Kapitel 122 - Das Schicksal der Magier von Tripolis
- empirewebnovel
- 4. März 2025
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Leyla betrachtete den imposanten Magieturm von dem Fenster ihres kleinen, schlichten Zimmers aus. Die hellen Steine des Turmes ragten hoch in den Himmel, von geheimnisvollen Symbolen durchzogen, die im Licht der Sonne matt schimmerten. Sie hatte eine Gaststätte gewählt, die nahe genug am Turm lag, um ihn stets im Blick zu behalten.
Sie hatte noch immer keine konkrete Idee, wie sie die Großmagi ausschalten sollte. Die einzige Möglichkeit, die ihr in den Sinn kam, war es, den Turm einstürzen zu lassen. Doch das war eine Entscheidung mit unabsehbaren Folgen und das Resultat könnte eines von Tod sein – nicht nur für die Magier, sondern für viele andere, die möglicherweise in den Strudel der Zerstörung geraten würden. Solange es noch einen anderen Weg gab, durfte sie diese Option nicht voreilig wählen.
Der drohende Krieg rückte jedoch unaufhaltsam näher, und mit ihm schwanden ihre Chancen, eine Lösung mit weniger Opfern zu finden. Der Druck lastete schwer auf ihren Schultern.
Erst gestern hatte eine Möwe mit einem Brief auf ihrem Fensterbrett Platz genommen. Die Nachricht war eindeutig gewesen: Der Krieg würde in wenigen Tagen beginnen. Die Zeit lief ihr davon.
„Vielleicht sollte ich den Turm besuchen und mir ein besseres Bild verschaffen“, murmelte Leyla, während ihre Finger unruhig über die hölzerne Fensterbank strichen. Sie atmete tief durch und nickte, als würde sie sich selbst überzeugen müssen. „Genau. So mache ich das.“
Mit entschlossenen Schritten verließ sie die Gaststätte und trat hinaus in die geschäftigen Straßen. Die Bürger der Tabakinseln hatten den nahenden Sturm längst gespürt. Soldaten patrouillierten zunehmend durch die Stadt, während die Werften fieberhaft arbeiteten, um Handelsschiffe in kampffähige Kriegsschiffe umzurüsten. An jeder Ecke wurde gewerkelt, vorbereitet, getuschelt – die Angst lag wie ein dichter0000000000000000 Nebel über der Stadt.
Der Anblick ließ Leylas Herz schwer werden. Würde sie am Ende selbst in die Kämpfe verwickelt werden? Würde sie auf einem blutgetränkten Schlachtfeld stehen? Der Gedanke ließ sie frösteln, doch sie schüttelte ihn ab. Jetzt war nicht der Moment für Zweifel.
Als sie das Gelände der Akademie betrat, hielt sie unwillkürlich inne. Der Magieturm, der aus der Ferne bereits ehrfurchtgebietend gewirkt hatte, erschien ihr nun geradezu gigantisch. Seine steinernen Mauern schienen in den Himmel zu ragen, als gäbe es kein Ende. Leyla musste den Kopf in den Nacken legen, um die Spitze zu sehen, und selbst dann schien sie im Himmel zu verschwinden.
Sie ließ ihren Blick durch den Eingangsbereich schweifen. Eine Frau saß dort, in eine lange Robe gehüllt. Nach kurzem Zögern entschied sich Leyla, auf sie zuzugehen.
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„Guten Tag, ich bin eine Magierin, genauer gesagt eine Erdmagierin. Besteht die Möglichkeit, sich mit dem Großmagus des Erdturms zu treffen?“
Leyla bemühte sich, ihre Stimme freundlich klingen zu lassen. Sie durfte keine Ungeduld zeigen, durfte nicht zu fordernd wirken.
Die Frau hinter dem Empfangstresen blickte nur kurz von der Zeitung auf, die sie in den Händen hielt. Ihr Gesicht zeigte keinerlei Regung, ihre Stimme war knapp und ohne jede Spur von Interesse.
,,Nein.’’
Leyla runzelte die Stirn. So eine barsche Antwort hatte sie nicht erwartet.
„Und wieso nicht?“ fragte sie mit einer Spur von Unglauben in der Stimme.
„Weil die Großmagi momentan bei einem wichtigen Treffen sind.“
Bei einem Treffen? Alle von ihnen?
Leylas Gedanken setzten sich ruckartig in Bewegung. Vielleicht war das genau die Gelegenheit, die sie gesucht hatte. Sie ließ sich nichts anmerken, betrachtete jedoch die Frau vor sich aufmerksam. Sollte sie nach dem Ort des Treffens fragen? Doch die Chance, eine ehrliche Antwort zu bekommen, war gering. Gewalt anzuwenden war ebenfalls keine Option – das würde nur unnötige Aufmerksamkeit auf sie ziehen.
Vielleicht gab es in den privaten Gemächern der Großmagi Hinweise darauf, wo sie sich befanden.
Leyla setzte ein gespieltes Lächeln auf. „Alles klar, dann komme ich einfach an einem anderen Tag wieder!“ rief sie betont unbekümmert und drehte sich auf dem Absatz um.
Sie verließ den Turm mit schnellen, aber kontrollierten Schritten. Kaum hatte sie das Gebäude umrundet, ließ sie ihre Finger über den warmen, festen Boden gleiten. Ihre Magie floss aus ihr heraus, verband sich mit der Erde unter ihren Füßen. Sie wusste, dass das Eindringen in den Turm gegen die Gesetze von Tripolis verstieß – aber im Vergleich zu Mord oder offener Gewalt waren die Konsequenzen überschaubar. Und sie hatte keine Zeit, sich an Vorschriften zu halten.
Ein tiefes Grollen erklang, als sich die Erde unter ihr in Bewegung setzte. Eine massive Steinsäule schoss aus dem Boden, trug sie empor, während der weiße Stein des Turmes in rasender Geschwindigkeit an ihr vorbeizog. Der Wind zerrte an ihrem Mantel, strich durch ihr Haar, doch sie stand sicher. Solange sie festen Boden unter ihren Füßen hatte, war sie unerschütterlich.
Immer höher trug sie die Steinsäule, bis sie schließlich die Spitze eines der Türme erreichte. Leyla atmete tief durch und legte ihre Handfläche auf das kalte Gestein. Ihre Magie vibrierte in ihren Fingerspitzen, pulsierte durch den Stein, und langsam begannen die Wände vor ihr auseinanderzugleiten.
Ein dunkler Spalt öffnete sich, gerade breit genug, um hindurchzutreten.
Ohne zu zögern trat Leyla in die verborgene Dunkelheit des Turms ein.
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Sie öffnete den Spalt weiter, gerade so weit, dass ein sanfter Schimmer von Tageslicht in das düstere Zimmer fiel. Der Staub in der Luft glitzerte im Lichtstrahl, während sich Leylas Augen an das Halbdunkel gewöhnten.
Der Raum war vollgestopft mit Regalen, die sich unter der Last unzähliger Bücher über Lichtmagie bogen. Dazwischen lagen verstreut magische Artefakte – einige fein gearbeitet und von strahlender Aura, andere unscheinbar, aber dennoch von zweifellos großer Macht. Auf einem niedrigen Tisch ruhten mehrere Magiestäbe, jeder mit feinen Gravuren verziert.
Während Magie ohne Stäbe gewirkt werden konnte, dienten diese als mächtige Verstärker und halfen, die Kräfte ihres Nutzers zu stabilisieren. Leylas Blick wanderte durch den Raum, bis er an einer großen Schiefertafel hängen blieb, die an der gegenüberliegenden Wand befestigt war.
Mit Kreide war darauf eine Art Tagesplan notiert.
Neugierig trat sie näher und ließ ihre Augen über die hastig geschriebenen Zeilen gleiten, bis sie auf eine bestimmte Notiz stieß.
„Großmagitreffen im ‚Carne-Trunk‘.“
Das musste es sein. Ihr gesuchter Hinweis. Ein Funken der Erleichterung durchzuckte sie. Sie kannte diese Taverne – hatte sie schon einmal im Vorbeigehen gesehen, aber nie betreten.
„Waren die Carne nicht ein Volk, das Hasen vom Äußeren her ähnelte?“ murmelte Leyla nachdenklich.
Sie verspürte den Drang, sich noch weiter umzusehen, doch die Zeit drängte. Jeder Moment, den sie hier zögerte, war ein Moment, in dem sie ihre Gelegenheit verspielen konnte.
Entschlossen wandte sie sich wieder zur Öffnung um und trat auf die noch immer schwankende Steinsäule. Sobald sie sich sicher darauf befand, ließ sie die Mauer mit einem sanften Surren wieder zusammenwachsen. Stein legte sich nahtlos an Stein, als hätte es nie eine Öffnung gegeben.
Dann ließ sie die Steinsäule langsam sinken. Der Boden kam ihr entgegen, während der kalte Wind wieder an ihr zerrte.
Als sie schließlich festen Boden unter den Füßen hatte, fiel ihr Blick auf eine kleine Gruppe Menschen, die sie mit weit aufgerissenen Augen anstarrten und leise tuschelten. Einige deuteten auf sie, andere tauschten ungläubige Blicke aus.
Leyla ignorierte sie. Sie hatte keine Zeit für neugierige Blicke oder Gerüchte. Ohne zu zögern, zog sie die Kapuze tiefer ins Gesicht und setzte sich in Bewegung – ihr Ziel klar vor Augen: die Taverne der Carne.
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Der Carne-Trunk war eine Taverne, die allein durch ihren pechschwarzen Anstrich auffiel. Das Gebäude wirkte düster und abweisend, als wolle es ungebetene Gäste abschrecken. Zwei Carne standen regungslos vor dem Eingang, ihre langen Ohren – oder Löffel, wie man sie nannte – in die Höhe gestreckt. Ihre Blicke waren scharf, ihre Bewegungen präzise, während sie jeden überprüften, der eintreten wollte.
Leyla runzelte die Stirn. Welche Rolle spielten die Carne hier? Waren sie einfache Wachten oder hatten sie eine tiefere Verbindung zu den Ereignissen, die sich im Inneren abspielten?
Vorsichtig schlich sie um das Gebäude herum, bis sie ein Fenster entdeckte. Sie drückte sich gegen die Wand, spähte langsam über die Fensterkante und ließ ihren Blick durch den Raum gleiten.
Ein Carne mit dunkelbraunem Fell stand neben einem runden Tisch, gekleidet in einen makellosen schwarzen Anzug. Seine Haltung war angespannt, seine Augen wachsam.
Am Tisch saßen die sieben Großmagi, ihre langen, verzierten Gewänder verhüllten ihre Körper. Neben ihnen saß ein Merid, dessen eisblaue Augen das Gespräch aufmerksam verfolgten. Ansonsten war die Taverne leer. Leyla spürte Erleichterung – sie würde keine Unbeteiligten in das bevorstehende Chaos verwickeln müssen.
Dann fiel ihr Blick auf Miguel Atrasa, den Großmagus des Feuerturms. Ein vertrautes Gesicht. Er war einst freundlich zu ihr gewesen, war ihr mit Respekt begegnet. Doch jetzt konnte sie sich keine Sentimentalitäten leisten.
Ein Überraschungsangriff war ihre beste Chance. Sie wusste zu wenig über die Fähigkeiten der Anwesenden, um sich auf einen offenen Kampf einzulassen.
Langsam legte sie ihre Handfläche auf den Boden. Sie schloss die Augen und ließ ihr Bewusstsein durch die Erde gleiten. Der Untergrund unter der Taverne war stabil – kein Keller, keine magischen Schutzbarrieren. Nur blanker Stein und feste Erde.
Sie ließ ihr Mana sachte in den Boden sickern. Tief unter der Taverne begann sich ein Schacht zu formen, leise, unsichtbar. Die Erde wich zurück, bis nur noch eine dünne Schicht unter der Taverne übrig blieb – ein brüchiges Fundament, gehalten allein von ihrer Magie.
Als der Schacht tief genug war, leitete sie Wasser durch dünne, verzweigte Kanäle aus dem nahen Meer hinein. Eine List, um selbst den Großmagus des Erdturms handlungsunfähig zu machen. Dann, mit einem einzigen Gedanken, ließ sie ihre Kontrolle los.
Ein tiefes, grollendes Geräusch vibrierte durch den Boden, ehe ein ohrenbetäubendes Krachen die Luft zerriss. Die Taverne sackte in die Tiefe und wurde von der Erde verschlungen. Holz und Stein brachen, Schreie hallten durch die Straßen, als die Bewohner von Tripolis in Panik auseinanderstoben.
Leyla wirbelte herum, eilte zum Eingang, wo die Carne-Wachen noch verdutzt das Chaos beobachteten. Mit einer schnellen Bewegung ließ sie zwei Steinsäulen aus dem Boden schießen. Die massiven Pfeiler stießen die Wächter in den Abgrund, bevor sie ihre Waffen ziehen konnten. Sie konnte es sich nicht leisten, mit ihnen zu kämpfen.
Als sie sich sicher war, dass keines der Ziele entkommen war, schloss sie den Schacht. Diesmal nicht langsam, nicht leise – die Erde raste aufeinander zu, prallte mit donnernder Gewalt zusammen.
Ihre Magie tastete den Boden ab, suchte nach Bewegungen, nach Vibrationen, die Überlebende verraten könnten. Doch nichts. Absolute Stille. Die Erde hatte alles verschluckt.
Leyla atmete tief durch, die Anspannung wich langsam aus ihrem Körper. Sie hatte es geschafft – ohne offenen Kampf, ohne größeres Risiko. Aber sie durfte keine Zeit verlieren.
Ohne zu zögern ließ sie sich in den Boden sinken. Ihr Körper war von einem schützenden Metallmantel umhüllt, während sie sich durch die dichte Erde grub, hunderte Meter weit, fort vom Tatort.
Diese Technik war eine ihrer neuesten. Sie mochte sie nicht. Sie war unbequem, kalt, und jeder Meter fühlte sich an, als würde sie sich durch endlose Enge zwängen. Doch sie war effektiv.
Als sie weit genug entfernt war, drückte sie sich nach oben, ließ die Erde über sich weichen und trat aus der Dunkelheit ins Freie.
Gerade rechtzeitig, um in zwei durchdringend blaue Augen zu blicken.



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