Kapitel 123 - Der Bettlerkönig von Mylrie
- empirewebnovel
- 4. März 2025
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Aktualisiert: 5. März 2025

Sandyr schritt durch die Straßen Mylries, während das Wasser in sanften Wellen um seinen Körper strömte. Die vertraute Feuchtigkeit auf seiner Haut war eine Wohltat – seit wie vielen Jahren hatte er das nicht mehr gespürt? Zehn, vielleicht zwanzig? Er hatte aufgehört zu zählen.
Sein Blick wanderte über die verfallenen Hütten des Armenviertels. Die Behausungen waren schief, ihre Fassaden von Algen und Salz zerfressen. In einer dunklen Ecke lag eine alte Meridin, völlig benommen vom Rausch des Segrainas. Ihre leeren Augen starrten ins Nichts, während sich ihr Körper in trägen Bewegungen hin und her wiegte. Sandyr verzog den Mund.
Er verachtete diese Stadt. Jeden Tropfen Wasser, jede verrottete Planke, jedes jämmerliche Seufzen ihrer Bewohner.
Doch er musste einen Weg in den Palast finden. Das Tor zum Tunnel nach Tripolis musste geöffnet werden – damit Leyla, die Kopfgeldjägerin, Zutritt erhielt.
Sein Plan führte ihn zum Hauptplatz, einem weitläufigen Markt, auf dem sich Händler, Diebe und Neugierige drängten. In der Mitte ragte eine hohe Säule empor. Auf ihrer Spitze thronte die Statue eines Meriden, der ein stolzes Seepferd ritt – ein Symbol alter Herrlichkeit, das im Dunst der heruntergekommenen Stadt nur noch eine Farce war.
Vielleicht konnte er sich mit einem der Händler anfreunden, jemandem, der Zugang zu den höheren Bezirken hatte. Wenn er es schaffte, sich von dort nach Saphirath, dem Viertel der Aristokraten, vorzuarbeiten, würde sich eine Gelegenheit ergeben. Irgendwie.
Er betrat den geschäftigen Platz, ließ seinen Blick über die unzähligen Meriden gleiten, die zwischen Ständen mit leuchtenden Stoffen, seltenen Gewürzen und duftenden Meeresfrüchten wuselten.
Am Rande der Straße kauerte eine Gruppe Bettler. Ihre Gesichter waren eingefallen, ihre Körper hager – wahrscheinlich bettelten sie um ein paar Münzen, um ihre nächste Dosis Segraina zu finanzieren.
Doch einer von ihnen fiel ihm auf.
Er war nicht abgemagert, nicht verhärmt wie die anderen. Sein Körper wirkte kräftig, seine Haut war nicht von Hunger gezeichnet. Ungewöhnlich für diesen Teil der Stadt. Doch es war nicht nur seine Statur, die Sandyrs Aufmerksamkeit erregte – es waren seine Augen.
Sie funkelten, neugierig, wachsam. Doch da war noch etwas anderes. Etwas, das Sandyr nicht sofort einordnen konnte. Betroffenheit.
Ein merkwürdiges Ziehen machte sich in seiner Brust breit, ein Instinkt, der ihm sagte, dass dieser Mann mehr war, als er vorgab zu sein. Ohne zu zögern, setzte er sich in Bewegung.
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„Mein König, wir haben soeben Kunde von Barteshs Tod erhalten. Anscheinend wurde er in Tripolis, während einer wichtigen diplomatischen Mission, getötet.“
Der Soldat, der vor Nereus kniete, bebte leicht, seine Stimme war angespannt. Nereus konnte es ihm nicht verübeln. Seit seiner Krönung waren die Soldaten auf Barteshs Anweisung aus dem Palast verbannt worden.
Sein Vater, König Nero, hatte mit eiserner Faust regiert, jähzornig und unbarmherzig. Die Erinnerung an seine Herrschaft lastete noch immer auf dem Reich.
Ein eisiger Schauer durchlief Nereus, als er einen Schritt zurücktrat. Seine Finger krallten sich in den Stoff seiner Robe.
„Bist du dir sicher, dass er tot ist?“ fragte er, ein leiser Hauch von Hoffnung in seiner Stimme. Bartesh war sein Vertrauter gewesen. Er hatte ihn gebraucht. Er hatte ihn stets beraten. Ohne ihn fühlte sich die Zukunft plötzlich ungewiss an.
,,Ja, mein König. Es wurde überprüft und bestätigt.’’
Ein Gefühl der Unsicherheit breitete sich in ihm aus, kroch in seine Gedanken wie kaltes Wasser. Wie sollte er ohne Bartesh regieren? Wie sollte er Entscheidungen treffen, wenn er es gewohnt war, dass Bartesh die Richtung vorgab?
Der Soldat verbeugte sich und verließ den Thronsaal. Nereus blieb zurück, in der plötzlichen, bedrückenden Stille.
Sein Blick wanderte zu der gewaltigen Glasfassade, die ihm einen ungetrübten Blick auf seine Stadt bot. Mylrie erstreckte sich unter ihm, eine lebendige Masse aus Häusern, Straßen und Märkten. Er hatte sie immer aus der Distanz betrachtet, aus der Sicherheit seines Palastes. Vielleicht war es an der Zeit, diese Distanz zu überbrücken.
Er musste sich selbst ein Bild machen. Wenn es Probleme gab, dann konnte er sie nicht länger aus der Ferne lösen. Er musste verstehen, was in den Straßen geschah.
Mit Bartesh an seiner Seite hatte er sich der Rolle eines passiven Königs gefügt. Nun war er allein. Nun musste er handeln.
Den anderen Aristokraten konnte er nicht vertrauen. Sie waren nicht wie Bartesh. Sie waren gierig, listig, manipulativ. Sie würden ihn lenken wollen – und er würde es nicht zulassen.
Er wandte sich abrupt um, seine Entschlossenheit festigte sich mit jedem Schritt zum Eingang des Palasts.
„Lasst mir Bettlergewänder bringen!“ befahl er laut.
Die Wachen erstarrten kurz, warfen einander fragende Blicke zu. Doch dann gehorchten sie. Niemand stellte seinen Befehl infrage.
Und so verließ Nereus zum ersten Mal seit seiner Krönung, nein, zum ersten Mal in seinem Leben, die sicheren Mauern des Königspalasts.
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Nereus eilte durch die schmalen, dunklen Straßen der unteren Bezirke, während ihm das kühle Wasser des Meeres die Haut entlanglief. Seine spärlichen Gewänder klebten an seinem Körper, schwer von der Nässe, doch er schenkte der unangenehmen Kälte kaum Beachtung. Er hatte seine Krone im Palast gelassen, sein Erkennungszeichen abgelegt. Heute wollte er nicht als Herrscher erkannt werden. Heute war er nur ein einfacher Merid.
Sein Blick fiel auf eine Hauswand, deren von Algen überwucherte Oberfläche mit groben Schmierereien entstellt war. Die schwarzen Lettern, unmissverständlich und hasserfüllt, brannten sich in sein Bewusstsein:
,,Tod der Königsfamilie!’’
Er erstarrte. Ein Schauder fuhr durch seinen Körper, doch es war nicht die Kälte des Wassers, die ihn erschauern ließ. Warum stand so etwas hier? Warum gab es Meriden, die seinen Tod forderten? War der Hass auf seine Familie wirklich so tief verwurzelt? Und wenn es tatsächlich Rebellen oder Terroristen gab – warum wurden sie nicht zur Rechenschaft gezogen? Warum schien niemand etwas dagegen zu tun?
Je tiefer er in die unteren Bezirke der Stadt schwamm, desto bedrückender wurde der Anblick, der sich ihm bot. Mylrie war nicht die wohlhabende, gerechte Stadt, von der Bartesh ihm berichtet hatte. Nein, das hier war etwas anderes. Die Pracht und der Glanz, die er aus den oberen Bezirken kannte, waren hier nichts weiter als ein ferner Traum.
Die Straßen waren baufällig, der Boden von scharfkantigen Korallen und Trümmern bedeckt. Kaum ein Haus war mit Luftkammern ausgestattet, viele Behausungen waren nicht einmal stabil. Doch das, was Nereus am meisten erschütterte, waren nicht die Ruinen oder die Armut – es waren die leeren Augen derjenigen, die durch die Wasserströme trieben. Abgemagerte, ausgemergelte Gestalten, deren Bewegungen träge und bedeutungslos wirkten. Drogenabhängige. Sie schienen kaum noch Teil der Welt zu sein, wie leblose Hüllen, denen jegliche Hoffnung entrissen worden war.
Schließlich erreichte er den Hauptplatz und ließ sich zwischen den Bettlern nieder. Mit gesenktem Blick beobachtete er das Geschehen um sich herum.
Dann riss ihn eine lispelnde Stimme aus seinen Gedanken.
[???] ,,Hey, du!’’
Nereus hob den Kopf. Ein Merid trat auf ihn zu, nicht besonders hübsch, doch mit wachen, neugierigen Augen. Er war nicht von adeliger Abstammung, das sah man auf den ersten Blick, doch er wirkte weder krank noch geschwächt. Im Gegenteil – er war kräftig und wirkte gesund, was in diesem Teil der Stadt, soweit Nereus es einschätzen konnte, eine Seltenheit war.
,,Ja, was möchtest du?" fragte Nereus ruhig und musterte ihn aufmerksam.
Der Fremde grinste leicht und verschränkte die Arme vor der Brust. ,,Mir ist langweilig, und du siehst aus, als könntest du mir helfen." Seine Stimme klang spielerisch, doch in seinen Augen lag etwas anderes. Neugier?
Nereus spürte, wie sein Interesse geweckt wurde. Vielleicht war dies die Gelegenheit, die er gesucht hatte. Er brauchte Informationen, brauchte Einblick in das Leben seiner Bürger, musste wissen, wem er noch trauen konnte. Er suchte nach Verbündeten – Meriden, die noch nicht von Macht und Geld korrumpiert waren.
,,Worum geht es?" fragte er vorsichtig, doch seine Stimme verriet seine Neugier.
Der Merid lächelte verschmitzt und deutete mit einer Kopfbewegung auf eine dunkle Gasse, die von den wabernden Lichtstrahlen kaum berührt wurde. ,,Lass uns an einen stilleren Ort gehen. Dann erzähle ich dir alles."
Nereus zögerte. War es klug, mit einem Fremden in eine abgelegene Gasse zu schwimmen? War es nicht ein zu großes Risiko? Doch dann erinnerte er sich daran, weshalb er hier war. Wenn er die Wahrheit herausfinden wollte, konnte er sich keine Angst leisten.
Er atmete tief ein, dann nickte er. ,,In Ordnung. Zeig mir den Weg."
Und mit diesen Worten folgte er dem Fremden in die Dunkelheit.
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Sandyr führte den Merid tiefer in die verwinkelten Gassen der unteren Bezirke, bis sie schließlich eines der vielen verfallenen Häuser erreichten. Die Wände waren von Algen überwuchert, das einst stabile Holz verrottet, und ein fauliger Geruch lag in der schweren, trüben Strömung. Hier hatte seit langer Zeit niemand mehr gelebt – zumindest niemand, der sich noch um solche Dinge wie Möbel oder Sicherheit scherte.
Mit einem leichten Seufzen ließ Sandyr sich auf den zerfallenen Überresten eines Steinstuhls nieder und musterte seinen Begleiter. Der Fremde stand noch im Eingang, die Schultern leicht angespannt, als würde er den Raum taxieren, sich eine Fluchtmöglichkeit offenhalten.
Sandyr war sich sicher – jemand, der sich in Lumpen hüllte und trotzdem gut genährt war, musste Kontakte zu den höheren Bezirken haben. Hier unten verhungerten die Meriden, während sie sich in den Strömungen treiben ließen wie tote Fische. Doch dieser Merid war kräftig, seine Haut schimmerte gesund, und seine Haltung verriet ein Selbstbewusstsein, das nicht zu einem einfachen Bettler passte.
„Ich bin übrigens Sandyr! Und du?“ fragte Sandyr mit gespielter Leichtigkeit.
Der Merid zögerte, als müsse er sich seinen Namen erst zurechtlegen. Dann sagte er: „Melnon.“
Ein Prickeln breitete sich in Sandyrs Brust aus. Melnon. Ein Name, der einst in ganz Mylrie geläufig war, heute jedoch fast ausschließlich in adeligen Kreisen existierte. Hatte sein Gegenüber sich verraten? Sandyr ließ sich nichts anmerken, sondern lächelte nur leicht.
„Ah, freut mich, Melnon. Seltsam nur, dass du für einen Bettler erstaunlich gut genährt aussiehst. Hast du eine geheime Essensquelle oder bist du gar kein Bettler?“ Seine Stimme klang amüsiert, doch seine Augen beobachteten jede noch so kleine Regung.
Ein kurzes Zucken lief über Melnons Gesicht, bevor er sich schnell fing.
„Nein, ich bin Händler“, erwiderte er mit einem leichten Schulterzucken. „Ich wollte das Kaufverhalten der Meriden in den unteren Bezirken studieren. Und du? Du siehst auch sehr gesund aus.“
Ein Händler also. Sandyr wusste, dass das eine Lüge war. Doch er entschied, das Spiel mitzuspielen.
Er lachte leise und lehnte sich zurück. „Ich selbst habe einige Jahre in Tripolis verbracht. Jetzt bin ich zurück, um mir eine Aufgabe zu suchen, mit der ich Mylrie helfen kann.“
Er beobachtete genau, wie Melnon auf diese Worte reagierte. Seine Augen flackerten kurz, ein Schatten huschte über sein Gesicht. War es Bedauern? Mitleid? Vielleicht sogar Schuld?
Dann sagte Melnon leise: „Das geht mir genauso. Ich war lange nicht mehr in den unteren Bezirken. Ich wusste nicht, wie schlimm es geworden ist.“ Er hob den Blick, fixierte Sandyr eindringlich. „Sag mir, Sandyr, wie willst du die Gesellschaft verbessern?“
Sandyr überlegte. Was sollte er sagen? Die Wahrheit war zu gefährlich. Doch eine zu plumpe Lüge konnte ihn verraten. Also entschied er sich für einen Mittelweg.
„Ich möchte diejenigen, die für dieses Elend verantwortlich sind, zur Rechenschaft ziehen. Ich will gegen die verteufelten Händler vorgehen, die Segraina an die Ärmsten verkaufen und sie in den Wahnsinn treiben. Ich will, dass diejenigen bestraft werden, die die Schwächsten ausnutzen und Gewalt über sie ausüben. Keine zerfallenen Straßen mehr, keine Häuser, in denen die Bewohner an Kiemenstopfung sterben, weil es keine Luftkammern gibt. Mylrie soll kein Ort sein, an dem die Aristokraten ungestraft tun können, was sie wollen.“
Melnon betrachtete ihn einen Moment lang, dann schlich sich ein Lächeln auf seine Lippen. Es war nicht übermäßig breit, doch es war aufrichtig.
„Dann haben wir dasselbe Ziel, Sandyr.“ Seine Stimme war ruhig, aber entschlossen. „Möchtest du mit mir kommen? Ich denke, wir können gemeinsam planen, wie wir das ändern.“
Sandyr hielt kurz inne. Ein Moment der Stille, in dem sich zwei Fremde abschätzten.
Dann nickte er. „Zeig mir den Weg.“
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Zusammen glitten sie ruhig durch die sanft geschwungenen Wasserstraßen der Stadt. Die Strömung trug sie mit gemächlicher Leichtigkeit voran, während das Rauschen der belebten Gassen um sie herum ein konstantes Hintergrundgeräusch bildete. Sandyr beobachtete die Umgebung mit scharfem Blick. Sie waren mittlerweile im Handelsbezirk angekommen – ein Ort, den er selbst in seiner Jugend nie betreten hatte.
Hier gab es alles im Überfluss. Die Straßen waren gesäumt von bunten Marktständen, an denen Händler exotische Waren anboten: schillernde Korallenstoffe, duftende Gewürze aus den entlegensten Tiefen des Meeres, scharfe Waffen mit kunstvoll verzierten Klingen. Stimmen drangen durch das Wasser, lautstark wurden Preise verhandelt, Waren angeboten, Geschäfte abgeschlossen.
Doch dies war nicht ihr Ziel. Ohne auch nur einen Moment zu zögern, trieben sie weiter, unbehelligt von den Wachen, die sonst niemanden ohne Genehmigung in den nächsthöheren Bezirk ließen.
Dann erreichten sie Sopa.
Sandyr spürte, wie ihm eine Welle des Ekels den Rücken hinaufkroch. Hier, im Bezirk der Aristokraten, war alles anders. Die Straßen waren nicht mehr uneben und von Algen überwuchert – sie waren glatt gepflastert, makellos, beleuchtet von Tiefenlichtern, die in regelmäßigen Abständen an den Fassaden der Häuser angebracht waren.
Diese Gebäude konnte man nicht mehr als Häuser bezeichnen. Jedes einzelne war ein Kunstwerk, eine Demonstration von Macht und Reichtum. Hochaufragende Gebäude, ausgestattet mit großzügigen Luftkammern, verziert mit goldenen Reliefs, Perlen und funkelnden Edelsteinen.
Sandyr verzog das Gesicht. Hier oben schwelgten sie in Luxus, während unten in den unteren Bezirken die Leute hungerten, starben.
Etwas von ihnen entfernt tauchte eine weitere Festung der Unterdrückung auf. Der Militärdistrikt Masryl. Hoch über ihm zogen die Reitertruppen in präziser Formation durch das schimmernde Wasser, ihre glänzenden Rüstungen reflektierten das Sonnenlicht, das durch das Meer drang. Sie bewegten sich lautlos, unnahbar, wie Raubfische auf der Jagd.
Doch anders, als Sandyr es erwartet hatte, hielten sie nicht an, bogen in keine der Seitenstraßen ein. Melnon führte ihn weiter – tiefer in das Herz der Stadt.
Sandyr konnte seinen wachsenden Argwohn kaum noch ignorieren. Wer war Melnon wirklich? Dass er ein Aristokrat sein musste, stand außer Frage. Seine Haltung, sein Tonfall, die Art, wie er sich mit den Wachen verständigte, ließen daran keinen Zweifel.
Und dann kamen sie an den Wachübergang, die Grenze zwischen dem Rest der Stadt und Saphirath – dem Zentrum der Macht.
Melnon sprach mit den Wachen. Ein kurzer Wortwechsel, keine Fragen, keine Kontrolle. Dann wurden sie durchgelassen.
Sandyr spürte die Blicke auf sich. Überall, wohin er sah, wurden sie von neugierigen, misstrauischen oder gar angewiderten Augen beobachtet. Die Aristokraten, die sich auf den goldverzierten Straßen bewegten, musterten ihn wie eine abscheuliche Kreatur, ein Wesen, das nicht hierhergehörte.
Und dann sah Sandyr sie. Die Paläste.
Was hier stand, übertraf selbst seine schlimmsten Vorstellungen. Die Gebäude ragten wie kunstvoll geschliffene Juwelen in die Höhe, ihre Wände waren aus poliertem Stein, besetzt mit Gold und Edelsteinen, sodass sie selbst in der trüben Tiefe des Wassers zu leuchten schienen. Er hatte diesen Bezirk schon oft aus der Ferne gesehen, hatte ihn verflucht, doch nun, da er sich mitten darin befand, traf ihn die Realität mit voller Wucht.
Und noch immer hielten sie nicht an.
Dann sah er ihr Ziel.
Der Königspalast.
Ein gewaltiges Bauwerk, unübersehbar, das Symbol der absoluten Herrschaft. Und mit einem Mal fiel es Sandyr wie Schuppen von den Augen.
Melnon war kein einfacher Aristokrat. Kein hochgeborener Sohn eines alten Hauses.
Er war der König von Mylrie — Nereus.
Ein Gefühl wie kochendes Wasser breitete sich in Sandyrs Brust aus. Nereus. Derjenige, der alles verändern konnte. Derjenige, der an der Krone saß, mit all der Macht, das Leid seines Volkes zu lindern – und dennoch tatenlos blieb.
Sandyr musste lächeln.
Er würde sich das Vertrauen des Königs sichern. Würde sich in sein Herz schleichen, sich unersetzlich machen. Und dann…
Dann würde er ihm den Dreizack in den Rücken stoßen.



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