Kapitel 12 - Eine Kerze erlischt
- empirewebnovel
- 28. Aug. 2024
- 13 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 5 Tagen

Leyla ließ ihren Blick über den gewaltigen Wasserfall gleiten, der donnernd von der hohen Klippe in die Tiefe stürzte. Das Tosen des Wassers erfüllte die gesamte Schlucht und vibrierte beinahe in ihrer Brust. Dichter Nebel hing wie ein glitzernder Schleier über dem kleinen See am Fuß der Fälle und ließ die Umgebung unwirklich wirken – als wäre dieser Ort aus einem anderen Zeitalter hierher versetzt worden.
Von dort schlängelte sich ein schmaler Fluss weiter nach Westen, sein Wasser funkelte schwach im wenigen Sonnenlicht, das durch die dichten Baumwipfel drang.
Dann blieb Leylas Blick an der Höhle hängen.
Sie lag seitlich im Felsen verborgen und wirkte trotzdem unmöglich zu übersehen. Eine große Tür aus dunklem Holz verschloss den Eingang, verwitterte Steinplatten rahmten sie ein und ließen den Ort beinahe künstlich erscheinen.
Unwillkürlich lief Leyla ein Schauer über den Rücken.
„Wohnt dort Maegnar?" fragte sie leise.
Dabei warf sie einen unsicheren Blick zu Liam, der einige Meter entfernt gegen einen Baum gelehnt saß. Auf den ersten Blick wirkte er beinahe entspannt. Doch wenn man genauer hinsah, bemerkte man sofort die kleinen Unsicherheiten. Das unruhige Wippen seines Fußes. Die Finger, die sich immer wieder anspannten. Der Blick, der rastlos die Umgebung absuchte.
„Genau dort", bestätigte Liam ruhig, ohne seine lockere Haltung aufzugeben.
Dann sah er zu ihr. „Und? Hast du inzwischen einen Plan, wie wir ihn besiegen?"
Leyla biss sich nachdenklich auf die Unterlippe.
Je länger sie über Maegnar nachgedacht hatte, desto klarer war ihr geworden, dass ein direkter Kampf wahrscheinlich Selbstmord wäre. „In einem normalen Kampf hätten wir vermutlich keine Chance", gab sie schließlich ehrlich zu. „Aber… vielleicht könnten wir ihm eine Falle stellen?"
Liam öffnete langsam ein Auge und hob skeptisch eine Augenbraue. „Eine Falle?" wiederholte er trocken. „Was genau stellst du dir darunter vor? Dass wir eine Grube graben und hoffen, dass er hineinläuft?"
Leyla verzog sofort das Gesicht. „Nein, natürlich nicht!"
Sie verschränkte kurz die Arme und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. „Ich dachte eher daran, dass einer von uns ihn ablenkt, während der andere aus dem Hinterhalt angreift."
Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, spürte sie bereits, wie ihr Gesicht heiß wurde. In ihrem Kopf hatte der Plan deutlich intelligenter geklungen.
Langsam schlich sich ein schelmisches Grinsen auf Liams Gesicht. „Also hast du dich endlich mit deiner Rolle als Köder abgefunden?" fragte er belustigt. „So viel Entwicklung hätte ich dir ehrlich gesagt gar nicht zugetraut."
„So war das nicht gemeint!" Leyla lief knallrot an und ballte die Fäuste.
Liam lachte leise – schloss dann jedoch nachdenklich die Augen. Für einige Sekunden sagte er nichts mehr und schien die Möglichkeiten tatsächlich ernsthaft abzuwägen.
Schließlich nickte er leicht. „Eigentlich ist die Idee gar nicht schlecht."
Leyla gefiel die Art nicht, wie er das sagte.
Liam stieß sich vom Baum ab und richtete sich vollständig auf. Seine Haltung wurde augenblicklich ernster, während er zur Klippe hinaufblickte. „Wenn du ihn unten beschäftigst", erklärte er ruhig, „könnte ich von oben angreifen. Damit würde ihm vermutlich die Zeit fehlen, auf uns beide gleichzeitig zu reagieren."
Er deutete kurz zur Felskante über der Höhle. „Das könnte tatsächlich funktionieren."
Leyla nickte langsam.
Innerlich versuchte sie bereits verzweifelt, sich den Ablauf vorzustellen – doch je mehr sie darüber nachdachte, desto nervöser wurde sie. Ihre Hände begannen leicht zu zittern, und erneut biss sie sich auf die Unterlippe.
Die Angst war noch immer da. Schwer. Erdrückend.
Doch trotzdem nickte sie.
„Okay…" sagte sie leise. „Von mir aus machen wir es so."
Ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich tatsächlich fühlte. Tief in ihrem Inneren schrie ihr Instinkt sie längst an, einfach wegzulaufen. Doch ihr Wunsch, Liam zu helfen, war stärker als ihre Angst.
Liam musterte sie kurz.
Dann grinste er plötzlich wieder. „Na dann", wisperte er und gab ihr einen leichten Klaps auf die Schulter, „runter mit dir, Köder."
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Leylas Hände begannen immer stärker zu zittern, je näher sie der gewaltigen Holztür kam.
Mit jedem einzelnen Schritt fühlte es sich an, als würde die Luft schwerer werden. Nicht nur stickig oder drückend – es war, als würde irgendetwas Unsichtbares ihr langsam die Kehle zuschnüren.
Der Wasserfall donnerte hinter ihr in die Tiefe, doch selbst dieses gewaltige Geräusch schien dumpfer zu werden, je näher sie der Höhle kam.
Nach einigen endlos wirkenden Sekunden stand Leyla schließlich direkt vor der Tür.
Das dunkle Holz war alt und von tiefen Kratzspuren überzogen, als hätte etwas von innen heraus immer wieder dagegen geschlagen. Zwischen den verwitterten Steinplatten ringsherum hing kalter Nebel wie ein lebendiger Schleier.
Hoch über ihr hatte Liam bereits seine Position eingenommen. Sie konnte ihn kaum erkennen – doch sie wusste, dass er dort war.
Zumindest hoffte sie das.
Mit schweißnasser Hand hob Leyla langsam den Arm und klopfte gegen die Tür.
—KLOPF, KLOPF—
Sofort wich sie instinktiv einige Schritte zurück.
Ihr Atem ging flach und hektisch. Sie versuchte verzweifelt, ruhig zu bleiben, doch ihr Herz schlug so heftig, dass sie glaubte, Maegnar müsse es selbst durch die Tür hören können.
Insgeheim hoffte Leyla plötzlich, dass überhaupt niemand öffnen würde. Oder wenigstens jemand anderes. Irgendjemand, der nicht Maegnar war.
Die Sekunden dehnten sich endlos.
Ihre Knie fühlten sich weich an – und gerade, als sie erneut klopfen wollte, begann die Tür langsam knarrend aufzugehen.
Das Geräusch ließ ihr sofort einen kalten Schauer über den Rücken laufen.
„Weeen haben wir denn daaa?"
Die Stimme traf Leyla wie Eiswasser. Sie zuckte unwillkürlich zusammen.
Maegnar war etwas kleiner als sie erwartet hatte – doch genau das machte ihn nur verstörender. Sein gesamter Körper war mit grauen, metallisch glänzenden Schuppen bedeckt, die im schwachen Licht beinahe wie polierter Stein wirkten. Seine schwarzen Augen waren vollkommen leer. Kalt. Verächtlich.
Und dann war da dieses Grinsen.
Es zog sich viel zu weit über sein Gesicht und entblößte scharfe Zähne, die eher an ein Raubtier erinnerten als an irgendetwas Menschliches. Ein sauber gekämmter weißer Bart hing von seinem Kinn herab und verlieh ihm auf groteske Weise beinahe etwas Würde.
Doch nichts an diesem Wesen wirkte normal.
Leylas Herz raste.
„Ähm … i-ich bin Leyla", brachte sie mühsam hervor, die Stimme deutlich zitternd. „Ich habe schon von euch gehört, großer Maegnar. Würdet ihr mich vielleicht als Schülerin aufnehmen?"
Während sie sprach, grub sie die Fingernägel so tief in ihre Handflächen, dass es schmerzte. Sie durfte keinen Verdacht erregen. Sie durfte jetzt nicht zusammenbrechen.
„Soso… Leeeyla alsooo?"
Maegnars Worte zogen sich langsam und kalt durch die Luft. „Wenn duuu von mir gehööört hast… dann müsstest duuu wissen, dass ich keine Schüüüler nehme."
Langsam machte er einen Schritt näher auf sie zu.
Sofort hatte Leyla das Gefühl, die Temperatur würde sinken – als würde allein seine Nähe die Luft gefrieren lassen.
„Aaaber…" Das grausame Grinsen auf seinem Gesicht wurde breiter.
„Ich kenne vielleicht eine aaandere Verwendung füüüür dich."
Leyla schluckte schwer. Die Angst schnürte ihr inzwischen regelrecht die Kehle zu. „Alles… was in meiner Macht steht", antwortete sie trotzdem.
Ihre Stimme klang dünn. Fast flehend. Die Welt um sie herum schien sich immer weiter zusammenzuziehen. Sie spürte, wie ihre Zehen in ihren Schuhen zu krampfen begonnen.
Dann explodierte plötzlich direkt über ihnen eine glühende Feuerkugel.
—BUMM—
Grelles Licht riss die Dunkelheit auseinander. Maegnar taumelte einen Schritt zurück – und im nächsten Augenblick schoss Liam mit gezogenem Schwert von oben herab.
„Liam!" rief Leyla sofort erleichtert. Für einen kurzen Moment durchströmte sie pure Hoffnung, als er direkt neben ihr landete. Endlich.
Doch Liam reagierte nicht auf ihre Stimme. Sein Blick blieb starr auf Maegnar gerichtet.
Und langsam schüttelte er den Kopf. „Ich hab ihn nicht getroffen…" sagte er leise.
„D-Das darf nicht wahr sein“, flüsterte Leyla, ihre Stimme brach. Die Hoffnung, die für einen kurzen Moment aufgeflammt war, verlosch wie eine flackernde Kerze im tobenden Sturm.
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„Einen Hinterhalt hattet ihr also geplaaant?"
Maegnars Stimme kroch wie kaltes Gift durch die Luft. Jedes seiner gedehnten Worte war von Spott durchzogen und ließ Leylas Brust enger werden – als würde sich unsichtbarer Druck auf ihre Schultern legen und ihr langsam die Luft abschnüren.
Der Drachar stand noch immer vollkommen ruhig vor ihnen. Kein Funken Wut war in seinem Gesicht zu erkennen. Nicht einmal echte Vorsicht.
Nur Belustigung.
„Ich habe mich schon gefraaagt, wie ihr versuchen würdet, mich zu töööten", fuhr er fort. Seine schwarzen Augen funkelten im schwachen Licht des Wasserfalls. „Eure Mordlust habe ich schooon seit Stunden gespüüürt."
Die Art, wie er sprach, machte Leyla inzwischen mehr Angst als sein Äußeres.
Maegnar wirkte nicht wie jemand, der kämpfte. Er wirkte wie jemand, der spielte – als wären Liam und sie nichts weiter als eine kleine Unterhaltung, die ihn für ein paar Minuten beschäftigte.
„Nun frage ich mich…“ Langsam legte er den Kopf schief.
„Was genau habe ich getaaan, um diesen Hass zu verdiiienen?"
Neben Leyla spannte sich Liam augenblicklich an. Sie sah, wie seine Hände sich zu Fäusten ballten und sein ganzer Körper leicht zu zittern begann.
„Du Bastard hast Emily getötet!" schrie er. Seine Stimme war rau vor Schmerz und Zorn zugleich.
„Echt?" Maegnar hob leicht eine Augenbraue. „Ich erinnere mich niiicht daran. Würdest du mir auf die Sprüüünge helfen?"
Die beiläufige Art, mit der er über Emily sprach, ließ selbst Leylas Magen verkrampfen.
„Wie kannst du es wagen?" Liams Stimme brach beinahe. „Erst bringst du sie um und dann erinnerst du dich nicht einmal an sie?"
Maegnar legte erneut leicht den Kopf schief, der weiße Bart bewegte sich dabei kaum merklich, während er Liam mit unverhohlener Belustigung musterte. „Ahhh… jetzt wooo du es sagst…" murmelte er gedehnt. „Das war doch diese Söööldnerin, die so jämmerlich um ihr Leeeben gefleht hat."
Das grausame Grinsen auf seinem Gesicht wurde breiter.
„Sie war so bedeutungslooos, dass ich sie fast vergessen hääätte."
Leyla spürte sofort, wie Liam immer weiter die Kontrolle verlor. Sein Atem wurde hektischer, seine Haltung aggressiver. Und plötzlich verstand Leyla, dass Maegnar genau das wollte.
Er wollte Liam brechen. Mit Worten. Mit Erinnerungen. Mit Wut.
,,Das ist auch eine Art zu kämpfen’’, schoss es Leyla durch den Kopf. Maegnar wollte mit seinen Worten Liam brechen.
„Es bringt nichts, mit ihm zu reden!" rief sie Liam zu. Fast gleichzeitig zog sie das Garnische Kurzschwert aus der Scheide und stürmte los.
Doch kaum hatte sie den ersten Schritt gemacht, packte Liam sie brutal am rechten Arm und riss sie zurück. Leyla verlor sofort das Gleichgewicht und schlug hart auf dem felsigen Boden auf.
„Willst du sterben?!" schrie Liam sie an. Leyla erkannte direkt die schiere Panik in seinen Augen.
„Hast du vergessen, dass er dich mit einer einzigen Berührung töten kann?"
Leyla presste die Lippen zusammen und schloss kurz die Augen.
Nein. Natürlich hatte sie das nicht vergessen. Aber sie hatte gehofft, Maegnar überraschen zu können. Und vor allem wollte sie verhindern, dass Liam sich weiter von seinen Worten zerfressen ließ.
Noch bevor sie etwas erwidern konnte, griff Liam erneut an.
Mit einer schnellen Bewegung zog er einen Dolch und schleuderte ihn direkt auf Maegnar zu. Die Klinge durchschnitt pfeifend die Luft – und verfehlte.
Leyla blinzelte verwirrt.
Das ergab keinen Sinn. Sie hätte schwören können, dass der Dolch treffen würde. Doch Maegnar hatte sich scheinbar überhaupt nicht bewegt. Oder vielleicht doch? Sie konnte es nicht sagen.
Im nächsten Moment hob Liam bereits die Hand. Ein gewaltiger Feuerstoß brach aus seiner Magie hervor und raste wie ein brennender Sturm auf Maegnar zu. Die Hitze war so intensiv, dass Leyla sie selbst mehrere Meter entfernt auf ihrer Haut spürte.
Flammen verschlangen den Bereich vor der Höhle. Der Nebel des Wasserfalls zischte verdampfend auf.
Doch als das Feuer langsam schwächer wurde, stand Maegnar noch immer dort.
Unversehrt.
Hatte Magie überhaupt keine Wirkung auf ihn?
Währenddessen begann Liams Feuer sichtbar schwächer zu werden. Die Flammen verloren an Intensität – und Maegnar nutzte das aus.
Langsam. Fast gemütlich. Schritt für Schritt verringerte er die Distanz zwischen ihnen, als hätte er alle Zeit der Welt.
Leyla spürte die Gefahr inzwischen beinahe körperlich. Es fühlte sich an, als würde ein riesiger Schatten immer näher über sie kriechen, träge und unaufhaltsam. Und plötzlich wusste sie es. Wenn sie nichts tat, würde Liam sterben.
Der Gedanke ließ ihren Körper sofort reagieren. Sie umklammerte den Griff ihres Schwertes fester und stürmte erneut los.
Diesmal hob Maegnar jedoch lediglich seine linke Hand. Mehr tat er nicht.
Im nächsten Augenblick traf Leyla etwas Unsichtbares mit voller Wucht – wie ein gewaltiger Hammerschlag, der aus dem Nichts kam. Ihr Körper wurde von den Füßen gerissen und quer durch die Luft geschleudert, bevor sie mit brutaler Härte gegen die Felswand krachte.
Schmerz explodierte in ihrem gesamten Körper.
Ein widerliches Knacken ging durch ihren Schädel.
Dann wurde alles schwarz.
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Leyla befand sich in einem dunklen Raum.
Sie konnte sich nicht bewegen und aus ihrem Mund kamen keine Geräusche. Vor ihr befand sich nur ein Tisch, auf dem drei Kerzen standen.
Eine gelbe, eine rote und eine grüne.
,,Was hat das zu bedeuten? Wo bin ich hier? War ich nicht eben am kämpfen? Bin ich tot? Wo ist Liam? Geht es ihm gut? Was sind das für Kerzen? Warum spüre ich keinen Schmerz? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum?
Eine der Kerzen, die gelbe, erlosch.
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Plötzlich wurde Leyla von einem grellen Licht geblendet. Es war so hell, dass es ihr direkt in den Augen schmerzte – für einen kurzen Moment fühlte es sich an wie das Licht einer Taschenlampe.
,,Katja?’’
Langsam blinzelte sie und versuchte zu begreifen, was überhaupt passiert war. Ihr Kopf pochte dumpf, und ihre Gedanken fühlten sich an, als würden sie durch dichten Nebel waten.
Als ihre Sicht langsam klarer wurde, erkannte sie Liam – er saß einige Meter entfernt mit dem Rücken gegen einen Baum gepresst, während Maegnar direkt vor ihm stand, die Hand bereits ausgestreckt. Zu nah.
Viel zu nah.
Liam bewegte sich nicht, wirkte vollkommen erstarrt, als würde allein Maegnars Anwesenheit seinen Körper lähmen.
Leyla wollte aufspringen, doch ihr eigener Körper fühlte sich schwer an. Träge. Fast fremd.
„Ist das… mein Blut?"
Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf. Nein. Das konnte nicht sein. Verzweifelt versuchte Leyla erneut aufzustehen, doch ihre Arme gaben beinahe sofort nach. Ihre Finger gruben sich in den feuchten Boden, während Tränen über ihre Wangen liefen.
Und dann sah sie ihn. Den kleinen Stein. Ihren Glücksbringer – direkt vor ihr im Dreck. Für einen kurzen Moment starrte Leyla ihn einfach nur an, während Panik, Angst und Verzweiflung in ihrem Inneren ineinander verschwammen.
Dann begann plötzlich der Boden zu beben. Zuerst nur leicht, kaum wahrnehmbar – doch innerhalb eines Augenblicks wurde das Zittern stärker, bis die Erde unter Maegnar mit einem gewaltigen Krachen aufbrach und ein massiver Steinspeer aus dem Boden schoss.
„Waaas ist daaass?!" schrie Maegnar – zum ersten Mal wirklich überrascht.
Doch es war zu spät. Der gewaltige Speer durchbohrte seine Brust vollständig. Blut schoss über die grauen Schuppen seines Körpers, und ein röchelndes Geräusch entrang sich seiner Kehle. Das grausame Grinsen verschwand augenblicklich von seinem Gesicht.
Liam zögerte keine Sekunde. Mit einer abrupten Bewegung sprang er zu Leylas Kurzschwert, das einige Meter entfernt im Dreck lag, und riss die Klinge nach oben. Ein einziger Hieb – dann löste sich Maegnars Kopf von seinem Körper. Der Seelenfresser sackte reglos zusammen, während sein Blut sich langsam zwischen den Felsen ausbreitete. Still. Endgültig.
„Leyla!"
Liam war sofort bei ihr. Er packte sie an den Armen und half ihr hastig auf die Beine, die Hände leicht zitternd. „Ich dachte, du wärst tot. Du hast dich überhaupt nicht bewegt." Er versuchte zu grinsen. „Willst du mir etwa erzählen, dass du ein Nickerchen gemacht hast, nur um dich für die Sache mit der Spinne zu rächen?"
Seine Stimme klang scherzhaft. Doch Leyla hörte die echte Erleichterung darin – unverkennbar, egal wie sehr er sie zu verbergen versuchte.
Sie blickte schweigend an Liam vorbei, zu dem gewaltigen Steinspeer, der Maegnars Körper noch immer durchbohrte und wie ein Monument aus der aufgebrochenen Erde ragte. War sie das gewesen?
„Leyla?"
,,Mhm?’’
„Geht es dir gut?", fragte Liam besorgt. „Du bist voller Blut."
Leyla sah an sich herab und schüttelte langsam den Kopf. „Ich bin unverletzt." Doch innerlich verstand sie selbst nicht, was passiert war. Wenn das nicht ihr Blut war – wessen dann?
Liam wirkte sichtlich irritiert, doch schließlich schüttelte er den Kopf, als würde er entscheiden, später darüber nachzudenken. „Der Steinspeer war übrigens ziemlich beeindruckend. Wie hast du das gemacht?"
In seinen Augen lag diesmal keine Ironie, keine Stichelei. Nur ehrliche Bewunderung.
„Ehrlich gesagt…" Leyla sah erneut zu dem Speer. „Ich weiß es selbst nicht."
Liam grinste wieder leicht. „Vielleicht sollte ich dich öfter unter Druck setzen. Was meinst du? Soll ich dich beim nächsten Kampf wieder alleine lassen?"
„Mach doch."
Trotz allem schlich sich ein kleines herausforderndes Grinsen auf ihr Gesicht. „Ich bin sowieso bald stärker als…"
Noch bevor sie richtig reagieren konnte, zog Liam sie plötzlich fest in seine Arme. Überrascht verstummte Leyla mitten im Satz. Sie spürte seine Arme um ihren Rücken und merkte sofort, wie fest er sie hielt – nicht spielerisch, nicht locker. Als hätte er Angst, sie loszulassen. Sein ruhiger Atem strich gegen ihren Hals.
„Ich bin wirklich froh, dass du noch lebst", flüsterte Liam leise.
Leyla antwortete zunächst nicht. Sie spürte sein Herz schlagen – schnell, unruhig, ehrlicher als jedes seiner Worte. Langsam hob sie schließlich den Blick zu ihm und lächelte.
Nach einigen Sekunden löste Liam die Umarmung wieder und räusperte sich leicht. „Wir sollten jetzt die Höhle durchsuchen. Wer weiß, vielleicht finden wir etwas Nützliches."
Leylas Augen begannen sofort wieder zu leuchten. „Vergiss nicht, dass ich noch die Varellen pflücken muss!"
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Leylas Blick wanderte langsam durch das Zimmer des Dracharen. Nachdem Liam die Treppe am Ende des Raumes hinabgestiegen war, um die Varellen aus der Grotte zu holen, war eine unangenehme Stille zurückgekehrt – nur das Donnern des Wasserfalls hallte dumpf durch die Höhle und erinnerte sie daran, dass die Welt draußen noch existierte.
Der Raum selbst wirkte überraschend gewöhnlich. An der Wand stand ein einfaches Holzbett, ordentlich gemacht und beinahe sauber. Ein schwarzer Teppich bedeckte einen Teil des Steinbodens und verlieh dem Raum eine seltsame Wärme, die überhaupt nicht zu Maegnar passen wollte. In einer Ecke befand sich ein großer Schreibtisch, auf dem unzählige Stapel aus Pergamenten verteilt lagen.
Neugierig trat Leyla näher und begann vorsichtig einige der Zettel durchzublättern. Doch schon nach wenigen Sekunden runzelte sie verwirrt die Stirn. Kein einziges Wort war darauf geschrieben – nicht einmal Zeichnungen. Nur leeres Pergament, Seite um Seite, als hätte jemand etwas festhalten wollen und nie gewusst, womit anfangen.
Während sie weiter durch die Stapel blätterte, fiel ihr plötzlich etwas Dunkles zwischen den Zetteln auf. Ein schwarzes Buch lag halb verborgen unter mehreren Pergamenten, das Material seltsam kühl unter ihren Fingerspitzen – fast unangenehm, wie etwas, das keine Wärme annehmen wollte.
Neugierig schlug Leyla es auf. Doch bereits nach wenigen Sekunden wich ihre Neugier sichtbarer Enttäuschung.
„Ich kann das nicht lesen…" murmelte sie leise.
Die Schrift darin wirkte vollkommen fremd – die Zeichen erinnerten sie an keine ihr bekannte Schrift, nicht einmal im Ansatz. Gerade wollte Leyla das Buch wieder schließen, als sie aus dem Augenwinkel ein leichtes Flackern bemerkte.
Auf einem kleinen Nachttisch neben dem Bett stand eine einzelne Kerze, deren Flamme sich kaum bewegte. Sie hielt inne.
„Ich habe dir übrigens zehn Varellen gepflückt!"
Liams Stimme riss sie sofort aus ihren Gedanken. Sie drehte sich um und sah ihn die Treppe hinaufkommen, in der Hand mehrere kleine blau-violette Pflanzen, deren Blätter im schwachen Licht leicht schimmerten.
Unwillkürlich lächelte Leyla. „Danke, Liam."
„Und?" fragte er neugierig. „Hast du irgendetwas Interessantes gefunden?"
Leyla hob das schwarze Buch leicht an. „Nur das hier. Kannst du lesen, was darin steht?"
Liam tauschte die Varellen gegen das Buch und überflog einige Seiten. Schon nach kurzer Zeit schüttelte er langsam den Kopf.
„Nein. Ich erkenne nicht einmal die Sprache."
Sein Blick blieb kurz auf den seltsamen Schriftzeichen hängen. „Vielleicht finden wir in Malyl jemanden, der das entziffern kann."
Leyla nickte leicht und folgte Liam schließlich zur Tür. Kaum hatten sie den Eingang erreicht, schnippte Liam beiläufig mit den Fingern – sofort schossen Flammen über den Schreibtisch, die Pergamente begannen augenblicklich zu brennen, und das Feuer fraß sich schnell durch den Raum. Innerhalb weniger Sekunden stieg dunkler Rauch zur Decke auf.
„Kommst du?" rief Liam bereits von draußen.
Leyla blieb jedoch noch einen Moment stehen. Schweigend beobachtete sie die Flammen, die sich in ihren Augen spiegelten, während die Hitze langsam den gesamten Raum verschlang. Irgendetwas daran fühlte sich endgültig an.
Erst einige Sekunden später drehte sie sich um und ging nach draußen.
Ihr Blick glitt kurz über den felsigen Boden – und dann entdeckte sie ihn. Der kleine ovale Stein lag zwischen Erde und Geröll, als hätte er geduldig auf sie gewartet. Leyla beugte sich hinab, nahm ihn auf und hielt ihn einen kurzen Moment in der Hand. Die Oberfläche war noch immer glatt und kühl, unbeeindruckt von allem, was um ihn herum geschehen war.
Dann ließ sie ihn in ihrer Tasche verschwinden und folgte Liam.
Doch ihre Gedanken ließen sie nicht los. Verwirrt blickte sie auf ihre Hände hinab und strich unwillkürlich über ihren Arm. Die Spinne hätte sie beinahe getötet, und die Narben davon trug sie noch immer. Aber diesmal – nichts. Kein Schmerz, keine Verletzung, keine Spur davon, dass etwas passiert war. Das ergab keinen Sinn.
Während hinter ihr dunkle Rauchschwaden aus der Höhle aufstiegen und sich träge mit dem Nebel des Wasserfalls vermischten, wurde Leyla das Gefühl nicht los, dass sich etwas verändert hatte. Etwas, das sie nicht benennen konnte.



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