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Kapitel 100 - Ich bin du.

25. Feb. 2025
9 Min. Lesezeit

Leyla war in Sonnensand angekommen. Die Reise hatte nicht einmal einen halben Tag gedauert, doch sie hatte kein Interesse daran, sich länger als nötig hier aufzuhalten. Der Auftrag musste schnell erledigt werden. Dann konnte sie zurück nach Hause, wo sie sich – ob sie wollte oder nicht – für das Chaos in Welldyl verantworten würde. Der Kampf gegen Leonhardt würde als Erklärung dienen. Hoffentlich.


Vorsichtig betrat sie das Anwesen des Adligen, ein imposantes Gebäude aus hellgelbem Sandstein, das in der Nachmittagssonne beinahe golden schimmerte. Das Innere war, wie sie es erwartet hatte – überladen mit Prunk. Hohe Decken, schwere Teppiche, kunstvoll geschnitzte Möbel und an den Wänden Jagdtrophäen, deren leere Augenhöhlen sie zu beobachten schienen. Die typische Dekadenz eines Adeligen.


Doch das alles war ihr egal. Sie wusste, wo ihr Ziel war.


Sie ließ ihre Magie durch den Boden strömen, ließ die Vibrationen des Steins zu ihr sprechen. Einen einzigen Herzschlag nahm sie unter sich wahr – tief in den Katakomben unter dem Anwesen.


"Er ist tatsächlich unbewacht." Ein zufriedenes Lächeln huschte über ihre Lippen. Vielleicht würde es wirklich einfacher werden, als gedacht.


Leyla bewegte sich leise durch die engen Gänge. Sie öffnete keine Türen, ignorierte die verschlossenen Räume zu beiden Seiten. Was immer der Adlige besaß, was immer für Geheimnisse hinter diesen Türen verborgen lagen – es war nicht ihr Problem.


Ihr Ziel lag tiefer.


Langsam stieg sie die steinerne Treppe hinab. Der kühle, abgestandene Geruch des Untergrunds schlug ihr entgegen – eine Mischung aus altem Staub, feuchtem Stein und einem Hauch von etwas Metallischem. Blut.


Sie betrat den Raum am Ende der Treppe. Der Anblick ließ sie innehalten.


Auf dem Boden war ein großer Zirkel aus unbekannten Symbolen gezeichnet, präzise und akribisch angeordnet. In der Mitte – eine eingetrocknete Blutlache.


Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Sofort kehrten die Bilder aus Welldyl zurück – die Schreie, die Trümmer, die zertrümmerten Körper. Doch sie schüttelte die Gedanken ab. Jetzt war nicht die Zeit für Schuldgefühle.


Dann sah sie ihn.


Der Mann, dessen Herzschlag sie gespürt hatte, saß gelassen auf einem hölzernen Stuhl in der Ecke des Raumes. Seine Haltung war entspannt, fast einladend, und auf seinen Lippen lag ein ruhiges, amüsiertes Lächeln.


Leylas Augen verengten sich. Sie kannte ihn. Doch es war nicht der Adlige, den sie töten sollte.


Yaga. Ihr einstiger Lehrer. Der Mann, der sie ausgebildet hatte. Ein gefährlicher Mann – und ein Verbündeter von Leonhardt.


Was machte er hier?


„Hallo Leyla“, sagte Yaga mit tiefer, vertrauter Stimme. Sein Blick lag auf ihr, als wäre sie ein besonders interessantes Rätsel, das es zu entschlüsseln galt. „Dein Auftrag ist hinfällig. Der Adlige ist längst tot. Aber wenn du schon mal hier bist…“ Er neigte leicht den Kopf, sein Lächeln wurde breiter. „Gibst du mir ein paar Minuten?“



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„Was willst du von mir?“ Leyla verschränkte die Arme vor der Brust und musterte Yaga misstrauisch. „Falls du mich für euren Orden rekrutieren willst, spar dir die Mühe. Ich habe nicht die geringste Absicht beizutreten.“ Ihre Stimme war fest, nicht feindselig, aber unmissverständlich. Sie mochte Yaga nicht besonders, aber er war auch kein Feind – zumindest nicht direkt.


Yaga lachte leise, als hätte er mit genau dieser Reaktion gerechnet. „Keine Sorge, das steht nicht auf meiner Agenda“, erwiderte er gelassen. „Ich will dir lediglich etwas zeigen.“


Leyla zog skeptisch die Augenbrauen hoch. „Etwas zeigen?“


Yaga nickte, sein Lächeln blieb unverändert. „Doch bevor wir dazu kommen, möchte ich dir erst einmal danken. Du hast mir einen großen Gefallen getan, Leonhardt aus dem Weg zu räumen. Der Kerl war eine Plage.“


Leyla runzelte die Stirn. Sie hatte geglaubt, Leonhardt und Yaga seien Verbündete. Wieso sprach Yaga dann so über ihn?


„Stört es dich nicht, dass er tot ist?“ Ihre Stimme klang ehrlich verwundert.


Yaga schüttelte amüsiert den Kopf. „Nein, überhaupt nicht. Er hat seine Aufgabe bereits erfüllt.“


Seelenruhig erhob er sich aus seinem Stuhl und trat auf sie zu. Sein Gang war bedächtig, kontrolliert, jede Bewegung fließend und präzise. Leyla nahm instinktiv eine abwehrende Haltung ein, bereit, zu reagieren, falls er eine Falle plante.


Doch Yaga lachte nur. „Du brauchst keine Angst zu haben, Leyla. Ich bin nicht hier, um dir zu schaden. Ich bin hier, um dir zu helfen.“


Helfen? Womit wollte er ihr helfen?


Noch bevor sie ihn fragen konnte, streckte er ihr eine Hand entgegen.


Und dann geschah es.


Ein eiskalter Strom durchfuhr Leylas Körper, ihre Muskeln verkrampften sich, und ein plötzlicher Schwindel überkam sie. Ihre Sicht verschwamm, und sie spürte, wie ihre Knie nachgaben.


Noch bevor sie auf den Boden aufschlug, fing Yaga sie geschickt auf und legte sie vorsichtig ab, als wäre sie ein wertvoller Gegenstand, den man nicht beschädigen durfte.


Seine Stimme klang fern, fast wie durch Wasser gedämpft. „Ich entschuldige mich im Voraus für das, was du jetzt sehen wirst. Ich weiß, dass du mich hassen wirst, aber es ist notwendig. Irgendwann wirst du verstehen, warum.“


Leyla versuchte zu protestieren, versuchte, sich zu bewegen, doch ihr Körper verweigerte ihr den Dienst.


Und dann brach die Flut über sie herein.


Erinnerungen, die nicht ihre eigenen waren, rissen sie mit sich. Bilder, Geräusche, Gefühle – chaotisch und ungefiltert, als würde sie von einer Welle fortgespült, ohne Kontrolle darüber, wohin sie trieb.


Yagas Stimme verschwand, die Katakomben verschwanden, die Gegenwart wurde ausgelöscht.


Es gab nur noch die Vergangenheit.



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Die Erinnerungen kamen in kurzen, zerrissenen Fetzen, wie Bruchstücke eines zerborstenen Spiegels. Jeder einzelne Splitter schnitt tief in Leylas Bewusstsein, hinterließ eine Spur aus Schmerz und Verwirrung.


,,Was ist das hier?’’


Vor ihren Augen tauchte das Bild eines Mädchens auf – junge, kurz geschnittene, braune Haare, eine zierliche Gestalt. Sie war nicht älter als vierzehn. Leonhardt zerrte sie durch dunkle Gänge, hinab in die Katakomben.


„Wer ist sie? Warum bringt er sie hierher?“


Die Szene wechselte. Das Mädchen kämpfte gegen Leonhardt. Kein Training – ein Überlebenskampf. Doch während sie blutete, während sie keuchte und sich immer wieder erhob, wurde ihm kein einziges Mal Einhalt geboten. Er prügelte auf sie ein, härter, gnadenloser.


„Warum tut er das? Was soll das bezwecken?“


Ein nächstes Bild: Yaga, ruhig und gelassen, saß auf einem Stuhl, während das Mädchen neben ihm kauerte. Vor ihr lagen Schriftrollen und Bücher, alte Bände, vergilbt und schwer. Sie las sie, studierte sie.


„Was sind das für Bücher? Was will er von ihr?“


Dann erschien eine Frau, ihre Silhouette so vertraut, dass es Leyla einen Stich versetzte. Sie sah aus wie Yang. Nein, sie war es nicht, doch die Ähnlichkeit war verblüffend. Die Frau sprach mit dem Mädchen, ihre Stimme sanft, aber eindringlich. Sie bot ihr etwas an. Schutz? Eine Wahl?


„Ist sie auch eine Wacal…? Wie Yang?“


Plötzlich verdrehte sich die Szene. Das Mädchen lag in einem Bett, schutzlos, erstarrt. Neben ihr lag Leonhardt. Er bewegte sich, er griff nach ihr. Leyla wollte schreien, wollte sich abwenden, aber sie konnte es nicht. Die Welt hielt sie fest, zwang sie, jedes Detail in sich aufzunehmen.


Ihre Kehle war trocken, ihre Brust zog sich zusammen.


„Hör auf… bitte…!“


Aber nichts hörte auf. Es wiederholte sich, immer wieder, wie ein Hohn auf das, was menschlich sein sollte. Jedes Mal wurde das Mädchen schwächer. Jedes Mal zerbrach ein weiteres Stück von ihr. Leyla fühlte, wie sich ein Abgrund in ihrem Inneren auftat, ein schwarzer Schlund aus hilfloser Wut.


Dann ein Szenenwechsel – das Mädchen wurde in einen Zirkel geführt. Den selben Zirkel, in dem Leyla lag.


„Nein… Nein, das darf nicht passieren…“


Sie flehte, sie rang nach Luft, aber sie wusste, dass nichts von alledem von Bedeutung war. Die Vergangenheit war bereits geschrieben.


Yaga trat vor. Sein Gesicht blieb ruhig, neutral, fast bedauernd. Und doch sprach sein Handeln eine andere Sprache. Er begann mit einem Ritual. Am Rand des Zirkels standen Gestalten in weißen Gewändern – Gesichter verborgen, Körper reglos.


„Das ist also der Orden der Goldenen Sonne…?“


Das Mädchen schrie. Ihr Körper krümmte sich unter einer unsichtbaren Kraft, ihr Kopf schlug wieder und wieder auf den Boden.


Leyla spürte, wie etwas in ihr zerbrach. Die Angst, die Verzweiflung dieses Mädchens, sie übertrugen sich auf sie, rissen sie mit sich. Sie wollte es nicht sehen, wollte es nicht fühlen.


Doch sie musste.


Das Zucken hörte auf. Doch es war noch nicht vorbei.


Die schwarze Frau trat an das Mädchen heran, ihre Bewegungen anmutig, kontrolliert. In ihren Händen hielt sie einen Beutel. Sie öffnete ihn. Heraus fiel ein Kopf – der Kopf eines Mannes.


,,Nicht auch noch sie… Du armes, armes Mädchen…’’


Das Ritual setzte sich fort, wiederholte sich, wie ein höhnisches Echo. Schmerz, Zucken, Schreie. Immer wieder. Bis das Mädchen schließlich nicht mehr reagierte. Ihre Augen, einst voller Leben, waren leer.


,,Ist sie… tot?’’


Doch es gab keine Antwort.


Leonhardt griff nach ihr, hob ihren reglosen Körper auf und warf sie achtlos auf das Bett in ein Zimmer. Ihre Augen, zuvor leblos, funkelten nun in dunklem Rot.


„Was ist mit ihr passiert…?“


Dann brach die Vision ab.


Die Gegenwart stürzte auf Leyla hinab, als hätte man ihr mit voller Wucht die Luft aus den Lungen geschlagen. Sie lag wieder auf dem kalten Steinboden der Katakomben, ihr Körper zitterte, unkontrollierbar. Tränen strömten über ihre Wangen, sammelten sich in einer kleinen, schimmernden Pfütze unter ihr.


Sie konnte nicht atmen. Sie konnte nicht denken.


Ihr Geist war zerrissen, ihr Herz eine offene Wunde. Verzweiflung, Wut, Trauer, Hass – sie alle kämpften in ihr, zogen sie in einen dunklen Strudel.


Und dann, als ihr Körper der Last nicht mehr standhalten konnte, sank sie in die Bewusstlosigkeit.



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Leyla fand sich in einem Raum wieder, in dem die Dunkelheit so dicht war, dass sie greifbar schien. Eben noch war sie von Schmerz, Angst und Verzweiflung überwältigt worden, doch hier war nichts von alledem. Hier gab es nur Stille, die sich in jede Ecke drängte, Stille, die so tief war, dass sie selbst ihre eigenen Gedanken kaum hören konnte.


Vor ihr flackerte ein sanftes, grünliches Leuchten, ein schwaches Licht inmitten der endlosen Schwärze. Es pulsierte in einem langsamen Rhythmus, als würde es atmen. Leyla starrte es an, ihre Augen versuchten, eine Form darin zu erkennen, doch es blieb formlos, eine bloße Essenz aus Energie.


„Was ist das hier? Wer bist du?“ Ihre Stimme hallte seltsam in dem Raum wider, als würde sie von den Schatten selbst zurückgeworfen werden.


Das hier fühlte sich nicht an wie ihre Träume vom Raben. Es war ähnlich – fremdartig, jenseitig –, aber es war nicht dasselbe. Es war näher, persönlicher. Es fühlte sich an, als wäre sie nicht einfach nur eine Zuschauerin in ihrem eigenen Kopf.


,,Ich musste etwas unternehmen, ansonsten wärst du unheilbar zerbrochen.’’


Die Stimme grollte. Sie klang nicht bedrohlich, sondern fast vertraut, als hätte sie sie ihr ganzes Leben lang in den stillen Momenten ihrer Existenz gehört.


Leyla runzelte die Stirn. Die Stimme sprach mit einer absoluten Gewissheit, als wüsste sie alles über sie. Das war nicht einfach nur eine Einbildung. Nicht einfach nur ein Traum.


„Wer bist du?“ wiederholte sie, schärfer diesmal.


,,Ich bin du. Oder besser gesagt, ich bin deine Macht und deine Verantwortung.“


Das ergab keinen Sinn. Ihre Macht? Ihre Verantwortung? Was bedeutete das?


„Und was willst du von mir?“ fragte sie misstrauisch.


,,Du sollst mich endlich akzeptieren. Bedingungslos akzeptieren.’’


Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in ihr aus. Akzeptieren? Bedingungslos? Sie wusste genau, was das bedeutete. Es bedeutete, dass sie sich dem hingeben musste, was sie tief in sich vergraben hatte. Dass sie das zulassen musste, was sie gefürchtet hatte. Das, was sie sich selbst nicht erlaubte.


„Das kann ich nicht“, sagte sie leise. „Dann wäre ich nicht mehr ich.“


,,Du hast keine Wahl. Wenn du mich nicht akzeptierst, wirst du dich selbst verlieren.“


Leyla schluckte. Was sollte sie tun? Nachgeben und zu dem Monster werden, das sie fürchtete? Oder sich verweigern und dabei riskieren, dass sie langsam von innen heraus zerbrach? Es fühlte sich an, als gäbe es keinen richtigen Weg. Egal, welchen Pfad sie wählte, sie konnte nur verlieren.


„Ich will kein Monster sein“, sagte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.


,,Das bist du doch schon längst. Und das ist gut so.’’


Leyla erstarrte. Wieso sollte das gut sein? Wieso sollte es gut sein, dass sie sich veränderte, dass sie immer mehr von dem verlor, was sie einmal gewesen war?


„Ich bin kein Monster!“ widersprach sie heftig. „Ich bin immer noch ich!“


,,Du bist immer noch du. Und du bist ein Monster. Aber eines, das eine Rolle zu spielen hat.“


Ihre Gedanken rasten. Eine Rolle? Welche Rolle? Wer hatte ihr diese Rolle gegeben? Und was war der Sinn dahinter?


„Und was soll ich tun?“ fragte sie schließlich, unsicher, aber fest entschlossen, eine Antwort zu bekommen.


,,Finde die anderen Runensteine. Nimm sie in dich auf und werde stärker.’’


Das klang wie ein Befehl, nicht wie eine Bitte. Etwas in ihrer Brust zog sich zusammen. Warum sie? Warum musste gerade sie diese Steine in sich aufnehmen? Warum war es ihr Schicksal?


„Und was soll ich dann mit ihnen tun?“


,,Das darfst du noch nicht wissen. Alles, was du wissen musst, ist, dass du niemanden beschützen kannst, wenn du deine Kraft nicht akzeptierst.“


Diese Worte durchbrachen ihren Widerstand. Sie drangen tief in sie ein, ließen alles andere für einen Moment unwichtig erscheinen. Beschützen. Sie wollte beschützen. Ihre Freunde, ihre Verbündeten, die Schwachen – sich selbst.


Wenn sie stärker wurde, wenn sie ihre Kraft besser kontrollieren konnte… konnte sie dann verhindern, dass noch mehr Menschen starben? Konnte sie dann verhindern, dass sie jemals wieder so hilflos ihre Magie entfesselte wie in Welldyl?


„Wenn ich dich akzeptiere…“ begann sie langsam, „werde ich dann in der Lage sein, meine Kraft besser zu lenken?“


,,Natürlich. Du wirst sie nicht länger fürchten müssen.“


Leyla stand einen Moment lang still. Sie konnte fühlen, wie etwas an ihr zerrte, sich streckte, sich nach ihr ausstreckte, als würde es darauf warten, dass sie ihre Hand danach ausstreckte. Es war Angst. Es war Unsicherheit. Aber es war auch Stärke.


Dann, mit fester Stimme, sprach sie die Worte, die ihr Schicksal endgültig besiegelten.


„Dann akzeptiere ich dich“, sagte sie. „Ich akzeptiere mich.“

Ende von Ark III

 
 
 

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