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Kapitel 105 - Kalt wie der Tod

Was wollte Selfmun Aragi von ihr? Wollte er sich nach dem Auftrag erkundigen? Immerhin war es sein Auftrag gewesen.


Leyla hatte, schon seit sie das erste Mal von ihm erfahren hatte, den Verdacht, dass Aragi mehr war als nur ein loyaler Minister des Kaiserreichs. Seine Handlungen waren zu undurchsichtig, seine Interessen zu weitreichend. Wohlmöglich war er ein Verbündeter des Ordens der Goldenen Sonne? Vielleicht sogar ein Mitglied? Oder jemand, der mit Yaga in Verbindung stand?


Sie schob die Theorien beiseite, während sie die breite Steintreppe hinaufstieg, die zum Ministerium führte. Das Gebäude lag im südlichen Teil der Kaiserstadt und war ein wahres Monument. Die Fassade bestand aus hellem, beinahe weißem Stein, kunstvoll verziert mit goldenen Gravuren. Die gewaltigen Kristallfenster reflektierten das Licht der untergehenden Sonne und tauchten die Straßen in ein weiches, gold-gelbes Leuchten.


Leyla spürte einen leichten Schauer über ihren Rücken laufen. Das Gespräch mit Selfmun Aragi würde nicht angenehm werden. Aragi war jemand, vor dem sie auf der Hut sein musste. Sein Ruf als „Roter Teufel“ war nicht unbegründet – er war ein Meister der Manipulation, jemand, der seine Gegner in Gespräche verwickelte und sie erst viel zu spät merken ließ, dass sie bereits verloren hatten.


Ein Blick zur Seite verriet ihr, dass das Ministerium trotz der späten Stunde noch voller Leben war. Männer und Frauen in prunkvollen Roben eilten durch die Gänge, mit Papieren beladen oder in hitzige Diskussionen vertieft. Die Verwaltung des Kaiserreichs ruhte nie, das wusste Leyla. Doch es war ihr egal, deshalb war sie nicht hier.


Am Eingang erwartete sie bereits eine junge Frau, eine von Aragis Sekretärinnen, die sich mit einer makellosen Verbeugung vor ihr neigte. „Edle Miss Leyla, bitte folgt mir. Minister Aragi erwartet Euch bereits.“


Leyla nickte nur knapp und ließ sich durch die langen, von Fackeln erleuchteten Flure des Ministeriums führen. Während sie ging, wanderte ihr Blick über die kunstvoll gestalteten Wände. Fresken, die die Gründung des Kaiserreichs zeigten, prangten in prunkvoller Darstellung auf dem Marmor, während Statuen der alten Kaiser in den Nischen zwischen den Fluren standen. Es war ein Ort, der Macht ausstrahlte.


Schließlich erreichten sie eine massive, mit goldenen Ornamenten verzierte Tür im obersten Stockwerk. Die Tür stand bereits einen Spalt offen.


„Bitte wartet hier. Minister Aragi wird sich gleich zu Euch gesellen“, erklärte die junge Frau mit derselben höflichen, emotionslosen Stimme, mit der sie Leyla empfangen hatte.


Leyla trat ein und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Aragis Arbeitszimmer war luxuriös, aber nicht überladen. Eine dunkle Holzvertäfelung zog sich über die Wände, und in den Regalen standen kunstvoll gefertigte Figuren aus Granit, jede einzelne von atemberaubender Handwerkskunst. 


Die Möbel waren schlicht, aber elegant – schwere Bücherregale, ein mit Pergamenten bedeckter Schreibtisch und zwei bequeme Sessel vor dem Kamin, in dem ein schwaches Feuer flackerte.


Sie setzte sich auf den Stuhl vor dem massiven Holztisch und lehnte sich zurück. Ihr Blick glitt über die Bücher und Dokumente, die in ordentlichen Stapeln auf dem Tisch lagen. Alles wirkte zu perfekt, zu präzise arrangiert. Als hätte Aragi gewollt, dass alles auf den ersten Blick eine Botschaft vermittelte: Hier saß jemand, der über Ordnung, Macht und Wissen verfügte.


Leyla stützte ihr Kinn auf eine Hand und schnaubte leise.


„Yang und Aragi an einem Tag. Ich bezweifle, dass es viele gibt, die dieses Glück hatten“, dachte sie mit einer Mischung aus Ironie und Unmut. Für viele wäre es tatsächlich ein Privileg, am selben Tag sowohl mit der legendären Anführerin der Kopfgeldjäger, als auch mit dem mächtigen Kaiserlichen Minister des Reiches sprechen zu dürfen. Für Leyla war es jedoch vor allem anstrengend – eine lästige Pflicht, die sie lieber vermieden hätte.


Doch bevor sie ihre Gedanken weiter vertiefen konnte, erklang eine kalte, durchdringende Stimme hinter ihr.


,,Schön, dass du wieder da bist.’’


Ein eisiger Schauer lief ihr über den Rücken. Die Tür war nicht zu hören gewesen, und doch stand er nun da – Selfmun Aragi, mit seinem ruhigen Lächeln und diesem unergründlichen Blick, der jedes Wort, das er sprach, gefährlich machte.



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Selfmun Aragi bewegte sich mit der Ruhe eines Mannes, der die Zeit selbst in der Hand zu halten schien. Langsam und kontrolliert schritt er um den Tisch herum, bevor er sich in seinen Sessel sinken ließ. Der hohe, mit rotem Samt bezogene Stuhl wirkte beinahe wie ein Thron, und Aragi machte keinen Hehl daraus, dass er diesen Eindruck genoss.


„Ich habe von deinem Auftrag in Welldyl gehört“, begann er schließlich, ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen. „Beeindruckend. Nicht viele können von sich behaupten, dass sie im Alleingang eine halbe Stadt in Schutt und Asche gelegt haben.“


Sein Tonfall war leicht, fast beiläufig, doch Leyla erkannte die feine Nuance darin – ein Hauch von Spott, vielleicht auch von Respekt. Sie wusste nicht genau, wie sie auf ihn reagieren sollte. Sollte sie die gleiche Vertrautheit annehmen, die er ihr entgegenbrachte? Respekt zeigen? Oder ihn mit der gleichen Kälte behandeln, mit der er mit ihr sprach?


Sie entschied sich für die sicherste Variante – Höflichkeit. Sie wollte ihn nicht zum Feind haben.


„Minister, darf ich fragen, weshalb Ihr mich auf diesen Auftrag geschickt habt? Mein Ziel war bereits tot, als ich ankam.“


Aragi lehnte sich zurück, sein Lächeln wurde breiter. „Warum so förmlich, Leyla? Wir sind doch Freunde, oder nicht?“


Leyla hob eine Augenbraue. Sie erwiderte nichts, nickte nur knapp, während sie seine Züge genau beobachtete.


„Aber um auf deine Frage zurückzukommen“, fuhr er fort, seine Finger spielten gedankenverloren mit einem goldenen Rubinring an seiner Hand. „Ich wusste nichts vom Orden der Goldenen Sonne. Ich wusste auch nicht, dass der Adlige bereits tot war. Ein unglücklicher Zufall, könnte man sagen. Aber wenn ich ehrlich bin…“ 


Er lehnte sich nach vorne, seine roten Augen funkelten. „Ich glaube nicht, dass ich mich entschuldigen muss. Schließlich hast du ja nicht gerade schlecht abgeschnitten, nicht wahr? Ich bin sicher, dass du aus dieser Erfahrung mehr mitgenommen hast als ich.“


Leyla spürte, dass er log. Nicht in allem, aber er hielt etwas zurück. Sie wusste nicht, wie tief seine Verstrickungen reichten, doch eines war sicher: Jedes seiner Worte war bewusst gewählt und diente dem Ziel, das er in diesem Gespräch verfolgte.


Aragi setzte sich aufrecht hin, faltete seine Hände vor sich auf dem Tisch und musterte sie mit demselben unergründlichen Blick, den sie inzwischen nur zu gut kannte.


„Ich habe gehört, dass du bald in den Krieg ziehst. Sag mir, freust du dich darauf?“


Leyla verengte ihre Augen. „Warum sollte ich mich auf einen Krieg freuen?“


Ein leises Lachen entkam Aragi, doch es war kein herzhaftes Lachen – es war eines, das von jemandem kam, der die Welt durch eine andere Linse sah.


„Nun, weil der Krieg ein wunderbares Chaos mit sich bringt“, erklärte er, als würde er über das Wetter reden. „Und in einem Krieg… kann man Dinge tun, die sonst nicht möglich wären. Die Augen der Mächtigen sind auf die Fronten gerichtet, ihre Hände gebunden durch Schlachten und Politik. Wer also etwas verändern wollen würde, etwas, das gegen die bestehenden Strukturen ginge… der sollte genau diesen Moment nutzen.“


Leyla spürte, wie sich ihr Körper leicht anspannte. Er wusste etwas. Und nicht nur das – er sprach nicht nur von ihr, sondern auch von sich selbst.


„Ach ja, wusstest du, dass dein elfischer Freund auf dem Weg nach Randurin ist?“


Leyla hielt abrupt inne. Ihr Herzschlag beschleunigte sich für einen Moment, doch sie zwang sich zur Ruhe.


Liam?


,,Er plant, eine Rebellion zu starten’’, fuhr Aragi gelassen fort, während er ihre Reaktion aufmerksam musterte. „Falls du ihm begegnest… nun, das könnte eine unangenehme Situation werden, nicht wahr? Stell dir vor, du müsstest ihn aufhalten. Wie tragisch das wäre.“


Ein eisiges Zittern lief Leyla über den Rücken. Sie spürte, wie sich ihre Finger unbewusst zu einer Faust ballten. Warum tat Liam das? Warum reihte er sich in die Reihen der Rebellen ein? Sie hatte das Kaiserreich nie geliebt, sie hätte es sogar gern fallen sehen… aber etwas an dieser Nachricht beunruhigte sie.


Aragi lehnte sich zurück, sichtlich amüsiert von ihrer Reaktion. Dann sprach er beiläufig weiter.


„Übrigens, wenn du in Tripolis bist, solltest du die Kaifeng-Kampfschule besuchen.“


Leyla runzelte die Stirn. „Warum?“


„Oh, nur so eine Eingebung“, erwiderte Aragi mit einem wissenden Grinsen. „Vielleicht findest du dort etwas… Aufschlussreiches.’’


Sie presste die Lippen zusammen. Ob sie dorthin gehen würde oder nicht, entschied sie, wenn sie dort war. Im Moment hatte sie andere Sorgen.


Eine Frage brannte ihr auf der Zunge, eine, die sie nicht länger zurückhalten konnte.


,,Wie stehst du zum Orden der Goldenen Sonne?’’


Aragi hielt inne, seine roten Augen blitzten auf. Dann stand er langsam auf und schritt zum Kamin, wo er einen Moment lang das flackernde Feuer betrachtete.


„Sie interessieren mich nicht“, sagte er schließlich. „Sie waren nützlich… aber nicht mehr.“


Seine Stimme war so ruhig, dass Leyla einen Moment brauchte, um zu begreifen, was er gerade gesagt hatte.


Er bedeutete ihr, zu ihm an den Kamin zu treten.


Leyla trat an seine Seite, ihr Blick folgte seinen Händen, als er aus einem der Regale eine kunstvoll gearbeitete Steinfigur nahm.


Es war eine Statue von Kaiser Verion III.


„Weißt du“, begann Aragi langsam, während er die Statue betrachtete, „diese Figur war teuer. Sehr teuer. Sie strahlt Autorität aus, solange sie an ihrem Platz steht. Jeder, der diesen Raum betritt, sieht sie und weiß, dass sie bedeutend ist. Wenn das Zimmer gesäubert wird, achten alle darauf, sie nicht zu beschädigen. Sie ist ein Abbild des Kaisers, und allein deshalb wird sie mit Respekt behandelt.“


Er deutete mit einer Hand auf die anderen Figuren, die das Regal schmückten – Soldaten, Adlige, Bauern.


„Diese hier? Sie bekommen nicht dieselbe Aufmerksamkeit. Sie gehen kaputt, wenn man sie zu grob bewegt, oder wenn jemand nicht aufpasst. Doch die Figur des Kaisers? Die behandelt man mit Vorsicht.“


Leyla beobachtete ihn misstrauisch. Was versuchte er ihr zu sagen?


Dann, ohne Vorwarnung, ließ Aragi die Statue fallen.


—KRACK—


Die edel gearbeitete Figur des Kaisers zersplitterte in mehrere Stücke auf dem Boden.


Aragi blickte gelassen auf das Trümmerfeld herab. „Aber am Ende des Tages… ist auch sie nur Stein. Eine Unachtsamkeit, ein Moment der Nachlässigkeit – und sie ist nichts weiter als Schutt.“


Er trat einen Schritt zurück, während die Flammen des Kamins tanzten und die Schatten an den Wänden verzerrten.


„Und was einmal zerstört ist… bleibt zerstört.“


Leyla verstand. Er sprach nicht nur von der Statue.


Und die Tatsache, dass er diese Worte so unverhohlen ihr, einer Kaiserlichen Kopfgeldjägerin, entgegenbrachte, zeigte ihr erneut, warum der rote Teufel so gefährlich war.



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Was Selfmun Aragi da angedeutet hatte, war nichts Geringeres als Hochverrat.


Leyla wusste, dass der Kaiser nahezu unantastbar war – sie hatte selbst nie viel für ihn übrig gehabt. Doch es war eine Sache, ihn im Stillen zu missachten, und eine ganz andere, offen Zweifel an seiner Herrschaft zu äußern. Erst recht in Gegenwart eines Kaiserlichen Kopfgeldjägers.


Was, wenn Aragi sie testete? Was, wenn das alles eine Falle war?


Sie traute ihm alles zu.


Ihr Herz schlug schneller, aber sie zwang sich zur Ruhe. Sie würde nicht zulassen, dass er sie verunsicherte.


Sie entschied sich für den Gegenangriff.


Ohne ein Wort streckte Leyla ihre Hand aus, ihre Fingerspitzen berührten die kalten Scherben auf dem Boden. Ein leises Knistern durchzog die Luft, als sie ihre Magie freisetzte. Die Bruchstücke begannen zu zittern, hoben sich langsam in die Luft und setzten sich Stück für Stück wieder zusammen. Innerhalb weniger Sekunden stand die Figur von Kaiser Verion III. wieder unversehrt vor ihr, als wäre sie niemals gefallen.


Sie hob sie auf, betrachtete sie kurz und reichte sie dann mit einem sanften, aber festen Lächeln an Aragi zurück.


„Solange es Menschen gibt, die fähig sind, etwas wiederherzustellen, bevor es zu spät ist, muss man sich keine Sorgen machen“, sagte sie ruhig.


Sie beobachtete ihn genau, versuchte in seinem Gesicht zu lesen. Doch er blieb gelassen, nahm die Statue entgegen und musterte sie interessiert.


Dann passierte es.


Ein eisiger Schauer lief Leyla über den Rücken. Ein plötzlicher Druck legte sich auf ihre Brust, so stark, dass ihr Atem für einen Moment stockte.


—KRACK—


Ohne Vorwarnung zerbarsten alle Figuren im Raum gleichzeitig. Ein Dutzend Statuen, darunter die, die sie eben erst wiederhergestellt hatte, wurden von einer unsichtbaren Kraft zu Staub zerschmettert. Der Laut hallte durch den Raum wie das Splittern von Glas, und im nächsten Moment war alles still.


Leyla erstarrte. Ihr Blick huschte über die Trümmer, dann richtete sie ihn auf Aragi. Doch es war nicht er, den sie ansah. Hinter ihm war etwas.


Die Luft hinter dem Minister flimmerte, als wäre dort eine unsichtbare Präsenz, eine Macht, die sich in den Raum ausdehnte, eiskalt und unfassbar tief. Es war, als würde etwas Uraltes, etwas Unheilvolles, eine andere Existenz auf sie herabblicken.


Leyla kannte diese Aura. Sie hatte sie schon zweimal gespürt. Doch diesmal war sie stärker, deutlicher. Sie kroch ihr durch die Haut, bis in die Knochen, und sie spürte, dass nicht nur sie selbst von Furcht erfüllt war.


Der Stein in ihr reagierte. Zum ersten Mal spürte sie, dass er Angst hatte.


Sie sog scharf die Luft ein. Was… war das? 


Dann, so abrupt wie es gekommen war, verschwand es. Die Spannung wich aus der Luft, die Kälte löste sich auf. Als hätte nichts davon je existiert.


Leyla blinzelte. Aragi stand noch immer da, völlig unbeeindruckt von dem, was gerade geschehen war. Sein Blick glitt langsam über den Raum, als würde er die Zerstörung mit kühler Neugierde betrachten.


„Wie du siehst“, sagte er schließlich, sein Tonfall beinahe amüsiert, „kann es ein großes Problem werden, wenn man unüberlegt handelt. Eine einzige falsche Bewegung… und man reißt alles mit sich in den Abgrund.“


Leyla spürte, wie sich ihre Finger zu Fäusten ballten. Sie hatte schon vielen gefährlichen Menschen gegenübergestanden. Doch noch nie hatte sie sich so gefühlt wie jetzt.


„Aber keine Sorge“, fuhr er fort, während sein Lächeln kein bisschen verblasste. „Die Statuen lassen sich ersetzen. Das ist nichts, worüber du dir Gedanken machen musst.“


Er machte eine abwinkende Geste, als wäre das alles nur ein kleiner Zwischenfall. Dann schritt er zur Tür, öffnete sie und rief hinaus:


„Mardiva, begleite bitte die Edle Miss Leyla nach draußen.“


Leyla drehte sich langsam zu ihm um, ihre Gedanken noch immer bei dem, was sie eben gespürt hatte.


Aragi lächelte sie an, wie ein Gastgeber, der sich von einem alten Freund verabschiedet.


„Danke für das Gespräch, Leyla. Es war sehr aufschlussreich.“


Er trat näher, seine roten Augen funkelten amüsiert.


„Lass uns bald wieder sprechen. Schließlich ist unsere Freundschaft eine sehr wertvolle… und wir beide sollten darauf achten, sie gut zu pflegen.“



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Auf dem Heimweg fühlte sich Leyla unruhig, aufgewühlt, als würde eine unsichtbare Last auf ihren Schultern liegen.


Aragi war gefährlich, so viel war sicher. Doch es war nicht nur seine Intelligenz oder seine politische Macht, die sie beunruhigte – es war das, was hinter ihm lauerte. Eine Präsenz, die sie nicht begreifen konnte, eine Kälte, die selbst ihren Stein erzittern ließ.


Er hatte unverhohlen auf den Tod des Kaisers angespielt, hatte mit seinen kryptischen Andeutungen einen düsteren Schatten auf die Zukunft geworfen. Und gleichzeitig hatte er ihr gedroht – subtil, aber unmissverständlich.


Leyla spürte, wie sich ihre Fingernägel in ihre Handflächen bohrten. Sollte sie Yang davon erzählen? Ihr Instinkt sagte ihr, dass es die logischste Entscheidung wäre. Doch etwas in ihr sträubte sich dagegen.


Die Macht, die hinter Aragi stand – was auch immer sie war – jagte ihr eine tiefere Angst ein, als sie es sich eingestehen wollte.


„Ich sollte erst einmal nach seinen Regeln spielen“, murmelte sie leise und ballte die Fäuste. „Ich muss stärker werden. Ich muss mehr von den Runensteinen finden, bis niemand mich je wieder herumstoßen kann. Auch Leute wie Yang oder Aragi nicht.“


Es war eine bittere Erkenntnis. Egal, wie weit sie kam, egal, wie viele Kämpfe sie gewann, es gab immer eine noch größere Bedrohung. Immer eine noch höhere Macht, die sie in ihre Schranken wies. Immer eine Grenze, die sie nicht überschreiten konnte.


War das ihre Bestimmung? Eine Spielfigur zu bleiben, egal wie stark sie wurde? Der Gedanke brachte Wut in ihr auf. Wut auf sich selbst, auf das System, auf die Welt.


Nicht mit ihr.


Sie beschleunigte ihren Schritt. Sie hatte keine Zeit zu verlieren. Wenn sie jemals wirklich frei sein wollte, dann durfte sie nicht stehen bleiben. Dann musste sie weiterkämpfen. Weiter wachsen. Weiter aufsteigen.


Egal, welchen Preis es kostete.

 
 
 

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