Kapitel 127 - Legenden wiederholen sich
- empirewebnovel
- 5. März 2025
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Sandyr stand vor der mit Perlen verzierten Holztür, die zum Arbeitszimmer von Nereus führte. Sein Blick glitt über die aufwendigen Schnitzereien, die kunstvollen Muster, die das Tor wie ein Relikt einer längst vergangenen Zeit wirken ließen. Selbst nach all den Tagen in diesem Palast konnte er mit diesem Prunk nichts anfangen.
Vielleicht würde Nereus einige Reformen umsetzen, vielleicht würden sich einige Strukturen in Mylrie verändern – doch das würde an der eigentlichen Wahrheit nichts ändern. Diese Stadt, ihre Bewohner, ihre Gesellschaft… sie alle hatten ihn verstoßen. Und das war der wahre Kern seines Hasses. Nicht nur die dekadente Oberschicht, sondern die Meriden selbst. Ein Problem, das er nicht ignorieren konnte.
Er hob die Faust und klopfte.
—KLOPF— —KLOPF—
„Komm rein, Sandyr!“ rief Nereus aus dem Inneren.
Sandyr drückte die Tür auf, trat ein und schloss sie hinter sich. Der Raum war in das warme Licht mehrerer Fackeln getaucht, Schatten flackerten an den Wänden, als ob sie seinen eigenen dunklen Gedanken Form verleihen wollten.
Ohne zu zögern ließ er sich auf den Stuhl vor dem gewaltigen Arbeitstisch fallen.
„Das Militär hat meinem Plan zugestimmt“, verkündete Nereus mit hörbarem Stolz in der Stimme. „Sie sollten gerade dabei sein, die Aristokraten festzunehmen und zu enteignen.“
Sandyr zuckte nicht einmal mit der Wimper. Es interessierte ihn nicht.
Heute war er aus einem anderen Grund hier. Er kam, um Nereus um etwas zu bitten. Um ihm Shira zu überreichen.
Shira.
Die Legende von ihr hallte in seinem Kopf wider wie eine uralte Prophezeiung, die sich bald wiederholen würde.
Einst war sie eine junge, wunderschöne Frau gewesen, geboren in einem Dorf der Menschen. Ihre Schönheit soll so überwältigend gewesen sein, dass sie jeden – ob Mensch, Oger oder Vampir – in ihren Bann zog. Damals herrschte der Große Krieg. Menschen und Elfen führten eine erbitterte Schlacht um die Herrschaft über den Süden des Kontinents. Ein nie endender Kreislauf aus Blut und Verrat.
Dann wurde Shira krank. Die Krankheit, bekannt als Elfenpest, war für Menschen kaum mehr als eine ewige Erkältung. Doch für Elfen war sie der Tod selbst. Und so wurde Shira zum Instrument des Untergangs.
Die Menschen brachten sie als Zeichen des Friedens nach Melhav, einer blühenden Stadt der Elfen. Dort wurde sie mit offenen Armen empfangen, als wäre sie ein Geschenk der Engel. Doch innerhalb weniger Wochen starben alle Elfen in der Stadt. Ein lautloses Massaker. Ein Genozid, der keine Schwerter, keine Feuer, keine Magie brauchte. Nur eine einzige Frau.
Shira war ihr Name.
Und Leyla, die Kaiserliche Kopfgeldjägerin, würde Shira für Mylrie sein.
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Sandyr lehnte sich leicht nach vorne, seine Finger umklammerten die Armlehnen des Stuhls. Sein Blick ruhte fest auf Nereus, seine Stimme klang ruhig, fast beiläufig – doch in seinem Inneren arbeitete es.
,,Nereus, darf ich dich um etwas bitten?’’
Der König sah von dem Stapel Dokumente auf, die sich auf seinem Schreibtisch türmten. Seine Stirn glättete sich, und ein freundliches Lächeln erschien auf seinen Lippen.
Seine Augen wirkten warm, aufrichtig. Nichts davon konnte Sandyr umstimmen.
„Natürlich, Sandyr“, erwiderte Nereus, ohne eine Sekunde zu zögern. „Um was geht es denn?“
Sandyr atmete langsam aus, als wäre es nur eine harmlose Angelegenheit, als wäre das, was er jetzt verlangte, nicht der erste Schritt zu etwas viel Größerem.
„Es gibt eine junge Frau – eine enge Freundin von mir. Sie ist momentan in Tripolis, und ich würde ihr gerne Mylrie zeigen. Ich will, dass sie mit eigenen Augen sieht, was wir hier erreicht haben… was du bewirkt hast.“
Er sprach mit Bedacht, hielt seinen Tonfall so unverfänglich wie möglich.
Dennoch flackerte für einen Moment ein Anflug von Überraschung in Nereus’ Augen.
„Eine Freundin?“ wiederholte er nachdenklich, doch sein Vertrauen in Sandyr schien ungebrochen. Schließlich nickte er. „Das sollte kein Problem sein. Wer ist sie?“
Sandyr ließ sich keine Zeit zum Zögern. Sein Blick blieb ruhig, seine Worte glatt wie der polierte Marmor unter seinen Füßen.
„Ihr Name ist Leyla. Sie stammt aus dem Kaiserreich und interessiert sich für unsere Kultur.“
Nereus runzelte leicht die Stirn, als würde er die Information gedanklich abwägen, doch dann stand er entschlossen auf. „Komm mit“, sagte er und ging bereits zur Tür. „Ich werde den Wachen alles erklären.“
Sandyr nickte, während er ihm folgte.
Dem naiven König.
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Nereus summte fröhlich, während er den Gang entlangschritt. Seine Schritte hallten leise von den mit Muschelornamenten verzierten Wänden wider, das gedämpfte Licht der magischen Lampen warf tanzende Schatten auf den polierten Boden.
Er hatte unglaubliches Glück mit Sandyr gehabt. Dass er jemanden wie ihn gefunden hatte – einen Mann mit Weitsicht, mit der Entschlossenheit, die es brauchte, um eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen. Sandyr war anders als die Aristokraten, die nur an ihren eigenen Vorteil dachten. Er gab nichts auf materiellen Reichtum. Er sprach seine Gedanken aus, ohne sich darum zu kümmern, ob sie unbequem waren.
Nereus schätzte ihn sehr.
Deshalb zögerte er nicht, ihm diese Bitte zu erfüllen – selbst wenn sie etwas ungewöhnlich war. Eine Freundin seines Freundes war auch eine Freundin von ihm selbst. Er war gespannt, sie kennenzulernen.
Außerdem würde es nicht mehr lange dauern, vielleicht fünf oder sechs Stunden, dann könnte er Sandyr die Überraschung zeigen, die er vorbereitet hatte. Wie er wohl reagieren würde?
Ein zufriedenes Lächeln huschte über sein Gesicht, während sie sich dem Tor näherten. Dahinter lag der Tunnel nach Tripolis – der einzige Zugang zu Mylrie, der nicht durchs offene Meer führte.
Als sie ankamen, sprangen die drei Wachen sofort in Haltung.
„Eure Hoheit, König Nereus!“ rief einer von ihnen und verbeugte sich tief.
Nereus erwiderte den Gruß mit einem knappen Nicken, doch sein Blick fiel auf eine andere Wache, die Sandyr mit unverhohlenem Misstrauen musterte. Er spürte, wie leichte Verärgerung in ihm aufstieg.
„Behandelt meinen Berater mit Respekt“, befahl er scharf.
Die Wache zuckte zusammen und senkte sofort den Kopf. „Zu Befehl, Eure Hoheit!“
Zufrieden wandte sich Nereus an alle drei.
„Mein Freund hier wird durch diesen Tunnel Mylrie verlassen und später, im Laufe des Tages, mit einer Menschin zurückkehren. Ich erwarte, dass ihr sie ohne Verzögerung hereinlasst.“
Ein Hauch von Zögern lag in der Luft. Die Wachen tauschten Blicke aus, als würden sie sich still fragen, ob das wirklich eine gute Idee war. Doch keiner von ihnen wagte, seine Autorität infrage zu stellen. „Verstanden, Eure Hoheit!“ sagten sie schließlich einstimmig und verbeugten sich erneut.
Nereus nickte zufrieden und wandte sich dann an Sandyr. „Du kannst hindurch“, sagte er und lächelte. „Stell mir deine Freundin doch später vor.“
Sandyr erwiderte das Lächeln, seine Miene dankbar. „Danke, Nereus. Ich werde sie dir vorstellen, sobald ich ihr den Palast gezeigt habe.“
Dann trat er durch das Tor und verschwand in der Dunkelheit des Tunnels.
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Es war ein warmer Sommertag, als Sandyr die steinernen Stufen zur Kaifeng-Kampfschule hinaufstieg. Die Sonne stand hoch am Himmel, ließ den gepflasterten Hof in einem goldenen Licht erstrahlen, während eine leichte Brise durch die Blätter der Palmen streifte.
Leyla und er hatten nicht explizit ausgemacht, sich hier zu treffen – doch er wusste, dass sie hier sein würde.
Und er behielt Recht.
Die Kopfgeldjägerin saß im Schneidersitz auf dem Boden, den Rücken gegen eine der Säulen gelehnt, ein Buch in den Händen. Sie wirkte vollkommen vertieft in die Zeilen, ihr Gesicht ruhig, die Stirn leicht gerunzelt, während ihre Augen über die Seiten glitten. Interessiert trat Sandyr näher.
„Was liest du, Leyla?“ fragte er neugierig.
Sie blickte auf und schenkte ihm ein unerwartet warmes Lächeln.
„Das Buch heißt ,Die Engel von Tripolis‘ “, erklärte sie und hielt es kurz hoch, bevor ihr Blick wieder darauf fiel. „Es geht um die Engelskirche auf den Tabakinseln. Alles ist so detailliert beschrieben, als hätte sie jeden Winkel der Stadt geprägt… aber ich habe bisher kein einziges Anzeichen von ihr gefunden.“
Sandyr legte nachdenklich den Kopf schief. Auch er hatte davon gehört – von der einst allgegenwärtigen Religion, die über die Inseln geherrscht haben sollte. Doch in all den Jahren, die er hier verbracht hatte, war ihm nie auch nur die kleinste Spur ihres Einflusses begegnet.
„Die Engelskirche ist mittlerweile verschwunden“, sagte er schließlich. „Warum, kann ich dir auch nicht sagen.“
Leyla ließ ihren Blick an ihm vorbeigleiten, ihre Finger ruhten gedankenverloren auf den vergilbten Seiten des Buches. „Eine Religion, die so einflussreich war, kann doch nicht einfach verschwinden“, murmelte sie. „Selbst wenn das Ganze ein paar Jahrhunderte her ist… irgendetwas müsste doch übrig geblieben sein. Symbole, alte Tempel, Kunstwerke – aber nichts. Das ist seltsam.“
Sandyr hatte darauf keine Antwort. Es gab viele Dinge, die in Tripolis im Dunkeln lagen, viele Geheimnisse, die mit der Zeit verblasst oder absichtlich ausgelöscht worden waren. Doch das war nicht der Grund, warum er hier war. Er entschied, das Thema zu wechseln.
„Ich habe alles geregelt“, sagte er ruhig, doch ein Hauch von Zufriedenheit lag in seiner Stimme. „Ich habe dir ermöglicht, nach Mylrie zu kommen. Wir können jetzt aufbrechen.“
Leyla riss den Kopf hoch. Einen Moment lang musterte sie ihn, als wolle sie sichergehen, dass er es ernst meinte – dann blitzten ihre Augen auf, voller Enthusiasmus und Entschlossenheit. „Du hast es so schnell geschafft? Super, Sandyr!“
Ohne zu zögern sprang sie auf, ließ das Buch achtlos auf den Boden fallen. „Lass uns sofort aufbrechen!“
Sandyr konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Er hatte schon geahnt, dass sie nicht lange zögern würde, doch ihre ungebremste Energie überraschte ihn dennoch. Ein Kribbeln breitete sich in seinem Körper aus, während er ihr zunickte. Heute war der Tag, an dem sich sein einziger Traum, sein einziger Wunsch endlich erfüllen würde.
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Während sie gemeinsam den Tunnel nach Mylrie hinabschritten, spürte Sandyr, wie sich seine Nervosität zunehmend steigerte.
War es wirklich so einfach?
Konnte es sein, dass er all die Jahre gewartet, geplant, gehofft hatte – und nun, mit nur wenigen Schritten, würde sich alles erfüllen?
Sein Blick glitt zu Leyla. Sie bewegte sich mit einer Ruhe, die beinahe unnatürlich wirkte, doch als er genauer hinsah, bemerkte er, wie sich ihre Finger in ihre Schläfen gruben. Ihr Gesicht war angespannt, ihr Atem ein wenig schwerer als zuvor.
„Ist alles okay bei dir?“ fragte er, bemüht, seine Besorgnis nicht zu offensichtlich zu zeigen.
Leyla winkte ab, fast zu schnell. „Ja, ich hab nur Kopfschmerzen. Kein Grund zur Sorge.“
Doch warum klang sie dabei so… aufgeregt? Sandyr musterte sie einen Moment länger, entschied sich dann aber, nicht weiter nachzuhaken.
Stattdessen wechselte er das Thema. „Weißt du, wo genau der Stein ist?“
Leyla schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte sie knapp. „Aber ich bin mir sicher, ich werde ihn finden.“ Ihre Stimme klang fester, beinahe drängend.
Sandyr hob eine Augenbraue. Ihre Überzeugung war beunruhigend. Doch er beließ es dabei.
Der Tunnel führte sie weiter, bis sie schließlich vor dem gewaltigen Steintor standen, das Mylrie von der Außenwelt trennte. Die uralten Verzierungen auf dem kalten Gestein erzählten stumm von Jahrhunderten der Isolation. Es war verschlossen. Sandyr trat näher und griff nach der schweren Glocke, die an einer Eisenkette hing.
—BING—
Der Klang hallte ohrenbetäubend durch den Tunnel. Zu laut. Viel lauter, als es eine Glocke dieser Größe hätte sein dürfen. Der Ton vibrierte in der Luft, legte sich wie ein Echo auf ihre Haut.
Für einen Moment war alles still. Dann öffneten sich die gewaltigen Tore mit einem tiefen, ächzenden Knarren.
Sandyr blickte in die Gesichter der Wachen. Keiner von ihnen sprach ein Wort. Sie musterten ihn, ihre Augen kalt, abweisend. Er kannte diesen Blick. Derselbe Blick wie damals, als er ein Kind war. Dieselbe verächtliche Zurückhaltung, das unausgesprochene Urteil, das sie über ihn gefällt hatten, noch bevor er überhaupt den Mund aufmachen konnte.
Doch heute war es anders. Heute würde er gewinnen. Er sagte nichts, erwiderte ihre Blicke nicht einmal. Stattdessen ging er einfach an ihnen vorbei, ließ sie hinter sich, wie er die ganze Stadt hinter sich lassen würde.
Und direkt hinter ihm –
Seine Shira.



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