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Kapitel 93 - Kronprinz Hypos

24. Feb. 2025
8 Min. Lesezeit

Hypos Algavia wurde als fünfter Enkel von Kaiser Tavil IV. geboren, und schon kurz nach seiner Geburt bemerkten einige im Kaiserpalast, dass etwas mit ihm nicht stimmte. 


Während andere Neugeborene schrien, wenn sie Hunger hatten, schien Hypos kaum Laute von sich zu geben. Er verweigerte die Muttermilch, schlief kaum und lag oft einfach nur da, seine gelben Augen aufmerksam auf die Umgebung gerichtet. Es war kein neugieriger, kindlicher Blick – es war ein Blick, der zu wissen schien, zu verstehen, weit über sein Alter hinaus.


Die ersten wirklich beunruhigenden Anzeichen zeigten sich, als eine Magd in seinem Zimmer ausrutschte und sich beim Sturz den Arm brach. Der kleine Hypos lachte – nicht ein fröhliches, unschuldiges Kinderlachen, sondern ein leises, kaltes Glucksen, das selbst die erfahrensten Diener erschaudern ließ.


Seine Familie erkannte früh, dass er anders war, und versuchte, dies vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Hypos durfte den Kaiserpalast nicht verlassen, und sein Kontakt zu seinen Geschwistern wurde stark eingeschränkt. Er wuchs isoliert auf, abgeschottet von der Welt außerhalb der Palastmauern. Doch wenn man dachte, dass dies ihn brechen oder schwächen würde, lag man falsch.


Schon in jungen Jahren zeigte sich, dass er über ein außergewöhnliches Talent für Magie und Strategie verfügte. Mit nur vier Jahren begann er seine Ausbildung an der Kaiserlichen Magieakademie und schloss sie mit dreizehn mit Bestnoten ab. Doch anstatt Ruhm für diese Leistung zu beanspruchen, nahm er das Zeugnis einfach entgegen, ohne eine Spur von Stolz oder Freude zu zeigen.


Kurz darauf wurde er mit der Adligen Francisca de Nariol verlobt, doch von wirklichem Interesse an ihr war keine Spur. Es war eine politische Verbindung, eine Pflicht, nicht mehr und nicht weniger. Selbst auf den Festen, bei denen sie gemeinsam erschienen, sprach Hypos kaum ein Wort mit ihr.


Als er mit sechzehn Jahren schließlich die Erlaubnis erhielt, den Kaiserpalast zu verlassen, begann eine Reise, über die kaum verlässliche Informationen existieren. Niemand wusste genau, wo er sich aufhielt oder mit wem er sprach, doch als er Jahre später in die Kaiserstadt zurückkehrte, hatte er ein Netzwerk aufgebaut, das sich über das gesamte Reich erstreckte.


Seine Rückkehr war begleitet von einem seltsamen Verhalten. Hypos tat Dinge, die niemand verstand. Er betrat eine Taverne und zwang die Gäste, so lange zu trinken, bis einige von ihnen an der Menge des Alkohols starben. Ein anderes Mal kaufte er jedes Haustier eines Viertels auf und setzte sie in den Bergen aus. Die kaiserliche Familie versuchte, diese Vorfälle herunterzuspielen, doch sie schürten nur weiter die Gerüchte um den unberechenbaren Prinzen.


Als das Prinzenspiel begann – der Wettstreit zwischen den Kronprinzen um den Thron – setzte sich Hypos sofort an die Spitze. Während seine Geschwister sich mit Militärstrategien und Politik beschäftigten, schrieb er ein Buch. Eine historische Satire, die den Adel verspottete, aber dennoch von Gelehrten gefeiert wurde. Dann verhandelte er mit dem Lupidenkönigreich Arkan und sicherte einen Handelsvertrag, der zuvor als unmöglich galt.


Er unterrichtete Magie an öffentlichen Akademien, ließ sich mit den Anführern der Unterwelt ein und schaffte es, die Opfer des organisierten Verbrechens drastisch zu reduzieren. Doch niemand wusste, wie er das tat. Einige sagten, er habe mit den Verbrechern zusammengearbeitet, andere behaupteten, er habe sie selbst eliminiert.


Mit jedem Erfolg wuchs sein Ruf, und mit ihm auch die Geschichten über ihn. Manche flüsterten, dass er jede Nacht das Blut von Drachen trinke. Andere behaupteten, er könne mit Vögeln sprechen. Wieder andere erzählten, dass er Menschen in seinem Keller folterte, um ihre Seelen zu brechen.


Man nannte ihn „den wahnsinnigen Prinzen“.


Und Hypos?


Hypos lächelte – und ließ die Gerüchte gewähren.



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Es war spät am Abend, als Leyla endlich den Kaiserpalast erreichte. Der Tag war lang gewesen, Nea hatte sie über Stunden hinweg belagert und zum Training gedrängt. Nun war sie erschöpft, doch sie konnte es sich nicht leisten, sich auszuruhen. Sie musste Hypos treffen.


Die weißen Marmorstufen führten sie immer weiter nach oben, hin zu dem Teil des Palastes, in dem der Kronprinz lebte. Anders als die anderen Mitglieder der kaiserlichen Familie hatte er keine Wachen vor seiner Tür, die Besucher abschreckten. Wer wollte, konnte kommen. Doch kaum jemand wagte es.


Die Gerüchte über Hypos hielten die meisten fern. Geschichten von Wahnsinn, von dunklen Ritualen und grausamen Spielen. Es hieß, dass jeder, der ihm zu nahe kam, verändert zurückkehrte – wenn überhaupt.


Leyla ließ sich davon nicht abschrecken. Sie hatte es bis in den höchsten Turm geschafft, wo ihr einer der Leibdiener des Kronprinzen mitgeteilt hatte, dass Hypos sich auf dem höchsten Punkt seines Nebenpalastes aufhielt.


Was für ein Mensch Hypos wohl war?


Als sie die Tür zum Balkon erreichte, blies ihr der Wind ins Gesicht. Eine raue, kühle Brise, die die Stille der Nacht durchbrach. Doch sie hörte noch etwas anderes – eine Stimme, die im Wind ein Lied sang.


,,In feur'ger Nacht, auf Schwingen wild,

rief ich den Drachen, mein schreckliches Bild.

Mit Zähnen aus Schatten, mit Augen wie Glut,

ertrank ich die Welt in flammender Wut.


Sein Atem gehorcht mir, sein Wille ist mein,

ich flüst're Wahnsinn in schuppiges Sein.

Die Adligen brennen, die Himmel vergeh'n,

nur ich soll im Lichte der Asche besteh'n.’’


Leyla schluckte. Die Worte des Liedes waren gefährlich, an der Grenze zum Hochverrat. Nein, eigentlich waren sie Hochverrat.


Sie trat hinaus auf den Balkon und erblickte Hypos.


Er stand mit dem Rücken zu ihr, den Blick auf die Kaiserstadt gerichtet. Der goldene Umhang, den er über seiner schwarzen Weste trug, flatterte leicht im Wind. Seine kurzen, wasserstoffblonden Haare schimmerten im Licht des Mondes, und als er sich umdrehte, funkelten ihr seine gelben Augen entgegen.


Doch es war nicht seine Kleidung, nicht sein Hut – ein schwarzer Strohhut mit goldenen Verzierungen –, das sie am meisten irritierte. Es war sein breites Grinsen.


„Leyla!“ rief er fröhlich, als wäre sie eine alte Freundin, die er lange nicht gesehen hatte. „Ich freue mich, dass du deinen Weg zu mir gefunden hast!“


Seine Stimme war hell und freundlich, doch in seinen Augen lag etwas Bedrohliches, etwas, das Leyla nicht greifen konnte.


Sie straffte sich. „Eure Hoheit, ich würde gerne wissen, warum Ihr meine Dienerin aufgesucht habt.“


Kaum hatte sie gesprochen, veränderte sich die Welt um sie herum. Der Wind verstummte abrupt, als hätte jemand die Luft angehalten. Die Blätter, die eben noch in der Brise tanzten, froren in der Luft ein. Selbst die Haare des Kronprinzen standen still, als wäre die Zeit selbst ins Stocken geraten.


Dann grinste Hypos noch breiter.


„Ach komm, das kannst du besser!“ rief er belustigt.


Und plötzlich wurde Leyla von einem gleißenden weißen Blitz verschluckt.



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Als das blendende Licht nachließ, stand Leyla wieder auf der Treppe vor der Tür zum Balkon. Alles war genauso wie zuvor. Der Wind wehte, das Mondlicht spiegelte sich auf den weißen Marmorstufen, und von draußen erklang erneut die Stimme des Kronprinzen, der sein düsteres Lied sang.


,,In feur'ger Nacht, auf Schwingen wild,

rief ich den Drachen, mein schreckliches Bild.

Mit Zähnen aus Schatten, mit Augen wie Glut,

ertrank ich die Welt in flammender Wut.


Sein Atem gehorcht mir, sein Wille ist mein,

ich flüst're Wahnsinn in schuppiges Sein.

Die Adligen brennen, die Himmel vergeh'n,

nur ich soll im Lichte der Asche besteh'n.’’


Leyla blieb für einen Moment regungslos stehen. Ihr Verstand hatte die Realität nicht sofort erfassen können. Was war passiert?


Dann dämmerte ihr die Antwort.


Zeitmagie. 


Hypos hatte die Zeit zurückgedreht. Sie hatte sich höflich verhalten, sich respektvoll vorgestellt – und dennoch hatte er die Unterhaltung einfach zurückgesetzt. Warum? Was hatte sie falsch gemacht?


Sie atmete tief durch. Wenn er dieses Spiel spielen wollte, würde sie es mitspielen. Doch sie würde sich nicht von ihm zum Narren halten lassen.


Erneut öffnete sie die Tür und trat auf den Balkon.


Hypos stand bereits da, als hätte er auf sie gewartet. Sein Lächeln hatte sich in ein noch wahnsinnigeres Grinsen verwandelt. Mit einer theatralischen Geste zog er seinen Strohhut und verbeugte sich tief.


,,Guten Tag, Miss Leyla. Ich freue mich untertänigst, Euch zu sehen!’’


Seine Stimme war übertrieben freundlich, doch Leyla hörte die Belustigung dahinter.


Sie verschränkte die Arme vor der Brust und funkelte ihn an. „Was sollte das eben?“ Ihre Stimme klang gereizt. Sie hatte höflich sein wollen, etwas, dass sie in ihrer Position nicht musste, doch das hier hatte nichts mit Etikette zu tun – Hypos machte sich über sie lustig.


Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, geschah es wieder.


Die Welt um sie herum erstarrte. Der Wind hörte abrupt auf, zu wehen. Das Rascheln ihrer Haare verstummte, die Luft wurde schwer wie Eis. Ihre Glieder gehorchten ihr nicht mehr. Selbst ihr Atem stockte, als wäre die Zeit selbst in ihr zum Stillstand gekommen.


Hypos lachte leise. Dann klatschte er zweimal in die Hände, und die Welt wurde erneut in grelles Licht getaucht.


,,Versuch es doch noch einmal!’’ rief er amüsiert.


Und wieder begann alles von vorne.



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Zehn Mal, zwanzig Mal. Immer wieder betrat sie den Balkon, hörte das Lied des Prinzen, stellte ihre Frage – und immer wieder wurde die Zeit zurückgesetzt. Es war ein endloser Kreislauf, ein absurdes Spiel, das nur Hypos’ willkürlichen Regeln folgte. Doch sie dachte nicht daran aufzugeben.


„Irgendwann muss ihm doch das Mana ausgehen“, murmelte sie frustriert, während sie erneut die Treppe hinaufstieg.


Beim zweiundvierzigsten Mal bemerkte sie eine winzige Veränderung. Der Sonnenuntergang war endgültig verschwunden, die Nacht hatte begonnen. „Ich verstehe“, flüsterte sie. „Er dreht nur für uns beide die Zeit zurück, nicht für die Welt.“


Beim siebenundfünfzigsten Mal hatte sie genug. Statt einfach auf den Balkon zu treten, legte sie eine Hand auf die steinernen Stufen des Turms und ließ ihre Erdmagie in den Boden fließen. Sie konnte spüren, wie die Struktur des Turms auf ihre Magie reagierte, wie die Steine sich nach ihrem Willen formten. Dann betrat sie den Balkon und betrachtete Hypos.


Er saß lässig auf dem Geländer, sein Strohhut tief ins Gesicht gezogen, ein unverschämtes Grinsen auf den Lippen – nur, dass er sich diesmal nicht rühren konnte. Die Pfeiler des Balkons hatten sich wie Fesseln um ihn gelegt, hielten ihn fest, als wäre er selbst Teil der Architektur geworden.


„Könnt Ihr endlich damit aufhören?“ rief sie ihm entgegen, ihre Stimme voller genervter Wut.


Hypos blinzelte kurz, dann zwinkerte er ihr vergnügt zu. „Na gut, wenn es dir lieber ist.“


Mit einer beiläufigen Bewegung machte er eine Geste, und augenblicklich verschwanden die Fesseln aus Stein. Etwas irritiert ließ Leyla das Gestein in seine ursprüngliche Form zurückfließen und verschränkte die Arme.


„Also, warum habt Ihr meiner Dienerin aufgelauert?“ fragte sie kühl.


Hypos lachte leise und rückte seinen Strohhut zurecht. „Aufgelauert? Ich bin doch keine Bestie.“ Seine Stimme triefte vor gespielter Empörung. „Ich habe ihr lediglich geholfen.“


Er schwang sich mit einer flinken Bewegung nach vorne, sprang vom Geländer und landete geschmeidig neben ihr. Sein Blick wanderte über die leuchtende Stadt unter ihnen, während eine leichte Brise sein blasses Haar umspielte.


„Ist die Kaiserstadt nicht wunderschön?“ fragte er mit einer vagen Melancholie in der Stimme.


Leyla starrte ihn an. Sie hatte aufgegeben, Sinn oder Vernunft in diesem Mann zu suchen. „Es geht“, sagte sie knapp. „Von oben sieht sie ganz erträglich aus.“


Hypos’ Lächeln wurde breiter. „Nicht wahr, Leyla?“ Seine Stimme trug eine eigenartige, fast spöttische Wärme. „Nun gut, du wolltest wissen, warum ich dir das Buch habe zukommen lassen, nicht wahr?“


Leyla nickte langsam. „Ja“, sagte sie, mit einem Hauch von Müdigkeit in der Stimme. Sie war erschöpft von seinem Spiel.


Hypos’ Miene wurde plötzlich ausdruckslos. „Nun, ein Freund hat mich darum gebeten“, sagte er leichthin, als wäre es eine Nebensächlichkeit. Sein Blick verlor sich in der Ferne, als wäre er in Gedanken woanders. „Er will anscheinend, dass du die Steinchen findest.“


Leylas Magen zog sich zusammen. „Warum? Wer ist dieser Freund?“ fragte sie mit neuer Dringlichkeit.


Hypos drehte sich zu ihr um und zuckte mit den Schultern. Dann zog sich sein Mund erneut zu einem breiten, fast wahnsinnigen Grinsen. „Nun, wer weiß?“


Leyla seufzte. Sie hatte zumindest einen Teil der Informationen bekommen, die sie haben wollte. Der Kronprinz war wahnsinnig, exzentrisch – aber er schien keine direkte Gefahr für sie zu sein. Zumindest nicht in diesem Moment.


„Danke. Ich verabschiede mich dann mal“, sagte sie und wandte sich ab, um die Treppe hinabzusteigen.


Als sie den ersten Schritt machte, hörte sie wieder das Lied. Seine Stimme war leise, aber deutlich zu hören, als würde er sie noch immer begleiten.


,,In feur'ger Nacht, auf Schwingen wild,

rief ich den Drachen, mein schreckliches Bild.

Mit Zähnen aus Schatten, mit Augen wie Glut,

ertrank ich die Welt in flammender Wut.


Sein Atem gehorcht mir, sein Wille ist mein,

ich flüst're Wahnsinn in schuppiges Sein.

Die Adligen brennen, die Himmel vergeh'n,

nur ich soll im Lichte der Asche besteh'n.’’

 
 
 

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