Kapitel 110 - Die Flammen eines Drachen
- empirewebnovel
- 2. März 2025
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Liam, Nidhogg und Locart bewegten sich vorsichtig durch das düstere Verlies der Herzogsburg. Das fahle Licht der Fackeln warf tanzende Schatten auf die feuchten Steinwände, während der modrige Geruch von jahrhundertelangem Verfall in der Luft lag.
Liam hatte damit gerechnet, hier auf Gefangene zu treffen – auf politische Gegner, auf Deserteure oder auf unglückliche Bauern, die das Pech gehabt hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Doch die Zellen waren leer. Jede einzelne. Kein einziges Stöhnen, kein leises Wimmern. Nur eiskalte Stille.
Ein ungutes Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. War das eine Falle?
„Lasst uns nach oben gehen“, rief er Nidhogg und Locart zu, seine Stimme angespannt.
Ohne ein weiteres Wort führte er sie die Steintreppen hinauf. Kein einziger Wächter versperrte ihnen den Weg. Keine Alarmglocken, keine hastigen Schritte eilender Soldaten. Es war, als ob man seinen Plan durchschaut hatte. Nidhogg begann die Räume zu durchkämmen, Türen aufzureißen, nach versteckten Feinden zu suchen, während Liam und Locart weiter vordrangen.
Schließlich standen sie vor der Tür, hinter der sich die Boz befinden sollte.
Liam spürte, wie sich seine Muskeln anspannten. Irgendetwas stimmte nicht. Das hier war zu einfach. Viel zu einfach.
„Warum ist hier niemand?“ murmelte er, während er vorsichtig eine Hand zur Tür ausstreckte.
Da kam der Schlag.
Er traf ihn mit brutaler Kraft in die Seite. Der Aufprall schleuderte ihn quer durch den Raum, sein Körper rollte über den kalten Steinboden, bevor er sich instinktiv abfing und auf die Knie kam. Ein stechender Schmerz pulsierte durch seine Rippen, doch er ignorierte ihn. Sein Blick schnellte hoch – direkt zu Locart, der über ihm stand.
Oder vielmehr: zu dem, was einmal Locart gewesen war.
,,Was soll das Locart?’’ schrie Liam ihm entgegen.
Das spöttische Funkeln in seinen Augen hatte sich in ein triumphierendes Leuchten verwandelt. Doch noch viel erschreckender war die Veränderung seines Körpers. Vor Liams Augen begann sich Locart zu wandeln – Muskeln wuchsen, seine Haut riss auf und wurde von dichten, schwarzen Fellflecken überzogen. Hörner brachen aus seinem Schädel, groß wie Dolche, und seine Finger streckten sich zu Klauen, scharf genug, um Fleisch und Knochen mühelos zu durchtrennen. Ein Minotaur.
Ein Grollen ertönte aus seiner Kehle. Tief, vibrierend, durchdringend.
,,Iiich biiin niiicht Looocaaart. Meeeiiin Naaameee iiist Cooolaaart.’’ Seine Stimme war tief, donnernd.
Liams Herzschlag setzte für einen Moment aus.
Colart.
Er kannte diesen Namen. Der sechste Kaiserliche Kopfgeldjäger. Ein Albtraum für jeden, der sich gegen das Kaiserreich stellte. Und jetzt stand er direkt vor ihm. Das bedeutete, dass ihre gesamte Operation von Anfang an unterwandert gewesen war.
Das bedeutete, dass das Kaiserreich alles wusste.
„Scheiße…“ entfuhr es Liam, während sein Verstand fieberhaft arbeitete.
Warum hatte Colart sie so weit in die Stadt vordringen lassen? Warum hatte er nicht längst zugeschlagen? Wollte er sie hier an diesem Ort vernichten? Nein… Er wollte etwas anderes.
Die Boz.
Liams Blick flog zur Tür hinter Colart. Mit dieser Waffe in den Händen konnte er sie alle auslöschen – innerhalb von Sekunden. Er musste verhindern, dass Colart sie als Erster erreichte.
Adrenalin schoss durch Liams Adern, als er sich aus seiner geduckten Haltung herausstieß und zur Tür hechtete. Doch Colart war schneller. Viel schneller, als es seine monströse Statur vermuten ließ. Mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung riss er einen Arm hoch – und sein gewaltiger Schlag traf Liam mit der Wucht eines einstürzenden Turms.
Alles um ihn herum verschwamm in einem Strudel aus Schmerz und Taubheit. Sein Körper wurde in die Luft geschleudert, bevor er mit einem markerschütternden Krachen gegen eine Steinsäule prallte. Der Aufprall raubte ihm den Atem, sein Bewusstsein flackerte.
Er spürte, wie der Boden unter ihm vibrierte.
Dann wurde alles schwarz.
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Nidhogg hörte den Aufprall und das schmerzerfüllte Stöhnen von Liam, dann folgten die schweren Schritte eines Wesens, das sich seinem Freund – nein, seinem Verbündeten – näherte. Ohne zu zögern stürmte er los.
Was auch immer dort geschah, er konnte nicht zulassen, dass Liam fiel. Nicht aus Loyalität – sondern weil er ihn brauchte. Nur mit Liams Erfolg konnte er sein eigenes Ziel verwirklichen: die Vernichtung des Engelstempels von Cassiel.
Als Nidhogg die Halle erreichte, erstarrte er für einen Moment.
Liam lag reglos auf dem kalten Steinboden, sein Körper schwer gezeichnet von dem, was geschehen war. Ein gigantischer Minotaur stand über ihm, sein muskulöser Körper ragte über den am Boden liegenden Elfen. In seinen leuchtend roten Augen lag keine Spur von Emotion – nur kalte Berechnung. Gerade hob das Wesen sein massives Bein, bereit, Liams Kopf mit einem einzigen Tritt zu zermalmen.
„Das wirst du schön lassen!“ fluchte Nidhogg, während er sich nach vorne katapultierte.
Der Minotaur bemerkte ihn sofort. Mit überraschender Agilität machte er einen weiten Satz rückwärts, sein massiger Körper bewegte sich mit erschreckender Leichtigkeit.
Nidhogg ließ sich nicht beirren. „Was hast du mit Liam gemacht? Und wo ist Locart?“
Der Minotaur verzog die Lefzen zu etwas, das ein Lächeln sein sollte. Doch als er sprach, klang seine Stimme, als würde sie aus einer anderen Welt stammen – tief, gedehnt, beinahe geisterhaft.
,,Iiich biiin niiicht Looocaaart. Iiich biiin Cooolaaart, Kaaaiiiseeerliiicheeer Kooopfgeeeldjääägeeer.’’
Nidhogg knirschte mit den Zähnen. Also hatte sich das Kaiserreich in ihre Reihen eingeschlichen. Sie hatten all ihre Schritte gekannt, und jetzt standen sie einem Gegner gegenüber, der alles andere als gewöhnlich war. Das bedeutete, dass dieser Bastard besiegt werden musste – egal, wie.
Flammen loderten in Nidhoggs Händen, während er sich auf den Kampf vorbereitete. Die Hitze war so intensiv, dass selbst seine roten Schuppen zu knistern begannen. Er spürte, wie das Feuer an seinem Körper nagte, sich in seine Haut brannte – ein Schmerz, der für andere unerträglich gewesen wäre.
Doch für ihn war es eine Erinnerung. Eine Erinnerung an Kaen, den Gott des Feuers, der ihm diese Gabe verliehen hatte. Seine Brandwunden heilten mit übernatürlicher Geschwindigkeit, sein Körper erstrahlte in loderndem Rot.
Dann schoss er vor.
Seine Faust peitschte nach vorne, doch kurz bevor sie Colart erreichte, öffnete er die Finger. Eine gewaltige Feuerkugel schoss aus seiner Hand und raste mit unbändiger Kraft auf den Minotaur zu. Die Luft knisterte, als die Magie die Umgebung verformte.
Die Explosion war gewaltig. Ein roter Blitz zerriss den Raum, Feuerzungen leckten über die Steinwände, und für einen Moment war Colarts gesamte Gestalt von lodernden Flammen umhüllt.
Nidhogg atmete schwer. Er hatte nicht erwartet, dass dieser Angriff seinen Gegner töten würde, doch zumindest musste er ihm Schaden zugefügt haben.
Dann lichtete sich der Rauch – und Nidhoggs Augen weiteten sich.
Colart stand ungerührt da. Nicht einmal eine einzige Haarspitze seines dichten Fells war versengt. Kein einziger Kratzer. Keine Spur von Schmerz oder Unsicherheit.
Nidhogg schluckte. Das hier würde kein einfacher Kampf werden.
Colart grinste, während er sich langsam auf ihn zubewegte.
„Meeehr“, brummte der Minotaur. „Zeeeiiig miiir meeehr…“
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Nidhogg löste seinen Blick nicht von Colart, während er langsam einen Schritt zurücktrat. Der Minotaur war ein Monster, das war ihm nun vollkommen klar. Doch wenn es eine Sache gab, die Nidhogg von sich behaupten konnte, dann war es, dass er ebenfalls ein Monster war – ein Geschöpf der Flammen, ein Anhänger Kaens, geboren, um zu brennen.
„Nun gut… Du willst mehr sehen? Dann zeige ich dir etwas“, sagte Nidhogg, seine Stimme herausfordernd. Doch sein Blick blieb wachsam. Er wusste, dass er Colart aus der Burg locken musste. Solange Liam bewusstlos am Boden lag, war er leichte Beute. Hier drinnen würde der Kampf zu viele unvorhersehbare Gefahren bergen.
Der Minotaur grunzte, seine Nasenlöcher blähten sich. „Naaa guuut“, brummte er mit seiner tiefen, gedehnten Stimme.
Dann hob Colart seine gewaltige Faust und schlug mit erschreckender Leichtigkeit ein Loch in die Steinmauer der Herzogsburg. Staub und Trümmer regneten zu Boden, als sich die Öffnung nach draußen auftat. Die kalte Luft strömte herein, mischte sich mit dem Geruch von Ruß und Blut. Nidhogg trat an den Rand des Lochs und warf einen kurzen Blick hinunter.
Der verschneite Asphalt der Straßen lag gut sechs Meter unter ihm. Hoch genug, um einen Menschen schwer zu verletzen – aber für ihn war es nichts. Ohne zu zögern, machte er einen Satz nach draußen, seine Krallen fanden Halt auf dem rutschigen Boden. Kaum war er gelandet, krachte Colart hinter ihm auf den Boden, hinterließ ein tiefes Loch im Schnee.
Der Minotaur richtete sich auf, sein Blick fixierte Nidhogg mit kühlem Interesse. „Nuuun, waaas zeeeiiigst duuu miiir?“
Nidhogg hob die Arme gen Himmel, ließ die Augen zufallen. Er konnte die Kälte kaum noch spüren – denn er war dabei, sie auszulöschen.
,,Oh Kaen, Erzdämon des Feuers, lasse deine Flammen lodern. Umhülle mich mit dem Feuer der Liebe und gib mir die Kraft, meine Feinde zu verbrennen!’’
Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, brannte er. Sein ganzer Körper ging in Flammen auf, doch er schrie nicht. Er kämpfte nicht dagegen an. Er nahm den Schmerz an, ließ ihn sich durchdringen, wie eine Liebkosung seines Gottes.
Die Hitze war so intensiv, dass der Schnee um ihn herum sofort schmolz. Der Boden unter ihm begann zu glühen, schwarze Risse zogen sich durch den Asphalt. Der Geruch von verbranntem Fleisch und schmelzenden Schuppen lag in der Luft. Doch Nidhogg lächelte.
Denn er wusste, was nun kam.
,,Iiist daaas daaas, waaas du miiir zeeeiiigeeen wiiilst?’’ Colarts Stimme dröhnte durch die Straße, doch diesmal klang sie weniger amüsiert, mehr… neugierig.
Nidhogg antwortete nicht. Sein Körper begann sich zu verändern. Seine Gliedmaßen streckten sich, seine Muskeln wuchsen. Ein widerlicher, knirschender Laut hallte durch die Nacht, als seine Knochen sich verformten, brachen und wieder zusammenwuchsen. Sein Rücken riss auf, Flammen züngelten aus der Wunde, bevor sie sich in zwei leuchtend rote Flügel verwandelten. Seine Finger wurden länger, Klauen sprossen aus den Spitzen, während seine Schnauze sich streckte, seine Zähne schärfer wurden.
Ein letzter Flammenstoß explodierte aus seinem Körper, ließ die nächste Häuserreihe in rotes Licht tauchen.
Wo eben noch Nidhogg gestanden hatte, kniete nun ein kleiner Drache mit glühenden Schuppen und feurigen Augen. Die Hitze, die von ihm ausging, war so intensiv, dass selbst Colart einen Schritt zurückwich.
Nidhogg öffnete seine neuen Augen, ließ die Flammen in seinem Maul lodern.
„Nun… sehen wir, ob du Feuer wirklich verträgst.“
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Die Vishap zählen zu den ältesten Völkern der westlichen Welt. Ihr Ursprung liegt in den Landen von Juspa, von wo aus sie sich über Jahrtausende hinweg langsam über die Kontinente und Inseln ausbreiteten. Ihre Existenz reicht bis in die frühesten Epochen zurück.
Sie sind Wesen von beeindruckender Gestalt, eine faszinierende Verschmelzung aus Mensch und Drache. Ihre Statur ähnelt der eines Menschen, doch ihre Haut ist von dichten, widerstandsfähigen Schuppen bedeckt. Ihre Gesichter tragen die markanten Züge ihrer Ahnen: eine ausgeprägte Schnauze, scharfe Zähne und glühende Augen, in denen das uralte Erbe der Drachen lodert.
Denn tatsächlich: Die ersten Vishap stammen direkt von den großen, mächtigen Drachen ab. Es heißt, dass in ferner Vergangenheit Drachen ein neues Volk schufen, aus dem die Vishap hervorgingen – Wesen, in deren Adern das Blut der Drachen fließt, ein Echo vergangener Zeiten, in denen sie die unangefochtenen Herrscher der Lüfte waren.
Doch obwohl alle Vishap dieses Erbe in sich tragen, ist es nur den wenigsten vergönnt, seine wahre Macht zu entfalten. Nur einer unter tausend Vishaps besitzt die Gabe, in die Drachenform zu wechseln – eine seltene Fähigkeit, die als das größte Geschenk der Ahnen angesehen wird.
Diejenigen, die zu dieser Verwandlung fähig sind, erlangen die Kräfte eines jungen Drachen. Sie wachsen an Größe, ihre Muskeln verhärten sich, Flügel brechen aus ihrem Rücken hervor und ermöglichen es ihnen, die Lüfte zu beherrschen. Ihre Kehle wird zur Quelle verzehrender Flammen, ihre Klauen und Zähne werden so scharf, dass sie selbst Stein und Metall mühelos durchtrennen können.
Diese Gabe macht sie zu gefürchteten Kriegern und verehrten Legenden. Doch sie ist ebenso ein Fluch – denn mit der Macht der Drachen kommt auch deren unbändiger Zorn, ein Feuer, das schwer zu kontrollieren ist. Wer die Verwandlung wagt, muss sich der Gefahr bewusst sein, dass das Drachenblut in ihm die Oberhand gewinnen könnte – und ihn dann in eine Kreatur verwandelt, die nichts als Zerstörung kennt.
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Nidhogg breitete seine Flügel aus und stürzte sich mit ungebändigter Wut auf Colart. Seine Klauen bohrten sich tief in das Fleisch des Minotauren, rissen durch Muskeln und durchbrachen das linke Schulterblatt. Ein triumphierendes Grinsen breitete sich über sein reptilienartiges Gesicht aus, während er sein Maul öffnete, bereit, eine verzehrende Feuersalve auf seinen Gegner niederregnen zu lassen.
Doch dazu kam es nicht.
Colart packte Nidhogg mit erschreckender Geschwindigkeit am Arm und riss die Klauen brutal aus seiner eigenen Wunde. Noch bevor der Vishap reagieren konnte, schleuderte der Minotaur ihn mit enormer Kraft durch die Luft. Nidhogg krachte mit voller Wucht gegen eine steinerne Hauswand – der Aufprall ließ das gesamte Gebäude erzittern, und mit einem donnernden Knall brach die Wand unter seinem massiven Körper zusammen.
Nidhogg überschlug sich mehrfach, prallte gegen Trümmer, bevor er sich endlich fing und seine Krallen in den Boden grub. Doch kaum hatte er sich neu orientiert, war Colart schon wieder da. Wie ein Schatten sprang er nach vorne, packte Nidhogg am Kopf und rammte ihn mit unbarmherziger Kraft in den steinernen Boden des Hauses.
Ein grelles Pfeifen erfüllte Nidhoggs Ohren. Er spürte, wie sich sein Kopf drehte, doch sein Körper reagierte instinktiv. Er bäumte sich auf, versuchte, seinen Kiefer zu befreien – doch Colarts Griff war unerschütterlich. Der Minotaur ließ eine Serie brutaler Schläge auf ihn niederprasseln, die seine Knochen knacken und sein Fleisch erbeben ließen. Prellungen blühten auf seinem Körper auf, und die Schmerzen drohten, ihn in die Bewusstlosigkeit zu reißen.
Aber Nidhogg war nicht bereit, sich zu ergeben.
Wieder sammelte er Feuer in seinem Maul, ließ die Hitze durch seine Adern pulsieren. Als die Flammen in seiner Kehle wüteten, stieß er sie in einem brüllenden Feuerstrahl aus. Er wusste, dass er Colart nicht direkt traf – doch das war auch nicht sein Ziel. Der Feuerschwall zwang den Minotauren dazu, zurückzuweichen, sein Griff lockerte sich für den Bruchteil eines Moments.
Genau das, was Nidhogg brauchte.
Mit einem wilden Ruck stieß er Colart von sich und riss seine Klaue mit aller Kraft durch den Bauch des Minotauren. Blut spritzte in dicken Tropfen auf den Fußboden, während eine klaffende Wunde zurückblieb. Schwer atmend richtete Nidhogg sich auf und blickte in die Augen seines Gegners.
Colart… lächelte.
Es war kein Lächeln des Schmerzes. Kein Lächeln der Niederlage. Es war die verzerrte Fratze eines Mannes, der das Kämpfen genoss, der inmitten des Chaos lebte.
Ein ungutes Gefühl machte sich in Nidhogg breit. Er konnte nicht hier im Innern eines Hauses kämpfen. Nicht mit einem Gegner, der so stark war.
Ohne zu zögern sprang er aus dem brennenden Gebäude, das nun lichterloh in Flammen stand. Die Balken krachten unter der Hitze zusammen, Funken stoben in alle Richtungen. Die Flammen leckten bereits an den benachbarten Häusern, und dicker, schwarzer Rauch begann, in den Nachthimmel aufzusteigen.
Er breitete seine kräftigen Flügel aus und erhob sich in die Luft. Zwanzig Meter, dreißig – er flog über die Straßen hinweg, seine Kehle brannte bereits mit neuem Feuer. Ohne Rücksicht auf Verluste ließ er einen Strom aus Flammen auf das brennende Gebäude niederregnen, dann auf die Häuser daneben, dann auf die Straßen. Die Schreie von Menschen, die sich noch in den oberen Etagen der Gebäude befanden, hallten durch die Nacht – doch Nidhogg kümmerte sich nicht darum.
Seine Augen suchten nach Colart. Wo war er? War er in den Trümmern verschwunden?
Dann, mit einer unerbittlichen Wucht, spürte er plötzlich, wie etwas durch seinen linken Flügel schoss.
Er riss die Augen auf. Schmerz explodierte in seiner Schulter, als sein Flug abrupt unterbrochen wurde. Der Himmel drehte sich um ihn herum, während er unkontrolliert zu Boden stürzte. In der Sekunde, bevor er aufprallte, erkannte er die Ursache.
Ein massiver Holzbalken, mehrere Meter lang, ragte wie ein Speer aus seinem Flügel.
Colart hatte ihn geschleudert und mit einem einzigen, präzisen Wurf hatte er Nidhogg die Fähigkeit zu fliegen genommen.
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Mit einem dumpfen Knall krachte Nidhogg auf das Pflaster der vereisten Straße. Der Aufprall jagte ihm einen stechenden Schmerz durch den Körper, doch er weigerte sich, sich dem Dunkelwerden seiner Sinne hinzugeben. Er knirschte mit den Zähnen, zwang sich, nicht auf die klaffende Wunde in seinem Flügel oder die brennenden Kratzer entlang seiner Schuppen zu achten.
Colart setzte sofort nach. Der Minotaur stürmte mit roher, unaufhaltsamer Kraft auf ihn zu, die den Boden unter seinen schweren Schritten erbeben ließ. Doch Nidhogg war bereit. Gerade als der gewaltige Arm des Kopfgeldjägers auf ihn herniedersauste, machte er einen Satz zurück. Er nutzte die Wucht des Schlages, ließ sich wegdrücken und gewann so kostbare Meter Abstand zwischen sich und seinem Gegner.
Noch bevor er landete, formte sich bereits Feuer in seinem Rachen. Erneut wogte die glühende Hitze durch seinen Körper, sammelte sich in seiner Brust – dann entlud sich eine lodernde Welle aus gleißenden Flammen auf Colart. Während die Feuersbrunst ihn umhüllte, spannte Nidhogg seine Muskeln an. Mit einem einzigen, kraftvollen Sprung setzte er nach. Sein Körper schoss durch die Luft, seine rechte, zur Faust geballte, Pranke zog eine glühende Spur hinter sich her – und krachte mit voller Wucht in Colarts Gesicht.
Ein dumpfes Knacken erfüllte die Nacht. Der Unterkiefer des Minotauren brach mit einem unheilvollen Laut. Doch Nidhogg war noch nicht fertig. Seine Klauen an den Füßen, scharf wie Dolche, gruben sich tief in Colarts Oberschenkel und rissen das Fleisch auf. Gleichzeitig packte er mit seinen Händen die breiten Schultern des Minotauren, ließ seine Krallen in das verbrannte Fell sinken.
Dann biss er zu.
Seine Kiefer schnappten um Colarts Hals zu, seine Zähne bohrten sich durch die verbrannte Haut, durchdrangen Fleisch und Sehnen. Der Geschmack von heißem Blut erfüllte seinen Mund, metallisch und rau. Er riss Stücke heraus, verschluckte sie, während der Minotaur unter ihm zu zucken begann.
Doch Colart war noch nicht besiegt.
Ein gewaltiger, eiserner Griff schloss sich um Nidhoggs Kehle. Ihm blieb der Atem weg, als der Kopfgeldjäger ihn mit einer brutalen Bewegung in die Luft hob. Die Welt begann, sich vor seinen Augen zu drehen. Sein Körper wurde schlaff, die Kraft wich aus seinen Gliedmaßen. Er spürte, wie sich ein lähmendes Brennen in seiner Brust ausbreitete. Seine Lungen flehten nach Luft, doch Colarts Griff war unnachgiebig.
Trotz seines verschwommenen Blicks konnte Nidhogg den Ausdruck in den Augen seines Gegners erkennen. Keine Wut, kein Zorn – nur reine, manische Freude.
„Daaas haaat Spaaaß geeemaaacht“, dröhnte Colart, während Blut aus seinen aufgesprungenen Lippen tropfte. „Haaast du leeetzteee Wooorteee?“
Der Griff um seinen Hals lockerte sich leicht, gerade genug, damit Nidhogg einen letzten Atemzug nehmen konnte.
Ein Lächeln stahl sich auf seine blutverschmierten Lippen.
„Für Kaen!“ brüllte er, und mit diesen Worten ließ er los.
Nicht nur im metaphorischen Sinne – er ließ wirklich los.
Die Flammen, die er bisher gezügelt hatte, brachen in einem gewaltigen Inferno aus. Sein Körper wurde zur Quelle reiner, unbändiger Zerstörung. Die Hitze war unnatürlich – eine Macht, von der Nidhogg wusste, dass sie selbst ihn verschlingen konnte.
Colarts Augen weiteten sich in plötzlicher Angst. Er verstand, was kommen würde. Er holte aus, bereit, den Kampf mit einem letzten Schlag zu beenden.
Dann –
—BUMMMMM—
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Liam erwachte mit einem stechenden Dröhnen in seinem Schädel. Sein Geist war benommen, seine Gedanken wirbelten wild durcheinander, bis sie sich nach und nach ordneten. Der Plan. Die Boz. Colart.
Sofort sprang er auf – oder versuchte es zumindest. Ein scharfer Schmerz durchzuckte seine Seite, und er taumelte leicht, bevor er sich fing. Sein Blick flog durch den Raum, suchte nach dem Minotauren, doch nirgends war eine Spur von ihm zu sehen.
Wo war er?
Dann fiel sein Blick auf die schwere Tür, hinter der sich die Boz befinden musste. Sie war noch immer verschlossen, unversehrt. Doch das ungute Gefühl in Liams Magen ließ nicht nach. Sein Blick wanderte weiter, und schließlich sah er es – ein riesiges Loch in der Wand.
Er humpelte zur Öffnung und erstarrte. Ein eisiger Schauer lief ihm über den Rücken.
Randurin stand in Flammen.
Nicht die ganze Stadt, aber ein erheblicher Teil. Mindestens ein Fünftel der Gebäude brannte lichterloh. Die schwarzen Rauchschwaden zogen wie unheilvolle Schleier durch die engen Gassen, während Menschen in Panik durch die Straßen rannten. Schreie hallten durch die Stadt, begleitet vom Krachen einstürzender Häuser und dem Funkenflug der Flammen.
Nidhogg.
Liam fluchte leise. „Verdammt…“ Er hätte es wissen müssen. Hätte niemals auf einen Fanatiker vertrauen dürfen. Aber jetzt war es zu spät, um sich über Fehler Gedanken zu machen.
—BUMMMMM—
Eine ohrenbetäubende Explosion ließ die gesamte Festung erzittern. Die Druckwelle erfasste Liam, riss ihn beinahe von den Füßen. Staub und Asche stoben durch die Luft, und er musste blinzeln, um zu erkennen, woher die Detonation gekommen war.
Sein Blick fiel auf eine Stelle mitten in der Stadt. Ein ganzer Häuserblock, der vor wenigen Sekunden noch stand, existierte nicht mehr. Er war dem Erdboden gleichgemacht worden, nichts als Schutt und rauchende Trümmer blieben zurück. Und inmitten dieses infernalischen Chaos stand eine verkohlte Gestalt.
Nidhogg.
Seine Arme waren weit in den Himmel gereckt, schwarze Rauchschwaden stiegen von seinem Körper auf, als hätte er selbst die Flammen des Himmels entfesselt. Und dann – dann begann er zu lachen.
Es war kein normales Lachen. Kein Lachen eines Siegers, kein Lachen der Erleichterung. Es war ein hämisches, brennendes Lachen, das von purer Ekstase und Zerstörungswut durchtränkt war.
Liam wollte den Blick abwenden, doch dann sah er es. Etwas lag vor Nidhogg auf dem rußgeschwärzten Boden.
Ein Körper – oder besser gesagt das, was einmal der Körper von Colart gewesen war. Sein Oberkörper lag zerschmettert auf dem Stein, die massige Brust aufgerissen, die Arme unnatürlich verdreht. Von seinem Kopf oder seinen Beinen fehlte jede Spur.
Liam hielt den Atem an.
Nidhogg hatte ihn tatsächlich besiegt. Er hatte einen Kaiserlichen Kopfgeldjäger vernichtet.
Ein Moment des ungläubigen Staunens überkam Liam, bevor sein Verstand wieder die Oberhand gewann. Jetzt war keine Zeit für Zweifel oder Ehrfurcht. Jetzt musste er handeln.
Mit einem letzten Blick auf das Inferno drehte er sich um. Die Stadt brannte, doch das war jetzt Nebensache. Sein Ziel war klar – Nidhogg hatte seinen Teil getan.
Nun war es an ihm, sich die Boz zu holen.



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