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Kapitel 117 - Geboren in Flammen

Aktualisiert: 4. März 2025

Nidhogg ließ seinen Blick über den verkohlten Leichnam von Colart gleiten. Der Kaiserliche Kopfgeldjäger war gefallen, seine Überreste ein rauchendes Mahnmal des Sieges. Der Gestank von verbranntem Fleisch lag schwer in der Luft, beißend und allgegenwärtig. 


Sein eigener Körper war gezeichnet von dem Kampf, seine Schuppen an mehreren Stellen verkohlt, sein Fleisch blutig und aufgerissen. Doch Schmerz war bedeutungslos. Er hatte gesiegt, und das war alles, was zählte.


Er streckte die Arme gen Himmel, schloss die Augen und atmete tief durch, ließ die Luft voller Tod und Zerstörung in seine Lungen strömen. Dann öffnete er den Mund, seine Stimme rau, zerschlissen von Rauch und Hitze.


"Kaen, nimm dieses Opfer an dich! Es ist nur die Vorspeise zu dem Festmahl, das folgen wird!"


Die Worte hallten durch die verwaisten Straßen. Für einen Moment war nichts zu hören außer dem Knacken brennender Trümmer. Dann, das unverkennbare Klirren von Rüstungen.


Soldaten.


Ihre Stiefel donnerten über den Pflasterstein, ihre Klingen blitzten im letzten Licht der untergehenden Sonne. Sie kamen auf ihn zugerannt, ihre Gesichter entschlossen, ihre Haltung voller Kampfgeist.


Nidhogg spürte die Erschöpfung in seinen Knochen. Eine weitere Verwandlung würde er heute nicht mehr schaffen. Mit den Soldaten würde er aber wohl noch fertig werden. Doch dann –


Die Soldaten blieben abrupt stehen.


Ihre Bewegungen froren ein, mitten im Lauf. Feine Kristalle begannen sich auf ihren Rüstungen zu bilden, breiteten sich rasend schnell aus, umschlossen Metall, Fleisch und Knochen gleichermaßen.


Nidhogg erkannte sofort — die Boz hatte gesprochen.


Innerhalb weniger Herzschläge waren die Männer zu unbeweglichen Eisskulpturen erstarrt, ihre Gesichter in einem letzten, stummen Schrei des Entsetzens gefangen.


Ein Lachen stieg in ihm auf, tief und kehlig, vibrierend in seiner Brust. Der Elf hatte Erfolg gehabt. Die Boz gehörte nun ihnen. Und ihre Macht war in dieser Stadt absolut.


"Dann kann ich mich ja meinem persönlichen Geschenk zuwenden", murmelte er mit dunkler Vorfreude.


Er setzte sich in Bewegung. Sein Gang war schwer, seine Muskeln brannten, doch es spielte keine Rolle. Sein Körper würde sich regenerieren, so wie er es immer tat. Die verbrannte Haut begann bereits, sich zu schälen, neue Schuppen wuchsen an den offenen Stellen nach. Er hatte keine Zeit zu warten.


Als er den Engelstempel des Cassiel erreichte, war die Sonne fast vollständig hinter dem Horizont verschwunden. Der Platz vor dem Tempel lag im Zwielicht, lange Schatten krochen über das Kopfsteinpflaster. Ein einzelner Mann stand dort.


Ein Engelskultist, gekleidet in ein zerknittertes, weißes Gewand, das von Staub und Asche befleckt war. Seine Hände zitterten, als er den Dolch umklammerte, der ihm kaum mehr als ein Symbol der Verzweiflung war.


Nidhogg beachtete ihn nicht. Er ging einfach an ihm vorbei, langsam, unbeirrt, als sei der Kultist nicht mehr als ein Insekt am Wegesrand. Er wollte, dass der Mann sah, was nun geschehen würde. Er wollte, dass er verstand. Dann spürte er es.


Ein plötzliches Stechen im Rücken, ein Schmerz, der kurz aufflackerte, bevor sein Körper ihn dämpfte.


Langsam drehte sich Nidhogg um. Seine Augen funkelten, glühten auf im Dunkel der Dämmerung.


,,Du wagst es, mich zu stören?"


Seine Stimme war leise, kaum mehr als ein Flüstern, doch sie durchbohrte den Kultisten wie eine Lanze. Der Mann zitterte, versuchte zurückzuweichen, doch Nidhoggs Hand schnellte vor. Seine Klauen schlossen sich um den Schädel des Kultisten, bohrten sich in die Haut.


Dann kam das Feuer.


Flammen brachen aus, verschlangen den Mann in Sekundenschnelle. Er schrie, sein Körper verkrampfte, doch es gab kein Entkommen. Nidhogg ließ ihn brennen.


Mit den Todesschreien als sinistre Melodie setzte er seinen Weg fort, schritt die breite Treppe des Tempels hinauf. Seine Schritte hallten schwer durch die Nacht, sein Atem dampfte in der kühlen Luft.


Die Tür des Tempels stand offen. Ein warmes, goldenes Licht flackerte im Inneren.


Er trat ein.



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Nidhogg wuchs in einem kleinen Vishapdorf auf, gelegen am Rande des Waldes der Träume. Es war ein friedlicher Ort, abgeschieden und ruhig, ein Dorf, in dem die Tage in stetigem Rhythmus vergingen, fernab der großen Konflikte der Welt.


Doch das änderte sich an dem Tag, an dem die Dracharen kamen.


Um das, was damals geschah, zu begreifen, muss man auf die Geschichte der Drachisten blicken.


Die Drachisten sind eine fanatische, radikale Splittergruppe, bestehend aus Dracharen. Sie glauben – fälschlicherweise – dass ihr Volk direkten Drachenblutes sei. Sie sehen sich als die einzig wahren Erben der alten Drachen, als reines Geschlecht, geschaffen, um über die Welt zu herrschen.


Doch während diese Überzeugung in sich schon gefährlich ist, so ist es ihr Hass, der sie zu einer Bedrohung macht.


Die Vishaps, die tatsächlich von Drachen abstammen, gelten ihnen als abartige Entartungen, als verfälschte Wesen, deren bloße Existenz eine Beleidigung für das Blut der Drachen darstellt. In ihrer verdrehten Ideologie ist ein Angriff auf die Vishaps kein Gewaltakt – sondern eine Tat der Gerechtigkeit.


An jenem Tag stießen die Drachisten auf das Vishapdorf. Und sie zögerten nicht.


Wie ein Sturm brachen sie über das Dorf herein. Häuser wurden in Brand gesetzt, das trockene Holz fing sofort Feuer, und binnen Minuten loderten Flammen gen Himmel. Die Schreie der Dorfbewohner hallten zwischen den Bäumen wider, während die Drachisten durch die Straßen jagten, ihre Magie mit einer tödlichen Entschlossenheit nutzend.


Nidhogg, noch ein Kind, hatte sich in einem der Häuser versteckt. Doch das Feuer fand ihn.


Die Hitze umhüllte ihn, sengend, verschlingend. Rauch brannte in seinen Lungen, die Flammen leckten an seiner Haut, an seinen Schuppen. Der Schmerz war unaussprechlich. In diesen Flammen wurde etwas in ihm geboren – ein Moment, der sich für immer in seine Seele einbrennen sollte.


Als das Dorf nur noch verkohlte Ruinen waren, schleppte er sich fort, hinaus in die Wildnis. Er wanderte, halb bewusstlos, in den Norden, wo die brennenden Erinnerungen des Massakers allmählich vom eisigen Hauch der Schneewälder betäubt wurden.


Doch die Kälte war gnadenlos. Seine Glieder wurden schwer, sein Atem wurde flach, und schließlich sank er in den Schnee. Der Frost kroch in seine Knochen, sein Körper zitterte. Er spürte, dass der Tod nahe war.


Dann hörte er Schritte. Eine Silhouette erschien vor ihm, ein Schatten in der weißen Leere. Ein Mensch.


Er kniete sich neben Nidhogg, betrachtete seine geschwärzten Schuppen, seine verbrannten Gliedmaßen. Er sagte nichts. Doch er nahm ihn mit.



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Während Nidhogg die letzten Stufen des Tempels erklomm, spürte er die Erschöpfung tief in seinen Knochen. Jeder Muskel brannte, sein Körper war schwer, doch nichts davon konnte ihn aufhalten.


Hinter sich hörte er immer noch die schrillen Schreie des Kultisten, ein klägliches Echo seines bevorstehenden Todes. Das Knacken von brennendem Fleisch, das Zischen verdampfenden Blutes – eine Symphonie, die Nidhogg mit tiefster Zufriedenheit erfüllte. Er drehte sich noch einmal um und ließ seinen Blick über den zuckenden, verkohlten Körper gleiten.


Ein breites Grinsen zog sich über sein Gesicht. Dann wandte er sich ab und betrat den Tempel des Cassiel. Den Tempel des Erzengels, den er von allen am meisten verabscheute.


Hier, in diesen Mauern, hatte man Cassiel angebetet, hatte ihn gefeiert, hatte in seinem Namen Gebete gesprochen und Schutz gesucht. Schutz vor ihm. Schutz vor Kaen.


Und nun?


Nun war es Nidhogg, der diese heiligen Hallen betrat, der sich ihren kalten Mauern entgegenstellte. Nun war es seine Flamme, die über Leben und Glauben entschied.


Fast zärtlich ließ er seine Klauen über die Wände am Tempeleingang gleiten. Wo immer seine Fingerspitzen den Stein berührten, züngelten kleine Flammen auf, setzten sich in den alten, trockenen Balken fest, krochen wie lebendige Wesen die Säulen empor.


Während das Feuer begann, sich hungrig durch den Tempel zu fressen, erhob er die Stimme.


,,Ich habe so lange auf diesen Moment gewartet", begann er, seine Worte bebend vor unterdrückter Ekstase. ,,Mein ganzes Leben lang brenne ich schon darauf, es dir heimzahlen zu können. All diese fehlgeleiteten Heiden, die aus Dummheit, Faulheit oder Ignoranz ein falsches Götzenbild wie dich anbeten, werden heute lernen, was es heißt, sich mit einem wahren Gott anzulegen."


Er trat tiefer in den Tempel, während die Flammen sich um ihn schlangen, ihn umfingen wie eine glühende Umarmung.


,,Sie werden lernen, was Furcht bedeutet, wenn sie sehen, wie ihr Tempel im Feuer des Großen Kaen aufgeht. Wenn all ihr Glaube, all ihre Überzeugungen, nur noch Asche im Wind sind."


Dann sah er sie. Die Statue.


Cassiel.


Sie ragte vor ihm auf, eine massive Gestalt aus poliertem Stein, makellos, unberührt vom Feuer. Noch. 


Nidhogg sprang. Mit einem einzigen, kraftvollen Satz landete er auf den Schultern der Statue. Seine Klauen packten den steinernen Kopf, hielten ihn fest, als würde er sich in dessen leblosen Augen spiegeln.


,,Wo ist dein Schutz jetzt, Cassiel?" flüsterte er, ehe er seine Flammen entfesselte.


Das Feuer brach aus seinen Händen hervor, ein loderndes Inferno, das sich gnadenlos in den kalten Stein fraß. Zuerst begann er zu schwelen, dann zu bröckeln, dann zu schmelzen. Nidhoggs eigene Schuppen glühten, seine Haut verbrannte, sein Fleisch fraß sich selbst auf. Doch der Schmerz war belanglos. Er war nur ein weiterer Tropfen in dem Ozean seiner Ekstase.


Er roch es – das verbrannte Fleisch, das sich mit dem Geruch von geschmolzenem Stein vermischte. Und er genoss es.


Als der Kopf der Statue kaum mehr als eine formlose Masse aus geschwärztem Stein war, ließ er los. Mit einem Satz sprang er nach unten, landete sicher auf dem Boden, während hinter ihm die einst makellose Statue in sich zusammenfiel.


Seine Brust hob und senkte sich schwer, seine Finger zuckten, als das Feuer langsam verebbte. Dann fiel sein Blick auf etwas.


Eine Treppe.


Versteckt in den Schatten der Flammen, führten die Stufen weiter hinab, tiefer in das Herz des Tempels. Etwas regte sich in ihm. Ein unbändiger Hunger.


Ohne zu zögern setzte er den ersten Schritt nach unten.



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Der Mann, der Nidhogg aufnahm, war kein gewöhnlicher Mann.


Er war ein Priester des Dämonenkults – ein Hüter vergessener Lehren, ein Mann, der an Dinge glaubte, die andere fürchten. Und doch war er wie ein Vater für Nidhogg.


Unter seinem Schutz lernte der junge Vishap von den Zehn Erzdämonen. Er sog die Lehren in sich auf, ließ sich von ihnen formen. Doch mit diesem Wissen erwachte in ihm ein innerer Kampf, ein Konflikt, der ihn in zwei Richtungen zog.


Da war die eine Seite, die sich nach Geborgenheit sehnte. Die kindliche Seite, die nichts weiter wollte als Ruhe und Frieden. Sie drängte ihn, sich der Erzdämonin Mew zuzuwenden, der Schutzherrin der Völker, der Erzdämonin des Gleichgewichts, die das Leben bewahrte und den Erhalt über die Zerstörung stellte.


Doch tief in ihm existierte eine zweite Stimme, eine dunklere, hungrigere Kraft. Sie erinnerte sich an die Flammen, die sein Dorf verschlungen hatten. Sie erinnerte sich an die Gesichter der Drachisten, an ihr grausames Lächeln, als sie metzelten, brannten, zerstörten. Diese Stimme schrie nach Rache. Sie rief nach Feuer. Sie rief nach Kaen, dem Erzdämonen des Feuers, der Zerstörung, der Vergeltung.


Lange Zeit war die friedliche Seite stärker. Nidhogg entschied sich, einen rechtschaffenen Weg einzuschlagen.


Er verließ das Dorf seines Ziehvaters, ließ die eisige Wildnis hinter sich und zog hinaus in die Welt des Kaiserreichs. Er reiste durch die gewaltigen Metropolen, durch die Kaiserstadt, durch Inhantes und Welldyl. Er wanderte durch fremde Straßen, lauschte den Geschichten unbekannter Kulturen und sah zum ersten Mal die Vielfalt der Welt mit eigenen Augen.


Doch am wichtigsten war, was er über jene lernte, die er einst hasste.


Er begegnete Dracharen. Nicht fanatischen Drachisten, nicht Mördern und Brandstiftern, sondern Leuten mit stolzen Gesichtern, die nichts mit der Blutideologie ihrer fanatischen Artgenossen gemein hatten.


Sie lehnten die Lehren der Drachisten ab. Sie verabscheuten deren Hass. Und Nidhogg verstand. Die Schuld lag nicht in der Blutlinie, nicht in der Herkunft.


Es waren die Taten, die den Wert eines Wesens bestimmten. Und so, nach langen Reisen und noch längeren Gedanken, verzieh er.


Als er schließlich in das Dorf zurückkehrte, das er einst sein Zuhause genannt hatte, wünschte er, er wäre nie fortgegangen. Nichts war mehr, wie es gewesen war.


Es stand in Flammen. 


Die alte, vertraute Siedlung brannte lichterloh. Auf den Mauern, auf den Türen der Häuser waren Symbole geschmiert, grobe, hastige Zeichnungen, die das allsehende Auge von Cassiel darstellten.


Überall Schreie. Schmerzensschreie, Todesrufe, Flehen um Gnade, die ungehört im Chaos verhallten.


Ein weiteres Mal sah Nidhogg, wie seine Welt niederbrannte.


Er rannte. Durch die Flammen, durch den Rauch, seine Schuppen sengten sich, doch er achtete nicht darauf. Er musste nach Hause.


Er stolperte durch die brennende Tür, rief nach seinem Vater – doch es kam keine Antwort. 


Dann sah er ihn.


Sein Körper war nur noch eine schwarze Silhouette. Verkohlt, reglos, ein lebloser Schatten in einem Meer aus Flammen. Nidhogg packte ihn, zog ihn aus den Flammen, versuchte ihn zu retten, doch es war zu spät. Der Körper war kalt, leblos, Asche in seinen Händen.


Er sank in den Schnee.


Seine Knie gaben nach, seine Schultern sanken herab. Warme Tränen rannen über sein Gesicht und tropften auf die eiskalte Oberfläche des Bodens. Minuten vergingen, dann Stunden, bis er nicht mehr wusste, wie lange er dort saß. Schließlich begann es zu schneien.


Flocke für Flocke begrub ihn der Winter unter sich, als würde die Welt selbst versuchen, ihn zu vergessen. 


Doch tief in ihm geschah etwas. Ein Funke begann sich zu regen.


Langsam, aber unaufhaltsam begann er zu wachsen. Er fraß sich durch die Trauer, ließ den Kummer verdampfen, bis nur noch eine brennende Flamme zurückblieb.


Dann stand er auf. Seine Augen waren trocken, sein Herz eine glühende Kohle. Er griff nach einem brennenden Ast, zog ihn aus den Trümmern des Hauses, sah auf die flackernde Glut.


Mit fester Hand presste er die Flamme gegen seine Brust. Das Zeichen Kaens brannte sich tief in seine Haut.


Sofort loderte sein Körper in einer Stichflamme auf. Schmerz explodierte in ihm, heißer als alles, was er je gefühlt hatte. Sein Atem stockte, sein Verstand taumelte unter der Wucht des Feuers, doch er fiel nicht.


Und dann hörte er sie. Die Stimme. Allgegenwertig, tief, warm wie die Glut selbst.


„Fürchte nicht, mein Kind. Die Flammen deiner Wut und Trauer, lasse sie niemals erlöschen.“


Er schloss die Augen. Und ließ sich vom Feuer verschlingen.



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Als Nidhogg am Fuße der Treppe ankam, stand er vor einer massiven Holztür. Die Flammen, die sich gierig durch den Tempel fraßen, hatten sie noch nicht erreicht. Doch es war nur eine Frage der Zeit, bis auch dieses letzte Refugium verschlungen werden würde.


Die Tür war kunstvoll verziert, ein Werk von Jahrhunderten. In den schweren, dunklen Holzplatten waren Szenen geschnitzt – Engel mit ausgebreiteten Flügeln, himmlische Heerscharen, göttlicher Schutz. Cassiels Zeichen.


Ein Symbol des Glaubens, den Nidhogg verachtete.


Mit einer langsamen Bewegung legte er seine Klauen auf das Holz. Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, die Tür einfach in Flammen aufgehen zu lassen. Doch dann packte er den Griff und riss sie auf.


Er trat hinein. Und erstarrte. Vor ihm kauerten sie – Kinder.


Vielleicht ein Dutzend. Zitternd, zusammengekauert in einer Ecke des Raumes. Große, angsterfüllten Augen, flehende Blicke. Einige weinten leise, ihre Körper von Ruß und Asche beschmutzt, während andere ihn mit panischem Entsetzen anstarrten, als könnten sie nicht fassen, was sie sahen.


Nidhogg blieb stehen. Seine Klauen zuckten, sein Atem verlangsamte sich. Erinnerungen stiegen in ihm auf.


An eine andere Zeit. An seine Kindheit. An seinen Vater. 


An den friedvollen Glauben, den er einst kannte.


Die Lehren Mews, die Lehren der Erhaltung. Das Versprechen von Schutz, von Mitgefühl. Der Wunsch nach Frieden, der ihn einst begleitet hatte.


Ein winziges Flackern, ein Funke in der Dunkelheit seiner Seele. Sollte er sie retten?


Er beugte sich langsam hinunter, sein Blick fiel auf ein kleines Mädchen, nicht älter als sechs Jahre. Sie saß am Rand der Gruppe, ihr Gesicht war schmutzig, verwaschen von Tränen, ihr dünnes, zitterndes Händchen klammerte sich an den Saum eines älteren Jungen. Doch ihre Augen – ihre Augen waren voller Hoffnung.


Als Nidhogg zu sprechen begann, war seine Stimme ungewohnt sanft. "Ich helfe euch. Kommt mit mir, und ihr werdet den morgigen Tag erleben."


Die Kinder zuckten zusammen, unsicher, ob sie seinen Worten glauben konnten. Dann löste sich das Mädchen aus der Gruppe, trat zaghaft einen Schritt vor und hob den Blick zu ihm.


„Cassiel muss dich geschickt haben,“ flüsterte sie, ihre Stimme kaum hörbar, aber mit einer Überzeugung, die tief in seine Knochen drang. „Ich danke dir.“


Ein einziger Satz. Und mit ihm zerbrach alles. Es war, als hätte sie ihm einen Dolch in die Brust gestoßen.


Cassiel.


Sie glaubte, dass er ein Werkzeug des Erzengels war. Dass sein Feuer, seine Macht, seine Entscheidung, ihr Leben zu verschonen, Cassiels Wille war.


Sein Gesicht erstarrte. Die sanfte Maske fiel. Seine Augen begannen zu glühen.


Ohne ein weiteres Wort packte er das Mädchen am Arm. Seine Krallen bohrten sich in ihre zarte Haut, und sofort loderten Flammen aus seinen Fingern.


Das Kind schrie.


Ihre Schreie waren schrill, panisch, füllten den Raum, während sich die Flammen über sie legten, ihre Kleidung, ihre Haut verschlangen. Sie versuchte, sich loszureißen, doch Nidhogg hielt sie fest, spürte, wie das Fleisch unter seinen Fingern zerfiel.


Die anderen Kinder schrien ebenfalls auf, krochen weiter in die Ecke, einige wankten vor Angst, einer begann zu beten.


Beten.


Zu Cassiel.


Etwas in Nidhogg lachte. Ein dunkler, verzerrter Teil von ihm, der sich über die Ironie dieser Situation amüsierte. 


Während die Kinder verbrannten, schloss er die Augen. Lauschte den Schreien und dem Knistern der Flammen. Er hatte ihnen eine Wahl gelassen. Sie hätten mit ihm gehen können. Sie hätten leben können.


Doch sie wollten Cassiels Schutz?


Dann sollten sie Cassiel um Schutz anflehen.


Die Flammen breiteten sich aus. Der Raum wurde zu einem Gefängnis des Feuers. Die Schreie der Kinder hallten, wurden lauter, drangen durch das steinerne Gewölbe.


Nidhogg stand still inmitten des Feuers. Er wartete. 


Wartete, bis die Schreie verstummten. 


Wartete, bis das Knistern des Feuers die einzigen Geräusche waren, die blieben.


Wartete, bis sich der beißende Geruch von verbranntem Fleisch mit dem Rauch vermischte.


Dann drehte er sich um.


Seine Schritte waren schwer, aber ruhig, als er sich aus dem brennenden Raum zurückzog. Er schloss die Tür hinter sich, ließ die Flammen hinter diesen Mauern ihren letzten Dienst verrichten.


Er sah nicht zurück.


Er war noch nicht fertig.



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In den Jahren nach seiner Geburt in den Flammen wuchs Nidhoggs Macht unaufhaltsam.


Sein Feuer brannte heißer, seine Wut loderte tiefer, und schließlich gelang ihm etwas, das nur wenigen Vishap vergönnt war – die vollkommene Drachenverwandlung.


Sein Körper wurde zu einem lebenden Inferno, ein Wesen aus Flammen und Zerstörung, eine Verkörperung von Kaens brennender Wut. Doch während seine Kräfte wuchsen, veränderte sich auch sein Hass. Die Dracharen waren längst nicht mehr das Ziel seiner Vergeltung – ihr Platz wurde von einem neuen Feind eingenommen.


Cassiel.


Sein Zorn richtete sich nun gegen die Erzengel und ihre Anhänger, gegen die selbstgerechten Priester, die blinden Gläubigen, die sich in ihren goldenen Tempeln verkrochen, während sie Verbrechen im Namen ihrer "Gerechtigkeit" begingen. Nidhogg zog durch den kalten Norden, ließ Städte hinter sich in Asche versinken, erschlug jeden Anhänger Cassiels, den er fand und wurde für viele zum schlimmsten Albtraum.


Die Flammen des Vishap brannten Dörfer nieder, doch nicht aus wahllosem Hass. Nein, er wählte seine Ziele. Jeder Brand war eine Strafe, jeder tote Priester eine Antwort auf vergangenes Unrecht. Er war überzeugt, dass er Gerechtigkeit übte, dass er die falschen Götzen von ihrem Thron stürzte. Doch für das Kaiserreich war er nur ein Monster – ein wahnsinniger Mörder, eine Bedrohung, die aus der Dunkelheit heraus zuschlug.


Das Kaiserreich suchte nach ihm und es fand ihn.


Und so begann die Jagd. Söldner, Soldaten, Attentäter – viele versuchten, ihn zu fassen, ihn zu töten. Doch keiner war ihm gewachsen, bis schließlich Nea kam.


Nea, eine der Kaiserlichen Kopfgeldjäger, stellte sich ihm entgegen. Ihr Kampf dauerte Stunden, zog sich über brennende Hügel und zugefrorene Flüsse, bis schließlich Nidhogg fiel.


Doch sie tötete ihn nicht. Sie ließ ihn leben.


Stattdessen wurde er dem Kaiser übergeben – ein Geschenk an den Thron.


Und anstatt ihn hinzurichten, entschied sich Kaiser Tavil IV für eine andere Strafe.


Er schickte Nidhogg nach Loin de la Peur.


Die berüchtigte Gefängnisinsel, verborgen im kalten, endlosen Nordmeer. Ein Ort, an dem die schlimmsten Verbrecher des Kaiserreichs verrotteten, wo das Eis alles verschlang, wo kein Leben jemals wiederkehrte.


Der Transport war sicher, die Wachen zahlreich, und doch …


Vielleicht war es Zufall.


Vielleicht war es Schicksal.


Vielleicht war es der Wille Kaens.


In Greifen, einem Küstendorf, das als letzte Station vor der Überfahrt nach Loin de la Peur diente, brach ein Feuer aus. Die Flammen rasten durch die engen Straßen, sprangen von Dach zu Dach, verschlangen Holz und Stein gleichermaßen.


Der Feuersturm traf den Gefängniswagen.


Die Wachen verbrannten. Die Fesseln zerfielen zu Asche. Nidhogg trat aus den Flammen hervor – ungebrochen, unaufhaltsam.


Er war frei.


Doch diesmal war er vorsichtiger. Er hatte gesehen, wie nah der Tod ihm gekommen war, hatte gelernt, dass rohe Gewalt nicht immer die Antwort war. Also tauchte er in den Schatten ab.


Er brannte keine Dörfer mehr nieder – nicht sofort. Er tötete weiterhin jene, die er für schuldig hielt. Doch er tat es stiller, präziser. Er lauerte, beobachtete, schlug erst dann zu, wenn er sicher war.


Er wurde zu einem Flüstern im Wind.


Und dann, eines Tages… klopfte ein Elf an seine Tür.



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Nidhogg schritt langsam durch die brennenden Überreste des Tempels, seine Schritte hallten dumpf über dem steinernen Boden, während sich die Flammen um ihn wie ein lebendiges Wesen wanden. Die Hitze war unerträglich, das Holz knisterte, und der Rauch bildete dichte, dunkle Säulen, die zur Decke aufstiegen. Doch all das war für ihn nichts weiter als eine vertraute Umarmung, eine Erinnerung an den Tag, an dem er in den Flammen wiedergeboren wurde.


Er drehte sich noch einmal zu den Trümmern hinter ihm um. Dort, wo einst die imposante Statue des Cassiel gestanden hatte, lagen nun nur noch geschwärzte Bruchstücke auf dem Boden verstreut. Das Gesicht des Erzengels war kaum noch zu erkennen, zerschmolzen und entstellt von den Flammen, die ihn verzehrt hatten. Ein Bild der Vergänglichkeit, der Ohnmacht der Engel vor der absoluten Macht des Feuers.


Nidhogg ließ seinen Blick über die Ruinen gleiten, sein Brustkorb hob und senkte sich schwer. Dann sprach er, und seine Worte hallten zwischen den brennenden Mauern wider, jedes Wort getränkt in tiefen, jahrzehntelang aufgestauten Hass.


„Du warst es, der den Funken gelegt hat, der in mir zu einem Inferno wurde“, sagte er leise, seine Stimme ein Grollen wie glühende Kohlen unter einer dicken Schicht Asche. „Du und deine Diener habt mein Volk abgeschlachtet, meine Heimat in Schutt und Asche gelegt. Du warst es, der meinen Vater sterben ließ. Und jetzt, Cassiel, bist du nichts weiter als ein Haufen geschmolzener Stein.“


Er schwieg für einen Moment, seine Klauen ballten sich zu Fäusten, als ob er das letzte bisschen Leben aus dem Erzengel selbst herausdrücken wollte.


„Aber du wirst nicht der Letzte sein.“


Seine Augen loderten auf, spiegelten das Feuer, das um ihn herum tobte.


„Jeder von euch wird fallen. Jeder Erzengel. Jeder, der es wagt, sich mir entgegenzustellen. Jeder, der sich weigert, die Reinheit des Infernos anzunehmen und sich stattdessen an falsche Götzen klammert. Ihr werdet alle brennen. Ihr werdet euch wünschen, es ginge schneller.“


Er wandte sich ab. Sein Werk hier war getan.


Mit schweren Schritten verließ er den Tempel, und als er ins Freie trat, spürte er die Kälte der Nacht auf seiner verbrannten Haut. Der Kontrast zwischen der eisigen Luft und der Hitze, die noch immer von ihm ausging, war beinahe berauschend. Das brennende Gebäude warf ein unnatürliches, flackerndes Licht auf die Straße, und in seinen Gedanken hörte Nidhogg noch immer das Knistern der Flammen, die die Kinder verschlungen hatten – das süße Geräusch der Vergeltung.


Er ging ein paar Schritte, dann sank er auf ein Knie. Der Schweiß auf seinen Schuppen verdampfte augenblicklich in der Hitze, seine Brust hob und senkte sich schwer. Dann sah er es.


Eine Silhouette im Feuer. 


Kaen. 


Nur für einen Moment. Ein Dämon aus Flammen, eine Erscheinung in den tanzenden Lichtern des brennenden Tempels. Doch es war genug.


Tränen rannen über seine geschwärzte Haut. Tränen aus Lava, aus Glut, Tränen, die verdampften, kaum dass sie seine Augen verließen. Doch sie waren echt.


Zum ersten Mal seit langer Zeit spürte er Frieden.


Er senkte den Kopf, legte die Hände auf den Boden und begann zu beten.


„Oh, großer Kaen, Meister der Flammen, Herr des allesverschlingenden Feuers…“


Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, doch es war voller Inbrunst, ein rohes, ungefiltertes Bekenntnis.


„Ich bringe dir diese Opfergabe, ein Tempel deines Feindes, zurückgegeben an die Flammen, die ihn einst formten. Doch dies ist erst der Anfang. Ich werde nicht ruhen, bis jeder dieser falschen Heiligen in Asche zerfallen ist. Bis ihre Namen vergessen sind, bis ihre Tempel Staub und ihre Anhänger entweder tot oder auf Knien sind, bettelnd um den gnädigen Feuertod.“


Er spürte die Hitze in seiner Brust anschwellen, als seine Gebete lauter wurden.


„Mein Blut ist Lava. Mein Herz ein wütendes Inferno. Und wo immer ich gehe, bleibt nichts als Glut und Rauch zurück. Dein Wille ist mein Wille, Kaen! Deine Flammen sind mein Pfad! Gepriesen sei dein Name, oh großes ewiges Feuer!“


Die Welt um ihn herum schien für einen Moment stillzustehen.


Dann… ein Geräusch.


Hinter ihm.


Eine Stimme, lässig und voller amüsierter Überheblichkeit.


[???] „Das ist aber mal ein Empfang. Ich muss mich bei dir bedanken, du hast mir mit deiner Tat noch mehr Ruhm ermöglicht.“


Langsam drehte Nidhogg den Kopf.


Seine Augen blitzten auf.


Wer wagte es, diesen Moment zu stören?

 
 
 

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