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Kapitel 102 - Ein Merid namens Nereus

Mylries Gesellschaft ist eine strikte Hierarchie, eine Pyramide aus Reichtum und Elend, errichtet auf dem Fundament von Blut, Arbeit und Ungleichheit. Seit Jahrhunderten hat sich die Unterwasserstadt nicht verändert – oder besser gesagt, sie hat sich nur in eine Richtung entwickelt: Die Kluft zwischen den Reichen und den Armen hat sich stetig vertieft, bis sie so gewaltig wurde wie der Ozean, der Mylrie umgibt. 


Fünf Klassen bestimmen das Leben in dieser Stadt, und wer in einer von ihnen geboren wird, hat kaum Hoffnung, jemals aufzusteigen. Jeder kennt seinen Platz, und nur die Verzweifelten oder die Wahnsinnigen wagen es, gegen das System zu kämpfen.


An der Spitze der Gesellschaft thront das Königshaus der Neraner, ein Familie der Macht, des Prunks und der unangefochtenen Herrschaft. Seit Generationen lenkt die königliche Familie die Geschicke Mylries mit eiserner Faust, oft mehr um ihren eigenen Wohlstand zu sichern als das Wohl ihres Volkes.


Bis vor einem Jahr saß König Nero auf dem Thron, ein Herrscher, der vor allem für seine maßlose Gier und Rücksichtslosigkeit bekannt war. Unter seiner Herrschaft florierte der Handel mit wertvollen Meeresressourcen – doch profitierten nur die Reichen. Während die Paläste der Oberschicht aus seltenem Korallenstein erbaut wurden und die Aristokraten sich mit Gold und Edelsteinen schmückten, verhungerten die Armen in den dunklen Gassen der unteren Viertel.


Nach Neros plötzlichem Tod bestieg sein Sohn, König Nereus, den Thron. Jung, charismatisch und in den Augen vieler ein Hoffnungsträger, doch die Realität sieht anders aus. Ein Jahr ist vergangen, und nichts hat sich geändert. 


Der Adel lebt weiterhin in enormen Luxus, während der Rest der Stadt leidet. Manche munkeln, dass Nereus entweder zu schwach ist, um gegen die alten Strukturen vorzugehen, oder dass er überhaupt nicht vorhat, etwas zu ändern. Die Wahrheit kennt nur er allein.


Unter dem Königshaus steht die mächtige Aristokratie – eine Elite aus alten Blutlinien und gnadenlosen Kaufmannsleuten, die ihre Reichtümer über Generationen hinweg gehortet haben. Sie sind die Eigentümer der wichtigsten Stadtteile, die Besitzer der wertvollsten Ressourcen, die Profiteure des Handels. 


Ihnen gehören die großen Baugilden, die die Schätze des Meeres heben – seltene Mineralien, magische Pflanzen, lebende Meeresbewohner die für hohe Summen an Sammler verkauft werden. Jeder Tropfen Reichtum, der durch Mylrie fließt, geht durch ihre Hände. Sie befehligen Mylries Armee, schmieden Allianzen und eliminieren ihre Gegner, bevor diese auch nur eine Bedrohung darstellen könnten.


Der Großteil der Aristokraten lebt in den prunkvollen Palästen von Saphirath, einem Stadtviertel, das auf massiven Korallenfelsen errichtet wurde und für die unteren Schichten nahezu unerreichbar ist. 


Dort, abgeschottet von der Realität der gewöhnlichen Bürger, genießen sie eine Welt aus berauschenden Festen und endloser Dekadenz. Während ihre Untertanen in Armut versinken, wird in Saphirath Wein von der Oberfläche serviert, der mehr wert ist als das Jahreseinkommen eines gewöhnlichen Meriden.


Die Händler bilden die Brücke zwischen der Aristokratie und dem einfachen Volk. Sie sind die treibende Kraft, die das Rad der Wirtschaft in Bewegung hält – und doch stehen sie selbst stets mit einem Bein im Abgrund. 


Sie kontrollieren den Vertrieb der wertvollen Meeresressourcen und verdienen nicht schlecht daran, doch ihr Reichtum ist nichts im Vergleich zu dem der Aristokraten. Nur fünfzehn Prozent des Gewinns bleibt den Händlern, während der Rest in den Taschen der Reichen verschwindet.


Einige Händler haben es geschafft, sich ein relativ komfortables Leben aufzubauen, mit anständigen Häusern und Zugang zu Bildung und Medizin. Doch ihr Stand ist nicht garantiert. Sie sind nicht mächtig genug, um Einfluss auszuüben, aber wohlhabend genug, um die Gier anderer zu wecken. 


Wenn ein Händler zu erfolgreich wird oder sich gegen die falschen Aristokraten auflehnt, kann er über Nacht verschwinden – und sein Geschäft gehört am nächsten Tag jemand anderem. Dennoch bleibt ihre Existenz für die Stadt überlebenswichtig, denn ohne sie würde der gesamte Handel zusammenbrechen.


Unterhalb der Händler, aber noch nicht völlig im Abgrund der Armut, existiert eine dünne Schicht von Meriden, die sich als Mittelschicht bezeichnen darf. Sie stellen etwa ein Fünftel der Bevölkerung und leben in einem ständigen Balanceakt zwischen Sicherheit und Absturz.


Viele von ihnen haben eine Vergangenheit im Militär oder Verbindungen zu einflussreichen Persönlichkeiten. Sie arbeiten als Handwerker, niederrangige Beamte, Offiziere oder Meeresmagier. Ihr Leben ist vergleichsweise stabil, aber jederzeit gefährdet – eine falsche Entscheidung, ein geschäftlicher Misserfolg oder der Verlust ihrer Stellung könnte sie direkt in die Tiefen der Armut reißen.


Ihre Wohnviertel sind nicht luxuriös, aber auch nicht verfallen. Sie haben genug zu essen, Zugang zu Bildung und gelegentlich sogar zu günstiger Medizin. Doch die Angst vor dem sozialen Abstieg begleitet sie ständig. Die Mittelschicht weiß, dass sie lediglich Marionetten im Spiel der Mächtigen sind – nützlich, solange sie gebraucht werden, und entbehrlich, wenn nicht.


Dann gibt es noch sie – die unzähligen, namenlosen Seelen, die über drei Viertel der Bevölkerung Mylries ausmachen. Die Gewöhnlichen. Die Meriden ohne Besitz, ohne Rechte, ohne Hoffnung. Sie leben in den tiefsten Vierteln der Stadt, in den Schatten, in dunklen, engen Gassen, die sich durch die düsteren Gebiete von Mylrie winden. 


Ihr Dasein ist ein einziger Kampf ums Überleben. Ohne Zugang zu Bildung oder medizinischer Versorgung, ohne Schutz durch Gesetze, sind sie die Unsichtbaren, die Vergessenen, die Wertlosen.


Die meisten von ihnen schuften in den Baugilden, riskieren täglich ihr Leben, um die Reichtümer zu bergen, die sie niemals besitzen werden. Andere verdingen sich als Tagelöhner oder – schlimmer noch – enden als Opfer des rücksichtslosen Segrainahandels. Die Droge Segraina ist eine der größten Plagen Mylries, ein Gift, das die Verzweifelten für ein paar Stunden den Hunger und den Schmerz vergessen lässt – und sie dabei immer weiter in die Dunkelheit zieht.


Kriminalität ist in ihren Vierteln kein Laster, sondern oft die einzige Möglichkeit, zu überleben. Schutzgelderpressungen, Bandenkriege, illegale Märkte – das ist der Alltag der Armen. Die Stadtwache wagt sich nur selten in diese Gebiete, und wenn doch, dann nicht, um zu helfen, sondern um sich ihren Anteil an den verbliebenen Profiten zu sichern. Die Gewöhnlichen haben keine Stimme, keine Zukunft. Sie sind die Opfer der Stadt.


Heutzutage gärt es in den dunklen Vierteln. Es gibt Gerüchte über einen Aufstand, über Widerstand. Flüstern über eine kommende Rebellion, über eine brennende Wut, die sich immer weiter ausbreitet. Eine Wut, die eines Tages nicht mehr zu bändigen sein wird.


Und wenn dieser Tag kommt, könnten Mylries Herren vielleicht endlich fallen.



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[???] ,,Wie sind die neuen Gesetze bei der Bevölkerung angekommen, Bartesh?’’


König Nereus lehnte sich leicht in seinem Thron zurück, seine Finger ruhten nachdenklich auf den Armlehnen des kunstvoll geschnitzten Sitzes. Sein Blick lag ruhig, aber aufmerksam auf Bartesh, einem der einflussreichsten Aristokraten Mylries und zugleich seinem engsten Berater. 


Bartesh war ein Merid von schmaler Statur, mit geschmeidigen Bewegungen und einem beständigen Lächeln. In Nereus' Jugend hatte Bartesh ihn unterrichtet, ihm Wissen über Staatsführung und Politik vermittelt, und nun war er mehr als nur ein ehemaliger Lehrer – er war sein engster Vertrauter, derjenige, dessen Rat er stets suchte.


Bartesh verneigte sich tief, wie es die Etikette verlangte, bevor er in seidenweichem Ton antwortete. 


„Mein König, die Gesetze wurden ohne Komplikationen eingeführt. Ihr habt es einmal mehr geschafft, den Wohlstand und die Stabilität Mylries zu sichern. Eure Weisheit ist unübertroffen.“ 


Seine Worte klangen fast schmeichelnd, doch darin lag eine Präzision, die zeigte, dass er wusste, wie er mit Herrschern sprach – mit geschickter Zunge, mit perfekt gewählten Worten.


Nereus nickte leicht und lächelte zufrieden. Seit seiner Krönung vor einem Jahr hatte er sich stets bemüht, ein gerechter König zu sein, ein Herrscher, der nicht nur regierte, sondern vor allem seinem Volk half. 


Bartesh hatte ihn früh in die Geheimnisse der Politik eingeführt, hatte ihm die Probleme Mylries aufgezeigt – Armut, Krankheiten, die unkontrollierte Ausbreitung von Segraina. All das hatte den jungen König zutiefst erschüttert. Bartesh hatte ihm geraten, schnell zu handeln, neue Gesetze zu erlassen, die das Volk schützen würden. 


Und nun, da diese Gesetze umgesetzt waren, fühlte Nereus eine tiefe Zufriedenheit. Das Wissen, dass seine Entscheidungen das Leben seiner Bürger verbesserten, erfüllte ihn mit Stolz.


Doch eine Sache ließ ihm keine Ruhe.


„Bartesh“, fragte er nachdenklich und beugte sich vor, „bist du dir wirklich sicher, dass ich nicht persönlich auftreten sollte? Ich glaube, dass das Volk es zu schätzen wüsste, mich zu sehen. Ich möchte nicht nur der König sein, der aus der Ferne regiert.“


Barteshs Lächeln blieb unverändert, sein Kopf neigte sich leicht zur Seite, als würde er eine überflüssige Frage beantworten. „Ihr wisst doch, mein König, wenn Ihr Euch dem Volk zeigt, dann wird es sich vor Euch niederwerfen, Euch mit Fragen, Wünschen und Hoffnungen überhäufen. Ihr würdet sie mit Eurer bloßen Anwesenheit beflügeln, aber zugleich auch von ihrer eigentlichen Arbeit abhalten. Ihr helft Eurem Volk am meisten, indem Ihr von hier aus regiert, weise Entscheidungen trefft und ich sie für Euch durchsetze.“


Nereus ließ sich zurücksinken, ein leises Seufzen entwich ihm. Bartesh hatte wohl recht. So gern er es auch wollte, er war kein gewöhnlicher Mann, der sich einfach unter das Volk mischen konnte. Er war der König. 


Die Meriden würden anders handeln, wenn er in ihrer Mitte stünde – aus Ehrfurcht, vielleicht sogar aus Angst. Er wollte nicht als bloßes Symbol verehrt werden, sondern als echter Herrscher, als jemand, der das Leben in Mylrie wirklich verbessern konnte.


„Du hast vermutlich recht“, sagte Nereus schließlich, seine Stimme war leiser als zuvor. „Danke, Bartesh. Ich schätze deinen Rat.“


Bartesh neigte erneut den Kopf. „Es ist mir eine Ehre, Euch zu dienen, mein König.“


Mit einer letzten, tiefen Verbeugung wandte sich Bartesh ab und verließ den Thronsaal. Seine Schritte hallten kaum hörbar auf dem kunstvoll gefliesten Boden wider, und als die schweren Türen hinter ihm ins Schloss fielen, wurde es still.


Nereus war allein.


Er erhob sich langsam und trat an die große Glasfassade des Palastes. Von hier aus hatte er einen unvergleichlichen Blick auf die Stadt, die sich weit unter ihm ausbreitete – Mylrie, die schimmernde Perle am Grund des Ozeans. Die magischen Lichter der Stadt warfen tanzende Reflexionen auf die gewaltigen Korallenmauern, und die geschwungenen Brücken und prächtigen Kuppelbauten verliehen dem Bild eine fast surreale Schönheit.


Nereus fuhr sich langsam mit den Fingern durchs Haar. Er wollte dieser Stadt dienen. Er wollte, dass Mylrie nicht nur schön wirkte, sondern es auch war – für alle. Und dafür würde er weiter arbeiten, Tag für Tag.



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Die Stadt Mylrie, die schillernde Metropole am Grund des Ozeans, ist in dreiundzwanzig Distrikte unterteilt – jeder mit seiner eigenen Bestimmung, seinem eigenen Rhythmus und den Meriden, die ihn prägen. 


Die Bezirke sind nicht einfach nur Stadtteile, sie sind Ausdruck einer Gesellschaft, die strenger kaum sein könnte. Eine Welt, in der sich alles nach einer starren Ordnung richtet, in der Privilegien und Elend ebenso beständig sind wie die Gezeiten. Von den funkelnden Palästen der Oberschicht bis zu den düsteren Gassen der Elendsviertel – Mylrie ist ein Ort der Kontraste, an dem Reichtum und Verfall direkt nebeneinander existieren.


Über allem, wie ein funkelndes Juwel in den dunklen Wassern, thront der Königspalast. Errichtet aus schimmerndem Korallengestein, durchzogen von goldenen Adern und Edelsteinen, die im magischen Licht der Stadt glühen, ist er der unbestrittene Mittelpunkt Mylries. Seine Türme ragen hoch auf, selbst unter Wasser wirken sie wie eine unantastbare Festung, als hätte der Ozean selbst sie geschaffen, um einen unsterblichen Herrscher zu beherbergen.


Hier residiert König Nereus, abgeschirmt von den Stimmen seines Volkes, umgeben von seinem Hofstaat und den mächtigsten Aristokraten der Stadt. Der Palast ist nicht nur ein Symbol der Macht – er ist eine Welt für sich, abgetrennt von dem Alltag der Stadtbewohner, eine Blase aus Glanz, in die die Schreie der Unterprivilegierten nicht zu hören sind.


Unterhalb des Palastes erstrecken sich die Viertel der Aristokraten, aufgeteilt in mehrere Bezirke, von denen Saphirath der prächtigste ist. Hier ragen goldene Türme in die wogenden Strömungen, die Straßen sind mit glitzernden Perlen gesäumt, und Mylries wohlhabendsten Familien bewohnen riesige Anwesen, die mit Luftkammern ausgestattet sind – ein Luxus, den sich nur die oberen Eliten leisten können. 


In diesen luftgefüllten Hallen, umgeben von antiken Büchern, exotischen Gemälden und Schätzen aus der ,,Luftwelt’’, fühlen sich die Aristokraten geborgen. Sie leben nicht nur über dem Volk – sie sind auch überzeugt, über ihm zu stehen.


Masryl, der Militärdistrikt, liegt direkt unter Saphirath. Hier beginnt der eiserne Griff der Kontrolle, denn Masryl ist keine gewöhnliche Wohngegend – es ist eine Bastion der Macht. Ein Bollwerk, in dem Mylries gefürchtete Streitkräfte stationiert sind. 


Die Straßen werden von schwer bewaffneten Patrouillen durchzogen, während die sagenumwobenen Reitertruppen – Krieger auf den Rücken gezähmter Seemonster – das Wasser über den Aristokratenvierteln kontrollieren. In Masryl zählt nur eines: Die Loyalität zum Königshaus und dessen Schutz. Doch jeder in Mylrie weiß, dass Masryl nicht nur für Verteidigung steht – sondern auch für Unterdrückung.


Für die Aristokraten ist der größte Luxus Mylries nicht das Gold, nicht die Edelsteine oder die exotischen Schätze aus der Luftwelt – es ist die Luft selbst. Die reichsten Familien der Stadt leben in gewaltigen Palästen, die vollständig mit Luft gefüllt sind. Sie schlafen in warmen, trockenen Betten, trinken teure Oberflächenweine und atmen Luft, während der Rest der Stadt im Wasser lebt.


Diese Luftbarrieren sind mehr als nur ein Symbol des Reichtums – sie sind eine eindeutige Grenze zwischen den Schichten. Denn für einen Meriden, der sein Leben lang unter Wasser gelebt hat, ist das Betreten eines luftgefüllten Raumes keine Selbstverständlichkeit. 


Es erfordert eine Anpassung, einen kurzen Moment des Atemanhaltens, bis sich die Lungen umstellen. Für die Reichen ist dieser Übergang mühelos. Für die Armen ist es eine Erinnerung daran, dass sie draußen zu bleiben haben.


In den untersten Bezirken, wo es weder Luftkammern noch Sicherheit gibt, lauert die schlimmste aller Krankheiten: Kiemenstopfung. Eine grausame Nebenwirkung von Segraina, die einem Meriden langsam aber sicher die Fähigkeit nimmt, unter Wasser zu atmen.


Für die Reichen ist es eine Randnotiz, eine Tragödie, über die man in feinen Salons mit gespielter Betroffenheit spricht, während man Wein aus Kristallgläsern schlürft. Für die Armen ist es das schlimmste Todesurteil, das es gibt. Ohne Heilung, ohne Luftkammern und, für viele, ohne die Möglichkeit, an die Oberfläche zu fliehen, ersticken die Betroffenen langsam in ihrer eigenen Heimat.


Und niemand tut etwas dagegen.



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Nereus stieg die breiten, mit kunstvoll graviertem Perlmutt verzierten Stufen hinab, die tief in das Herz seines Palastes führten. Jeder Schritt entfernte ihn weiter von dem blendenden Glanz der oberen Ebenen, von den luftgefüllten Hallen, in denen sich die Aristokraten versammelten, von den kunstvoll geschnitzten Korallensäulen und schimmernden Kronleuchtern, die Mylries Macht und Wohlstand symbolisierten. Hier unten, in den versiegelten Kammern des alten Palastes, gab es keinen Prunk, nur kalten Stein und die raue, salzige Dunkelheit des tiefen Wassers.


Während er tiefer hinabstieg, kreisten seine Gedanken um seinen jüngsten Gesetzesentwurf – ein Plan zur großflächigen Erneuerung der Straßen Mylries. Es war eine simple, aber bedeutende Reform. 


Außenstehende mochten die Notwendigkeit solcher Straßen in einer Unterwasserstadt in Frage stellen, doch Nereus wusste es besser. Straßen waren für die Meriden nicht nur eine Hilfe, sondern eine essenzielle Struktur, die das Stadtleben überhaupt erst ermöglichte. 


Zwar konnten sie schwimmen, doch nicht dauerhaft und nicht immer mühelos. Die Strömungen in den unteren Vierteln waren unberechenbar, und weite Strecken schwimmend zurückzulegen war anstrengend, besonders für jene, die bereits körperlich geschwächt waren. Straßen bedeuteten Stabilität, eine klare Ordnung inmitten vom wilden Chaos des Ozeans. Mit diesem Projekt wollte er Mylrie modernisieren, seine Bürger entlasten und zugleich den Handel in der Stadt weiter ankurbeln.


Die Stufen endeten vor einer massiven Tür, die mit uralten Runen versehen war – ein Zeugnis aus einer Zeit, die älter war als die Stadt selbst. Die Muster schienen im Licht der leuchtenden Quallen, die an der Decke des Ganges schwebten, zu pulsieren. 


Dies war die Pforte zur Königskammer, einem Ort, den nur eine Handvoll Wesen je betreten hatten und aus dem noch weniger mit Wissen zurückgekehrt waren. Hier wurde der größte Schatz der Meriden bewahrt. Kein Gold, keine Edelsteine, keine Artefakte von der Oberfläche – sondern etwas viel Wichtigeres, viel Mächtigeres.


Nereus legte seine Hand auf den kühlen, mit magischen Gravuren durchsetzten Türgriff. Die Runen reagierten auf seine Berührung, ein leises Vibrieren ging durch den Stein, und mit einem kaum hörbaren Knirschen öffnete sich die Tür.


Der Raum dahinter war anders als die prachtvollen Hallen des Palastes. Keine Luftkuppeln, keine dekorativen Reliefs oder bemalten Decken – nur klares, unberührtes Wasser, das sich sanft in der uralten Kammer bewegte. Die Wände bestanden aus dunklem Basalt, ihr raues Gestein schien die Dunkelheit der Tiefsee in sich aufzusaugen. In der Mitte des Raumes schwebte er – der Stein.


Ein leuchtendes, bläuliches Juwel, dessen sanftes Schimmern die Umgebung in einem mystischen Glanz tauchte. Sein Licht pulsierte langsam, fast wie der Herzschlag eines lebenden Wesens. Trotz der Dunkelheit war der Raum nicht bedrohlich – im Gegenteil, er strahlte eine fast greifbare Ruhe aus, eine Beständigkeit, die Nereus jedes Mal aufs Neue ehrfürchtig innehalten ließ.


Doch der Stein war nicht unbewacht.


Vier Antoken umkreisten ihn lautlos, ihre riesigen, muskulösen Körper von Stacheln und dicken Schuppenplatten bedeckt. Ihre Augen, tiefe schwarze Löcher mit einem schwachen, rötlichen Leuchten, ruhten regungslos auf ihm. 


Diese Kreaturen aus dem gefürchteten Shishen-Meer waren Mylries letzte Verteidigungslinie, der unbestechliche Schutz des größten Geheimnisses der Stadt. Sie waren Wächter, die nur einer einzigen Aufgabe dienten: Niemand durfte sich dem Stein nähern.


Nereus beobachtete das ruhige Pulsieren des Steins, und ein Anflug von Stolz erfüllte ihn.


„Der Stein ist sicher“, murmelte er leise, mehr zu sich selbst als zu jemand anderem. „Mylrie gedeiht, die Straßen werden erneuert, und die Zukunft strahlt.“


Es war eine beruhigende Vorstellung – das Wissen, dass seine Herrschaft nicht nur ein Moment in der Geschichte sein würde, sondern dass er echte Veränderungen bewirkte. Dass er der König sein würde, der Mylrie in eine neue Ära führte.


Mit einem letzten prüfenden Blick auf den Stein und die wachsamen Antoken drehte er sich um. Langsam schloss er die Tür hinter sich, spürte das vertraute Klicken des Schlosses und atmete tief durch.

 
 
 

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