Kapitel 101 - Ein Merid namens Sandyr
- empirewebnovel
- 25. Feb. 2025
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Aktualisiert: 27. Feb. 2025

Ark IV - Blut des Krieges
Erst kamen die Worte.
[???] ,,Hau doch ab!’’
[???] ,,Niemand will dich hier haben!’’
[???] ,,Hör auf zu lispeln, so versteht man dich nicht.’’
[???] ,,Geh sterben Tormund!’’
Dann kamen die Schläge.
Fäuste, die auf ihn niederprasselten wie Hagelkörner in einem Sturm. Tritte, die ihn gegen die harte Steinwand der Gasse warfen, seine Rippen malträtierten, ihn auf den Boden zwangen. Das Knacken von Knochen war dumpf, aber nicht so dumpf, dass er es nicht hörte – oder fühlte. Es war immer dasselbe. Immer wieder dasselbe.
Tormund versuchte, sich zusammenzurollen, die Arme über seinen Kopf zu legen, doch er wusste, dass es nichts änderte. Selbst wenn er sich klein machte, selbst wenn er sich nicht wehrte – es würde nicht aufhören. Es hörte nie auf.
Er war für einen Meriden unansehnlich. Seine vorstehenden Zähne, die ihn lispeln ließen, sein zu schmales Gesicht, die unnatürlich großen Augen – er war anders. Und in einer Welt, die keinerlei Abweichungen duldete, bedeutete das nur eines: Er war ein Ziel.
Er war in eine Familie der Mittelschicht Mylries hineingeboren worden, ein seltenes Glück in der versinkenden Stadt. Seine Eltern waren keine Adeligen, keine einflussreichen Händler, aber sie waren liebevoll, fürsorglich, gaben ihm alles, was sie konnten. Sie sagten ihm immer, dass er wertvoll sei, dass er eines Tages Großes erreichen würde. Doch ihre Worte, ihre Wärme – all das wurde bedeutungslos, als sie starben.
Die Krankheit, die sie geholt hatte, war nur eine von vielen, die durch die engen, feuchten Straßen der Stadt flossen. Eine Krankheit, die mit der richtigen Medizin heilbar gewesen wäre – doch für Leute wie sie gab es keine Medizin. Die Reichen hatten sie für sich beantsprucht, während die Armen nur hoffen konnten, dass sie nicht als Nächste an der Reihe waren.
Mit sieben Jahren wurde Tormund in ein Waisenhaus gesteckt. Und dort begann die Hölle von Neuem.
Es gab keinen Schutz. Die anderen Kinder waren gnadenlos, wild, hungrig nach einem schwächeren Ziel, an dem sie ihre eigene Frustration auslassen konnten. Die Betreuer waren nicht besser – bestenfalls gleichgültig, schlimmstenfalls ebenso grausam wie die Kinder.
Tormund wehrte sich nicht. Nicht, weil er nicht konnte, sondern weil er wusste, dass es nichts bringen würde. Er war zu schwach, zu klein. Also lernte er stattdessen. Er verschlang jedes Buch, das er in die Finger bekam, flüchtete sich in die Welt der Geschichten, der Theorien, der Strategien. Wenn die Welt ihn nicht wollte, dann würde er die Welt verändern.
Doch mit jedem neuen Tag wuchs etwas anderes in ihm heran: ein Hass, so tief, dass er irgendwann dunkler war, als das Ende des Rothen Grabens.
Er hasste die Gesellschaft, die ihn verstoßen hatte. Hasste die Stadt, die ihn ertränken wollte. Hasste besonders das Königshaus, das in seinem prächtigen Palast hoch oben über den Slums thronte, unberührt von dem Elend, das sie erschaffen hatten. Sie hatten den Handel mit Meeresressourcen perfektioniert, die Ozeane geplündert, sich an dem, was Mylrie hervorbrachte, bereichert – doch für die Meriden in den tieferen Bezirken der Stadt blieb nichts.
Nichts außer Leid.
Und dann kam Segraina.
Die neue Droge flutete die Stadt wie ein tödlicher Nebel, strömte in die schwächsten Winkel der Gesellschaft, verschlang ganze Familien. Billig, überall erhältlich – ein giftiger Segen, der das letzte bisschen Hoffnung auslöschte. Kinder wurden zu Waisen, Mütter zu Abhängigen, Väter zu leeren Hüllen. Gewalt breitete sich aus, schneller als das Wasser, das durch die Armenviertel der Stadt floss.
Mylrie, die einst strahlende Stadt der Meriden, war nicht mehr als eine sterbende Ruine.
Und Tormund hasste sie.
Er hasste sie mit jeder Faser seines Seins.
Er hasste die Reichen, die feiernd in ihren goldenen Hallen saßen, während unter ihnen Tausende an Hunger und Krankheiten zugrunde gingen. Er hasste die Armen, die nicht kämpften, sondern sich gegenseitig in den Abgrund stießen, weil es einfacher war, als sich gegen die wahren Feinde zu erheben.
An diesem Tag, nachdem sie ihn wieder einmal blutig geprügelt hatten, lag er auf dem kalten Steinboden des Waisenhauses und starrte in die Dunkelheit. Sein Körper war ein einziges schmerzendes Chaos aus Prellungen, blauen Flecken und klaffenden Wunden – doch der wahre Schmerz saß tiefer.
Er hätte weinen können. Hätte aufgeben können. Hätte sich in den Schlaf wiegen können, in der Hoffnung, dass der nächste Morgen ihn vielleicht von seinem Dasein befreite.
Doch stattdessen kam ein anderer Gedanke.
Ein Entschluss, so klar wie das Wasser, das einst die Stadt umflossen hatte, bevor es mit Schmutz und Blut vergiftet wurde.
Die Stadt war nicht mehr zu retten.
Also würde er sie zerstören.
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Tormund floh mit siebzehn Jahren aus dem Waisenhaus und ließ Mylrie hinter sich. Die Stadt, die ihn geformt und gequält hatte, würde ihn erstmal nicht mehr sehen. Obwohl Meriden von Natur aus für das Leben unter Wasser geschaffen waren, besaßen sie ebenso die Fähigkeit, an Land zu überleben. Eine Gabe, die er sich nun zunutze machen würde.
Mit kräftigen Schwimmzügen durchquerte er die dunklen Weiten des Ozeans, getrieben von dem unerschütterlichen Wunsch, alles hinter sich zu lassen. Er tauchte auf, spürte zum ersten Mal in seinem Leben die freie Luft auf seiner Haut und schwamm weiter, bis er die pulsierende Handelsstadt Tripolis erreichte – das schlagende Herz der Tabakinseln.
Dort begann sein neues Leben. Sein altes Selbst ließ er am Meeresgrund zurück. Der schwache, verachtete Junge aus Mylrie existierte nicht mehr. Er nahm einen neuen Namen an – Sandyr. Ein Name, der keine Vergangenheit hatte, ein Name, der nichts mit der verlorenen Kindheit, den erlittenen Qualen oder den Tränen verband, die in der Dunkelheit vergossen worden waren. Sandyr war ein Kriegername. Ein Name für einen Mann, der sich von nun an nur auf eines konzentrierte: Stärke.
Er trainierte unerbittlich. Tag und Nacht stählte er seinen Körper, seine Reflexe, seine Entschlossenheit. Bald entdeckte er, dass er eine natürliche Begabung für Wassermagie besaß – eine bittere Ironie, wenn man bedachte, dass er die Stadt unter den Wellen vernichten wollte.
Doch er weigerte sich, das als Schwäche zu sehen. Stattdessen machte er sich seine Gabe zunutze. Er lernte, das Wasser zu beherrschen, es zu verdichten, zu lenken, es als tödliche Waffe einzusetzen. Gleichzeitig perfektionierte er den Umgang mit dem Schwert, ließ seine Bewegungen geschmeidig und präzise werden.
Sein schlanker, aber drahtiger Körper eignete sich ideal für die schnelle, aggressive Kampftechnik, die er sich aneignete. Jeder Hieb, jeder Schnitt, jede kontrollierte Bewegung brachte ihn seinem einzigen Ziel näher: Mylries Untergang.
Um zu überleben, nahm er Aufträge als Leibwächter an, begleitete Händler, die zwischen den Inseln reisten. Es war ein undankbarer, gefährlicher Job, doch er sicherte ihm ein Einkommen und erlaubte ihm, im Schatten zu bleiben.
In Tripolis fragte niemand nach seiner Vergangenheit. Niemand kümmerte sich um seine Narben, seine seltsam gezogenen Züge oder den leichten Sprachfehler, den er noch immer hatte. Hier war er einer von vielen – und das war genau das, was er wollte. Ein Geist, der in der Menge verschwand, während er sich auf den einzigen Weg konzentrierte, der für ihn noch eine Bedeutung hatte.
Doch mit jedem Tag Training, mit jeder erlernten Fähigkeit, mit jeder vergangenen Nacht, die er grübelnd über alten Texten verbrachte, wurde ihm bewusster, wie unmöglich sein Ziel war. Mylrie war keine gewöhnliche Stadt.
Es war eine Festung in den Tiefen des Ozeans, geschützt durch die Macht des Wassers selbst. Eine Stadt mit einer Bevölkerung von über einer Million Meriden, mit sechzigtausend Soldaten, mit Barrieren und Magien, die seit Jahrhunderten unüberwindbar waren. Niemand konnte eine Stadt dieser Größe einfach zerstören.
Sandyr wusste, dass er keine Söldner anheuern konnte – die meisten Wesen der Welt konnten nicht in der Tiefe überleben. Selbst die furchterregenden Kreaturen der Meere, die die Stärke hätten, Mylrie in Stücke zu reißen, wurden von den magischen Schutzschirmen der Stadt ferngehalten. Ein Angriff von außen war ausgeschlossen. Ein direkter Krieg war undenkbar.
Also blieb ihm nur eines: Infiltration. Aber auch das war leichter gesagt als getan. Er hatte keine Verbindungen, keine Kontakte. Mylrie war ein verschlossenes System, und er war nur ein Fremder, ein Ausgestoßener, der keine Hand hatte, die ihm helfen würde.
Doch das hielt ihn nicht auf. Er würde warten, trainieren, beobachten. Er würde jede Schwäche der Stadt studieren, jede vergessene Legende, jede historische Aufzeichnung, die auch nur einen Hinweis darauf gab, wie man Mylrie unter dem Schlamm des Meeresbodens begaben konnte. Er würde nicht ruhen, nicht aufgeben, nicht nachlassen.
Denn eines war sicher. Egal wie lange es dauerte, egal was er dafür tun musste – Mylrie würde fallen.
Und wenn dieser Tag kam, dann würde Sandyr derjenige sein, der die Stadt mit seinen eigenen Händen in die Tiefe riss.



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