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Kapitel 118 - Das Lächeln eines Mörders

Es war bereits morgens, als Claurian durch die verwüsteten Straßen Randurins schritt. Die Sonne hing noch tief am Horizont, ihr fahles Licht tauchte die Stadt in einen unruhigen Dämmerzustand, der das Ausmaß der Zerstörung nur noch deutlicher machte. 


Der Wind trug den beißenden Geruch von Rauch und Asche mit sich – eine letzte Erinnerung an die Kämpfe, die die Stadt erschüttert hatten. Ruß und verbrannte Holzsplitter bedeckten den Boden, und hier und da waren noch Glutnester zu sehen, die in der kalten Morgenluft schwach glommen.


Liam hatte sie losgeschickt, um Nidhogg zu suchen, nachdem er Jakira fortgeschickt hatte. Nicht, dass sie wirklich Lust darauf hatte. Der Vishap und seine ewigen Predigten über Kaen, sein wahnhaftes Festhalten an dieser feurigen Götze, gingen ihr gehörig auf die Nerven. Doch ein Befehl war ein Befehl, und Liam hatte seine Anweisung deutlich formuliert.


Immerhin wusste sie bereits, wo sie suchen musste. Der Tempel Cassiels – oder das, was davon übrig war. Vom höchsten Turm der Herzogsburg hatte sie in der Nacht die Rauchsäule gesehen, die sich wie ein Mahnmal in den Himmel erhoben hatte. Sie hatte es sich bereits gedacht, noch bevor sie davon hörte: Nidhogg war es gewesen.


Während sie sich ihrem Ziel näherte, nahm sie die Stadt um sich herum aufmerksam wahr. Die Stimmung unter den Bürgern hatte sich merklich verändert. Während am Vortag noch Widerstand in den Gesichtern der Menschen zu lesen gewesen war, lag nun eine seltsame Resignation in ihren Augen. 


Vielleicht war es Liams Rede gewesen, vielleicht die pure Erschöpfung. Sie wussten, dass es vorbei war. Der Schwarze Stern hatte Randurin eingenommen, und wer noch gekämpft hatte, war entweder tot oder hatte sich seinem Schicksal gefügt. Einige hatten sich sogar freiwillig bei Ralf gemeldet, um sich der neuen Ordnung anzuschließen.


Claurian konnte es ihnen nicht verdenken. Verstärkung würde erst in einigen Monaten eintreffen, und bis dahin war jede fähige Klinge willkommen.


Sie bog in eine enge Gasse ein, die in die Straße führte, an deren Ende sich einst der Tempel befunden hatte. Der Anblick, der sich ihr bot, ließ sie kurz innehalten.


Der Tempel, einst ein imposantes Bauwerk mit hohen Türmen, kunstvollen Verzierungen und Fenstern aus buntem Glas, war nur noch ein verkohlter Schatten seiner selbst. Die einst hellen Mauern waren zu schwarzen Ruinen zerfallen, die hohen Säulen umgestürzt oder so stark beschädigt, dass sie jeden Moment in sich zusammenbrechen konnten. Der Boden war mit Trümmern übersät – zersplittertes Glas, geschmolzene Metallrahmen, verkohlte Bücher und Schriften, die von den Flammen gnadenlos verzehrt worden waren.


Der Rauch hing noch schwer in der Luft, vermischt mit dem widerlichen Geruch verbrannten Fleisches.


Dann sah sie ihn.


Ein regloser Körper lag inmitten der Asche, teilweise von Ruß und Trümmern bedeckt. Die einst roten Schuppen waren an vielen Stellen verbrannt, das Fleisch darunter rissig und blutig. Seine mächtige Gestalt, die sonst für andere so furchteinflößend war, wirkte nun seltsam klein und verletzlich.


Nidhogg.


Claurian blieb stehen, ihr Blick ruhte auf ihm. Ihr erster Instinkt war es, sich umzudrehen und einfach zu gehen. Vielleicht hatte Kaen endlich seinen fanatischen Diener zu sich geholt. Vielleicht war das die Strafe für seine Raserei, für seinen blinden Glauben an ein Feuer, das am Ende nicht einmal ihn verschont hatte.


Doch sie wusste, dass es nicht so einfach war.


„Verdammt“, murmelte sie und trat näher.



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,,Hey, Nidhogg. Ich soll dich zu Liam bringen.’’


Keine Reaktion.


Claurian verschränkte die Arme, ihr Geduldsfaden war ohnehin schon dünn. Sie wusste, dass der Vishap manchmal so tat, als würde er schlafen, nur um andere zu ärgern. Doch irgendetwas fühlte sich diesmal anders an.


Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihr aus, als sie sich widerwillig zu ihm hinunterbeugte. Und dann erstarrte sie.


Sein Körper war kalt. Eiskalt.


Sie bemerkte es erst jetzt – die Verletzung in seiner Brust. Ein Stich, genau über dem Herzen.


Ihre Hand fuhr automatisch zu seinem Hals, suchte nach einem Puls. Nichts. Sie legte eine Hand über seinen Mund, hoffte auf den Hauch eines Atemzugs. Nichts.


Der sonst so hitzige, glühende Körper Nidhoggs lag da wie ein Block aus Eis.


Nidhogg war tot.


Für einen Moment starrte Claurian einfach nur auf ihn hinab. Ihr Verstand weigerte sich, das Offensichtliche zu akzeptieren.


„Fuck…“ entkam es ihr leise. Ihr Herz schlug schneller. Wer war dazu in der Lage gewesen?


Nidhogg hatte einen Kaiserlichen Kopfgeldjäger getötet. Sie hatten sich vergewissert, dass niemand mehr in der Stadt war, der auch nur ansatzweise mit ihr oder Nidhogg hätte mithalten können. Doch er war eindeutig im Kampf gefallen. Hatten sie sich geirrt? Hatten sie jemanden übersehen?


Das war jetzt egal. Sie musste Liam Bescheid geben.


Ohne weiter nachzudenken, hievte sie Nidhoggs schweren Körper auf ihre Schultern. Sie spürte die verbrannten Schuppen, die rauen Kanten seiner Verletzungen, das kalte, leblose Gewicht. Dann setzte sie sich in Bewegung.


Sie rannte durch die Straßen Randurins, vorbei an den vom Ruß geschwärzten Häusern, an den ersten Händlern, die bereits wieder ihre Stände öffneten, als wäre nichts geschehen. Einige Passanten warfen ihr neugierige Blicke zu.


Sie erreichte die Herzogsburg, sprang die Stufen hinauf und stieß die Türen auf.


In der Eingangshalle standen Liam, Ralf und Azoph, der Drachar, der sich ihnen direkt nach der Rede angeschlossen hatte.


„Claurian, ist alles—“ begann Liam, doch dann sah er Nidhogg.


Seine Stimme brach ab. Er wusste es sofort.


„Wie ist das passiert?“ fragte er, und in seiner Stimme lag eine Panik, die sie selten von ihm hörte.


Claurian atmete schwer. „Ich weiß es nicht. Er lag so vor dem Tempel…“


Ralf trat näher, seine Augen verengten sich, als er die Wunde begutachtete.


„Er wurde definitiv im Kampf getötet“, murmelte er. Dann hob er den Blick zu ihr. „Du hattest gestern vorgeschlagen, ihn zu beseitigen. Du hast doch nicht etwa—?“


„Nein! Natürlich nicht!“ fuhr Claurian dazwischen. Wut und Entrüstung flammten in ihr auf. „Ich hätte das nie ohne Liams Befehl getan!“


Liam nickte langsam. „Das war nicht Claurian. Das war jemand anderes…“


Sein Blick wanderte zu Azoph. „Gab es in der Stadt noch jemanden, der ähnlich stark war wie Jasmin?“


Azoph zögerte, schüttelte dann den Kopf. „Nein. Niemanden. Es gibt einige starke Krieger, ja, stärker als Hauptmann Ralf vielleicht, aber niemanden, der an den Vishap heranreichen könnte.“


Liam überlegte einen Moment. „Claurian, durchsuche die Stadt. Finde heraus, ob irgendjemand etwas gesehen hat.“


Sie wollte gerade antworten, da erklang eine fremde Stimme hinter ihnen.


Lässig, entspannt – und doch durchtränkt von einer unterschwelligen Bedrohung.


[???] „Da haben sich ja alle Ziele auf einem Haufen versammelt. Das ist echt anstrengend, wisst ihr?“



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Kaum einem Volk wurde so viel Ablehnung und Hass entgegengebracht wie den M Say.


Sie waren ein Volk, das nicht aus Jahrtausenden natürlicher Entwicklung hervorgegangen war, sondern aus den blutigen Überresten des Großen Krieges. Sie waren das Vermächtnis eines einzigen Mannes – Mermilur, einem der mächtigsten Magier, den die Welt je gesehen hatte. 


Mit Kräften, die selbst unter den Erzmagiern als unnatürlich galten, erschuf er sie nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Leichen, die einst auf den unzähligen Schlachtfeldern gefallen waren. Doch er erweckte sie nicht als Untote, nicht als seelenlose Hüllen, sondern als ein neues Volk – denkend, fühlend, atmend.


Die M Say waren lebendig. Sie liebten, sie fürchteten, sie träumten. Und doch wurden sie nie als gleichwertig angesehen.


Ihr Ursprung machte sie zu Außenseitern. Während die Menschen und Elfen ihre Abstammung auf Götter, Wesen wie den Drachen oder uralte Blutlinien zurückführten, trugen die M Say die Last ihrer Schöpfung auf ihren Körpern. Ihre Haut war oft blass, von Narben durchzogen, ihre Augen glühten in unnatürlichen Farben, als ob die Magie, die sie geschaffen hatte, niemals ganz aus ihnen gewichen war.


Für die anderen Völker waren sie kein Zeichen des Fortschritts, sondern eine Mahnung an die Grauen des Krieges. Sie waren eine Erinnerung an die gefallenen Söhne und Töchter, die einst auf den Schlachtfeldern ihr Leben gelassen hatten – und nun in fremder Gestalt weiterlebten.


Doch trotz des Misstrauens, der Angst und des offenen Hasses, den sie erfuhren, ließen sich die M Say nicht unterkriegen. Sie gründeten Familien, bauten Siedlungen und entwickelten ihre eigene Kultur. Sie wurden Künstler, Handwerker, Krieger und Gelehrte. 


Ihre Verbindung zur Magie war tief, vielleicht tiefer als die der meisten Völker, denn ihre gesamte Existenz war von ihr durchdrungen. Sie sprachen eine eigene Sprache, führten eigene Rituale aus und lebten nach ihren eigenen Gesetzen. Doch all das reichte nicht aus, um das Misstrauen der Welt ihnen gegenüber zu besänftigen.


Jahrzehntelang wurden sie ausgegrenzt, in manchen Städten sogar gejagt. In den Gassen der großen Metropolen lebten sie in versteckten Vierteln, oft unter ärmlichen Bedingungen, ständig der Gefahr ausgesetzt, als Abscheulichkeiten gebrandmarkt oder aus der Stadt vertrieben zu werden. Immer wieder kam es zu gewaltsamen Übergriffen, zu Pogromen, die sie zwangen, ihr Zuhause zu verlassen.


Irgendwann hatten sie genug.


Die meisten M Say zogen sich ans Westkap zurück, in die entlegenste Ecke des Kaiserreichs. Dort, am Rande der Welt, zwischen tosenden Wellen und schroffen Klippen, bauten sie sich eine neue Heimat. Das Westkap war rau, unwirtlich und von der restlichen Welt vergessen – doch es war ihr Zufluchtsort. Ein Ort, an dem sie keine Angst haben mussten, in der Nacht von feindlichen Soldaten aus ihren Häusern gezerrt zu werden.


Aber selbst dort fanden sie keinen Frieden.


Die Geschichten über die „Kadavermenschen“, wie man sie in abfälligem Ton nannte, hielten sich hartnäckig. Gerüchte kursierten, dass sie dunkle Rituale vollzogen, dass ihre Körper nicht alterten, dass sie mit den Geistern der Toten sprechen konnten. 


Kaufleute, die am Westkap Handel trieben, kehrten mit abergläubischen Geschichten zurück. Sie sprachen von Wesen mit kalten, leblosen Augen, von Stimmen, die in den Schatten flüsterten, und von einer Stadt, die niemals schlief.


Und so lebten die M Say weiter – zwischen den Welten, zwischen Angst und Hoffnung. Gefangen zwischen einer Vergangenheit, die sie nicht abschütteln konnten, und einer Zukunft, die ihnen vielleicht niemals gehören würde.



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Vor Claurian stand ein junger Mann mit pechschwarzem Haar, das in der tiefstehenden Sonne glänzte. Das Licht spiegelte sich in seinen kalten Augen, die so reglos waren wie ein stiller See vor einem Sturm. Er trug einen dunkelgrünen Umhang mit goldenen Verzierungen, feine Stickereien, die seinen adligen Status verrieten. In seiner Hand hielt er ein kurzes Schwert, dessen Klinge schimmerte.


Seine Haltung war ruhig, gelassen – fast schon überheblich. Er wirkte nicht angespannt, nicht alarmiert. Er stand da, als wäre er nicht inmitten einer feindlichen Festung, sondern in seinem eigenen Garten.


Ihr Griff um ihre Säbel verstärkte sich.


„Wer bist du? Was willst du hier? Hast du Nidhogg getötet?“ Ihre Stimme glich einem Donnern, das durch die Hallen der Herzogsburg widerhallte. Ihre kristallblauen Augen verengten sich misstrauisch, jeder Muskel ihres Körpers war gespannt.


Der Mann hob nur leicht die Augenbraue. Dann lächelte er. Es war ein leises, unbeteiligtes Lächeln, eines, das keinerlei Spuren von Angst oder Nervosität zeigte.


„Ich?“ Seine Stimme war ruhig, fast amüsiert. „Ich bin Kronprinz Sebastian Algavia. Und ich bin hier, um euren kleinen Aufstand niederzuschlagen.“


Claurian fühlte, wie ihr Herz für einen Moment aussetzte. Ein Kronprinz? Hier?


Das ergab keinen Sinn. Kein Mitglied der kaiserlichen Familie würde sich in eine von Rebellen besetzte Stadt begeben – nicht ohne eine Armee. Und doch stand er hier, allein, ruhig und selbstsicher.


„Kannst du ihn gefangen nehmen?“ Ralfs Stimme klang hinter ihr.


Natürlich konnte sie das. 


Sie war eine Kämpferin. Sie hatte gegen viele Feinde gekämpft, gegen Magier, gegen Bestien, gegen Menschen, gegen Jasmin. Und dieser Kronprinz? Er sah nicht aus, als wäre er stärker als ein erfahrener Offizier. Sie würde ihn innerhalb von Sekunden zu Boden ringen.


Ohne weitere Warnung stürmte sie nach vorne.


Ihre Säbel schnitten durch die Luft, zwei silberne Blitze, die sich von beiden Seiten auf ihn herabsenkten. Die Klingen zielten nicht auf tödliche Punkte – sie wollte ihn lebendig, wollte seine Arme unbrauchbar machen, sodass er sich nicht mehr wehren konnte.


Doch dann geschah etwas, das sie nicht erwartet hatte.


Der Kronprinz tauchte unter ihren Angriffen hinweg, nicht hastig oder panisch, sondern mühelos, als wäre es nichts weiter als ein Tanz für ihn.


Claurian knirschte mit den Zähnen und ließ eine Welle von Hieben auf ihn niederprasseln. Jede ihrer Bewegungen war präzise, berechnet, tödlich – und doch wich er aus, schlängelte sich zwischen ihren Angriffen hindurch, als könnte er voraussehen, was sie als Nächstes tun würde.


Sein Schwert hob sich nicht einmal zum Blocken.


„Das ergibt keinen Sinn…“


Ein Gefühl der Unruhe kroch in ihre Gedanken. Ihre Gegner hatten immer auf eine bestimmte Art reagiert – sie hatten gekämpft, geblockt, nach Schwächen gesucht. Doch dieser Mann schien keinerlei Anstrengung zu zeigen. Er wich aus, als hätte er alle Zeit der Welt.


Dann kam der Schlag.


Ein scharfes Stechen.


Claurian spürte es, bevor sie es sah.


Ein brennender Schmerz breitete sich in ihrer Brust aus. Sie sah nach unten. Die Klinge des Kronprinzen steckte in ihr – genau dort, wo ihr Herz schlug.


Die Welt um sie herum wurde dumpf. Die Geräusche schienen gedämpft, als ob sie in Wasser gefallen wäre. Ihre Finger verkrampften sich um die Griffe ihrer Säbel, doch ihre Kraft wich aus ihrem Körper.


Sie hob ihren Blick, suchte nach einer Antwort in seinem Gesicht.


Nichts. Keine Emotion. Kein Triumph. Kein Hass.


Nur das gleiche kalte, berechnende Lächeln.


,,W-Wie..?’’ gurgelte sie.


Ihre Knie gaben nach.


Die Kälte des Bodens umfing sie, als sie in die Finsternis fiel.

 
 
 

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