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Kapitel 6 - Liam Valleri

Aktualisiert: 10. Mai

Nachdem die Elfen im Großen Krieg von den Menschen unterworfen worden waren, zerfielen nahezu alle bestehenden Strukturen ihres Volkes. 


Alte Bündnisse verschwanden wie Rauch. Städte wurden von Menschen übernommen oder zerstört, Traditionen gingen innerhalb weniger Generationen verloren – erst die kleinen, dann die großen, dann jene, die man für unzerstörbar gehalten hatte. Zahlreiche Elfen passten sich notgedrungen den neuen Machtverhältnissen an, lernten zu schweigen, zu dienen, ihre Sprache zu verbergen. Andere versuchten, ihre Herkunft vollständig auszulöschen, und wurden dabei zu Fremden in ihrer eigenen Haut. 


Nur an wenigen Orten gelang es den Elfen noch, ihre alte Kultur zu bewahren. 


Im Grünwald existierten weiterhin kleinere Stämme tief zwischen den uralten Bäumen, dort, wo menschliche Händler und Soldaten nur selten erschienen. Im Tiefenwald lebten einige abgeschottete Gemeinschaften, fernab aller Städte und Handelswege, in einer Stille, die sie sich mit Bedacht bewahrt hatten. Selbst in einem abgelegenen Tal der Hamalien hielten vereinzelte Elfenfamilien noch an ihren alten Bräuchen fest – zäh, geduldig, wie Wurzeln, die sich unter Fels hindurchwinden. 


Einer dieser Stämme war der Stamm Valleri im Tiefenwald. 


Die Valleri lebten zurückgezogen und mieden den Kontakt zur Außenwelt so weit wie möglich. Der Stamm zählte kaum vierzig Mitglieder und hatte sich tief im Wald niedergelassen, verborgen zwischen mächtigen Bäumen, deren Stämme breiter waren als Hauswände, dichtem Nebel und schmalen Flüssen, die das Licht zerteilten wie Glas. 


Dort wurde schließlich der zweite Sohn des Stammesoberhauptes geboren. Er erhielt den Namen Liam. 


Als zweiter Sohn lasteten nur wenige Erwartungen auf ihm. Während sein älterer Bruder Renea früh und beständig auf seine spätere Rolle vorbereitet wurde – geformt, unterwiesen, in eine Form gepresst, die der Stamm für ihn vorgesehen hatte – durfte Liam sich freier entfalten. Kein fester Platz, kein festgelegter Weg. Nur Zeit und die Welt des Waldes um sich herum. 


Und genau dadurch bemerkte sein Vater schon früh das außergewöhnliche Talent des Jungen. Also begann er, Liam gezielt zu fördern. 


Bereits in jungen Jahren zeigte sich, dass Liam nahezu jedes Werkzeug und jede Waffe mit erschreckender Leichtigkeit beherrschte. Ob Messer, Speer oder Bogen – er lernte schneller als die meisten anderen Kinder seines Stammes, mit einer Selbstverständlichkeit, die älteren Mitgliedern bisweilen unwohl war. 


Doch noch deutlicher zeigte sich sein Talent in einem anderen Bereich. 


Magie. 


Besonders seine Affinität zur Licht- und Feuermagie war ungewöhnlich stark ausgeprägt – weit über das hinaus, was man bei einem Kind seines Alters erwarten durfte. Selbst erfahrene Mitglieder des Stammes begannen darüber zu sprechen, leise zunächst, dann immer offener. 


So kam es schließlich, dass Liam im Alter von nur zehn Jahren zur Magieakademie von Rubendy geschickt wurde.



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Liam erinnerte sich noch gut an den Tag, an dem er zum ersten Mal vor den gewaltigen weißen Toren der Akademie von Rubendy gestanden hatte. 


Allein ihr Anblick hatte ihn damals mit Ehrfurcht erfüllt. 


Die hohen Mauern aus hellem Stein ragten über ihm auf wie Monumente einer anderen Welt – zu groß, zu still, zu selbstsicher in ihrer eigenen Bedeutung. Überall bewegten sich Magier, Händler, Schüler und Gelehrte durch die Straßen rund um die Akademie, Banner flatterten im Wind, und magische Lichter schimmerten selbst nachts zwischen den Türmen wie eingefrorene Sterne. 


In diesem Moment hatte Liam sich zugleich besonders und vollkommen unbedeutend gefühlt. 


Ein kleiner Junge aus einem abgeschotteten Elfenstamm, plötzlich umgeben von Wissen, Macht und einer Welt, die weit größer war als alles, was er je gekannt hatte. 


Anfangs bewunderte er das Kaiserreich. Die Ordnung. Die Größe der Städte. Das Wissen, das in den Gängen der Akademie hing wie Staub in alten Bibliotheken – allgegenwärtig, unsichtbar, überall. 


Und Liam lernte schnell. Schneller als die meisten anderen Schüler. 


Doch mit den Jahren veränderte sich sein Blick auf Rubendy – so wie es bei vielen geschah, die lange genug dort lebten und irgendwann aufhörten, nur die Fassaden zu sehen. 


Die Stadt lag am Goldenen Fluss und war durch ihn geteilt. Nur zwei Brücken verbanden die westliche und die östliche Hälfte miteinander – zwei schmale Verbindungen zwischen zwei völlig verschiedenen Welten. 


Im Westen lagen der Handelshafen, die großen Märkte, Tempel und die Villen der Reichen. Händlerfamilien, Beamte und Magier bewegten sich dort durch breite Straßen aus hellem Stein, als wäre die Stadt nur für sie gebaut worden. 


Der Osten war etwas vollkommen anderes. 


Dort lebte der Großteil der Armen. Enge Straßen, überfüllte Häuser, Viertel, die von der Stadtwache oft bewusst ignoriert wurden – als existierten sie offiziell gar nicht. 


Besonders die Dracharen prägten diesen Teil Rubendys. Einer von vier Bewohnern der Stadt war ein Drachar, und dennoch blieben sie Außenseiter in einer Stadt, die sie seit Jahrhunderten mit aufgebaut hatten. Das war die Art von Widerspruch, die einem erst dann ins Auge fiel, wenn man lange genug hinschaute. 


Während seiner Jahre an der Akademie lernte Liam nicht nur Magie. Er lernte auch, wie das Kaiserreich wirklich funktionierte. 


Mit siebzehn Jahren schloss er seine Ausbildung ab und kehrte voller Erwartungen zu seinem Stamm zurück. Doch dort erwartete ihn keine Freude. 


Seine Familie wies ihn ab. 


Für die Valleri hatte Liam sich zu weit von ihrer Kultur entfernt. Zu viel Mensch. Zu sehr geprägt von Städten und Stein und den Wegen des Kaiserreichs. Die Jahre in Rubendy hatten ihn verändert, und sein eigener Stamm erkannte ihn kaum noch als einen der ihren an. 


Enttäuscht begann Liam daraufhin, verschiedenste Aufträge anzunehmen. Mal arbeitete er als Eskorte, mal als Jäger, mal als Magier für Händler oder kleinere Adlige – immer weiter, immer weiter weg von dem, was er einmal für sich selbst vorgestellt hatte. 


So lief es, bis er mit zwanzig Jahren einer Frau begegnete, die ihm eine einfache Frage stellte. Wenige Wochen später trat er der Söldnergilde von Malyl bei. 


Die Jahre in der Gilde vergingen. Bis mit dreiundzwanzig Jahren plötzlich jemand fehlte, der ihm wichtig geworden war. Danach verließ Liam die Gilde und begann fortan außerhalb des Gesetzes zu arbeiten. 


Deshalb zögerte er auch nicht, als der Baron von Faumheing ihm ein neues Angebot unterbreitete. 


Für Liam war es nur ein weiterer Auftrag. Nicht anders als die vielen zuvor. 


Zumindest glaubte er das damals noch.



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Die fünf schweren Wagen rollten knarrend über die staubige Straße und hinterließen dichte Wolken aus Sand und trockener Erde, die sich langsam hinter der Karawane ausbreiteten. Das gleichmäßige Rattern der Holzräder mischte sich mit dem dumpfen Stampfen der Zugtiere zu einem Geräusch, das sich nach einer Weile anfühlte wie das Ticken einer Uhr – monoton, unvermeidlich. 


Die Straße führte durch die offenen Ebenen der Mittellande. Zu beiden Seiten erstreckten sich weite Felder und vereinzelte Hügel, über denen die Mittagshitze flimmerte wie ein unsichtbares Zittern in der Luft. Der Himmel war wolkenlos, die Sonne brannte erbarmungslos herab und tauchte die Landschaft in ein grelles, beinahe bleiches Licht, das die Schatten kurz und hart machte. 


Die Wagen selbst wirkten ungewöhnlich. 


Gezogen wurden die Wagen von Halbdrachen – massigen Kreaturen mit breiten Körpern, kräftigen Klauen und schuppiger Haut, die im Sonnenlicht matt glänzte. Fliegen konnten sie nicht, doch ihre rohe Kraft war beeindruckend. Selbst die schweren Wagen bewegten sie beinahe mühelos vorwärts, während tiefe Atemzüge aus ihren Nüstern drangen und ihre schweren Schritte dumpf auf dem festgetretenen Boden hallten. 


Ein Trupp bewaffneter Söldner begleitete die Karawane zu Pferd. 


Liam beobachtete das Geschehen aufmerksam. Es war zu viel Aufwand. Zu viele bewaffnete Männer. Zu viele Sicherheitsmaßnahmen. Und all das angeblich nur wegen einer Lieferung Nahrung. 


Liam glaubte kein Wort davon. 


Der Baron von Faumheing hatte nicht nur eine komplette Söldnergilde aus Malyl engagiert, sondern zusätzlich auch ihn persönlich angefordert. Das allein war bereits verdächtig genug – als würde jemand ein ganzes Haus mit Schlössern sichern, nur um eine leere Schatulle darin aufzubewahren. 


Ein knappes, skeptisches Lächeln erschien auf seinem Gesicht. 


Er mochte weder das Kaiserreich noch die Gilden oder den Adel besonders. Für ihn unterschieden sie sich kaum voneinander. Alle predigten Ordnung, Ehre oder Pflicht – solange sie selbst davon profitierten.


Und trotzdem arbeitete Liam weiterhin für sie. Weil er Gold brauchte. 


Langsam legte er eine Hand an Ruvens Hals. Der Hengst schnaubte leise, während Liam mit den Fingern durch die schwarze Mähne strich. Das Fell fühlte sich warm von der Sonne an. 


Ruven war eines der wenigen Dinge in seinem Leben, denen Liam wirklich vertraute. 


Der schwarze Hengst war die Bezahlung eines Adligen gewesen – für einen Auftrag, bei dem Liam nur knapp überlebt hatte. Seitdem waren sie gemeinsam gereist, durch Hitze und Regen, durch volle Städte und über leere Straßen. Ruven hatte nie geklagt. 


„Du hältst besser durch als die meisten Halbdrachen hier", murmelte Liam leise. 


Ruven bewegte leicht die Ohren und schnaubte zufrieden. Die Reise selbst war bisher ruhig verlaufen. Fast schon zu ruhig. 


Doch genau das war oft das Ergebnis von ausreichend Gold. Adlige wie der Baron wussten sehr genau, welche Leute man bezahlen musste, damit Überfälle plötzlich ausblieben und gewisse Gruppen zufällig woanders unterwegs waren. Ein unsichtbares System, das reibungslos funktionierte – solange niemand zu gierig wurde. 


Zumindest meistens. 


Liam spürte die Erschöpfung langsam in seinen Gliedern. Seit fast zwei Tagen ritten sie beinahe ohne Unterbrechung. Der Staub klebte an Kleidung und Haut, und selbst die Pferde wirkten zunehmend gereizt von der Hitze – die Ohren flach, die Bewegungen schwerer als noch am Morgen. 


„Nicht mehr lange", sagte Liam ruhig und strich Ruven beruhigend über die Seite. „Dann machen wir Rast." 


Der Hengst antwortete mit einem leisen Schnauben und drückte den Kopf kurz gegen Liams Hand. 


Die Mittagssonne stand hoch. Hitze flimmerte über der Straße, und das Licht spiegelte sich auf den dunklen Schuppen der Halbdrachen, als wären sie aus poliertem Metall gefertigt. 


Alles wirkte träge. 


Ruhig. 


Fast einschläfernd. 


Und genau in diesem Moment starb der erste Söldner.



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„Scheiße!" 


Fluchend ließ Liam sich hinter einen der Wagen fallen, gerade als etwas Schweres gegen das Holz krachte und die Planken erzittern ließ. Schreie hallten über die Brücke, begleitet vom panischen Brüllen der Halbdrachen und dem dumpfen Aufschlagen von Körpern auf Stein. 


Staub, Blut und Chaos erfüllten innerhalb weniger Sekunden die gesamte Karawane. Liams Blick fiel auf Ruven. 


Der schwarze Hengst lag einige Meter entfernt am Boden, umgerissen von einem der fliehenden Halbdrachen. Das Vorderbein stand in einem unnatürlichen Winkel ab. 


Liam erkannte den Bruch sofort. 


Zusätzlich schmerzte seine eigene Brust. Er hatte den Ellbogen eines Söldners abbekommen. 


Ruven erwiderte seinen Blick. „Ich heile das." Liam zwang sich, ruhig zu atmen. „Sobald wir hier lebend rauskommen." 


Dann hob er wieder den Kopf über den Wagenrand – und sofort zog sich sein Magen zusammen. 


„Was bei Geeri macht sie hier…?" 


Die Worte entkamen ihm beinahe reflexartig. Hastig griff Liam nach einem Pfeil, spannte die Sehne seines Bogens und richtete sich blitzschnell auf. Sein Ziel stand mitten auf der Brücke. 


Bournadette Lacroix. 


Die Frau hatte die gesamte Karawane abgefangen – soweit er erkennen konnte, war sie alleine. Nicht dass es einen Unterschied gemacht hätte, wenn sie Verstärkung gehabt hätte. Liam kannte ihren Namen sofort. Jeder, der lange genug im Kaiserreich gearbeitet hatte, kannte ihn. Auch wenn er ihr bisher nie persönlich begegnet war. 


Bournadette war die Nummer Zwei der Kaiserlichen Kopfgeldjäger – der Eliteeinheit direkt unter dem Kaiser. 


Liam ließ die Sehne los. Der Pfeil durchschnitt zischend die Luft. 


Bournadette stand zwischen einem großgewachsenen Krieger und einer Frau mit Streitkolben. Die Kämpferin schlug mit voller Wucht nach ihr – Bournadette wich mit einer fließenden Bewegung aus. 


Dann hätte Liams Pfeil sie treffen müssen. Direkt in den Bauch. 


Ihr Körper bewegte sich. Nicht wie der eines Menschen. Oder der eines Elfes. Es wirkte, als würde ihr gesamter Leib nachgeben und sich verformen, noch bevor der Pfeil sie erreichte – als hätte sie keine Knochen, keine festen Strukturen, nur etwas Elastisches unter der Haut, das sich jeder Bedrohung einfach entzog. 


Der Pfeil glitt an ihr vorbei. 


Liam duckte sich sofort wieder hinter den Wagen, während irgendwo in seiner Nähe zwei Körper hart auf den Boden schlugen. Metall kratzte über Stein. Jemand schrie. 


„Ich schaffe das nicht." 


Sein Herz raste so stark, dass er es bis in den Hals spürte. 


„Sie wird mich töten." 


Für einen kurzen Moment dachte Liam an Emily. Und genau da fiel seine Entscheidung. 


Er wollte leben. Egal wie. 


Also sprang er hinter dem Wagen hervor und verschaffte sich einen Überblick. Die Brücke war ein einziges Schlachtfeld. Tote Söldner lagen zwischen den Wagen verstreut, Halbdrachen zerrten panisch an ihren Ketten, und Blut lief in dunklen Rinnsalen zwischen den Pflastersteinen hindurch in den Fluss unter ihnen. 


Liam stand nahezu mittig auf der Brücke. Zu weit entfernt von beiden Seiten. 


Und selbst wenn nicht – Flucht war sinnlos. Vor jemandem wie Bournadette lief man nicht davon. 


Gerade schnitt sie einem Söldner die Kehle durch. Die Bewegung wirkte erschreckend mühelos. Schnell. Präzise. Als würde sie etwas erledigen, nicht Soldaten bekämpfen. 


Dann hob sie den Blick. Direkt zu Liam. Sofort setzte sein Herzschlag für einen Moment aus. 


Bournadette stürmte auf ihn zu – nicht so schnell wie ein gewöhnlicher Mensch. Schneller. Viel schneller.


Liam riss reflexartig einen weiteren Pfeil aus dem Köcher, spannte und schoss. 


Die Kopfgeldjägerin wich aus. Doch diesmal blieb es nicht dabei. 


Mit einer einzigen fließenden Bewegung fing sie den Pfeil aus der Luft – einfach so, mit der bloßen Hand, als wäre das die natürlichste Sache der Welt. Dann drehte sie sich leicht und schleuderte ihn zurück. Mit einer Kraft, die kein gewöhnlicher Bogen jemals hätte erzeugen können. 


Der Pfeil traf Liams Arm. 


Brutaler Schmerz explodierte durch seinen Körper, die Wucht riss ihn nach hinten. Er verlor den Halt, sah für einen kurzen Moment nur den Himmel… 


Dann stürzte er rückwärts über die steinerne Brüstung der Brücke. 


Zehn Meter tief ins tosende Wasser des Flusses.



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In unregelmäßigen Abständen tropfte Wasser von Liams Kleidung auf den moosbedeckten Boden der Höhle. Jeder Tropfen hallte leise zwischen den feuchten Steinwänden wider, während Liam schwer atmend gegen den kalten Felsen hinter sich lehnte. 


Er hatte es geschafft. Wenn auch nur knapp. 


Noch immer raste sein Herz von der Flucht, und jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er wieder Bournadette Lacroix auf der Brücke stehen – ruhig, mühelos, als hätte sie nicht gerade eine ganze Karawane ausgelöscht. 


„Was hat der Baron überhaupt transportiert…?" murmelte Liam erschöpft vor sich hin.


Mit einer zittrigen Hand fuhr er sich durch das nasse Haar und zwang sich, langsamer zu atmen. Seine Gedanken überschlugen sich. Zu viele Tote. Zu viel Aufwand. Und vor allem – warum hatte eine der Kaiserlichen Kopfgeldjäger diesen Transport persönlich angegriffen? Das ergab keinen Sinn, egal wie er es drehte.  


Frustriert ließ er den Blick über seine verbliebene Ausrüstung wandern. 


Oder eher das, was davon noch übrig war. 


Sein Bogen war beim Sturz in den Fluss zerbrochen. Den Dolch hatte die Strömung mitgerissen. Und selbst sein Schwert war kaum noch brauchbar. Liam hob die Klinge kurz an und betrachtete die abgebrochene Spitze schweigend. 


Dann stieß er genervt die Luft aus und warf sie beiseite. „Unbrauchbar." 


Das Geräusch des Aufpralls hallte dumpf durch die Höhle. 


Eine Schwere legte sich über Liams Herz. Tut mir leid, Ruven, alter Freund...


Es ärgerte ihn mehr, als er sich eingestehen wollte – nicht wegen der Waffe selbst, sondern weil es bedeutete, dass er sich nun fast vollständig auf seine Magie verlassen musste. Und Mana war begrenzt.


Erst jetzt bemerkte Liam das pochende Brennen in seinem Arm. 


Langsam zog er den durchnässten Mantel zurück und betrachtete die Wunde. Der Pfeil war sauber hindurchgegangen. Zumindest etwas. 


Erleichtert atmete er aus. Vorsichtig legte er zwei Finger auf die verletzte Stelle und ließ Mana durch seinen Körper fließen. Sofort breitete sich ein warmes Kribbeln unter der Haut aus – vertraut, beständig. Die Wunde begann sich langsam zu schließen. Fleisch verband sich, beschädigte Sehnen wuchsen zusammen, und schließlich zog sich die Haut über der Verletzung wieder zu. 


Sobald die schlimmsten Schäden verheilt waren, stoppte Liam den Zauber. Mehr Mana wollte er nicht verschwenden. 


Erschöpft lehnte er den Kopf gegen die feuchte Steinwand und ließ den Blick nach draußen wandern. Dichtes Blätterdach spannte sich über den Wald und ließ nur vereinzelte Lichtstrahlen durch. Die Luft war kühl und feucht, der Boden von Moos und alten Wurzeln überzogen. Nach der glühenden Hitze auf der Brücke wirkte der Wald beinahe unwirklich still. 


Doch genau diese Stille ließ Liam frösteln. 


„Egal", murmelte er schließlich und richtete sich langsam auf. „Erst mal brauche ich ein Dorf. Und Schlaf." 


Doch noch bevor der Gedanke sich richtig festsetzen konnte, durchschnitt ein Schrei die Stille des Waldes. 


„Fuck – fuck, fuck, fuck!"  


Eine Frauenstimme. Verzweifelt. Wütend. Überrascht. 


Liam erstarrte sofort. 


Für einen einzigen Moment schoss ihm ein Bild durch den Kopf. 


Noch bevor der Gedanke Form annehmen konnte, hatte er sich bereits in Bewegung gesetzt – natürlich wusste er, dass sie es nicht war. Und trotzdem zog ihn dieses Schreien, ohne dass er hätte erklären können warum, augenblicklich in seine Richtung. 


Lautlos arbeitete Liam sich durch das dichte Unterholz. Äste strichen über seinen Mantel, während er sich zwischen Farnen, Wurzeln und moosbedeckten Steinen hindurchbewegte. 


Schließlich erreichte er eine Stelle, an der scharfkantige Felsen aus dem Boden ragten wie aus dem Boden gerissene Zähne. Direkt daneben klaffte ein tiefes Loch in der Erde. 


Liam trat an den Rand und blickte hinunter. 


Am Boden des Kraters saß eine junge Frau. Ihr Gesicht war vor Schmerz verzerrt, die Hände um ihren Fuß geklammert. Tränen standen ihr in den Augen, und ihr Haar hing wirr in ihr Gesicht. 


Auffallend blaues Haar. 


Liam blinzelte kurz. 


Blaue Haare?

 
 
 

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