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Kapitel 120 - Gefangen im Wahnsinn der Zeit

,,Nummer eins ist geschafft. Wer will als nächstes?’’


Liam konnte nicht atmen.


Seine Augen waren starr auf den Kronprinzen gerichtet, auf den Mann, der Claurian getötet hatte, als wäre es nichts. Es war kein Kampf gewesen, kein ehrwürdiges Duell. Es war eine Hinrichtung. Eine einseitige Demonstration der Überlegenheit.


Sein Körper fühlte sich plötzlich so schwer an. Kalt.


,,D-Das kann nicht sein…’’


Liams eigene Stimme klang ihm fremd. Hohl.


War das das Ende? War alles, wofür sie gekämpft hatten, alles, was sie aufgebaut hatten, innerhalb eines einzigen Augenblicks zunichtegemacht worden?


Was würde jetzt geschehen?


Was würde aus Jakira werden? Was aus seinen Leuten, aus Randurin? Was würde aus dem Traum werden, für den er sein Leben gegeben hätte – eine Zukunft, in der Leyla, in der sie alle, frei sein konnten?


Der Kronprinz seufzte theatralisch, als würde er sich über ihre Fassungslosigkeit amüsieren.


,,Es tut mir wirklich leid, aber hier ist eure Rebellion vorbei’’


Jedes Wort drang wie ein Dolch in Liams Brust.


Sebastian Algavia trat langsam auf ihn zu, seine Schritte hallten durch die Halle. Unbeeindruckt. Gelassen.


Liam zwang sich, nachzudenken. Vielleicht war er nach dem Kampf gegen Claurian geschwächt? Vielleicht gab es eine Möglichkeit, ihn zu besiegen?


Nein.


Sebastian hatte sich kaum bewegt. Kaum geatmet. Claurian war ihm nicht einmal gefährlich geworden. Wenn selbst sie keine Chance hatte, dann hatte Liam erst recht keine. Und wenn er keine hatte, dann hatten auch Ralf und Azoph keine.


Sie würden sterben.


Es war vorbei.


„Also, wer ist dran?“ fragte Sebastian mit einem amüsierten Unterton.


Liam spürte, wie sich seine Hände zu Fäusten ballten. Seine Beine fühlten sich an, als könnten sie ihn kaum noch tragen. Er wusste nicht, ob es Wut war oder Angst, die in ihm tobte.


Doch noch bevor er reagieren konnte, bevor überhaupt jemand von ihnen reagieren konnte, ertönte eine Stimme.


Von oben.


Von einem der hohen Fenster der Burg.


[???] ,,Wie wäre es mit mir?’’



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Sebastian riss den Kopf nach oben, sein Blick schoss zum Fenstersims.


Dort saß eine Gestalt, die Beine lässig über den Rand baumelnd, als wäre dies hier nichts weiter als ein gemütlicher Aussichtspunkt. Sebastian wusste wer das war.


Sein Magen zog sich zusammen.


„Was willst du hier?!“ brüllte er, die Wut in seiner Stimme kaum unterdrückbar.


Sein Bruder.


Kronprinz Hypos.


Was bei Kamera machte er hier? Warum war er nach Randurin gekommen? War er hier, um ihm seinen Sieg streitig zu machen?


Hypos grinste nur. Es war kein freundliches Grinsen. Es war das Grinsen eines Wahnsinnigen.


Dann begann er zu lachen. Laut, schrill, wie ein Mann, der sich an der Absurdität der Welt erfreute.


„Heeey, wie geht es euch allen?“ rief er vergnügt und breitete die Arme aus, als würde er eine alte Freundesrunde begrüßen. „Ich hoffe, ich störe nicht!“


Sebastian schluckte.


Jeder in der Familie wusste von Hypos’ Kräften. Seine Zeitmagie war eine der gefährlichsten Fähigkeiten, die je in der Algavia-Dynastie existiert hatte.


Er konnte einen Bereich um sich herum immer wieder auf einen von ihm gewählten Punkt in der Zeit zurücksetzen. Ein perfektes Gefängnis, aus dem es kein Entkommen gab.


Sebastian spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. Wie groß war Hypos’ Einflussbereich? War er bereits gefangen?


Nein. Nein, das spielte keine Rolle.


Er wusste von Hypos’ Magie, doch Hypos wusste nichts von seiner eigenen.


„Egal“, dachte Sebastian mit einem selbstsicheren Grinsen. „Egal, wie oft er die Zeit zurücksetzt – ich behalte meine Erinnerungen. Und mit jeder Wiederholung, mit jeder Erfahrung, die ich zusätzlich aus meiner Kraft ziehe, wird er sich nur selbst schwächen. Am Ende kann er mich nicht besiegen.“


Dann kam ihm ein Gedanke. Ein dunkler, schleichender Gedanke, der sich in seinen Geist fraß wie ein Lauffeuer. Was, wenn er ihn tötete? Was, wenn er hier und jetzt seinen Bruder aus dem Weg räumte?


Hypos war der Erstplatzierte im Prinzenspiel. Wenn er fiel, würde Sebastian auf Platz eins rücken.


Und wenn er dazu noch Randurin befreite…


Ein hämisches Grinsen zog sich über Sebastians Gesicht.


„Gut, Hypos“, sagte er, seine Stimme triefte vor Spott. „Du willst kämpfen? Dann komm und zeig mir, was du kannst!“


Seine Hände legten sich fester um den Griff seines Schwertes.


Das hier war seine Chance. Seine eine, einzige Chance.


Und er würde sie nicht ungenutzt lassen.



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Hypos sprang mit spielerischer Leichtigkeit vom Fenstersims auf einen der massiven Kronleuchter. Mit einem Lachen ließ er sich an den Beinen hängen, schwang vor und zurück wie ein Kind auf einer Schaukel.


„Oh, Bruder“, rief er übertrieben theatralisch. „Ich wusste ja, dass du ein Wahnsinniger bist, aber anscheinend bist du auch noch völlig verblendet!“


Dann brach er in schallendes Gelächter aus.


Sebastians Wut kochte über.


Wie konnte Hypos es wagen, ihn als Wahnsinnigen zu bezeichnen? Er?! Der verdammte Irrsinn in Person?!


Sebastians Finger umklammerten den Griff seines Schwertes fester. Er würde ihm dieses selbstgefällige Lächeln aus dem Gesicht schneiden.


Dann ließ Hypos los. Er fiel mit ausgestreckten Armen auf Sebastian zu, als wolle er ihn in eine Umarmung reißen.


Sebastian riss sein Schwert hoch und machte einen schnellen Ausfallschritt zur Seite. Dies war die perfekte Gelegenheit. Sein Bruder war ungeschützt, unvorbereitet –


Seine Klinge sauste herab.


Doch Hypos öffnete nur seinen Mund und atmete aus.


Ein plötzlicher Windstoß fegte durch die Halle.


Sebastian wurde aus dem Gleichgewicht gebracht, sein Angriff schlug ins Leere, und Hypos landete mit der Anmut eines Tänzers sicher auf dem Boden.


„Windmagie“, fuhr es Sebastian durch den Kopf. „Verdammt!“


Er wirbelte herum, um sofort nachzusetzen, doch dann sah er es.


In Hypos’ Hand begann sich eine Kugel aus Schatten zu formen. Sie pulsierte bedrohlich, wuchs mit jeder Sekunde und sog das Licht um sich herum ein, als ob sie es verschlingen wollte.


„Sag schon, Bruder“, rief Hypos grinsend. „Was geht dir gerade durch den Kopf? Siehst du deine Chancenlosigkeit endlich ein?“


Sebastian knirschte mit den Zähnen. Er wusste, dass er nicht arrogant werden durfte. Aber verlieren? Gegen Hypos? Niemals!


Hypos schleuderte die Kugel. Die Schattenmagie traf ihn mit voller Wucht. Ein kaltes Brennen durchzog seinen Körper, und für einen kurzen Moment war da nichts außer Dunkelheit.


Dann war er tot.


Und zum ersten Mal hatte ihn ein Algavia getötet.



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„Oh, Bruder! Ich wusste ja, dass du ein Wahnsinniger bist, aber anscheinend bist du auch noch völlig verblendet!“


Dann brach Hypos in schallendes Gelächter aus, sein ganzer Körper bebte vor Amüsement.


Er saß wieder auf dem Kronleuchter, baumelte wie ein Affe an einem Ast und schwang sich spielerisch hin und her.


Sebastian biss die Zähne so fest zusammen, dass sein Kiefer knackte.


Wie oft würde er diesen Satz wohl hören müssen? Wie oft würde er Hypos sterbend verfluchen, bevor er es endlich schaffte, sich an ihm zu rächen?


Doch das war unwichtig.


Je länger es dauerte, desto süßer würde der Moment der Vergeltung sein.


Hypos ließ sich fallen, sein Körper drehte sich elegant in der Luft. Sebastian hechtete sofort zur Seite, bereit für den Moment, in dem sein Bruder Windmagie nutzen würde.


Doch er griff nicht sofort an. Er wartete. Beobachtete. Lernte.


Wie erwartet atmete Hypos erneut einen Schwall aus Windmagie aus. Die Böe trug ihn sanft zu Boden, ließ ihn mit sanfter Eleganz landen, als wäre er nie gefallen.


Sebastian reagierte. Er stürzte sich auf ihn, sein Schwert sauste in einem tödlichen Bogen herab.


Die Schattenkugel in Hypos’ Hand hatte sich erst zur Hälfte geformt – das war seine Chance!


Die Klinge traf mit voller Wucht.


—KLING—


Ein metallisches Echo hallte durch die Halle. Sebastian blinzelte verwirrt. Sein Schwert war nicht in Fleisch eingedrungen.


Hypos stand unversehrt vor ihm, ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen. Eine dünne, fast durchsichtige Schicht aus Eis überzog seine Brust.


Sebastian spürte ein kaltes Gefühl der Erkenntnis.


„Eismagie?!“


Er hatte nur mit Zeit-, Schatten- und Windmagie gerechnet, doch sein Bruder besaß mehr Tricks, als er geahnt hatte.


Dann wurde er erneut von der Schattenkugel getroffen.


Ein kaltes Brennen durchzog seinen Körper, Dunkelheit hüllte ihn ein.


Und mit einem letzten, unausgesprochenen Fluch starb er zum zweiten Mal.



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„Oh, Bruder! Ich wusste ja, dass du ein Wahnsinniger bist, aber anscheinend bist du auch noch völlig verblendet!“


Hypos ließ einen Lichtzauber aufblitzen, blendete Sebastian für den Bruchteil einer Sekunde und rammte ihm seine eigene Klinge ins Herz.


Tod Nummer siebenundvierzig.


„Oh, Bruder! Ich wusste ja, dass du ein Wahnsinniger bist, aber anscheinend bist du auch noch völlig verblendet!“


Sebastian schaffte es, Hypos in den Rücken zu stechen, fühlte den Widerstand der Klinge, das Zucken des getroffenen Körpers. Einen Moment lang glaubte er, es geschafft zu haben – bis eine Flammensäule aus dem Boden brach und ihn in Sekundenschnelle zu Asche verbrannte.


Tod Nummer dreihunderteinundneunzig.


„Oh, Bruder! Ich wusste ja, dass du ein Wahnsinniger bist, aber anscheinend bist du auch noch völlig verblendet!“


Sebastian machte einen Schritt nach vorne und fiel. Der Boden unter ihm existierte nicht mehr, stattdessen ein bodenloses, schwarzes Nichts. Der Aufprall kam schneller, als er hätte reagieren können.


Tod Nummer elftausendachthundertundzwei.


„Oh, Bruder! Ich wusste ja, dass du ein Wahnsinniger bist, aber anscheinend bist du auch noch völlig verblendet!“


Ein stechender Schmerz durchzuckte seinen gesamten Körper. Er konnte nicht einmal schreien, als das Blut in seinen Adern zu sieden begann und seine Organe sich in kochende Masse verwandelten.


Tod Nummer fünfundachtizigtausendfünfhundertunddrei


„Oh, Bruder! Ich wusste ja, dass du ein Wahnsinniger bist, aber anscheinend bist du auch noch völlig verblendet!“


Ein Blitz schoss aus Hypos’ Hand, schneller als jedes menschliche Auge folgen konnte. Der Strom durchfuhr Sebastians Körper, riss seine Muskeln auseinander, ließ sein Herz in seiner Brust explodieren.


Tod Nummer sechshundertzweitausendsiebenhundertfünfundachtizig.


„Oh, Bruder! Ich wusste ja, dass du ein Wahnsinniger bist, aber anscheinend bist du auch noch völlig verblendet!“


Hunderte magische Angriffe wurden auf Sebastian abgefeuert. Hunderten magischen Angriffen wich er aus. Während dem ganzen Kampf dröhnte das Lachen des wahnsinnigen Prinzen durch die Halle.


Doch dann:


Hypos’ Lachen wurde abrupt unterbrochen.


Sebastian stand bereits vor ihm. Er hatte nicht gezögert, nicht einmal geblinzelt. Seine Klinge drang in den Hals seines Bruders mit erschreckender Präzision.


Hypos’ Augen weiteten sich. Ein Zucken ging durch seinen Körper, als warmes Blut aus seinem aufgerissenen Hals strömte. Er taumelte, seine Knie gaben nach, und er fiel.


Sebastian grinste, seine Brust hob und senkte sich schwer.


Er hatte es geschafft.


Nach über zwei Millionen Versuchen.


Jedes Mal war er gestorben, immer wieder, gequält von der unzähligen Wiederholung eines gnadenlosen Albtraums. Doch jetzt war es vorbei.


„Du bist wohl eher der Wahnsinnige, Bruder Hypos!“ rief er ihm triumphierend entgegen, die Euphorie in seiner Stimme unüberhörbar.


Er hatte gesiegt. 


Und das Beste daran: Hypos wusste es nicht. Für ihn wirkte es so, als hätte Sebastian ihn mit Leichtigkeit überwältigt, als wäre er von Anfang an unbesiegbar gewesen.


Hypos lag nun reglos am Boden, das Leben wich aus seinen Augen.


Sebastian trat näher, sein Schwert noch immer blutverschmiert.


„Hast du noch letzte Worte, Bruder?“ fragte er mit gespielt beiläufiger Stimme.


Hypos atmete schwer, sein Blick flackerte. Dann verzog er die Lippen zu einem blutigen Lächeln.


,,Wir beide sind wohl wahnsinnig.’’



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Sebastian drehte sich langsam zu den verbliebenen Rebellen um. Sein Blick glitt über ihre Gesichter – Furcht, Erstaunen, Verzweiflung. Die paar Tode, die er gegen sie sterben würde, waren nichts im Vergleich zu dem, was er hinter sich hatte.


Er wollte gerade nach vorne stürzen, seine Klinge bereit, als es geschah.


Ein Wimpernschlag – und plötzlich war er wieder dort. Er stand unter dem Kronleuchter. Sein Herz setzte einen Schlag aus. Über ihm baumelte sein Bruder.


Sebastian riss die Augen auf. Was war passiert? Wie konnte das sein? War er doch noch gestorben? Hatte er einen Fehler gemacht, den er nicht bemerkt hatte?


Doch etwas war anders. Hypos sagte nichts. Nicht den Satz.


Nicht den Satz, den Sebastian über zwei Millionen Mal gehört hatte, der sich wie ein brennendes Mantra in seinen Verstand eingebrannt hatte.


Nein, diesmal sprang Hypos nicht mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu. 


Diesmal sprang er gerade hinab und landete federleicht auf seinen Füßen.


Er rückte seinen schwarzen Hut zurecht, sein Grinsen amüsiert.


„Das hat doch Spaß gemacht, oder?“ rief er lachend.


Sebastian taumelte einen Schritt zurück. Sein Verstand ratterte.


Nicht nur, dass er in der Zeit zurückgesetzt worden war – Hypos hatte sein Verhalten geändert. Das war unmöglich. Das war noch nie passiert.


„Denkst du etwa, ich würde bei deiner Zeitmagie meine Erinnerungen verlieren?“ fragte Hypos und kicherte. „Bruderherz, durch unsere Adern fließt dasselbe Blut.“


Sebastian spürte, wie seine Kehle trocken wurde. „A-Aber… wieso hast du dann immer wieder das Gleiche gesagt? Wieso hast du mich dich töten lassen?!“


Hypos zuckte mit den Schultern, als wäre es nicht der Rede wert.


„Weiß nicht. Wollte mal sehen, wie lange du durchhältst.“


Sebastian öffnete den Mund, doch er brachte kein Wort heraus. Sein ganzer Körper war angespannt, sein Herz schlug rasend schnell. Wenn Hypos die Erinnerungen behalten konnte, wenn er genauso oft in der Zeit zurückgesprungen war wie er selbst… dann konnte er nicht gewinnen.


Nein. Er würde nie gewinnen.


Ein plötzlicher Druck riss ihn aus seinen Gedanken. Etwas Kaltes schlang sich um seine Handgelenke, kroch wie lebendige Schlangen über seine Arme, seine Brust, seine Beine.


Eisenfesseln.


Sebastian riss an den Ketten, doch sie wurden nur enger. Sein Schwert fiel mit einem hellen Klirren zu Boden.


„Nun, ich könnte dich töten, aber wir beide wissen, dass uns das nicht weiterbringt.“


Hypos grinste, während er einen Schritt auf Sebastian zutrat, der vergeblich versuchte, sich aus den Fesseln zu winden.


„Nein, nein. Ich habe etwas viel besseres vor. Du hast wirklich beeindruckende Ausdauer bewiesen, Bruder. Also dachte ich mir, ich belohne dich ein wenig.“


Sebastian knirschte mit den Zähnen. ,,Was hast du mit mir vor?’’


Hypos neigte den Kopf, als würde er überlegen.


,,Ich überlass dich den Rebellen!’’


Sebastian erstarrte. Für einen Moment fühlte es sich an, als würde ihm die Luft aus den Lungen gepresst.


„Du bist verrückt…“ brachte er hervor, seine Stimme kaum mehr als ein heiseres Flüstern.


Die Ketten hatten sich nun vollständig um seinen Körper gewickelt, drückten ihn so fest ein, dass er sich nicht mehr bewegen konnte.


,,Ich weiß!’’ antwortete Hypos.


Dann drehte er sich schwungvoll zu den Rebellen um. Liam, Azoph und Ralf standen da, unfähig zu begreifen, was sie gerade sahen. Ihre Körper waren angespannt, als hätten sie Angst, sich auch nur zu bewegen.


„Oh, ihr seht aus, als hättet ihr euch noch nicht an meine Anwesenheit gewöhnt!“ rief Hypos mit gespielter Überraschung. „Verzeihung, verzeihung! Ich weiß, mein Auftritt war ein bisschen… sagen wir mal… unkonventionell.“


Er trat vor, seine Schritte hallten durch die Burg. Die Rebellen rührten sich nicht.



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Ralf stand da, wie erstarrt. Sein Körper weigerte sich zu reagieren, sein Verstand konnte kaum erfassen, was gerade geschehen war.


Kronprinz Sebastian, ein Monster auf dem Schlachtfeld, war Hunderte Male Hypos’ Angriffen ausgewichen, hatte ihn schließlich niedergestreckt – und doch war es bedeutungslos gewesen.


Die Zeit war zurückgesetzt worden. Und in dieser neuen, zweiten, Realität hatte Hypos ihn mühelos besiegt, ihn gefesselt, ihn verspottet.


,,Diese verfluchte Zeitmagie’’, dachte Ralf verzweifelt.


Ralf fühlte, wie sich sein Magen zusammenzog. Wie konnte man gegen jemanden kämpfen, der eine Niederlage einfach ungeschehen machte?


Hypos schlenderte auf sie zu, mit der Leichtigkeit eines Mannes, der wusste, dass nichts ihn aufhalten konnte.


„Ich biete euch einen Tausch an“, rief er mit übertriebenem Enthusiasmus. „Euren Elfen gegen meinen Bruder!“


Ralf öffnete den Mund, doch kein Wort kam heraus. Dann schloss er ihn wieder.


Warum wollte Hypos ausgerechnet Liam?


„Ihr kö—“ begann Azoph, doch sofort umschlang eine Schicht aus Eis seinen Mund, erstickte die Worte in der Luft.


„Mit dir rede ich nicht“, sagte Hypos kühl. „Ich rede mit dem Menschen. Und nur mit ihm.“


Ralf spürte, wie sein Atem stockte, als er zu Liam hinübersah – und das Blut in seinen Adern gefror. 


Liam war gefesselt. Mit den gleichen Ketten wie der besiegte Kronprinz. Und sein Mund war mit dem gleichen Knebel aus Eis versiegelt wie der von Azoph.


„Nun, was sagst du?“ Hypos stand jetzt direkt vor ihm, sein Blick erwartungsvoll, amüsiert.


Ralf wusste, dass es keine richtige Antwort gab. Egal, was er sagte – Hypos würde tun, was er wollte.


Trotzdem nahm er all seinen Mut zusammen und antwortete: „Nein. Wir lehnen ab.“


Hypos legte den Kopf schief, ein gespielter Ausdruck von Bedauern auf seinem Gesicht.


„Das ist aber schade“, murmelte er mit einem leisen Seufzen. „Ich hatte mich so gefreut.“


Dann, ohne Vorwarnung, beugte er sich vor und umarmte Ralf. Die Geste war so unerwartet, so bizarr, dass Ralf für einen Moment wie gelähmt war. Dann flüsterte Hypos ihm direkt ins Ohr:


„Soll ich dir was verraten? Ich nehme ihn trotzdem mit.“


Bevor Ralf reagieren konnte, spürte er einen brutalen Schlag in den Magen. Die Luft wurde ihm aus den Lungen gepresst, und sein Körper sackte auf die Knie. Er keuchte, versuchte sich aufzurichten, doch seine Muskeln verweigerten ihm den Dienst.


Nein. Er konnte nicht zulassen, dass Liam mitgenommen wurde. Er wollte es nicht. Doch sein Körper gehorchte ihm nicht.


Mit verschwommenem Blick sah er, wie Hypos sich mühelos den gefesselten Elfen über die Schulter warf. Dann sprang er. Ein einziger Satz nach oben, federleicht, als würde die Schwerkraft für ihn nicht existieren.


Er landete auf dem Fenstersims, drehte sich noch einmal mit einem Grinsen um – und verschwand in der Dunkelheit.


Ralf kniete auf dem Boden, keuchend, geschlagen.


Liam war fort.

 
 
 

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