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Kapitel 109 - Vierzig Tote im Schnee

Aktualisiert: 2. März 2025

Gnosch ließ seinen Blick über die acht Soldaten wandern, die sich mit gezogenen Klingen vor ihm aufstellten.


Menschen in schweren Eisenrüstungen, bewaffnet mit Schwertern – doch für ihn waren sie nichts weiter als kümmerliche Hindernisse. Menschen halt. Er schnaubte amüsiert, während er seine Keule hob. Die Nägel, die aus dem Holz ragten, funkelten im fahlen Licht.


„Kommt doch, kämpft! Kämpft!“ brüllte er ihnen entgegen, während er sich in Bewegung setzte. Seine gewaltigen Schritte ließen den Boden erbeben.


Neben ihm bewegte sich Kroll, sein Bruder – ruhig, kontrolliert. Ein Kontrast zu Gnoschs tobender Wut. Kroll kämpfte wie ein Jäger, berechnend und mit tödlicher Präzision. Gnosch hingegen war ein Sturm, der alles niederwalzte, das sich ihm in den Weg stellte.


Mit einem dröhnenden Lachen ließ er seine Keule auf den ersten Soldaten niedersausen.


—KRAK—


Knochen barsten, der Schädel des Mannes wurde in einer grotesken Explosion aus Blut und Splittern zertrümmert. Die Wucht des Schlags ließ den leblosen Körper nach hinten taumeln, wo er wie eine zerbrochene Holzpuppe zusammenbrach.


Die drei verbliebenen Soldaten, die ihm gegenüberstanden, erstarrten für einen Moment. Der Jüngste unter ihnen – ein blasser Junge, kaum älter als vierzehn – trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Sein Griff um das Schwert war zittrig, seine Augen weit aufgerissen vor blanker Angst.


Ein Kind.


Gnosch grinste breit, das Adrenalin rauschte durch seine Adern.


„Na, Jungchen? Hast wohl Pech gehabt!“ donnerte er und setzte zum Sturmangriff an.


Einer der Soldaten versuchte, sich zwischen ihn und den Jungen zu schieben, doch Gnosch rammte ihm kurzerhand seine Faust in die Seite. Der Mann wurde mit einem unterdrückten Keuchen zur Seite geschleudert, als hätte ihn ein Pferd mit voller Wucht getreten.


Der Junge stand nun völlig schutzlos vor ihm.


Gnosch hob seine Keule und ließ sie mit brutaler Kraft niedersausen.


—BANG—


Der Aufprall ließ die Luft vibrieren. Der metallene Klang des Plattenharnischs, der unter der Wucht des Schlags nachgab, hallte über den ganzen Hinterhof. Der Junge wurde förmlich aus seinen Stiefeln gerissen, Blut spritzte aus seinem Mund, als er mit voller Wucht gegen die steinerne Wand des Ministeriums geschleudert wurde.


Sein Körper prallte ab und blieb reglos im Schnee liegen.


Doch dann, noch bevor Gnosch sich seinem nächsten Opfer zuwenden konnte, durchschnitt ein neuer Laut das Schlachtgetümmel.


—BUDOOOOO—


Ein Hornstoß, tief und durchdringend, hallte über die Mauern Randurins hinweg. Ein Signal.


Die Verstärkung kam.



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Kroll und Gnosch wurden in einem Ogerstamm nahe Schneeburg im Herzogtum Kartaffel geboren, der letzten Hochburg ihres Volkes auf dem Kontinent. Schon früh zeichnete sich ab, dass die beiden Brüder selbst für Oger außergewöhnlich Kräftig waren – größer, stärker und furchtloser als die meisten ihrer Artgenossen. Bereits als Kinder nahmen sie an Jagden und Stammesfehden teil, getrieben von einem unbändigen Kampfgeist und einem unerschütterlichen Willen, sich zu beweisen.


Gnosch war eine unaufhaltsame Lawine auf dem Schlachtfeld. Mit wilder Entschlossenheit und roher Gewalt mähte er alles nieder, was sich ihm in den Weg stellte, ohne Rücksicht auf sich selbst. Verletzungen waren für ihn nichts weiter als Erinnerungen an vergangene Kämpfe, Narben Trophäen auf seiner Haut. 


Doch genau diese Rücksichtslosigkeit brachte ihn immer wieder an den Rand des Todes – nach jedem Gefecht musste er von den Schamanen des Stammes notdürftig zusammengeflickt werden, nur um beim nächsten Kampf noch erbarmungsloser zuzuschlagen.


Kroll hingegen war sein Gegenstück. Er besaß die gleiche rohe Kraft wie sein Bruder, doch anstatt sich kopfüber in die Schlacht zu stürzen, kämpfte er mit Bedacht. Sein scharfer Verstand machte ihn zu einem Jäger, der die Schwächen seiner Gegner analysierte, bevor er zuschlug. 


Während Gnosch zerstörte, beobachtete Kroll. Während Gnosch tobte, blieb Kroll ruhig. Gemeinsam wurden sie zur Legende unter den Ogern, gefürchtet und bewundert gleichermaßen – unaufhaltsame Krieger, die wie die letzten Bollwerke einer sterbenden Ära wirkten.


Doch eines Tages wurde ebendiese Ära mit einem einzigen Befehl des Kaisers ausgelöscht.


Kaiser Tavil IV, besessen von seiner Vision eines reinen Kaiserreichs ohne Oger, Schattenläufer oder Lupiden, ließ die Kaiserliche Armee ausschwärmen, um den letzten Ogerstämmen den Garaus zu machen. Die Feuer der Menschen brannten hell in den Dörfern des Nordens, das Blut der Oger färbte den Schnee rot. Die ersten Siedlungen fielen innerhalb weniger Tage, und als die Kunde vom Massaker die Brüder erreichte, zögerten sie keinen Moment.


Mit ihren Waffen in der Hand wollten sie losziehen, sich der Übermacht der kaiserlichen Truppen entgegenstellen. Sie wussten, dass es aussichtslos war. Sie wussten, dass es ihr Tod sein würde. Doch sie waren bereit – lieber wollten sie im Kampf fallen, als ihre Heimat kampflos aufzugeben.


Doch der Älteste ihres Dorfes, Jork, hatte andere Pläne. Er sah in ihnen mehr als nur Krieger. Er sah Hoffnung. Und so überredete er sie, vor dem Aufbruch noch einmal mit ihm zu speisen – ein letztes Mahl, um ihre Stärke zu ehren.


In den schweren Becher Met, den er ihnen reichte, mischte er ein mächtiges Schlafmittel. Sie bemerkten nichts und als sie erwachten, war es bereits zu spät.


Das Dorf, das sie beschützen wollten, war niedergebrannt. Die Oger, ihre Brüder und Schwestern, waren tot. Die Stämme, die seit Jahrhunderten im Schnee von Kartaffel überlebt hatten, existierten nicht mehr.


Gnosch tobte vor Wut, wollte sich sofort auf den Weg zur Kaiserstadt machen, wollte alles niederbrennen, das den Menschen gehörte. Doch Kroll hielt ihn zurück. Jetzt blindlings zuzuschlagen würde nichts ändern. Sie mussten warten. Sie mussten einen Plan haben.


Und so verharrten sie in den Schatten der Welt, gezwungen, sich zu verstecken, während das Kaiserreich weiter bestand.


Die Jahre vergingen. Kaiser Tavil IV starb, ersetzt durch seinen Sohn. Das Blutvergießen geriet in Vergessenheit, und langsam begann sich die Einstellung der Menschen zu ändern. Doch für Kroll und Gnosch war nichts vergessen.


Sie zogen nach Schneeburg, verbargen ihre Identität so gut sie konnten und verdingten sich als Söldner. Sie warteten. Auf den richtigen Moment. Auf die richtige Gelegenheit.


Dann, eines Tages, betraten drei Fremde die Stadt. Ein Elf mit durchdringenden Augen, ein Vishap mit schwarzen Schuppen und ein Mensch, der ruhig und berechnend wirkte.


Der Elf kam direkt auf sie zu, stellte sich als Liam vor – und erzählte ihnen von seinem Plan.


Er wollte Randurin einnehmen. Einen Aufstand entfachen. Das Kaiserreich zum Einsturz bringen.


Kroll und Gnosch mussten nicht lange überlegen. Es spielte keine Rolle, ob dieser Plan Aussicht auf Erfolg hatte. Es spielte keine Rolle, ob es Wahnsinn war. Alles, was zählte, war die eine Chance, die sie ihr ganzes Leben lang gesucht hatten.


Die Chance auf Rache.



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Die engen Gassen Randurins bebten unter den schweren Stiefeln der heranrückenden Soldaten. Von allen Seiten strömten sie herbei, ein endlos scheinender Strom aus stählernen Rüstungen und gezogenen Schwertern. Ihre Gesichter waren entschlossen, ihre Bewegungen koordiniert – sie wussten, dass sie zahlenmäßig überlegen waren. Viele Krieger hatten sich bereits versammelt, und es wurden immer mehr.


Kroll ließ seinen Blick über die Reihen gleiten, zählte die Feinde. Zwanzig, dreißig, vierzig… schließlich über fünfzig. Zu viele für einen offenen Kampf, selbst für ihn und Gnosch. Neben ihm lagen die leblosen Körper der vier Soldaten, die er bereits niedergerungen hatte. 


Ihre Waffen, nutzlos aus ihren Fingern geglitten, spiegelten das fahle Licht der Straßenlaternen wider. Ein paar Schritte entfernt stand sein Bruder Gnosch, ebenfalls über vier Toten – seine Keule war blutverschmiert, und sein Brustkorb hob und senkte sich schwer vor Erregung.


Kroll wollte ihm gerade etwas zurufen, als plötzlich hinter ihnen das große Tor aufschwang.


Ralf trat hervor, an seiner Seite Jakira, die lautlos wie ein Schatten neben ihm stand. Seine Augen ruhten auf den anrückenden Soldaten, dann auf Kroll.


„Kroll, du kommst mit uns. Wir werden den Herzog finden“, befahl er mit ruhiger, aber eindringlicher Stimme. Ein Hauch von Besorgnis schwang in seinen Worten mit.


Kroll öffnete den Mund, wollte widersprechen – wollte bei seinem Bruder bleiben. Doch bevor er etwas sagen konnte, fiel sein Blick auf Gnosch. Sein Bruder grinste breit, seine Zähne funkelten im Halbdunkel. Er lebte für diesen Moment. Für den Kampf, für das Chaos, für rohe Gewalt.


Gnosch nickte, sein Grinsen wurde noch breiter. „Wie du willst, kleiner Bruder.“


Es war kein Abschied, kein langes Zögern – nur ein letzter Blick, ein stilles Verständnis zwischen den beiden. Eine stumme Anerkennung der Tatsache, dass jeder seinen eigenen Kampf zu führen hatte.


Dann trat Kroll durch das Tor, und mit einem dröhnenden Knall fiel es hinter ihm ins Schloss.



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Gnosch drehte sich um, ließ seine mächtigen Schultern kreisen und schwang die blutverschmierte Keule durch die kalte Luft. Die Soldaten zögerten, als sie den riesenhaften Oger betrachteten, der sich ihnen allein entgegenstellte. Ein Berg aus Muskeln und Wut, bereit, sie in Stücke zu schlagen. Doch dann, nach einem kurzen Moment der Unsicherheit, setzten sich die ersten in Bewegung.


„Na los“, knurrte Gnosch mit einem breiten, zähnefletschenden Grinsen. Seine Augen loderten vor Blutlust. „Wer will als Erster?“


Ohne zu warten, stürmte er los. Der erste Soldat hatte nicht einmal Zeit, sein Schwert zu heben, bevor Gnoschs Keule ihn mit der Wucht eines Bergrutsches erfasste. Sein Körper wurde durch die Luft geschleudert, krachte gegen zwei seiner Kameraden und riss sie mit zu Boden. 


Bevor sie sich wieder aufrappeln konnten, sprang Gnosch über sie hinweg, packte den nächstbesten Gegner mit seiner gewaltigen Pranke am Kopf und drückte zu. Der Helm des Mannes beulte nach innen, Blut und Hirnmasse quollen hervor, während ein entsetzlicher Laut aus dem sich verformenden Stahl drang. Gnosch ließ die leblose Hülle achtlos fallen und riss seine Keule herum, um den nächsten Feind zu zerschmettern.


Er war in seinem Element. Ein wandelnder Albtraum aus Muskeln, Stahl und Blut. Jeder Schlag seiner Keule hinterließ gebrochene Körper, jeder Tritt schleuderte Feinde durch die Luft, und wenn sich ihm jemand zu nahe wagte, verbiss er sich mit seinen scharfen Reißzähnen in Rüstungen, Fleisch und Knochen. Die Soldaten wichen zurück, doch es half ihnen nichts. Gnosch fegte durch ihre Reihen, ein Sturm aus roher Gewalt und unbändigem Zorn.


Er spürte nicht, wie Schwerter und Speere in sein Fleisch schnitten. Spürte nicht, wie Pfeile in seine Arme und Beine drangen. Blut rann in dicken Strömen aus seinen Wunden, mischte sich mit dem seiner Feinde und färbte den vereisten Boden rot. Doch er kämpfte weiter. Walzte durch ihre Reihen, ließ seine Keule niedersausen, brach Glieder, zerschmetterte Helme, zertrümmerte Rippen. Doch egal wie viele er tötete, es kamen immer mehr.


Er wusste, dass seine Kräfte schwanden. Sein Atem wurde schwerer, seine Arme fühlten sich an, als würde Blei in seinen Muskeln ruhen. Doch er hielt durch. Er musste durchhalten. Jede Sekunde, die er die Soldaten aufhielt, war eine Sekunde mehr für Ralf, für Jakira, für seinen Bruder. Das war alles, was zählte.


„Ist das alles, was ihr draufhabt?“ brüllte er, spuckte Blut aus und grinste höhnisch. Sein ganzer Körper war ein Schlachtfeld, doch seine Entschlossenheit weiter ungebrochen.


Sie kämpften weiter. Immer mehr Soldaten stürzten sich auf ihn, schienen ihn unter ihrer Masse erdrücken zu wollen. Doch er kämpfte, brüllte, hieb um sich, riss weitere kaiserliche mit sich in den Tod.


Schließlich, mit letzter Kraft, hob Gnosch seine Keule ein letztes Mal und ließ sie auf einen Gegner niederdonnern. Der Boden bebte, Holz splitterte, Knochen brachen.


Dann sanken seine Knie langsam auf den Boden. Seine Kraft verließ ihn, seine Atemzüge wurden flacher. Er spürte den kalten Schnee unter sich, das warme Blut auf seiner Haut. Um ihn herum lagen die Leichen seiner Feinde, der Hinterhof war zu einem blutigen Massengrab geworden.


Gnosch hörte Stimmen, doch sie klangen fern, verzerrt, als kämen sie aus einer anderen Welt.


[???] „Was für ein fürchterlicher Oger… er hat allein mehr als vierzig Soldaten getötet…“


Ein zufriedenes Grunzen entwich Gnoschs Kehle. Vierzig. Eine gute Zahl.


Mit einem letzten, tiefen Atemzug ließ er den Kopf nach vorne sinken – und wurde von der Dunkelheit umfangen.

 
 
 

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