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Kapitel 108 - Der Sturm auf Randurin beginnt

1. März 2025
7 Min. Lesezeit

Ralf ließ seinen Blick über Jakira schweifen. Die Schattenläuferin wirkte heute… anders. Zufriedener, ausgeglichener – als hätte sie etwas gefunden, das ihr Ruhe schenkte. Er wusste, dass sie die Nacht bei Liam verbracht hatte. Es war ihm nicht entgangen, wie sie am Morgen mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln auf den Lippen aus seinem Zimmer getreten war.


Er sagte nichts. Würde es niemals ansprechen.


Alles, was Liam half, war für ihn eine Sache, die er befürwortete. Er hatte sich geschworen, seinem Boss zu folgen, ihn zu unterstützen, egal was passierte. Doch es bedeutete nicht, dass es nicht wehtat.


Er verdrängte das Stechen in seiner Brust und richtete seine volle Aufmerksamkeit auf ihre Mission.


Sie hatten es ohne Zwischenfälle durch die Tore Randurins geschafft. Nun standen er, Jakira und die Ogerbrüder Kroll und Gnosch in einer schmalen Gasse, nur eine Straße vom Ministerium entfernt – dem Gebäude, in dem sich Herzog Will de Randurin tagsüber aufhielt.


Ralf lehnte sich gegen die vereiste Wand eines Lagerhauses und spähte vorsichtig um die Ecke. Sein Blick fiel auf den Hinterhof des Ministeriums. Die Wachen waren erwartungsgemäß gut aufgestellt.


Er musterte die Soldaten und begann, leise zu zählen.


„Acht Fußsoldaten im Hinterhof, vier Armbrustschützen hinter den Schießscharten“, murmelte er mehr zu sich selbst als zu den anderen.


Eine direkte Konfrontation wäre dumm. Er war ein fähiger Kämpfer, aber nicht auf dem Level von Jakira, Liam oder gar Nidhogg. Er musste klug vorgehen.


Sein Blick wanderte zu Kroll und Gnosch. Die beiden Oger waren Muskelberge, kaum in Rüstungen zu zwängen, aber wenn es darum ging, eine Ablenkung zu schaffen, gab es niemanden Besseren.


„Kroll, Gnosch, kommt mal her“, rief er ihnen leise zu.


Die Brüder traten näher, ihre massiven Körper wirkten in der engen Gasse noch furchteinflößender.


,,Ja, Ralf?’’


,,Ja, Unterboss?’’


Er zeigte auf die Wachen im Hinterhof. „Meint ihr, ihr könnt sie lange genug beschäftigen?“


Die Oger grinsten breit, Zähne, die zu groß für ihre Münder schienen, blitzten im schwachen Licht auf.


„Leicht“, brummte Kroll.


„Ich kann’s kaum erwarten“, fügte Gnosch hinzu, während er seine massiven Finger knacken ließ.


Ralf nickte zufrieden, dann wandte er sich an Jakira. Bei ihr musste er nicht erst fragen.


„Jakira, du kommst mit mir“, flüsterte er und trat näher an sie heran.


Sie hob eine Augenbraue, ihre Augen funkelten neugierig. „Und was hast du vor, Stratege?“


Er ließ seinen Blick nach oben wandern, zu den kleinen, schmalen Fensteröffnungen der Wachtürme, hinter denen sich die Armbrustschützen positioniert hatten.


„Du kannst doch mit den Schatten verschmelzen, oder?“ fragte er, obwohl er die Antwort längst kannte.


Jakira lächelte. „Was glaubst du denn? Ich bin eine Schattenläuferin.“


Er erwiderte ihr Lächeln nicht. „Ich werde die Schützen blenden. Sobald sie nichts mehr sehen können, erledigst du sie.“


„Hm“, machte Jakira nachdenklich. „Das klingt nach Spaß.“


Noch bevor er reagieren konnte, war sie bereits in Bewegung. Sie trat lautlos in den Schatten einer gefrorenen Hauswand – und verschwand.


Ralf beobachtete, wie ihre Silhouette im Nichts aufging. Kein Flüstern, kein Geräusch. Sie war ein Geist.


Er holte tief Luft. Jetzt war er dran.


Die Oger betraten den Hinterhof, und wie erwartet zogen sie sofort die Aufmerksamkeit der Wachen auf sich. Ein Alarmruf ertönte, Schwerter wurden gezückt, die Fußsoldaten formierten sich.


Das war sein Moment.


Ralf streckte seine Hände aus, sammelte die Magie in seinen Fingerspitzen. Sein Licht war keine zerstörerische Kraft, nicht so wie Feuer oder Blitze, aber sie konnte seine Feinde blenden.


„Komm schon, Ralf“, murmelte er sich selbst zu. „Du darfst den Boss nicht enttäuschen.“



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Liam, Nidhogg und Locart stiegen die engen, in den Fels gehauenen Treppen hinab, die tief in die uralten Katakomben der Festungsstadt führten. Der Geruch von feuchtem Stein und die abgestandene Luft lag schwer, während schummrigen Fackeln an den Wänden schwach flackerten. Die Schatten tanzten um sie herum wie geisterhafte Wesen, die in den Ecken lauerten.


Liam hielt sich an die Baupläne, die ihm Prinzessin Nara zugespielt hatte. Ohne diese Karten hätten sie sich in diesem unterirdischen Labyrinth hoffnungslos verirrt. Randurin war eine Festung, die darauf ausgelegt war, unerwünschte Besucher zu verschlingen. Jeder Tunnel konnte in eine Falle führen, jede Abzweigung in eine Sackgasse.


„Von hier aus… nach rechts…“ murmelte er und führte die Gruppe durch die verworrenen Gänge.


Liams Gedanken kreisten um die Boz. Wer würde die Waffe bewachen? Selbst wenn Jasmin, seine stärkste Gegnerin, nicht hier war, wäre es töricht anzunehmen, dass die Aufgabe leicht sein würde. Der Herzog war nicht dumm – er würde sein größtes Gut nicht ungeschützt lassen.


Immer weiter führte ihr Weg sie nach unten. Die Stufen unter ihren Füßen waren glattgetreten von Jahrhunderten der Nutzung, und die Wände trugen die Spuren zahlloser Hände, die einst durch diese Tunnel gewandert waren. Das Knistern einer fernen Fackel hallte in der Stille wider, und irgendwo in der Dunkelheit tropfte Wasser auf den Steinboden.


Dann hielt Liam abrupt an.


Sie standen vor einer unscheinbaren Wand – sie sah aus wie jede andere in diesem endlosen Gewirr aus Korridoren und Kammern.


Locart trat näher, strich mit den Fingern über die kalte Oberfläche. „Das hier soll der Eingang sein?“ fragte er skeptisch.


Liam nickte. „Ja, ganz sicher. Hinter dieser Wand liegt das Verlies der Herzogsburg. Wenn wir hier durchkommen, sind wir nur noch einige Stockwerke von der Boz entfernt.“


Er überlegte gerade, wie sie die Mauer leise und effizient überwinden konnten, als plötzlich—


—BAMM—


Ein ohrenbetäubender Knall riss ihn aus seinen Gedanken, als eine gewaltige Explosion den Gang erschütterte. Glühende Flammen schossen durch den Tunnel, versengten Liams Augenbrauen und füllten die Luft mit brennendem Staub. Die Druckwelle schleuderte ihn einen Schritt zurück, während lose Steine aus den Wänden brachen und scheppernd auf den Boden fielen.


Liam riss die Arme vors Gesicht, hustete und blinzelte durch die dichte Rauchwolke. Er spürte die Hitze noch immer auf seiner Haut brennen, während sich der Staub langsam legte.


„Nidhogg?!“ schrie er ungläubig.


Der Vishap stand mitten in den Trümmern der einst soliden Wand, seine verbrannte Hand noch immer ausgestreckt. Glühende Asche umhüllte ihn wie ein Inferno, seine Schuppen war versengt, doch sein Gesicht zeigte nicht den Hauch von Schmerz – nur pures Entzücken.


Seine Lippen verzogen sich zu einem manischen Grinsen, als er mit tiefer, inbrünstiger Stimme sprach:


„Oh großer Kaen, leite mich auf meinem Weg… entzünde meine Flammen… sodass ich den Tempel Cassiels niederbrennen kann.“


Liam presste die Kiefer zusammen, unterdrückte den Drang, Nidhogg für seine Dummheit niederzuschlagen. Er hasste diesen Fanatiker. Hasste ihn für seine Unberechenbarkeit, für seine Besessenheit, für seine kranke Faszination für Feuer und Zerstörung.


Doch bevor er eine spitze Bemerkung machen konnte, erklang Locarts Stimme aus der Dunkelheit hinter den Trümmern.


„Kommt ihr?“ rief er in seiner üblichen, fast gelangweilten Stimme. Er war bereits ins Verlies geschlichen, als ob die Explosion nur eine Nebensächlichkeit gewesen wäre.


Nidhogg lachte tief in seiner Kehle, trat zufrieden durch die rauchenden Überreste der Mauer und ließ seine verbrannte Hand dabei achtlos hängen – als wäre das Fleisch, das sich in schwarzen Fetzen von seinen Knochen löste, ein Opfer, das er freudig für seinen Glauben erbracht hatte.


Liam ballte die Fäuste, unterdrückte seine Wut und trat ebenfalls durch die Trümmer. Er hatte keine andere Wahl.


Wenn er die Boz wollte, musste er sich mit diesem Monster verbünden – zumindest für jetzt.



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Claurian huschte mit flinken, beinahe lautlosen Bewegungen durch die gefrorenen Straßen Randurins. Der eisige Wind zerrte an ihrem Mantel, ließ ihre schneeweißen Haare wild flattern, während ihre scharfen Augen die Umgebung durchdrangen. Jede Faser ihres Körpers war angespannt, jede Bewegung präzise.


Ihre Finger krallten sich fester um die verzierten Griffe ihrer beiden Säbel, das Metall fühlte sich kalt und vertraut an. Wo war sie? Jasmin musste hier irgendwo sein. Claurian hatte bereits die Kirche des Kamerismus überprüft, das Ministerium und sogar die Herzogsburg – doch nirgends hatte sie die Frau mit den weißen Flügeln gefunden.


Oder hatte sie sie etwa übersehen?


Dann – ein flüchtiger Blick zur Seite, ein Funken der Erkenntnis.


In einer unscheinbaren Ecke der Stadt, vor einem kleinen Fischrestaurant, saß eine Frau an einem hölzernen Tisch. Schwarze Haare, weiß gefaltete Flügel. Jasmin. Seelenruhig, in aller Ruhe speisend, als wäre nichts in der Welt von Bedeutung.


Claurian zögerte nicht. Mit einer blitzschnellen Bewegung riss sie ihren Arm gen Himmel, eine knisternde Kugel aus Elektrizität formte sich in ihrer Handfläche. Einen Moment lang ließ sie die Spannung in der Luft vibrieren, dann schoss sie den Kugelblitz hoch über die Häuserdächer.


—BOOM!—


Ein grelles Licht explodierte am Himmel wie eine zweite Sonne. Das Signal war gegeben. Die Halbriesen würden wissen, dass sie Jasmin gefunden hatte.


Ohne einen weiteren Moment zu verschwenden, stürzte sie auf Jasmin zu. Ihre Schritte waren federleicht, der Schnee unter ihr gab kaum einen Laut von sich. In einer flüssigen Bewegung ließ sie ihre Klingen tanzen – der rechte Säbel raste auf die gefalteten Flügel zu, während der linke mit tödlicher Präzision direkt in Jasmins Brust stach.


Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es so einfach sein würde. Sie hatte nicht geglaubt, dass Jasmin unvorbereitet sein könnte.


Doch dann – der Widerstand.


Ein Schock fuhr durch Claurian, als sie spürte, wie das Metall tief in Fleisch und Knochen drang. Dunkles, warmes Blut spritzte hervor, färbte den weißen Schnee in ein tiefes, sattes Rot. Ein heiseres Keuchen entwich Jasmins Lippen, ihr Körper sackte leicht zur Seite, ihre Hände zuckten – ungläubig, als ob sie selbst nicht begreifen konnte, was gerade geschehen war.


,,Claurian, wir kommen!’’ 


Die lauten Rufe hallten durch die Straßen, als die vier Halbriesen um eine Ecke gestürmt kamen. Ihre gewaltigen Waffen – schwarze Streitäxte und massive Kriegshämmer – blitzten im kalten Licht auf, während sie sich zu ihr gesellten.


Sie hielten einen Moment inne, musterten die gefallene Jasmin. Ihre Brust hob und senkte sich flach, ihre dunklen Augen waren halb geschlossen, während ihr Blut weiterhin auf das Pflaster tropfte.


„Verdammt“, murmelte einer der Halbriesen, sein Blick eine Mischung aus Überraschung und Ehrfurcht. „Du bist der Wahnsinn, Claurian.“


Claurian öffnete gerade den Mund, um etwas zu erwidern – da geschah es.


Ein Licht, heller als tausend Sonnen, brach aus Jasmins Körper hervor.


Claurian riss die Arme vor ihr Gesicht, um nicht geblendet zu werden, während ein heiliger Glanz die gesamte Straße überflutete. Eine gewaltige, brennende Aura flammte auf – unheilvoll, göttlich, erbarmungslos.


Als Claurian wieder blinzeln konnte, sah sie Jasmin. Nicht am Boden, nicht sterbend – sondern schwebend in der Luft.


Ihre Wunden waren verschwunden, jede Spur von Verletzung ausgelöscht, als hätte sie nie geblutet. In ihrer rechten Hand hielt sie nun einen gewaltiges Schwert, dessen Klinge mit hellem Licht getränkt war.


Dann öffnete sie die Lippen, und ihre Stimme hallte über die Stadt:


„Im Namen Kameras verurteile ich euch Ungläubigen zum Tode!“


Mit einem mächtigen Flügelschlag stürzte sie sich auf Claurian und die Halbriesen herab – eine lebendige Kriegerin des göttlichen Zorns.

 
 
 

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