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Kapitel 103 - Die Festungsstadt im Eis

Liam ritt auf Himmel, dem treuen Pferd, das einst Leyla gehört hatte, während die Festungsmauern Randurins langsam am Horizont auftauchten. Das eisige Blau des Wassers, das die Insel umgab, funkelte im schwachen Sonnenlicht, und die dunklen Steinmauern der Stadt ragten wie ein uneinnehmbares Bollwerk aus der Mitte der Bucht hervor.


Randurin war keine gewöhnliche Stadt – sie war eine uneinnehmbare Festung, eine Bastion aus Stein und Magie, die über Jahrhunderte hinweg den Stürmen der Kriege getrotzt hatte. Der strategische Vorteil der Stadt war offensichtlich: 


Die Insel lag inmitten der kalten Nordgewässer des gleichnamigen Herzogtums, umschlossen von tückischen Strömungen, die das Durchqueren für Schiffe ohne erfahrene Lotsen zu einem tödlichen Unterfangen machten. Die hohen, unüberwindbaren Mauern, die aus massivem, magieverstärktem Stein bestanden, machten eine Belagerung nahezu aussichtslos. Selbst wenn ein Heer es irgendwie schaffen sollte, die Gewässer zu überqueren, würde es an den Mauern zerschellen wie eine Welle an einer Klippe.


Natürlich gab es Krieger, die Mauern und Wasser nicht als Hindernis betrachteten – außergewöhnliche Kämpfer mit einzigartigen Fähigkeiten, die sich durch Magie oder übermenschliche Kraft in eine Ein-Mann-Armee verwandeln konnten. 


Doch selbst unter den Kaiserlichen Kopfgeldjägern gab es nur eine Person, die Randurin mit bloßer Stärke hätte einnehmen können: Yang. Alle anderen – selbst jene mit beeindruckenden Fähigkeiten – würden an der verborgenen Waffe der Stadt scheitern.


Die Boz.


Liam kannte die Wahrheit über Randurins größtes Geheimnis. Die Boz war kein gewöhnliches Artefakt – sie war eine Waffe, eine gewaltige, unterschätzte Macht, die in der Herzogsburg aufbewahrt wurde. 


Ein Gerät, das es demjenigen, der es kontrollierte, ermöglichte, die Körpertemperatur jedes Lebewesens innerhalb der Mauern nach Belieben zu beeinflussen. Eine grausame und absolute Verteidigungsmaßnahme. Eine Armee konnte noch so groß sein – wenn ihre Soldaten von innen heraus erfroren oder in der Hitze verbrannten, war der Kampf vorbei, bevor er begonnen hatte.


Die meisten Bewohner der Stadt wussten nichts von der Boz. Sie war ein Geheimnis, gehütet von der herrschenden Familie und wenigen Eingeweihten. Doch Liam wusste davon. Prinzessin Nara hatte ihm davon erzählt, und er verstand sofort, dass die Waffe seine oberste Priorität sein musste. Ohne die Kontrolle über die Boz war seine Mission zum Scheitern verurteilt.


Doch das war nicht das einzige Hindernis. Liam wusste, dass es drei entscheidende Punkte gab, die er sicherstellen musste, wenn er Randurin erobern wollte:


Zuerst die Boz. Ohne sie war jeder Versuch, die Stadt zu kontrollieren, aussichtslos. Es spielte keine Rolle, wie geschickt er vorging – wenn der Herzog oder jemand anderes die Boz aktivieren konnte, war alles vorbei.


Dann war da der Herzog selbst, Will de Randurin. Ein Mann, der trotz seines Titels keine große Unterstützung im Volk hatte. Er war ein glühender Anhänger des Kamerismus, der in Randurin auf Ablehnung stieß. 


Sein Tod, oder seine Gefangennahme, war entscheidend – nicht nur, weil er als Anführer der Stadtwache die Verteidigung koordinieren konnte, sondern auch, weil sein Fall die Bevölkerung spalten würde. Ohne ihn gab es niemanden mit ausreichend Einfluss, um den Widerstand effektiv zu organisieren.


Und schließlich war da Jasmin.


Das Schwert des Kamerismus.


Sie konnte die Kräfte Kameras im Kampf nutzen und war eine wandelnde Katastrophe auf dem Schlachtfeld. Solange sie lebte, war kein Sieg sicher. Ihre Eliminierung war ebenso wichtig wie die Kontrolle über die Boz und die Beseitigung des Herzogs.


Ein Frontalangriff war ausgeschlossen. Randurin war dafür gebaut, Belagerungen standzuhalten – ein Angriff von außen wäre Wahnsinn. Doch Liam wusste, dass es nicht nötig war, die Stadt mit Gewalt zu stürmen.


Die Tore waren geöffnet. 


Händler, Reisende und Adelige kamen und gingen jeden Tag. Und Liam und seine Truppe würden sich genau diese Gelegenheit zunutze machen.


Er ritt an die Spitze seiner Gruppe, hielt den Hengst an und drehte sich zu seinen Leuten um. Der Wind zerrte an seinem Mantel, während er in die entschlossenen Gesichter seiner elf Kameraden blickte.


„Lasst uns noch einmal kurz anhalten und den Plan durchgehen“, rief er mit fester Stimme.


Es gab keinen Raum für Fehler. Es gab keine zweite Chance. Wenn sie scheiterten, war es vorbei – doch wenn sie Erfolg hatten, würde Randurin fallen.



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Liam ließ seinen Blick über die Gruppe schweifen, während er in die Gesichter der elf Rebellen blickte, die mit ihm Randurin einnehmen würden. Jeder Einzelne von ihnen hatte seine eigene Geschichte, seine eigenen Gründe, warum er oder sie sich dieser Mission angeschlossen hatte. Doch in diesem Moment gab es keine Zweifel, keine Ängste – nur Entschlossenheit.


„Wir teilen uns in drei Gruppen auf“, begann er mit fester Stimme. Sein Ton ließ keinen Widerspruch zu, seine Haltung strahlte absolute Kontrolle aus. „Jede Gruppe hat eine spezifische Aufgabe. Wir werden die Stadt getrennt betreten und uns erst nach der Eroberung wieder zusammenfinden.“


Er deutete auf zwei seiner Gefährten. „Die erste Gruppe wird sich um die Boz kümmern. Locart, Nidhogg – ihr werdet mit mir zusammenarbeiten, um die Waffe unter unsere Kontrolle zu bringen. Ohne sie haben wir keine Chance.“


Locart nickte knapp, seine Gesichtszüge blieben wie immer regungslos. Nidhogg hingegen sprang auf, seine Augen funkelten voller fanatischer Vorfreude.


„Ich werde jeden niederbrennen, der sich mir in den Weg stellt!“ rief er voller Begeisterung. „Und danach ist der Engelstempel dran!“


Liam ignorierte den Kommentar. Es war keine Überraschung, dass Nidhogg bereits Pläne schmiedete, um seinen eigenen Hass auszuleben. Doch vorerst würde er sich an die Befehle halten – dessen war sich Liam sicher.


Sein Blick wanderte weiter, fiel auf die vier Halbriesen und auf Claurian, die mächtigste Kämpferin in seiner Einheit.


„Eure Aufgabe ist es, Jasmin zu eliminieren“, erklärte er knapp. „Sie ist der Schlüssel zur Verteidigung der Stadt. Solange sie lebt, wird Randurin nicht fallen.“


Er trat näher an die Halbriesen heran, seine Stimme wurde kühler. „Euer Auftrag ist absolut. Wenn es notwendig ist, werdet ihr euer Leben geben, damit Claurian den Sieg erringen kann.“


Die vier Halbriesen brachen in wilde, kehlige Jubelschreie aus, ihre Augen funkelten in unbändiger Kampfeslust. Liam wusste, dass sie sich nach einem ehrenvollen Tod im Kampf sehnten – und sollte es dazu kommen, dann würden sie diesen mit offenen Armen empfangen.


Zum Schluss richtete er seinen Blick auf die letzten vier seiner Gruppe. „Ralf“, sprach er mit leiserem, aber nicht weniger bestimmtem Ton, „du hast die Verantwortung für die dritte Gruppe. Der Herzog und seine Frau müssen beseitigt werden. Ohne sie gibt es niemanden, der die Stadt zusammenhalten kann.“


Er trat an Ralf heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Setze Kroll und Gnosch so ein, wie du es für richtig hältst. Ich vertraue darauf, dass du diesen Auftrag ohne Fehler ausführst.“


Sein Blick wanderte zu Jakira, der Schattenläuferin, die im Schatten der Gruppe stand, mit verschränkten Armen und einem nachdenklichen Gesichtsausdruck.


„Jakira, dein Auftrag ist entscheidend“, sagte er mit ernster Stimme. „Du bist der Schlüssel, um den Herzog auszuschalten. Doch setze dich keinem unnötigen Risiko aus. Gegen die gepanzerten Stadtwachen solltest du nur kämpfen, wenn es absolut notwendig ist.“


Erneut wandte er sich an Ralf. „Ich überlasse sie deiner Verantwortung. Stelle sicher, dass sie nicht verletzt wird.“


Ralf nickte, sein Gesicht zeigte keinerlei Zweifel. „Verstanden, Boss. Ich werde den Auftrag erledigen. Du kannst dich auf mich verlassen.“


Liam musterte ihn einen Moment lang, dann trat er einen Schritt zurück und schwang sich mit einer flüssigen Bewegung auf den Rücken Himmels.


„Heute Nacht werden wir in Bodor übernachten“, erklärte er, während er in Richtung des kleinen Dorfes vor der Brücke deutete, die nach Randurin führte. „Morgen früh beginnt die Teilung. Bereitet euch vor – ab morgen gibt es kein Zurück mehr.“


Mit diesen Worten ritt er los, seine Männer folgten ihm schweigend. Das nächste Mal, wenn sie zusammenkamen, würde Randurin gefallen sein – oder sie alle wären tot.



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Liam ließ sich mit einem tiefen Seufzen auf das Bett sinken, die Matratze gab leicht unter seinem Gewicht nach. Seine Hände ruhten auf seinem Bauch und seine Finger trommelten unruhig auf den Stoff seiner Kleidung. Sein Bein wippte rastlos, als würde es die Unruhe in seinem Inneren nach außen tragen. 


Sein Kopf fühlte sich schwer an, vollgestopft mit Gedanken, die sich wie eine Spirale drehten, immer wieder dieselben Fragen stellend. Was, wenn sie scheiterten? Was, wenn die Stadt besser vorbereitet war, als sie dachten? Was, wenn es noch eine unbekannte Variable gab, die all ihre Pläne zunichtemachen konnte?


Er schloss die Augen, versuchte, seine Gedanken zur Ruhe zu bringen – doch es gelang ihm nicht.


—KLOPF—


Das leise Geräusch ließ ihn aufblicken, riss ihn aus dem Strudel seiner Überlegungen. „Herein“, sagte er, seine Stimme klang rauer, als er es erwartet hatte. Vielleicht, weil er den ganzen Tag über nicht wirklich entspannt hatte.


Die Tür öffnete sich leise, und zu seiner Überraschung war es nicht Ralf der hereinkam. Es war Jakira.


Sie trug ein schlichtes schwarzes Nachtgewand, das bei jeder Bewegung sanft über ihre Haut strich, ihre schlanke Silhouette betonte. Ihr langes, dunkles Haar fiel locker über ihre Schultern, und in ihren dunklen Augen glitzerte ein Hauch von Wärme.


„Du bist nervös, oder?“ fragte sie leise, während sie sich ihm näherte.


Liam blinzelte, für einen Moment verwirrt von ihrer unerwarteten Anwesenheit. „Hat man mir das so stark angemerkt?“ fragte er mit einem schiefen Lächeln, das seine innere Unruhe zu überspielen versuchte.


Jakira ließ sich ohne weiteres Zögern auf dem Bett neben ihm nieder, und legte eine Hand auf sein Knie. „Die anderen haben es nicht bemerkt“, sagte sie ruhig, ihre Finger zeichneten kleine Kreise auf den Stoff seiner Hose. „Aber ich schon. Ich beobachte dich genau, Liam.“


Seine Kehle fühlte sich plötzlich trocken an. Ihre Nähe war ungewohnt, doch nicht unangenehm. Er wusste nicht genau, worauf sie hinauswollte, also lenkte er das Gespräch in eine andere Richtung. „Und du? Bist du nicht nervös? Morgen ist ein wichtiger Tag.“


Sie lachte leise, doch es war kein fröhliches Lachen. Mehr ein leises Echo einer längst begrabenen Emotion. „Nein. Ich bin nicht nervös“, sagte sie und zuckte kaum merklich mit den Schultern. „Solange ich eine Aufgabe habe, solange ich gebraucht werde – bin ich glücklich.“


Liam runzelte die Stirn. Ihre Worte klangen seltsam, fast… leer. Er spürte, dass da etwas Tieferes dahintersteckte, doch er wusste auch, dass Jakira eine Mauer um sich errichtet hatte. Eine, die er nicht einfach durchbrechen konnte.


Doch bevor er weiter darüber nachdenken konnte, bewegte sie sich plötzlich – geschmeidig, fast wie eine Raubkatze. Mit einer fließenden Bewegung schwang sie sich über ihn, setzte sich auf seinen Schoß, ihre Knie links und rechts von seinen Hüften. Liam erstarrte für einen Moment, sein Atem stockte, als sie sich ihm näherte.


Er öffnete den Mund, wollte etwas sagen, doch Jakira legte ihm einen Finger auf die Lippen. „Nicht jetzt“, flüsterte sie.


Ihre Stimme war sanft, aber bestimmt. Eine Mischung aus Verführung und Ernsthaftigkeit. Ihre Augen musterten ihn mit einer Intensität, die ihn für einen Moment vollkommen gefangen nahm.


„Ich habe doch gesagt… wenn ich gebraucht werde, bin ich glücklich“, murmelte sie, während sie sich weiter zu ihm beugte, ihre Lippen nur noch einen Hauch von seinen entfernt. „Und du brauchst mich heute, Liam. Du brauchst Ruhe.“


Er wollte widersprechen, wollte sagen, dass das hier vielleicht keine gute Idee war. Doch dann spürte er, wie sie sanft ihre Lippen auf seine legte. Es war ein ruhiger, warmer Kuss – kein überstürztes, gieriges Verlangen, sondern eine bewusste Geste. Eine, die ihn aus seinem Strudel der Gedanken riss.


Ihre Hände glitten über seine Schultern, ihre Bewegungen waren langsam, fast zärtlich. Und dann begann sie, sich von ihm zu lösen, zog den leichten Stoff ihres Nachtgewandes über ihre Schultern hinweg, ließ ihn sanft zu Boden gleiten.


Liam konnte nicht anders, als die Narben auf ihrer Haut zu bemerken. Lange, dünne Linien, Erinnerungen an Kämpfe, an Wunden, die verheilt waren – aber deren Geschichte noch immer in ihr lebte. Er wollte etwas sagen, doch sie ließ ihm keine Gelegenheit dazu. Ihre Lippen fanden erneut seine, und in diesem Moment ließ er endlich los.


Der Druck, die Angst, die Ungewissheit – all das verblasste. Für diesen einen Moment gab es keine Stadt, die er einnehmen musste. Kein Kaiserreich, das gegen ihn war. Keine tödlichen Feinde.


Es gab nur Jakira.


Und er entschied sich, diesen Moment zu genießen. Vielleicht war es der letzte dieser Art.



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Liam erwachte langsam, das fahle Morgenlicht drang durch die dünnen Vorhänge des Gasthauses und tauchte das Zimmer in ein sanftes, gedämpftes Leuchten. Einen Moment lang lag er still, genoss die Ruhe, die nur durch das sanfte Atmen neben ihm unterbrochen wurde. Dann spürte er die Wärme an seiner Seite, das Gewicht eines schlanken Körpers, der sich im Schlaf an ihn geschmiegt hatte.


Jakira.


Ein müdes, aber ehrliches Lächeln huschte über sein Gesicht. Die Nacht war… schön gewesen. Nicht nur wegen der Leidenschaft, sondern wegen der Ruhe, die sie ihm geschenkt hatte. Eine Ruhe, die er seit Langem nicht mehr gekannt hatte. Er hob eine Hand und strich ihr sanft über die Wange. Ihre Haut war warm unter seinen Fingerspitzen, weich, trotz der Narben, die sich über ihren Körper zogen – stumme Zeugen eines Lebens voller Kämpfe.


Doch dann stieg eine andere Erinnerung in ihm auf. Ein anderes Gesicht. Leyla.


Für einen Moment spannte sich sein Kiefer an, und sein Blick trübte sich. War es richtig, was er tat? War es richtig, sich auf Jakira einzulassen, während ein Teil von ihm noch immer an jemand anderes dachte?


Doch er kannte die Antwort bereits. Leyla war fort. Sie ging ihren eigenen Weg, so wie er seinen ging. Sie war nicht mehr seine, und er hatte kein Recht, an ihr festzuhalten. Aber das bedeutete nicht, dass sie ihm nichts mehr bedeutete.


Liam atmete tief durch, verdrängte die Gedanken. Leyla war ihm noch immer wichtig, aber nicht mehr auf dieselbe Weise. Nicht mehr als die Frau, die er einmal geliebt hatte, sondern als jemand, den er unterstützen wollte. Nicht nur sie, sondern all jene, die unter dem gegenwärtigen System litten. Für sie alle wollte er eine Welt erschaffen, in der sie frei sein konnten – eine Welt, in der sie nicht durch Macht, Blut oder Herkunft definiert wurden.


Ein leises Murmeln riss ihn aus seinen Gedanken. „Guten Morgen, Liam…“ Jakira blinzelte schläfrig zu ihm auf, ihre Stimme rau vom Schlaf. Ein schwaches Lächeln umspielte ihre Lippen, doch in ihrem Blick lag dieselbe Frage, die er in ihren Augen immer sah. „Ich hoffe… ich war nützlich.“


Liam öffnete den Mund, wollte etwas sagen. Wollte ihr sagen, dass sie mehr war als das. Dass ihr Wert nicht von dem abhing, was sie tat, nicht davon, ob sie jemandem half, nicht davon, ob sie eine Aufgabe erfüllte. Sie war nicht nur ein Werkzeug, das benutzt werden konnte.


Doch er wusste, dass sie es nicht hören wollte. Oder vielleicht, dass sie es nicht hören konnte. Dass sie es nicht glauben würde, selbst wenn er es sagte.


Also tat er das Einzige, was sie von ihm akzeptieren würde. Er nickte. „Ja, das warst du. Du hast mir sehr geholfen.“


Jakira lächelte, als wäre das alles, was sie gebraucht hatte. Zufriedenheit blitzte für einen Moment in ihren Augen auf, ehe sie sich aufrichtete. Langsam, mit bedachten Bewegungen, begann sie, sich anzuziehen. Dabei ließ sie ihren Blick nicht von ihm, als wollte sie sich jeden Ausdruck in seinem Gesicht genau einprägen.


„Dann bin ich glücklich“, sagte sie leise, und ihre Worte klangen zerbrechlich.


Liam erwiderte ihr Lächeln, doch tief in seinem Inneren fasste er einen Entschluss.


Eines Tages würde er ihr beweisen, dass sie mehr war als das. Mehr als ein Werkzeug, mehr als eine Klinge, die nur dann von Wert war, wenn sie genutzt wurde. Er würde ihr zeigen, dass sie nicht nur jemand war, die man für einen Zweck benutzte – sondern jemand, der allein durch ihre Existenz wertvoll war.



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Liam bewegte sich vorsichtig über die schmale Brücke, die sich wie ein unsicherer Pfad aus Eis über das dunkle Wasser spannte. Der frostige Wind schnitt ihm ins Gesicht, und bei jedem Schritt musste er darauf achten, nicht auszurutschen. 


Neben ihm ging Nidhogg, in einen groben, braunen Umhang gehüllt, der seine markanten Gesichtzüge verdeckte. Sein anderer Begleiter Locart, trotz der eisigen Temperaturen nur in dünne Kleidung gehüllt, wirkte unbeeindruckt von der Kälte – als wäre sie für ihn nichts weiter als ein flüchtiges Ärgernis.


Jeder Muskel in Liams Körper war angespannt, während sie sich dem Stadttor näherten. Sie durften keine Aufmerksamkeit erregen. Ein leises Betreten war ihr Ziel, ein unauffälliges Eindringen in eine Stadt, deren Verteidigungsanlagen selbst für die mächtigsten Krieger eine Herausforderung waren. Doch selbst trotz seiner Vorsicht konnte er nicht verhindern, dass es geschah.


[???] ,,Halt ihr drei. Kommt her!’’ 


Liams Herz setzte für einen Moment aus, als die raue Stimme einer Stadtwache durch die kalte Luft hallte. Sofort erstarrte er, doch er zwang sich dazu, sich langsam zu bewegen, ruhig zu wirken. Jetzt war nicht der Moment für unüberlegte Reaktionen. Sein Blick glitt zu Locart, der bereits einen Schritt nach vorne gemacht hatte.


Der schmächtige Mann schien vollkommen gelassen, beinahe gelangweilt, als er etwas aus seiner Tasche zog. Ein kleines Stück Pergament – zu unscheinbar, um von Bedeutung zu sein, und doch hielt es die Wache davon ab, weiter nachzuhaken. Der Soldat überflog das Dokument, musterte Locart einen Moment lang, dann nickte er und trat zur Seite.


„Ihr könnt passieren“, brummte er und wandte sich bereits dem nächsten Reisenden zu.


Liam atmete leise aus und folgte den anderen durch das Tor. Erst als sie außer Hörweite waren, neigte er sich zu Locart und flüsterte: „Was war das?“


Locart warf ihm einen flüchtigen Blick zu, als wäre die Frage nicht der Rede wert. „Ein gefälschter Händlerbrief“, erwiderte er mit einem kleinen Schulterzucken. „Habe ihn gestern noch vorbereitet. Man weiß ja nie, wann man ihn braucht.“


Liam schüttelte unmerklich den Kopf. Er hatte das Gefühl, dass Locart ihm nicht die ganze Wahrheit sagte. Doch sie waren in der Stadt, und das war alles, was zählte.


Sein Blick wanderte unwillkürlich nach oben, wo sich der große Tempel des Erzengels Cassiel über den Dächern Randurins erhob. Die goldenen Verzierungen glänzten im schwachen Winterlicht, und die hohen Türme, die bis in den Himmel ragten, verliehen dem Bauwerk eine unnahbare Erhabenheit. Doch während Liam den Tempel nur flüchtig betrachtete, war sein Begleiter von etwas anderem eingenommen.


Er spürte die Veränderung in Nidhogg noch bevor er ihn ansah.


Sein Blick war wie aus Stein gemeißelt, starr auf den Tempel gerichtet. In seinen schmalen Augen brannte ein loderndes Feuer – nicht der Funke einfacher Wut, sondern die Flamme eines unkontrollierbaren, uralten Hasses. Seine Hände zuckten unruhig unter dem Mantel, als müsste er sich daran hindern, jetzt und hier zuzuschlagen.


Liam wusste, dass er etwas sagen musste, bevor Nidhogg eine Dummheit beging. „Nidhogg, du…“ begann er vorsichtig, doch sein Begleiter schnitt ihm mit rauer Stimme das Wort ab.


„Ich weiß, ich weiß“, grollte Nidhogg, ohne den Blick vom Tempel zu lösen. „Erst unser Vorhaben, dann der Spaß.“


Liam musterte ihn einen Moment, dann nickte er langsam. Nidhogg war ein Fanatiker, ja, doch er war nicht dumm. Er wusste, dass sie sich keinen Fehltritt leisten konnten – noch nicht. Dennoch blieb Liam wachsam. Er wusste, dass der Hass in seinem Begleiter ein wildes Tier war, das nur schwer an der Leine zu halten war.


Mit einem tiefen Atemzug lenkte Liam seine Aufmerksamkeit auf das wahre Ziel ihrer Mission: die Herzogsburg.


Dort, in den tiefsten Gewölben, verborgen hinter dicken Mauern, lag das Artefakt, das den Ausgang dieser Mission entscheiden würde.


Die Boz.

 
 
 

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