Kapitel 116 - Der Wahnsinn und der Teufel
Aktualisiert: 5. März 2025

Nur vier Personen befanden sich in dem kleinen Raum, hoch oben im Herzen des Kaiserpalastes.
Die Wände waren mit kunstvollen Wandteppichen geschmückt, schwere Vorhänge hielten das gleißende Licht der Mittagssonne zurück. Ein massiver, dunkler Holztisch dominierte die Mitte des Raumes, und darauf lagen sorgfältig versiegelte Schriftrollen, Berichte und Karten – Dokumente, die über die Zukunft des Kaiserreichs entscheiden konnten.
Kaiser Verion III hatte nur zwei Gäste zu dieser Lagebesprechung eingeladen. Zwei Männer, die zu den einflussreichsten Personen des gesamten Reiches zählten.
Der erste war Selfmun Aragi, der Kaiserliche Minister.
Er war zweifellos der mächtigste Adlige außerhalb der Algavia-Dynastie. Als Minister lenkte er die Innenpolitik des Landes, kontrollierte die Verwaltung und zog im Hintergrund an den Fäden der einflussreichsten Fraktionen – dem Militär, den Magierakademien, dem Adel.
Doch Verion vertraute ihm nicht.
Es wäre töricht, Aragi zu vertrauen.
Er war ein Mann, der stets an seinen eigenen Zielen arbeitete. Jemand, der mit den richtigen Versprechen und einem lohnenden Angebot selbst ihn, den Kaiser, verraten würde. Doch Verion wusste das – und er wusste auch, dass Aragi sich seiner Beobachtung ebenfalls bewusst war.
Der Grund, warum der Kaiser ihn nicht bereits ersetzt oder beseitigt hatte, war so simpel wie pragmatisch:
Er machte seinen Job gut.
Er hielt die Adelsfraktion unter Kontrolle. Und wenn der Kaiser ihm einen Auftrag erteilte, dann wurde dieser erledigt – effizient, skrupellos und ohne unnötige Verzögerungen.
Selfmun Aragi war unter vielen Namen bekannt, doch der, den man am meisten geflüstert hörte, war „Der Rote Teufel“.
Und in diesem Moment konnte Verion es sich nicht leisten, auf ihn zu verzichten.
Die zweite Person war sein fünftgeborener Sohn, Kronprinz Hypos.
Im laufenden Prinzenspiel führte er mit Abstand. Mit achthunderteinundvierzig Punkten hatte er sich an die Spitze gesetzt, seine Errungenschaften übertrafen die seiner Brüder bei weitem. Er hatte sich bewiesen, hatte dem Reich mit seinen Taten einen erheblichen Nutzen gebracht.
Doch er war auch der problematischste der Prinzen.
Unter dem Volk war er als „der wahnsinnige Prinz“ bekannt – ein Beiname, der keineswegs unbegründet war.
Verion wusste, dass sein Sohn oft Dinge tat, die jegliche Normen sprengten. Er war unberechenbar, seine Handlungen folgten einer Logik, die nur er selbst verstand.
Verion wusste auch, dass er Mitschuld daran trug. Die Isolation, die er Hypos in seiner Kindheit auferlegt hatte, hatte das Feuer in ihm nicht gelöscht – es hatte es in etwas anderes verwandelt.
Es war einer der wenigen Fehler, die der Kaiser sich selbst eingestand.
Doch trotz seiner Unberechenbarkeit war Hypos brillant. Ein wahnsinniges Genie.
Wäre ein anderer Kronprinz vor ihm, hätte Verion ihn eingeladen. Doch das Schicksal hatte es anders bestimmt – und so musste er sich nun mit Hypos befassen.
Die vierte und letzte Person im Raum war Yang.
Die Anführerin der Kaiserlichen Kopfgeldjäger.
Die stärkste Person im gesamten Kaiserreich.
Und Verions persönliche Leibwache.
Sie sprach selten, doch ihre bloße Anwesenheit war eine unausgesprochene Drohung – eine Klinge, die jederzeit bereit war, zu schneiden.
Das Kaiserreich stand am Scheideweg.
Und in diesem Raum würden Entscheidungen getroffen werden, die über seinen Fortbestand bestimmen würden.
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„Ihr beide wisst sicher, warum ich Euch herbestellt habe.“
Verions Stimme war ruhig, kontrolliert – ein Mann, der seine Anspannung hinter makelloser Fassade verbarg.
Sowohl Aragi als auch Hypos nickten.
„Im Herzogtum Randurin gibt es Anzeichen einer Rebellion. Der Schwarze Stern hat seinen ersten großen Schritt getan.“
Seine Augen musterten die beiden Männer, scharf und prüfend. „Nun ist die Frage, wie wir darauf reagieren sollten. Legt mir Eure Pläne vor.“
Wie es sich gehörte, begann Selfmun Aragi.
Er erhob sich mit der Eleganz eines Mannes, der es gewohnt war, in höfischen Kreisen zu sprechen. Ein freundliches, kühles Lächeln lag auf seinen Lippen, während er sich tief verbeugte.
Dann begann er, ruhig und bedacht.
„Eure Majestät, ich danke Euch für die Gelegenheit, hier sprechen zu dürfen. Der Plan, den ich ausgearbeitet habe, ist folgender: Wir isolieren die Stadt.“
Kaum hatte er das ausgesprochen, erklang ein lautes Lachen.
Hypos.
Doch kaum traf ihn Yangs stechender Blick, verstummte er abrupt und lehnte sich mit verschränkten Armen in seinem Stuhl zurück.
Aragi fuhr unbeirrt fort.
„Wir errichten einen Wall zwischen Amarilles, Vanatorita und Grun, verstärken ihn mit Truppen und umschließen Randurin. Niemand betritt die Stadt, niemand verlässt sie. Gleichzeitig kappen wir jeglichen Handel. Nicht nur den auf dem Landweg, sondern auch den über das Meer.“
Er machte eine bedeutungsvolle Pause, sein Blick lag auf dem Kaiser.
„Wir richten eine maritime Blockade ein und leiten den internationalen Handel über Karintes und Kartaffel um. Die Terroristen in Randurin werden nicht sofort fallen – aber sie werden langsam ersticken. Sie werden hungern, verzweifeln, sich selbst zerfleischen. Nach einigen Monaten wird nichts mehr von ihnen übrig sein.“
Aragi setzte sich wieder, seine Finger legten sich locker über die Armlehnen seines Stuhls.
Verion betrachtete ihn nachdenklich.
Die Idee hatte ihre Vorzüge. Ein Belagerungskrieg bedeutete minimale Verluste für das Kaiserreich, während sich die Rebellen in Randurin selbst erledigen würden. Doch würde Abwarten wirklich die beste Lösung sein?
Gab er den Terroristen zu viel Zeit? Würden sie durchhalten, sich organisieren – oder gar Verstärkung erhalten?
Ehe er seine Gedanken weiter vertiefen konnte, erhob sich Hypos.
Sein goldener Anzug glänzte im Licht der Kerzen, als er sich mit ausgebreiteten Armen vor Verion stellte. Seine Stimme war laut, beinahe schreiend.
„Ich denke, wir sollten sie sofort töten!“
Er riss die Arme hoch, als würde er die Wände selbst einreißen wollen.
„Schickt die ganze Armee, schickt den Goldenen Löwen, schickt Yang!“
Seine goldenen Augen funkelten, während er weitersprach, als würde ihn allein der Gedanke an Zerstörung in Euphorie versetzen.
„Und wenn nötig, brennen wir die Stadt nieder! Löschen sie aus, bis nur noch Asche übrig ist! Und dann – bauen wir sie neu auf!“
Er ließ sich mit einer dramatischen Bewegung wieder in seinen Stuhl fallen, ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Ein Moment der Stille folgte.
Verion schloss für einen Wimpernschlag die Augen und atmete langsam aus.
Sein Sohn war impulsiv. Unberechenbar. Aber eines musste er ihm lassen – Hypos hatte ihm eine Alternative geboten.
Doch war ein direkter Angriff die beste Wahl?
Klar war: Yang würde er nicht schicken.
Sie war sein Schutzschild, seine unerschütterliche Versicherung gegen Verrat und Machtspiele. Ohne sie an seiner Seite wäre seine Kontrolle über das Reich schwächer, vielleicht sogar gefährdet.
Aber was war mit dem Goldenen Löwen – seiner Privatarmee?
War es das Risiko wert?
Der Kaiser lehnte sich langsam zurück, seine Finger trommelten leise auf die Tischplatte.
Zwei Vorschläge. Zwei Wege.
Welcher würde das Kaiserreich am wenigsten kosten?
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Jetzt war Selfmun Aragi wieder an der Reihe.
Es war an ihm, den Vorschlag von Hypos auseinanderzunehmen, ihn als das bloßzustellen, was er war – ein unüberlegter Wahnsinnsakt, getrieben von Impulsivität statt Strategie.
Langsam erhob sich der Kaiserliche Minister, sein Blick fest auf den Kronprinzen gerichtet. Seine roten Augen funkelten scharf, als er Hypos direkt fixierte.
„Der Plan, den Ihr vorschlagt, Eure Hoheit, ist, mit Verlaub, Wahnsinn.“
Er sprach das Wort bewusst langsam aus, mit Nachdruck.
Natürlich würde er dieses Wort wählen.
Er wusste, dass es Wirkung hatte – vielleicht nicht auf Hypos selbst, der stets in lautes Lachen ausbrach, wenn er so genannt wurde, doch auf jede rational denkende Person im Raum.
Jeder verstand, was Aragi damit andeuten wollte.
„Erstens: Wir stehen nur wenige Tage vor der Kriegserklärung an die Tabakinseln.“
Seine Stimme blieb ruhig, doch sie trug einen eisernen Ton mit sich.
„Wir können es uns nicht leisten, den Goldenen Löwen oder große Teile der Armee für einen inneren Konflikt abzuziehen. Das würde uns schwächen. Wir müssen Prioritäten setzen.“
Er legte eine Hand auf den Tisch, sein Blick glitt nun zu Kaiser Verion.
„Zweitens: Randurin ist keine gewöhnliche Stadt. Die Boz macht einen direkten Sturm nicht nur kostspielig, sondern zu einem potenziellen Desaster.“
Er ließ den Satz bewusst im Raum stehen, gab dem Kaiser Zeit, das Gewicht dieser Worte zu verinnerlichen.
Dann wandte er sich wieder an Hypos, musterte ihn mit einer Mischung aus Belustigung und Berechnung.
„Und drittens: Wie könnt Ihr es wagen, zu fordern, dass Seine Majestät Yang nach Randurin schickt?“
Aragi schüttelte langsam den Kopf, als wäre der Gedanke allein eine Beleidigung. Nun, er war es auch.
„Natürlich würde die Stadt innerhalb eines halben Tages fallen, falls sie sich selbst die Mühe machen würde. Aber ist Euch überhaupt bewusst, was Ihr damit vorschlagt?“
Seine Stimme wurde schärfer.
„Seine Majestät ohne Yangs Schutz? Inmitten einer bevorstehenden Invasion?“
Er lehnte sich leicht vor, sein Tonfall war gespielt arglos.
„Oder… möchtet Ihr etwa, dass eine solche Gelegenheit entsteht? Eine, die Euch nützen könnte, Kronprinz?“
Die letzten Worte ließ er mit gezielter Schärfe fallen.
Dann setzte sich Aragi wieder hin, schloss kurz die Augen, als hätte er das Gespräch bereits für sich entschieden.
Verion musste ihm eines lassen: Aragi war schlau. Und er wusste, wie man Worte in einer Rede geschickt nutzte.
Jeder einzelne Punkt, den er genannt hatte, war richtig.
Sie konnten nicht riskieren, ihre militärische Stärke in einen Belagerungskrieg zu investieren, während sie gleichzeitig einen Angriffskrieg gegen die Tabakinseln vorbereiteten.
Die Boz machte eine gewaltsame Eroberung nicht unmöglich – doch sie würde viele Opfer fordern. Wie viele Soldaten müsste er opfern, nur um eine Handvoll Terroristen zu töten?
Terroristen, die nicht nur einen Kaiserlichen Kopfgeldjäger getötet, sondern sogar das Schwert Kameras besiegt hatten?
Und dann war da noch die Frage der Loyalität.
Ein Verrat seines Sohnes? Verion konnte es sich nur schwer vorstellen. Es passte nicht zu Hypos.
Selbst wenn er das Prinzenspiel gewann – wollte er wirklich den Thron?
Der Kaiser ließ seinen Blick auf seinem Sohn ruhen.
Ein Wahnsinniger. Ein Genie. Eine unkontrollierbare Kraft.
,,Nun, es ist an dir, Hypos. Was hältst du von Aragis Position?’’
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Hypos erhob sich mit einer geschickten Bewegung, trat an den Tisch heran und ließ sich seelenruhig auf die massive Holzplatte sinken.
Yangs Augen verengten sich, ihr Blick fragte stumm den Kaiser um Erlaubnis. Doch Verion schüttelte kaum merklich den Kopf. Er wusste, dass es zwecklos war, Hypos in seinen Manieren zu maßregeln – und im Moment war sein Verhalten zweitrangig.
Dann begann der Kronprinz zu sprechen. Ein verrücktes Grinsen lag auf seinen Lippen, seine Stimme triefte vor Spott.
„Der Plan Aragis ist genauso einfältig wie seine Einwürfe zu meinem Vorschlag.“
Er ließ den Satz kurz in der Luft hängen, bevor er weitersprach.
„Für einen Sturm haben wir keine Truppen, aber für eine Blockade schon? Allein die Anzahl der Schiffe, die für eine effektive Seeblockade benötigt würden…“
Sein Blick verengte sich, als er sich leicht nach vorne beugte.
„Hat der Kaiserliche Minister etwa vergessen, dass wir uns gerade auf einen Krieg gegen einen Inselstaat vorbereiten?“
Er lachte leise, eine Mischung aus Belustigung und Wahnsinn.
„Einen Inselstaat, der nicht nur eine gut ausgebildete Flotte, sondern auch die meisten Schiffe der gesamten Region besitzt?“
Mit einer plötzlichen Bewegung glitt er vom Tisch, ging auf Aragi zu und legte dem Minister eine Hand auf die Schulter.
Aragi regte sich nicht.
Seine roten Augen fixierten Hypos ausdruckslos, emotionslos – ein Blick, in dem Verion keine erkennbare Reaktion lesen konnte.
Der Rote Teufel hörte einfach nur zu. Doch Hypos ließ sich davon nicht beirren.
„Ihr wollt einen Verteidigungswall errichten? Wozu?“
Er machte eine theatralische Pause, dann verzog sich sein Mund zu einem hämischen Grinsen.
„Um den Kaiser zu Tode zu langweilen?“
Er wandte sich nun direkt an seinen Vater.
„Ein Kaiser braucht seine Leibwache nicht ständig um sich herum. Dafür habt Ihr doch uns beide.“
Er setzte ein unschuldiges Lächeln auf, verbeugte sich in gespielter Demut – eine Karikatur höfischer Etikette.
Dann richtete er sich wieder auf, ließ seinen Blick herausfordernd über die Anwesenden schweifen.
„Wenn Ihr wissen wollt, warum mein Plan besser ist, dann fragt Euch einfach Folgendes: Was passiert, wenn die Stadt Verstärkung erhält?“
Er breitete die Arme aus, als würde er das Unvermeidliche illustrieren.
„Wenn sich mächtige Adlige der Rebellion anschließen? Wenn sich die Flammen des Aufstands über das gesamte Kaiserreich ausbreiten?“
Kaum hatte er fertig gesprochen, ließ er sich mit einem plötzlichen Ruck auf den Boden fallen, ging in die Hocke und setzte sich im Schneidersitz auf die kalten Steinfliesen.
Verion betrachtete ihn mit einer Mischung aus Missbilligung und Resignation.
Sein Sohn war unberechenbar. Wahnsinnig, ja – aber nicht dumm.
Tatsächlich würde auch Aragis Plan Ressourcen kosten. Die Truppen für die Blockade müssten unterhalten, der Handel umgeleitet werden. Es war eine langfristige Strategie – und ja, die Verluste wären geringer als bei einem direkten Angriff.
Doch Hypos hatte einen Punkt angesprochen, der ihm Sorgen bereitete.
Was, wenn Randurin nicht isoliert blieb?
Was, wenn andere Adlige sich dem Aufstand anschlossen? Was, wenn sich die Unruhen wie eine Seuche über das Land ausbreiteten?
Er wusste genau, wie schnell eine lokale Rebellion zu einem reichsweiten Bürgerkrieg werden konnte.
Jeder belesene Mann im Kaiserreich hatte „Die Lehren des Parenski-Bürgerkriegs“ gelesen.
Und Verion hatte sie nicht nur gelesen.
Er hatte sie verstanden.
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Die Lehren des Parenski-Bürgerkriegs
Sebastian Algavia, 605 n.d.g.K, überarbeitet von Rhovar Trellis, 1201 n.d.g.K
Kapitel I – Einleitung
Knapp zwanzig Jahre sind vergangen, seit der verheerende Krieg, der unser ruhmreiches Kaiserreich erschütterte, endlich sein Ende fand.
Elf Jahre des Chaos.
Elf Jahre, in denen ein brandgefährlicher Irrtum die Herzen der treuen Bürger vergiftete.
Die Massen, einst pflichtbewusst und aufrichtig, wurden von einem einzigen Mann auf einen verderblichen Pfad geführt – ein Pfad, der sie in die Irre leitete, sie zu Werkzeugen einer ebenso wahnsinnigen wie gefährlichen Idee machte.
Ein Brand, der nicht nur Städte, sondern auch den wertvollen Geist des Volkes niederbrannte.
Bevor wir jedoch einen detaillierten Blick auf diese Katastrophe werfen, ist es essenziell, zunächst die Ursprünge dieser Ungeheuerlichkeit zu verstehen.
Die Wurzel des Übels hatte einen Namen: Kim Parenski.
Ein einfacher Bauer, ein Mann von niederer Geburt, der sich für einen Gelehrten hielt.
Er war es, der mit seinem verfluchten Werk – einem Machwerk voller Irrtümer und Unwahrheiten – die Grundfesten unserer erhabenen Ordnung in Frage stellte.
Seine Anschuldigungen?
Der Kaiser? In seinen Augen ein Tyrann.
Der Adel? Blutsaugende Parasiten, die sich am einfachen Volk labten.
Der Kamerismus? Eine Farce, eine Fessel, die die Massen in Gehorsam hielt, ihnen falsche Träume von einer Erlösung im Jenseits versprach, um sie in ihrem irdischen Leben gefügig zu machen.
Lügen.
Hinterhältige, bösartige Lügen, die einzig und allein dem Zweck dienten, die unerschütterliche Ordnung unseres Kaiserreichs zu untergraben.
Seine Hinrichtung war die einzig richtige Entscheidung.
Doch das Gift, das er gesät hatte, war tief in die Herzen der Bürger eingedrungen.
Und so kam es, dass im gesamten Reich gute Männer und Frauen zu Rebellen wurden, sich gegen den Kaiser erhoben, verblendet von einem Trugbild der Gerechtigkeit.
Seine Majestät, im Glauben an die Vernunft seines Volkes, zögerte. Er hoffte, dass die Bürger den Irrtum erkennen und freiwillig auf den Pfad der Tugend zurückkehren würden.
Diese Nachsicht, geboren aus edlem Wohlwollen, erwies sich als verhängnisvoll.
Denn während der Kaiser wartete, rüsteten sich die Verräter.
Und das Reich zahlte den Preis.
Elf lange Jahre dauerte es, das Gift, das unser Land befallen hatte, herauszubrennen.
Elf Jahre des Kampfes.
Elf Jahre, die – durch einige bedauerliche Fehlentscheidungen – eine Opferzahl forderten, wie wir sie seit dem Großen Krieg nicht mehr gesehen hatten.
Doch schließlich siegte die Ordnung.
Und aus den Trümmern dieses verwerflichen Aufstands erwuchs eine neue Lehre, eine Wahrheit, die wir niemals vergessen dürfen. Eine Wahrheit, die ich nun erläutern werde.
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Wie sollte Kaiser Verion sich entscheiden?
Sollte er auf Aragi hören?
Es wäre die sicherste Option. Die Verluste blieben minimal, das Kaiserreich würde seine militärische Stärke für den bevorstehenden Angriffskrieg bewahren.
Doch was, wenn sich der Aufstand dadurch nur weiter ausbreitete?
Sollte er stattdessen auf Hypos hören?
Ein schneller, brutaler Angriff würde das Problem an der Wurzel packen. Kein Zögern, kein Risiko, dass sich die Rebellion ausweitete.
Doch was, wenn die Opfer zu groß wären? Wenn der Krieg gegen die Tabakinseln dadurch zu einem Fehlschlag würde?
Gab es noch eine dritte Möglichkeit?
Ja, die gab es. Doch auch sie war nicht ohne Gefahr.
Es gab einen Mann, der das Chaos im Alleingang beenden konnte. Einen Mann, den sein Vater einst verbannt hatte. Einen Mann, der nicht nur gefürchtet, sondern verachtet wurde.
Varon.
Ein Name, der selbst unter den kaiserlichen Magiern ein Tabu war.
Varon war ein Nekromant – ein Meister der verbotenen Künste.
Er hätte den Toten abschwören können. Er hätte seinem Kaiser die Treue schwören und sich von der dunklen Magie lossagen können.
Er hatte sich für das Exil entschieden.
Und dennoch…
Vielleicht war gerade er jetzt die richtige Lösung.
Kaiser Verion hatte seine Wahl getroffen.
Langsam erhob er sich von seinem Stuhl, sein Blick lag auf seinen beiden Beratern.
„Ich werde keine Eurer Optionen wählen.“ Seine Stimme war ruhig, doch voller Autorität. „Varon wird begnadigt. Er kümmert sich um Randurin.“
Einen Moment lang herrschte Stille. Dann bemerkte Verion das Lächeln auf Aragis Lippen. Es war subtil, kaum sichtbar – doch es war da. Irgendetwas an dieser Entscheidung störte Aragi nicht.
Nein.
Er schien sie zu begrüßen.
Hypos hingegen…
Hypos lag bereits lachend auf dem Boden.
„V-Vater…?“ keuchte er zwischen hysterischen Atemzügen.
—HAHAHAHA—
Er lachte, als hätte er soeben die beste Pointe seines Lebens gehört.
„Ihr seid wirklich ein Genie, Vater.“
Sein Lachen hallte durch den Raum, ungehemmt, wahnsinnig.
Verion seufzte. „Genug.“ Seine Stimme war hart, endgültig. „Lasst mich allein.“
Aragi erhob sich, verbeugte sich tief, ehe er sich wortlos umdrehte und den Raum verließ.
Hypos sprang auf, machte eine übertrieben höfliche Verbeugung – dann warf er Yang einen Kuss zu. Sie verzog keine Miene.
Dann rannte er Aragi hinterher.
Kaiser Verion seufzte erneut. Langsam ließ er sich zurück in seinen Stuhl sinken.
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„Bist du sicher, dass ich den Wahnsinnigen nicht beseitigen soll?“ fragte Yang mit der gleichen unbeteiligten Stimme wie immer.
Kein Zögern, keine Emotion. Als wäre es eine reine Formalität, ein lästiges Hindernis, das sie mit einer einzigen Bewegung aus der Welt schaffen würde.
Verion schwieg einen Moment, bevor er antwortete.
„Ja, das bin ich.“ Seine Stimme war ruhig, aber in seinen Gedanken wirbelten Zweifel.
Hypos war ein Risiko. Ein unberechenbarer Wahnsinniger. Und doch…
„Wir brauchen ihn, für das, was kommt.“
Er spürte, wie seine Finger sich wie von selbst um die Armlehne seines Stuhls schlossen.
Das, wovor ihn sein Vater gewarnt hatte. Kein Tag verging, an dem Verion sich nicht an diese letzten Worte erinnerte. Die Worte, die in seinen Gedanken nachhallten wie ein dunkles Omen.
,,Du musst sicherstellen, dass unser Reich in den nächsten Jahren stabil bleibt. Er wird kommen…’’
Sein Vater hatte nie gesagt, wer oder was kommen würde. Aber Verion wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war.
Sein Blick wanderte zu Yang. Zu der einzigen Person, der er wirklich vertraute.
„Schicke einen der Kopfgeldjäger nach Arkan. Er soll Varon zurückholen.“
Yang nickte wortlos und drehte sich zur Tür. Doch bevor sie den Raum verließ, warf sie ihm einen letzten Blick zu. Nicht fragend, nicht zweifelnd – nur beobachtend. Dann verschwand sie.
Die Tür schloss sich hinter ihr mit einem leisen Klicken. Verion blieb allein zurück. Seine Hände sanken in seinen Schoß, sein Blick ruhte auf dem Marmorboden vor ihm.
Er spürte das Gewicht seiner Entscheidung. Die Ungewissheit, die ihn fraß.
„Habe ich das Richtige getan?“ murmelte er bedrückt.
Niemand antwortete. Nur die Stille war Zeuge seiner Zweifel.



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