Kapitel 11 - Das Monster namens Maegnar
- empirewebnovel
- 28. Aug. 2024
- 12 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 6 Tagen

Liam spürte, wie seine Kehle enger wurde. Der Name der Pflanze allein genügte.
Alles in ihm schrie plötzlich danach, einfach zu verschwinden. Weg von Ramir, weg von dieser Region, weg von allem, was mit diesem Ort verbunden war.
Er kannte dieses Dorf. Er war bereits hier gewesen.
Und genau deshalb breitete sich nun dieses Gefühl in seiner Brust aus – schwer und kalt, wie etwas, das man lange vergraben hatte und das sich trotzdem noch bewegte.
„Liam…?"
Leylas Stimme war leiser geworden. Vorsichtiger. Sie musterte ihn aufmerksam und schien sofort zu bemerken, dass sich seine Stimmung schlagartig verändert hatte.
„Du machst mir gerade wirklich Angst. Stimmt irgendetwas nicht?"
Doch Liam antwortete nicht.
Seine Gedanken rasten bereits weiter. Hatte man ihm eine Falle gestellt? War das wirklich Zufall? Oder wusste ,er’ inzwischen, dass Liam wieder in dieser Gegend unterwegs war? Die bloße Möglichkeit reichte aus, um alte Erinnerungen in ihm wachzurufen – Bilder, die er längst hinter sich gelassen zu haben glaubte.
„Antworte doch, Liam. Wenn du nicht…"
„Von wem hast du diesen Auftrag?" Seine Stimme schnitt härter durch die Luft, als er es beabsichtigt hatte. Sofort zuckte Leyla leicht zusammen. Ihre Reaktion traf ihn direkt. Für einen kurzen Moment sah sie ihn tatsächlich verängstigt an.
„Es… es ist kein Auftrag", stammelte sie hastig. „Das alte Ehepaar aus dem Kräuterladen hat nur darüber geredet, dass sie Varellen brauchen, und ich dachte mir einfach, dass ich ihnen helfen könnte…"
Liam schwieg. Er betrachtete Leyla aufmerksam. Sie wirkte ehrlich verwirrt und inzwischen auch deutlich eingeschüchtert. Sie war einfach nur eine Frau, die jemandem hatte helfen wollen.
Langsam atmete er tief durch. In seinem Inneren tobte noch immer ein Sturm aus Misstrauen und Erinnerungen, doch Leyla durfte davon nichts mitbekommen. Sie hatte nichts damit zu tun.
Als er wieder sprach, klang seine Stimme kontrollierter. Ruhiger.
„Wenn das kein richtiger Auftrag ist", sagte er schließlich, „dann sollten wir die Sache besser ignorieren."
Doch Leyla ließ sich davon nicht überzeugen.
Sie trat einen kleinen Schritt näher und sah ihn ernst an. „Warum? Ich würde ihnen wirklich gern helfen. Und wenn du mir keinen vernünftigen Grund nennst, warum wir das nicht tun sollten, gehe ich eben alleine."
Liam schluckte.
Mittlerweile kannte er Leyla gut genug, um zu wissen, dass sie das ernst meinte. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ sie sich kaum davon abbringen. Und der Gedanke, sie alleine dorthin gehen zu lassen, war vollkommen ausgeschlossen.
Mehrere Sekunden lang herrschte Stille. Der Wind rauschte leise durch die Baumwipfel, während Liam schweigend auf den Boden blickte. Dann stieß er langsam die Luft aus.
„Nun gut", murmelte er schließlich. „Dann gehen wir eben zu den Varellen."
Sofort hellte sich Leylas Gesicht auf.
„Die wachsen allerdings nur an einem einzigen Ort im gesamten Kaiserreich", fuhr Liam fort. „In einer unterirdischen Grotte."
Leylas Augen begannen zu leuchten. „Danke, Liam!" Schon wollte sie aufspringen, doch Liam hob eine Hand und hielt sie zurück. Verwirrt blickte Leyla zu ihm.
Er sah sie einige Sekunden schweigend an – und plötzlich traf ihn ein Gedanke, den er versucht hatte, zu ignorieren.
,,Sie sieht ihr wirklich ähnlich…’’
Für einen kurzen Moment zog sich etwas schmerzhaft in seiner Brust zusammen. Dann verdrängte er den Gedanken.
Liam richtete sich langsam auf. Die lockere Haltung war verschwunden. Selbst sein Blick wirkte plötzlich schwerer, als hätte er an Gewicht gewonnen.
„Bevor wir losgehen", sagte er ruhig, „muss ich dir etwas über ein Monster erzählen."
Eine kurze Pause. Er versuchte zu lächeln, doch merkte, dass es nicht ganz klappte.
„Es trägt den Namen Maegnar."
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Drei Jahre bevor Liam auf Leyla stieß.
Liam betrachtete schweigend das große Ölgemälde an der Wand, während unter seinen Stiefeln leise der alte Holzboden knarrte. Der Raum war nur spärlich beleuchtet – einige wenige Kerzen warfen flackerndes Licht über die dunklen Wände und ließen lange Schatten durch das Arbeitszimmer wandern. In der Luft hing der schwere Geruch von Staub, altem Holz und verbranntem Wachs.
Das Gemälde selbst wirkte beinahe fehl am Platz.
Zu gewaltig. Zu lebendig.
Ein Drache mit tiefroten Schuppen spannte dort seine Schwingen auf und kämpfte gegen einen gehörnten Mann in langen gelben Gewändern. Im Hintergrund zuckten Blitze durch schwarze, wirbelnde Sturmwolken und tauchten die Szene in kaltes, flackerndes Licht. Die Farben waren so intensiv gemalt, dass Liam fast glaubte, das Donnern des Himmels hören zu können, wenn er das Bild nur lange genug ansah.
Sein Blick glitt langsam über die Details.
Die Krallen des Drachen. Die zerschmetterten Felsen. Die goldenen Muster auf den Gewändern des gehörnten Mannes.
„Ich frage mich, ob dieser Kampf wirklich stattgefunden hat", murmelte Liam leise, „oder ob das einfach nur die Fantasie irgendeines Künstlers war."
„Was guckst du wieder so grimmig, Lee?"
Emilys Stimme riss ihn sofort aus seinen Gedanken.
Liam drehte sich leicht um und blickte zu ihr hinüber. Die junge Menschenfrau grinste ihn frech an. Ihre langen grünen Haare fielen locker über die Schultern, und ihre leuchtend blauen Augen erinnerten Liam jedes Mal aufs Neue an geschliffene Saphire. Erst vor wenigen Wochen war sie zwanzig geworden, doch sie bewegte sich bereits mit der Selbstsicherheit einer erfahrenen Söldnerin.
Emily hatte bereits zahlreiche Aufträge gemeinsam mit Liam und ihrem Bruder Mile abgeschlossen. Anfangs hatte Liam sie noch für übermütig gehalten, doch inzwischen wusste er, dass deutlich mehr hinter ihrem ständigen Grinsen steckte.
Außerdem genoss er ihre Nähe mehr, als er eigentlich zugeben wollte.
„Ich gucke nicht grimmig", erwiderte Liam mit einem leichten Seufzen. „Ich denke nur nach." Er nickte in Richtung des Gemäldes. „Wer glaubst du, ist der Typ dort?"
Emily legte den Kopf leicht schief. „Hm … vielleicht ein Gott?"
Dabei schnippte sie spielerisch eine Silbermünze in die Luft, fing sie wieder auf und beobachtete Liam grinsend.
Sofort verzog dieser das Gesicht.
„Unsinn", sagte er trocken. „Götter gehören der Vergangenheit an."
Unwillkürlich musste er an seine Zeit in Rubendy denken. Zwar hatte er dort nur ein einziges Semester Mythologie studiert, doch selbst das hatte gereicht, um zu verstehen, wie alt die meisten Geschichten über Götter und Erzwesen tatsächlich waren. Weder Kamera noch die Erzengel oder Erzdämonen gehörten wirklich in das dreizehnte Jahrhundert. Die letzten bestätigten Berichte über ihr Auftreten stammten noch aus dem Großen Krieg.
Emily zuckte leicht mit den Schultern.
In ihren Augen lag plötzlich etwas Nachdenkliches, das Liam nur schwer einordnen konnte. „Ich glaube trotzdem, dass es sie noch gibt", sagte sie ruhig. „Götter verschwinden nicht einfach grundlos."
Dann grinste sie wieder herausfordernd und warf die Münze erneut hoch.
Liam schüttelte entschieden den Kopf. „Wenn sie noch existieren würden, müsste man ihre Präsenz spüren können. Aber weder in Engelstempeln noch in alten Wäldern findet man echte Spuren von ihnen. Kein Erzengel antwortet auf Gebete. Kein Erzdämon erhört dein Flehen."
„Ich würde Yang als das bezeichnen, was einer Göttin am nächsten kommt." Die ruhige Stimme kam von hinten.
Liam wandte den Blick zum Fenster. Dort stand Mile, der bisher geschwiegen hatte und hinaus auf die Straßen blickte. Das fahle Licht von draußen fiel auf sein Gesicht und ließ seine ohnehin ernste Ausstrahlung noch schwerer wirken.
„Und wenn es Yang gibt", fuhr Mile fort, „dann existieren vielleicht auch noch andere Wesen, die man als Götter bezeichnen könnte."
Liam schnaubte leise. „Yang ist das Absolut. Es gibt nichts, womit man sie vergleichen könnte."
Kaum hatte er ausgesprochen, öffnete sich plötzlich die Tür.
Das Gespräch verstummte augenblicklich.
Ein junger Mann trat in den Raum – schwarze Haare, edle Kleidung und eine Haltung, die noch ungewohnt steif wirkte, als hätte jemand die Würde eines Herrschers in einen Körper gegossen, der noch nicht ganz wusste, wie er damit umgehen sollte.
Liam erkannte ihn sofort. Der frisch ernannte Herzog.
Noch einmal glitt sein Blick kurz zu dem gewaltigen Gemälde – zu dem gehörnten Mann, den gelben Gewändern, den Blitzen im Hintergrund.
Dann verdrängte er den Gedanken und wandte sich dem eigentlichen Auftrag zu.
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Ein Jahr und vier Tage bevor Liam auf Leyla stieß.
Liams Brust hob und senkte sich in hektischen, unkontrollierten Atemzügen. Seine Hände zitterten so stark, dass er Mühe hatte, sie stillzuhalten. Trotzdem versuchte er verzweifelt, die Tränen zurückzudrängen, die ihm unaufhaltsam über die Wangen liefen.
Vor ihm lag Emily.
Reglos. Still.
Auf den ersten Blick hätte man beinahe glauben können, sie würde schlafen. Ihr Gesicht wirkte friedlich, fast unberührt vom Chaos um sie herum. Genau das machte den Anblick jedoch unerträglich.
Denn Liam wusste, dass sie niemals wieder die Augen öffnen würde.
Der Wind heulte durch die Bäume und ließ die Äste über ihnen knarren. Dunkle Wolken hingen schwer am Himmel und tauchten den Wald in kaltes, graues Licht. Das Rascheln der Blätter klang beinahe wie flüsternde Stimmen, die sich zwischen den Stämmen verloren.
Liam kniete neben Emilys Körper und starrte sie an, als könnte allein sein Blick sie zurückholen.
Mit bebender Stimme brachte Liam schließlich Worte hervor. „Wer…" Seine Kehle fühlte sich trocken an. „Wer war das?"
Langsam drehte er den Kopf zu den beiden Söldnern hinter ihm. „Warum habt ihr sie nicht beschützt?"
Die Männer wagten es nicht, ihm direkt in die Augen zu sehen. Selbst sie wirkten gebrochen.
Himmer, ein schmächtiger Mann mit langen schwarzen Haaren, sprach schließlich zuerst. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Wir sollten eine Gruppe Räuber erledigen", begann er stockend. „Sie haben mehrere Dörfer in der Gegend überfallen."
Er schluckte schwer und ballte unbewusst die Hände zu Fäusten. „Als wir ihren Unterschlupf erreicht haben… bei den Wasserfällen nahe Ramir… dort, wo die Varellen in der Grotte wachsen…"
Seine Stimme zitterte stärker.
„…waren die Räuber bereits tot."
Liam schwieg.
Irgendetwas in Himmers Tonfall ließ bereits ein unangenehmes Gefühl in ihm aufsteigen – eine Vorahnung, die er noch nicht benennen konnte, aber die sich in seinen Magen grub wie ein kalter Finger.
„Und dann war da…" Himmer brach mitten im Satz ab. Seine Augen wirkten leer, als würde allein die Erinnerung ihn zurück an diesen Ort reißen – an etwas, das er nie wieder sehen wollte.
„… Maegnar."
Der Name hing schwer zwischen den Bäumen. Selbst der Wind schien für einen Moment leiser zu werden.
„Er hat uns sofort angegriffen", fuhr Himmer mit brüchiger Stimme fort. „Wir haben versucht wegzulaufen, aber…"
Weiter sprach er nicht.
Liam hörte die Angst in seiner Stimme. Nicht gewöhnliche Angst – purer Horror, der tiefer saß als Vernunft und tiefer als Mut. Und plötzlich begann sich in Liam etwas zusammenzuziehen.
Wut. Dunkel. Brennend.
„Maegnar…" wiederholte Liam langsam. Allein der Name fühlte sich falsch an. Schwer. Wie etwas, das besser niemals ausgesprochen werden sollte.
„Wer ist Maegnar?"
Nun trat der zweite Söldner langsam vor. Ein massiger Halbriese mit kurzem blondem Haar und kalten braunen Augen. Doch trotz seiner Größe wirkte selbst er wie ein verängstigtes Tier – als hätte jemand ihm jede Sicherheit aus dem Körper gerissen und nichts als leere Hülle zurückgelassen.
„M-Maegnar…" stotterte er. „D-Das ist der Seelenfresser."
Liam erstarrte kurz. Diesen Titel kannte er.
Ein Drachar. Ein Monster, das die Seelen seiner Opfer verschlang – Geschichten zufolge genügte eine einzige Berührung, damit seine Ziele augenblicklich starben. Und trotzdem ließ das Kaiserreich ihn frei umherziehen. Es gab Gerüchte über einen Prinzen, der Gefallen an Maegnar gefunden hatte. Einen Wahnsinnigen, der das Monster wie ein Spielzeug behandelte.
Liam blickte erneut zu Emily hinunter. Dann sah er langsam wieder zu den beiden Männern.
Himmer zitterte noch immer sichtbar.
„Dann lasst uns ihn töten", sagte Liam leise.
Sofort zuckten beide Männer zusammen.
„N-Nein!" stammelte der Halbriese panisch. „I-Ich gehe da nicht nochmal hin!"
Himmer sagte überhaupt nichts mehr. Der blanke Horror stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Liam fluchte leise.
Die Wut in ihm begann inzwischen alles andere zu verschlingen. Schmerz. Vernunft. Angst. Alles, was übrig blieb, war das dumpfe, brennende Bedürfnis, sich zu bewegen.
Mit einer abrupten Bewegung sprang er auf und drehte sich um. Ohne ein weiteres Wort lief er zu Ruven. Das schwarze Pferd schnaubte nervös, als Liam sich in den Sattel zog. Seine Hände umklammerten die Zügel so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten.
In diesem Moment wünschte er sich verzweifelt, Mile wäre hier.
Doch Mile befand sich auf einem Auftrag in Karintes.
Also war Liam allein.
Er trieb Ruven nach vorne und jagte zwischen den Bäumen hindurch, während der Wind an seinem Mantel riss und die Äste über ihm rauschten. Immer wieder hallte derselbe Gedanke durch seinen Kopf, unerbittlich wie ein Herzschlag.
„Emily darf nicht umsonst gestorben sein."
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Ein Jahr bevor Liam auf Leyla stieß.
„Du bist ein Monster!“
Liams Stimme bebte vor Wut, als er die Worte über die Lichtung schleuderte. Sein Schrei durchschnitt die kalte Nachtluft und hallte zwischen den Bäumen wider – doch Maegnar reagierte kaum darauf.
Der Drachar stand regungslos zwischen den Leichen und betrachtete die Szenerie mit einer Ruhe, die schlimmer war als jede Bedrohung. Innerhalb weniger Minuten hatte er sämtliche Söldner getötet, die Liam auf dem Weg hierher begleitet hatten. Es hatte nicht einmal wie ein richtiger Kampf gewirkt.
Nur eine Berührung.
Mehr hatte Maegnar nicht gebraucht. Seine Hand hatte kurz die Brust seiner Opfer gestreift – und im nächsten Augenblick waren sie zusammengesackt wie Puppen, denen man die Fäden durchtrennt hatte. Keine sichtbaren Wunden. Kein Blut. Nur diese leeren Gesichter, aus denen jedes Leben verschwunden war, als hätte jemand etwas Unsichtbares und Unersetzliches einfach herausgezogen.
So wie bei Emily.
Das fahle Mondlicht fiel durch die Baumkronen und spiegelte sich auf Maegnars schuppiger Haut. Die dunklen Schuppen wirkten beinahe metallisch, als wären sie aus schwarzem Stahl geformt worden. Seine tiefschwarzen Augen ruhten vollkommen emotionslos auf Liam.
Dann begann Maegnar langsam zu grinsen.
Nicht wie ein Drachar. Nicht natürlich. Es wirkte eher wie ein verzerrtes Zerren seiner Gesichtszüge – als hätte jemand das Konzept eines Lächelns gesehen und es falsch nachgebaut. Allein seine Anwesenheit ließ die Luft schwer werden. Selbst sein ruhiger Atem schien etwas Krankes an sich zu haben, als würde die Welt um ihn herum instinktiv verstehen, dass dieses Wesen nicht existieren sollte.
„Ein Mooonster?"
Seine Stimme war tief und gedehnt, beinahe singend.
„So hat mich noch niiiemand genannt."
Keine Wut lag darin. Keine Belustigung. Nicht einmal echtes Interesse. Nur diese leere, kalte Gleichgültigkeit.
Liam ballte die Fäuste so fest, dass seine Fingernägel sich schmerzhaft in die Handflächen bohrten. Sein ganzer Körper bebte unter der Mischung aus Angst, Zorn und Verzweiflung.
Und plötzlich sah er Emilys Gesicht vor sich.
Ihr Grinsen. Ihre Stimme. Die Art, wie sie ihn vermutlich angeschrien hätte, wenn sie ihn jetzt sehen könnte. Sie hätte gewollt, dass er weglief. Dass er überlebte. Emily hätte niemals zugelassen, dass er sich sinnlos für sie opferte. Doch allein dieser Gedanke fühlte sich falsch an. Jeder Schritt weg von Maegnar würde bedeuten, Emily ungerächt zurückzulassen. Es fühlte sich feige an. Schwach.
Trotzdem wusste Liam tief in seinem Inneren bereits die Wahrheit.
Er konnte nicht gewinnen. Nicht gegen dieses Monster.
„Scheiße…" fluchte er heiser. Fast augenblicklich schleuderte er eine Lichtkugel nach vorne. Das Geschoss raste durch die Dunkelheit und explodierte direkt vor Maegnar in einem grellen Blitz aus weiß-goldenem Licht. Für einen einzigen Moment wurde die gesamte Lichtung erhellt.
Die Bäume. Die Leichen. Das Blut auf dem Boden. Und Maegnars Gestalt, die regungslos mitten im Licht stand – ohne zu blinzeln, ohne zurückzuweichen, als wäre das Licht nicht der Rede wert.
Dann drehte Liam sich um und rannte. Sofort. Ohne nachzudenken.
Er stolperte über einen der leblosen Körper am Boden und knickte schmerzhaft um. Ein stechender Schmerz schoss durch seinen Knöchel, doch Liam ignorierte ihn vollkommen. Sein Körper bewegte sich längst nur noch aus purem Instinkt.
Die Luft fühlte sich schwer an wie Blei. Jeder Atemzug brannte in seiner Brust, sein Herz raste so heftig, dass ihm beinahe übel wurde.
Trotzdem zwang er sich weiter. Immer weiter.
Kurz bevor er die ersten Bäume erreichte, blickte Liam noch einmal zurück.
Maegnar stand noch immer auf der Lichtung und lachte.
Langsam hob der Drachar eine Hand und winkte ihm beinahe verspielt hinterher – eine kleine, fast beiläufige Geste, die sich tiefer in Liams Erinnerung einbrannte als alles andere in dieser Nacht.
Dann verschlang der Wald ihn.
Die dunklen Baumstämme zogen an ihm vorbei wie schwarze Schatten. Äste rissen an seiner Kleidung, Zweige zerkratzten seine Haut, und der unebene Boden brachte ihn mehrmals beinahe zu Fall.
Doch Liam hörte nicht auf zu laufen. Nicht eine Sekunde.
Und mit jedem einzelnen Schritt begann sich der blanke Horror in seinem Inneren langsam zu verändern.
Er verschwand nicht.
Er wurde zu etwas anderem.
Zu Schuld.
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Leyla hatte Liam schweigend zugehört.
Je länger er sprach, desto mehr verschwand ihre anfängliche Neugier und machte einem schweren Gefühl des Bedauerns Platz. Sie konnte sich Emily inzwischen erstaunlich gut vorstellen. Das freche Grinsen, von dem Liam gesprochen hatte. Ihre Sturheit. Die Art, wie sie ihn wahrscheinlich ständig herausgefordert hatte.
Und vor allem erkannte Leyla etwas Vertrautes darin. Etwas von sich selbst.
Vielleicht war genau das der Grund, weshalb Liam sie manchmal auf diese seltsame Weise ansah. Der Gedanke ließ ein unangenehmes Ziehen in ihrer Brust zurück.
Emily tat ihr leid.
Doch noch stärker fiel ihr etwas anderes auf.
Die Angst.
Liam versuchte sie zu verstecken, doch sobald der Name Maegnar fiel, veränderte sich seine Stimme beinahe unmerklich. Die lockere Art bekam Risse. Allein die Erinnerung an dieses Monster schien etwas in ihm auszulösen, das er kaum kontrollieren konnte.
Und genau das machte Leyla traurig.
Schon immer hatte sie den Drang verspürt, jedem zu helfen, wenn sie Leid sah. Selbst in ihrer alten Welt war sie nie besonders gut darin gewesen, einfach wegzusehen.
Jetzt war es nicht anders. Sie trat langsam näher zu ihm.
„Lass uns Emily ihren Frieden schenken."
Einen Moment lang schwieg sie. „Ich weiß nicht, wie wir Maegnar besiegen sollen", gab sie schließlich ehrlich zu. „Aber wir finden einen Weg."
Liam sah sie an. In seinem Blick lag etwas Dankbares, doch gleichzeitig zögerte er noch immer – als würde ein Teil von ihm bereits überzeugt sein, während ein anderer sich weiterhin verzweifelt dagegen sträubte.
Leyla bemerkte es sofort.
Ohne weiter darüber nachzudenken, trat sie einen Schritt näher und zog ihn vorsichtig in eine Umarmung. Liam versteifte sich zunächst leicht vor Überraschung. Doch nur für einen kurzen Moment. Dann ließ er es zu. Leyla spürte seinen Herzschlag gegen ihre Brust – unruhig, rastlos, als würde in ihm noch immer ein Sturm toben, den er seit einem Jahr mit sich herumschleppte. Langsam jedoch begann sich sein Atem zu beruhigen. Sein Herz schlug gleichmäßiger.
Und für einige Sekunden standen sie einfach nur schweigend zwischen den Bäumen, während der Wind leise durch die Lichtung strich.
Schließlich löste Leyla sich wieder von ihm und sah ihm direkt in die Augen. Sie wollte, dass er verstand, dass sie es ernst meinte.
„Wir werden Emily rächen", sagte sie ruhig, aber mit fester Stimme. „Wir werden Maegnar töten. Und danach sammeln wir die Varellen."
Liam hielt ihrem Blick stand.
Die Unsicherheit war noch nicht vollständig verschwunden, doch langsam begann sich etwas in seiner Haltung zu verändern. Die Angst wich Stück für Stück zurück und machte Platz für etwas anderes – eine dunkle, brennende Entschlossenheit, die tiefer saß als Wut und beständiger war als Schmerz.
Schließlich atmete Liam tief durch.
„Du hast recht", murmelte er. „Lass uns diesen Bastard ein für alle Mal erledigen."
Mit einer schnellen Bewegung sprang er auf und streckte sich, als wollte er die Schwere der Erinnerungen einfach abschütteln. Kurz darauf erschien wieder dieses typische Grinsen auf seinem Gesicht.
„Vielleicht kann ich dich dabei als Köder benutzen", meinte er trocken. „Was hältst du davon?"
Leyla runzelte die Stirn. Trotzdem konnte sie ein kleines Lächeln nicht unterdrücken.
„Du bist wirklich unmöglich."
Liam grinste noch einen Moment weiter – doch dann hielt er plötzlich inne und drehte sich noch einmal vollständig zu ihr um.
Diesmal lag keine Ironie in seinem Gesicht. Keine Provokation. Nur unverstellte Ehrlichkeit.
„Danke, Leyla", sagte er leise.



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