Kapitel 112 - Der Stolz der Namenlosen
- empirewebnovel
- 2. März 2025
- 11 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 3. März 2025

In Jasmins Hand manifestierte sich ein goldenes Schwert, das in der Sonne aufleuchtete, als wäre es aus flüssigem Licht geschmiedet. Keine Sekunde verstrich, bevor sie sich mit erschreckender Geschwindigkeit auf Claurian stürzte. Ihr Angriff war so rasant, dass die Luft um sie herum von einer unsichtbaren Kraft zerrissen wurde.
Claurian reagierte instinktiv. Sie machte einen blitzschnellen Satz zur Seite, ihre Bewegungen präzise wie die einer Tänzerin, ihr Atem ruhig, kontrolliert. Doch sie wusste, dass Ausweichen allein nicht reichen würde. Jasmin war schneller, stärker.
Am Rand des Kampfplatzes hatten die vier Halbriesen bisher gewartet, bereit zum Eingreifen. Nun brüllten sie auf, ihre massiven Waffen wirbelten durch die Luft, als sie sich wie eine unaufhaltsame Welle auf Jasmin zubewegten. Ihre Schritte ließen den Boden erbeben.
Doch Jasmin schien nicht einmal Notiz von ihnen zu nehmen. Sie hob lediglich eine Hand, und mit einem einzigen, unsichtbaren Stoß entlud sich eine Druckwelle. Die Halbriesen wurden von ihren Füßen gerissen, wie Spielzeugfiguren von einer gigantischen Hand fortgeschleudert. Einer prallte mit einem markerschütternden Krachen gegen eine Häuserwand, die unter der Wucht des Aufpralls in sich zusammenbrach. Die anderen landeten hart auf dem Pflaster, ihre Waffen klirrten, als sie aus ihren Griffen glitten.
Claurians Kiefer spannte sich an. Ihre Hände umklammerten ihre beiden Säbel fester. Jeder Kämpfer, egal wie mächtig, hatte eine Schwachstelle. Sie musste sie nur finden.
Sie atmete tief durch, sammelte sich – und dann bewegte sie sich.
Mit tödlicher Präzision schoss sie auf Jasmin zu, ihre Klingen wie Verlängerungen ihres Körpers. Der erste Säbel zielte auf den Kopf, der zweite auf die Beine – ein perfekter Doppelangriff, der jeden normalen Gegner in die Knie gezwungen hätte.
Doch Jasmin war alles andere als normal.
Mit müheloser Eleganz sprang sie hoch, ihr weißer Umhang flatterte im Wind, als sie den oberen Säbel mit ihrem eigenen Schwert parierte. Dann konterte sie mit einem gnadenlosen Hieb nach unten. Claurian sah die Klinge kommen und warf sich zur Seite, ließ sich fallen, um dem tödlichen Schlag zu entgehen.
Sie rollte sich über den harten Steinboden ab, ihre Muskeln spannten sich erneut, und sie griff ein weiteres Mal an. Diesmal führte sie einen Frontalangriff aus – beide Säbel zielten direkt auf Jasmins Brust.
Doch im letzten Moment ließ Claurian ihre Waffen los.
Während sie an Jasmin vorbeiglitt, tauchte sie unter ihren ausgebreiteten weißen Flügeln hindurch, zog in einer fließenden Bewegung einen weiteren Säbel aus ihrem Gürtel und stieß blitzschnell nach oben – direkt auf die verwundbarste Stelle ihrer Gegnerin.
Die Flügel.
Doch Jasmin schoss nach oben, schneller, als Claurian erwartet hatte, und entkam mit atemberaubender Leichtigkeit. Sie schwebte nun über dem Kampfplatz, ihr Blick kalt und unbarmherzig. Ihr Schwert glänzte bedrohlich in der Sonne, während sich ihre Flügel weit ausbreiteten, makellos, unerreichbar.
Claurian biss die Zähne zusammen und sammelte ihre Kräfte.
Sie sprintete los, nutzte die Kraft ihrer Beine, und katapultierte sich mit aller Wucht in die Luft. Während sie auf Jasmin zuschoss, schleuderte sie einen ihrer Säbel auf den linken Flügel.
Die Klinge wirbelte durch die Luft, doch bevor sie ihr Ziel treffen konnte, explodierte ein blendendes Licht direkt vor ihr.
Ein Schmerz zuckte durch ihren Rücken, als ein brutaler Tritt sie mitten im Sprung erwischte. Ihre Welt drehte sich. Dann der Aufprall.
Der Boden unter ihr erbebte, als sie auf das harte Pflaster knallte. Der Aufprall raubte ihr die Luft, ein dumpfer Schmerz durchzuckte ihren Körper. Sie blinzelte gegen das gleißende Licht an, versuchte, sich aufzurichten – doch ihre Glieder fühlten sich schwer an.
Jasmin näherte sich langsam.
Ihr weißer Umhang wehte friedlich im Wind, ihr Blick war eisig, emotionslos.
Das Schwert in ihrer Hand war auf Claurian gerichtet, bereit, den finalen Schlag auszuführen. Claurian versuchte, sich zu bewegen, ihre Finger zu krümmen, sich auf die Knie zu zwingen – aber ihr Körper gehorchte nicht. Sie war zu langsam.
„Fuck“, zischte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen.
Plötzlich stürzte sich eine dunkle Gestalt zwischen sie und den sicheren Tod.
--------------------------------------------------------------------------
Neben den mächtigen Metropolen des Kaiserreichs gibt es noch andere Städte – Orte, die oft auf Karten fehlen, als hätten die Kartografen sie bewusst ausgelassen. Sie sind geheimnisvoll, abgeschottet, Relikte vergangener Zeiten oder Zufluchtsorte für jene, die sich der Ordnung des Reiches entziehen.
Die Stadt des kriegerischen Pantano-Volkes, Eleriades. Die im Denja-Dschungel liegende Hauptstadt der Sectododen, Jidar. Die verborgenen Zwergenstädte tief in den Bergen der Larifen. Sie alle existieren, doch nur wenige wissen um ihre wahre Größe und Bedeutung.
Eine weitere dieser geheimnisvollen Städte ist Karnta.
Tief in den Hamalien, den zerklüfteten Bergen im Westen des Kaiserreichs, liegt sie verborgen. Die einzige Stadt der Halbriesen. Eingebettet in ein abgelegenes Tal, umgeben von schroffen Gipfeln, deren eisige Spitzen die Wolken durchbohren.
Es führt keine Straße nach Karnta. Keine Handelsrouten verbinden sie mit der Außenwelt. Kein Kaufmann trägt Waren hinein, kein Bote bringt Nachrichten hinaus. Wer die Stadt sucht, findet nichts als endlose Bergketten und verschlungene, gefährliche Pfade.
Niemand weiß genau, wie Karnta regiert wird. Die Struktur ihrer Gesellschaft bleibt ein Mysterium. Ebenso ungewiss ist ihre Einwohnerzahl – manche sagen, dort lebten nur fünftausend Halbriesen, während andere von einer gewaltigen Metropole mit über hundertfünfzigtausend Bewohnern sprechen.
Und die Halbriesen, die außerhalb der Hamalien leben? Sie schweigen.
Sie sprechen nicht über Karnta, nicht über seine Mauern, seine Gesetze oder seinen Herrscher – als gäbe es ein unausgesprochenes Gebot, einen stillen Pakt, der ihnen verbietet, auch nur ein Wort darüber zu verlieren.
Was zwischen den Bergen geschieht, bleibt hinter den Bergen.
--------------------------------------------------------------------------
Einer der Halbriesen warf sich zwischen Claurian und Jasmins tödlichen Angriff. Das goldene Schwert durchbohrte seinen massigen Körper, drang tief in seinen Bauch ein, bis die Spitze aus seinem Rücken ragte.
Claurian befreite sich aus ihrer Starre und sprang zur Seite, ihre Muskeln schmerzten, ihr Atem ging schwer. Dann sah sie sein Gesicht.
Der Halbriese grinste. Blut quoll aus seinem Mundwinkel, tropfte auf den kalten Pflasterstein, doch er zeigte keine Spur von Schmerz. Seine Augen funkelten – nicht in Furcht, sondern in Stolz. In Erfüllung.
Er hatte seine Pflicht erfüllt.
Jasmin zog ihr Schwert mit einem Ruck aus seinem Körper, als wäre er nicht mehr als ein Hindernis auf ihrem Weg. Sie würdigte den Halbriesen keines Blickes, für sie war er bedeutungslos, kaum mehr als ein Kiesel am Rand der Straße.
Ihr Blick lag nun wieder auf Claurian.
Claurian spürte, wie sich ihre Finger um den Griff einer ihrer beiden verbliebenen Säbel schlossen. Ihr Körper war angespannt, jeder Muskel zum Zerreißen gespannt. Jasmins blitzschnelle Schritte ließen keinen Raum für Gedanken – sie kam auf sie zu, ihr Schwert erhoben, bereit für den finalen Hieb.
Claurian riss einen ihrer Säbel hoch.
Metall kreischte auf. Doch kaum hatte die Klinge den goldenen Stahl berührt, zerschnitt Jasmins Schwert sie mit erschreckender Leichtigkeit. Die Klinge zerbrach, funkelnde Splitter flogen durch die Luft, und ein glühender Schmerz explodierte in Claurians Schulter, als das Schwert sich tief in ihr Fleisch grub.
Ein Schrei entrang sich ihrer Kehle.
Doch noch bevor Jasmin nachsetzen konnte, schlug Claurian zu – und traf.
Die geborstene Klinge schnitt über Jasmins Wange, riss die Haut auf, ließ Blut spritzen.
Jasmin taumelte einen Schritt zurück. Claurian stolperte ebenfalls, beide trennten sich, als hätte ein unsichtbarer Sog sie voneinander weggezogen.
Für einen Moment verharrten sie so.
Dann begann sich Jasmins Wunde zu schließen.
Das Fleisch heilte, als wäre es nie verletzt worden.
Doch auch Claurians Wunden begannen sich zu regenerieren. Der brennende Schmerz ließ nach, das aufgeschnittene Fleisch wuchs zusammen, als wäre nichts geschehen.
Die Kraft der Divs.
Ein Fluch oder ein Segen – sie erlaubte ihnen, sich zu heilen, solange sie ihren Feind verletzten. Zwei Kriegerinnen, gefangen in einem Kampf, der sie beide unaufhörlich wiederherstellte.
Claurian sog scharf die Luft ein. Sie wusste, dass ihr Kampfstil gegen eine Gegnerin wie Jasmin kaum geeignet war. Ihre Stärken lagen in Geschwindigkeit und Präzision – doch wie tötete man jemanden, der sich nach jeder Verletzung erneut erholte?
Sie hatte nur noch einen Säbel. Die anderen beiden waren zerstört oder lagen unerreichbar weit entfernt.
Jasmin hob eine Hand.
Goldenes Licht begann sich in ihrer Handfläche zu formen, ein gleißender Blitz, reine zerstörerische Macht.
Claurians Muskeln spannten sich – doch sie kam nicht mehr dazu, zu reagieren.
Plötzlich wurde Jasmin mit roher Gewalt von den Füßen gerissen.
Mit einem wuchtigen Aufprall krachte sie durch das Fenster eines Hauses, Glassplitter regneten auf die Straße.
Hinter ihr ertönte ein markerschütternder Kampfschrei – und der Halbriese, der sich mit unbändiger Kraft in sie geworfen hatte, sprang ihr mit brennendem Zorn hinterher.
--------------------------------------------------------------------------
In der Gesellschaft der Halbriesen existiert eine uralte Tradition – die der zwei Namen.
Den ersten Namen erhalten sie bei ihrer Geburt, ein einfacher Name, der sie als Kind dieser Welt kennzeichnet. Doch dieser Name ist nur eine Leihgabe, eine vorübergehende Bezeichnung, die nicht ihr wahres Selbst widerspiegelt. Ihr eigentlicher Name, ihr wahrer Name, muss verdient werden – nicht durch Worte oder Geburt, sondern durch Blut und Kampf.
Viele Halbriesenkrieger legen deshalb ihren ersten Namen ab und ziehen namenlos durch die Welt. Sie streben unermüdlich danach, sich im Kampf zu beweisen. Ihre Stärke, ihren Mut und ihre Ehre zu beweisen. Ein Name ist mehr als ein Wort – er ist ein Vermächtnis, eine Anerkennung durch die Ahnen.
Doch nicht jeder, der diesen Weg beschreitet, erreicht sein Ziel. Unzählige Halbriesen sterben, bevor sie je ihren zweiten Namen erlangen können. Doch dies ist kein Scheitern. Kein Grund zur Trauer.
Denn nach ihrem Glauben werden die im Kampf Gefallenen von ihren Urahnen aufgenommen. Jene, die mit Stolz und Entschlossenheit sterben, kämpfen auf einer anderen Ebene weiter – an der Seite jener, die vor ihnen gekommen sind. Ihr Kampf endet nicht mit dem Tod. Er setzt sich fort, bis sie sich ihren Namen auch im Jenseits verdient haben.
Für die Halbriesen, die sich dem Pfad des Kriegers verschrieben haben, gibt es also nur zwei mögliche Enden.
Entweder sie erringen ihren Namen – oder sie werden zu ihren Ahnen gerufen.
In ihren Augen ist beides ein Sieg.
--------------------------------------------------------------------------
Claurian setzte dem Halbriesen nach, der sich ohne Zögern hinter Jasmin hergestürzt hatte. Ihre Schritte hallten auf dem Pflaster wider, doch ihr Blick glitt noch einmal zu dem bereits gefallenen Halbriesen.
Er lag reglos auf dem Rücken, sein massiger Körper im Todeskampf erstarrt. Doch sein Grinsen – dieses unerschütterliche, wilde Grinsen – war selbst im Tod nicht gewichen. Es war, als hätte er bis zum letzten Atemzug Freude an dem Chaos gefunden, das er mit entfesselt hatte.
Doch Claurian hatte keine Zeit für Trauer.
Sie betrat das Gebäude, in dem der Kampf weiter tobte, und nahm die Szenerie mit einem einzigen, scharfen Blick auf.
Zwei Dinge fielen ihr sofort auf.
Zum einen lag der Halbriese, der Jasmin nachgejagt hatte, schwer atmend gegen eine bröckelnde Steinwand gelehnt. Sein riesiger Brustkorb hob und senkte sich unregelmäßig, eine tiefe, klaffende Wunde zog sich quer über seine Brust, das Blut lief in dunklen Strömen über seinen Bauch. Doch er hielt sich noch aufrecht – ein Zeugnis der schieren Kraft seines Volkes.
Vor ihm stand Jasmin. Majestätisch. Eiskalt.
Ihr goldenes Schwert war noch erhoben, doch sie machte keinen weiteren Schlag. Ihr Blick war herablassend, fast angewidert, als wäre der Halbriese nicht einmal würdig genug, von ihr getötet zu werden. In ihren Augen lag kein Zorn, keine Befriedigung – nur Abscheu.
Doch das zweite, das Claurian auffiel, war noch viel wichtiger.
Jasmins Wunden waren noch nicht verheilt.
Das war seltsam. Zuvor regenerierte sie sich augenblicklich, ihre Haut schloss sich schneller, als eine Klinge sie durchtrennen konnte. Doch hier, in diesem dunklen Raum, blieben die Schnitte in ihrem Körper, blieben die feinen Risse, die der Halbriese ihr zugefügt hatte.
Claurian zog eine Schlussfolgerung. Jasmin brauchte das Licht. Vielleicht den offenen Himmel. Vielleicht die Sonne selbst. Ohne sie war ihre Heilung gehemmt. Eingeschränkt.
Ein langsames, gefährliches Lächeln schlich sich auf Claurians Lippen.
Auch sie hatte eine Schwäche – sie musste ihre Gegner verletzen, um sich selbst zu regenerieren. Doch jetzt wusste sie, dass Jasmin ebenfalls eine Grenze hatte.
Ein Sieg war möglich.
Ohne zu zögern sprang sie zurück ins Freie, ließ den sterbenden Halbriesen hinter sich. Sie rannte mit festen, entschlossenen Schritten zu den verbliebenen beiden Halbriesen, die am Rand des Schlachtfelds standen, blutbedeckt, aber kampfbereit.
Ihre Augen loderten, als sie vor ihnen zum Stehen kam.
„Ich habe einen Plan“, keuchte sie, ihre Stimme entschlossen. „Aber er wird euch wahrscheinlich das Leben kosten.“
Die beiden Halbriesen tauschten einen kurzen Blick. Kein Zögern. Keine Furcht. Dann verzogen sich ihre Lippen zu breiten, wilden Grinsen.
Der größere von ihnen, ein massiger Mann mit einem Gesicht, das von Narben gezeichnet war wie eine Landkarte vergangener Schlachten, trat vor. In seinen Augen brannte ungebrochene Kampfeslust.
„Dann lass mal hören“, grollte er. Seine Stimme war tief, rau, voller Vorfreude.
--------------------------------------------------------------------------
Auch die vier Halbriesen, die später beim Sturm auf Randurin kämpften, waren Krieger ohne Namen.
Sie hatten Karnta schon früh verlassen – junge, ungestüme Krieger, getrieben von einem einzigen Ziel: sich ihren zweiten Namen zu verdienen. Für sie bedeutete das, sich dem Kampf zu stellen, Ruhm zu erlangen, einen Platz in der Geschichte zu beanspruchen.
Ihre Reise führte sie zuerst nach Malyl, die pulsierende Handelsstadt im Herzen der Mittellande. Dort erlebten sie zum ersten Mal die Welt außerhalb der Hamalien – das Stimmengewirr zahlloser Händler, das Klirren von Münzen, den Geruch exotischer Gewürze. Doch sie verweilten nicht lange. Ihr Weg führte weiter nach Norden, durch verschneite Täler und gefrorene Ebenen, bis sie Schneeburg erreichten. Von dort reisten sie weiter nach Kartaffel.
Doch nirgendwo fanden sie, wonach sie suchten.
Also zogen sie weiter nach Osten, immer auf der Suche nach einer Herausforderung, die ihresgleichen würdig war.
Dann, im Herzogtum Randurin, trafen sie auf Liam. Einen Elfen mit einer Vision. Ein Anführer mit einem Angebot, das sie nicht ablehnen konnten.
Er sprach nicht von Reichtum, nicht von Sicherheit oder Einfluss. Was er ihnen anbot, war mehr als das.
Ein Kampf. Ein legendärer Kampf auf Leben und Tod.
Die Halbriesen tauschten kaum einen Blick. Sie zögerten nicht, stellten keine Fragen. Sie schlossen sich ihm an.
Denn was war ein besserer Weg, sich ihren Namen zu verdienen, als gegen das mächtigste Reich der Welt zu kämpfen?
--------------------------------------------------------------------------
Als Jasmin aus den Schatten des Hauses trat, schlossen sich ihre Wunden in einem Augenblick. Das Sonnenlicht, das über ihre Haut strich, schien ihre Kräfte zu durchfluten, ihr Körper wurde wieder makellos. Ihre weißen Flügel breiteten sich weit aus, funkelten in der Mittagssonne wie göttliche Insignien. Jeder Muskel in ihrem Körper schien darauf vorbereitet, sich in den nächsten Angriff zu stürzen.
Claurian stand mitten auf der Straße, ein schiefes, herausforderndes Grinsen auf den Lippen. Sie kannte ihre Rolle in diesem Spiel – sie war der Köder. Und Jasmin würde sich darauf einlassen.
Wie erwartet reagierte Jasmin sofort.
Mit rasender Geschwindigkeit schoss sie auf Claurian zu, ihre Flügel schnitten durch die Luft wie scharfe Klingen, ihr Blick fixierte Claurian.
Doch bevor sie ihr Ziel erreichte, krachte plötzlich eine gigantische Masse von oben herab.
Der größere der Halbriesen, jener mit der rauen Stimme und den Narben im Gesicht, war vom Dach eines Hauses gesprungen – und in seinen riesigen Händen hielt er einen schweren Holzwagen, der eben noch randvoll mit Waren beladen war.
Mit brutaler Wucht krachte das massive Holzgebilde auf Jasmin herab. Der Boden unter ihr gab nach. Mit einem lauten Knirschen brach der Straßenbelag auf, und sie stürzte mitsamt dem Halbriesen in die Tiefe.
Ein Schacht.
Claurian sprang hinterher.
Ihre Füße berührten kaum den Boden, als sie landete. Das schwache Licht, das von oben herabfiel, warf lange, verzerrte Schatten auf die steinernen Wände der Katakomben – ein uraltes Labyrinth aus Gängen und Kammern, das sich unter Randurin erstreckte.
Vor ihr lag der Halbriese, schwer atmend, sein gewaltiger Körper gezeichnet von dem Sturz. Blut sickerte aus einer klaffenden Wunde in seiner Brust. Und über ihm – Jasmin.
Sie stand bereits wieder auf den Beinen, das goldene Schwert locker in der Hand, als wäre nichts geschehen. Kein Hauch von Zorn, kein Anflug von Überraschung in ihrem Gesicht – nur derselbe kalte, abfällige Blick, mit dem sie die Halbriesen betrachtete, als wären sie nichts weiter als lästige Insekten.
Dann bewegte sie sich.
Eine blitzschnelle, gnadenlose Bewegung – das Schwert drang tief in den Rücken des Halbriesen, durch Fleisch und Knochen, und in einem Moment war es vorbei.
Claurian wich zurück, täuschte einen panischen Rückzug vor. Sie wusste, dass Jasmin sie nicht entkommen ließ.
Jasmin folgte ihr. Genau wie geplant. Tiefer in die Katakomben hinein, fort vom Sonnenlicht. Die Dunkelheit legte sich um sie wie eine kalte Hand, die Luft wurde schwer, feucht und stickig.
Dann stoppte Claurian.
Jasmin bemerkte die Falle nicht.
Als sie zum Schlag ausholte, zuckte ein Schatten aus der Finsternis hervor – massive Arme schlangen sich um sie, rissen sie mit unmenschlicher Kraft zurück. Ihr Schwert entglitt ihren Fingern, schlug klirrend auf den Boden.
Der letzte verbliebene Halbriese hatte sie gepackt.
Er hielt sie in einem eisernen Griff, seine Muskeln spannten sich, als würde er mit jeder Faser seines Seins verhindern, dass sie sich befreite. Jasmin wand sich, versuchte, sich mit purer Kraft loszureißen – doch er ließ nicht los.
Zum ersten Mal seit dem Beginn des Kampfes sprach sie. Ihre Stimme war kalt wie ein gefrorener Dolch.
„Lass mich los, minderwertiger Halbriese. Kamera möge dich richten und deine ganze Brut ausrotten!“
Der Halbriese lachte nur. Ein tiefes, dröhnendes Lachen, das von den Wänden widerhallte, als würde die Dunkelheit selbst sich darüber amüsieren.
Claurian verlor keine Zeit. Sie stürzte sich auf Jasmins gefallenes Schwert.
Der Griff brannte sich in ihre Handflächen, als hätte die Waffe ein eigenes Bewusstsein, als würde sie sich gegen sie auflehnen. Doch Claurian ignorierte den Schmerz. Ihr Atem war ruhig, ihre Bewegungen entschlossen.
Sie holte aus. Und schlug zu. Mit einem einzigen, präzisen Hieb durchtrennte das goldene Schwert Fleisch, Knochen – Leben.
Zwei Köpfe fielen zu Boden. Der Halbriese. Jasmin. Ihre Körper folgten kurz darauf, brachen zusammen wie leere Hüllen.
Claurian stand über ihnen, das Schwert in der Hand, ihr Atem schwer. Der brennende Schmerz in ihren Handflächen ließ nach, und mit ihm verheilten die Wunden – als hätte das Schwert selbst ihr den Tribut gezollt. Langsam, erschöpft, ließ sie die Waffe auf den kalten Steinboden sinken.
Sie hatte gewonnen.
Nein.
Die Halbriesen hatten gewonnen.



Kommentare