Kapitel 125 - Machtspiele im Schatten des Krieges
- empirewebnovel
- 5. März 2025
- 9 Min. Lesezeit

Leyla spürte, wie sich ihre Muskeln anspannten, ihr Körper auf den Kampf vorbereitete. Die Magie in ihren Adern flackerte auf, pulsierte in ihr. Ihr Blick war fest auf Miguel Atrasa gerichtet – den Großmagus des Feuerturms, den letzten von ihnen.
Doch gerade, als sie sich zum Angriff bereit machte, kniete er sich vor ihr nieder.
,,Lasst uns nicht kämpfen, Edle Miss Leyla.’’
Seine Stimme war ruhig, fast sanft, und doch schwang darin ein Hauch von Stolz. Vielleicht sogar Genugtuung. Das irritierte sie für einen Moment – warum war er so… gefasst?
Ohne zu zögern, ließ Leyla Fesseln aus Stein aus dem Boden wachsen. Sie schlangen sich um seine Arme und Beine, pressten ihn auf den rauen Untergrund. Erst als sie sicher war, dass er sich nicht mehr rühren konnte, ließ sie den Fluss aus Mana in ihrem Körper versiegen.
Wie hatte Miguel überlebt? Sie war sich sicher gewesen, dass sie alle Großmagi vernichtet hatte. Dass keiner von ihnen mehr lebte. Doch das war jetzt nebensächlich. Ihre Mission war es, ihn auszuschalten – und das würde sie tun.
Aber vielleicht… vielleicht hatte er ihr etwas zu bieten.
„Gut. Wenn du nicht kämpfen willst, dann reden wir“, sagte sie, ihre Stimme schneidend, ohne eine Spur von Nachsicht. Ihre blauen Augen fixierten ihn, suchten nach Lügen in seinen Zügen. „Sag mir, warum ich dich am Leben lassen sollte.“
Miguel lächelte. Kein ängstliches, kein unsicheres Lächeln – es war selbstbewusst, fast berechnend.
„Tot bin ich Euch nicht von Nutzen“, entgegnete er ruhig. „Ihr könntet mich beseitigen, gewiss. Aber wenn Ihr mich leben lasst… dann können wir beide profitieren.“
So ein Gespräch war das also.
Leyla ließ einen Steinstuhl unter sich entstehen, setzte sich langsam, ohne die Anspannung in ihren Schultern zu lösen. Sie legte ein Bein über das andere, ihre Haltung scheinbar gelassen, doch ihre Sinne blieben wachsam.
„Ich bezweifle, dass du mir helfen kannst“, erwiderte sie trocken und musterte ihn aufmerksam. Sie würde nicht den Fehler machen, ihm ihr Interesse zu zeigen. Nein – er musste glauben, dass er sich seinen Wert erst verdienen musste.
Miguel neigte leicht den Kopf. „Ich bin mir bewusst, dass Ihr uns Magier ausschalten müsst, um diesen Krieg zu euren Gunsten zu wenden. Und ich versichere Euch – abgesehen von mir gibt es keine Großmagi mehr. Sie sind alle gefallen.“
Da war sie wieder, diese seltsame Kälte in seiner Stimme. Kein Schmerz, keine Trauer. Nicht einmal Bedauern. Die Vernichtung seiner Verbündeten ließ ihn offenbar völlig unberührt.
Leyla schwieg für einen Moment, beobachtete ihn, ließ die Spannung zwischen ihnen in der Luft hängen.
Dann hob Miguel langsam den Blick.
„Wenn Ihr mir gestattet, meine Visionen und Träume zu erklären, werdet Ihr es sicher nicht bereuen.“
Er sprach mit einer Überzeugung, die selbst Leyla für einen Moment innehalten ließ.
Sie musterte ihn, suchte nach dem Hauch einer Täuschung – doch seine Miene blieb ruhig, gelassen, fast zuversichtlich.
Schließlich nickte sie langsam.
„Sprich“, forderte sie, ihre Stimme scharf wie ein Dolch. „Beweise mir deinen Wert.“
Wenn es nach ihr ging, wollte sie ihn nicht töten. Wenn er eine Alternative hatte – eine, die ihr half, ihre Ziele zu erreichen – dann würde sie sie nehmen.
Aber nur, wenn sie wirklich gut genug war.
--------------------------------------------------------------------------
„Ich bin nicht zufrieden mit der Ausrichtung von Tripolis“, begann Miguel Atrasa, seine Stimme von Unmut triefend. „Handelsstreitigkeiten zwischen den führenden Händlern sorgen immer wieder für Unstimmigkeiten. Die Inseln mögen auf dem Papier vereint sein, aber eine echte zentrale Verwaltung gibt es nicht. Und genau das hat die Tabakinseln angreifbar gemacht.“
Sein Tonfall verriet seinen Ärger. Es war, als würde der bloße Gedanke an diesen Zustand seine Laune trüben.
Leyla ließ sich Zeit, über seine Worte nachzudenken. Sie klangen logisch – viel zu logisch, als dass er sie sich gerade erst ausgedacht haben könnte. Doch was hatte sie davon? Noch hatte sie keinen Grund gehört, ihn leben zu lassen.
Wenn es nach ihr ginge, würde sie ihn verschonen. Doch sie wusste, dass sie als Kaiserliche Kopfgeldjägerin mehr brauchte als eine persönliche Entscheidung. Sie brauchte einen handfesten Grund. Einen, der stark genug war, um Yang zu überzeugen.
„Sprich weiter“, befahl sie knapp.
„Der Zustand des Magieturms ist ein weiteres Problem“, fuhr Miguel fort. „Bisher waren fünf der sieben Großmagi erforderlich, um Reformen durchzusetzen. Das hat dazu geführt, dass die Akademie über Jahre hinweg veraltet ist und an starren, unfairen Regelungen festhält.“
Leyla runzelte leicht die Stirn. Davon hatte sie nichts gewusst – und es war ihr eigentlich auch egal. Doch sie ahnte bereits, worauf Miguel hinauswollte.
„Wenn Ihr mich leben lasst, würde ich für zweihundert Tage allein über die Regeln der Akademie bestimmen können. Erst danach wäre ich gezwungen, die freien Posten der Großmagi wieder zu besetzen.“
Er machte eine bedeutungsvolle Pause, bevor er weitersprach.
„Und während dieser Zeit würde ich im Namen des Magieturms das Kaiserreich als rechtmäßige Regierung anerkennen.“
Nun hatte er ihre volle Aufmerksamkeit.
„Die Akademie genießt hohes Ansehen in Tripolis“, fuhr Miguel fort. „Ihr Wort trägt Gewicht – in den Zirkeln der Magier, in den Reihen der Händler, sogar unter den normalen Bürgern. Wenn sich der Magieturm dem Kaiserreich beugt, dann wird Tripolis folgen. Und wenn Tripolis fällt, dann auch der Rest der Inseln.“
Genau das hatte Leyla erwartet. Ein gutes Angebot. Doch war es genug, um eine Befehlsverweigerung zu rechtfertigen?
Sie schwieg, ließ Miguel selbst entscheiden, wie viel er bereit war zu geben. Er nahm ihr Schweigen wahr und setzte nach.
„Ich kann Euch also zwei Dinge bieten“, sagte er ruhig. „Erstens: die Unterstützung des Magieturms. Damit wird die Zeit nach dem Krieg einfacher – weniger Widerstand, weniger Chaos.“
Er hielt inne, musterte sie, als wollte er einschätzen, wie weit er noch gehen musste. Leyla wartete reglos. Sie wollte ihn nicht drängen. Sollte er ruhig selbst sein Angebot erhöhen.
Schließlich seufzte Miguel leise und fügte hinzu:
„Und zweitens: Ich kann Euch einen Kontakt zu Yanis Marghri vermitteln. Ich nehme an, Ihr erinnert Euch an ihn?“
Leyla ließ sich nichts anmerken, doch innerlich horchte sie auf.
„Yanis ist ein einflussreicher Mann. Sollte es zu Verhandlungen mit den Händlern kommen, wäre er der Schlüssel. Ihr könnt ihn gebrauchen, wenn Ihr Tripolis mit minimalem Widerstand übernehmen wollt.“
Langsam, fast unmerklich, kräuselte sich ein zufriedenes Lächeln auf Leylas Lippen. Das war genug.
Mit diesen beiden Angeboten konnte sie die Entscheidung vor Yang vertreten. Und nicht nur das – es würde ihren Auftrag erheblich erleichtern.
Sie erhob sich, ihre Miene wieder so verschlossen wie zuvor.
„Dann brechen wir auf“, entschied sie. „Ich hoffe für dich, dass dein Freund ebenso klug ist wie du.“
Ihre Stimme blieb emotionslos, unbarmherzig. Hier, auf den Tabakinseln, sollte man sich vor ihr fürchten. Zumindest so lange, bis ihre Mission erfüllt war.
Mit einer Handbewegung ließ sie einen Sarg aus Holz und Eisen um Miguel entstehen. Magische Ranken schlängelten sich darum, versiegelten ihn in einer starren Gefängniszelle. Ein weiteres Zucken ihrer Finger – und ein hölzerner Karren materialisierte sich neben ihr.
Mit einer mühelosen Bewegung hob sie den Sarg mit magischen Steinsäulen an und ließ ihn auf die Ladefläche gleiten.
Mana pulsierte in ihren Armen, durchströmte sie mit neuer Kraft.
Dann schloss sie die Finger um die hölzernen Griffe des Wagens – und zog ihn, ohne ein weiteres Wort, in Richtung des Anwesens von Yanis Marghri.
--------------------------------------------------------------------------
Leyla schenkte dem silbernen Zaun, der den Garten des Marghri-Anwesens umschloss, keine Beachtung. Er war nicht mehr als ein Hindernis, das ihrem Ziel im Weg stand. Mit einer beiläufigen Bewegung ließ sie eine massive Kugel aus Stein entstehen und walzte das Metall mühelos nieder. Die schweren Stangen krachten in den gepflegten Rasen, ein leises Knirschen begleitete das Splittern der Verankerungen.
Niemand, der ihr auf dem Weg begegnet war, hatte Verdacht geschöpft. Für die Bewohner von Tripolis sah es so aus, als transportiere sie lediglich einen kunstvoll verzierten Felsbrocken – ein ungewöhnliches, aber nicht gänzlich verdächtiges Bild in einer Stadt, in der Kunst und Handel Hand in Hand gingen.
Leyla trat auf das Anwesen zu. Wie auch schon vor einigen Tagen: Keine Wachen. Wahrscheinlich hielt Yanis Marghri sich für unantastbar. Vermutlich glaubte er, niemand würde es wagen, ihn in seinem eigenen Heim anzugreifen.
Es war bereits Abend, und sie schätzte, dass er sich im Speisesaal befand. Ohne zu zögern legte sie eine Hand auf die geschliffene Steinmauer der Villa – und ließ sie zerbröckeln. Der Stein rieselte zu Boden, als hätte er sich in Sand verwandelt, eine klaffende Öffnung freigebend, die direkt in den Saal führte.
Auf der anderen Seite erstarrte eine Dienerin, die gerade dabei gewesen war, das Essen zu servieren. Ein erschrockener Schrei entwich ihren Lippen, bevor sie zurücktaumelte, das Tablett klirrend auf den Boden fiel.
Yanis Marghri saß am Tisch und blickte mit weit aufgerissenen Augen auf das Chaos, das sich vor ihm entfaltete.
„Was soll da–?“ begann er, doch er kam nicht weit.
Mit einer fließenden Geste ließ Leyla Fesseln aus dunklem Holz um seine Arme und Beine wachsen, während eine steinerne Schicht sich fest um seinen Mund legte und ihn zum Schweigen brachte. Seine Augen funkelten vor Empörung, doch sie schenkte ihm keine Beachtung.
Stattdessen öffnete sie den Steinsarg, der Miguel Atrasa gefangen hielt, zog den Großmagus mühelos aus seinem Gefängnis und warf ihn auf den Boden wie ein nutzloses Stück Gepäck. Dann trat sie einen Schritt zurück und ließ ihren Blick herausfordernd zwischen den beiden Männern wandern.
„Ich mache es kurz“, sagte sie kalt. „Dein Freund behauptet, du wärst in der Lage, die Händler zur Kapitulation zu bewegen. Ich brauche eine Bestätigung – und keine Ausflüchte.“
Mit einer beiläufigen Bewegung löste sie den steinernen Knebel von Marghris Mund, doch die Fesseln an Miguel ließ sie unangetastet.
Der Händler rieb sich kurz das Kinn, als würde er die Situation abwägen. Sein Blick glitt zu Miguel, dann wieder zurück zu ihr. Schließlich atmete er tief durch und nickte langsam.
„Ich verstehe“, sagte er schließlich. „Ich nehme an, Ihr habt bereits Euren ersten Schritt getan. Dann wird die offizielle Kriegserklärung in den nächsten Tagen hier eintreffen, nicht wahr?“
Leyla erwiderte nichts, sondern hielt seinen Blick einfach nur fest.
Marghri zuckte mit den Schultern, als hätte er nichts anderes erwartet. „Nun gut. Ich kann die Händler dazu bringen, zu kapitulieren, sobald Ihr es wünscht. Zudem kann ich sicherstellen, dass der Handel nur wenige Wochen nach Kriegsende wieder auf dem Niveau ist, das wir momentan haben.“
Seine Augen verengten sich, seine Stimme nahm einen geschäftsmäßigen Ton an. „Im Gegenzug verlange ich eine entsprechende Stellung. Ich will als Protektor der Tabakinseln eingesetzt werden. Und sobald die Inseln in ein Herzogtum umgewandelt werden, will ich der Herzog sein.“
Leyla musterte ihn abschätzig. Der Mann hielt sich für clever, aber er wusste offensichtlich nicht, dass sie keine Herzogstitel zu vergeben hatte. Doch das spielte keine Rolle. Noch nicht.
„Gut“, sagte sie schließlich. „Ich werde dein Anliegen an die Verantwortlichen des Kaiserreichs weiterleiten. Im Gegenzug wirst du, sobald ich es dir befehle, die Kapitulation der Händler sicherstellen.“
Marghri lächelte zufrieden, als hätte er gerade ein vorteilhaftes Geschäft abgeschlossen.
Leyla wusste, was für Menschen sie vor sich hatte: Sowohl er als auch Miguel kümmerten sich nicht um Ehre, nicht um Loyalität – nur um ihren eigenen Vorteil. Die Unabhängigkeit der Tabakinseln interessierte sie nicht, solange sie selbst ihren Platz an der Spitze sichern konnten.
Sie löste die Fesseln beider Männer mit einem kurzen Fingerschnippen, doch ihre Miene blieb hart.
„Solltet ihr mich verraten oder eure Versprechen brechen, werdet ihr wünschen, heute schon gestorben zu sein“, sagte sie ruhig, doch die Drohung in ihren Worten war unausweichlich.
Dann drehte sie sich um und verließ das Anwesen, ohne eine Antwort abzuwarten.
--------------------------------------------------------------------------
Erschöpft ließ sich Leyla auf den feuchten Waldboden sinken, ihre Glieder schwer von der Anstrengung des Tages. Die Nacht war still, nur das entfernte Zirpen von Insekten und das gelegentliche Rascheln in den Büschen drangen durch die Dunkelheit. Der Boden unter ihr war kühl, ein harter Kontrast zur Hitze der Stadt, die sie hinter sich gelassen hatte.
Heute würde sie draußen schlafen. Es war sicherer so. Spätestens morgen – vielleicht sogar jetzt schon – würde man nach ihr suchen. Die Händler hatten Augen und Ohren überall, und selbst wenn Marghri sich an seine Zusage hielt, konnte sie sich nicht darauf verlassen, dass niemand ihre Spur aufgenommen hatte.
Leyla hob den Blick zum Himmel. Über ihr erstreckte sich ein klares Firmament, unzählige Sterne funkelten über den dichten Baumwipfeln.
Sie atmete tief ein.
Heute war das erste Mal gewesen, dass sie ihre Macht nicht nur als Werkzeug, sondern als Waffe zur Einschüchterung benutzt hatte. Sie hatte zerstört, gedroht, mit einer Kälte gesprochen, die ihr früher fremd gewesen war.
Aber sie bereute nichts.
Nicht, dass sie den Stein und seine Macht akzeptiert hatte. Nicht, dass sie die Großmagi ausgelöscht hatte. Nicht, dass sie einen Händler bedroht und ausgenutzt hatte, um ihre Ziele zu erreichen.
So war es nun mal.
Es gehörte zu ihrer Rolle als Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Wer in dieser Welt Schwäche zeigte, wurde zermalmt, ausgenutzt, zu einem Spielball der Mächtigen. Sie hatte sich entschieden, sich niemals wieder in diese Position drängen zu lassen.
Irgendwann würde sie alle Runensteine finden.
Sie wusste nicht genau, was dann geschehen würde – was sie erwarten würde, wenn sie das letzte Fragment dieser Macht in sich aufnahm. Aber sie war sich sicher, dass es Freiheit bedeutete.
Dann würde es keine Bournadette mehr geben, die ihr drohte.
Keine Yang, die sie herumstieß.
Keinen Selfmun Aragi, der sie ausnutzte.
Bald würde der Krieg ausbrechen. Nur noch ein paar Tage. Bis dahin musste sie sich bedeckt halten, abwarten, beobachten. Tagsüber würde sie sich in der Kaifeng-Kampfschule aufhalten.
Und vielleicht, nur vielleicht, würde Sandyr bald gute Neuigkeiten für sie haben. Vielleicht würde er sie nach Mylrie bringen, schneller als sie gehofft hatte.
Leyla schloss die Augen.
,,Was wird wohl mit mir passieren, wenn ich den nächsten Runenstein absorbiere..?’’



Kommentare