolfsähnlichen Gesicht. „Gibt es hier eigentlich Werwölfe?" fragte sie neugierig. 


Liam sah sie kurz verwirrt an. „Werwölfe? Was genau soll das sein?" 


Leyla blinzelte überrascht. Es gab also offenbar keine. Oder zumindest kannte Liam den Begriff nicht. „In Migar habe ich jemanden gesehen, der wie ein Wolf aussah. Also dachte ich…" 


„Das war wahrscheinlich ein Lupid", unterbrach Liam sie. Sein Blick wurde dabei leicht nachdenklich. „Die Lupiden waren früher einmal ein stolzes Kriegervolk – oder zumindest sagt man das." Während sie tiefer in den Wald gingen, sprach er ungewöhnlich ernst weiter. „Noch vor dem Großen Krieg wurden sie von den Menschen unterworfen. Seitdem leben die meisten von ihnen am Rand der Gesellschaft." 


Kurz schwieg Liam. Dann atmete er langsam aus. „Du solltest dich von vielen Lupiden lieber fernhalten." 


Leyla sah ihn überrascht an. „Sind Lupiden denn böse Menschen? Der Mann in Migar wirkte eigentlich ganz nett." 


„Nein", antwortete Liam ruhig. „Böse sind sie nicht." Seine Stimme wurde etwas schwerer. „Aber viele leben unter miserablen Bedingungen." Er blickte kurz zwischen die dunklen Bäume. „Und Wesen allgemein werden unberechenbar, wenn sie verzweifelt sind." 


Dann sah er wieder zu Leyla. „Außerdem solltest du vorsichtig sein, wie du über andere Völker sprichst. Lupiden sind keine Menschen – sie sind Lupiden." 


Leyla nickte langsam. Doch innerlich blieb ein unangenehmes Gefühl zurück. Bisher hatte sie die Welt fast nur aus menschlicher Perspektive kennengelernt, und langsam begann sie zu verstehen, dass darunter deutlich mehr verborgen lag – Schichten von Geschichte und Ungerechtigkeit, die sie noch nicht einmal ansatzweise durchdrungen hatte. 


„Ist das Kaiserreich wirklich so schrecklich, wenn man kein Mensch ist?" 


„Komm", sagte Liam schließlich und setzte seinen Weg wieder fort. „Lass uns noch ein Stück weitergehen, bevor wir eine Pause machen." 


Leyla folgte ihm schweigend. Während die Schatten des Waldes sie immer tiefer verschlangen, blieben ihre Gedanken bei dem hängen, was Liam gerade erzählt hatte – und bei allem, was sie noch nicht wusste.



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Der Wald der Wölfe wirkte mit jedem Schritt unheimlicher. Die gewaltigen Bäume standen so dicht beieinander, dass es so wirkte, als wollten sie jeden Eindringling verschlingen. Der schmale Trampelpfad war inzwischen kaum noch zu erkennen, und Leyla musste genau darauf achten, wohin sie trat, um nicht über die dicken Wurzeln zu stolpern, die sich wie Knochen durch den Boden zogen. 


Je tiefer sie in den Wald gelangten, desto stärker wurde das Gefühl, beobachtet zu werden. Nicht direkt – eher unterschwellig, als würde der gesamte Wald eine eigene Präsenz besitzen, still und geduldig, die jeden registrierte, der es wagte, hier zu gehen. 


„Was lebt hier wohl außer Wölfen?" Monster? Weitere Wesen wie Maegnar? Oder vielleicht Dinge, die noch schlimmer waren? 


Mit jedem Schritt wurde das Blätterdach dichter. Nur vereinzelte Sonnenstrahlen schafften es noch durch die schweren Äste und zeichneten blasse Lichtflecken auf den dunklen Waldboden. Die Luft war kühl und feucht. Leyla zog ihre Jacke etwas enger um sich und blickte nach oben zu Liam, der sich mühelos zwischen den Ästen bewegte, als wäre der Wald selbst für ihn gemacht. 


„Jetzt verstehe ich langsam, warum kaum jemand diesen Wald betreten will", rief sie zu ihm hinauf. 


Liam sprang leichtfüßig auf einen höheren Ast. „Die Dunkelheit ist nur ein Teil davon. Viele meiden den Wald wegen den Geschichten." 


Leyla runzelte leicht die Stirn. „Geschichten?" 


„Gruselgeschichten", ergänzte Liam trocken. 


Sofort spürte Leyla ein unangenehmes Ziehen in ihrem Magen – allein das Wort genügte inzwischen, um Erinnerungen an Maegnar in ihr wachzurufen. Unwillkürlich spannten sich ihre Muskeln leicht an. „Was genau für Geschichten?" 


Liam grinste leicht, während er sich an einem Ast hinunterhängen ließ. „Man erzählt sich, dass tief in diesem Wald ein Monster lebt. Es soll einsame Wanderer überfallen und spurlos verschwinden lassen." Er sprang elegant vom Ast herunter und landete neben ihr. Dann wanderte sein Blick provokant über Leyla. „Aber keine Sorge. So unappetitlich, wie du aussiehst, wird es dich vermutlich in Ruhe lassen." 


Leyla stöhnte genervt auf. „Wirklich, Liam?" murmelte sie und schüttelte den Kopf. „Du bist echt unmöglich." 


Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass ihre Anspannung leicht zunahm. Sie begann plötzlich deutlich genauer auf jedes Geräusch im Wald zu achten – das Knacken eines Astes, das Rascheln der Blätter, den leisen Atem des Windes zwischen den Stämmen. 


Dann raschelte es plötzlich neben ihnen im Gebüsch. 


Sofort zuckte Leylas Blick zur Seite. Doch statt eines Monsters entdeckte sie lediglich einen kleinen Vogel mit dunkelgrün schimmernden Federn, der ruhig auf einem Ast saß und seelenruhig sein Gefieder putzte. Das Licht, das durch die Blätter fiel, ließ die Federn beinahe metallisch glänzen. 


Leyla blieb sofort stehen. 


„Was für ein schöner Vogel…" 


Für einen kurzen Moment verdrängte dieser kleine Anblick tatsächlich die bedrückende Atmosphäre des Waldes. Langsam breitete sich ein leichtes Lächeln auf ihrem Gesicht aus. 


„Lass uns kurz eine Pause machen!" rief sie Liam zu. 


Noch bevor er überhaupt antworten konnte, ließ Leyla sich bereits auf dem weichen Waldboden nieder. Der Vogel blieb weiterhin ruhig sitzen und blickte sich nur gelegentlich aufmerksam um, als hätte er die beiden längst als Teil seiner Umgebung akzeptiert. Vorsichtig zog Leyla ihr Notizbuch hervor, und ein kleines Grinsen huschte über ihr Gesicht. 


„Das ist doch ein perfektes erstes Motiv…" 


Dann begann sie konzentriert damit, den Vogel zu zeichnen.



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Liam blieb einen Moment stehen und beobachtete Leyla beim Zeichnen. Ihre Finger bewegten sich erstaunlich schnell über das Papier, hektisch, und trotzdem wirkte sie vollkommen ruhig dabei. Das Merkwürdigste war jedoch, dass sie ihre Zeichnung kaum ansah – ihr Blick blieb fast die ganze Zeit auf dem Vogel, als würde ihre Hand von selbst wissen, was sie tat. 


Unwillkürlich musste Liam leicht lächeln. 


Seitdem sie den Weg nach Ranul verlassen hatten, hatte Leyla deutlich angespannter gewirkt. Wahrscheinlich ließ die Geschichte mit der Krankheit sie nicht los – oder vielleicht auch die Begegnung mit Leonhart. Doch jetzt wirkte sie für einen kurzen Moment wieder ruhig. Friedlich. 


Liam beschloss, sie nicht zu stören. 


Während Leyla weiterzeichnete, begann er damit, das Lager aufzubauen. Die paar Stunden Pause würden keinen großen Unterschied machen, und sie hatten noch genug Zeit, bevor es dunkel wurde. Gedankenverloren sammelte er trockene Äste vom Waldboden auf, und dabei wanderten seine Gedanken zurück zu ihrem Gespräch über Bournadette. 


Er hatte Leyla nicht widersprochen, denn tief in seinem Inneren wusste er, dass sie recht gehabt hatte – wenn Bournadette Lacroix tatsächlich aktiv nach ihm suchen würde, hätte sie ihn längst gefunden. Sie gehörte zu den Wesen dieser Welt, denen man sich nicht dauerhaft entziehen konnte. Allein der Gedanke daran ließ Liam unbewusst die Schultern anspannen. Erst nach einigen Sekunden bemerkte er es selbst und atmete langsam aus. 


Schließlich hatte er genug Holz gesammelt und begann, das Lagerfeuer vorzubereiten. 


„Baust du jetzt schon das Nachtlager auf?" fragte Leyla plötzlich, ohne den Blick von ihrem Vogel zu lösen. „Soll ich dir helfen?" 


Liam musste leicht grinsen. „Nein. Zeichne lieber weiter deinen Vogel." 


Er meinte es ernst. Er wollte diesen ruhigen Moment nicht zerstören. 


Mit einem einfachen Schnipsen entzündete er das Feuer. Sofort fraßen sich kleine Flammen knisternd durch das trockene Holz und tauchten die Umgebung in warmes, flackerndes Licht, das die Schatten zwischen den Stämmen ein kleines Stück zurückdrängte. 


Liam ließ sich neben dem Feuer nieder und griff gedankenverloren nach Leylas Proviantbeutel. Sie hatte ihr Essen inzwischen völlig selbstverständlich mit ihm geteilt, als wäre es nie überhaupt eine Frage für sie gewesen. Als er jedoch hineinsah, runzelte er leicht die Stirn. Nur noch eine einzelne Brotration war übrig. 


Langsam schloss er den Beutel wieder. 


„Dann jage ich morgen eben etwas."


Während Leyla weiterzeichnete, glitten seine Gedanken langsam an einen anderen Ort. 


Nach Malyl. Mehr als ein Jahr war inzwischen vergangen, seit er das letzte Mal dort gewesen war – und trotzdem fühlte sich allein der Gedanke daran seltsam schwer an. 


,,In Malyl werde ich Abschied nehmen…’’



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„Wie findest du das Bild?", fragte Leyla und reichte Liam ihr Notizbuch. In ihrer Stimme lag unverkennbar ein Hauch von Stolz. 


Liam nahm die Zeichnung entgegen und betrachtete sie einige Sekunden schweigend. Dann weiteten sich seine Augen leicht, und ein anerkennendes Pfeifen entwich ihm. 


„Du kannst wirklich verdammt gut zeichnen. Wo hast du das gelernt?" Sein Blick glitt erneut über die feinen Linien des Vogels. „Damit könntest du locker für irgendeinen Adligen arbeiten. Dann müsstest du dir nie wieder Sorgen um Geld machen." 


Leyla verzog augenblicklich das Gesicht und würgte theatralisch leicht. „Als ob ich meine Freiheit für irgendeinen reichen Adligen opfern würde."


Allein der Gedanke gefiel ihr überhaupt nicht. In ihrer Vorstellung waren Adlige ausschließlich arrogante Menschen, die keine Ahnung davon hatten, wie normale Leute lebten. Doch kaum dachte sie das, musste sie innerlich leicht zusammenzucken – immerhin hatte sie selbst schon mehr als einmal darüber nachgedacht, wie die Prinzen oder Prinzessinnen des Kaiserreichs wohl aussahen. 


Liam bemerkte ihren Gesichtsausdruck und grinste nur amüsiert. „So eine Antwort habe ich ehrlich gesagt erwartet." Dann gab er ihr die Zeichnung zurück. „Trotzdem solltest du darüber nachdenken, deine Bilder zu verkaufen. Damit könntest du dir wenigstens mal etwas Besseres leisten als trockenes Brot." 


Während er sprach, reichte er ihr beinahe beiläufig den Proviantbeutel. Leyla öffnete ihn und blickte auf die letzte Brotration. Sofort runzelte sie leicht die Stirn. „Wir müssen uns den Rest wohl teilen. Morgen suche ich dann…" 


„Ich habe schon gegessen. Nimm einfach den Rest." 


Leyla zögerte kurz. Dann nickte sie langsam und begann zu essen. 


Währenddessen dachte sie weiter über seine Worte nach. Eigentlich gefiel ihr die Idee. Sie hatte es schon immer geliebt, Dinge zu erschaffen – zu zeichnen, zu schnitzen, etwas mit den eigenen Händen entstehen zu lassen. Genau deshalb hatte sie sich in ihrer eigenen Welt schließlich auch für ein Kunststudium entschieden, und in den letzten Monaten hatte sie damit sogar eine ganz passable Summe Geld verdient. Kurz versuchte Leyla sich zu erinnern, wofür sie eigentlich hatte sparen wollen. Doch der Gedanke verschwamm. 


Das Feuer knisterte leise vor ihnen und warf flackernde Schatten über die knorrigen Bäume des Waldes. Je dunkler die Nacht wurde, desto mehr schien das Licht von der Finsternis verschluckt zu werden – der Wald wirkte jetzt noch fremder, noch tiefer, fast lebendig auf eine Weise, die Leyla nicht ganz benennen konnte. 


Sie spürte die kalte Nachtluft auf ihrer Haut, doch das Feuer und Liams Anwesenheit hielten die aufkommende Kälte fern. 


Schließlich gähnte sie müde und rieb sich die Augen. „Gute Nacht, Liam…" murmelte sie schläfrig. 


Dann kuschelte sie sich tiefer in ihren Schlafsack. Während ihre Augen langsam schwer wurden, dachte sie erneut an die Geschichten über das Monster dieses Waldes. Sie musste sich eingestehen, dass Liams Anwesenheit sie beruhigte. Und trotzdem erwischte sie sich immer wieder bei derselben Frage – ob sie ihm wirklich vollständig vertrauen konnte.



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Leyla wurde unsanft aus dem Schlaf gerissen. Ein unangenehmer Druck in ihrer Blase zwang sie dazu, sich müde aufzusetzen – für einige Sekunden blieb sie regungslos sitzen und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, während die kalte Nachtluft ihr entgegenwehte. 


Das Lagerfeuer war inzwischen fast heruntergebrannt. Nur noch schwaches Glimmen und vereinzelte kleine Flammen spendeten Licht und tauchten die Lichtung in flackernde Schatten. Leyla rieb sich verschlafen die Augen und ließ den Blick zu Liam wandern. Er lag auf der anderen Seite des Feuers und wirkte ungewöhnlich friedlich – der rote Feuerschein glitt über sein Gesicht und ließ ihn für einen kurzen Moment sorglos wirken.


Vorsichtig schob Leyla ihren Schlafsack beiseite, stand auf und kletterte leise über einige herumliegende Äste hinweg. Sie wollte ihn nicht wecken. 


Kurz darauf trat sie hinaus in die dunkle Kälte des Waldes. Ein gutes Stück von der Lichtung entfernt blieb sie schließlich stehen und hockte sich ins hohe Gras. Währenddessen lauschte sie unwillkürlich den Geräuschen der Nacht – dem Rascheln der Blätter, dem entfernten Ruf einer Eule, dem leisen Wispern des Windes zwischen den Bäumen. Fast wirkte der Wald in diesem Moment friedlich. Beruhigend. 


Als sie fertig war und sich wieder erhob, wanderte ihr Blick bereits zurück zum schwachen Glimmen des Lagerfeuers zwischen den Stämmen. 


Dann geschah es. 


Plötzlich legte sich eine raue Hand brutal über ihren Mund. Noch bevor Leyla reagieren konnte, schlang sich ein kräftiger Arm um ihren Körper und riss sie nach hinten. Im ersten Augenblick war sie vollkommen erstarrt – sie verstand nicht einmal, was überhaupt geschah. Erst als sie bereits mehrere Meter durch den Wald gezerrt wurde, begann sie panisch um sich zu schlagen. Vor ihren Augen wurde das Licht des Feuers immer kleiner, schwächer, bis es schließlich vollkommen hinter den dunklen Bäumen verschwand. 


Leyla versuchte zu schreien. Doch die Hand auf ihrem Mund erstickte jedes Geräusch. Panik schoss durch ihren gesamten Körper. Verzweifelt griff sie nach einem Ast. 


—KNACK—


Das Holz zerbrach sofort unter ihren Fingern. Sie versuchte ihren Fuß zwischen zwei Baumwurzeln zu verkeilen. 


—KRCKS—


Ein stechender Schmerz schoss durch ihren Knöchel. Tränen brannten in ihren Augen, und sie konnte kaum noch klar denken. 


Dann fiel ihr Blick plötzlich nach oben. Zwischen den Baumkronen leuchtete der Mond – still, regungslos, genau in der Mitte des Himmels. 


[???] „Was hast du denn da angeschleppt?" erklang plötzlich die raue Stimme eines Mannes außerhalb ihres Sichtfeldes. „Du wolltest doch nur kurz pissen gehen." 


[???] „Hab sie im Wald gefunden", antwortete der Entführer schwer atmend. „Die Kleine bringt ordentlich Geld. Schau dir mal ihre Haare an." 


Während er sprach, zerrte er Leyla unsanft weiter. Dann hörte sie das nervöse Wiehern eines Pferdes. 


Ihr Herz setzte beinahe aus. Sie wurde weggebracht. 


Mit letzter Kraft bäumte Leyla sich auf und riss sich überraschend aus dem Griff des Mannes los. Sofort stolperte sie einige Schritte nach vorne. 


,,LIAM, HILFE! ICH BIN–’’ 


Weiter kam sie nicht. Ihr verletzter Fuß gab unter ihr nach – doch noch bevor sie den Boden erreichte, traf sie ein harter Tritt im Rücken. Die Luft wurde ihr aus den Lungen gepresst, und mit voller Wucht schlug sie auf dem Waldboden auf, der Kopf hart gegen die Erde. 


Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Schädel. 


Dann begann die Welt um sie herum langsam zu verschwimmen. Die Stimmen wurden dumpf. Der Mond verschwamm. 


Und schließlich wurde alles schwarz.

 
 
 

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