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Kapitel 22 - Roxanne

Aktualisiert: 23. Mai

Roxannes Eltern waren einfache Bauern aus dem kühlen Norden des Herzogtums Inhantes. Ihr Leben war von harter Arbeit geprägt gewesen – Sommer bedeuteten endlose Tage auf den Feldern, Winter Hunger, Kälte und die ständige Angst, dass die Vorräte nicht reichen würden. Dennoch hatten sie nie aufgehört zu kämpfen, nie aufgehört zu hoffen, ihrer Tochter irgendwann ein besseres Leben bieten zu können. 


Dann kam jener Winter. 


Ein Winter, der härter war als alle zuvor. 


Eine rätselhafte Krankheit breitete sich in den kleinen Dörfern der Region aus. Erst war es nur Husten gewesen, dann Fieber, schließlich Blut in den Lungen. Die Menschen starben schnell. Zu schnell. Auch Roxannes Eltern blieben nicht verschont. In ihren letzten Tagen hatten sie all ihre verbleibende Kraft zusammengenommen, um ihre Tochter in ein Waisenhaus zu schicken – nicht, weil sie sie loswerden wollten, sondern weil sie hofften, dass sie dort wenigstens eine Zukunft haben könnte. 


Doch das Schicksal zeigte keine Gnade. 


Schon früh begriff Roxanne, dass die Welt niemandem etwas schenkte. Wer überleben wollte, musste kämpfen. Niemand würde kommen, um sie zu retten. Mit einem rostigen Schwert, das sie auf einem verlassenen Schlachtfeld gefunden hatte, begann sie zu trainieren. Anfangs war die Klinge viel zu schwer für sie gewesen – ihre Arme zitterten nach wenigen Minuten, ihre Hände füllten sich mit Blasen und aufgerissener Haut. Doch sie gab nicht auf.  


Tag für Tag übte sie allein. Sie beobachtete Soldaten auf den Straßen, ahmte ihre Bewegungen nach und trieb sich bis zur völligen Erschöpfung. Während andere Kinder schliefen oder spielten, stemmte sie Steine, lief durch den Schnee oder schlug stundenlang gegen alte Holzpfähle, bis ihre Arme taub wurden und ihre Hände bluteten. 


Mit der Zeit veränderte sich ihr Körper. Jede Narbe auf ihren Händen erzählte von den Jahren des Trainings. Jeder Muskel war ein stummer Beweis ihres unbeugsamen Willens, den grausamen Bedingungen des Herzogtums zu trotzen. 


Eines Tages kehrte Roxy – wie sie sich mittlerweile selbst nannte – aus den Bergen zurück, wo sie mehrere Tage trainiert hatte. 


Doch noch bevor sie das Dorf erreichte, bemerkte sie den Geruch. 


Verbranntes Holz. Rauch. Und Tod. 


Ihr Herz zog sich zusammen. Als sie die Überreste des Waisenhauses sah, blieb sie wie erstarrt stehen. Die Ruinen rauchten noch immer leicht. Asche trieb lautlos durch die kalte Luft und legte sich wie ein grauer Schleier über die verkohlten Balken des Gebäudes, das einst ihr Zuhause gewesen war. 


Überall lagen Leichen verstreut. Jungen, die sie wie Brüder betrachtet hatte. Kinder, mit denen sie gegessen, gestritten und gelacht hatte. Ihre Gesichter waren entstellt, verzerrt von Schmerz und Angst. 


Die Mädchen hingegen waren verschwunden. 


Roxy wusste es sofort. Sie hatte die Geschichten zu oft gehört. Von Mädchen, die verkauft wurden. Von Kindern, die in Minen verschwanden oder in den Häusern reicher Adliger endeten. Geschichten über Sklavenhändler, die durch die abgelegenen Regionen des Kaiserreichs zogen und sich an den Schwächsten vergriffen, weil niemand sie beschützte. 


Ein schneidender Schmerz durchfuhr ihre Brust – doch er hielt nicht lange an. 


Er wurde von etwas anderem verdrängt. Von Wut. 


Das Kaiserreich sprach ständig von Recht und Ordnung. Von Gesetzen gegen Sklaverei. Von Ehre und Gerechtigkeit. Doch Roxy hatte gelernt, wie wenig diese Worte wert waren. Während die Menschen in großen Städten wie Welldyl oder der Kaiserstadt feierten und sich an ihrem Wohlstand berauschten, starben anderswo Kinder namenlos in der Kälte. Oger und Lupiden wurden in Minen ausgebeutet, Waisen ihrem Schicksal überlassen. Waisenhäuser wurden überfallen, niedergebrannt und geplündert, und kaum jemand stellte Fragen. Die Jungen starben. Die Mädchen verschwanden. Ein grausames Geschäft, das jeder kannte und dennoch ignorierte. 


Roxy sank auf die Knie. Die kalte, aschebedeckte Erde färbte ihre Kleidung grau, doch sie bemerkte es kaum. Tränen brannten in ihren Augen, während ihr Blick über die zerstörten Überreste ihres Zuhauses wanderte. 


Dann spürte sie, wie sich etwas in ihr verschob. 


Keinen Schmerz. Keine Trauer. Etwas anderes – einen brennenden, glasklaren Wunsch, der sich wie Glut in ihrer Brust ausbreitete. 


Nie wieder würde sie zulassen, dass Menschen, die ihr wichtig waren, so litten. Nie wieder würde sie hilflos danebenstehen. Sie ballte die Fäuste so fest, dass ihre Nägel sich tief in die Handflächen gruben. Warmes Blut lief zwischen ihren Fingern hindurch, doch sie spürte es kaum. 


In diesem Moment starb die verängstigte Waise namens Roxanne. 


Und jemand anderes trat an ihre Stelle. 


Eine Kämpferin. 


Die Welt war grausam, voller Heuchelei und Leid. Aber sie würde nicht länger tatenlos zusehen. Sie würde diese Welt verändern – koste es, was es wolle.



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Kurz darauf, Roxy war gerade einmal sechzehn Jahre alt geworden, fasste sie einen Entschluss. 


Sie würde Inhantes verlassen. 


Nichts hielt sie noch dort. Das Waisenhaus war zerstört, die Menschen, die sie gekannt hatte, tot oder verschwunden. Jeder Weg, jede Straße und jede Nacht erinnerte sie nur daran, was sie verloren hatte. Also schloss sie sich einer Gruppe reisender Händler an, die zwischen den südlichen Regionen des Kaiserreichs und den eisigen Gebieten Randurins pendelten. 


Die Karawane bestand aus den unterschiedlichsten Menschen – alten Kaufleuten mit wettergegerbten Gesichtern, schweigsamen Wächtern, neugierigen Lehrlingen und geschickten Handwerkern, die unterwegs beschädigte Wagen reparierten oder Waren instand hielten. Sie handelten mit allem, womit sich Geld verdienen ließ: exotischen Gewürzen aus den Sommerinseln, feinen Stoffen aus Verltria, Werkzeugen aus den Schmieden der Mittellande und kleinen Artefakten aus Regionen, deren Namen Roxy zuvor nie gehört hatte. 


Zum ersten Mal in ihrem Leben begann die Welt größer zu wirken als die kalten Dörfer ihrer Heimat. 


Abends saß die Gruppe oft gemeinsam am Lagerfeuer. Das Knistern der Flammen mischte sich mit Gelächter, rauen Stimmen und dem Duft von Holz, während die Händler von ihren Reisen erzählten – von den goldenen Dünen der östlichen Wüste, von den gewaltigen Häfen des Südkaisermeers und von Bergen, deren Gipfel selbst im Sommer von Schnee bedeckt waren. Roxy lauschte jedes Mal aufmerksam, die Augen leuchtend, und stellte sich diese Orte vor: fremde Städte voller Menschen, gewaltige Wälder, Meere, die bis zum Horizont reichten. 


Zum ersten Mal spürte sie etwas, das sie lange nicht mehr empfunden hatte. 


Neugier. 


Doch das Leben auf den Straßen war alles andere als romantisch. Räuberbanden lauerten entlang alter Handelswege, korrupte Soldaten verlangten Bestechungsgelder, und manche Städte schlossen nachts einfach ihre Tore, ungeachtet dessen, wer draußen blieb. Roxy lernte schnell: Wachsamkeit bedeutete Überleben. 


Die Reise führte sie schließlich durch das Große Südmoor, einen trostlosen Landstrich voller Nebel und schwarzer Sümpfe. Die feuchte Luft lag schwer auf ihrer Haut, während der schlammige Boden bei jedem Schritt an ihren Stiefeln zog, als wolle er die Reisenden verschlingen. Knorrige Bäume ragten wie verdrehte Klauen aus dem Nebel empor, und zwischen den dunklen Wasserflächen glaubte man immer wieder Bewegungen zu erkennen, die vielleicht gar nicht existierten. Der Nebel verschluckte Geräusche – selbst Stimmen wirkten dumpf und weit entfernt, als kämen sie aus einer anderen Welt. Diese unnatürliche Stille legte sich wie ein Gewicht auf Roxys Brust, und mit jedem Schritt hatte sie das Gefühl, die Landschaft selbst beobachte sie. 


Doch sie hielt durch. Sie hatte Schlimmeres erlebt als Kälte, Hunger oder Angst. 


Monate später erreichte die Karawane schließlich die Kaiserstadt. Schon beim ersten Anblick verschlug es Roxy den Atem. Endlose Häuserreihen erstreckten sich bis zum Horizont, riesige Mauern umschlossen ganze Bezirke, und überall drängten sich Menschen durch die Straßen. Während die Händler voller Begeisterung Geschäfte abschlossen und über Preise diskutierten, beobachtete Roxy die Stadt mit anderen Augen. 


Der weiße Kaiserpalast ragte über allem empor. Egal, wo man stand – man konnte ihn sehen. Ein Symbol von Macht, Reichtum und Größe. Doch ebenso sichtbar war die Armut. Kinder bettelten in den Gassen um Essensreste, verwahrloste Menschen lagen in schmutzigen Seitengassen zwischen Abfall und Schlamm, manche kaum älter als sie selbst. Die Kaiserstadt war prachtvoll, gewaltig, beeindruckend – und gleichzeitig erschreckend geschickt darin, ihr hässliches Gesicht hinter Glanz und Prunk zu verbergen. 


Damals herrschte noch Kaiser Tavil Algavia IV. über das Reich, ein Mann, der für seine gewaltigen Feste und pompösen Inszenierungen bekannt war. Während der Adel in goldenen Sälen feierte und sich an Luxus berauschte, kämpften andere Menschen wenige Straßen weiter ums Überleben. Roxy sah all das – und mit jedem Tag wuchs ihre Überzeugung, dass mit dieser Welt etwas grundlegend falsch war. 


Nach einigen Wochen verließ die Karawane die Kaiserstadt und zog weiter nach Osten, hinein in das Herzogtum Vallyka. Die Landschaft veränderte sich langsam: Straßen wurden seltener, die Natur dichter und wilder, bis sie schließlich den Tiefenwald erreichten. Die gewaltigen Bäume dort wirkten uralt, ihre Kronen verdeckten beinahe vollständig den Himmel, und das Rauschen des Windes durch die Äste klang wie leises, bedeutungsvolles Flüstern. Viele Reisende mieden diesen Ort – man erzählte sich Geschichten über verschwundene Karawanen, Kreaturen zwischen den Bäumen und uralte Dinge, die tief im Wald schlummern sollten. Doch Roxy empfand keine Angst. Zwischen den dunklen Baumriesen fühlte sie sich gleichzeitig verloren und lebendiger als je zuvor. 


Im Verlauf ihrer Reisen veränderte sich ihr Blick auf die Welt. Sie erkannte ihre Schönheit, ihre Vielfalt und die unzähligen Kulturen, die überall existierten. Doch ebenso deutlich sah sie das Leid, die Ungerechtigkeit und die Grausamkeit, die sich durch sämtliche Regionen des Reiches zogen wie ein Riss durch altes Mauerwerk. 


Und langsam nahm in ihrem Inneren ein Traum Gestalt an. 


Ein Ziel. 


Sie wollte etwas erschaffen, das Bestand hatte. Ein Waisenhaus – einen Ort, an dem Kinder Schutz finden konnten, an dem niemand verkauft, vergessen oder misshandelt wurde. Sie wollte ihnen geben, was ihr selbst nie vergönnt gewesen war: Sicherheit. Bildung. Und das Gefühl, nicht allein zu sein.



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Schließlich erreichten sie Randurin, die Hauptstadt des gleichnamigen Herzogtums. 


Die Stadt erhob sich wie eine gewaltige Festung mitten in einer endlosen Schneewüste. Hohe Mauern aus dunklem Stein schützten sie vor den erbarmungslosen Winden des Nordens, und selbst aus der Ferne wirkte Randurin kalt und unnahbar. Schnee knirschte unter den Stiefeln der Bewohner, die hastig durch enge Straßen eilten, dick in Pelze und schwere Mäntel gehüllt. Über den Dächern heulte der Wind wie ein hungriges Tier, während feiner Schnee durch die Gassen trieb und sich auf Fensterbänken, Schildern und den Schultern der Menschen sammelte. Der Winter hier war anders – härter, grausamer. Er kroch nicht nur unter die Kleidung, sondern schien direkt bis in die Knochen vorzudringen. 


Hier trennten sich schließlich ihre Wege mit den Händlern. 


Roxy hatte ihren Entschluss längst gefasst. Sie wollte in ihre Heimat zurückkehren und dort das Waisenhaus errichten, von dem sie seit Jahren träumte. Die Reisen hatten ihr gezeigt, wie groß und vielfältig die Welt war – aber auch, dass Veränderung nicht von selbst geschah. Wenn sie etwas ändern wollte, musste sie selbst handeln. 


Doch das Schicksal stellte sich ihr erneut entgegen. 


Noch bevor sie Randurin verlassen konnte, erkrankte sie schwer. Fieber zwang sie monatelang ans Bett. Manche Nächte waren so schlimm, dass sie glaubte, den nächsten Morgen nicht mehr zu erleben. Ihr Körper wurde schwach, ihre Muskeln bauten sich ab, und selbst das Atmen fühlte sich zeitweise wie ein Kampf an. Erst langsam kehrten ihre Kräfte zurück – und selbst danach blieb sie nahezu ein weiteres Jahr in Randurin. 


Während dieser Zeit begriff sie, wie sehr sich die Stadt von ihrer Heimat unterschied. Die Kälte dort war nicht dieselbe wie die feuchte, bedrückende Kälte der Sümpfe Inhantes. Randurin besaß eine trockene, schneidende Härte, die selbst dicke Kleidung kaum aufhalten konnte. Die Menschen wirkten ebenfalls anders – verschlossener, zäher, als hätte der Norden sie gelehrt, Gefühle ebenso tief zu vergraben wie die Städte unter Schnee. 


Als Roxy schließlich im Alter von achtzehn Jahren aufbrach, war sie längst nicht mehr das Mädchen, das einst Inhantes verlassen hatte. 


Doch ihre Rückreise verlief alles andere als ruhig. Immer wieder wurde sie durch Überfälle von Banditen oder Angriffe von Monstern aufgehalten. Manche Straßen waren kaum noch sicher bereisbar, und mehr als einmal musste sie verletzte Reisende verteidigen oder Dörfern helfen, die von Kreaturen aus den Wäldern bedroht wurden. Sie hätte schneller vorankommen können, wenn sie manche Hilferufe ignoriert hätte. Doch das war nicht ihre Art. 


So vergingen die Jahre. 


Und erst während eines besonders harten Winters erreichte sie schließlich wieder das Dorf ihrer Kindheit. Mittlerweile war sie bereits Mitte zwanzig. 


Das Dorf wirkte kleiner, als sie es in Erinnerung gehabt hatte. Und trostloser. Unter dem grauen Himmel lagen die baufälligen Häuser wie vergessene Ruinen – viele Dächer beschädigt, Fenster notdürftig vernagelt, die Straßen leer und vom Wind durchpfiffen. Das Knarren alter Türen und Fensterläden vermischte sich mit den dumpfen Schritten ihrer Stiefel auf dem gefrorenen Boden. Die Gesichter der wenigen Dorfbewohner, denen sie begegnete, wirkten leer und erschöpft, gezeichnet von einem Leben voller Entbehrungen. Niemand sprach laut. Niemand lachte. Es war ein Ort, der jede Hoffnung längst verloren hatte. 


Während Roxy durch die verfallenen Gassen ging, blieb ihr Blick plötzlich an einer jungen Frau hängen. 


Die Frau stand am Straßenrand und bot sich schweigend vorbeiziehenden Männern an. 


Roxy erstarrte. 


Trotz der vergangenen Jahre erkannte sie das Gesicht. 


„Miri…?" 


Die junge Frau blickte auf. 


„Miri, bist du das wirklich?" 


Für einen Moment wirkte die andere wie gelähmt. Dann weiteten sich ihre Augen. 


„Roxy?" Ihre Stimme zitterte. „Du lebst wirklich…?" Ein schwaches, beinahe zerbrechliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Das ist… ein Wunder." 


Roxy trat näher. Jetzt sah sie erst, wie schlecht Miri aussah. Die Kleidung dünn und abgetragen, die Wangen eingefallen, unter den Augen dunkle Schatten. Doch am schlimmsten war die Müdigkeit in ihrem Blick – keine körperliche Erschöpfung, sondern etwas Tieferes. Etwas, das Menschen innerlich zerbrechen ließ. 


„Was ist mit dir passiert, Miri?" 


Die junge Frau schwieg zunächst. Dann begann sie leise zu erzählen. Davon, wie sie und die anderen Mädchen nach Anjen verkauft worden waren. Wie man sie „erzogen" hatte – zu gehorchen, zu lächeln, Schmerzen still zu ertragen. Sie erzählte von Männern, die sie behandelten wie Ware. Von Angst. Von Nächten, in denen niemand ihnen half. 


Und schließlich sprach sie von ihrer Schwester. Davon, wie ein Mann sie vor ihren Augen zu Tode geprügelt hatte. 


Danach schwieg Miri. 


Vieles ließ sie unausgesprochen. Sie musste es nicht erklären. Roxy verstand auch so genug. 


Mit jedem Wort brodelte der Zorn in ihr stärker auf – heiß, schwer und kaum noch zu bändigen. Sie spürte diesen unaufhaltsamen Drang, etwas zu tun. Irgendetwas. 


„Wer hat das zugelassen?" fragte sie. Ihre Stimme zitterte kaum merklich, ihre Hände hatten sich längst zu Fäusten geballt. 


Doch Miri antwortete nicht. Sie senkte lediglich den Blick – eine stumme Kapitulation vor einer Welt, die sie längst gebrochen hatte. 


In diesem Augenblick verwandelte sich Roxys Wut in etwas Gefährlicheres. 


In Hass. 


Auf die Männer, die Mädchen wie Miri ihrer Kindheit beraubten. Auf die Menschen, die davon wussten und schwiegen. Auf ein System, das solche Orte überhaupt entstehen ließ. 


Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging zum Bordell. 


Das Gebäude lag am Rand des Dorfes. Dunkel. Schäbig. Verfallen. Schon beim Betreten schlug ihr der Gestank entgegen – Alkohol, Schweiß, Rauch und etwas anderes, das sich kaum in Worte fassen ließ. Verzweiflung vielleicht. Die stickige Luft schien an ihrer Haut zu kleben, während aus entfernten Räumen dumpfes Gelächter und Stimmen drangen. 


Roxy spürte nur noch Ekel. 


Mit schweren Schritten betrat sie das Zimmer des Zuhälters. Der alte Mann blickte überrascht auf, kaum dass sie die Tür geöffnet hatte – doch bevor er auch nur ein Wort sagen konnte, zog Roxy ihr Schwert. 


Die Bewegung war schnell. Präzise. 


Die Klinge bohrte sich tief in seine Brust. Der Mann riss die Augen auf, ein ersticktes Geräusch entwich seiner Kehle, und das Leben erlosch langsam in seinem Blick. 


Roxy blieb regungslos stehen. Blut breitete sich über den Boden aus und sammelte sich in einer dunklen Lache um ihre Stiefel. Erst als ihre Finger sich von der Waffe lösten, bemerkte sie, dass ihre Hände zitterten.



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Nur eine Stunde später wurde Roxy verhaftet. 


Die Nachricht über den Tod des Zuhälters hatte sich schnell im Dorf verbreitet, und noch bevor die Nacht vorüber war, standen bewaffnete Männer vor dem Bordell. Widerstand leistete sie keinen.


Schon kurz darauf stand sie vor Gericht. 


Das Urteil fiel überraschend milde aus. Zwei Jahre Gefängnis – nicht aus Mitgefühl oder Verständnis für ihre Tat, sondern weil der Mann, den sie getötet hatte, nachweislich in Menschenhandel verwickelt gewesen war. Selbst die örtlichen Behörden hatten von seinen Geschäften gewusst. Viele hatten weggesehen, solange das Geld floss. Dennoch blieb Mord Mord. Roxy hatte Glück, dass die Strafe nicht härter ausfiel – unter anderen Umständen hätte sie hingerichtet werden können. 


So wurde sie in ein Gefängnis in Inhantes gebracht und verbrachte die nächsten Jahre hinter kalten Steinmauern. 


Die Haft veränderte sie. Die Zelle war eng, feucht und trostlos. Im Winter kroch die Kälte durch jede Ritze der Mauern, während im Sommer stickige Luft und der Geruch von Schweiß und Moder die Gänge erfüllten. Tage verschwammen zu einem endlosen Kreislauf aus Schweigen, gleichmäßigen Schritten und metallischem Türenschlagen. 


Doch das eigentliche Gefängnis lag nicht in den Mauern. 


Es lag in ihren Gedanken. Viele Nächte konnte Roxy nicht schlafen. Dann saß sie schweigend auf ihrer Pritsche und starrte auf die dunklen Steine der Wand, während die Erinnerungen immer wieder zurückkehrten. Miris Gesicht. Die Leichen im Waisenhaus. Das Blut des Zuhälters auf ihren Händen. Immer wieder stellte sie sich dieselbe Frage: ob ihre Tat wirklich etwas verändert hatte – oder ob sie lediglich einen weiteren Menschen getötet hatte, ohne die Welt dadurch besser zu machen. 


Mit der Zeit entstanden aus diesen Gedanken drei unumstößliche Gewissheiten. 


Die erste war einfach. Sie würde auch in Zukunft zum Schwert greifen, wenn es notwendig war. Selbst wenn die nächste Verurteilung ihre letzte sein könnte, würde sie niemals lernen, Leid einfach zu akzeptieren. Sie konnte nicht tatenlos zusehen, während Menschen zerbrachen. Nicht mehr. 


Die zweite Erkenntnis fiel ihr schwerer. 


Sie wollte ihre Menschlichkeit bewahren. Die Roxy, die einst durch das Kaiserreich gereist war, hatte Menschen geholfen – Verletzte beschützt, Hungernden Essen gegeben, Fremden geholfen, ohne eine Gegenleistung zu verlangen. Diese Person wollte sie nicht verlieren. Gewalt war manchmal notwendig, das wusste sie. Doch ebenso wusste sie, dass man nicht jedes Problem mit Blut lösen konnte. Wer bei jeder Gelegenheit zur Klinge griff, wurde irgendwann selbst zu einem Teil jener Grausamkeit, die er verabscheute. 


Und die dritte Gewissheit war stärker als alles andere. 


Der Traum von einem Heim für Waisen hatte die Jahre überdauert. Mehr noch – er war gewachsen. Aus einem Wunsch war ein Ziel geworden. Ein Ort des Schutzes. Vielleicht sogar ein ganzes Dorf, in dem Kinder sicher leben konnten, fern von Menschenhändlern, Gewalt und Hunger. Ein Ort, an dem niemand Angst haben musste, verkauft oder vergessen zu werden. 


Als Roxy schließlich freigelassen wurde, war sie ruhiger geworden. Gefestigter. Doch ihr Wille brannte stärker als je zuvor. 


Mit neuer Entschlossenheit verließ sie das Gefängnis und machte sich auf den Weg in das Herzogtum der Mittellande. Dort wollte sie von vorne beginnen – und die Mittel finden, um ihren Traum endlich Wirklichkeit werden zu lassen.



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Es war ein glühend heißer Sommertag. Die Sonne brannte erbarmungslos vom Himmel herab und verwandelte die Straßen Migars in flimmernde Steinflächen, über denen die Luft förmlich vibrierte. 


Roxy hatte sich in den Schatten eines schmalen Hauseingangs zurückgezogen. Selbst dort hing die Wärme schwer zwischen den Mauern, doch wenigstens brannte ihr die Sonne nicht direkt ins Gesicht. Aus dem Nachbarhaus drang der Duft von Gewürzen und einem Eintopf herüber, vermischte sich mit dem Staub der engen Seitenstraße und dem Geruch aufgeheizter Steine. In der Ferne hörte man dumpfes Stimmengewirr und das entfernte Rollen von Wagenrädern, doch hier wirkte die Kleinstadt fast still. 


Es war einer jener seltenen Momente, in denen Roxy tatsächlich zur Ruhe kam. 


Eigentlich hatte sie direkt nach Malyl weiterreisen wollen. Doch unterwegs war ihr Geld knapp geworden, weshalb sie vorübergehend in Migar geblieben war, um sich etwas für die Weiterreise zu verdienen. Migar gefiel ihr nicht besonders. Doch Arbeit fand man hier schnell, solange man bereit war, schwere Aufgaben zu übernehmen. 


Roxy ließ den Blick gedankenverloren durch die Gasse schweifen. 


Dann bemerkte sie den Mann. 


Er hielt eine junge Frau mit blauen Haaren grob am Handgelenk gepackt und zerrte sie hinter sich her. Die Frau wirkte kaum älter als zwanzig, und selbst aus der Entfernung erkannte Roxy die Unsicherheit in ihrem Gesicht. 


Angst. 


Ihr Körper spannte sich an. Eine Entführung? Allein der Gedanke ließ ihr Blut kochen. Noch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, stieß sie sich von der Wand ab. 


„Halt sofort an!“ 


Ihre Stimme hallte durch die enge Straße – klar, selbstbewusst, geschärft durch Jahre voller Kämpfe. Der Mann erstarrte. Die blauhaarige Frau sah zu ihr auf. 


,,Sie hat sich verlaufen’’, erklärte der Mann hastig. Er trat leicht zur Seite, als wolle er die Sicht auf die Frau verdecken.  ,,Ich zeige ihr bloß den Weg.’’


Roxy verzog keine Miene. Ihr Blick glitt ruhig über ihn hinweg. Er war groß und kräftig gebaut, doch seine Haltung verriet ihr genug – diese Muskeln stammten nicht aus Training, sondern aus schwerer Arbeit und einem Leben, in dem ihm kaum jemand widersprochen hatte. 


Sie wandte sich der Frau zu. Irgendetwas an ihr wirkte seltsam fehl am Platz. Nicht nur wegen der ungewöhnlichen blauen Haare, sondern auch wegen der Wahl ihrer Kleidung und der Art, wie sie sich umsah. Verloren. Überfordert. 


„Stimmt das?" fragte Roxy ruhig. 


Die junge Frau schüttelte den Kopf. „N-Nein", stammelte sie. „Ich kenne ihn nicht." 


Ein schmales Lächeln erschien auf Roxys Gesicht. Nicht nur freundlich – auch gefährlich ruhig. Sie machte einen Schritt auf die Frau zu. 


,,Komm, ich helfe dir.’’


Dann sah sie wieder zu dem Mann, ließ die Finger langsam über den Knauf ihres Schwertes gleiten. 


,,Und du, verpiss dich!’’


Der Mann fluchte leise, hob beschwichtigend die Hände und wich mehrere Schritte zurück. Er schien zu erkennen, dass Roxy nicht zu den Menschen gehörte, die man leicht einschüchtern konnte. Kurz darauf verschwand er aus der Gasse. 


Die junge Frau stolperte zu ihr hinüber. Erst jetzt sah Roxy, wie angespannt sie wirkte – die Schultern leicht zitternd, als hätte sie den Atem die ganze Zeit angehalten. 


„Geht es dir gut?" fragte Roxy. 


Dabei musterte sie die auffälligen blauen Haare der Fremden mit ehrlicher Neugier.



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Roxy streckte sich langsam. 


Es war ein ungewöhnlich warmer Morgen in Malyl. Über den Dächern der Stadt hing bereits früh goldenes Sonnenlicht, das die weißen Fassaden vieler Gebäude leuchten ließ. Ihr Blick wanderte hinauf zur gewaltigen Kameristischen Kathedrale der Stadt – genauer gesagt zur Simours-Kathedrale. Der helle Stein des Bauwerks wirkte makellos. Türme ragten hoch in den Himmel, während kunstvolle Verzierungen und eingravierte Szenen aus Jahrhunderten Kameristischer Geschichte die Mauern schmückten. 


Roxy betrachtete die Kathedrale schweigend. 


Gläubig war sie nie wirklich gewesen. Viele der anderen Waisenkinder hatten Trost im Kamerismus gefunden, hatten gebetet und auf Erlösung gehofft. Roxy hingegen hatte sich damit immer schwergetan. Der Gedanke, dass irgendwann jemand kommen würde, um Leid einfach verschwinden zu lassen, hatte sich für sie nie natürlich angefühlt. Zu oft hatte sie erlebt, wie Menschen litten, während niemand half. 


Sie zog tief die frische Morgenluft ein und ließ den Blick über die Straßen Malyls gleiten. Die Stadt unterschied sich deutlich von der Kaiserstadt oder Randurin. Überall herrschte geschäftiges Treiben, doch anders als in der Kaiserstadt wirkte dieses Leben weniger künstlich – ehrlicher. Die Menschen lachten lauter, Händler diskutierten offen miteinander, und selbst die Straßen wirkten wärmer als die kalten Gassen Randurins. 


Malyl pulsierte vor Leben. 


Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte Roxy das Gefühl, an einem Ort angekommen zu sein, an dem vielleicht etwas Neues beginnen konnte. Unwillkürlich dachte sie an Migar – und damit an Leyla. Sie fragte sich, ob die junge Frau die Reise gut überstanden hatte. Gefährlich genug war sie gewesen, besonders für jemanden mit so wenig Erfahrung. Roxy hoffte ehrlich, dass sie sicher angekommen war. 


Während sie weiterging, ging sie ihre Pläne erneut im Kopf durch. Das Grundstück für das Heim würde sie ungefähr fünfzehn Goldmünzen kosten. Dafür lag es günstig – weit genug entfernt von gefährlichen Straßen, aber nahe genug an kleineren Handelswegen. Es gab sauberes, fließendes Wasser, fruchtbaren Boden und genug Platz, damit Kinder frei leben konnten. Allein bei dem Gedanken daran spürte sie einen Anflug von Hoffnung. 


Doch die Kosten hörten dort nicht auf. Der Bau des eigentlichen Gebäudes würde mindestens acht weitere Goldmünzen verschlingen – vielleicht deutlich mehr, je nachdem, wie groß das Heim werden sollte und wie vielen Kindern sie helfen wollte. 


,,Am liebsten allen…’’


Allen helfen zu können war ein unmöglicher Traum. Und trotzdem konnte sie nicht aufhören, daran zu denken. Dazu kamen Ausgaben für Nahrung, Kleidung, Möbel und Personal. Genehmigungen des Herzogtums. Gespräche mit lokalen Fürsten und Beamten. Vielleicht sogar Bestechungsgelder, falls sich jemand querstellte. Mit jedem Schritt schien die Liste länger zu werden. 


Roxy seufzte. 


Während sie sich ihren Weg durch die belebten Straßen bahnte, blieb sie wachsam. Jahre voller Reisen hatten ihr diese Gewohnheit anerzogen – ihr Blick glitt ständig über die Umgebung, nahm Gesichter, Bewegungen und Geräusche automatisch wahr. Das Rufen der Händler. Das Klappern von Wagenrädern auf Stein. Gespräche zwischen Passanten. All das verschmolz zu einem lebendigen Klangteppich, der sie unweigerlich an ihre Jugend erinnerte. 


Doch sie durfte sich davon nicht ablenken lassen. Sie hatte ein Ziel. 


—BUMM—


Ein Stoß gegen ihren Rücken. Nicht besonders stark, doch Roxy drehte sich augenblicklich um, die Hand instinktiv am Griff ihres Schwertes. 


Dann hielt sie inne. 


Vor ihr stand eine junge Frau mit auffällig blauen Haaren und einem entschuldigenden Gesichtsausdruck, die Wangen leicht gerötet vor Verlegenheit. Doch nicht die Haare erregten Roxys Aufmerksamkeit. 


Es war das Gesicht. Ein vertrautes Gesicht. 


Leyla.


Ein breites Lächeln breitete sich auf Roxys Gesicht aus, die Erleichterung stärker, als sie erwartet hatte. In den vergangenen Wochen hatte sie mehr als einmal daran gedacht, ob Leyla die Reise überhaupt überstanden hatte. Nun stand sie direkt vor ihr – und sie wirkte stärker als zuvor. Selbstbewusster. Sie war muskulöser geworden und ihre Haltung war gefestigt.


Das Garnische Kurzschwert an Leylas Gürtel fing das Sonnenlicht ein und schimmerte kurz auf, und Roxy verspürte einen seltsamen Stolz, als sie daran dachte, wie sie Leyla die Waffe damals übergeben hatte. 


„Tut mir leid, ich habe nicht aufgepasst", stammelte Leyla hastig. 


Dann erkannte auch sie, wer vor ihr stand. Ihre Augen weiteten sich – ehe sich langsam ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht ausbreitete. 


„Leyla?" Roxy lachte leise. „Bist du das wirklich?" 


Eine warme Freude breitete sich in ihrer Brust aus. 


„Es ist schön, dich hier zu treffen."

 
 
 

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