Kapitel 124 - Die Stadt, die sich ändern muss
- empirewebnovel
- 5. März 2025
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Sandyr wartete. Wartete, bis Nereus ihn in den Königspalast geführt hatte. Wartete, bis der König ihn wortlos die Treppen hinaufführte, durch lange, düstere Gänge, bis zu einem abgeschiedenen Konferenzraum. Wartete, bis sie schließlich an einem schweren Holztisch saßen, sich gegenüber, die Blicke ineinander verankert.
„Du bist der König?“ fragte Sandyr, seine Stimme eine Mischung aus Unglauben und Verachtung. Er versuchte, seinen Hass, seine Abscheu zu verbergen, und dadurch vergaß er, mit wem er sprach.
Nereus hingegen ließ sich nicht beirren. Keine Spur von Empörung, keine Regung von Ärger – er antwortete ruhig, fast als wäre diese Frage die selbstverständlichste der Welt.
„Ja, ich bin König Nereus, aus dem Hause der Neraner. Und ich habe dich mitgenommen, weil ich Hilfe brauche.“
Hilfe? Sandyr runzelte die Stirn. Ein Jahr regierte Nereus bereits. Ein Jahr, in dem alles immer schlimmer geworden war. Wofür sollte ausgerechnet er, ein Fremder, gebraucht werden?
„Mein Berater, Bartesh Nogolemar, wurde getötet“, fuhr Nereus fort, sein Blick hart, aber nicht ohne einen Anflug von Bitterkeit. „Er war derjenige, der mich im letzten Jahr unterstützt hat – oder vielmehr, der mir weismachen wollte, dass er es tat. Ich glaubte ihm. Doch letztlich hat er nichts getan, außer sich selbst zu bereichern und mich mit Lügen zu vertrösten.“
Sandyr verzog das Gesicht. Es überraschte ihn nicht. „Wahrscheinlich hat er geahnt, dass sich ohnehin nichts ändert, und hat sich darauf ausgeruht, jemand anderem die Schuld zuschieben zu können.“
,,Ich habe heute mit eigenen Augen gesehen, was ich zu lange verdrängt habe. Mylrie zerfällt – und ich kann es nicht länger ignorieren. Aber ich werde es nicht allein schaffen.“
Nereus lehnte sich leicht vor, seine Stimme nun drängender, beinahe flehend. „Ich brauche jemanden, dem ich vertrauen kann. Jemanden, der sich nicht davor scheut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Jemanden, der den Meriden helfen will, nicht nur aus Eigennutz oder Berechnung, sondern weil es richtig ist.“
Und da dachte er an Sandyr? Jemanden, den er erst seit einigen Stunden kannte? Wie naiv war der König bitte?
Dann streckte er seine Hand über den Tisch, seine dunklen Augen bohrten sich in Sandyrs.
„Sandyr, willst du mir helfen, Mylrie zu retten? Ich weiß, dass du diesen Zustand genauso wenig erträgst wie ich. Mit dir an meiner Seite kann ich es schaffen. Gemeinsam werden wir die Stadt verändern.“
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Nereus schaute erwartungsvoll zu Sandyr.
Er wusste, wie naiv seine Bitte klang. Er kannte Sandyr kaum, wusste nichts über seine Vergangenheit, seine Absichten. Aber was blieb ihm anderes übrig? Die Aristokraten seiner Stadt waren gierig, besessen von Macht und Wohlstand, während die Bevölkerung litt. Sie würden ihn belügen, betrügen, sich die Taschen füllen, während Mylrie weiter verfiel. Er brauchte jemanden, der nicht in dieser verrotteten Elite aufgewachsen war. Jemanden, der die Armut nicht nur gesehen, sondern erlebt hatte.
Sandyr lehnte sich vor, stützte die Unterarme auf den Tisch und ließ seinen Blick für einen Moment auf dem König ruhen, ehe er sprach.
„Du hast recht, dieses Mylrie hasse ich“, sagte er mit leiser, aber unmissverständlicher Stimme. „Diese Stadt ist eine Grube, vergiftet von Gier und Gleichgültigkeit. Wenn du wirklich etwas verändern willst, dann reicht es nicht, an ein paar Stellschrauben zu drehen. Es braucht mehr. Viel mehr.“
Nereus lächelte zufrieden. Ihm gefiel, dass Sandyr mit ihm vertraut sprach, sich nicht unterwürfig zeigte.
„Die Aristokraten haben die Stadt wie eine Krankheit befallen. Sie häufen Reichtum an, während die Menschen in den Gassen krepieren. Und warum? Weil sie den Segraina-Handel kontrollieren. Sie zwingen die Armen in Abhängigkeit, machen sie wehrlos, halten sie gefangen in ihrer eigenen Verzweiflung. Sie sitzen in ihren Palästen, atmen saubere Luft, während wir unten an Kiemenstopfung verrecken.“
Er lehnte sich noch ein Stück weiter vor, seine Stimme wurde kühler, schärfer.
„Und dann ist da noch das Militär. Die, die eigentlich schützen sollten. Sie schlagen zu, wenn sie Lust haben. Lassen ihre Gewaltfantasien an denen aus, die sich nicht wehren können. Sie sind nichts weiter als Monster in Uniform, und solange niemand sie stoppt, wird sich nichts ändern.“
Für einen Moment herrschte Stille zwischen ihnen. Nereus nickte gespannt. Er hatte das Ausmaß nur grob aus seiner Perspektive erfassen können. Sandyr wusste, wovon er sprach.
Dann hob Sandyr langsam das Kinn und fixierte Nereus mit eindringlichem Blick.
„Wie viel, König Nereus, seid Ihr bereit zu ändern?“
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Sandyr wartete, seine Augen fest auf Nereus gerichtet. Würde der König nun zurückweichen? Einen Rückzieher machen? Vielleicht anfangen zu zweifeln, zu zögern, sobald er erkannte, was seine Worte wirklich bedeuteten?
Doch Nereus tat nichts dergleichen. Er lächelte – nicht spöttisch, nicht herablassend, sondern entschlossen, fast erwartungsvoll.
„Ich bin bereit, diese Stadt bis in ihre Grundfeste durchzuspülen, wenn am Ende ein besseres Leben für die Meriden steht.“
Ein seltsames Gefühl durchströmte Sandyr. Kein einfacher Triumph, keine bloße Genugtuung – es war etwas Größeres, etwas, das tief in ihm vibrierte. Er hatte gewonnen. Doch noch wichtiger: Dies war erst der Anfang.
Er ließ sich einen Moment Zeit, um über seine nächsten Worte nachzudenken. Die ersten Schritte mussten überlegt sein, jeder Vorschlag bewusst gesetzt. Doch der Plan, der sich in seinem Kopf formte, war weitaus größer. Zuerst würde er Nereus eine Liste an Reformen vorlegen – ehrgeizig, radikal, gefährlich. Forderungen, die das Fundament dieser Stadt erschüttern würden. So würde er das Vertrauen des Königs festigen. Und dann… dann würde er Leyla durch den Tripolistunnel in den Palast holen. Und wenn sie erst einmal hier war, dann gab es kein Zurück mehr.
Mylrie würde fallen.
Er erhob sich langsam, seine Bewegungen kontrolliert. Sein Blick suchte den des Königs, hielt ihn fest.
„Als Erstes müssen wir gegen die Aristokraten vorgehen. Solange sie ihre Macht behalten, wird sich nichts ändern. Sie werden jede Reform blockieren, jeden Fortschritt verhindern. Deshalb nehmen wir ihnen, was sie schützt – ihren Stand, ihre Privilegien, ihre Mauern. Ihre Paläste werden abgerissen, ihr Reichtum wird dorthin gelenkt, wo er gebraucht wird. Das wird unser erster Schritt.“
Nereus stand ebenfalls auf, seine Miene blieb ernst, doch in seinen Augen spiegelte sich ein Funke Nachdenklichkeit. „Das sollte möglich sein. Das Militär ist mir gegenüber loyal, nicht den Aristokraten.“
Sandyr nickte. Genau das wollte er hören.
„Gut. Der nächste Schritt ist der Segraina-Handel.“
Nereus zog die Brauen zusammen. „Sollen wir jeden zur Rechenschaft ziehen, der die Droge konsumiert?“
„Nein“, sagte Sandyr sofort. „Die Süchtigen sind keine Schuldigen – sie sind Opfer. Sie sind in eine Falle geraten, die andere für sie ausgelegt haben. Wir müssen die Ursache bekämpfen, nicht die Symptome. Die Segrainafelder müssen zerstört werden. Die Händler, die das Gift verbreiten, gehören bestraft. Und vor allem: Diejenigen, die an Kiemenstopfung leiden, brauchen sofortige Hilfe. Wir werden sie nicht sich selbst überlassen.“
Er machte bewusst eine Pause. Lies seinen Worten Raum zum Atmen, ließ sie auf Nereus wirken.
„Dann kommt die Infrastruktur“, fuhr er schließlich fort. „Die Stadt ist ein Scherbenhaufen. Wir brauchen Luftkammern in jedem Haus, sie dürfen keine elitären Annehmlichkeiten mehr sein, sondern ein Grundrecht. Die Straßen müssen erneuert werden, Arbeitsbedingungen verbessert. Aber das reicht nicht – wir müssen die Klassen auflösen. Die Gesellschaft muss durchlässig werden, damit jeder Merid ein würdiges Leben hat.“
Nereus hatte sich bereits Notizen gemacht, als Sandyr zum letzten Punkt kam.
„Und zuletzt: das Militär. Es muss reformiert werden. Es muss wieder zum Schutz der Meriden dienen, nicht als Werkzeug für persönliche Machtgelüste. Die, die ihre Stellung ausgenutzt haben, müssen entwaffnet und entlassen werden. Sonst wird sich nichts ändern. Sonst wird die Angst bleiben.“
Er sah den König an, suchte nach dem ersten Anzeichen von Widerstand, nach einer Regung des Zweifels.
Doch Nereus zögerte nicht.
„Gut“, sagte er schließlich, legte den Stift zur Seite und blickte Sandyr mit unerschütterlicher Entschlossenheit an. „Dann werde ich diese Punkte nach und nach umsetzen. Ich ernenne dich hiermit zu meinem neuen Berater. Noch heute werde ich das Militär zusammentrommeln, um den ersten Schritt einzuleiten – die Entmachtung der Aristokraten.“
Er drehte sich zur Tür, öffnete sie mit einer fließenden Bewegung und rief nach den Wachen.
„Bringt Sandyr in den Beraterkomplex. Er soll sich dort einrichten.“
Bevor die Soldaten ihn aus dem Raum führten, drehte sich Nereus noch einmal zu ihm um. Sein Blick war eindringlich, ernst.
„Danke, Sandyr. Wenn du etwas brauchst, lass es mich wissen.“
Sandyr hielt dem Blick des Königs stand, dann nickte er knapp. Wortlos folgte er der Wache hinaus.



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