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Kapitel 10 - Ein kleines bisschen Geborgenheit

Aktualisiert: vor 6 Tagen

,,Meinst du wir werden in Ramir Arbeit finden?’’


Leyla blickte zu Liam hinauf, der sich bereits seit Stunden nicht mehr die Mühe machte, normal neben ihr herzulaufen. Stattdessen sprang er beinahe mühelos von Ast zu Ast durch die Baumwipfel, als wäre der Wald selbst sein natürlicher Lebensraum. 


Vor einigen Tagen hatte sie dieses Verhalten noch unglaublich nervig gefunden. 


Mittlerweile hatte sie sich fast daran gewöhnt. Das gelegentliche Rascheln über ihr gehörte inzwischen ebenso zur Reise wie das Knirschen ihrer eigenen Schritte auf dem Waldboden. 


Liam hielt auf einem dicken Ast inne und sah zu ihr herunter. Seine Jacke, die schon bei ihrem Kennenlernen zerrissen gewesen war, hatte er endgültig weggeworfen und trug seitdem nur noch ein dunkelgrünes Hemd. Zwischen den Blättern und wechselnden Schatten verschmolz er damit beinahe mit dem Wald um ihn herum. 


„Du vielleicht", antwortete er locker. „Ich werde das Dorf nicht betreten. Ich warte draußen." 


Leyla verlangsamte ihren Schritt. „Warum kommst du nicht mit?" 


Für einen kurzen Moment wirkte Liam ungewöhnlich still – kein Grinsen, kein schneller Kommentar, einfach nur Stille. 


Dann erschien wieder dieses leichte Lächeln auf seinem Gesicht. „Ich meinte doch bereits, dass du lernen musst, alleine klarzukommen." 


Leyla verzog leicht das Gesicht. Eine Antwort lag ihr bereits auf der Zunge – doch schließlich ließ sie es bleiben. Diskussionen mit Liam führten ohnehin selten irgendwohin. 


Außerdem wurde zwischen den Bäumen inzwischen endlich Ramir sichtbar. 


Das kleine Dorf lag am Rand einer weiten Lichtung und wirkte im goldenen Licht des Morgens beinahe friedlich. Dünne Rauchfäden stiegen aus mehreren Schornsteinen auf, während vereinzelte Stimmen und das entfernte Bellen eines Hundes bis zu ihr herüberdrangen. 


Nach Tagen im Wald fühlte allein der Anblick von Zivilisation seltsam beruhigend an – wie ein Ankerpunkt in etwas Vertrautem, das sie fast schon vergessen hatte. 


Und im Moment war das alles, was zählte.



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Während Leyla den kleinen Dorfplatz von Ramir betrat, ließ sie ihren Blick aufmerksam über die Umgebung wandern. 


Das Dorf war deutlich kleiner als Migar. Viel kleiner. 


Vielleicht zwanzig Häuser, locker entlang einer einzigen Straße verteilt. Die meisten Gebäude wirkten alt, aber gepflegt – schiefe Holzzäune trennten kleine Vorgärten voneinander, aus mehreren Schornsteinen stieg dünner Rauch in die kühle Morgenluft auf, und irgendwo krähte ein Hahn. 


In der Mitte des Platzes stand ein alter Steinbrunnen. 


Moos hatte sich tief in die Ritzen des Gesteins gefressen, an einigen Stellen war der Stein bereits abgeplatzt. Trotzdem schien der Brunnen noch genutzt zu werden – ein Eimer stand daneben, das Wasser darin spiegelte das fahle Licht des Morgens. 


Am anderen Ende der Straße spielten einige Kinder lachend miteinander. 


Es war ein friedlicher Anblick. Fast irritierend friedlich nach allem, was Leyla in den letzten Tagen erlebt hatte. Als würde die Welt hier einfach weiterlaufen, unbeeindruckt von Riesenspinnen, zerbrochenen Fußknochen und Mana-Kugeln, die in der Luft zerplatzten. 


Sie bemerkte schnell, dass es im gesamten Dorf offenbar nur zwei richtige Geschäfte gab. Der Rest waren einfache Wohnhäuser und kleine Lagergebäude. 


Nach kurzem Überlegen entschied sie sich, zuerst das größere der beiden anzusehen. 


Es war ein zweistöckiges Holzhaus mit breiter Front und mehreren Fenstern. Schon von außen erinnerte es Leyla an eine Taverne. Allein der Gedanke an ein weiches Bett und eine warme Mahlzeit ließ ein angenehmes Kribbeln in Leylas Brust entstehen. 


Doch fast sofort folgte die ernüchternde Realität. 


Sie hatte kein Geld. Nicht einmal ansatzweise. Vielleicht brauchten sie dort wenigstens eine Aushilfe? 


Ihre Schritte verlangsamten sich leicht, während sie das hölzerne Schild über dem Eingang musterte. „Varmins Stube" stand darauf, die Buchstaben tief und sorgfältig ins Holz geschnitzt. 


Neugierig warf Leyla einen Blick durch das Fenster. 


Im Inneren stand ein Elf mit freundlichem Gesichtsausdruck hinter der Theke und unterhielt sich gerade mit einem Mann in einem schwarzen Mantel. Von draußen konnte Leyla ihre Worte nicht verstehen, doch die beiden wirkten so, als wären sie mitten in einem ernsthaften Gespräch. 


Sie wollte sich nicht einfach dazwischendrängen. 


Also wandte sie sich dem zweiten Laden zu. 


Kein Schild hing daran, doch mehrere Pflanzen in Tontöpfen standen ordentlich entlang des Eingangs aufgereiht. Kräuter trockneten unter dem kleinen Vordach, und ein angenehmer, erdiger Duft lag in der Luft – warm und leise, wie der Geruch nach Regen auf trockenem Boden.


Vor dem Laden kniete eine ältere Frau und kümmerte sich sorgfältig um einen kleinen Baum in einem Tongefäß. Ihre Bewegungen waren ruhig und bedächtig, als hätte sie für diesen Moment alle Zeit der Welt. 


Leyla blieb kurz stehen. 


Die Frau wirkte ruhig. Freundlich.


,,Vielleicht könnte sie Hilfe gebrauchen..?’’ 


Langsam ging Leyla auf sie zu.



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„Ähm… Entschuldigung?" fragte Leyla vorsichtig. 


Schon ihre eigene Stimme kam ihr in der ruhigen Atmosphäre des Dorfes viel zu laut vor. Ramir wirkte beinahe so still, als könnte man die friedliche Stimmung zerstören, wenn man nur zu hastig sprach oder zu fest auftrat. 


Die ältere Frau hob langsam den Blick zu ihr. Tiefe Falten lagen auf ihrem Gesicht, doch ihr Lächeln wirkte warm und ehrlich. Irgendetwas an ihr löste in Leyla sofort ein seltsames Gefühl aus– eine Mischung aus Vertrautheit und Wehmut, die sie sich selbst nicht erklären konnte. 


„Ja, mein Kind?" antwortete die Frau mit sanfter Stimme. 


Leyla zögerte kurz. „Ich wollte fragen, ob Sie vielleicht Arbeit für mich hätten. Ich bin auf der Durchreise und würde gerne etwas Geld verdienen." 


Während sie redete, bemerkte sie, dass sie nervös begonnen hatte, an ihrem rechten Handgelenk zu kratzen. Schnell zog sie die Hand zurück. 


Die Frau schien ihre Unsicherheit gar nicht weiter zu beachten. Stattdessen nickte sie verständnisvoll und winkte Leyla näher heran. 


„Komm ruhig rein, Liebes. Wir finden bestimmt etwas für dich." 


Leyla folgte ihr in den Laden. Ihre Schritte blieben vorsichtig, doch ihre Neugier wuchs sofort, als sie den Innenraum betrat. 


Der Raum war klein, aber erstaunlich gemütlich. In einer Ecke knisterte ein Ofen vor sich hin und erfüllte den Laden mit angenehmer Wärme. Auf ihm stand ein großer Kessel, aus dem langsam Dampf aufstieg. Der Duft erinnerte Leyla an Kräutertee, vermischte sich jedoch mit unzähligen anderen Aromen – süßlich, bitter, scharf – die den gesamten Raum in einen einzigen dichten, lebendigen Geruch tauchten. Von der Decke hingen Bündel getrockneter Pflanzen herab, und das schwache Licht ließ die Blätter fast golden wirken. 


Es fühlte sich ruhig an. Friedlich. 


In einem alten Schaukelstuhl saß ein grauhaariger Mann und las konzentriert in einer Zeitschrift. 


„Herbert", rief die alte Frau, „die junge Dame sucht Arbeit. Fällt dir etwas ein?" 


Der alte Mann blickte langsam auf, faltete seine Zeitschrift zusammen und legte sie neben sich. Dann musterte er Leyla kurz mit ruhigem, abwartendem Blick. 


„Kannst du Kräuter sortieren?" brummte er. 


Leyla nickte sofort. 


Herbert deutete auf einen großen Tisch am anderen Ende des Ladens, auf dem mehrere Haufen verschiedenster Kräuter verteilt lagen. „Sortier die ordentlich. Dafür bekommst du zwei Kupferstücke." 


Leyla setzte sich direkt an die Arbeit. Es gab fünf verschiedene Kräuterarten, die sich glücklicherweise leicht voneinander unterscheiden ließen – lange dünne Blätter, kleine dunkle Knospen, breite grüne Stängel. Ihre Hände fanden schnell einen Rhythmus. 


Während sie arbeitete, schweifte ihr Blick immer wieder neugierig durch den Laden. Das leise Knistern des Ofens, die warmen Farben des Holzes, die vertrauten und unfamiliären Düfte vermischten sich zu etwas, das ihr eine angenehme Ruhe in die Brust legte. 


Zum ersten Mal seit Langem fühlte sie sich nicht angespannt. 


Immer wieder wanderte ihr Blick zu der Zeitschrift hinüber, die Herbert beiseitegelegt hatte. Es war das erste Mal, dass sie in dieser Welt überhaupt etwas sah, das an eine moderne Zeitschrift erinnerte. Vielleicht hatte es so etwas auch in Migar gegeben und sie hatte es einfach nie bemerkt. 


Herbert bemerkte schließlich ihre neugierigen Blicke. 


„Interessiert dich der Kaisersprech?" fragte er ruhig. 


Leyla hob leicht den Kopf. „Kaisersprech?" 


„Die größte Zeitschrift im gesamten Kaiserreich", erklärte Herbert. „Wobei diese Ausgabe ziemlich langweilig ist. Hauptsächlich Berichte über das Prinzenspiel." 


Wieder ein Begriff, den Leyla nicht kannte. Prinzenspiel. Es fühlte sich an, als würde diese Welt ständig neue Dinge hervorbringen, von denen jeder außer ihr ganz selbstverständlich wusste – als wäre sie die Einzige, die den Tag verpasst hatte, an dem alles erklärt wurde. 


Doch diesmal entschied sie sich bewusst dagegen, nachzufragen. 


Stattdessen wandte sie sich wieder den Kräutern zu und sortierte schweigend weiter, während der Ofen knisterte und der Dampf aus dem Kessel langsam durch den kleinen Raum zog.



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„Fertig!" rief Leyla erleichtert, als sie endlich das letzte Kraut sortiert hatte. 


Sie streckte kurz ihre schmerzenden Finger aus und verzog das Gesicht. Eines der Kräuter hatte scharfkantige Blätter besessen, und obwohl sie anfangs vorsichtig gewesen war, hatte sie sich immer wieder daran geschnitten. Kleine rote Linien zogen sich über ihre Fingerkuppen, und an manchen Stellen klebte noch etwas Blut. 


„Sehr gut, Liebes", sagte Birgit zufrieden und lächelte warm, während sie zu Leyla herüberkam, um die Arbeit zu begutachten. 


„Komm mal her", brummte Herbert. 


Leyla trat zu ihm und beobachtete neugierig, wie er in einem kleinen Lederbeutel kramte. Schließlich zog er zwei Kupfermünzen hervor und drückte sie ihr in die Hand. 


Sobald das kühle Metall ihre Haut berührte, begann Leylas Herz schneller zu schlagen. Ihr erstes eigenes Geld in dieser Welt. Auch wenn es nur zwei Kupferstücke waren, fühlte es sich plötzlich unglaublich bedeutend an – schwer auf eine Art, die nichts mit Gewicht zu tun hatte. 


Doch gleichzeitig wusste sie sofort, dass es niemals reichen würde. Vielleicht fürs Essen und ein Bett. Doch niemals für die lange Reise nach Malyl. 


„Habt ihr vielleicht noch andere Arbeit für mich?" fragte sie deshalb vorsichtig. 


Herbert schüttelte langsam den Kopf. „Leider nicht." 


Neben ihm nickte Birgit leicht bedrückt. „Wir bräuchten eigentlich noch Varellen", meinte sie nachdenklich. „Aber das geht momentan leider nicht." 


Leyla horchte sofort auf. „Varellen?" 


„Da hast du recht", murmelte Herbert, der plötzlich ebenfalls etwas niedergeschlagen wirkte. 


Dann hob er den Blick wieder zu Leyla. „Wohin führt dich deine Reise überhaupt?" 

„Nach Malyl." 


Die Antwort fiel knapp aus, doch Leylas Gedanken kreisten bereits um diese Varellen. Wenn sie den beiden helfen konnte, würden sie sich vielleicht freuen. Und vielleicht würde sie dafür noch etwas zusätzliches Geld bekommen. 


Währenddessen begann Herbert in einem Korb neben seinem Stuhl zu wühlen. Nach kurzem Suchen zog er schließlich eine zerknitterte Karte hervor. 


„Hier", sagte er und reichte sie Leyla. „Kannst du wahrscheinlich besser gebrauchen als wir." 


Leylas Augen weiteten sich leicht. „Danke!" Vorsichtig nahm sie die Karte entgegen. 


„Pass auf dich auf, Liebes", sagte Birgit mit einem sanften Lächeln. 


„Vielen Dank für die Arbeit", antwortete Leyla ehrlich. Dann verließ sie den kleinen Kräuterladen. 


Draußen blieb sie zunächst stehen und atmete tief durch. Die frische Morgenluft fühlte sich angenehm kühl an. Die Stille des Ladens wirkte ebenso noch nach wie der Duft der Kräuter. 


Langsam rollte sie die Karte auseinander und ließ den Blick über die feinen Linien und eingezeichneten Wege auf dem Pergament wandern. Kleine Dörfer, Straßen und Flüsse waren sorgfältig markiert, manche Orte mit zittriger Tinte benannt. 


Leyla folgte der Route mit dem Finger. 


„Von Migar bis Ramir habe ich ungefähr zwei Wochen gebraucht…"  


Wenn die Karte stimmte, lag noch eine gewaltige Strecke vor ihr. 


„Wenn ich das richtig verstehe, werde ich wohl noch ein oder zwei Monate brauchen, bis ich Malyl erreiche…" 


Ihr Finger glitt weiter über das Pergament. „Von hier aus nach Ranul… dann weiter nach Hemmingen… und von dort westlich bis nach Malyl." 


Langsam rollte sie die Karte wieder zusammen und verstaute sie vorsichtig in ihrem Rucksack. 


Dann richtete sie den Blick nachdenklich auf die Straße. 


„Aber zuerst besorge ich diese Varellen." 


Der Gedanke fühlte sich gut an. Klein vielleicht. Aber zum ersten Mal seit Langem hatte sie das Gefühl, tatsächlich etwas bewirken zu können – nicht nur reagieren, nicht nur überleben, sondern handeln. 


Genau in diesem Moment erklang plötzlich ein tiefes Knurren hinter ihr.



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Leyla zuckte erschrocken zusammen und drehte sich abrupt um. 


Direkt hinter ihr stand der Mann, den sie bereits zuvor durch das Fenster von Varmins Stube gesehen hatte. Nun konnte sie ihn genauer betrachten. Er trug einen langen schwarzen Mantel, auf dessen Brust ein Wappen eingestickt war – ein Bär, der einen Speer im Maul trug. Das Symbol wirkte alt und dennoch gepflegt. 


Seine langen schwarzen Haare fielen glatt über die Schultern, sein Gesicht war sauber rasiert. Auf den ersten Blick wirkte er freundlich – seine Mundwinkel lagen in einem ruhigen Lächeln. Und trotzdem ließ irgendeine schwer greifbare Qualität an seiner Ausstrahlung Leyla vorsichtig werden. 


Neben ihm stand ein gewaltiger Hund. 


Oder zumindest glaubte Leyla zunächst, dass es ein Hund war. Bei genauerem Hinsehen erinnerte das Tier jedoch deutlich mehr an einen Wolf. Das dunkle Fell war dicht und struppig, die Schultern reichten Leyla beinahe bis zur Hüfte, und die bernsteinfarbenen Augen ruhten regungslos auf ihr. 


Dann begann das Tier zu knurren. Tief. Warnend. Langsam bleckte es die Zähne, ohne den Blick von ihr abzuwenden. 


Unwillkürlich spannte sich Leylas Körper an. 


„Eigentlich war ich immer gut mit Tieren…" dachte sie enttäuscht. 


„Verzeih Joschkas Verhalten", sagte der Mann ruhig und strich dem Tier über die dichte Mähne. „Normalerweise reagiert er nicht so auf Menschen." 


Leyla nickte leicht, obwohl das unangenehme Gefühl nicht verschwand. Die Augen des Tieres wirkten beinahe zu aufmerksam – fast so, als würde es sie nicht einfach nur ansehen, sondern regelrecht mustern. Als würde es etwas in ihr suchen, das es noch nicht einordnen konnte. 


„Ach… das macht nichts." 


Der Mann betrachtete sie nun ebenfalls genauer. Sein Blick war ruhig, aber aufmerksam genug, dass Leyla sich plötzlich wieder bewusst wurde, wie fremd sie in dieser Welt eigentlich wirkte. 


„Darf ich nach deinem Namen fragen?" 


Leyla war von der Situation noch immer leicht überrumpelt. „Leyla. Und deiner?" 


Einen kurzen Moment schien ihn ihre Antwort zu amüsieren. Sein Lächeln wurde etwas breiter. 


„Mein Name ist Rigor." 


Kaum hatte er sich vorgestellt, verschwand das Lächeln jedoch wieder. Seine Züge wurden ernster, fast schon distanziert. 


„Komm, Joschka." 


Das Tier reagierte sofort. Das Knurren verstummte augenblicklich, und es drehte sich gehorsam um. Doch bevor es Rigor folgte, warf es Leyla noch einen letzten Blick zu. 


Dieser Blick jagte ihr erneut einen Schauer über den Rücken. 


„Auf Wiedersehen, Leyla", sagte Rigor ruhig. 


Leyla brauchte einen kurzen Moment, bevor ihr die passende Antwort einfiel. Dann erinnerte sie sich an Roxys Worte – und an Liams Erklärung über die üblichen Grußformeln dieser Welt. 


„Möge Kamera deinen Weg segnen, Rigor." 


Der Satz fühlte sich auf ihrer Zunge noch immer ungewohnt an wie ein Kleidungsstück, das einem nicht ganz gehörte. Doch offenbar hatte sie nichts falsch gemacht. Rigor nickte ihr leicht zu, bevor er sich gemeinsam mit Joschka wieder in Richtung der Stube aufmachte. 


Leyla blieb stehen und sah den beiden nach. 


Irgendetwas an diesem Mann fühlte sich seltsam an. Nicht direkt gefährlich. Aber auch nicht gewöhnlich – so wie manche Orte still wirken, nicht weil nichts geschieht, sondern weil etwas wartet. 


Schließlich schüttelte sie leicht den Kopf und wandte sich wieder der Straße zu. 


„Vielleicht weiß Liam ja, wo diese Varellen wachsen…"



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„Da bist du ja wieder", rief Liam, sobald Leyla die kleine Lichtung erreichte. 


Er saß gegen einen niedrigen Felsen gelehnt im Gras, die Arme locker verschränkt, als hätte er die ganze Zeit nichts anderes getan, als auf sie zu warten. Durch die Baumwipfel fiel warmes Mittagslicht auf die Lichtung und ließ sein helles Haar beinahe golden wirken. 


Leyla blieb vor ihm stehen. 


„Und? Hast du Geld verdienen können?" fragte Liam mit leicht amüsiertem Unterton. 


Grinsend griff Leyla in ihre Tasche und hielt triumphierend die beiden Kupfermünzen hoch. 


Liam hob langsam eine Augenbraue. „Glückwunsch, Leyla." 


Der ironische Unterton war kaum zu überhören, doch diesmal ignorierte Leyla ihn vollkommen. Dafür war sie viel zu zufrieden mit sich selbst. 


Noch bevor Liam weiter etwas sagen konnte, begann sie bereits zu erzählen. Von Birgit. Von Herbert. Von dem kleinen Kräuterladen, der nach Kräutertee und warmem Holz gerochen hatte. Die Worte sprudelten beinahe unaufhaltsam aus ihr heraus, und Liam hörte ihr mit einem genervten Gesichtsausdruck zu – doch inzwischen wusste Leyla längst, dass der größte Teil davon gespielt war. Immer wieder zuckte sein Mundwinkel leicht, als würde er sich ein Grinsen verkneifen. 


Erst als sie begann, von Rigor zu erzählen, veränderte sich seine Haltung. 


Ganz plötzlich. 


Liam hielt mitten in einer Bewegung inne und richtete den Blick in Richtung des Dorfes. Die lockere Gelassenheit verschwand aus seinem Gesicht und wich einer Aufmerksamkeit, die Leyla bisher nur selten bei ihm gesehen hatte. 


„Kennst du ihn?" fragte sie sofort. 


Liam schüttelte langsam den Kopf. „Nein." Er hielt den Blick weiterhin auf die Häuser in der Ferne gerichtet. „Aber Leute wie er tauchen normalerweise nicht in einem Dorf wie Ramir auf." 


Er schwieg einen Moment. 


„Entweder haben sie schlechte Absichten", murmelte er leise. „Oder sie verstecken etwas." 


Leyla musterte ihn kurz. „Du bist doch selbst genauso jemand…" 


Doch sie sprach den Gedanken nicht aus. 


Stattdessen wanderten ihre Gedanken zurück zu den Varellen. „Ich habe mitbekommen, dass Herbert und Birgit noch Varellen brauchen", sagte sie schließlich. „Weißt du zufällig, wo die wachsen?" 


Kaum hatte sie die Frage ausgesprochen, spannte sich Liams gesamter Körper sichtbar an. 


Es war keine kleine Reaktion. Keine flüchtige Überraschung. Für einen kurzen Augenblick wirkte es beinahe so, als hätte Leyla etwas ausgesprochen, das besser ungesagt geblieben wäre. 


Liam antwortete nicht sofort. Er sah sie einfach nur an. 


Und plötzlich bemerkte Leyla etwas in seinem Gesicht, das sie bei ihm bisher noch nie gesehen hatte. 


War das… Angst?


 
 
 

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