Kapitel 115 - Hass auf die Heimat
- empirewebnovel
- 3. März 2025
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Die ersten Sonnenstrahlen fielen durch das kleine, salzverkrustete Fenster der Salzigen Schenke, der Taverne, in der Leyla untergekommen war. Das sanfte Licht tanzte auf den rauen Holzdielen, während das entfernte Rauschen der Wellen und die ersten geschäftigen Stimmen aus dem Hafenviertel den Morgen ankündigten.
Leyla drehte sich in ihrem Bett um und zog die dünne Decke enger um sich. Sie hatte nicht gut geschlafen. Ihre Gedanken hatten wie ein undurchdringlicher Nebel über ihr gehangen, schwer und bedrückend.
Der Krieg rückte näher.
Sie hatte den Stein und die damit verbundene Macht akzeptiert. Sie hatte beschlossen, nicht in der Vergangenheit zu verweilen, nicht an dem zu zerbrechen, was sie längst nicht mehr ändern konnte. Stattdessen hatte sie sich geschworen, stärker zu werden. Kontrollierter. Rationaler.
Und Opfer zu vermeiden. Doch war das überhaupt möglich?
„Wie soll ich in einem Krieg Opfer vermeiden?“ murmelte sie in die Stille des Zimmers, ihre Stimme rau vom Schlaf.
Was, wenn die Händler sich weigerten zu kapitulieren? Würde sie sie dann mit Gewalt zwingen müssen? Und selbst wenn – was, wenn der Krieg dann trotzdem weiterging?
Wie viele Unschuldige würden sterben müssen, ehe es vorbei war?
Langsam setzte sie sich auf, rieb sich mit einer Hand über das Gesicht und atmete tief durch.
Der salzige Duft des Meeres drang durch das offene Fenster, vermischt mit dem fernen Aroma von frisch gebackenem Brot und dem leichten Gestank nach Fisch und Teer. Sie stand auf, trat ans Fenster und ließ ihren Blick über die Hafenstadt und das weite, schimmernde Blau des Ozeans gleiten.
Die Handelsrouten waren bereits erwacht. Segelschiffe mit vollen Laderäumen verließen den Hafen, steuerten gen Norden, zu den wohlhabenden Märkten der kaiserlichen Städte. Ihre weißen Segel flatterten im Wind, eine perfekte Harmonie aus Ordnung und Zweckmäßigkeit.
Dann entdeckte sie ein weiteres Schiff. Ein Kriegsschiff.
Ihr Blick verengte sich.
Zwischen den friedlichen Handelsschiffen segelten andere Schiffe – größer, massiver. Schwarzgraue Rümpfe, mit verstärktem Bug, und magischen Kanonen an den Seiten, die bedrohlich im Morgenlicht glänzten.
Eines. Dann noch eines. Und dann noch viele mehr. Kriegsschiffe.
Die See war nicht so unbewacht, wie sie es gehofft hatte. Wenn die Schlachten auf dem Wasser entschieden wurden, würde dieser Krieg weitaus schwieriger werden, als sie angenommen hatte.
„Vielleicht wird es doch nicht so einfach…“ murmelte sie leise und legte eine Hand auf das kalte Fensterglas.
Der Krieg war nicht mehr nur ein Schatten am Horizont. Er war bereits auf den Tabakinseln angekommen.
Leyla drehte sich schließlich um und begann, sich anzuziehen. Sie musste ihren Kopf frei bekommen. Grübeln würde ihr nicht weiterhelfen.
Sie brauchte einen Plan.
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„Kannst du mir sagen, wie ich zur Kaifeng-Kampfschule komme?“
Leyla hatte mittlerweile gefrühstückt und war hinunter zum Hafen gegangen. Die salzige Luft war erfüllt vom geschäftigen Treiben der Seeleute, die Waren entluden, Netze flickten oder sich lautstark über den Kurs der kommenden Schiffe stritten. Der Geruch von Fisch, Teer und feuchtem Holz hing schwer in der Luft.
Hier, zwischen den geschäftigen Gestalten, hatte sie schließlich einen Seefahrer angesprochen – einen wettergegerbten Mann mit tiefen Falten um die Augen, einem grauen Bart und kräftigen Armen, die von harter Arbeit gezeichnet waren.
Er blinzelte sie an, bevor er mit rauer, kehliger Stimme antwortete.
„Die K’feng-Kampfschule? Die fin’st du beim Kristallturm.“
Seine Stimme war tief, seine Worte von einem Dialekt durchzogen, bei dem Leyla einen Moment brauchte, um ihn vollständig zu verstehen.
„Der Kristallturm?“ fragte sie nach, ihre Stirn leicht gerunzelt.
Der Seemann nickte und deutete mit einem kurzen Ruck seines Kopfes in Richtung der Hügel, die vor dem Kilassahara lagen.
„Ja. Wenn du den Wech in Richtung Berch nimmst, fin’st du ihn bald. Bist nech von hie, wa?“
Seine Augen musterten sie prüfend.
„Nein, ich komme aus dem Kaiserreich.“
Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, verdüsterte sich sein Gesicht.
Sein zuvor freundlicher, wenn auch distanzierter Blick wurde kalt, seine Kiefer mahlten für einen kurzen Moment, als würde er seine Gedanken zurückhalten müssen. Dann, ohne ein weiteres Wort, wandte er sich um und ging.
Leyla blieb stehen, betrachtete seinen Rücken, der im Gedränge der Hafenarbeiter verschwand.
„Ich kann es ihm nicht verübeln…“ murmelte sie leise.
Das Kaiserreich war für viele kein Zeichen von Ordnung oder Wohlstand, sondern von Unterdrückung und blutigem Ehrgeiz. Für sie selbst war es lange einfach nur Heimat gewesen. Doch für die Bewohner hier?
Sie schüttelte den Gedanken ab und konzentrierte sich auf das Wesentliche. Nun wusste sie, wohin sie musste. Mit zügigen Schritten folgte sie dem ihr beschriebenen Weg.
Die belebten Straßen von Tripolis’ Innenstadt lagen bald hinter ihr, die Geräusche des Hafens wurden leiser. Der Wind frischte auf, brachte den Duft von feuchter Erde und wilden Kräutern mit sich.
Dann sah sie ihn.
Den Leuchtturm.
Er ragte hoch über die Stadt, ein stolzer Turm, dessen Spitze in der Sonne funkelte. Doch das Besondere an ihm war nicht seine Höhe oder seine Form – sondern das, was ihn umgab.
Anstelle von gewöhnlichem Glas umgab ein grüner Kristall das Leuchtfeuer an seiner Spitze. Er fing das Licht ein und verwandelten es in ein smaragdfarbenes Schillern000000000000000000000, der sich sanft über die Landschaft legte.
Leyla blieb kurz stehen und betrachtete das Schauspiel. Eine seltsame Ruhe lag auf diesem Ort.
Als sie sich schließlich weiter umsah, fiel ihr Blick auf ein hölzernes Schild, das am Wegesrand stand. Die Schrift war einfach, aber deutlich.
,,Kaifeng-Kampfschule’’
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Die Kaifeng-Kampfschule hob sich deutlich von den anderen Gebäuden der Stadt ab.
Während der Großteil der Häuser in Tripolis entweder aus massivem Tropenholz oder sonnengebleichtem Sandstein errichtet war, bestand die Kampfschule aus geschichtetem Bambus. Die Wände wirkten auf den ersten Blick fragil, doch Leyla erkannte schnell, dass sie mit außergewöhnlicher Präzision und Stabilität bearbeitet worden waren.
Der Garten war eine Oase der Ruhe. Kleine, gepflegte Teiche lagen verstreut auf dem Gelände, in deren klarem Wasser schillernde Fische in ruhigen Bahnen schwammen. Die Blumen und Sträucher, die den Garten säumten, waren fremdartig – keine Pflanzen aus dem Kaiserreich, doch auch keine, die Leyla von den Tabakinseln kannte. Ihre Blätter waren ungewöhnlich geformt, ihre Blüten leuchteten in satten Farben, die sie noch nie zuvor gesehen hatte.
Sie betrat den Kiesweg, der zum Eingang der Schule führte.
Anstelle einer massiven Tür hing nur ein leichter Vorhang aus feinem Stoff vor dem Eingang, sanft im Wind schwingend. Sie hob ihn mit einer Hand an und spähte vorsichtig ins Innere.
Ihr Blick blieb sofort an einer Gestalt haften.
„Ein Merid?“ murmelte sie überrascht.
Mitten im Raum stand ein Merid, sein Körper schlank. In den Händen hielt er ein Schwert, dessen Klinge von einer dünnen, flüssigen Schicht aus Wasser umgeben war.
Leyla beobachtete ihn einen Moment lang. Wozu das diente, konnte sie nicht einschätzen. War es eine Art Magieverstärkung? Ein Schutz für die Klinge? Oder eine Technik, die ihre Wirkung erst im Kampf entfaltete?
Ohne ein weiteres Zögern betrat sie den Raum und ließ sich mit gekreuzten Beinen auf eine der Matten am Boden sinken. Sie beobachtete den Merid weiter, ließ ihm Zeit, sein Training zu beenden, bevor sie schließlich das Wort ergriff.
„Hey, ich bin Leyla. Ein… Bekannter hat mir geraten, hierherzukommen. Gehört die Schule dir?“
Der Merid drehte sich zu ihr um, und sie nahm sich einen Moment, um sein Gesicht zu mustern.
Seine großen, wässrigen Augen waren unübersehbar, seine Gesichtszüge leicht asymmetrisch, und als er den Mund öffnete, fielen ihr sofort seine schiefen Zähne auf.
„Nein, tut sie nicht,“ antwortete er mit einem leichten Lispeln, das seinen ohnehin markanten Ausdruck unterstrich. „Derjenige, der die Schule erbaut hat, ist schon lange tot. Es steht Kämpfern frei, hier zu trainieren. Die Kampfschule gehört der Stadtverwaltung von Tripolis.“
Seine Stimme war nicht feindselig, aber distanziert. Kein Interesse an höflichem Geplänkel, kein unnötiger Respekt.
Das Wasser um sein Schwert verschwand und er steckte die Waffe mit geübter Ruhe weg. Dann drehte er sich um, bereit zu gehen.
Doch Leyla wollte ihn nicht einfach ziehen lassen. Vielleicht war er die Gelegenheit, die sie brauchte.
„Ich habe gehört, dass es einen Tunnel gibt, der direkt in den Palast von König Nereus führt“, sagte sie, ihre Stimme ruhig, aber bestimmend. „Kannst du mir helfen, eine Erlaubnis zu erhalten?“
Der Merid erstarrte mitten in der Bewegung.
Langsam drehte er sich zu ihr um. Seine großen Augen fixierten sie, in ihnen ein Funkeln, das irgendwo zwischen Zorn und Abscheu lag.
„Warum glaubst du, dass ich dir helfen könnte?“ Seine Stimme war nun kälter, sein Blick durchdringender.
„Nun, du bist ein Merid,“ begann Leyla vorsichtig, „deswegen dachte…“
„Ja, falsch gedacht.“
Seine Worte scharf wie eine Klinge.
„Nur damit du es weißt.“ Seine Finger ballten sich zur Faust. „Ich hasse Mylrie!“
Die letzten Worte ließ er mit scharfem Nachdruck in den Raum fallen, als wäre allein die Erwähnung der Stadt eine Beleidigung.
Leyla sagte nichts.
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„Also Leyla, tu mir einen Gefallen und lass mich in Ruhe!“
Seine Stimme klang gereizt, seine Haltung spannte sich an, als wäre jede weitere Sekunde dieses Gesprächs eine Zumutung für ihn.
Für einen Moment wusste Leyla nicht, wie sie reagieren sollte. Doch anstatt sich zurückzuziehen, trat sie einen Schritt näher und stellte sich ihm direkt gegenüber.
Ihr Blick blieb ruhig, doch sie spürte die unterschwellige Spannung in der Luft.
„Nun, es tut mir leid, dass ich das angenommen hatte.“ Ihre Stimme blieb fest, aber nicht herausfordernd. „Darf ich wenigstens fragen, warum du Mylrie hasst?“
Der Merid funkelte sie an, seine Kiefer mahlten, als würde er sich das nächste Wort genau überlegen.
Sie konnte sehen, dass er mit sich rang – ob er einfach gehen oder sich doch auf dieses Gespräch einlassen sollte.
Schließlich entschied er sich.
„Die Stadt ist das letzte.“ Seine Stimme triefte vor Verachtung. „Glaub mir, dort zu leben ist ein Albtraum. Der König behält alles für sich selbst. Und die Armen? Die fressen sich gegenseitig auf!“
Seine Finger ballten sich zu Fäusten, während er weitersprach.
„Es wäre für alle am Besten, wenn Mylrie untergeht.“
Leyla musterte ihn nachdenklich.
Das war ein völlig anderes Bild, als das, was sie bisher über Mylrie gehört hatte.
In den Erzählungen, die sie kannte, war die Stadt ein Paradies gewesen – ein Ort des Reichtums, des Friedens und der fortschrittlichsten Wassermagie. Ein Wunder inmitten des Ozeans.
Doch dieser Mann, ein Merid, jemand, der dort gelebt haben musste, sprach mit reinem Hass über diesen Ort.
Diese neue Erkenntnis machte ihre Entscheidung jedoch nur einfacher.
Der Runenstein, das Artefakt, das die Stadt vor den Monstern der tiefen Gewässer schützte, lag in Mylrie. Sobald sie ihn in ihren Besitz brachte, würde Mylrie fallen. Die Stadt würde von den Monstern des Meeres verschlungen werden.
Und wenn sie wirklich so verkommen war, wie der Merid es behauptete, dann war das vielleicht nichts weiter als ein unausweichliches Ende. Ein Schicksal, das sich Mylrie selbst zugezogen hatte.
„Da hast du nichts zu sagen, wa’?“
Der Merid wurde aufgrund ihres Schweigens zusehends wütender. Seine Augen blitzten, als er Leyla scharf musterte.
„Du würdest dich also freuen, wenn Mylrie fallen würde?“ fragte sie langsam, mit bedachtem Ton. Sie wollte es genau wissen.
Er zögerte keine Sekunde.
„Ja!“ schrie er, die Stimme von reiner Emotion getränkt.
Leyla ließ einen Moment verstreichen, ließ ihn in seiner Wut stehen. Dann setzte sie ein ruhiges, beinahe kühles Lächeln auf.
„Nun, dann haben wir ein gemeinsames Ziel.“
Sie richtete sich auf, ihre Haltung strahlte absolute Entschlossenheit aus.
„Ich stelle mich noch einmal vor: Ich bin Leyla, zehnte Kaiserliche Kopfgeldjägerin.“
Ihre nächsten Worte ließ sie bewusst langsam fallen, damit jedes einzelne Gewicht hatte.
„Und ich werde Mylrie zerstören.“
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Sandyr stand einfach nur da.
Hatte er sich verhört?
Eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin? Und noch dazu eine, die Mylrie zerstören wollte?
War das die Gelegenheit, auf die er so lange gewartet hatte?
Seine Augen verengten sich, als er die Frau vor sich genauer musterte. Ihr tiefblaues Haar fiel ihr bis zu den Schultern, ihre Haltung war aufrecht, voller Selbstsicherheit. Er suchte nach Unsicherheiten, nach dem kleinsten Anzeichen von Täuschung – einem nervösen Zucken, einem unruhigen Blick.
Doch da war nichts.
„Wie genau willst du die Stadt zerstören? Und warum?“ fragte er schließlich, seine Stimme klang ruhig, doch in seinem Inneren tobten die Fragen.
Die Frau zögerte.
Es war nur ein kurzes Zögern, kaum wahrnehmbar – aber es war da. Sandyr erkannte, dass sie ihm nicht die ganze Wahrheit sagen wollte.
Er schnaubte leise.
Gerade als er sich abwenden und das Gespräch beenden wollte, bereit, in die nächste Taverne zu gehen und die Erinnerung daran im Alkohol zu ertränken, begann sie plötzlich zu sprechen.
„Es gibt in Mylrie ein besonderes… Artefakt.“
Ihre Stimme war ruhig, doch er hörte die unterschwellige Spannung darin.
„Dieses Artefakt gehört zu mir, und ich werde es mir holen. Sobald es nicht mehr in Mylrie ist, wird die Barriere, die die Stadt vor den Monstern des Ozeans schützt, verschwinden.“
Ein Artefakt?
Sandyr runzelte die Stirn.
So hatte er nie über die Barriere nachgedacht. Er hatte sie immer als gegeben betrachtet – ein ewiges, unerschütterliches Schutzschild, das die Stadt umgab, seit er denken konnte. Doch jetzt, wo er darüber nachdachte…
Es ergab Sinn. Jemand, oder etwas, musste diese Barriere erschaffen haben. Und das, was auch immer es war, musste sie erhalten.
Und wenn das wirklich von einem Artefakt abhing… dann war Mylries Schicksal an einen einzigen Gegenstand gebunden.
Er spürte, wie sich sein Puls beschleunigte. Das hier könnte seine Chance sein. Die Gelegenheit, endlich Rache zu nehmen. Langsam formte sich ein grimmiges Lächeln auf seinen Lippen.
„Wollen wir zusammen arbeiten?“ fragte er schließlich, seine Stimme klang ernster als zuvor.
Leyla erwiderte sein Lächeln mit einer kühlen Zufriedenheit.
„Gerne“, sagte sie, und es war keine leere Floskel. Sie meinte es ernst. „Ich würde das Ganze gerne schnell hinter mich bringen.“
Sandyr nickte zufrieden.
,,Dann machen wir das so. Mein Name ist übrigens Sandyr.’’



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