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Kapitel 119 - Kronprinz Sebastian

4. März 2025
9 Min. Lesezeit

Kronprinz Sebastian wurde als vierter Sohn des damaligen Kronprinzen Verion geboren. Schon von Kindesbeinen an trieb ihn ein unerschütterlicher Ehrgeiz an, getrieben von dem unaufhörlichen Wunsch, seine älteren Brüder zu übertreffen. 


Doch etwas störte ihn zutiefst, etwas, das ihn in schlaflosen Nächten wach hielt und in den Augen seines Vaters zu einem Makel wurde: Er schien keinerlei Zeitmagie zu besitzen – die heilige Gabe, die seit Generationen ein Erkennungsmerkmal der Algavia-Dynastie war.


Diese Frustration begleitete ihn durch seine gesamte Kindheit, eine ständige Erinnerung an seine Unvollkommenheit, ein leiser Zweifel, ob er jemals seinen Platz unter den Großen seiner Familie einnehmen würde. Dann, eines Tages, geschah etwas, das sein Leben für immer veränderte.


Es war ein klarer Frühlingstag, und Sebastian verbrachte die Stunden in der gewaltigen Kaiserlichen Bibliothek, wie er es so oft tat. Hoch oben in den Regalen entdeckte er ein altes Buch, dessen Titel im Zwielicht kaum lesbar war. Er kletterte die hohe Leiter hinauf, seine Finger streckten sich nach dem ledergebundenen Band – doch dann rutschte sein Fuß ab.


Er fiel.


Das Geländer kam rasend schnell auf ihn zu. Die Welt drehte sich, und in diesem Moment wusste er, dass er sterben würde. Ein Fall aus zwanzig Metern Höhe, der Aufprall unausweichlich – doch dann...


Er stand wieder am Fuß der Leiter. Die Zeit hatte sich zurückgesetzt, genau eine Minute. Er war nicht tot. Er war nicht einmal verletzt. Er starrte seine Hände an, verwirrt und atemlos. Hatte er sich das alles nur eingebildet? Ein Hirngespinst, ein Trugbild seiner Gedanken?


Er schob den Vorfall beiseite, erzählte niemandem davon.


Jahre vergingen, und Sebastian vergaß die seltsame Erfahrung. Bis es wieder geschah.


Er war neunzehn Jahre alt und nahm an einer Jagd auf Räuber teil, eine Übung, die ihn in die Realität der Kriegsführung einführen sollte. Die Schlacht war chaotisch, Schreie, das Klirren von Stahl, das Pfeifen der Pfeile in der Luft. Dann ein Aufblitzen, ein scharfer Schmerz in seiner Brust.


Ein Pfeil hatte ihn getroffen. Er keuchte, spürte, wie das Leben aus ihm wich. Sein Körper sackte zusammen, seine Sicht verschwamm, die Welt wurde dunkler—


Und dann stand er wieder da. Gesund. Unversehrt. Zurückversetzt um genau eine Minute.


Und da verstand er es endlich. Wenn er starb, setzte sich die Zeit für ihn zurück. Diese Erkenntnis veränderte alles.


Von diesem Tag an war Sebastian nicht mehr derselbe. Er begann, Risiken einzugehen, mit einem Selbstvertrauen, das andere als Wahnsinn betrachteten. Er war furchtlos, weil er wusste, dass sein Scheitern nie endgültig war. Wenn eine Entscheidung nicht zum gewünschten Ergebnis führte, konnte er sich töten und die Vergangenheit neu schreiben.


Es war ein machtvolles Werkzeug, ein Geschenk, das nur ihm allein gehörte.


Als Jahre später das Prinzenspiel begann, wusste Sebastian, dass dies seine Gelegenheit war. Es war seine Chance, seinen Wert zu beweisen, sich seinen Platz auf dem Thron zu sichern. Er kämpfte mit einer Entschlossenheit, die keine Grenzen kannte, ging weiter als jeder andere, wagte mehr, riskierte mehr.


Doch so sehr er sich auch bemühte, ein Name stand stets über ihm.


Hypos. Sein jüngerer Halbbruder, der wahnsinnige Prinz.


Hypos war nicht nur charismatisch und brillant, er war ein Stratege, ein Taktiker, ein Spieler, der immer wusste, welche Züge nötig waren, um zu gewinnen. Er hatte das Reich auf seiner Seite, den Adel, die Soldaten, die Massen. Egal wie oft Sebastian sich in seinen eigenen Tod stürzte, egal wie viele Versuche er sich selbst gönnte – er blieb stets hinter Hypos zurück.


Es nagte an ihm, zermürbte ihn. Doch er gab nicht auf.


Denn Sebastian wusste eines sicher: Eine Gelegenheit würde sich ihm bieten.


Und wenn sie kam, würde er bereit sein.



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Vierundzwanzig Mal.


So oft hatte Sebastian gebraucht, um den Vishap vor dem brennenden Tempel zu töten.


Eine akzeptable Zahl. Sicherlich nicht perfekt, aber weitaus effizienter als sein Kampf gegen den Dracharen vor einigen Jahren.


Eintausenddreihundertvier Versuche hatte er damals benötigt.


Sebastian schlenderte langsam durch die engen Gassen Randurins. Die Nacht war kühl, der Rauch der Brände hing noch in der Luft, und die Stadt war in eine seltsame Stille getaucht. Die Einwohner, eingeschüchtert und verunsichert von den Ereignissen des letzten Tags, hielten sich in ihren Häusern versteckt.


Er gähnte und streckte sich, während er überlegte, wie er den morgigen Tag angehen sollte.


„Die Befreiung einer besetzten Stadt…“ murmelte er nachdenklich. Dann zuckte er mit den Schultern. „Klingt gut.“


Er ließ seinen Blick über die Gebäude schweifen, bis seine Augen auf ein Gasthaus fielen. Es war eines der wenigen, die unberührt geblieben waren – keine eingeschlagenen Fenster, keine verrußten Mauern, kein Anzeichen für Kämpfe oder Plünderungen.


Sebastian trat ein, zahlte mit ein paar Münzen für ein Zimmer und ließ sich ohne weitere Umstände auf das Bett fallen. Er schloss die Augen, und für einen Moment war alles still. Dann schlief er ein.


Der nächste Morgen begann nicht, wie er es erwartet hatte. Eine laute Stimme riss ihn aus dem Schlaf.


Sebastian blinzelte, setzte sich auf und lauschte. Irgendjemand draußen war lautstark dabei, ein Lied zu singen – und das mit einer Begeisterung, die selbst durch die geschlossenen Fenster zu hören war. Neugierig trat er ans Fenster und spähte nach draußen.


Ein Oger. Der massive Kerl arbeitete an einem eingestürzten Haus, offenbar in dem Versuch, es wieder aufzubauen. Während er Balken aufrichtete und Steine verrückte, dröhnte seine tiefe Stimme über den Platz.


Sebastian erkannte ihn sofort. Ein Mitglied der Rebellen.


,,Sie wollen sich also bei den Bürgern einschmeicheln…’’ murmelte er und rieb sich nachdenklich das Kinn. Dann griff er an.


Der Kampf war eine Herausforderung. Der Vishap war an sich ein geschickterer Kämpfer gewesen, aber die rohe Kraft des Ogers zwang ihn zu mehr Toden als nötig gewesen wären.


Siebenundfünfzig Mal musste er sterben, bis er den Oger schließlich niederstreckte.


Sebastian atmete schwer, wischte sich das Blut – sein Blut, das Blut seiner unzähligen vergangenen Tode – aus dem Gesicht und schüttelte den Kopf.


„Egal, wie oft ich es tue… sterben fühlt sich einfach nicht gut an.“


Mit einem Seufzen wandte er sich von der Leiche ab und machte sich auf den Weg zur Herzogsburg.


Die Burg lag still da, ihre großen Tore standen weit offen.


Sebastian nahm sich Zeit, stieg die Stufen langsam hinauf, ließ seinen Blick über die alten Mauern gleiten. Er kannte diesen Ort – er hatte ihn früher bereits besucht. Nur nie als Feind.


Als er eintrat, wusste er sofort, dass er am richtigen Ort war.


Da standen sie.


Claurian, die Bestie von Grabzen – ihre kristallklaren Augen funkelten.


Der Elf, den die Bevölkerung Randurins als Anführer ansah, und der Mensch, dessen Name ihm gerade nicht einfiel.


Außerdem ein Drachar, den er nicht kannte, stand ebenfalls an ihrer Seite.


Sebastian ließ seinen Blick über sie gleiten. Ein kurzes Lächeln huschte über seine Lippen.


,,Da haben sich ja alle Ziele auf einem Haufen versammelt. Das ist echt anstrengend, wisst ihr?’’ Er verschränkte die Arme, sein Tonfall war amüsiert.


Er ließ den Kopf zur Seite fallen, überlegte.


Wie viele Tode würde er diesmal sterben müssen?



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Claurian wurde in Takar geboren, einer der wenigen M Say-Städte am entlegenen Westkap, einem Ort, der für ihr Volk sowohl Zuflucht als auch Gefängnis war. Weit entfernt vom Zentrum des Kaiserreichs, abgeschottet von den großen Handelsrouten und den wachsamen Augen der Adligen, hatte Takar seinen Bewohnern etwas zu bieten, das sie sonst nirgendwo fanden – Frieden.


Doch Claurian wollte mehr als Frieden. Schon als Kind spürte sie, dass sie nicht für das ruhige Leben in der Abgeschiedenheit bestimmt war. Während andere M Say ihre Tage mit Kunst, Handwerk oder der Arbeit in den Minen verbrachten, übte Claurian mit Stöcken das Kämpfen. Sie kletterte auf die höchsten Klippen und rannte über die schroffen Pfade der Küste, immer auf der Suche nach Herausforderungen.


Ihre Eltern versuchten, sie von diesem Weg abzuhalten.


,,Wenn du uns verlässt, wirst du sterben!’’


,,Im Kaiserreich hasst man uns, bleib hier.’’


,,Das Kämpfen ist nicht der Weg, der dir Glück bringt.’’


Doch Claurian war taub für ihre Mahnungen. Etwas in ihr zog sie hinaus in die Welt. Und so, mit fünfzehn Jahren, verließ sie ihr Zuhause. Ohne Ziel, ohne Plan – nur mit der Gewissheit, dass sie ihren eigenen Weg finden würde.


Ihre Reise führte sie durch die Hamalien, eine wilde, ungezähmte Region voller Gefahren. Doch für Claurian war das genau der Ort, den sie brauchte. Hier wurde sie geprüft. Sie kämpfte gegen wilde Bestien, gegen Plünderer und gegen die gnadenlose Natur selbst. Und während sie kämpfte, veränderte sie sich.


Die M Say-Verwandlung war ein Mysterium. Manche M Say blieben ihr Leben lang unverändert, während andere eine Transformation durchliefen, die sie zu etwas Stärkerem machte. Für Claurian war es keine Frage, ob sie sich verwandeln würde – es war unausweichlich.


Zuerst wurde sie zu einem Ghoul. Ihre Sinne wurden schärfer, ihr Körper schneller und beweglicher. Ihre Bewegungen wurden zu einem Tanz aus Klingen und Schatten, und bald schon fürchteten jene, die in den Hamalien lebten, die Gestalt, die sich lautlos durch die Finsternis bewegte.


Doch das war erst der Anfang.


Als sie schließlich Inhantes erreichte, die große Stadt im Herzen des Kaiserreichs, wurde ihr schnell bewusst, dass ihre Eltern Recht gehabt hatten.


Misstrauische Blicke, abfällige Bemerkungen, Hohn und Verachtung – all das schlug ihr entgegen, sobald sie ihren Fuß in die Straßen der Stadt setzte. Wo immer sie hinging, wurde sie gemieden. Wo immer sie sich niederlassen wollte, wurde sie fortgejagt. Und wenn jemand dachte, dass er es sich leisten konnte, sie anzugreifen, dann tat er es auch.


Claurian ließ sich das nicht gefallen. Sie kämpfte. Sie schlug zurück. Und mit jedem Kampf, den sie gewann, wuchs in ihr ein neuer Hass – ein Hass auf das Kaiserreich, auf seine Bewohner, auf die Welt, die ihr und den M Say keinen Platz bot.


Und dann geschah es. Vielleicht war es ihr Zorn, vielleicht ihr unbeugsamer Wille – doch eines Tages durchlief sie eine weitere Verwandlung.


Sie wurde zu einer Divs.


Ihre Kraft vervielfachte sich. Ihre Geschwindigkeit wurde unmenschlich. Sie war nicht mehr nur eine geschickte Kämpferin – sie war eine außergewöhnlich Kraft. Wo sie ging, hinterließ sie besiegte Gegner, und bald schon wurden Gerüchte über die „Bestie von Grabzen“ laut.


Es dauerte nicht lange, bis sie die Aufmerksamkeit der Mächtigen auf sich zog.


Eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin namens Bournadette Lacroix suchte sie auf. Sie war eine der besten ihres Standes, eine Jägerin, die nur auf die fähigsten Krieger des Kaiserreichs angesetzt wurde. Doch statt Claurian zu töten, machte sie ihr ein Angebot.


„Komm mit mir. Werde eine von uns. Deine Kraft würde dem Kaiser dienen.“


Claurian lachte ihr ins Gesicht. Das Kaiserreich? Ihr Feind? Sie sollte für jene kämpfen, die ihr Volk unterdrückten?


Nie. Sie lehnte ab.


Doch Bournadette Lacroix hatte in ihr einen Funken geweckt – den Gedanken, dass sie ihre Kräfte nicht für sich selbst nutzen musste, sondern für etwas Größeres.


Und so begann Claurian zu suchen.


Sie suchte nach einer Möglichkeit, das Kaiserreich zu vernichten. Nach einer Waffe, nach einer Armee, nach Gleichgesinnten. Und dann fand sie sie.


Den Schwarzen Stern.



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Claurian wirbelte auf ihn zu, und Sebastian starb.


Es war ein harter, schmerzhafter Tod. Der erste von vielen.


Über vierhundert Anläufe brauchte er, um auch nur zu begreifen, wie ihr erster Angriff funktionierte. Jedes Mal wurde er zerschlitzt, erstochen, enthauptet oder einfach zerschmettert. Ihr Kampfstil war eine tödliche Symphonie aus Geschwindigkeit und Präzision, und er war nichts weiter als ein ahnungsloser Zuhörer.


Eine Sache verwirrte Sebastian. Sie schien ihn nicht töten zu wollen, trotzdem griff sie mit einer Kraft an, die für seinen Körper zu viel war. Wusste sie nicht, wie schwach er war?


Weitere siebenhundert Versuche, bis er endlich ausweichen konnte.


Doch selbst als er ihren ersten Schlag überlebte, tötete ihn der nächste. Immer wieder. Jedes Mal ein anderer Angriff, jede Bewegung anders, nie ein Muster, das er ausnutzen konnte.


Sebastian kannte Erschöpfung nicht. Sein Körper regenerierte sich mit jeder Wiederholung, seine Wunden verschwanden, als wären sie nie da gewesen. Doch sein Geist… Sein Geist war müde. Sein Verstand brannte aus, die endlosen Wiederholungen raubten ihm den letzten Rest von Menschlichkeit.


„Siebenundzwanzigtausendvierhundertsiebenundneunzig.“


Er murmelte die Zahl, als wäre sie ein Mantra. Ein Fixpunkt in der unaufhörlichen Spirale des Todes.


Bei diesem Versuch schaffte er es zum ersten Mal, sie zu treffen. Eine minimale Wunde, kaum der Rede wert. Aber es war ein Fortschritt.


„Einhunderttausendunddreizehn.“


Sein Schlag war präziser, tiefer. Er hatte sie beinahe getötet. Beinahe. Doch beinahe war nicht genug. Sie nutzte den winzigen Moment des Zögerns und riss ihn in Stücke.


Sebastian bewegte sich wie in Trance. Sein Körper wich aus, griff an, wich aus, griff an. Er wusste, dass sie jeden geradlinigen Schlag sehen und parieren konnte. Wenn er sie treffen wollte, musste er anders kämpfen. Seine Klinge aus der Rückhand führen, unvorhersehbare Winkel nutzen.


Er schwang sich herum, ließ die Wucht seiner Drehung in seine Klinge fließen – und stach zu.


Die Spitze seines Schwertes grub sich in ihr Herz.


Zum ersten Mal seit Beginn des Kampfes erwartete ihn nicht der Tod.


Claurians Körper versteifte sich. Ihre Augen weiteten sich, und für einen Moment sah er etwas in ihrem Blick, das er nicht erwartet hatte – Überraschung.


Blut lief aus ihrem Mund, tropfte auf den staubigen Boden der Burg. Sie versuchte, etwas zu sagen, und ein ersticktes Gurgeln kam aus ihrer Kehle.


,,W-Wie?’’ gurgelte sie.


Dann sackte sie in sich zusammen.


Stille.


Der Elf, der Mensch und der Drachar starrten ihn an. Fassungslos. Ungläubig. Sie konnten nicht begreifen, was gerade geschehen war.


Sebastian ließ seinen Blick über sie gleiten, genoss ihre Unsicherheit, ihre Angst.


Er grinste. Für sie hatte er gerade ihre beste Kriegerin ohne Probleme besiegt.


Wüssten sie von seiner Kraft, dann würden sie eine Chance haben. Doch niemand wusste von ihr. Niemand. Außer ihm.


„Nummer eins ist geschafft. Wer will als nächstes?“


Der Elf stammelte, seine Stimme bebte vor Panik. „D-Das kann nicht sein…“


Sebastian lächelte breiter, ließ die Worte absichtlich langsam über seine Lippen rollen.


„Es tut mir wirklich leid, aber hier ist eure Rebellion vorbei.“


Er setzte sich in Bewegung. Seine Schritte hallten in der Burg wider, langsam, bedrohlich.


„Also, wer ist jetzt dran?“


Dann, noch bevor einer der drei reagieren konnte, erklang eine Stimme über ihm.


[???] ,,Wie wäre es mit mir?’’

 
 
 

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