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Kapitel 106 - Der Zufall lebt in Evigane

Aktualisiert: 1. März 2025

,,IN FÜNFZEHN MINUTEN LEGEN WIR IN EVIGANE AN!!!’’


Die durchdringende Stimme des Steuermanns hallte über das Deck des Handelsschiffes, begleitet vom Kreischen der Möwen, die das Anlegen der Schiffe stets als Einladung betrachteten. Das Rauschen der Wellen, das Schlagen der Segel im Wind und das Knarren des Holzes vermischten sich zu einer Klangkulisse, die Jamall nur zu gut kannte.


Er saß im Schatten seines Halbdrachen, dessen schuppiger Körper ihm eine willkommene Barriere gegen die sengende Hitze bot. Die Sommerinseln waren nichts für Jamall. Die feuchte, schwere Luft ließ seinen Nacken klebrig werden, und die Sonne brannte mit einer Unerbittlichkeit vom Himmel herab, die ihn an die Schmiedefeuer in Kartaffel erinnerte.


Doch er war nicht mehr in Kartaffel.


Seine Reise führte ihn weit fort von der kalten, schroffen Heimat, hinein in die geschäftigen Städte der Republik Heim. Sein Ziel war klar: Faldheim. Von dort aus wollte er weiter zum Turm des Weisen, wo der legendäre Ziaho Tah lebte – ein Unsterblicher, dem nachgesagt wurde, er besitze das gesamte Wissen der Welt.


Und Wissen war genau das, was Jamall suchte.


Er musste erfahren, wie er an das Schwert der fünf Monde gelangen konnte – ein Traum, der ihn seit seiner Kindheit verfolgte. Einst war es ein Wunsch aus bloßer Abenteuerlust und Ruhm gewesen, doch nach Roxys Tod hatte sich dieser Wunsch verändert. Es war nicht mehr nur Ehrgeiz, sondern eine drängende Mission. Ein Ziel, das jeden Preis wert war.


,,GRUU!’’


Das tiefe, vibrierende Geräusch ließ ihn aufblicken. Sein Halbdrachen erhob sich langsam, streckte die schuppigen Flügel, ehe er Jamall mit seinen leuchtenden Augen ansah.


Jamall lächelte leicht und strich dem Wesen über den Hals. „Ich weiß, du willst auch endlich vom Schiff runter.“


Der Halbdrachen, den er ursprünglich nur als Transportmittel gesehen hatte, war ihm inzwischen ans Herz gewachsen. Eine eigentümliche Bindung hatte sich zwischen ihnen entwickelt, auch wenn er dem Geschöpf noch immer keinen Namen gegeben hatte. Vielleicht war es auch besser so.


Plötzlich ruckte das Schiff heftig, als es am Hafen anlegte. Seile wurden geworfen, Holz knarzte unter der Last der Matrosen, die sich daran machten, das Schiff zu vertauen. Jamall zögerte nicht lange. Mit schnellen Bewegungen stand er auf, packte die Zügel des Drachen und machte sich auf den Weg zur Planke.


Als er endlich wieder festen Boden unter den Füßen spürte, sog er tief die Luft ein. Der Hafen von Evigane war lebendig, voller Menschen, Tarat und Filina, Gerüchen und Geräuschen. Händler priesen ihre Waren an, Schiffe wurden be- und entladen, und die salzige Brise vermischte sich mit dem Duft exotischer Gewürze und frischer Früchte.


Er ließ seinen Blick über die Stadt schweifen. Evigane – eine der schillernden Handelsmetropolen der Sommerinseln. Weiße Sandsteinbauten, gesäumt von Palmen, ragten zwischen den belebten Straßen hervor. In den engen Gassen wuselten Einheimische und Reisende gleichermaßen, und über allem lag die sanfte Musik von Lautenspielern, die an den Straßenecken ihre Künste darboten.


Jamall wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Das hier ist also Evigane, huh?“ murmelte er vor sich hin und schob sich durch die Menge.


Drei Tage würde er hier bleiben müssen, bevor das Schiff weiter nach Faldheim segelte.


Drei Tage, die es zu nutzen galt.



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,,GRAO?’’


Der Halbdrache schnaubte unzufrieden und sträubte sich gegen das Ziehen an seinen Zügeln. Seine silbernen Schuppen glitzerten leicht im Sonnenlicht, als er den Kopf ruckartig zur Seite drehte, um der Führung zu entkommen. Jamall seufzte und tätschelte ihm beruhigend die Schnauze.


„Es ist nur für zwei Tage, dann komme ich wieder, versprochen.“


Der Halbdrache gab nach, wenn auch nur widerwillig. Mit einem tiefen Grollen legte er sich schließlich auf den Boden und faltete die Flügel an seinen Körper. Jamall musterte ihn einen Moment, ehe er sich umdrehte und in Richtung Marktplatz aufbrach.


Er hatte nichts Konkretes im Sinn, was er kaufen wollte. Dennoch war der Markt ein guter Ort um interessante Leute zu treffen, und genau das war sein Ziel. Er brauchte jemanden. Nicht, weil er Gesellschaft suchte, sondern weil er Unterstützung brauchte. Starke Unterstützung.


Während er durch die engen Gassen schlenderte, ließ er seinen Blick über die Gesichter der Menschen schweifen. Oder besser gesagt, über die Wesen, die hier lebten. In Evigane gab es nur wenige Menschen. Stattdessen dominierten die Tarat das Straßenbild – rattenähnliche Kreaturen, die sich flink zwischen den Marktständen hindurchwanden. Jamall hielt sich instinktiv von ihnen fern. Die Tarat waren bekannt für ihre zwielichtigen Machenschaften und ihre schnellen Finger.


Dann waren da noch die Filina, ein Volk mit katzenhaften Zügen. Ihre geschmeidigen Bewegungen und ihr elegantes Auftreten ließen sie fast aristokratisch wirken, auch wenn viele von ihnen einfache Händler oder Söldner waren.


Doch Jamall suchte keine Händler.


Er brauchte jemanden, der stark war. Jemanden, der ihm nicht im Weg stand oder ihn zurückhielt.


Und genau in diesem Moment fiel sein Blick auf eine Frau, die am Rand des Hafenbeckens saß.


Etwas an ihr zog ihn an.


Es war nicht ihr Aussehen – obwohl ihre scharfen, markanten Gesichtszüge und die leuchtenden Augen durchaus bemerkenswert waren. Nein, es war die Aura der Sicherheit, die sie ausstrahlte. Sie wirkte, als könnte nichts auf dieser Welt sie aus der Ruhe bringen. Sie war genau die Art von Person, die er suchte.


Ohne zu zögern ließ er sich neben ihr nieder, stützte sich mit den Armen auf seinen Knien ab und drehte sich zu ihr.


,,Hey, ich bin Jamall. Können wir uns einen Moment unterhalten?’’


Die Frau wandte ihm langsam den Kopf zu und betrachtete ihn mit ausdrucksloser Miene.


,,Warum sollten wir?’’


Jamall grinste. Er hatte genau diese Reaktion erwartet. Er zog eine Flasche Rum aus seinem Beutel, hielt sie vor sich in die Luft und zuckte mit den Schultern.


„Weil ich eine Partnerin zum Trinken brauche.“


Für einen Moment musterte sie ihn abschätzend. Dann nahm sie ihm ohne ein weiteres Wort die Flasche aus der Hand, setzte sie an ihre Lippen und trank einen tiefen Schluck.


Jamall lehnte sich zurück und beobachtete sie.


„Und, was machst du in Evigane?“ fragte er schließlich.


Die Frau drehte die Flasche nachdenklich in ihren Händen, als würde sie nach den richtigen Worten suchen.


„Ich habe hier jemanden gesucht. Nur um zu erfahren, dass er bereits vor einem halben Jahr getötet wurde.“


Ihre Stimme war ruhig, beinahe emotionslos – und doch konnte Jamall die verborgene Wut und Trauer in ihr hören.


„Jetzt überlege ich, wie ich mich rächen kann.“


Jamall hob überrascht eine Augenbraue. Das war mehr Ehrlichkeit, als er erwartet hatte. Die Frau bemerkte seinen Blick und neigte leicht den Kopf.


,,Verurteilst du mich jetzt?’’ Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, eine Spur Unsicherheit in ihren Augen zu sehen. Doch dann war sie wieder verschwunden.


Er nahm sich einen Moment Zeit, bevor er antwortete.


„Nein, tue ich nicht. Bei mir ist es irgendwo ähnlich.“ Er zuckte wieder mit den Schultern und ließ seinen Blick über das geschäftige Treiben am Hafen schweifen.


,,Erzähl.’’


Sie forderte ihn dazu auf, als wäre es eine Selbstverständlichkeit.


Er lehnte sich leicht nach vorne und sprach mit ruhiger Stimme:


„Es gibt da eine Frau im Kaiserreich. Sie hat mir einen Menschen genommen, auf den ich mich langsam eingelassen hatte. Ich will nach Heim, um nach einer Möglichkeit zu suchen, sie zu töten.“


Die Frau betrachtete ihn für einen langen Moment – dann lächelte sie. Es war ein Lächeln, das etwas Spielerisches, aber auch etwas Gefährliches hatte.


,,Soll ich sie für dich töten?’’


Jamall öffnete kurz den Mund, schloss ihn dann aber wieder. Er überlegte kurz, bevor er langsam den Kopf schüttelte.


„Das wird denke ich nicht möglich sein. Sie ist sehr stark, ein Monster… und zusätzlich irgendwie unsterblich.“


Die Frau trank noch einen Schluck, bevor sie ihn mit einem amüsierten Blick ansah.


„Ich bin auch sehr stark. Ich bin eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin, musst du wissen.“


Jamall erstarrte.


„Eine… Kaiserliche Kopfgeldjägerin?“


Seine Stimme klang härter, als er es beabsichtigt hatte.


Die Frau schmunzelte. „Warum so erstaunt? Du hast mich doch angesprochen.“ 


Sie lehnte sich lässig zurück, als wäre die ganze Situation für sie nicht mehr als ein unterhaltsames Gespräch.


„Mein Name ist Bournadette Lacroix.“



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Jamall kannte sie. Bournadette Lacroix.


Die Zweite der Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Eine Frau, die ebenso gefürchtet wie respektiert wurde. Sie war eine Jägerin, von der man sagte, dass sie niemals ihre Beute entkommen ließ. Wenn sie sich ein Ziel setzte, dann war es nur eine Frage der Zeit, bis es fiel.


Er war sich sicher, dass es im ganzen Kaiserreich kaum jemanden gab, den sie nicht töten konnte.


Kaum jemanden.


Die Ausnahmen konnte er an einer Hand abzählen: Kaiser Verion III, Yang… und Leyla.


Leyla — der Name hallte in seinem Kopf wider, als wäre es das erste Mal, dass er ihn sich vorstellte. Sie war nicht unsterblich – nicht wirklich. Aber sie war unaufhaltsam. Keine gewöhnliche Waffe konnte sie töten, kein Dolch, kein Schwert, kein Gift. Denn wenn Leyla starb, starb an ihrer Stelle jemand, der ihr nahestand.


Und genau deshalb brauchte Jamall eine Waffe, die diese Kraft umging. Das Schwert der Fünf Monde. Sein Blick wanderte zu Bournadette. Es war ein seltsamer Zufall, dass er gerade sie getroffen hatte.


„Ich kenne dich“, sagte er schließlich. „Aber die Person, an der ich mich rächen will, ist mit gewöhnlichen Mitteln nicht zu töten.“ Er machte eine kurze Pause, bevor er die Worte aussprach, die alles verändern würden. „Es geht um deine Kollegin. Leyla.“


Bournadette setzte gerade an, um einen weiteren Schluck Rum zu trinken, doch bei seinem Satz verschluckte sie sich so heftig, dass sie husten musste.


„Was…?“ Sie rang nach Luft und starrte ihn an. „Sag das noch mal.“


Jamall blieb ruhig. „Die Person, die ich töten will, ist Leyla.“


Für einen Moment war es, als hätte er ihre gesamte Welt zum Stillstand gebracht. Sie wirkte überrascht, doch dann, als würde ein dunkler Gedanke in ihrem Kopf Gestalt annehmen, zog sich ein breites, fast belustigtes Lächeln über ihr Gesicht.


Dann lachte sie. Ein leises, aber spöttisches Lachen.


„Leyla ist die Person, die ich töten will“, verkündete sie. Dann zog sie eine Augenbraue hoch. „Aber was redest du da? Warum sollte man sie nicht mit normalen Mitteln töten können?“


Diesmal war es Jamall, der sich verschluckte. Der Rum brannte in seiner Kehle, als er hustend den Kopf schüttelte. War das wirklich ein Zufall?


„Also haben wir dasselbe Ziel…“ murmelte er, während er nachdenklich ins Meer blickte. Er kratzte sich am Kopf, als wollte er die Situation begreifen. „Nun, Leyla hat eine Fähigkeit. Wenn sie stirbt, stirbt stattdessen eine Person, die ihr nahe steht.“


Bournadette schwieg. Nicht, weil sie ungläubig wirkte, sondern weil sie nachdachte. Sie ließ seine Worte auf sich wirken, wog sie ab, analysierte sie.


Dann sagte sie in einem Tonfall, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt: „Und was, wenn ich sie so oft töte, dass alle ihre Liebsten tot sind?“


Jamall zuckte nicht einmal mit der Wimper. „Dann könnte es sein, dass sie stirbt… oder dass eine zufällige Person an ihrer Stelle stirbt.“ Er seufzte. „Ich tippe auf Letzteres.“


Bournadette legte den Kopf schief, als würde sie überlegen, ob er die Wahrheit sagte oder ob er bloß ein Narr war, der zu viele Märchen gehört hatte.


„Du hast vorhin gesagt, dass du in Heim nach einer Möglichkeit suchst, sie zu töten, richtig?“


Jamall nickte. „Ja. Es gibt eine Waffe, mit der ich sie endgültig auslöschen kann. Ich kann dir ihren Namen nicht verraten, aber ich weiß, dass sie existiert. Und ich weiß, dass ich sie finden werde. Vertrau mir.“


Bournadette musterte ihn lange. Dann schüttelte sie den Kopf und lachte erneut – diesmal fröhlicher, als hätte sie gerade die Pointe eines großartigen Witzes gehört.


„So früh von Vertrauen zu sprechen“, murmelte sie, noch immer belustigt.


Jamall zuckte mit den Schultern. „Ich könnte starke Hilfe gebrauchen. Und es scheint, du willst genau das Gleiche wie ich. Also, möchtest du mich begleiten?“


Kaum hatte er die Frage ausgesprochen, sprang Bournadette mit einer überraschenden Leichtigkeit auf die Beine.


„Ja“, sagte sie sofort. Doch dann hob sie einen Finger und grinste herausfordernd. „Aber unter einer Bedingung.“


Jamall hob eine Augenbraue. „Welche?“


Bournadettes Lächeln wurde scharf, fast wie das einer Raubkatze, die sich endlich auf ihre Beute stürzen konnte.


,,Ich will dabei sein, wenn sie stirbt.’’

 
 
 

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