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Kapitel 121 - Nachdem der Rauch sich legt

Ralf saß seit Stunden in dem dunklen Herzogsgemach, die einzigen Geräusche waren sein eigener Atem und das leise Knistern des Kaminfeuers. Seit Hypos mit Liam verschwunden war, hatte er sich eingeschlossen, um nachzudenken, Pläne zu schmieden – und sich der bitteren Realität zu stellen.


Der Kronprinz hatte ihnen nicht einmal den Gefallen getan, sie ernst zu nehmen. Stattdessen hatte er gelacht, als wäre das alles ein Spiel. Randurin hatte er ihnen überlassen, als wäre es wertlos.


Aber Ralf wusste es besser. Sie mussten die Stadt halten. Egal, was es kostete.


Sie hatten immer noch die Boz – die furchteinflößende Waffe, die Randurin in eine Festung verwandelte. Sie hatten immer noch die Mauern, die Straßen, die Menschen, die bereit waren zu kämpfen.


Und sie hatten Kronprinz Sebastian.


Von Liams ursprünglicher Gruppe war er der Letzte. Die Halbriesen und Gnosch waren im Kampf gefallen. Locart hatte sie von Anfang an verraten.


Nidhogg, Claurian und Kroll waren von Sebastian hingerichtet worden.


Theol war auf einer Mission, irgendwo in der Ferne. Wann – oder ob – er zurückkehren würde, war unklar.


Jakira war auf dem Weg nach Kartaffel, um Verstärkung zu holen. Doch auch bei ihr wusste Ralf nicht, wann sie zurückkehren würde.


Und Liam… Liam war fort. Entführt von einem Kronprinzen, dessen Macht weit über das hinausging, was sie hatten verhindern können.


Ralf atmete tief durch und zwang sich aufzustehen. Die Welt konnte es sich nicht leisten, dass er jetzt in Selbstmitleid versank. Die Stadt gehörte noch immer dem Schwarzen Stern. Sie hatten einen Kronprinzen gefangen. Sie hatten eine Chance.


Er trat zur Tür, straffte seine Schultern und öffnete sie. 


Azoph wartete bereits auf der anderen Seite. Sein Gesicht war ernst, doch in seinen Augen lag eine unausgesprochene Frage.


„Ist das Verhörzimmer bereit?“ fragte Ralf, seine Stimme klang fester, als er sich fühlte.


Azoph nickte knapp.


Ohne ein weiteres Wort folgte Ralf ihm. Zeit, den Kronprinzen zu befragen.



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Der Kronprinz lag in einer dunklen Ecke des Raumes, der einst als enge Schlafkammer für die Bediensteten gedient hatte. Die Luft war stickig, das Holz der Wände von Jahren der Vernachlässigung verfärbt, und der schwache Schein einer einsamen Kerze warf flackernde Schatten auf den kargen Boden.


Die magischen Fesseln von Hypos hielten Sebastian weiterhin in ihrem unsichtbaren Griff, doch zur Sicherheit hatte man ihn zusätzlich mit groben Hanfseilen an das knarrende Bettgestell gebunden.


Ralf setzte sich auf einen schlichten Hocker und beugte sich vor, während er mit einer ruhigen, fast bedächtigen Bewegung den Knebel aus dem Mund des Kronprinzen entfernte.


,,Befreit mich sofort! Was erlaubt ihr euch—’’ fauchte Sebastian, seine Stimme scharf vor Wut und Entrüstung. Doch Ralf erstickte den Protest im Keim, indem er ihm entschlossen mit einer Hand den Mund zudrückte.


,,Du wirst dich an ein paar Regeln halten, ob es dir passt oder nicht’’, sagte Ralf mit einer Stimme, die ruhig, aber von unbeugsamer Festigkeit war. ,,Erstens: Wir sprechen auf Augenhöhe. Ich werde dich mit Respekt behandeln – mit dem Respekt, den ich jedem Menschen entgegenbringe. Aber erwarte nicht die unterwürfige Ehrfurcht, die ihr Prinzen gewohnt seid. Ebenso wirst du mich respektieren. Kein herablassendes Gehabe, keine Befehle.’’


Er beugte sich näher heran, seine Augen fixierten Sebastian, als wolle er jede Regung seines Gegenübers erkennen.


,,Zweitens: Du beantwortest unsere Fragen. Keine Spielchen, keine Ausflüchte, kein taktisches Schweigen. Wir haben keine Geduld für lästige Umwege.’’


Ralf ließ die Worte kurz sacken, bevor er fortfuhr.


,,Drittens: Du stellst keine Forderungen. Wir werden dich nicht verhungern lassen, und niemand wird dich foltern. Aber wir allein bestimmen die Bedingungen deiner Gefangenschaft. Dein Wohlergehen hängt allein davon ab, wie kooperativ du bist. Hast du mich verstanden? Falls ja, blinzel dreimal.’’


Sebastian zögerte. Ein kaltes, unversöhnliches Feuer brannte in seinen Augen, sein Stolz schien mit der Realität seiner Lage zu ringen. Doch letztendlich war Widerstand zwecklos. Nach einem Moment des inneren Kampfes blinzelte er dreimal, langsam, gezwungen.


Ralf nahm die Hand von seinem Mund. Sebastian verzog das Gesicht, sein Blick war hasserfüllt, doch seine Stimme blieb ruhig, als er schließlich sprach.


,,Was wollt ihr wissen?’’


Ralf verschränkte die Arme. ,,Wie konntest du so schnell vor Ort sein? Unser Angriff war aus dem Nichts. Jemand musste dich gewarnt haben. Wer hat dir von unserem Plan berichtet?’’


Sebastian musterte ihn spöttisch, als genieße er es, die Antwort hinauszuzögern. Doch dann sagte er mit gespielter Gleichgültigkeit: ,,Selfmun Aragi.’’


Ralf zog scharf die Luft ein. Der Rote Teufel? Der gefürchtete Minister? Wie konnte er davon erfahren haben? Ein ungutes Gefühl machte sich in Ralfs Magen breit.


,,Und Liam? Wohin wurde er gebracht?’’ Seine Stimme war angespannt, beinahe drängend.


Sebastian schnaubte. ,,Woher bei Kamera soll ich das wissen? Wenn ich Hypos' Pläne durchschauen könnte, wäre ich jetzt nicht in dieser Lage.’’


Seine Worte klangen plausibel. Ralf biss sich auf die Lippe. Wenn der Kronprinz selbst im Dunkeln tappte, würde es noch schwieriger, wenn nicht unmöglich, werden, Liam zu finden.


,,Welche Truppen hat das Kaiserreich in der Nähe stationiert? Und was ist ihr nächster Schritt?’’ Ralfs Blick verengte sich.


Der Kronprinz zuckte mit den Schultern. ,,Ich bin allein losgezogen. Niemand hat mich geschickt. Aber wenn du mich fragst, dann haben die Generäle im Moment besseres zu tun, als sich um euch zu kümmern. Das Kaiserreich bereitet einen Krieg gegen die Tabakinseln vor.’’


Ralf rieb sich nachdenklich das Kinn. Ein Krieg gegen die Tabakinseln? Das war eine unerwartete Wende – und eine, die ihnen womöglich in die Karten spielte. Wenn das Kaiserreich in einen Angriffskrieg verstrickt war, würde es seine Truppen nicht so leicht umdisponieren können. Die Bedrohung einer massiven Gegenoffensive war damit vorerst geringer als befürchtet.


,,Gut’’, sagte Ralf nach einem Moment des Nachdenkens. ,,Für den Augenblick reicht das. Ich komme später wieder.’’


Sebastian lehnte sich gegen die harten Seile, sein Blick war voller kalter Arroganz. ,,Glaubst du wirklich, ihr könnt diese Stadt halten? Ihr seid nichts weiter als eine Horde aufständischer Narren. Ihr habt keine Chance.’’


Ralf hielt kurz inne, dann hob er nur leicht die Augenbrauen. ,,Das werden wir ja sehen.’’


Ohne ein weiteres Wort nahm er den Knebel und drückte ihn Sebastian erneut in den Mund. Ein gedämpftes, verärgerte Knurren war das Letzte, was der Kronprinz von sich gab, bevor Ralf sich erhob, die knarrende Tür öffnete und das Zimmer in der Dunkelheit zurückließ.



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Theol klopfte mit fester Faust an die schwere Tür, deren Adresse auf einem zerknitterten Zettel stand, den Liam ihm gegeben hatte. Die Dunkelheit der engen Gassen um ihn herum ließ ihn unruhig werden, und er war sich bewusst, dass er hier nicht länger verweilen wollte als unbedingt nötig.


Den Sack mit Gold hatte er in zwei gleichgroße Hälften geteilt, jede sorgfältig verschnürt, damit sie nicht allzu auffällig klirrten.


Die Tür wurde mit einem tiefen Knarren geöffnet. Dahinter stand ein stämmiger Zwerg mit wettergegerbtem Gesicht, das von sichtbaren Schicksalsschlägen gezeichnet war. Seine tiefen Falten und das misstrauische Funkeln in seinen dunklen Augen verrieten, dass er nicht an angenehme Überraschungen gewöhnt war.


„Ja?“ brummte er, die Hand noch immer an der Türklinke.


„Seid Ihr der Bruder von Fer Stahl?“ fragte Theol knapp. Er hielt sich nicht gerne in Erzofen, einer der größten Zwergenstädte der Larifen, auf. Diese tief in die Berge geschlagene Stadt war ein Wunderwerk der Architektur: riesige Hallen, durchzogen von massiven Brücken, während sich die Häuser der Zwerge wie Schwalbennester an den Felswänden reihten. Doch trotz der imposanten Bauweise fühlte sich Theol in der bedrückenden Enge unwohl.


Der Zwerg starrte ihn einige Herzschläge lang ungläubig an, bevor er mit Nachdruck fragte: „Weißt du, wo Fer ist? Was ist mit ihm? Geht es ihm gut?“


Theol seufzte leise. Auf diese Art von Gespräch war er nicht aus.


„Fer war Mitglied in der Abenteurergilde meines Bosses. Er… ist vor mehr als acht Monaten verstorben.“ Er hielt dem Zwerg den Beutel mit Gold hin, spürte aber den Widerstand in der Luft, das unausgesprochene Verlangen nach einer anderen Antwort. „Mein Boss hat mich geschickt, um Euch das hier zu überbringen. Fer hatte vor, Euch zu unterstützen, und das hier ist ein Zeichen, dass er es auch über den Tod hinaus tut.“


Der Zwerg griff zögerlich nach dem Beutel, wog ihn in der Hand und öffnete ihn schließlich. Sein Blick verweilte für einige Sekunden auf den glänzenden Münzen, bevor er ihn wieder verschloss. Dann reichte er Theol seine Hand, seine Stimme rau, aber fest.


„Danke, Vishap. Wenigstens weiß ich jetzt, was aus ihm geworden ist.“


Theol erwiderte den Händedruck. Er hatte mit mehr Emotionen gerechnet – Tränen, vielleicht Wut. Stattdessen blieb der Zwerg bemerkenswert gefasst, als würde ihn die Bestätigung nur in einem lange gehegten Verdacht bestärken.


„Ich muss zurück an die Arbeit. Leb wohl.“


Ohne weiteres schloss der Zwerg die Tür, und ließ Theol in der Kühle des Korridors stehen. Einen Moment lang verharrte er dort, betrachtete das grob behauene Holz, bevor er sich abwandte. Der erste Teil seines Auftrags war erledigt.


Mit dem zweiten Sack Gold sicher verstaut, machte er sich auf den Weg, um auch die zweite Pflicht seines Auftrags zu erfüllen.



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Himmel flog förmlich über die verschneite Straße, seine kraftvollen Hufe peitschten den Schnee auf, während seine schwarze Mähne wild im eisigen Wind flatterte. Die Kälte biss in die Nacht, doch das hielt das Pferd nicht auf – und Jakira ebenso wenig.


Dicht in ihren Mantel gewickelt, klammerte sie sich fester an den warmen Körper des Tieres. Der Schnee fiel in dichten, wirbelnden Flocken, legte sich auf ihr Haar, auf ihre Schultern, schmolz auf ihrer Haut. Aber sie konnte nicht anhalten. Sie durfte nicht anhalten. Liam hatte ihr aufgetragen, Verstärkung zu holen – und wenn Liam etwas von ihr verlangte, dann würde sie es tun.


Doch das war nicht der einzige Grund, warum sie mit solcher Eile ritt. Jedes Mal, wenn ihr seine Stimme in den Sinn kam, wenn sie an seinen Blick dachte, zog sich ihr Magen zusammen. Ihr Herz schlug hart und ungestüm gegen ihre Rippen, wie der verzweifelte Flügelschlag eines gefangenen Vogels.


Sie wollte nützlich sein. Das war es, was sie antrieb. Daran hatte sich nichts geändert. Aber es war nicht mehr nur Pflicht, die sie vorantrieb. Sie wollte bei ihm sein. Sie sehnte sich nach seiner Nähe, nach seinem Vertrauen.


Ihre Finger gruben sich fester in das warme, dichte Fell des Pferdes. Himmel war mehr als ein Reittier – sie wusste, was Liam für ihn empfand. Er hatte darauf bestanden, dass sie ihn mitnahm. Sein Blick war dabei unergründlich gewesen, seine Stimme ruhig, aber fest: dieses Pferd war ihm wichtig. Unfassbar wichtig.


Sie hatte in seinen Augen gesehen, dass da mehr war, etwas, das er ihr nicht sagte. Etwas, das schwer auf seinen Schultern lag. Doch sie hatte nicht nachgefragt. Sie musste es nicht wissen. Ihr Vertrauen in ihn war unerschütterlich.


Liam hatte ihr alles gegeben, als sie glaubte, nichts mehr wert zu sein. Als sie dachte, ihr Dasein hätte keinen Sinn mehr. Und nun würde sie ihn niemals enttäuschen.

 
 
 

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