Kapitel 140 - Die Blätterlosen
- empirewebnovel
- 8. März 2025
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Jevry Tanmer war ein junger Mann, geboren in einem wohlhabenden Vorort von Anjen, jener geschäftigen Hafenstadt, die genau zwischen Welldyl und Inhantes lag. Seine Familie hatte für ihn eine klare Zukunft vor Augen – eine Laufbahn als angesehener Gelehrter.
Schon früh wurde er auf die besten Schulen geschickt, wo er die Wissenschaften der Natur studierte: Pflanzenkunde, Monsterlogie, Mathematik. Bücher, Formeln, Theorien – sie alle wurden ihm mit strenger Disziplin eingetrichtert. Doch so sehr er sich auch bemühte, so viel er auch lernte, er fühlte sich nie wirklich dazugehörig.
Jevry war groß, breit gebaut und kräftig – ein junger Mann mit der Statur eines Kriegers inmitten einer Umgebung aus zerbrechlichen Intellektuellen. Seine Lehrer lobten seine Fortschritte, aber in den Gesichtern seiner Mitschüler las er nur Ablehnung. Manche fürchteten ihn, weil er anders war, andere mieden ihn, weil es ihre Eltern so wollten. Ein Außenseiter unter denen, die sich selbst für die klügsten Köpfe ihrer Generation hielten.
Doch Jevry ließ sich nicht unterkriegen. Heimlich begann er zu trainieren, ohne das Wissen seiner Eltern oder Lehrer. Nachts, wenn die Lichter in der Stadt erloschen waren, versuchte er sich am Schwertkampf. Doch seine Bewegungen waren zu ungelenk, seine Schläge zu plump. Er probierte das Bogenschießen, doch ihm fehlten Geduld und Präzision. Magisches Talent hatte er ebenfalls keins – der Funke, der in vielen seiner Mitschüler brannte, blieb ihm verwehrt. Es war, als wäre er nirgends willkommen.
Dann, an einem heißen Sommertag, als er gerade sechzehn geworden war, änderte sich alles.
Seine Studienklasse unternahm eine Exkursion ins Südmoor, ein weitläufiges Waldgebiet, das Anjen wie ein grüner Gürtel umgab. Die Luft war drückend, der Boden feucht, und das Summen von Insekten erfüllte die Stille. Dann kam der Angriff.
Ein Stahlbär, ein monströses Raubtier mit dunklem Fell und tödlichen Klauen, brach aus dem Dickicht hervor. Die Schüler erstarrten vor Angst, ihre Bücher und Schriftrollen fielen klatschend in den Matsch. Ein Schrei gellte durch die Luft – jemand stolperte, jemand weinte. Der Bär bewegte sich auf sie zu, sein hungriger Blick suchte ein Ziel.
Jevry handelte instinktiv.
Noch bevor er selbst verstand, was er tat, stellte er sich zwischen die Bestie und seine Mitschüler – jene, die ihn seit Jahren ignorierten, belächelten, verspotteten. Er griff nach dem nächstbesten Ast, schwang ihn wie eine Keule und schrie aus vollem Hals.
Der Kampf war brutal. Der Bär war übermächtig, seine Pranken schnitten durch Jevrys Fleisch, doch Jevry wich nicht zurück. Er rammte den Ast in die Schnauze der Bestie, wich aus, blockte mit bloßen Händen – hielt den Bären so lange auf, bis die Wachen eintrafen.
Er überlebte. Doch seine Mitschüler dankten ihm nicht. Niemand sprach ihn an, niemand sagte auch nur ein Wort. Als er blutend auf einer Trage zurück nach Anjen gebracht wurde, senkten sie nur die Blicke.
Doch für Jevry war das egal.
Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er eine Antwort gefunden. Er war nicht dazu geboren, Formeln zu entschlüsseln oder Theorien zu analysieren. Er war dazu geboren, zu schützen.
Nach seiner Genesung kehrte er nicht nach Hause zurück. Er verließ Anjen, verließ das Leben, das seine Familie für ihn geplant hatte. Er würde kein Gelehrter sein, kein angesehener Mann in den Hallen der Weisheit. Stattdessen wollte er ein Schild für die Schutzlosen sein.
In einer einsamen Nacht schlich er sich in eine Schmiede und stahl einen Turmschild – eine prachtvolles, magisches Artefakt, das mit mächtigen Runen durchzogen war. Sie verlieh ihm eine einzigartige Fähigkeit: Solange er den Schild hielt, wurde seine Haut so hart wie Stahl. Ein Schild aus Fleisch und Knochen.
Monate vergingen.
Jevry zog durch das Land, lernte zu kämpfen, lernte, sich selbst zu verteidigen. Er war noch unerfahren, seine Technik roh, doch seine Entschlossenheit war unerschütterlich. Immer wieder stellte er sich Banditen, Wildtieren, Monstern – und jedes Mal verließ er den Kampf stärker, als er ihn begonnen hatte.
Dann, an einem regnerischen Abend, kreuzte er ihren Weg.
Alexandra.
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Karst wuchs in den Armenvierteln der Kaiserstadt auf – einem Ort, an dem Hoffnung ein seltenes Gut war und Träume oft in der Gosse erstickten. Seine Eltern kannte er nicht. Vielleicht hatten sie ihn verlassen, vielleicht waren sie gestorben. Es spielte keine Rolle, denn die Stadt nahm keine Rücksicht auf verlorene Kinder. Sie verschluckte sie, brach sie, ließ sie verschwinden.
Die einzige, die sich um ihn kümmerte, war eine alte, obdachlose Frau. Sie war schwach, gebrechlich, doch sie teilte mit ihm, was sie hatte – ein hartes Stück Brot, eine dünne Decke für kalte Nächte, ein paar Geschichten aus einer Zeit, als die Welt vielleicht freundlicher gewesen war. Sie war alles, was Karst hatte. Und dann starb sie, wie es in den Straßen der Kaiserstadt üblich war: still und unbeachtet.
Plötzlich war er allein. Ein Kind ohne Schutz, ohne Namen, ohne Bedeutung.
Doch Karst ließ sich nicht unterkriegen.
Er wurde ein Schatten in den Gassen der Kaiserstadt. Er lernte zu stehlen, zuerst nur Essen aus den Ständen der Händler, dann Münzen aus den Taschen der Unachtsamen. Er war schnell, geschickt und unsichtbar – genau das, was man sein musste, um in dieser Stadt zu überleben. Doch irgendwann reichte das nicht mehr. Er wurde älter, größer, und das bedeutete, dass er auffiel. Also begann er, mit anderen Waisen zu arbeiten, kleine Banden bildeten sich, aus Kindern, die nichts hatten, außer dem Willen zu überleben.
Aber kam der erste Raubüberfall.
Ein Adliger, reich gekleidet, in den dunklen Straßen der Kaiserstadt unterwegs. Sie wollten nur seinen Beutel, vielleicht seinen Mantel. Doch die Situation eskalierte. Ein Messer blitzte auf, es gab einen Schrei, und plötzlich lag der Mann reglos am Boden. Blut sickerte zwischen den Pflastersteinen hindurch, und Karst wusste, dass es kein Zurück gab.
Panik ergriff ihn. Die anderen flohen, doch Karst blieb für einen Moment stehen, als könnte er die Realität mit bloßer Willenskraft ändern. Doch dann kamen Schritte, Rufe – und er rannte.
Er wusste nicht, wie viel Aufsehen der Tod eines Adligen erregen würde, doch er stellte sich bereits vor, wie Yang seine Spur aufnahm. Yang, die Frau, die jeden zur Strecke bringen konnte – ganz gleich, wer er war oder wo er sich versteckte. Karst wusste, dass er nicht warten konnte, um herauszufinden, ob er wirklich gejagt wurde. Also floh er.
Süden. Immer weiter nach Süden.
Die Tage wurden zu Wochen, die Wochen zu Monaten, die Monate zu Jahren.
Er lernte, in der Wildnis zu überleben. Während andere sich am Feuer der Stadt wärmten, schlief er in kalten Höhlen. Während andere in Tavernen tranken, trank er aus Flüssen. Er baute sich einen Bogen, schärfte seine Pfeile an Steinen und jagte sein eigenes Essen. Tiere zu erlegen wurde für ihn mehr als nur eine Notwendigkeit – es war ein Beweis dafür, dass er stark genug war, um zu leben.
Aber er war allein.
Er hatte es sich nicht ausgesucht, er hatte es nicht gewollt. Doch es war geschehen.
Ohne es zu merken, zog es ihn immer weiter nach Süden, bis die Luft wärmer wurde, die Wälder dichter und die Nächte nicht mehr so bitterkalt. Und doch blieb das Gefühl, dass etwas fehlte. Er konnte nicht sagen, was es war – ein Ziel? Ein Grund? Eine Antwort auf eine Frage, die er nie gestellt hatte?
Dann, an einem sonnigen Nachmittag, traf er sie. Die Frau, die ihn mit ihrem Lächeln verzauberte.
Alexandra.
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Betty de la Costa war von Geburt an ein gesegnetes Kind – geboren in die wohlhabendste Familie der Heiligen Stadt Karintes, aufgezogen in einer Welt aus Gold und Elfenbein. Ihr erstes Lächeln wurde von den Priestern als göttliches Zeichen interpretiert, ihre ersten Schritte mit gesegneter Erde bestreut. Sie war das strahlende Symbol eines makellosen Lebens, die perfekte Tochter, die makellose Gläubige.
Ihre Taufe war ein Spektakel, das in der Heiligen Stadt seinesgleichen suchte. Der Erzbischof Feldbaum höchstpersönlich führte das Ritual durch, während sich die versammelten Gläubigen vor der kleinen Betty verneigten, als wäre sie eine Heilige. Schon früh wurde sie als Wunderkind gepriesen – mit außergewöhnlicher Schönheit, einem messerscharfen Verstand und einer Gabe für Magie gesegnet. Die Priester sahen in ihr eine Auserwählte, die Lehrer verehrten sie als perfekte Schülerin, und ihre Eltern sahen in ihr die Zukunft der Familie de la Costa.
In der Kirche Kameras erhielt Betty eine Ausbildung zur Klerikerin – nicht nur eine Frau des Glaubens, sondern eine Kriegerin des Lichts, eine, die mit ihrer Magie für Kamera einstehen würde. Sie lernte die heiligen Schriften auswendig, vollzog Rituale mit makelloser Präzision und heilte mit einer Sanftheit, die beinahe übernatürlich schien. Doch obwohl sie von Ehrgeiz und Disziplin umgeben war, blieb Betty stets bescheiden. Ihr schüchternes Lächeln und ihre aufrichtige Freundlichkeit machten sie zur Lieblingstochter der Stadt.
Die Männer priesen sie als die reinste Seele des Kaiserreichs, die Frauen beneideten und bewunderten sie zugleich. Sie war ein leuchtendes Ideal, eine Ikone des Glaubens.
Doch in Bettys Herzen war nur ein einziger Wunsch: den Menschen helfen, den kameristischen Glauben verbreiten, jenseits der steinernen Mauern Karintes.
Doch dann geschah es.
Eines Abends, als sie durch die langen, mit Kerzen beleuchteten Gänge des Familienanwesens schritt, blieb sie vor der Bibliothek stehen. Leise Stimmen drangen durch die Tür – die Stimme ihres Vaters, ruhig und bestimmt, und die Stimme eines Priesters, ehrerbietig und doch mit einem Hauch von Angst.
Neugierig trat Betty näher, lauschte dem Gespräch – und das, was sie hörte, ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren.
Bestechungen. Schutzgelder. Die Folter von Ungläubigen.
Und es wurde nicht in Wut oder Scham besprochen. Nein, es wurde mit der Routine eines Geschäftsgesprächs diskutiert.
Das war nicht der Kamerismus, den sie liebte. Nicht der Glaube, den sie in ihrem Herzen trug.
Es war, als wäre der Boden unter ihren Füßen weggerissen worden.
Die Kirche, die sie immer als reinen Hort des Guten gesehen hatte, war nichts weiter als ein Netz aus Korruption und Lügen. Und ihr eigener Vater, den sie als frommen, gerechten Mann angesehen hatte, war tief in diesen Machenschaften verstrickt.
Sie konnte nicht bleiben.
Am nächsten Morgen bat Betty ihren Vater, sie auf eine Pilgerreise zu schicken. Sie sprach von dem Wunsch, sich Kamera zu nähern, von dem Ruf, der sie hinaus in die Welt zog. Ihr Vater war zunächst skeptisch – doch schließlich gab er nach.
Und so verließ Betty Karintes, mit einem Schiff, das sie auf eine Reise führte, die sie sich niemals hätte erträumen können.
Sie reiste über Welldyl, durch das tropische Evigane, zu den blühenden Märkten von Anjen. Sie sah Elend und Ungerechtigkeit, aber auch Menschlichkeit und Güte. Ihre Überzeugungen wandelten sich, formten sich neu – nicht mehr die blinde Anbetung einer Institution, sondern der echte, aufrichtige Glaube an das Gute im Menschen.
Und schließlich erreichte sie Inhantes.
Die Stadt war ein Mosaik aus Stimmen, Kulturen und Möglichkeiten. Betty wusste, dass sie hier einen neuen Weg finden musste. Dass sie nicht allein kämpfen konnte.
Und dann, an einem heißen Nachmittag in den belebten Straßen Inhantes’, traf sie auf eine Frau, die ihr Leben verändern sollte.
Alexandra.
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Alexandra Lemyllion wurde als jüngste Tochter einer angesehenen Elfenfamilie im Herzen des Grünwaldes geboren, einem uralten, fast magischen Wald im Südwesten des Kontinents. Die hochgewachsenen Bäume, deren Blätter selbst im tiefsten Winter grün blieben, umgaben sie seit ihrer Geburt, wurden zu ihrem Zuhause, zu ihrem Zufluchtsort und schließlich zu ihrer ersten Lehrmeisterin.
Doch ihre Kindheit war nicht von der Wärme elterlicher Fürsorge geprägt. Ihre Eltern, hoch angesehene Gelehrte und Berater des Elfenrates des Waldes, hatten wenig Zeit für ihre jüngste Tochter. Alexandra wuchs in den Schatten ihrer älteren Geschwister auf, von denen jeder eine Rolle in der elfischen Gesellschaft zu erfüllen hatte – ein Schicksal, das auch ihr bestimmt war. Doch sie war anders. Sie wollte nicht in die Fußstapfen ihrer Familie treten. Sie wollte mehr als das.
Ihre einzige wahre Bezugsperson war ihre Großmutter, eine weise Frau mit funkelnden Augen, die so viele Geschichten in sich trugen wie der Wald, der sie umgab. Es war ihre Großmutter, die Alexandra alles beibrachte, was sie über die Welt wissen musste – über Magie, über die Mythen und Legenden des Kaiserreichs, über die uralten Gesetze des Waldes. Sie lehrte sie, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen und Menschen nicht nach ihrer Herkunft oder ihrem Blut zu beurteilen, sondern nach ihrem Herzen und ihren Taten.
Ihr älterer Bruder, Helovas, war es, der ihr den Schwertkampf beibrachte. In jeder freien Minute trainierten sie zusammen, und Alexandra entdeckte eine Leidenschaft, die tiefer ging als alles, was sie je gespürt hatte. Das Schwert wurde ein Teil von ihr – es war nicht nur eine Waffe, sondern eine Verlängerung ihres eigenen Willens. Sie suchte den Kampf, nicht aus Blutlust, sondern aus dem Wunsch heraus, sich selbst zu verbessern, neue Herausforderungen zu finden, stärker zu werden.
Und dann kam der Tag, an dem sich alles änderte.
Ein Reisender aus dem Kaiserreich fand seinen Weg in den Grünwald. Er war ein einfacher Abenteurer, ein Mann ohne Rang oder Titel, doch seine Geschichten faszinierten Alexandra mehr als jedes Buch, das sie je gelesen hatte. Er erzählte von den Gilden, die überall in der Welt existierten, von Helden, die Monster erschlugen, von Abenteurern, die sich dem Unbekannten stellten und mit Ruhm und Geschichten heimkehrten.
Alexandra hing an seinen Lippen, nahm jedes seiner Worte auf wie eine Pflanze das Licht der Sonne. Und als er den Grünwald wieder verließ, wusste sie eines mit absoluter Gewissheit: Sie würde ihre eigene Abenteurergilde gründen.
Doch mit wem? Und wo? So begann ihre Reise.
Sie verließ den Grünwald und zog durch den Süden des Kontinents, von den weiten Ebenen von Inhantes bis zu den Sümpfen von Welldyl. Sie begegnete vielen Menschen, hörte ihre Geschichten, sah ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen. Und schließlich fand sie die Gefährten, die mit ihr dieses neue Kapitel aufschlagen würden.
Als Erstes traf sie auf Jevry Tanmer, einen stämmigen Mann mit breiten Schultern und einem uralten Turmschild, dessen Oberfläche von roten Runen durchzogen war. Er war ein Krieger, wie sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte – nicht elegant, sondern standhaft wie ein Berg. Alexandra sah die Entschlossenheit in seinen Augen, die unbeirrbare Loyalität, mit der er verteidigte. Sie unterhielten sich lange, über ihre Ziele, ihre Träume – und schließlich wusste sie, dass er der Erste sein würde, den sie in ihre zukünftige Gilde aufnahm.
Zusammen reisten sie weiter, bis sie Karst fanden. Ein Waldläufer, ein Einzelgänger, dessen Pfeile präziser waren als jeder Dolch. Sein Blick war scharf, seine Haltung wachsam – und doch war da eine Dunkelheit in ihm, eine Vergangenheit, die er nicht teilte. Alexandra spürte, dass er nach einem Platz in dieser Welt suchte, genau wie sie selbst. Und obwohl sie zögerte, obwohl seine Geschichte sie abschreckte, entschied sie sich, ihm eine Chance zu geben.
Die letzte war die größte Überraschung – Betty de la Costa, eine Klerikerin aus Karintes, dem Zentrum des kameristischen Glaubens. Betty war sanftmütig, freundlich, doch hinter ihrem sanften Lächeln verbarg sich eine tiefere Wahrheit – Zweifel. Sie hatte die Kirche verlassen, um ihren eigenen Weg zu finden, um herauszufinden, was es wirklich bedeutete, Gutes zu tun. Alexandra verstand sie nicht ganz – sie teilte Bettys Glauben nicht – doch sie wusste, dass sie etwas Einzigartiges war. Etwas, das ihrer Gruppe noch fehlte.
Und so war ihre Gilde geboren.
Mit Alexandra als Anführerin, Jevry als standhaftem Schild, Karst als lautlosem Jäger und Betty als heilender Klerikerin hatten sie alles, was sie brauchten.
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Alexandra, Karst, Jevry und Betty saßen im warmen Schein des Lagerfeuers, nur wenige Kilometer von Inhantes entfernt – ihrem Ziel. Der Herbst hatte das Kaiserreich in seinen kühlen Griff genommen, und die Luft roch nach feuchtem Laub, Erde und dem nahenden Winter. Über ihnen raschelten die goldenen, roten und bronzefarbenen Blätter im Wind, einige tanzten lautlos zu Boden und legten sich wie ein sanfter Teppich über die Wurzeln der uralten Bäume.
Über dem flackernden Feuer drehte sich langsam ein von Karst frisch erlegter Eber, dessen Fleisch brutzelte und einen köstlichen Duft verbreitete. Das leise Knistern des Feuers, das gelegentliche Knacken der Holzscheite und das entfernte Heulen eines Wolfs in der Ferne waren die einzigen Geräusche in der Stille der Nacht.
Alexandra ließ ihren Blick über die Gesichter ihrer Gefährten schweifen. In den letzten Monaten waren sie zusammengewachsen – aus Fremden waren Verbündete, aus Verbündeten waren Freunde geworden. Sie hatten zusammen gekämpft, gelacht, geteilt. Und jetzt, an der Schwelle zu ihrer Zukunft, fühlte Alexandra zum ersten Mal, dass sie etwas gefunden hatte, wonach sie immer gesucht hatte: eine Familie, die sie sich selbst ausgesucht hatte.
Doch eines fehlte noch.
„Wir brauchen einen Namen“, sagte sie plötzlich, ihre Stimme durchbrach das leise Knistern der Flammen. Sie sprach mit der Entschlossenheit einer Anführerin, aber in ihren Augen lag Wärme. „Jede Gilde hat einen Namen. Und wir… wir sind jetzt eine Gilde.“
Betty, die wie immer dicht neben ihr saß und die Hände um einen dampfenden Becher Tee geschlungen hatte, hob den Kopf. Ihr goldblondes Haar fiel ihr ins Gesicht, doch ihre sanften Augen funkelten im Licht des Feuers. „Ich finde, es sollte ein Name mit Bedeutung sein“, sagte sie leise, fast zögerlich.
Alexandra lächelte und tätschelte ihr sanft den Kopf. „Da hast du Recht, Betty.“
„Tch“, kam es von Karst, der gierig an einem Stück Fleisch kaute. Erst als Alexandra ihm einen genervten Blick zuwarf, legte er es widerwillig zur Seite. Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und murmelte nachdenklich: „Es sollte was sein, das uns beschreibt. Etwas, das nicht übertrieben heroisch klingt, aber auch nicht langweilig.“
„Jevry?“ Alexandra wandte sich an den stämmigen Krieger, dessen massive Gestalt fast mit der Dunkelheit des Waldes verschmolz. Er saß ruhig da, die Stirn in Falten gelegt, und beobachtete nachdenklich das Blätterdach über ihnen. Auch wenn er die Zeit in der Ausbildung zum Gelehrten nicht genossen hatte, so hatte er eine Menge gelernt.
„Seht euch den Wald an“, sagte er schließlich, seine Stimme ruhig, aber voller Bedeutung. „Die ersten Blätter fallen von den Bäumen.“
Er deutete auf einige junge Bäume am Rand ihrer Lichtung, deren Äste bereits kahl waren, während die älteren, größeren noch einen Teil ihres Laubs trugen. „Die jungen Bäume verlieren ihre Blätter zuerst, während die Älteren ihre noch festhalten. Und doch… obwohl die Jungen kahl sind, stehen sie weiter, trotzen Wind und Wetter.“
Er stocherte mit einem Ast in der Holzkohle des Feuers. „So sind wir auch. Jung. Noch ohne große Geschichten, noch ohne Ruhm. Aber wir bleiben standhaft. Wir fallen nicht.“
Stille trat ein.
Alexandra ließ Jevrys Worte auf sich wirken. Das Bild, das er gezeichnet hatte, war kraftvoll. Ein Symbol für ihre Entschlossenheit, ihre Standhaftigkeit, ihren Willen, die Zukunft mit eigenen Händen zu formen.
Sie richtete sich auf, ihr Blick wanderte über ihre Freunde, die sie erwartungsvoll ansahen.
„Was haltet ihr von ‚Die Blätterlosen‘?“ Ihre Stimme war ruhig, aber in ihrem Inneren loderte ein Feuer. „Wir haben noch keine Geschichten, aber wir werden sie gemeinsam schreiben.“
Jevry nickte zufrieden, während Karst mit den Schultern zuckte. „Klingt gut“, murmelte er, bevor er wieder nach einem Stück Fleisch griff.
Betty lächelte sanft, schmiegte sich näher an Alexandras Seite und murmelte: „Das gefällt mir.“
Und so wurde der Name geboren – nicht aus Ruhm, nicht aus Macht, sondern aus Entschlossenheit, aus einem Versprechen an die Zukunft.
Die Blätterlosen waren bereit, ihre Geschichte zu schreiben.
Zusammen.



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