Kapitel 107 - Aus den Augen eines Drachen
- empirewebnovel
- 1. März 2025
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Immer wieder ließ Leyla ihren Blick über die sorgfältig zusammengestellten Schriften gleiten, die Eroica ihr beschafft hatte. Geschichten von Tabak’schen Seeleuten, detaillierte Handelsberichte über die florierenden Geschäfte in Tripolis, die politische Struktur der Tabakinseln und zahllose kleinere Werke, die ihr helfen sollten, sich auf ihre Mission vorzubereiten.
Über Mylrie jedoch fand sich kaum etwas. Ein Umstand, der sie überraschte – und zugleich misstrauisch machte. Lediglich einige alte Geschichtsbücher und der Bericht eines Meriden, der vor über siebenhundert Jahren niedergeschrieben worden war, standen ihr zur Verfügung. Dass eine Stadt von solcher Größe und Bedeutung kaum dokumentiert war, konnte kein Zufall sein.
Nachdenklich klappte sie das Buch in ihren Händen zu.
,,Ramons Schiffsbauschule’’
Der Titel hatte sie anfangs getäuscht. Sie hatte eine technische Abhandlung über den Schiffsbau erwartet, doch stattdessen handelte das Werk von der einflussreichen Rolle der Engelskirche auf den Tabakinseln.
Der Kamerismus, die dominante Religion im Kaiserreich, hatte dort nur einen geringen Fußabdruck. Stattdessen folgten viele den alten Lehren der Erzengel, die anders als im Kaiserreich mehr als ein Relikt der Vergangenheit war.
Leyla schnaubte leise, als sie das Buch beiseitelegte.
Ihr Blick wanderte über das offene Feld, das sich sanft über die Landschaft ausbreitete. Sie befand sich einige Kilometer von der Kaiserstadt entfernt auf einem abgelegenen Hügel, genau an dem Ort, den Yang ihr für die Abholung genannt hatte.
Wie und von wen sie abgeholt werden würde? Das hatte man ihr nicht gesagt.
Das Transportmittel? Ebenfalls unbekannt.
Yang hatte ihr lediglich befohlen, sich hier zur vereinbarten Zeit einzufinden. Mehr Informationen hatte sie nicht erhalten.
Sie wusste nur eines: Keiner der anderen Kaiserlichen Kopfgeldjäger befand sich derzeit in der Kaiserstadt. Nea und Bunj waren beide auf Missionen unterwegs, und auch Yang war wieder im Kaiserpalast verschwunden, nachdem sie ihr den Befehl für die Reise nach Tripolis erteilt hatte.
Leyla seufzte.
Schade.
Nach ihrem Auftrag in Welldyl hatte sie gehofft, ihre Freunde wiederzusehen, sich mit ihnen auszutauschen – eine kleine Pause. Doch es sollte nicht sein.
Sie ließ ihren Blick über den Horizont schweifen, während der Wind sanft durch ihr Haar strich. Plötzlich entdeckte sie eine dunkle Silhouette am Himmel.
Ein schwarzer Punkt, der stetig näher kam.
Leyla musste nicht lange überlegen, um zu wissen, was es war.
Ein Drache.
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Was machte ein Drache hier?
Leyla wusste, dass Drachen äußerst selten waren – und die wenigen, die existierten, hielten sich meist fern von großen Städten und menschlichen Siedlungen.
Drachen waren alte, mächtige Wesen. Sie waren gefährlich.
Für sie waren Menschen kaum mehr als niedere Lebensformen – schwächer, kleiner, dümmer. Ein unbedeutendes Volk, das sich wie Insekten auf ihrem Land ausbreitete. So, wie Menschen auf Schweine oder Kühe herabblickten, so betrachteten Drachen die Menschen.
Leyla ballte die Faust. Würde sie kämpfen müssen?
Der Drache begann, in einem weiten Kreis tiefer zu fliegen – auf sie zu.
Sollte sie angreifen?
Ein präziser Steinspeer, geschleudert mit all ihrer Kraft, könnte ihn vielleicht aufhalten, bevor er ihr zu nah kam. Aber was, wenn er nicht feindlich gesinnt war?
Was, wenn er ihr Transportmittel war?
„Nein…“ murmelte sie, während sie den gewaltigen Schatten über sich musterte. „Ich kann mir nicht sicher sein. Vielleicht soll er mich nach Tripolis bringen.“
Plötzlich sprang eine Gestalt vom Rücken des Drachen – ein Schatten, der mit unglaublicher Geschwindigkeit auf sie herabstürzte.
—BAMM—
Die Erde bebte unter der Wucht des Aufpralls. Feine Risse bildeten sich im harten Boden, und ein Windstoß wirbelte Staub in die Luft.
Leyla zuckte zurück, riss den Blick hoch und begegnete den Augen der Person.
Helle, stechende blaue Augen.
Die Frau vor ihr wirkte kaum älter als Ende zwanzig, ihr langer, lilafarbener Schopf tanzte im Wind. Sie trug rote Gewänder, die sich eng an ihren Körper schmiegten und mit Gold bestickt waren. Ein roter Mantel wehte hinter ihr im Wind. Trotz der Wucht ihres Sprungs wirkte sie entspannt, als ob es das Normalste der Welt gewesen wäre, sich aus solcher Höhe fallen zu lassen.
Ein breites Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Du musst Leyla sein!“ Die Stimme war fröhlich, energiegeladen – und hatte einen Druck, der Leyla das Gefühl gab, angebrüllt zu werden, obwohl die Frau nicht schrie. Jedes einzelne Wort hallte kraftvoll in ihrem Kopf nach.
Leyla blinzelte irritiert. „Bringst du mich nach Tripolis?“
Während sie sprach, wanderte ihr Blick misstrauisch zu dem Drachen, der nun in engen Kreisen über ihnen flog – seine schuppenbedeckten Flügel spannten sich gewaltig, während er an Höhe verlor.
„Genau!“ Die Frau nickte begeistert. „Ich bin Cyntha! Freut mich, dich kennenzulernen!“
Cyntha.
Ein Name, den Leyla kannte. Die fünfte Kaiserliche Kopfgeldjägerin.
Sie war eine der vier, die Leyla noch nicht getroffen hatte. Über ihre Fähigkeiten wusste sie nichts – in den offiziellen Dokumenten des Kaiserreichs stand kaum etwas über sie, was ungewöhnlich war, selbst für einen Kopfgeldjäger.
Das Kaiserreich versuchte, die Stärken und Fähigkeiten der Kaiserlichen Kopfgeldjäger geheim zu halten – doch in Cynthas Fall schien es fast, als wäre ihre gesamte Existenz absichtlich aus den Aufzeichnungen entfernt worden.
Leylas Blick fiel auf die spitzen Ohren, die unter Cynthas Haaren hervorschauten. Eine Elfe?
Ein weiteres gewaltiges Flügelschlagen ließ den Boden erneut erbeben. Der schwarze Drache landete direkt neben ihnen, seine massigen Krallen gruben sich in die Erde, während er seinen Kopf zu den beiden wandte.
Er war riesig.
Noch größer als der Drache, dem Leyla einst in den Mittellanden begegnet war. Sein tiefschwarzes Schuppenkleid glänzte im schwachen Licht, seine Augen – leuchtend wie zwei rubinrote Leuchtfeuer – fixierten sie mit einem Ausdruck von stiller Dominanz.
Ein Luftstoß, ausgelöst durch das mächtige Schlagen seiner Flügel, ließ Leyla kurz taumeln, bevor sie sich wieder fing.
Cyntha kicherte und kletterte mit geübten Bewegungen auf den Rücken des Drachen. Dann streckte sie Leyla ihre Hand entgegen.
,,Komm! Lass uns losfliegen!’’
Leyla atmete tief durch.
Dieser Tag wurde immer seltsamer.
Zögernd hob sie die Hand – und ergriff Cynthas ausgestreckte Finger.
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Unter Leyla und Cyntha zog die Landschaft wie ein lebendiges Gemälde vorbei. Zu ihrer Rechten erstreckten sich die gewaltigen Berge der Larifen. Zu ihrer Linken breiteten sich endlose Felder, sanfte Wiesen und dichte, tiefgrüne Wälder aus, die sich bis zum Horizont erstreckten.
Leyla hatte so eine atemberaubende Aussicht noch nie in ihrem Leben erblickt. Von hier oben wirkte die Welt friedlich, fast schon unwirklich.
,,Gefällt es dir?!’’ Cynthas fröhliche Stimme durchbrach den Wind.
Leyla konnte sie mühelos verstehen – eine Tatsache, die sie überraschte. Eigentlich hätte der Fahrtwind ihre Worte zerreißen und unverständlich machen müssen. Außerdem, selbst als absolute Anfängerin fiel ihr das Sitzen auf dem Rücken des Drachen erstaunlich leicht.
„Ja, total“, rief sie zurück. „Aber sag mal, Cyntha – warum können wir eigentlich so normal miteinander reden? Bei dieser Höhe und Geschwindigkeit müsste ich dich doch kaum hören.“
Cyntha drehte sich zu ihr um und setzte sich ohne Zögern im Schneidersitz auf die schwarzen Schuppen des Drachen. Eine beunruhigend sorglose Haltung für jemanden, der sich in tausenden Metern Höhe befand.
„Das liegt an Zorda!“ erklärte sie fröhlich und tätschelte den mächtigen Hals des Drachen. „Mit seiner Magie lenkt er den Wind um uns herum, damit er uns nicht aus dem Gleichgewicht bringt! Außerdem erleichtert er dir das Sitzen, damit du nicht herunterfällst!“
Leylas Blick wanderte zu dem gewaltigen Wesen unter ihnen. Zorda. Der Name passte zu ihm – kraftvoll und alt.
„Beeindruckend…“ murmelte sie, während sie eine Hand vorsichtig über die schuppige Oberfläche unter ihr gleiten ließ. Sie war noch nie auf einem Drachen gereist, doch diese Erfahrung war mehr als nur Fliegen – es war Freiheit.
Nach einer kurzen Pause fragte sie: „Sag mal, Cyntha… wie bist du eigentlich an einen Drachen gekommen?“
Cyntha grinste breit, als ob sie genau auf diese Frage gewartet hatte. „Er ist zu mir gekommen!“ erklärte sie, voller Stolz. „Wir sind uns begegnet, als ich noch ganz klein war – in meiner Heimat. Und sofort hat er mich als seine Freundin ausgesucht!“
Leyla nickte beeindruckt. Von einem Drachen erwählt zu werden, war eine Seltenheit, vielleicht sogar Schicksal. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein Wesen wie Zorda sich einfach irgendjemanden aussuchte.
Ein leiser Wunsch regte sich in ihr. Würde sie jemals ein solches Band zu einem Drachen knüpfen können?
Sie hatte noch so viele Fragen, so vieles, was sie über Cyntha und Zorda wissen wollte. Doch sie wollte sie nicht mit zu vielen auf einmal überfallen.
Plötzlich breitete Cyntha die Arme aus, als wollte sie den Wind umarmen. „Immer wenn ich fliege, fühle ich mich meinem Zuhause näher!“ rief sie.
„Deinem Zuhause?“ Leyla runzelte die Stirn. „Was ist denn dein Zuhause?“
Cyntha drehte sich halb zu ihr um, ihr Lächeln war warm und voller Nostalgie. „Ich komme aus Alkyre!“
Alkyre? Der Name traf Leyla wie ein verlorenes Fragment einer Erinnerung. Sie kannte diesen Ort.
Nur woher?
Dann fiel es ihr ein.
,,Die Reisen des Gheng Chu’’
Ein Buch, das sie einst in ihrer Gefangenschaft im Kaiserpalast gelesen hatte.
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Es war ein gar früher Morgen auf dem Kontinent Garnime, als mich ein tiefes, grollendes Dröhnen aus dem Schlafe riss. Ein Laut, der durch Mark und Bein fuhr, ein urgewaltiges Grollen, gleich einem fernen Donnerhall – doch kein Wölkchen trübte den Himmelsbogen. Mit klopfendem Herzen richtete ich mich auf, das Blut in meinen Adern pulsierte wie ein aufgeschreckter Strom.
Noch von den Nebeln des Schlummers umfangen, trat ich an das runde Fenster meines bescheidenen Gemachs im Gasthause. Die Sonne, kaum mehr als ein junger Spross am Horizont, sandte ihre ersten goldenen Strahlen über das Land, tauchte Himmel und Erde in ein feuriges Gemisch aus Glutrot und Bernsteingelb. Frieden schien zu ruhen über der noch schlafenden Stadt – und doch war jenes unheilvolle Grollen fehl am Platze.
Mein Blick wanderte über die dämmernde Siedlung, suchte nach dem Ursprung des unheimlichen Klanges. Und da sah ich es.
Am Rande des Sichtfeldes, gleich einer Fata Morgana, flog eine Gestalt von so unermesslicher Größe, dass selbst die Berge im Gegenschein winzig erschienen. Der Urtitan Glike.
Viele Lieder wurden gesungen, viele Legenden gewoben um jene wandelnden Titanen, deren körperliche Gestalt selbst den ältesten Erdenrücken überragte. Doch kein Wort der Weisen, kein Pergament gefüllt mit Mythen konnte mich auf diesen Anblick vorbereiten. Glike war nicht bloß Fleisch und Stein, nein, er war eine Welt für sich. Sein körperlicher Leib war umwuchert von uralten Wäldern, deren Baumkronen schienen, als würden sie den Himmel selbst tragen. Silberne Wasserfälle ergossen sich über seine felsgewordenen Schultern, sammelten sich in nebelverhangenen Strömen und stürzten in schimmernder Pracht hinab in die Weiten.
Und auf seinem Rücken thronte eine Stadt.
Mein Atem stockte. Es war eine Stadt von unvergleichlicher Erhabenheit, deren Türme, bekrönt von goldenen Kuppeln, im Lichte der jungen Sonne funkelten wie eingefangene Sternenflammen. Brücken, feingliedrig wie das Gewebe der Spinnwebenelfen, spannten sich von Turm zu Turm, gleichsam schwebend, als hätten Zauberhände sie gewoben. Wahrlich, solch ein Anblick mochte keinem sterblichen Auge je zuvor vergönnt worden sein.
Ein Ruf – oder war es eine stumme Sehnsucht? – erfasste mich mit solcher Macht, dass ich nicht zögerte. Ich eilte hinaus und schwang mich auf den Rücken meines treuen Gefährten, eines Greifen, dessen Schwingen in goldenem Braun leuchteten und der stärker war als jede noch so wilde Windböe.
Mit kräftigem Schlag hob er sich empor, durchbrach die frische Morgenluft, und wir setzten dem reisenden Koloss nach. Der Wind riss an meiner Gewandung, trug den salzigen Atem des nahen Meeres zu mir, während mein Blick unverwandt auf die Stadt gerichtet blieb, die mit jedem Herzschlag näher zu rücken schien.
Doch dann – ein unsichtbarer Schlag.
Wie gegen eine Wand aus gehärtetem Stahl fuhr ich, der Greif unter mir stieß einen schmerzvollen Schrei aus, seine Flügel fanden keinen Halt, rangen gegen eine unsichtbare Kraft. Ein Wall, gewebt aus Magie, pulsierte in der Luft, machte jeden näheren Vorstoß zunichte.
Ich verfluchte mein Ungeschick. So nah war ich, und doch so fern.
Mein Blick schweifte, suchte nach einer Schwäche in der magischen Sperre, einer Lücke, durch die ich hindurchbrechen könnte. Und da – ein anderes Bild fesselte meine Aufmerksamkeit.
Auf dem höchsten der Türme stand eine Frau.
Ihr Haar, dunkel wie die tiefste Nacht, tanzte mit dem Wind, als flüstere es ihm geheime Verse zu. Ihr Antlitz war hell, glatt wie polierter Marmor, und ihre Augen von solch einer Tiefe, dass sie dem unermesslichen Ozean glichen, den ich einst in fernen Landen erblickt hatte.
Und sie sah mich. Nicht mit Angst. Nicht mit Verwunderung.
Nein, mit einem Lächeln.
Ein Lächeln, das mich traf wie der Pfeil eines Meisterschützen, direkt ins Herz.
Lange folgte ich dem Titanen, sah die glitzernden Wasserfälle, die sich von seinen Schultern ergossen, die prächtige Stadt, die wie ein leuchtendes Juwel auf seinem Rücken ruhte.
Doch meine Gedanken waren nicht mehr beim Titanen.
Sie weilten bei ihr.
Der Tag verging, und mit ihm schwand meine Hoffnung, die Barriere je zu durchdringen. Ich wusste, dass die Stadt mir auf ewig verschlossen bleiben würde. Doch was mich heimsuchte, war nicht die unerreichbare Stadt.
Es war ihr Lächeln.
Noch viele Monde darauf, in stillen Stunden, in den Schatten der Nacht und den fernen Träumen, sah ich ihr Gesicht. Und ich wusste, dass ich sie wiederfinden musste.
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Die Erkenntnis traf Leyla wie ein Blitz, und mit ihr explodierte pure Begeisterung in ihrer Brust.
„Du bist eine Sonnensängerin, oder?!“ rief sie, ihre Stimme bebte vor Aufregung.
Sonnensänger. Das geheimnisvolle Volk, das auf dem Rücken des Urtitanen Glike lebte. Über sie gab es kaum Berichte, kaum Legenden, kaum Wissen. Sie blieben in der Regel für sich, abgeschottet von der Welt, unerreichbar für jeden, der nicht zu ihnen gehörte. Niemand, der nicht selbst ein Sonnensänger war, konnte Alkyre betreten – oder verlassen.
Cyntha kicherte und legte einen Finger an die Lippen. „Ganz richtig! Aber pssst! Behalte das für dich! Yang will nicht, dass jemand zu viel über mich weiß!“
Yang? Natürlich. Wenn sie angeordnet hatte, dass nichts über Cyntha an die Öffentlichkeit dringen durfte, dann war es kein Wunder, dass selbst innerhalb der Kopfgeldjäger kaum etwas über sie bekannt war.
Leyla platzte fast vor Neugier. Sie hatte so viele Fragen.
„Wie ist es so, in Alkyre zu leben?“ fragte sie mit großen Augen.
Cyntha schien kurz zu überlegen, dann breitete sie mit strahlendem Lächeln die Arme aus. „Das würde ich dir so gerne erzählen! Aber... wir haben leider keine Zeit mehr!“
Sie deutete nach unten. Leylas Blick folgte ihrer Geste – und ihr Atem stockte.
Das unendliche Blau des Ozeans erstreckte sich unter ihnen, eine spiegelnde Wasserwüste, durchzogen von kleinen Inseln, die wie verstreute Juwelen darin lagen. Einige waren winzig, kaum mehr als aus dem Wasser ragende Felsen, andere größer, mit dichten Wäldern und weißen Sandstränden.
Doch eine Insel war anders. Eine gewaltige Hafenstadt breitete sich an ihrer Küste aus, ihre Straßen und Gebäude wirkten von oben wie ein Mosaik aus Farben. Tripolis.
Aber es war nicht die Stadt, die Leyla in ihren Bann zog. Es war der Berg.
Neben der Stadt ragte er in den Himmel – nicht bloß ein Berg, sondern ein Titan. Sein schneeweißer Gipfel durchbrach die Wolken, sein massiver Leib schien die Welt in zwei Hälften zu teilen. Der Schatten, den er auf das Meer warf, war so gewaltig, dass er einen Teil der Insel in Dunkelheit tauchte.
Der Kilassahara — der höchste Berg der Welt.
Leyla hatte sich so sehr in das Gespräch mit Cyntha verloren, dass sie ihn gar nicht bemerkt hatte. Nun, da er sich ihr offenbarte, konnte sie nicht anders, als ihn mit ehrfürchtigem Staunen anzusehen.
Doch genau in diesem Moment – ein harter Stoß in ihren Rücken. Bevor sie auch nur begreifen konnte, was geschah, wurde ihr der Boden unter den Füßen entrissen. Die Welt drehte sich.
Sie fiel.
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Während sie wie eine Sternschnuppe durch den Himmel raste, hörte Leyla Cynthas Stimme über sich, getragen vom Wind.
„Yang meinte, ich soll dich abwerfen, du würdest es schon schaffen!“
Der Boden kam rasend schnell näher, die Luft pfiff in ihren Ohren, und der schwarze Punkt, der der Drache gewesen war, wurde immer kleiner. Sie war zu weit vom Kilassahara entfernt, um die steilen Felswände mit ihrer Magie zu erfassen. Unter ihr erstreckte sich nur dichter Wald – eine tödliche Falle, wenn sie ungebremst aufprallen würde.
Panik drohte sich in ihr auszubreiten. Sie konnte nur Erdmagie nutzen – und in der Luft war sie wertlos.
,,Denk nach, denk nach!’’
Der Boden war nur noch Sekunden entfernt. Ihr Herz schlug gegen ihre Rippen wie ein gefangenes Tier. Sie hatte keine Möglichkeit, ihre Geschwindigkeit zu verringern, keine Chance, dem unausweichlichen Aufprall zu entkommen.
Und dann—
—KWAMM—
Eine gewaltige Detonation erschütterte den Wald. Die Erde riss auf, Steine und Staub explodierten in alle Richtungen, als ob der Boden selbst versuchte, sie zu verschlingen, statt sie zu zerschmettern. Leyla spürte den brutalen Einschlag, fühlte, wie ihr ganzer Körper von der Wucht des Aufpralls durchgerüttelt wurde.
Sie lag am Boden. Schmerzen durchzogen ihre Glieder, doch sie war am Leben.
Sie öffnete vorsichtig die Augen. Über ihr erstreckte sich eine metertiefe Grube, ihr eigenes Kratergrab. Sie bewegte ihre Finger, dann ihre Arme, schließlich ihre Beine.
Nichts gebrochen.
Sie keuchte und ließ den Kopf zurückfallen, während die Erkenntnis langsam zu ihr durchdrang. Die Erde hatte den größten Teil der Energie aufgenommen. Ihre Magie, oder besser gesagt der Runenstein, hatte den Aufprall abgeschwächt, indem sie die Erde unter ihr erweicht und sich um sie gelegt hatte, als sie einschlug.
„Yang wusste also, dass das passiert?“ murmelte sie fluchend.
Natürlich wusste sie es. Yang schien ihre Stärke genau zu kennen. Sie wusste, dass Leyla überleben würde. Aber musste es wirklich auf diese Art sein?
Sie stöhnte, richtete sich mühsam auf und rief eine Steinsäule, die sie aus dem Krater hob. Als sie schließlich wieder auf festem Boden stand, musterte sie das, was von dem Wald übrig war.
Die Szenerie war verheerend.
Bäume lagen wie achtlos hingeworfene Zahnstocher kreuz und quer, ihre Stämme zersplittert. Der weiche Waldboden war verschwunden, begraben unter einer dicken Schicht aus aufgewirbeltem Staub und Trümmern.
„Das hätte doch sicher auch anders gehen können…“ brummte Leyla.
Dann wandte sie den Blick nach vorne.
Am Horizont, einige Kilometer entfernt, erstreckte sich eine Stadt am glitzernden Meer – ein pulsierendes Handelszentrum, eine Metropole voller Möglichkeiten, Gefahren und Geheimnisse.
Tripolis.



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