top of page

Kapitel 126 - Geschichten, die nur das Meer versteht

Jamall ließ seinen Blick über die aufgewühlte See schweifen, während das Schiff unter ihm unruhig auf den Wellen tanzte. Der Wind trug den salzigen Duft des Ozeans mit sich, ließ die Taue knarren und das Segel mit einem tiefen, dumpfen Geräusch schlagen.


Das Boot war klein, aber schnell – gebaut für eine Reise, die keine Verzögerungen duldete. Es gehörte Bournadette, und gemeinsam mit ihr und dem Halbdrachen, den er mittlerweile liebevoll Bruno nannte, hatte er es bestiegen.


Die neue Route war klar und kompromisslos. Keine Zwischenstopps, kein Innehalten. Nur das offene Meer, bis sie Malheim erreichten, ein kleines Dorf an der Westküste Heims. Von dort aus würde es nur wenige Tagesreisen bis zum Turm des Weisen sein.


,,GRUUUUH!’’


Jamall drehte sich um und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er sah, wie Bruno – sein schuppiger, silberner Begleiter – zufrieden einen riesigen Vogel in seinem Maul hielt. Mit einem genüsslichem Schmatzen zerbiss er die Knochen, während seine schimmernden Flügel leicht zuckten.


Jamall schüttelte amüsiert den Kopf und trat näher. Mit einer selbstverständlichen Vertrautheit, die ihm früher fremd gewesen wäre, tätschelte er die rauen Schuppen des Halbdrachen.


Bruno schnaubte vergnügt, ließ sich schwerfällig auf seinen Bauch fallen und rollte sich genießerisch zur Seite.


,,Spielst du wieder mit deinem Haustier?’’


Die spöttischen Worte kamen vom Eingang zur Kajüte.


Jamall sah auf und begegnete Bournadettes Blick, als sie mit müheloser Eleganz an Deck trat. Ihre blonden Haare wurden vom Wind zerzaust, doch sie ließ es geschehen, als wäre es ein Teil von ihr. Ihr Gesicht war von einem warmen Lächeln gezeichnet.


Er konnte sich nicht erinnern, wann genau sie aufgehört hatte, ihm gegenüber misstrauisch zu sein – oder wann er selbst aufgehört hatte, sie als bloße Zweckgemeinschaft zu sehen.


War es nur ihr gemeinsames Ziel, Leyla zu töten, das sie so gut miteinander auskommen ließ? Oder hätten sie sich auch ohne dieses geteilte Verlangen verstanden?


Ein nachdenkliches Schmunzeln legte sich auf seine Lippen.


,,Wahrscheinlich wäre es an mir gescheitert…’’


Früher hatte er niemanden an sich herangelassen. Es hatte ihm nichts bedeutet. Aber jetzt… jetzt merkte er, dass sich etwas verändert hatte.


Bruno, Bournadette.


Er mochte sie beide. Und zum ersten Mal seit langer Zeit war er dankbar, dass er diese Reise nicht allein antreten musste.



--------------------------------------------------------------------------



Bournadette trat an Jamalls Seite und lehnte sich an die Reling, ihr Blick auf das unruhige, endlose Meer gerichtet. Der Wind zerrte an ihren Haaren, trug den salzigen Geruch der Gischt über das Deck.


Jamall beobachtete sie einen Moment lang aus dem Augenwinkel. Ihre Haltung, ihre Ausstrahlung – eine Mischung aus Anmut und Arroganz. Sie besaß diese natürliche Überlegenheit, die sie so unnahbar wirken ließ, und doch… er wusste inzwischen, dass mehr hinter dieser Fassade lag.


„Wen hattest du eigentlich in Evigane gesucht?“ fragte er schließlich. Es war eine Frage, die er sich schon länger gestellt hatte, doch erst jetzt, hier auf offener See, fühlte es sich richtig an, sie auszusprechen.


Bournadette, die ehemalige Kopfgeldjägerin – eine Frau, die das Kaiserreich und Yang hinter sich gelassen hatte – wandte ihm das Gesicht zu. In ihrem Blick lag ein Anflug von Melancholie.


„Kronprinz Eugenius“, sagte sie ruhig. Dann, nach einer kurzen Pause: „Er und ich… wir waren Freunde. Er erinnerte mich an meinen kleinen Bruder.“


Ihre Stimme war fest, doch Jamall entging nicht die Trauer, die sich in ihren Augen abzeichnete.


Die Bournadette, von der er einst gehört hatte, war eine skrupellose, erbarmungslose Jägerin gewesen, eine Frau, die mit ihren Opfern spielte und ihre Gefühle nie zeigte.


Doch die Bournadette, die er in den letzten Wochen kennengelernt hatte, war eine andere. Vielleicht zeigte sie nur ihm diese sanftere Seite, vielleicht war es nur ein flüchtiger Moment der Offenheit – aber er wusste es zu schätzen.


Und in gewisser Weise war es ihm ähnlich ergangen.


Auch er hatte sich lange verschlossen, hatte seine Emotionen vergraben, als wären sie eine Schwäche. Doch jetzt… jetzt ließ er sie zu. Bei ihr. Bei Bruno.


Er lehnte sich leicht zur Seite. „Dein kleiner Bruder?“ fragte er leise. „Ich habe nur davon gehört, dass du eine kleine Schwester hast. Anya war ihr Name, oder?“


Bournadette nickte und ließ sich mit einer fast müden Bewegung neben ihm auf die harten Planken sinken.


„Das überrascht mich nicht. Mein Vater hat alles dafür getan, dass niemand von ihm erfährt. Sein Name war Phillip.“


Sie schwieg einen Moment, als würde sie in Erinnerungen versinken. Ihr Blick wanderte zu Bruno, der auf der anderen Seite des Decks lag und mit halb geschlossenen Augen den Wellen lauschte.


„Phillip war der Mensch, der mir am wichtigsten war. Er war schwach, zerbrechlich… und mein Vater hat ihn nie akzeptiert. Anya und ich – wir haben uns um ihn gekümmert, so gut wir konnten. Aber mein Vater hielt ihn für eine Schande. Er verbannte ihn auf einen unserer Familiensitze, weit entfernt von der Kaiserstadt. Ich habe ihn so oft besucht, wie es mir möglich war.“


Jamall schwieg und lauschte. Er konnte es nicht nachempfinden – nicht wirklich. Er hatte nie jemanden gehabt, den er so geliebt hatte. Aber er konnte sehen, wie viel es Bournadette bedeutete. Und das allein war Grund genug, ihren Worten mit Respekt zu begegnen.


„Als er sieben war“, fuhr sie schließlich fort, „wurde der Familiensitz von Räubern niedergebrannt. Zumindest wurde das behauptet. Aber ich erkannte die Wahrheit. Mein Vater hat ihn beseitigt. Weil er nicht stark genug war.“


Die kalte Härte in ihrer Stimme ließ Jamall erschaudern. Plötzlich verstand er.


Er hatte einst Gerüchte gehört, dass Bournadette ihren eigenen Vater getötet hatte. Jetzt wusste er, warum.


„Und Eugenius…“ Sie nahm einen tiefen, zitternden Atemzug. „Es war bei einem der ersten Aufträge, die ich für die Kaiserlichen Kopfgeldjäger erledigen sollte. Wir trafen uns in Karintes. Er erinnerte mich an meinen Bruder. Schwach und zerbrechlich, ja – aber auch klug, neugierig, voller Träume. Ich habe mich entschieden, ihn zu beschützen.“


Langsam hob sie eine Hand und bedeckte ihre Augen mit den Fingern.


„Ich habe ihn als Ersatz für Phillip geliebt. Und als das Prinzenspiel begann, wollte ich ihn auf den Thron bringen. Ich habe Leyla zu ihm gebracht, in der Hoffnung, dass sie ihn unterstützen würde… doch am Ende hat sie ihn zusammen mit Nea getötet.“


Jamall zögerte kurz, dann hob er eine Hand und legte sie auf ihre Schulter.


„Du… Nein, wir werden ihn rächen!“ Seine Stimme war fest, voller Entschlossenheit.


Bournadette senkte die Hand von ihrem Gesicht, sah ihn an – und lächelte.


Es war ein stilles, trauriges Lächeln.


Dann stand sie auf, trat an die Reling, ließ ihren Blick einige Sekunden über das dunkle, aufgewühlte Wasser gleiten.


Und ohne zu zögern sprang sie.



--------------------------------------------------------------------------



Jamall sprang auf, sein Herz hämmerte in seiner Brust.


Er rannte zur Reling, dorthin, wo Bournadette eben noch gestanden hatte. Seine Hände umklammerten das nasse Holz, während sein Blick wanderte über das tosende, dunkelblaue Meer. Schäumende Wellen krachten gegen den Rumpf des Schiffes, das inmitten des stürmischen Wassers hin und her geworfen wurde.


Doch sie war nirgends zu sehen.


Warum? Warum war sie gesprungen?


Er brauchte sie – er mochte sie.


Ein unruhiger Kloß bildete sich in seiner Kehle. Sollte er hinterherspringen? Nein. Das wäre Dumm. Er konnte schwimmen, aber in einem Sturm wie diesem bedeutete das nichts. Das Wasser würde ihn verschlingen, seine Kräfte würden nach wenigen Minuten nachlassen. Er würde ertrinken.


Er sank auf die Knie, sein Blick suchte den Horizont, als würde er hoffen, sie würde jeden Moment wieder auftauchen.


Ein leises, grummelndes Geräusch ließ ihn aufsehen.


Der Halbdrache hatte ihn beobachtet, trat nun näher und ließ seinen massigen Körper neben ihm nieder. Dann stupste er Jamall mit einer großen Pranke an, bevor er ihm mit seiner warmen, rauen Zunge quer über die Brust leckte.


,,GRUU!’’


Jamall blinzelte und konnte nicht anders, als ein schwaches Lächeln zu zeigen.


„Du hast recht“, murmelte er und fuhr sich über das Gesicht. „Sie wird bestimmt wiederkommen.“


Er strich mit einer Hand über Brunos silberne Schuppen, bevor er sich aufrichtete und Richtung Kajüte ging.


Drinnen nahm er sich einen Krug und trat zum Fass mit Whiskey. Er füllte das Holzgefäß bis zum Rand, ließ sich dann in die Hängematte fallen – das Doppelbett gehörte Bournadette. Der Alkohol brannte, als er ihn in einem großen Schluck hinunterkippte. Der leichte Schwung der Hängematte ließ ihn unwillkürlich entspannen, während seine Gedanken begannen, umherzuwandern.


Liam.


Der Elf, der ihm einst offenbart hatte, wozu Leyla fähig war. Wo mochte er jetzt sein? Jamall konnte nicht sagen, dass er ihn mochte – aber er hegte auch keinen Groll gegen ihn.


Draußen war plötzlich ein dumpfer Aufprall zu hören. Dann Schritte.


Jamall setzte sich auf und blickte zur Tür. Dann öffnete sie sich, und Bournadette trat ein.


Ihre blonden Haare klebten nass an ihren Wangen, ihre Kleidung triefte, Wasser tropfte auf den Holzboden. Doch ihr Gesicht war ruhig, fast unbeteiligt, als wäre das, was sie getan hatte, nichts Besonderes.


„Ich habe eine Abkühlung gebraucht“, erklärte sie mit einem leichten Schulterzucken.


Jamall ließ sich aus der Hängematte gleiten und wollte an ihr vorbei nach draußen gehen – doch sie hielt ihn zurück.


Überrascht blickte er zu ihr, seine Augen suchten nach einer Erklärung.


Bournadette hielt ihn nur für einen Moment fest, dann ließ sie ihn los.


„Danke, dass du mir zugehört hast“, sagte sie leise. Ihre Stimme war sanft.


Jamall erwiderte nichts.


Stattdessen drehte er sich um und ging zurück auf das Deck, wo Bruno bereits auf ihn wartete.

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page