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Kapitel 128 - Der Runenstein des Meeres

Leyla stand regungslos vor der gewaltigen Glasfassade und ließ ihren Blick über die Stadt schweifen, die sich unter ihr ausbreitete. Mylrie. 


Die Türme der Stadt ragten kunstvoll in Richtung Wasseroberfläche, ihre schlanken Silhouetten spiegelten das Licht des Ozeans wider, das sich in sanften Wellen um die Insel schmiegte. Alles hier wirkte harmonisch, als wäre die Stadt ein kunstvolles Gemälde, das in Bewegung geraten war. Der Schatz des Meeres, wie Mylrie oft genannt wurde – sie musste zugeben, dass der Name gerechtfertigt war. 


Sie hätte noch lange so stehen können, fasziniert von dem Anblick, doch der pochende Schmerz in ihren Schläfen wurde stärker. Je tiefer Sandyr und sie in den Palast vordrangen, desto intensiver wurde das Gefühl.


Es war dieselbe Art von Schmerz, die sie in dem Engelstempel gespürt hatte. Kurz bevor sie den ersten Runenstein gefunden hatte. Leyla schloss für einen Moment die Augen, versuchte, den Druck auszublenden – doch es war zwecklos. Das Pochen war mehr als nur ein Symptom. Es war ein Ruf. Der Stein war hier. Er rief nach ihr. Flehte sie an, zu ihm zu kommen.


Sandyr schwieg neben ihr, während er sie durch die Gänge führte. Schließlich traten sie in eine große, kunstvoll gestaltete Halle. In der Mitte des Raumes thronte ein gewaltiger, goldener Sitz, verziert mit schimmernden Muscheln und Perlen, die das Licht in sanften Farben reflektierten. Vor dem Thron erstreckte sich ein himmelblauer Samtteppich, der sich über den makellosen Marmorboden zog.


Doch Leylas Aufmerksamkeit galt nicht dem Prunk. Ihr Blick fiel sofort auf eine schlichte Wendeltreppe am anderen Ende des Saales. 


Kaum hatte sie die Stufen erblickt, wusste sie es. Dort unten lag ihr Ziel. Das Pochen in ihren Schläfen hämmerte nun so heftig, dass sie kaum noch klar denken konnte. Es war, als würde er sie hinabrufen.


Sie wandte sich zu Sandyr. „Ich muss dort hinunter. Ab hier schaffe ich es allein.“


Sandyr hielt kurz inne, als wollte er etwas entgegnen. Doch dann nickte er nur. „Dann werde ich mich mit dem König treffen“, sagte er ruhig. „Viel Glück, Leyla.“


Sie erwiderte nichts, beobachtete nur, wie er sich abwandte und in den Gang verschwand. Dann richtete sie ihren Blick wieder auf die Treppe und begann ihren Abstieg.


Je tiefer sie ging, desto drückender wurde die Luft. Die Stufen waren feucht und glitschig, das Gestein um sie herum wirkte roh, fast unvollendet. Der Prunk des Palastes lag weit hinter ihr, kein Gold, keine Mosaike, keine kunstvollen Verzierungen mehr. Nur Stein. Hart, kalt, alt.


Das Pochen wurde immer heftiger, als würde es versuchen, ihren Körper zu zwingen, schneller voranzugehen.


Schließlich erreichte sie einen kleinen Raum. Vor ihr stand eine uralte Tür, ihre Oberfläche übersät mit leuchtenden Runen, die in sanftem Blau pulsierten, atmeten.


Kaum hatte Leyla sie erblickt, öffnete sie sich. Ohne dass sie sie berührt hatte.


Das Pochen in ihren Schläfen verstummte schlagartig.



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Vor Leyla offenbarte sich ein gewaltiges Becken, gefüllt mit glasklarem Wasser, das sich mit sanften Wellen bewegte. In der stillen Tiefe bewegten sich vier Kreaturen, doppelt so groß wie sie selbst, mit schweren, schuppenbedeckten Körpern und langen, stachelbewehrten Rücken.


Doch sie beachteten sie nicht. Ruhig trieben sie durch das Wasser, als wäre ihre bloße Existenz ein ewiger Tanz mit der Strömung.


Und in der Mitte des Raumes schwebte er. Der Runenstein.


Ein schimmerndes, pulsierendes Herz aus Licht, sein blaues Leuchten so intensiv, dass es die Wände des Raumes in einen sanften Ozeanschein tauchte.


Leyla spürte, wie sich eine unbändige Freude in ihr ausbreitete – ein Gefühl, das nicht nur ihr eigenes war. Ihr Runenstein, der tief in ihrer Seele verankert war, reagierte ebenfalls. Vorfreude. Erwartung. Sehnsucht.


Dann hörte sie eine Stimme. Klar. Sanft. Hell wie Sonnenstrahlen, die auf das Meer fielen.


,,Komm zu mir, Jüngerin.’’


Die Worte hallten nicht in ihren Ohren, sondern direkt in ihrem Kopf wider. Vertraut, aber doch fremd.


Vorsichtig berührte Leyla die Wasseroberfläche, die sich wie eine unsichtbare Wand vor ihr spannte. Kein einziger Tropfen floss aus dem Raum hinaus, das Wasser wurde von einer unsichtbaren Macht in seiner Form gehalten.


Sie ließ ihre Finger in das kühle Nass gleiten. Keine Reaktion. Leyla zögerte nicht länger.


Mit einem kräftigen Stoß tauchte sie in das Wasser ein, ihre Bewegungen geschmeidig, ihre Züge stark und kontrolliert. Das Wasser umhüllte sie wie ein zweiter Körper, doch es fühlte sich anders an als normales Wasser. Schwerer, dichter, fast lebendig.


Schnell überwand sie die Distanz, ihre Augen fest auf das pulsierende Licht gerichtet. 


Dann, endlich, erreichte sie den Stein. 


Kaum hatte sie ihn berührt, verstärkte sich das Leuchten. Das Blau verschluckte alles. Leyla sah nichts mehr, doch die Stimme in ihrem Kopf wurde noch klarer.


,,Du bist also Leyla.’’


Anders als der Runenstein der Erde klang dieser freundlich. Ruhig. Fast… warm.


,,Ich habe mich gefragt, wann du mich holen kommst.’’


Etwas in diesen Worten ließ sie aufhorchen.


„Du wusstest von mir?“ fragte sie verwundert.


„Natürlich.“


Ein sanftes Pulsieren begleitete seine Antwort, wie eine beruhigende Meeresströmung.


Leyla zögerte. „Was meinst du mit Jüngerin?“


Plötzlich breitete sich eine Wärme in ihr aus. Nicht nur körperlich – es war tiefer, ein Gefühl von Geborgenheit. Von Nähe. Von Liebe.


,,Das ist dein Titel. Jüngerin des…’’


Eine zweite Stimme durchschnitt den Satz.


,,Zu früh.’’


Der Runenstein der Erde.


Seine Stimme war gewohnt tief, wissend, befehlend.


,,Du hast Recht. Ich erzähle es dir ein anderes Mal, Leyla.’’


Das ärgerte sie. Doch sie ließ es vorerst ruhen. ,,Werde ich deine Macht auch absorbieren?’’


,,Ja. Absorbieren ist aber das falsche Wort. Vielmehr verschmelzen wir.’’


Leyla schwieg einen Moment. Das klang merkwürdig, doch es ergab Sinn.


,,Je länger wir zusammen sind, je mehr du von uns findest, desto mächtiger wirst du.’’


Das hatte sie bereits geahnt. Der Runenstein der Erde hatte ihr erst nach und nach seine Kraft offenbart.


„Du bist ganz anders als er“, stellte sie fest.


Ein leichtes Lachen vibrierte durch das Wasser.


,,Wir sind ja auch nicht gleich. Jeder von uns ist anders.’’


Sollte sie die Steine mehr als eigenständige Wesen betrachten?


,,Hast du einen Namen?’’ fragte sie den neuen Runenstein.


,,Nein. Nenne mich, wie es dir beliebt.’’


Leyla überlegte kurz. „Dann bist du der Runenstein des Meeres.“


Zufriedenheit strömte von ihm aus, wie warme Strömungen an der Küste eines Ozeans.


Für einen Moment erwog sie, ihn zu fragen, ob er ihr die Positionen der anderen Steine verraten konnte. Doch sie entschied sich dagegen. Er würde es ihr nicht sagen. Noch nicht.


„Hast du Erwartungen an mich?“


Der Runenstein der Erde hatte ihr eine Aufgabe gegeben. Er hatte sie geformt, sie zu dem gemacht, was sie jetzt war – eine Person, die kaum noch durch negative Gefühle beeinflusst wurde. Die kein Mitleid empfand. Die den Toten nicht nachtrauerte.


Und doch hatte sie sich entschieden, weiterhin einen Weg zu gehen, der möglichst wenige Opfer forderte. Die Antwort des Runensteins des Meeres war anders als alles, was sie erwartet hatte.


,,Hab Spaß. Tu, was dich glücklich macht.’’


Sie konnte hören, wie der Runenstein der Erde in ihrem Inneren leise lachte. Bis jetzt gefiel ihr der Meeresstein mehr. Nicht, dass es eine Rolle spielte. Sie würde sowieso beide für immer bei sich tragen.


Es war erfrischend, so eine Art Gespräch mit einem Runenstein zu führen. 


Dann begann die Verschmelzung. Anders als beim ersten Mal war es diesmal sanft. Kein Schmerz, keine Gewalt. Es fühlte sich… liebevoll an.


Wellen der Energie durchströmten ihren Körper, warm und beruhigend, als würde sie in einem endlosen, sicheren Ozean schweben.


Ein letztes Mal sprach der Runenstein zu ihr.


,,Wir alle lieben dich, Leyla.’’


Dann verstummte die Stimme.



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Leyla trieb im warmen Wasser der Kammer, ihr Körper schwerelos, ihre Gedanken weit entfernt. Ihre Augen waren geschlossen, ihr Geist versunken in dem Moment der Verschmelzung. Die Wächter des Runensteins schwammen lautlos um sie herum, ihre massiven, schuppenbedeckten Körper bewegten sich mit einer unheimlichen Eleganz. 


Bedrohlich und doch schützend. Als hätten sie einen Platz in etwas Größerem gefunden.


Die Energie des Runensteins durchströmte Leyla in Wellen, pulsierte in einem Rhythmus, der sich mit ihrem Herzschlag vereinte. Es war kein Kampf um Kontrolle, keine Überwältigung, sondern ein Tanz – ein harmonisches Verschmelzen von zwei Kräften, die nun untrennbar miteinander verbunden waren.


,,Ich soll also Spaß haben…’’


Der Gedanke war so fremd, dass sie ihn mehrmals in ihrem Geist wiederholen musste, als könne sie ihn erst dann wirklich begreifen. Wie sollte sie in einem Krieg Spaß haben?


Töten bereitete ihr keine Freude. Es war ein Werkzeug, ein Mittel zum Zweck, nicht mehr und nicht weniger. Sie tat es, weil es notwendig war, weil ihr die Welt oft keine andere Wahl gab. Doch der Gedanke, darin Erfüllung oder gar Vergnügen zu finden, war widerwärtig.


„Vielleicht sollte ich so viel Zeit wie möglich mit Nea, Eroica und Bunj verbringen?“


Die Vorstellung hatte eine seltsame Verlockung. Sich für einen Moment von all dem zu lösen – von Befehlen, von Pflichten, von der ständigen Jagd nach Macht. War es das, was der Runenstein des Meeres gemeint hatte?


Ihr Leben als Kaiserliche Kopfgeldjägerin bot ihr mehr Freiheiten, als sie jemals zuvor gehabt hatte. Und doch spürte sie die unsichtbaren Ketten, die sie zurückhielten.


Die Erwartungen des Kaiserreichs. Die Befehle von Yang. Die ständige Angst, dass ihre Verbindungen zu den Runensteinen entdeckt werden könnte.


Was wäre, wenn sie sich aus dieser Rolle befreien würde? Würde sie dann selbst zur Gejagten werden? Yang würde sie nicht einfach ziehen lassen, das wusste sie. Sobald ihre Anführerin von den Runensteinen erfuhr, würde sie Leyla als Bedrohung erkennen. Und das Kaiserreich beseitigte Bedrohungen gnadenlos.


„Ich muss mehr Steine finden. Mehr Macht erlangen.“


Das war die einzige Möglichkeit, wahre Freiheit zu erreichen. Nicht nur für sich selbst, sondern auch für die, die ihr wichtig waren. Nicht nur für sie.


Für Eroica. Für Nea. Für alle. 


Ihr Geist kehrte zurück in die Realität, während ihre Gedanken zu dem Krieg abschweiften, der vor zwei Tagen ausgebrochen war. Ein Krieg, der unzählige Opfer fordern würde.


Soldaten, Zivilisten, Unschuldige.


Leyla wusste, dass sie den Krieg nicht aufhalten konnte. Aber was, wenn sie ihn beenden konnte, bevor er wirklich begann? Was, wenn sie mit der Macht ihres neuen Runensteins dafür sorgte, dass die Zahl der Toten so gering wie möglich blieb?


Sie öffnete langsam die Augen. Das Wasser um sie herum war ruhig, die Wächter glitten weiterhin in endlosen Kreisen durch die Kammer.


Sie hatte ihre Entscheidung getroffen. Sie würde sich in die Schlacht begeben.


Und mit der Macht des Runensteins den Krieg beenden.

 
 
 

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