Kapitel 104 - Die Zeiger stehen auf Krieg
- empirewebnovel
- 27. Feb. 2025
- 9 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 28. Feb. 2025

Leyla atmete tief ein, hielt den Atem für einen Moment an und ließ ihn dann langsam wieder entweichen, während ihr Blick über das düstere Hauptquartier der Kaiserlichen Kopfgeldjäger wanderte. Die gewaltige schwarze Villa, ein Monument aus Stein und Schatten, thronte über den umliegenden Straßen wie ein unheilvoller Wächter.
In den Fenstern spiegelte sich das Licht der Sommersonne, doch selbst das konnte die Finsternis nicht vertreiben, die sich um dieses Gebäude rankte. Es war ein Ort, der von vielen gefürchtet und von wenigen verstanden wurde. Für Leyla war es allerdings etwas anderes. Es war ihr Zuhause.
Die Reise in die Kaiserstadt war kurz gewesen, aber kaum hatte sie den Boden der Hauptstadt betreten, war ihr Schicksal bereits besiegelt. Ein Bote hatte ihr einen versiegelten Brief überreicht – eine Nachricht von Eroica, ihrer Dienerin. Nur eine einzige Zeile hatte darin gestanden:
Yang will mit dir sprechen. Es geht um Welldyl.
Welldyl.
Der Name allein ließ ihr Herz schwerer schlagen. Sie hatte gewusst, dass ein solches Gespräch sie erwarten würde. Sie musste sich für die Zerstörung verantworten, die sie mit ihren eigenen Händen angerichtet hatte. Ein Drittel der Stadt lag in Trümmern, und unzählige Menschen hatten ihr Leben oder ihre Existenzgrundlage verloren. Doch nicht einmal jetzt, als sie auf der Schwelle dieses Gebäudes stand, empfand sie Reue. Nicht im klassischen Sinne. Sie wusste, dass ihre Macht Opfer forderte – und sie hatte sich damit abgefunden.
Leylas Faust ballte sich, als sie die Macht in sich pulsieren spürte, warm und unaufhaltsam. Seit sie den Stein akzeptiert hatte, war sie nicht mehr dieselbe. Sie hatte ihre Kraft nicht nur angenommen, sondern ihr erlaubt, sie zu formen.
Sie war ein Monster geworden – aber nicht irgendein Monster. Kein Wesen, das in den Schatten lauerte, um sich an Unschuldigen zu nähren. Nein, sie war ein Monster mit einem Ziel. Und wenn dieses Ziel Opfer verlangte, dann sollte es so sein. Denn am Ende zählte nicht, wie viele Menschen auf dem Weg starben. Am Ende zählte nur, dass sie es erreichte.
Und doch… trotz all ihrer neuen Fähigkeiten wusste sie, dass sie hier nicht diejenige war, die über Stärke entschied. Nicht in diesem Moment. In dieser Villa befand sich eine Frau, die weit über ihr stand. Eine Frau, die eine lebende Legende war. Yang, die Anführerin der Kaiserlichen Kopfgeldjäger.
Diejenige, die Armeen ausgelöscht, Städte vernichtet und die stärksten Krieger dieser Welt besiegt hatte. Leyla war stärker geworden, das wusste sie. Aber sie wusste auch, dass sie nicht auf Yangs Ebene stand. Vielleicht würde sie das auch niemals tun.
Mit einem letzten tiefen Atemzug legte sie die Hand auf die schwere Tür und drückte sie auf. Der gewaltige Flügel schwang lautlos auf, als hätte das Gebäude ihre Ankunft bereits erwartet. Ein vertrauter Geruch schlug ihr entgegen – altes Holz, Metall, Rauch. Das Licht der gewaltigen Kronleuchter warf lange, verzerrte Schatten an die Wände.
Leyla trat über die Schwelle, die Tür fiel hinter ihr krachend ins Schloss.
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Leyla blieb ruckartig stehen. Da war sie. Yang.
Leyla spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog, während sie den starren Blick ihrer Anführerin erwiderte. Diese Frau, die so viel Macht ausstrahlte, dass sie beinahe greifbar war, stand entspannt vor ihr, als wäre dies ein gewöhnliches Gespräch. Doch das war es nicht. Heute ging es nicht um irgendeine Mission oder einen simplen Auftrag – heute musste sich Leyla für die Zerstörung von Welldyl verantworten.
Yang lächelte kaum merklich, eine Geste, die weder Wärme noch Kälte ausstrahlte, sondern nur eine undurchdringliche Ruhe. Sie bedeutete Leyla mit einer kleinen Handbewegung, ihr zu folgen.
Wortlos gehorchte Leyla und merkte erst nach einigen Schritten, dass es ungewöhnlich still war. Sonst wurde sie bei ihrer Rückkehr immer von Nea begrüßt, die mit ihrer üblichen Energie auf sie zugestürmt kam. Doch heute? Nichts. Die Flure waren leer, kein Geräusch störte die Stille, und es fühlte sich an, als würde das gesamte Hauptquartier den Atem anhalten.
Sie folgte Yang die Treppen hinauf, bis sie ihr Quartier erreichten. Als sie eintraten, fiel Leylas Blick auf die beinahe unheimliche Kargheit des Raumes. Kein Schmuck, kein Zeichen von Komfort. Kein Bett. Nur ein einzelner Tisch in der Mitte, zwei Sessel auf gegenüberliegenden Seiten und ein Wandschrank, in dem Yang ein paar persönliche Gegenstände aufbewahrte.
Leyla fragte sich, ob ihre Anführerin überhaupt schlief. Oder ob sie, wie es die Gerüchte besagten, weit über solche Bedürfnisse hinausgewachsen war.
„Setz dich“, sagte Yang ruhig.
Es war keine Bitte. Es war kein Befehl. Es war einfach eine Aussage. Leyla gehorchte und nahm auf dem harten Sessel Platz. Yang ging ohne Eile zu ihrem Wandschrank, holte eine dunkle Weinkaraffe und zwei Gläser hervor. Ohne zu zögern füllte sie beide bis zum Rand und stellte eines vor Leyla ab. Dann nahm sie einen langsamen Schluck, bevor sie mit ihren dunklen Augen auf Leyla herabblickte.
Leyla folgte ihrem Beispiel und kostete den Wein. Er war reichhaltig, mit einer sanften Süße, die sich auf ihrer Zunge ausbreitete.
„Berichte mir von deinem Auftrag in Welldyl“, sagte Yang schließlich. Ihre Stimme war ruhig, frei von jeglicher Emotion.
Leyla atmete tief ein. Sie musste vorsichtig sein, was sie sagte. Dennoch entschied sie sich, bei der Wahrheit zu bleiben – zumindest bei einem Teil davon.
„Als ich in Welldyl ankam, wurde ich direkt von Leonhardt, dem zweiten Anführer des Ordens der Goldenen Sonne, angegriffen. Er war aggressiv, als würde er mich aus tiefstem Herzen töten wollen. Ich wehrte mich, und dabei ist die Taverne eingestürzt.“
Sie beobachtete Yangs Reaktion genau. Doch in deren Augen lag weder Zorn noch Verurteilung. Nur ruhige, ungeteilte Aufmerksamkeit.
„Wir haben gekämpft. Er war stärker, als ich es erwartet hatte, und er hatte sich mit einer schwarzen Flüssigkeit aus einer goldenen Phiole verstärkt. Ich weiß nicht genau, was es war, aber es machte ihn… anders. Mächtiger. Schneller. Um ihn zu besiegen, musste ich meine Magie einsetzen – und das hat Welldyl zu einem großen Teil zerstört. Es tut mir leid.“
Es war nur eine Formalität, das wusste sie. Sie empfand nun keine echte Reue mehr, sie hatte sie wie den Hafen begraben.
Yang schüttelte langsam den Kopf. „Es war die richtige Entscheidung. Erzähl weiter.“
Leyla versteckte ihre Überraschung, aber in ihrem Inneren rumorte es. Keine Strafe? Kein Vorwurf? Sie hatte ein Drittel einer Stadt in Schutt und Asche gelegt. War das wirklich so bedeutungslos für Yang?
Sie sammelte sich und sprach weiter: „Nachdem ich Leonhardt besiegt hatte, bin ich zum Anwesen meines Ziels gereist. Doch als ich dort ankam, war er bereits tot. Yaga war dort, aber wir konnten nicht viel miteinander sprechen.“
Sie ließ absichtlich die Visionen aus, Finns Worte, das Mädchen in den Erinnerungen und den Stein. Das gehörte niemandem außer ihr selbst.
Yang nickte nachdenklich und füllte sich ein weiteres Glas ein. Das sanfte Plätschern des Weins war das einzige Geräusch in dem sonst stillen Raum. Dann lehnte sie sich leicht zurück.
„Gut. Dann weiß ich Bescheid.“ Sie ließ ihre Finger leicht über den Rand des Glases gleiten. „Der Kaiser hat entschieden, den Orden der Goldenen Sonne als Landesverräter einstufen zu lassen. Sie werden in den kommenden Wochen gejagt und ausgerottet.“
Das überraschte Leyla nicht. Es war nur logisch, dass das Kaiserreich die Gelegenheit nutzte, um eine unkontrollierbare Fraktion aus dem Weg zu räumen.
Doch was Yang als Nächstes sagte, ließ sie kurz erstarren.
„Was den Hafen in Welldyl betrifft – wir werden es so darstellen, als hätten Terroristen von den Tabakinseln die Stadt angegriffen.“
Leyla runzelte die Stirn. Das ergab keinen Sinn. Wieso die Tabakinseln? Wieso eine Lüge? Sie öffnete den Mund, doch Yang kam ihr zuvor.
„Der Kaiser plant schon lange, die reichen Tabakinseln in das Reich einzugliedern. Dank dir haben wir nun eine perfekte Rechtfertigung. Die Menschen brauchen einen Feind, Leyla. Und wenn es einen gibt, dann werden sie kämpfen wollen. Du wirst keine Konsequenzen für Welldyl tragen müssen.“
Leyla spürte eine kalte Welle durch ihren Körper rauschen. War sie also für einen Krieg verantwortlich? Nein. Der Kaiser hätte es so oder so getan. Ihre Magie war nur ein Mittel gewesen, um den Plan schneller umzusetzen. Sie war nicht die Ursache.
„Danke—“ begann sie, doch Yang unterbrach sie mit einem knappen Handzeichen.
„Als Gegenleistung wirst du die Streitkräfte unterstützen. Du wirst alleine, vor der offiziellen Kriegserklärung, nach Tripolis reisen. Dort hast du zwei Aufgaben: Erstens eliminierst du die Großmagi des Magieturms. Sie sind mächtig, doch ohne sie ist das größte Hindernis beseitigt. Zweitens zwingst du den Rat der Händler zur Kapitulation. Letzteres erst, sobald die ersten Seeschlachten geschlagen und die nördlichen Inseln erobert wurden.“
Leyla schluckte. Sich an einem Krieg zu beteiligen, war etwas, das gegen alles ging, woran sie glaubte. Doch sie konnte diesen Auftrag nicht ablehnen. Und tief in ihrem Inneren wusste sie, dass sie ohnehin nach Tripolis musste – nach Mylrie, um den nächsten Runenstein zu finden.
„Verstanden“, sagte sie mit fester Stimme. „Wann soll ich aufbrechen?“
„In drei Tagen. Jemand wird dich abholen. Bereite dich vor.“
Yang machte eine abweisende Geste. Das Gespräch war beendet.
Leyla nickte, stand auf und verließ das Zimmer. Sie konnte das Ziehen in ihrer Brust nicht ignorieren – eine Mischung aus Unruhe und einer dunklen Vorahnung.
Sie ging zu ihrem Wohnbereich, ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen und atmete tief durch.
Drei Tage.
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„Willkommen zurück, Leyla. Ich freue mich sehr, Euch zu sehen. Wie lief das Gespräch mit Yang?“
Eroicas sanfte Stimme erfüllte das behagliche Wohnzimmer, während der Duft von frischem Essen den Raum erfüllte. Auf dem massiven Holztisch dampfte eine großzügige Mahlzeit, deren Anblick Leyla erst jetzt bewusst wahrnahm. Die Öllampe an der Wand tauchte das Zimmer in ein warmes, goldenes Licht.
Leyla ließ sich mit einem erschöpften Seufzen in einen der weichen Sessel fallen. Ihre Muskeln fühlten sich schwer an, als hätte die Reise nach Hause ihr mehr Kraft geraubt, als sie erwartet hatte. Doch es war nicht die Reise allein – es waren vor allem die Worte, die in ihrem Kopf widerhallten, die Entscheidungen, die sie getroffen hatte, und die Verantwortung, die ihr auferlegt worden war.
Ohne ein weiteres Wort griff sie zu dem dampfenden Teller vor sich und begann zu essen. Die ersten Bissen waren heiß und würzig, und für einen kurzen Moment ließ sie sich einfach vom Geschmack ablenken. Doch die Realität würde sich nicht ewig verdrängen lassen. Nach einigen Momenten hob sie den Blick zu Eroica.
„Ich werde keine Probleme wegen dem Vorfall in Welldyl bekommen“, sagte sie schließlich, ihre Stimme ruhig, aber mit einem Hauch von Müdigkeit. „Ich nehme an, du hast bereits davon gehört?“
Eroica setzte sich ihr gegenüber und nickte leicht. „Ja, die Nachricht hat sich unter den Kopfgeldjägern schnell verbreitet. Ich bin erleichtert, dass Ihr nicht belangt werdet.“ Sie musterte Leyla aufmerksam. „Und? Was plant Ihr als Nächstes?“
Leyla lehnte sich in ihrem Sessel zurück, ließ die Gabel auf dem Teller ruhen und fuhr sich durch das Haar. „Ich werde nach Tripolis reisen“, antwortete sie langsam. „Das Kaiserreich wird die Tabakinseln angreifen, und es ist meine Aufgabe, den Feldzug zu unterstützen.“
Eroica blinzelte kurz überrascht, bevor sie sich wieder gefasst zeigte. Sie war eine kluge Frau, sie wusste, dass Leyla sich nicht freiwillig an einem Krieg beteiligen würde. Doch sie stellte keine Fragen. Nicht jetzt.
Leyla blickte nachdenklich zur Wanduhr, deren Zeiger sich in gleichmäßigem Rhythmus bewegten.
—Tick— —Tick— —Tick—
Das stetige Geräusch erfüllte den Raum, wie das unausweichliche Fortschreiten der Zeit, das sich nicht aufhalten ließ.
Eroica erhob sich lautlos von ihrem Platz, ging um den Tisch herum und legte Leyla beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Ihr müsst das nicht alleine durchstehen“, sagte sie sanft. „Wenn Ihr reden wollt, sagt einfach Bescheid.“
Leyla zögerte kurz, dann nickte sie. „Danke“, murmelte sie leise.
Sie beendete ihr Mahl in Ruhe, nachdenkend. Als der Teller leer war, stellte sie ihn vorsichtig ab und richtete ihren Blick auf Eroica.
„Hast du etwas über die Steine herausgefunden?“ fragte sie schließlich.
Ein feines Lächeln huschte über Eroicas Lippen, ein Hauch von Stolz in ihrem Ausdruck. „Ja, tatsächlich“, sagte sie mit unterdrückter Begeisterung. „Ich habe Hinweise auf einen der Steine gefunden – genauer gesagt, auf denjenigen, der seinem Träger die Macht verleiht, Monster und Tiere zu beherrschen.“
Leylas Augen weiteten sich leicht. Das war eine wertvolle Information. Eine Fähigkeit wie diese könnte in einer Vielzahl von Situationen nützlich sein. Vielleicht war er nicht so mächtig wie ihr eigener Stein, aber dennoch eine enorme Hilfe.
„Wo befindet er sich?“ fragte sie sofort.
„Laut den Aufzeichnungen eines alten Forschers soll er sich in Jidar befinden“, erklärte Eroica. „Der Stadt der Sectododen.“
Leyla runzelte die Stirn. Der Name Jidar sagte ihr nichts.
Eroica lachte leise. „Ich nehme an, Ihr habt noch nie von ihr gehört. Jidar liegt tief im Denja-Dschungel. Ich wünschte, ich könnte Euch genau sagen, wo, aber die Karten, die ich gefunden habe, sind widersprüchlich. Die Sectododen sind ein rätselhaftes und verschlossenes Volk, das nur wenig Kontakt zur Außenwelt hat.“
Leyla nickte nachdenklich. Der Denja-Dschungel… Es war nicht das Ziel, das sie momentan im Blick hatte, doch vielleicht würde es später eine Gelegenheit geben, dort hinzureisen.
„Danke, das ist trotzdem eine große Hilfe“, sagte sie aufrichtig. Dann richtete sie sich etwas auf und fuhr fort: „Ich brauche noch weitere Informationen. Die nächsten Tage wirst du alles über die Tabakinseln, Tripolis und Mylrie für mich zusammentragen. Ich habe Hinweise darauf, dass sich dort ein weiterer Stein befindet.“
Eroica nickte. ,,Natürlich, wie Ihr wünscht, Leyla.’’
Leyla lehnte sich zurück, während ihre Gedanken sich neu ordneten. „Im Denja-Dschungel also“, murmelte sie leise. „Vielleicht könnte Bunj mitkommen…“
Eroica erhob sich und nahm den leeren Teller, bereit, ihn in die Küche zu bringen. Doch als sie durch die Tür hinaus trat, hielt sie inne und wandte sich noch einmal um.
,,Ach ja, Leyla?’’
Leyla hob eine Augenbraue. „Ja? Was gibt es noch, Eroica?“
Eroica wirkte für einen Moment nachdenklich, bevor sie mit ruhiger Stimme sprach.
,,Selfmun Aragi möchte Euch sehen. Er meinte es sei dringend.’’



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