Kapitel 18 - Das Rattern der Räder
- empirewebnovel
- 2. Sept. 2024
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Aktualisiert: vor 1 Tag

„Sehr geehrte Damen und Damen, in wenigen Stunden erreichen wir den nächsten Halt Oldenburg. Der Ausstieg befindet sich in Fahrtrichtung links."
Leyla seufzte leise und lehnte den Kopf gegen die Fensterscheibe. Draußen glitten die Berge Norddeutschlands vorbei, grau und gewaltig unter dem wolkenverhangenen Himmel. Zwischen den Felsen lagen kleine Wälder und vereinzelte Dörfer, die im Nebel verloren wirkten.
—RATTER—
Ihr Blick wanderte zurück zu ihrem Kunstprojekt. Auf dem Blatt war ein schwarzer Vogel zu sehen, der genüsslich in einen roten Apfel pickte – die Schattierungen der Federn perfekt gelungen, das Licht auf der Frucht ebenso.
Ein Meisterwerk. Zumindest fand Leyla das.
—RATTER—
Genervt verzog sie das Gesicht. Dieses Geräusch machte sie langsam wahnsinnig. Mit einem missmutigen Blick sah sie zu dem Zugführer hinüber, der einige Reihen weiter durch den Waggon lief. Der Lupid trug seine dunkelblaue Uniform geschniegelt wie ein Soldat und hatte ein freundliches, beinahe irritierend ruhiges Lächeln im Gesicht.
„Entschuldigen Sie", begann Leyla. „Könnten Sie bitte dieses nervige Geräusch abstellen?"
Der Lupid blieb stehen. Sein Lächeln wurde nur noch breiter.
„Welches Geräusch meinen Sie?"
Leyla zeigte mit ausgestrecktem Finger auf den Boden.
—RATTER—
„Na das da!"
Der Zugführer nickte langsam, als hätte er endlich verstanden. Dann griff er in seine Manteltasche und zog eine kleine Spindelrolle hervor. Schwarze Fäden lösten sich davon und hingen bewegungslos in der Luft.
Leyla blinzelte. „Ähm…"
Der Lupid betrachtete die Fäden mit ernster Miene, als würde er ein hochkomplexes Problem analysieren.
—RATTER—
Leylas Auge zuckte leicht. „Und warum", fragte sie langsam, „machen die Räder eines ICEs überhaupt solche Geräusche?"
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Als Leyla die Augen öffnete, wusste sie augenblicklich, dass der ICE nur ein Traum gewesen war.
Die ihr kaum noch vertrauten Geräusche der modernen Welt waren verschwunden. Keine Lautsprecherstimmen, keine Handys. Nur Dunkelheit und ein dumpfes, rhythmisches Schwanken unter ihr.
„Wo bin ich…?" murmelte sie benommen. „Und warum ist mir so warm…?"
Ihr Körper fühlte sich seltsam schwer an – taub, jede Bewegung kostete Kraft. Unter ihr lagen weiche Decken, doch als ihre Finger tastend weiterglitten, stießen sie gegen raues Holz. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit. Um sie herum standen mehrere Kisten und Säcke, ein großer Krug war mit dicken Seilen befestigt, und der Geruch von Stoff, Leder und trockenem Holz hing in der Luft.
—RATTER—
Leyla zuckte leicht zusammen. Langsam richtete sie sich auf – und bereute es sofort. Ihre Muskeln protestierten, ein dumpfer Schmerz zog durch ihre Glieder. Erst dann bemerkte sie das schwankende Gefühl unter sich.
Der Boden bewegte sich.
Ein Planwagen. Neben ihr lagen ihre Sachen ordentlich gestapelt – ihr Schwert, ihr Notizblock. Ihr Atem stockte. Hastig tastete sie ihren eigenen Körper ab. Sie trug andere Kleidung, groben braunen Stoff, schlicht und unscheinbar, aber sauber.
Nicht ihre Kleidung.
—RATTER—
Diesmal hörte sie neben dem Holpern der Räder noch etwas anderes. Ein rhythmisches Klackern. Hufe. Langsam kehrten ihre Erinnerungen zurück – die Entführung, die Ketten, die feuchte Dunkelheit der Zelle. Leylas Hände verkrampften sich leicht.
„Wenn meine Sachen hier sind… hat Liam mich gerettet? Ist er hier?"
Vorsichtig kroch sie nach vorne und hob die Plane einen schmalen Spalt an. Im nächsten Moment erstarrte sie. Auf dem Kutschbock saß ein kleiner, muskulöser Mann mit einem Eisenhelm, seine schlichte Lederrüstung glänzte matt im Licht der Morgensonne. Vor ihm zogen zwei kräftige weiße Pferde den Wagen über eine breite gepflasterte Straße. Der Kutscher richtete seinen Helm und blickte kurz über die Schulter.
Leylas Herz setzte einen Schlag aus. Sie ließ die Plane fallen und zog sich hastig zurück.
„Hat er mich gesehen?"
Ihr gefiel überhaupt nicht, dass sie transportiert wurde, ohne sich daran erinnern zu können, zugestimmt zu haben. Sie griff nach ihrem Schwert – die raue Kälte des Griffes beruhigte sie ein wenig.
Langsam schlich sie zur Rückseite des Wagens, öffnete die Plane einen Spalt und blickte hinaus. Kalter Morgenwind strich durch ihre Haare.
Sie spannte bereits die Beine an.
[???] „Na endlich."
Die Stimme klang müde, aber belustigt. „Ich dachte schon, du machst es dir da drin gemütlich und lässt mich die ganze Arbeit erledigen." Eine kurze Pause. „Also? Schon fit für den nächsten Kampf, oder brauchst du noch ein Nickerchen?"
Leyla erstarrte. Langsam drehte sie den Kopf.
Und blickte direkt in Liams Gesicht.
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„Ich verstehe… so ist das also."
Leyla nickte langsam, während sie die vergangenen Ereignisse Stück für Stück verarbeitete. Nachdem Liam sie befreit hatte, waren sie gemeinsam nach Hemmingen gereist, wo sie einen Zwerg namens Fer Stahl getroffen hatten, der ohnehin auf dem Weg nach Malyl gewesen war. Schließlich hatten sie beschlossen, gemeinsam weiterzureisen.
Oder eher: Liam hatte beschlossen, während Leyla bewusstlos gewesen war.
Ihr Körper brauchte trotz seiner Heilmagie Zeit, um sich zu erholen – die Wunden waren verheilt, doch die Erschöpfung saß noch immer tief in ihren Knochen. Leyla wandte leicht den Kopf und sah zu Liam hinüber. Er saß neben ihr auf der Rückbank des Planwagens und wirkte beinahe entspannt, doch sein Blick wanderte immer wieder über die Umgebung.
„Wie lange habe ich geschlafen?"
„Ungefähr eine Woche. Wir sollten bald Langfeld erreichen."
Leyla blinzelte. „Eine Woche…" Langsam sah sie hinaus auf die vorbeiziehende Landschaft. „Dann bin ich bald schon zwei Monate in dieser Welt."
Der Gedanke fühlte sich seltsam unwirklich an.
Vor ihnen erstreckte sich ein endloses grünes Meer aus Gras, beinahe friedlich, als hätte die Welt selbst vergessen, wie grausam sie sein konnte. In der Ferne erhoben sich die gewaltigen Berge der Larifen, ihre Gipfel halb in Wolken getaucht. Der Himmel darüber war klar und tiefblau, nur wenige weiße Wolken zogen langsam hindurch, wie mit Farbe auf eine Leinwand gesetzt. Für einen Moment ließ Leyla ihren Blick einfach auf der Landschaft ruhen.
Dann sah sie wieder zu Liam. „Danke", sagte sie leise, und ihre Stimme stockte leicht. „Danke, dass du mich gerettet hast." Allein die Erinnerung an die Gefangenschaft ließ ihre Kehle eng werden.
Liam winkte locker ab. „Gern geschehen." Ein schiefes Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Aber jetzt schuldest du mir was. Sagen wir… zehn Goldmünzen?"
Leyla starrte ihn einige Sekunden lang an. Dann huschte ein kleines Schmunzeln über ihre Lippen.
„Was für ein Idiot…"
Trotzdem fühlte sich seine lockere Art seltsam beruhigend an. Sie zog ihre Tasche näher, holte die Karte hervor und breitete das Papier auf ihren Knien aus. Langfeld lag ungefähr auf halber Strecke nach Malyl. „Hoffentlich finde ich dort endlich Informationen…"
Doch noch während sie darüber nachdachte, drängte sich ein anderer Gedanke in ihr Bewusstsein. Was passierte, wenn sie Malyl erreichten? Würde Liam danach einfach weiterziehen? Der Gedanke traf sie unerwartet hart – ein dumpfer Schmerz breitete sich in ihrer Brust aus, und sie hasste sofort, wie sehr die Vorstellung sie belastete. Sie wollte es sich nicht eingestehen, aber die Idee, ohne ihn weiterzureisen, fühlte sich falsch an.
Still steckte sie die Karte wieder weg und lehnte sich zurück. Das gleichmäßige Rattern des Wagens, das Klappern der Hufe und das entfernte Zwitschern der Vögel vermischten sich zu einer beinahe beruhigenden Geräuschkulisse, warmes Sonnenlicht fiel durch die Plane und legte sich angenehm auf ihre Haut. Zum ersten Mal seit langer Zeit begann sich die Anspannung in ihrem Körper langsam zu lösen.
„Hey."
Leylas Augen öffneten sich. Liam lächelte sie an – kein spöttisches Grinsen diesmal, nur ein ruhiger, warmer Ausdruck, der ihr mehr Trost spendete, als sie jemals laut zugeben würde.
„Schlaf bloß nicht schon wieder ein."
Leyla wandte den Blick ab und zog gedankenverloren ihr Notizbuch hervor. Mit jedem Strich auf dem Papier fühlte sich diese fremde Welt ein kleines Stück vertrauter an. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie aufmerksam Liam die Umgebung beobachtete. Seine Haltung wirkte locker, beinahe sorglos – doch seine Augen bewegten sich ständig. Über die Hügel, die Straße, den Horizont, immer auf der Suche nach möglichen Gefahren.
„Selbst wenn er nichts sagt… passt er die ganze Zeit auf."
Ein kaum sichtbares Lächeln erschien auf ihren Lippen, bevor sie sich wieder ihrer Zeichnung widmete.
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„Was meinst du, Blazer? Sollen wir Liam im Schlaf die Haare abschneiden?"
Leyla strich grinsend über den Kopf des weißen Pferdes. Blazer schnaubte leise und bewegte die Ohren, während sein schneeweißes Fell im Licht des Lagerfeuers schimmerte. Seine tiefschwarzen Augen wirkten beinahe unheimlich aufmerksam, als würde er tatsächlich jedes ihrer Worte verstehen. Das andere Pferd hatte Leyla Charmeur genannt – vor allem, weil es sie immer so verführerisch ansah.
Blazer wieherte leise. Leyla lachte.
„Wusste ich's doch", sagte sie zufrieden. „Du bist eindeutig der Intelligenteste von euch."
„Du weißt schon, dass ich euch hören kann?"
Liam warf ihr vom anderen Ende der Feuerstelle einen trockenen Blick zu. Er lag entspannt im Gras, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, während die Abendsonne sein blondes Haar leicht golden wirken ließ. „Wenn du meine Haare auch nur anfasst, werf ich dich eigenhändig in den nächsten Fluss."
Leyla zog demonstrativ eine beleidigte Miene. „Wow. So wenig vertraust du mir also?" Mit einem unschuldigen Lächeln rückte sie näher zu ihm, beugte sich vor und strich ihm absichtlich mit den Fingern durch die kurzen blonden Strähnen.
Sie mochte dieses Gefühl viel zu sehr. „Hm", murmelte sie nachdenklich. „Eigentlich wären Glatze oder kahle Stellen ein echter Fortschritt für dich."
Neben dem Feuer beobachtete Fer Stahl die beiden schweigend. Dann grinste der Zwerg breit. „Ihr zwei versteht euch ja verdächtig gut. Seid ihr ein Paar?"
Leyla erstarrte. „W-Was?" Hitze schoss ihr ins Gesicht. Hastig zog sie die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt, und setzte sich viel zu schnell wieder ans Feuer. „Nein! Sind wir nicht!"
Fer hob nur belustigt eine Augenbraue. Liam hingegen reagierte überhaupt nicht – er blieb still liegen und tat demonstrativ so, als hätte er die Frage nicht einmal gehört.
Was Leyla irgendwie noch schlimmer fand.
Verlegen starrte sie in die Flammen. Warum schlug ihr Herz plötzlich so schnell? Und warum fühlte sich dieses seltsame Kribbeln in ihrem Bauch so unangenehm an – und gleichzeitig irgendwie schön?
—KNURR—
Leyla blinzelte. Fer hielt ihr grinsend eine hölzerne Schüssel entgegen. „Suppe?"
Erst jetzt bemerkte sie den Geruch. Warm, herzhaft, würzig. Ihr Magen entschied, dass sämtliche peinlichen Gedanken warten konnten.
„Was für eine Suppe ist das?" fragte sie und blickte zu Fer auf.
Der Zwerg lächelte zufrieden. „Kartoffelsuppe mit Graukopfpilzen."
Leylas Augen begannen beinahe zu leuchten. Sie griff nach der Schüssel und aß ohne weitere Zurückhaltung. Die Wärme breitete sich in ihrem Körper aus und vertrieb die abendliche Kälte – die Kartoffeln waren weich, die Brühe kräftig gewürzt, und die Pilze hatten ein angenehm erdiges Aroma. Leyla schloss kurz die Augen.
„Das ist unglaublich gut", sagte sie zwischen zwei Löffeln. Sie konnte sich ehrlich gesagt nicht erinnern, wann sie zuletzt etwas gegessen hatte, das sich so beruhigend angefühlt hatte.
Nach einer Weile blickte sie zu Fer hinüber, den Mund noch halb voll mit Suppe. „Warum willst du eigentlich nach Malyl?"



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